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Kunst widerspiegelte sich diese Entwicklung nicht zum mindesten darin, daß das Porträt stetig eine erhöhte Wertschätzung zurückgewann. Es wurde jetzt auch als ein in sich geschlossenes Bildnis, nicht als ein Milieubild verlangt. Mit derartigen Aufgaben wuchs gleichzeitig die Beobachtung, das detaillierte Studium des menschlichen Körpers. Auch hier trieben zum Voranschreiten scheinbar abgelegene Ansichten und Vorstellungen, die sich einen immer größeren Bruchteil unseres Volkes eroberten. Der Sport – hygienische Nacktkultur trat hinzu – hatte die Prüderie besiegt, und Kenntnis wie Verständnis der Körperwelt verallgemeinert. Was früher nur flüchtig angesehen, wurde jetzt von beiden Geschlechtern ruhig betrachtet. Der Künstler stand dadurch auf einer breiteren Basis, wenn er sich der Darstellung des Menschen um seiner Leibesschönheit willen zuwandte. Wir begegnen jetzt wieder Bildern, die über das Motiv hinaus unbekleidete Menschen, wie etwa bei einer Geißelung, darstellen, lediglich aus der Freude an dem schönsten Gebilde, das die Erde trägt, und im Bewußtsein, einer richtigen Auffassung zu begegnen. Erinnerungen an die Sinnesart der Renaissance dürfen sich hier einstellen. Aus solchen enger und weiter greifenden künstlerischen Absichten heraus ist die deutsche Malerei heute in den Besitz einer Nacktkunst gelangt, wie sie ihr in dieser künstlerischen Reinheit und in solch sicherer und mannigfach gearteter malerischer Interpretation noch nie zu eigen gewesen ist. Unter allen Umständen dürfen wir zunächst sagen, daß die Nacktmalerei, deren Farbenbehandlung in nicht geringem Maße an altmeisterliche Werke erinnert, und deren Oberflächenschilderung von einem derben Realismus (Corinth) zeugt, eine solche Vollendung besitzt, wie sie die deutsche Malerei noch nicht aufweisen konnte. Weiterhin ist das Vermögen, feinste Lichtwerte auf der Haut malerisch darzustellen, ohne die Form zu beeinträchtigen, außerordentlich hoch gestiegen, und endlich ist in den Nacktwerken der Neoklassizisten eine solch sichere Zeichnung der plastischen Formwerte zu erkennen, daß sie höchstes Lob verdienen. Wenn nicht alles täuscht, so scheinen wir im Begriff zu sein, aus dem Studium der alltäglichen Formenwelt heraus eine erhöhte Gattung Mensch in der Malerei entstehen zu lassen. Es gewinnt also den Anschein, als ob sich aus der Weltkunst eine höhere Heimatkunst entwickeln wolle. Allerdings kann dies letzten Endes nur auf der Grundlage von allgegenwärtigen Idealen geschehen, deren berufener Dolmetscher die Wandmalerei ist. –

Monumentalmalerei.

Seit den neunziger Jahren hören wir ernste Klagen, daß die fundamentalen Unterschiede zwischen der Freskomalerei und dem leicht beweglichen Staffeleigemälde nicht genügend anerkannt würden, so daß 1891 sogar ein Privatmann (von Biel) eine Summe zur Ausbildung der Akademieschüler in der echten Freskomalerei stiftete. Die Berechtigung zu solch abfälligem Urteil ist nicht ohne weiteres abzuweisen. Es hat allerdings an einer Pflege der Wandmalerei nicht gefehlt. Gerade in Preußen sind eine ganz erhebliche Anzahl von Wandmalereien entstanden, und 1888 glaubte man mit der Ausmalung des Zeughauses zu Berlin einen Höhepunkt der Monumentalmalerei erreicht zu haben. Die Staatsbehörden, die Kommunen und Banken und Private haben zudem fortgesetzt steigend Wandmalereien verlangt. Die Maler waren sich auch durchaus klar darüber, daß „das realistische Studium durch die Anforderung der Wand von selbst zum Stil werden – solle“, denn tatsächlich leiden die meisten

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1587. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/458&oldid=- (Version vom 16.1.2022)