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bei dieser Art der Wiedergabe das vibrierende Leben des unmittelbar Empfundenen erhalten bleibt, daß die künstlerische Interpretation sicherer vor dem Erstarren bewahrt wird. Ein Verlust an feinerer Formgebung konnte auf der anderen Seite insofern eintreten, als das Freilicht die zarteren Abstufungen der Töne in der großen Helligkeit nicht genügend zur Wahrnehmung gelangen ließ. Auch die Kraft der Farbe litt unter ihr. Die hellen kreidigen Bilder „hungerten“ diese aus. Bald nach dem Aufstreben der lichtbringenden Hellmalerei sahen die Künstler dies auch ein. Wollte man das ersehnte Ziel, das Sonnenlicht in all seiner strahlenden farbigen Helligkeit auf die Leinewand zu bannen, erreichen, so mußte eine Veränderung in der Technik dahin vorgenommen werden, daß hell und dunkel wieder in einen Kontrast gebracht wurden. Dies versuchte der sogenannte Neoimpressionismus, der damit aber bei allem gutgemeinten Streben einen Schritt weiter in das Artistische hineintat; denn man erwarb sich im Grunde nichts als ein technisches Ausdrucksmittel, jedoch keine künstlerische Handschrift. Die Naturwissenschaft kam den Malern bei ihrem Kampf um Licht und Farbe mit der seit 1860 ständig verfeinerten Spektralanalyse zu Hilfe. Die Farbenlehre hatte aus ihr die Erkenntnis gezogen, daß das Nebeneinander der reinen Farbwerte ein stärkeres Licht gibt, als das Übereinanderlegen und das Ineinandermischen der Farbenkörper. Sobald man die reinen Pigmente nebeneinander legte, malte man mit Licht, während man vorher mit „Farben“ gearbeitet hatte. Mit all diesem stand die neue Eindruckmalerei unstreitig auf dem Boden ihrer Zeit, die so vorwiegend praktischen Zielen zustrebte, daß sogar die Universitäten von den technischen Hochschulen zurückgedrängt schienen. Die einem bestimmten Zweckbedürfnis zugewandte Arbeit besiegte das voraussetzungslose Forschen. In solchem Hinblick war demnach der Impressionismus durchaus berechtigt. Ein Gut hat er zudem unbedingt allen, selbst seinen Widersachern gebracht, ein verfeinertes Wahrnehmungsvermögen für das farbige Licht, für die durchleuchtete Atmosphäre, für die Einheit der Tonwirkung, und mit alledem eine erstaunliche Raumkraft. In Norddeutschland wurde der Impressionismus reichlich scharfsinnig-doktrinär, in Süddeutschland gemütvoller aufgefaßt. Hier erhielt die neuzeitliche Auffassung auch zuerst Bürgerrecht. Im Jahre 1888, also vor 25 Jahren, öffneten sich ihr die Pforten des Glaspalastes.

Überall wurde von den Gegnern der Vorwurf erhoben, daß die als fertig angebotenen Bilder im Grunde nur Skizzen seien. Die Eindruckmaler wollten sich aber auf „Ausführung“ nicht einlassen, da sie um die Frische der malerischen Wirkung bangten. Sie konnten sich auf die alte Tatsache berufen, daß gar zu oft aus geistreichen und lebensprühenden Entwürfen langwellige, tote Bilder geworden seien. Allerdings mißlang auch den Impressionisten oft die unleugbare Absicht, durch innere Einheit das Bild über die Studie zu erheben.

Graphik.

Wie tief aber dies ehrliche und leidenschaftliche Ringen um das lebenschenkende tonreiche Licht wurzelte, beweisen eine Reihe von Begleiterscheinungen, so fand vor 25 Jahren, im Jahre 1888, die erste große Ausstellung von Aquarellen, Pastellgemälden und Handzeichnungen (in Dresden) statt. Diese drei Techniken

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1580. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/451&oldid=- (Version vom 16.1.2022)