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Dem Deutschen Reiche wurden dadurch die Mittel geboten, auch der Repräsentationspflicht seiner Machtstellung zu genügen. Die also nicht zum mindesten von politischen Gesichtspunkten aus energisch betonte Neigung zur Prachtentfaltung mußte allerorten die Anteilnahme an künstlerischen Fragen mächtig steigern. Es darf festgestellt werden, daß Kaiser Wilhelm II. nicht nur der nie ermüdende Freund und Gönner der bildenden Künste gewesen, sondern auch der starke Anreger für hoch und niedrig im ganzen Deutschen Reich geworden ist. Das Deutsche Reich konnte ferner erst von dieser Zeit an mit ungehemmter Kraft in den internationalen Wettkampf eingreifen. Durch den allen ständig bewußter werdenden Gegensatz der im besonderen Sinne deutsch-europäischen und überseeischen Interessen erwuchs eine Überschau über die ganze bewohnte Welt in so großen Bruchteilen unseres Volkes wie nie zuvor. Allgemeingut wurde in steigendem Maße das Verständnis für Weltgeschichte. Das stetig wachsende völkische Bewußtsein ließ die Deutschen, zu ihrem Glück, in schnellerem Tempo immer mehr Tatsachenmenschen werden. Jedes bewußte Streben nach einem bestimmt erfaßten Ziel muß aber Schroffheiten auf sich nehmen; deshalb kann es uns kaum wundern, daß gerade in dieser Zeit unbedingt gewollten Aufstieges auch die Künstler in Deutschland rücksichtslos über Bord warfen, was ihr Schiff beschwerte und hemmte. Radikal, wie die kraftbewußte Jugend ist, wurde aller „Atelierplunder“, wurden alle Kostüme und Farbenrezepte wie historische Überlieferungen jeder Art zum alten Gerümpel gepackt, und hochaufatmend setzte der Maler sich der Natur gegenüber, in die vom farbenfressenden Sonnenschein überleuchtete freie Gotteswelt. Hier floß der Born der Kunst, nicht im Atelier, wo der Künstler die Sage oder die Dichtkunst mit vielem Können, aber innerlich unfrei als Stilist illustrierte. Um unbedingt aller Verführung der Gedankenmalerei zu entfliehen, bevorzugte der Maler die alltäglichsten, reizlosesten Motive, suchte die Natur in ihrem schlichten Alltagsgewand auf. Diese Richtung, einfache Vorwürfe zu bevorzugen, bestand übrigens längst, insbesondre in der Münchener Schule, die Tendenz wurde jetzt nur schärfer betont, fast möchte ich sagen, spezialisiert, als Malerei von Kartoffelfeldern, Kohlfeldern, eines Stückchens Graben mit Heideland und ähnlichem mehr. Die Art und Weise der Interpretation der Umwelt seitens der sogenannten Impressionisten war allerdings eine grundsätzlich verschiedene. Sie wollten nicht das Auge begrifflich oder nach Art eines Kurzsichtigen von einem Motiv zum andern wandern lassen, sondern im schlichten, schnellen Sehverkehr vom Subjekt zum Objekt nur das Wesentliche erfassen, mit Licht- und Tonwerten die Seele der Landschaft erwecken. Das impressionistische Sehen sollte ein vergeistigtes, von aller Verstandesarbeit freies Wahrnehmen sein. Der Maler wollte elementar wirken, unbedingt aufrichtig sein; denn durfte der Mensch sich herausnehmen, die Natur verbessern zu wollen? Das Selbständigkeitsgefühl der einzelnen Künstler wuchs durch eine solche Auffassung fraglos, denn es war überall ganz auf sich gestellt, insbesondre weil der Maler über den Entwurf hinaus zu dem in sich abgeschlossenen fertigen Werk gelangen sollte. Die Aufgabe war um so schwieriger, als die Malerei des lichtstarken Eindruckes in der Natur in erster Linie darauf bedacht war, nach Möglichkeit jeweilig die Illusion hervorzurufen, als verdanke das Kunstwerk einem glücklichen Schöpferaugenblick sein Dasein. Hieraus darf man

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1578. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/449&oldid=- (Version vom 16.1.2022)