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Lichtmalerei.

Man gewann durch dieses farbige Licht die Erkenntnis, daß kein Ding eine Farbe „an und für sich“ besitze, sondern nur in wechselseitiger Abhängigkeit von andern Farbwerten. Die scheinbar realistische Farbigkeit in der herrschenden Historienmalerei mußte deshalb allmählich als unwahr erkannt werden. Die Farbe hatte ihre Rolle ausgespielt, das Licht triumphierte. Damit vollzog sich gleichzeitig ein Umschwung in der Bewertung, der künstlerischen Vorwürfe. Mit jenen strahlenden, glühenden, berauschenden Farben war über die deutsche Malerei nochmals die ganze Gewalt der Geschichte, die Deutschland seit Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschte, gekommen, und hatte die Schilderung der Großtaten der Menschen wieder völlig in den Vordergrund geschoben. Als dann in Deutschland nicht nur Weltgeschichte gelehrt, sondern auch gemacht wurde, da stand die realistische Gedankenmalerei im Zenit. Der Gegenschlag war unvermeidlich. Die Geschichtswissenschaft wurde von der fast gleichzeitig emporgewachsenen Naturwissenschaft abgelöst, die logische Folgerung von dem beweisenden Experiment beiseitegedrängt. Dies brachte zuerst, wie bemerkt, der für wahr gehaltenen Farbe den Untergang und bewies, daß es nur ein farbiges Licht gäbe, welches alle Farbwerte in Relation setze. Diese Erfahrung, dies Experiment war aber nur vor der Sonne selbst, im Freiraum zu machen, denn in einem geschlossenen Raum ist, selbst bei den größten Lichtöffnungen, die Lichtkraft nicht entfernt so stark und so mannigfach, wie in der bewegten Atmosphäre der Landschaft. Damit war gleichzeitig die Malerei der heimischen landschaftlichen Natur zur Oberherrschaft gelangt.

Im Jahre 1860 war von einem deutschen Maler (Lenbach) in Italien, der, wie man schrieb, „nackte photographische Sonnenschein“ gemalt worden, und in den siebziger Jahren sagte ein österreichischer Landschafter, ihn reize nichts mehr als das starke Licht des strahlenden Sonnenscheins, die Alten hätten nur den Begriff Licht aus der Natur genommen, alles andere aber aus sich selbst geschaffen. In Leben und Kunst war also der Boden für eine naturalistische Malerei vorbereitet. Es bedurfte jetzt nur noch der entscheidenden Tat, d. h. aus dem von einem gleichmäßigen Licht erfüllten Atelier in die von tausend Reflexen durchschwirrte Luft des Freiraums hinauszutreten. Dies geschah im offenen Kampfe gegen die Atelier-Tradition in Deutschland in den ersten achtziger Jahren unter dem Einfluß des bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts solchen Problemen nachgehenden, französischen Landschaftsmalerei. Mittels der wasserreichen, leicht dunstigen und tonreichen Luft Hollands erfaßten die deutschen Maler endgültig das Prinzip der seit den siebziger Jahren zunächst als Freilichtmalerei, dann, spöttisch, als Impressionismus entwickelten Malerei des flimmernden Lichtes in der durchleuchteten Atmosphäre, die alles Tun und Treiben des Menschen umgibt.

Kaiser Wilhelm II. – Impressionismus.

Deutschland war in jenen Jahren an einem Wendepunkt angelangt, Kaiser Wilhelm II. zur Regierung gekommen. Mit diesem Monarchen begann das Deutsche Reich erst wirklich in den Genuß der politischen Errungenschaften von 1870–1871 einzutreten. Der junge Herrscher brachte den Willen mit, eine Friedenszeit in Waffen heraufzuführen.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1577. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/448&oldid=- (Version vom 16.1.2022)