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Liste.png W. K. Abel: Das Neueste über die Marskanäle. In: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 1. Bd., S. 105–110

noch werden, daß die anfängliche Begeisterung für die Schiaparellischen Kanäle sehr bald abflaute, da viele vorzügliche Beobachter an großen Instrumenten durchaus nichts von den vielsagenden feinen Strichen zu erkennen vermochten. Dann stellten sich andere Zweifler die Aufgabe, nachzuweisen, daß jene über das Marsfestland verteilten Linien nichts als optische Täuschungen seien. Besonders die Amerikaner Evans und Maunder hatten mit ihren Versuchen in dieser Richtung sehr viel Erfolg. Sie legten Schulknaben eine unregelmäßig mit Punkten und Flecken bedeckte Scheibe, die die Marsoberfläche darstellen sollte, zum Abzeichnen vor und zwar auf eine ziemlich weite Entfernung. Alle Knaben trugen nun in ihre Zeichnungen die hellen Stellen auf der Scheibe als gerade Linien ein. Ferner zeigte sich die auffallende Tatsache, daß diejenigen Knaben, deren Augen vorher absichtlich überanstrengt waren, diese geraden Linien auf ihren Zeichnungen verdoppelten. Aus diesen Versuchen geht zweierlei hervor, wenn man bedenkt, daß viele Astronomen nie etwas von den Marskanälen sehen konnten: Schiaparelli und alle die anderen Gelehrten, die das Vorhandensein der Marskanäle behaupteten, sind höchstwahrscheinlich wirklich Opfer einer optischen Täuschung geworden, gerade so wie jene Schulknaben, die auch da Linien zu erblicken glaubten, wo in Wirklichkeit nur hellere, unregelmäßig große Stellen auf ihren Vorlagen waren. Und eine solche optische Täuschung kann bei einem Astronomen, der oft stundenlang durch das Fernrohr auf eine unendlich weit im Weltenraum entfernt liegende Stelle eines Planeten blickt, mit seinen überanstrengten Augen noch bedeutend leichter passieren. Was nun gar die angeblich beobachtete Verdoppelung der Marskanäle anbetrifft, so ist hierbei ein Sehirrtum noch klarer zu beweisen, – selbst ohne jene Versuche mit den Schulknaben, deren ermüdete Augen die als Linien geschauten Stellen der Vorlagen in gutem Glauben verdoppelten. Denn selbst der Volksmund kennt ja die Redensart: „Ich sehe alles doppelt“, was doch heißen soll: mein Auge ist derart überanstrengt, daß es die Umrisse der Gegenstände nicht mehr

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W. K. Abel: Das Neueste über die Marskanäle. In: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 1. Bd., S. 105–110. Verlag der Bibliothek für Alle, Dresden 1912, Seite 108. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Neueste_%C3%BCber_die_Marskan%C3%A4le.pdf/6&oldid=- (Version vom 31.7.2018)