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Liste.png Walther Kabel: Berühmte Vielesser (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 3)

gefangengenommen. Da kurz vorher von dem Kreuzheer eine Anzahl wehrloser Feinde niedergemacht worden war, sollte auch der Ritter v. Pornavel nebst zehn anderen christlichen Gefangenen den Tod erleiden. Am Abend vor der Hinrichtung wurde den in einem Kerker festgehaltenen Christen von den Ungläubigen ein üppiges Mahl vorgesetzt, um ihnen durch diese Genüsse den Abschied vom Leben recht schwer zu machen und sie dazu zu verführen, ihren Glauben abzuschwören und zum Feinde überzugehen. Da Ritter v. Pornavel, der als großer Esser bekannt war, um die geringe Widerstandskraft seiner Leidensgefährten nach einem reichlich mit Wein gewürzten Mahl wußte, erhob er sich, als man sich kaum an der reichgedeckten Tafel niedergelassen hatte, und erklärte den anderen, er habe in der Nacht vorher eine Erscheinung des Heilands gehabt, der ihm zusagte, daß alle gerettet werden würden, wenn es einem von ihnen gelänge, sämtliche Speisen, die die Ungläubigen ihnen darboten, allein zu vertilgen. Mit Zustimmung aller machte sich Pornavel nun ans Werk und begann unter dem andächtigen Schweigen der übrigen die aufgetragenen Schüsseln zu leeren. Mit Gottes Hilfe aß er die Tafel völlig kahl, so daß der redegewandte Mann, den die Feinde in den Kerker schickten, um die Gefangenen der christlichen Religion abwendig zu machen, eine kleine, im Gebet begriffene Schar antraf, die fest darauf rechnete, daß der Heiland sie nicht im Stich lassen werde. Wirklich wurden Pornavel und seine Gefährten am nächsten Morgen nicht nur nicht hingerichtet, sondern gegen einige vornehme Türken, deren sich das Kreuzheer inzwischen bemächtigt hatte, ausgetauscht.“

Der Ritter v. Pornavel ist auch der Held folgender Geschichte, die gleichfalls während des dritten Kreuzzuges spielt, und die von demselben Chronisten erwähnt wird. „Zwecks Einleitung von Friedensunterhandlungen war von den Ungläubigen der Pascha Mehemed-Jussuf in das Lager der Kreuzfahrer entsandt worden. Um dem Feinde nun recht eindringlich vor Augen zu führen, über welch kraftvolle Kämpfer die Christen verfügten, setzte man bei dem feierlichen Mahle, das der Eröffnung der Friedensverhandlungen vorausging, den Ritter v. Pornavel dem

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Walther Kabel: Berühmte Vielesser (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 3). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1916, Seite 222. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ber%C3%BChmte_Vielesser.pdf/5&oldid=- (Version vom 31.7.2018)