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ging den Weg, den ich gekommen, zurück. Doch war es nicht ratsam, in der Nachtkühle, nachdem man den ganzen Tag gewandert und seelische Aufregungen erlebt hatte, dem übermüdeten Körper das Äußerste zuzumuten. Noch bei Pilten selbst ging ich auf ein Feld, wo zusammengelegte Haufen von Roggengarben standen. In einem von diesen machte ich eine Öff­nung, setzte dort meinen kleinen Reisekoffer hinein, hüllte mich in die Willaine aus Alschwangen und verkroch mich unter den trockenen Roggen, um dort in sitzender Stellung zu einer kurzen Nachtruhe die Augen zu schließen.


Heimwärts.[WS 1]

29. Juli. Noch blinkten am Himmel die Sterne und Nebel bedeckte die Flur, als ich mich erhob, um beim ersten Schimmer der Morgenröte heimwärts zu wandern. Ringsum war alles still, nur in der Ferne ließ sich Hundegeheul ver­nehmen. Immer heller leuchtete links im wogenden Nebel das Morgenrot, was schon phantastisch aussah. Der niedrige Wacholder am Wege schien mit Laken bezogen zu sein, denn auf den Spinngeweben zwischen seinen Ästen lagerte überall der weiße Schimmer des Morgentaues. Gar bald gelangte ich beim raschen Gehen zur Fähre bei der Windau, wo diesseits das Dorf Laxdünen (l. Lagsdihnu ziems) sich befand. Diese Stelle führte auch den Namen Bolderi, welches Wort möglicher Weise auf das Schießen mit einer Wurfmaschine hinweist[1]. Wenn diese Annahme richtig ist, wird hier auf dem

  1. Vergl. dazu auch die „Bolder-аа“ bei der Festung Dünamünde (Ustj Dwinsk), in der Nähe von Riga, wie auch das lettische Verbum „bulderäht“, das nach Ulmann in Edwahlen „Poltern, Lärm machen“ bedeutet; gleichfalls das mittelhochdeutsche „boler“ = Wurfmaschine, wie auch das damit zusammenhängende neuhoch­deutsche „der Böller“ — Schießmörser; vor allen die Erläuterungen zum Verbum „boldern“ in „Deutsches Wörterbuch von Jakob Grimm und Wilhelm Grimm“, II. Band, Leipzig, 1860.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Kapitelüberschrift ergänzt.
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 115. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/123&oldid=3490488 (Version vom 23.2.2019)