Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/122

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

einer historisch merkwürdigen Stätte zuschritt. Dabei wußte ich nicht, wie und wo ich in Pilten Unterkunft finden würde, denn ein dort wohnhafter Herr, an den ich von seinen früheren Studiengenossen schriftliche Empfehlungen mitbekommen hatte, war mir persönlich unbekannt und vielleicht in Amtsgeschäften ausgefahren. Immer näher kam ich dem Orte, wo sich schon wieder Gesinde und Kornfelder zeigten. Endlich, beim Anbruche der Dämmerung, bog ich in die einzige große Straße von Pilten ein. Links lag, vom Laube umgeben, die Kirche, in deren Nähe sich, etwas weiter vom Wege ab, ein Trümmerhaufen erhob: die letzten Reste des stolzen Piltenschen Schlosses, dessen Geschichte so lehrreich und interessant ist. Hier hat einst eine der ältesten christlichen Burgen, noch vor der Eroberung des Landes durch die Deutschordensritter von den Dänen erbaut, gestanden; hier haben die Bischöfe von Kurland in Pracht und Herrlichkeit gelebt, denn Pilten war ihre Residenz; hier ist der „König von Livland," Herzog Magnus, ein dänischer Fürstensohn und Schwager Iwans des Schrecklichen, 1583 nach einem bewegten Leben gestorben; und noch bis in die Neuzeit hinein hat das Stift Pilten seine eigene Verfassung gehabt und einen selbständigen kleinen Staat im Staate gebildet. — In Pilten erging es mir in später Abendstunde recht schlecht. Der Herr, bei dem ich eingekehrt war, lag krank zu Bett. Für die Nacht fand ich in seinem Hause kein Unterkommen. Schon wollte ich gleich nach Windau weiterwandern, da erfuhr ich von einem Juden — Pil­ten ist hauptsächlich von Juden bewohnt —, daß das Schiff erst am 5. August nach Riga gehe. Ohne Paß, ohne Bekannte und ohne Geld konnte ich in Windau nichts anfangen. Da beschloß ich vorderhand in Pilten zu übernachten. Aber wo? In ein Gasthaus, das Gott weiß welcher Art war, getraute ich mich nicht einzukehren, und der Schloßkrug lag schon in Finsternis gehüllt da. Ich beeilte mich, den Ort wieder zu[WS 1] verlassen, und

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zn
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/122&oldid=3501465 (Version vom 25.3.2019)