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Unser Fechtboden – wer von uns hätte damals wohl an ein eignes Corpshaus denken können – befand sich in der Löbenichtschen Langgasse 31, eine Treppe hoch, und war den Eltern unsers lieben August Kapp, die in dem Hause eine Wattenfabrik betrieben, abgemietet. Er bestand aus einem geräumigen Saal mit zwei Fenstern nach der Straße. Von ihm sang unser gefeierter Couleurdichter Louis Briehm:

Geht einer durch die Löbenichtsche Langass’ usw.

Daran schloß sich ein einfenstriges Zimmer, das für je ein Semester zwei insolventen Couleurbrüdern als Freiquartier überlassen wurde.

Auf dem Fechtboden wurden auch unsre Freitagskneipen abgehalten. Unsre tägliche Stammkneipe dagegen war die Schumachersche „Schloßberghalle“, Schloßberg 1, wo „der alte Schuster“, wie wir ihn glattweg nannten, der Vater unsers unvergeßlichen Gustav Schumacher in umsichtiger Weise als Wirt waltete, zugleich aber auch für unsre Sorgen (!) stets ein teilnehmendes Herz und – eine offene Hand hatte.

Der feingebildete, menschen- und besonders studentenfreundliche Herr, der bei uns die höchste Achtung genoß, gewährte außerdem so manchem von uns, so auch meinen beiden, vor mir studierenden und ebenfalls der Masovia angehörenden Brüdern und dann mir Zutritt in seinen liebenswürdigen Familienkreis und seine nicht minder menschenfreundliche und edle Gattin hatte für jeden mit Mammon nicht zu reich gesegneten Studenten, in erster Reihe für jeden Masuren, einen Platz an ihrem gastlichen Tische offen. Dabei herrschte im Schumacherschen Hause eine höchst anmutende Geselligkeit. Künstler und Künstlerinnen verkehrten dort gern, so die geniale, später hochberühmte Soubrette Amalie Wollrabe, ferner der ebenso vom Königsberger Publikum, nicht [53] zum wenigsten von der Studentenschaft gefeierte Heldentenor Wild, der berühmte Pianist Oscar Brogi, ein Original ersten Ranges u. a. m. So sind die dort verlebten Stunden mir und sicherlich auch allen meinen Couleurbrüdern, die sie mitgenießen durften, unvergeßlich, und so lange ich lebe, werde ich diese liebenswürdige Familie, die zu der Masovia in so nahen Beziehungen stand, und deren männliche Mitglieder, so auch unser trefflicher Gustav Schumacher längst dahingegangen sind, in dankbarer Erinnerung bewahren.

Steigen wir nun aus den obern Räumen zum Kneiplokal hinab. Ob es wohl als solches noch existieren mag? Dasselbe, ein ausgedehnter hoher Raum, befand sich im Souterrain, und zu ihm führte direkt vom Schloßberge aus eine breite Treppe hinab, die bis an das Büfett heranreichte. Die Wand neben der Treppe nahm ein breites und hohes Fenster ein, unter dem ein großer runder, daneben ein kleinerer viereckiger Tisch stand. Das war der Masurenplatz, wo sich mittags stets eine mehr oder minder große Tafelrunde zum vergnügten Frühschoppen versammelte. Mit dem übrigen, sehr respektablen Publikum befanden wir uns also in unmittelbarer Berührung, und das war ein großer Vorteil für uns junge Leute; denn es wirkte erzieherisch auf uns, weil jeder sich und seinen jugendlichen Frohmut, mit Rücksicht auf die Umgebung in den gebührenden Schranken hielt und sich nicht so gehen ließ, wie es wohl in einem abgeschlossenen Raume, wo man ganz unter sich war, nur zu leicht geschehen konnte. Dabei saßen wir aber keineswegs in philisterhafter Sittsamkeit da; jugendlicher Frohsinn behielt sein Recht, und mancher übermütige Scherz, sogar Ulk wurde getrieben, worüber sich das Publikum dann königlich amüsierte. So herrschte stets das beste harmonische Einvernehmen zwischen uns.

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Otto Vigouroux: Aus meiner goldnen Zeit 1857–60. Königsberg i. Pr. 1905, Seite 52–53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Aus_meiner_goldnen_Zeit_1857%E2%80%9360_(Vigouroux).pdf/2&oldid=- (Version vom 14.9.2022)