Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Pulsnitz

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Pulsnitz
Untertitel:
aus: Markgrafenthum Oberlausitz, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 3, Seite 171–173
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons und SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Pulsnitz


[171]
Pulsnitz,


in alten Urkunden Polssnitz, Polsenitz genannt, an dem Flusse gleichen Namens, 21/2 Meile von Dresden, eine Meile von Camenz, 11/2 Stunde von Elstra gelegen, ein durch die alten Sorbenwenden erbauter Ort, welcher anfänglich aus 4 Bauergütern bestand und zur Milzener Mark gehörte. Der Erbauer der Veste Pulsnitz ist nicht bekannt geworden und die Zeit ihrer Entstehung ebenfalls nicht genau zu bestimmen. Auf alle Fälle wurde dieselbe sofort nach Unterjochung der Sorbenwenden als eine Grenzveste angelegt, um die unterjochten Sorbenwenden besser überwachen zu können. Daher kommt es, dass die ersten Inhaber dieser Veste die Herren von Pulsnitz Advocati der Oberlausitz genannt wurden, welche vom Könige von Böhmen ursprünglich als Aufseher hiesiger Gegend eingesetzt waren. Im 13. Jahrhundert fiel Pulsnitz an die Markgrafen von Brandenburg. Unter ihrer Oberhoheit existirten hier immer noch die Advocati der Oberlausitz. Erst im 14. Jahrhundert, wo Pulsnitz bereits wieder den Königen von Böhmen zugefallen war, und zwar ums Jahr 1341, kam die Veste Pulsnitz an Otto, Burggraf von Wettin. Es ist dies derselbe, welcher im Jahre 1355 vom Kaiser Karl IV. das Privilegium der Marktfreiheit zu Pulsnitz erlangte. Nach ihm folgte in demselben Rechte Hans von Wettin. Von dem Hause Wettin kam die inzwischen zur Grafschaft erhobene Besitzung Pulsnitz im Jahre 1395 an Wizmann von Camenz, welcher im Jahre 1415 dem Orte einen Jahrmarkt gab. Nach ihm succedirten seine Söhne Heinrich, Siegismund, Friedeleben, Balthasar und Johann von Camenz.

Im Jahre 1419 fiel ein Theil der Besitzung an Hans von Polenz, den Besitzer von Senftenberg. Die Besitzung wurde jedoch bald wieder durch die Herren von Ponikau vereinigt, welche im Jahre 1421 damit beliehen wurden. Hans von Ponikau oder Ponko I. genannt, erhielt mit seinen Vettern Heinrich, Nickel, Hans II., Caspar und Matthes die ganze Besitzung. Hans I. war vorher Amtshauptmann zu Stolpen geworden, wogegen Nickel Hauptmann zu Bautzen war und 1424 gegen die Hussiten zog. Von Hans II. wurden 1445 die Privilegien der Stadt bestätigt. Ihm folgten seine vier Söhne Hans III., Nickel, Georg und Heinrich von Ponikau, von denen Georg 1458 die Privilegien der Schützengesellschaft confirmirte. Dann kam in den Besitz von Pulsnitz Jacob von Ponikau, Sohn Hansens III. Mit dem Jahre 1468 fiel die Grafschaft an die Familie von Miltitz. Im Jahre 1476 bestätigte Heinrich von Miltitz, Verweser des Fürstenthums Sagan, das Handwerk der Fleischhauer als Vormund von seines Bruders Hansens Kindern. Im Jahre 1497 errichtete Christian Ernst Hans von Miltitz einen Wollmarkt. Von den Miltitzen fiel im Jahre 1513 durch Erbschaft Pulsnitz an die Herren von Schleinitz, und zwar an Heinrich von Schleinitz, welcher auch Hohenstein, Tollenstein, Schluckenau und Haynbach besass. Derselbe war mit Herzog Albrecht von Sachsen nach Jerusalem gereist, dort zum Ritter des heiligen Grabes geschlagen worden, und wurde bei Herzog Heinrich Rath.

Herzog Georg machte ihn zum Obermarschall, brauchte ihn zu Gesandtschaften, schenkte ihm auch Hohenstein und Schandau, weil er die polnische Prinzessin Barbara für ihn geworben hatte. Seines Bruders Sohn, Johann von Schleinitz, war, wie bekannt, Bischof von Meissen. Heinrich von Schleinitz war ebenfalls ein der Kirche ergebener Mann, und er ging so weit, dass er seine Tochter nicht heirathen, sondern im Kloster zu Freiberg einkleiden liess, was im Jahre 1506 geschah. Er starb in Meissen bei seinem Sohne, dem Domprobst, den 14. Januar 1518, und wurde nach Altenzell begraben. Seine Söhne Ernst, Wolf, Christoph, Hans und Georg von Schleinitz besassen bis 1523 ihre Güter gemeinschaftlich. Da aber Ernst schon 1511 Domprobst zu Prag und 1514 zu Meissen, auch Administrator der Bisthümer zu Prag und Meissen geworden war, Wolf und Hans aber 1524 das Zeitliche gesegnet hatten, verkauften die Gebrüder Hohenstein an Herrn von Schönburg, Pulsnitz aber an die Herren von Schlieben. Balthasar, Hans I., Caspar und Eustachius der ältere von Schlieben kauften Pulsnitz. Balthasar, Eustachius und Hans theilten 1532 ihre Güter. Eustachius bekam die Hälfte der Stadt, das Burglehn, die böhmische Vollung, Thiemendorf, Weissbach, Obersteina, Häselich, Schmosdorf, Hennersdorf, die Lehnleute zu Radeberg und Lotzdorf, den Weinberg, die halbe Schäferei, Balthasar die andere Hälfte der Stadt, das Vorwerk, die Schäferei, halb Ohorn, Niedersteina, Breitenbach, Hauswalde. Hans erhielt andere Güter.

Kurze Zeit nach dieser Theilung, und zwar im Jahre 1535, kam das Meissnische Dorf Pulsnitz zur Herrschaft Pulsnitz.

Eustachius II. von Schlieben, Balthasars Sohn, war 1553 Besitzer der Herrschaft Pulsnitz, nach welchem Hans II., Georg und Eustachius III. die Herrschaft gemeinschaftlich bekamen. Sie bestätigten 1557 das Schmiedehandwerk, die Fleischer, Schuhmacher und Bäcker. Hans II. von Schlieben, Eustachius II. Sohn, kam von 1571 als alleiniger Besitzer von Pulsnitz vor.

Im Jahre 1580 verkauften Pulsnitz, nebst den andern dabei liegenden Gütern, Eustachius III., Hans III. zu Saas, Hans IV. zu Arnsdorf und Balthasar auf Brauna an Hans Wolf von Schönberg.

Dieser Herr von Schönberg war französischer Oberst und wurde 1586 kurfürstlich sächsischer Oberhofmarschall, 1591 Kreisoberster und Hauptmann der Aemter Stollberg und Radeberg, war auch Ritter der Orden der güldnen Gesellschaft und des Zeugnisses brüderlicher Treue und [172] Einigkeit, zuletzt noch Landeshauptmann der Oberlausitz. Seine Gemahlin war Ursula von Carlowitz. Seine Tochter war vermählt mit Heinrich Abr. von Einsiedel auf Venusberg. Von seinen drei Söhnen, Wolf Georg, Hans Wolf und Caspar, welcher kurfürstlich sächsischer Minister wurde, erhielt der erstere Pulsnitz, nebst 12 Dörfern. Wolf Georg von Schönbergs Gemahlin war Margaretha von Dieskau.

Im Jahre 1612 überliess deren Gatte die Herrschaft Pulsnitz seinem Bruder Hans Wolf; er selbst behielt blos Brauna, Häselich und Rohrbach.

Bei seinem im Jahre 1619 erfolgten Tode hinterliess er zwei Söhne, Christian und Johann Hans Wolf von Schönberg, welcher mit Ursula von Stammer verheirathet war, besass Pulsnitz von 1612 bis 1630.

Er hinterliess 6 unmündige Söhne und eine Tochter und die Herrschaft befand sich bis 1640 unter mütterlicher Vormundschaft. Nach erlangter Majorennität erhielt der älteste Sohn Wolf von Schönberg Pulsnitz, welches von Letzterem im Jahre 1642[WS 1] an seinen Schwager Wolf von Werthern verkauft wurde.

Wolf von Werthern war mit Sophie von Nostiz vermählt, welche bei ihrem ersten Erscheinen an der kurfürstlichen Tafel veranlasst wurde, das Vater Unser in wendischer Sprache herzusagen. Bei dieser Gelegenheit soll der Kurfürst geäussert haben: „Das ist ja eine recht fürstliche Sprache.“

Dieser Wolf von Werthern starb im Jahre 1666 zu Weissenfels und liegt in Pulsnitz begraben. Sein Sohn, Gottlob von Werthern, kurfürstlich sächsischer Appellationsrath, der auch Beichlingen, Frohndorf, Wiche, Brücken, Ohorn, Neuheiligen, Hettewitz und Thalwitz besass und Stiftshauptmann zu Quedlinburg 1681 wurde und mit Sabina Elisabeth von Maxen vermählt war, besass Pulsnitz nicht lange, indem derselbe 1682 schon mit Tode abging. Seine Wittwe heirathete anderweit den Landeshauptmann der Oberlausitz, Vitzthum von Eckstädt. Die Schwester des Gottlob von Werthern Justine Eleonore von Werthern vermählte sich mit Nicolaus von Maxen, welcher von 1682–1712 die Herrschaft Pulsnitz besessen hat. Die Kinder aus dieser Ehe waren Johann Georg, Wolf Heinrich, Friedrich Gottlob auf Bischheim, Carl Maximilian, Amtshauptmann und Herr von Ohorn und Jehsen, Johanne Eleonore, vermählt an Benno Siegmund von Gersdorf auf Bernsdorf, und Erdmuthe Elisabeth, vermählt an Adolph Gottlob von Pentzig.

Johann Georg von Maxen, des Nicolaus von Maxen ältester Sohn, besass Pulsnitz von 1712–1745; ihm gehörte ausserdem Hennersdorf und Gelenau. Seine Kinder von drei Gemahlinnen waren: Johann Friedrich, Johann Georg, Justine Elisabeth, vermählt an Karl Adolph von Carlowitz auf Röhrsdorf, und Johanne Sophia, vermählt an den Nicolaus von Gersdorf auf Bernsdorf.

In dem Besitze von Pulsnitz war von 1745–1749 Johann Friedrich von Maxen. Dieser starb unverehelicht und hinterliess die Herrschaft Pulsnitz durch Testament seiner jüngeren Schwester Johanne Sophie von Maxen und deren Gemahl, Johann Nicol von Gersdorf, Herr auf Herwigsdorf, Bernsdorf, Hennersdorf und Gelenau. Beide starben in wenig Jahren auf einander. Letzterer 1771 und Erstere einige Jahre vorher, 1765.

Sie hinterliessen drei Kinder, Heinrich August, Fried. Sophie Henriette Eleonore, geb. 1753, vermählt an Herrn Georg Adolph von Hartitzsch auf Staucke, und Fried. Erdmuthe Christine, geb. 1757, vermählt mit Herrn Hans Dietrich Alexander von Hartitzsch auf Chemnitz und Röhrsdorf.

Von 1771–1788 war Erb-, Lehn- und Gerichtsherr von Pulsnitz Heinrich August von Gersdorf. Die Herrschaft fiel ihm noch während seiner Unmündigkeit zu, weshalb ihm Johann Erdmann von Gersdorf auf Wurschen und Herr Rudolph Siegmund von Carlowitz auf Kleinbautzen zum Vormund gesetzt wurden.

Im Jahre 1779 vermählte sich Heinrich August von Gersdorf mit Joh. Fried. Sophie Eleonore von Nostitz aus dem Hause Rothnausslitz. Er hinterliess bei seinem im Jahre 1788 erfolgten Ableben eine einzige Tochter Friederike Johanne Henriette Eleonore. Während ihrer Minderjährigkeit führte Herr Kammerherr von Nostitz auf Wiesa und ihre Frau Mutter die Vormundschaft, und zwar Letztere mit ihrem Curator, dem Herrn Hauptmann von Criegern auf Thumitz, dann aber mit ihrem zweiten Gemahl, Herrn Ferdinand August von Uechtritz aus dem Hause Hartha, mit welchem sie vom 13. August 1790 bis zum 1. April 1797 vermählt war.

Nach dessen Tode verheirathete sich ihre Fräulein Tochter mit Herrn Ernst Wilhelm von Posern, kurfürstlich sächsischen Rittmeister bei der Garde du Corps. Sie starb den 20. Juni 1829, 47 Jahre alt; ihr Gemahl starb Weihnachten 1836, 73 Jahre alt. Eine Reihe von Jahren war er Klostervoigt des Klosters St. Marienstern und kurz vor seinem Tode wurde er Domherr des Domstifts Merseburg. Sie hinterliessen zwei Kinder, Frau Albertine, verehelichte Hauptmann von Wiedebach. Diese erhielt nach dem Tode ihres Herrn Vaters das Rittergut Wohla, nebst Zubehör; die Herrschaft Pulsnitz und das Rittergut Waltersdorf erhielt Herr Ernst Curt von Posern, welchen auch das Kloster St. Marienstern zum Klostervoigt erwählte.

Zu dem Schlosse, welches wir in der Abbildung finden, gehören noch 11 herrschaftliche Gebäude, die der Burglehn genannt werden. Daraus ergiebt sich der Umfang und die Grösse dieses Gutes. Ausserdem gehörten zur Herrschaft das Dorf Pulsnitz, Meissner Seite, die böhmische Vollung, Friedersdorf, Thiemendorf, Niedersteina und Weissbach. Das Rittergut hatte die Ober- und Niedergerichte, früher auch die geistliche Gerichtsbarkeit in erster Instanz, z. B. Ehescheidungen, jedoch nur, wenn es Personen aus der Stadt oder aus den zur Herrschaft gehörigen Dörfern betraf.

Pulsnitz als Rittergut ist ein Erbgut, und als schriftsässiges Gut hatte es früher das Vorrecht, dass die Ausfertigungen landesherrlicher Befehle und Anordnungen demselben nicht mittelst offenen Patents, sondern in einzelnen, an sie gerichteten verschlossenen Verordnungen zukamen.

Von 1622 an ist Rittergut und Stadt an die Krone Sachsens gekommen und Johann Georg II. bestätigte alle Stadtprivilegien im Jahre 1669, welche solche schon von Kaiser Carl IV. erhalten hatte. Namentlich hat jeder Bürger die Freiheit zu handeln, womit er will; der beträchtlichste Handel besteht in Leinwand und Band, theils im Orte, theils in den nahen Dörfern fabricirt; einige grosse Färbereien liefern alle Gattungen bunter Leinwand, welche auf Messen und Jahrmärkten so häufig gefunden wird.

Berühmt sind aber vorzüglich die Pulsnitzer Pfefferkuchen, welche vorzüglich auf der Leipziger Messe vom schönen Geschlechte stark gesucht sind. Sie heissen eigentlich die Thorener Pfefferkuchen. Der sonst zu Thoren arbeitende Bäcker Thomas hat sie zuerst gebacken.

Auch das hiesige Töpfergeschirr wird, weil es bleifreie Glasur hat, durch böhmische Fuhrleute nicht nur nach Böhmen, sondern bis Wien, Triest und selbst nach Ungarn gebracht. In jeder Woche erblickt man die böhmischen Fuhrleute, welche mit Töpferwaaren ihre grossen Frachtwagen belasten.

Ausserdem sind zünftige Handwerker für die Bäcker, Böttcher, Leinweber, Fleischhauer, Schuhmacher, Schneider, Schmiede, Schlosser, Wagner, Strumpfwirker, Kürschner, Tischler, Töpfer, Posamentirer, Sattler, Klempner, Gürtler und Horndrechsler. Die Sattler, Wagner und Schmiede bauen alle Arten von Wagen und stets ist grosse Auswahl auf dem Lager zu finden.

Durch das Pulsnitzer Stadtgebiet fliessen ausser der Pulsnitz auch noch die Nonne, der Siegbach und der Hartbach oder Hahnenfluss, die sämmtlich in die Pulsnitz fallen. Das Klima ist der nahen Berge wegen ziemlich rauh; denn nördlich erhebt sich der Keulenberg, südlich der [173] Eierberg und östlich der Lugerberg, von denen gesagt worden ist, dass sie, wenn man sie ansähe, die drei Hauptlehren Reue, Glauben und Gehorsam predigten.

Die Schicksale des Ortes anlangend, so hat Pulsnitz im Hussitenkriege und im 30jährigen Kriege furchtbar gelitten. Es zogen, nachdem es zum grössten Theil ein Raub der Flammen geworden war, viele Bürger weg, so dass nur noch 6 Häuser in der Stadt und 39 in den Vorstädten bewohnt blieben.

Auch der 7jährige Krieg hat Pulsnitz schwer getroffen; vorzüglich waren die Lieferungen an Preussen sehr stark.

Nach der Hochkirchner Schlacht[WS 2] lagerte Prinz Heinrich[WS 3] auf dem Siegesberge. In diesem Jahre, am 19. November 1758, wohnte Friedrich der Grosse[WS 4] zwei Tage auf hiesigem Schlosse und im Jahre 1760 wieder mehrere Tage.

Auch das Jahr 1813 hat seine Noth, seine Plage für die Pulsnitzer gebracht. Ein Theil der russischen Armee durchzog die Stadt. Am 10. Mai kam der Kaiser von Russland Alexander[WS 5] auf hiesigem Schlosse an und hatte am 10. Mai eine Unterredung mit dem Könige von Preussen.

Die Arbeitsamkeit, die Betriebsamkeit der Einwohner und die Milde und Güte der Gerichtsherrschaften von Pulsnitz hat jedoch bald solche Trauerjahre vergessen machen lernen, so dass man wohl mit Recht behaupten kann:

„Wo Fleiss und Eifer mit frommem Sinn sich paart,
Da ist des Hauses Glück und Friede stets gewahrt.“

Frommer Sinn hat auch schon frühzeitig dem Orte Pulsnitz eine Kirche geschenkt, über welche der Gerichtsherrschaft das Collaturrecht zusteht. Diese Kirche ist dem heiligen Nicolaus[WS 6] geweiht und hatte früher drei Altäre. Deshalb standen auch vor der Reformation an dieser Kirche ein Pleban und drei Altaristen, welche die Messe lasen und ein Schulmeister.

Im Jahre 1637 ward Kirche und Schule durch kaiserliche Soldaten mit ein Raub der Flammen, wobei die Bibliothek und der Kirchenornat verbrannten; das Mauerwerk blieb stehen. Im Jahre 1742 am 5. Juli brannte die Kirche und der Thurm durch Verwahrlosung zum zweiten Male aus, worauf sie erst 1745 wieder aufgebaut wurde.

Im Jahre 1792 wurde der Grund zu einem neuen Altar gegraben, wobei man eine Gruft entdeckte, in welcher zwei Ordenskutten gefunden wurden, die eine von dem durch Kurfürst Christian I.[WS 7] gestifteten Orden, das „goldene Kleinod“ genannt, die zweite von dem, durch dessen drei Prinzen[WS 8] gestifteten Orden „zum Zeugniss brüderlicher Treue und Einigkeit“; ferner wurde dabei gefunden ein goldnes Armband mit den Buchstaben H. W. v. S. 1589, ein goldenes Medaillon, 9 Stück goldne Knöpfe und drei Schleifchen, auch ein Schwert und ein Dolch.

Die Reformation scheint hier erst im Jahre 1540 Eingang gefunden zu haben; denn in der Güter-Theilung der Herren von Schlieben wird noch der geistlichen Lehre über gewisse Altäre und Seelenmessen erwähnt. Im Jahre 1533 war noch ein Pleban und 1540 noch ein Altarist hier.

Die Einwohner von Pulsnitz hatten keine Gelegenheit, lutherische Prediger zu hören; denn in der ganzen Nachbarschaft war bis 1539 noch Alles katholisch.

Nach Pulsnitz eingepfarrt sind Friedersdorf, Thiemendorf, Niedersteina, Obersteina, Ohorn, Pulsnitz (Meissner Seite), und böhmische Vollung.

In der Schule zu Pulsnitz, wohin die beiden letzteren Orte mit gehören, werden an 450 Kinder unterrichtet. An dieser Schule sind vier Lehrer angestellt.

Literarisch denkwürdig ist Pulsnitz als der Geburtsort des sächsischen Historiographen Johann Gottlob Horn[WS 9] und des ersten Missionärs für Ostindien, Barthol. Ziegenbalg, geb. 1683, welcher im Jahre 1705 in dänische Dienste nach Tranquabar ging, dort die erste christliche Mission stiftete, im Jahre 1707 die erste christliche Kirche baute, und im Jahre 1719 die Bibelübersetzung in tamulischer Sprache vollendete. Auch trieb er mit so viel Eifer die malabarische Sprache, dass er sie besser schreiben lernte, als die Braminen selbst. Die dort von ihm angelegte portugiesische und malabarische Druckerei hat eine Menge Uebersetzungen ascetischer Schriften geliefert und nicht wenig zur Ausbreitung des Christenthums beigetragen. Er starb zu Tranquabar als Probst der Missionen, am 10. Febr. 1719, nur 36 Jahre alt.

Pulsnitz hat jetzt 286 bewohnte Gebäude mit 2239 Einwohnern, die ihrem eigenen Gerichtsamte unterworfen sind, welches dem Bezirksgerichte Bautzen einverleibt ist.

M. G.     

Anmerkungen (Wikisource)