RE:Demosthenes 5

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 162169
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5) Sohn des Alkisthenes (Thuc. passim), aus dem Demos Aphidna (CIA I 273, 18, nur mit dem Demotikon CIA IV 1 p. 31. 160 nr. 179 B, 12. 13, nach Busolts Ergänzung Herm. XXV 275), athenischer Feldherr im peloponnesischen Kriege. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, doch fällt es jedesfalls vor 457. Er wird zum erstenmal als Strateg im J. 427/6 erwähnt (Thuc. III 91, 1, dazu Strack De rerum prima belli Peloponnesiaci parte gestarum temporibus 40). Über D.s politische Richtung haben wir kein sicheres Zeugnis, denn sein Auftreten in Aristophanes ,Rittern‘ kann nicht als solches angesehen werden; er war in erster Linie Militär, nicht Politiker (gegen Curtius’ Ansicht, der ihn [Griech. Gesch.³ II 415. 416] als Staatsmann bezeichnet). Doch scheint er zu der vorgeschrittenen demokratischen Partei des Kleon in nahem Verhältnis gestanden zu haben (Beloch Att. Politik 31); Furtwänglers Behauptung (Meisterwerke der griechischen Plastik 210), D. habe zur Partei des Nikias gehört, hängt ganz in der Luft. Im März 426 wurde D. mit Prokles an der Spitze einer Flotte von 30 Schiffen um die Peloponnes geschickt (Thuc. III 91, 1, dazu die Schatzurkunde CIA IV 1, 179 B, über die Zeit der Ausfahrt Busolts Herm. XXV 325f. Swoboda ebd. XXVIII 592. 593). Im Verein mit den Akarnanen und den übrigen Verbündeten Athens im ionischen Meere verwüstete er zuerst das Gebiet von Leukas; statt aber die Stadt einzuschliessen, fasste er, von den Messeniern in Naupaktos bestimmt, einen ebenso weit aussehenden als schwach fundamentierten [163] Plan, die Aitoler anzugreifen, nach deren Bewältigung er mit Hülfe der befreundeten Phoker gegen die Boioter vorzugehen dachte (Thuc. III 94. 95). Da die Akarnanen ihm die Heeresfolge verweigerten, hatte er eine ganz ungenügende Truppenzahl (von Athenern nur 300 Schiffssoldaten); zudem liess er sich von seiner Ungeduld hinreissen, den Zuzug der für das Unternehmen wichtigen ozolischen Lokrer nicht abzuwarten. Der Feldzug scheiterte bei dem Eindringen in das Innere des Aitolerlandes durch D.s Unbekanntschaft mit dem Terrain und durch die Kampfweise der leichtbewaffneten Aitoler schon zu Beginn; der grösste Teil seines Heeres (und fast die Hälfte der attischen Hopliten) wurde vernichtet. Der Rest kehrte nach Athen zurück, D. blieb aus Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, in Naupaktos (Thuc. III 96–98. Diod. XII 60). Über diesen Feldzug vgl. Woodhouse Aetolia (Oxford 1897) 57ff. 340ff. 353ff. 367ff.DroysenDroysen

Es ergab sich ihm bald die Gelegenheit, die erlittene Scharte auszuwetzen. Im Herbste sandten die Peloponnesier ein Heer von 3000 Hopliten unter Eurylochos aus, um Naupaktos, den Stützpunkt der attischen Kriegführung im korinthischen Meerbusen, zu nehmen; durch D.s Dazwischentreten – sein Strategenjahr war damals bereits abgelaufen (Droysen Kleine Schriften zur alten Geschichte II 196) –, der mit akarnanischen Truppen zu Hülfe kam, wurde der Platz gerettet (Thuc. III 100–102). Auf Bitte der Amprakioten wandte sich nun Eurylochos gegen das amphilochische Argos; durch einen raschen Marsch vereinigte er sich mit den Truppen Amprakias, worauf beide bei Olpai, im Westen von Argos, lagerten. Dafür zogen die Akarnanen zur Unterstützung von Argos herbei; sie erhielten die Mitwirkung einer attischen Flottenabteilung, und D. übernahm den Oberbefehl der gesamten Streitkräfte (Herbst 426, Thuc. III 102. 105ff.). In der darauf folgenden Schlacht siegte er trotz der Überzahl des feindlichen Heeres durch geschickte Legung eines Hinterhalts. Er schloss mit den Peloponnesiern einen geheimen Vertrag, welcher ihnen den Abzug gestattete; bei demselben entstanden Thätlichkeiten, da die Amprakioten an ihm teilnehmen wollten, und ein grosser Teil der letzteren wurde erschlagen. Unterdes rückte das gesamte Aufgebot aus Amprakia heran, welches von der Niederlage der Peloponnesier noch nichts wusste; bei dem Pass von Idomene, im Norden von Argos, schlug es D. bis zur Vernichtung (Thuc. III 107ff. Diod. a. a. O.). Über den Feldzug s. Grote Hist. of Greece² VI 57ff., über dessen Schauplatz Heuzey Le mont Olympe et l’Acarnanie (Paris 1860) 281ff. 298ff. Oberhummer Akarnanien im Altertum (München 1887) 26f. 103ff. Von der Beute stiftete D. 300 Panhoplien in die attischen Tempel; da sein Ansehen wiederhergestellt war, konnte er es ruhig wagen, nach Athen zurückzukehren. Zum Andenken an diesen glänzenden Sieg und die in den folgenden Sommer fallende Vernichtung der korkyraeischen Oligarchen, sowie an die Einnahme von Anaktorion weihten die Athener eine Bronzestatue der Athena Nike auf die Burg (CIA IV 2, 198 c, dazu Koehler Herm. XXVI 43ff. Behr ebd. XXX 447ff.). Furtwänglers Aufstellung [164] (Meisterwerke der griech. Plastik 207ff.), dass der Tempel der Nike auf Anlass dieses Sieges erbaut worden sei, bedurfte besserer Begründung und ist jetzt trotz seiner neuerlichen Verteidigung (S.-Ber. Akad. München 1898, 380ff.) durch die neu gefundene Inschrift Ἐφημ. 1897, 173ff. endgültig widerlegt. Der Waffenerfolg des D. hatte keine bleibenden Consequenzen, da die Akarnanen nach seinem Abzug einen Vertrag mit Amprakia schlossen, durch welchen beide ihr gegenseitiges Verhältnis vor fremder Einmischung sicherten (Thuc. III 114). Thukydides Schilderung der Kämpfe in Aitolien und Akarnanien ist zu Gunsten des D. gehalten und verfolgt den Zweck, ihn wegen seiner Niederlage zu entlasten und andererseits seine Verdienste in Amphilochien in übermässiger Weise hervorzuheben (Swoboda Thukydideische Quellenstudien 51ff. Koehler a. a. O. 46).

D. wurde infolge seiner Siege im Frühjahr 425 zum Strategen für 425/4 gewählt (Droysen a. a. O. II 197ff. Strack a. a. O. 41. 74). Noch bevor er sein Amt antrat, wurde er auf seine Bitte einer attischen Flotte von 40 Schiffen, die unter Commando des Eurymedon und Sophokles nach Korkyra und Sicilien ging, beigegeben (April 425), mit der Vollmacht, sie bei der Fahrt um die Peloponnes nach Gutdünken zu verwenden (Thuc. IV 2, 4). Trotz des anfänglichen Widerstands der beiden Feldherren setzte er es durch, da ein Sturm die Flotte Halt zu machen zwang, dass das an der messenischen Küste gelegene, von den Spartanern verlassene Pylos in wenigen Tagen befestigt ward, worauf er mit einigen Schiffen zurückblieb und die übrige Flotte ihre Fahrt nach Korkyra fortsetzte (Thuc. IV 3ff. Diod. XII 61ff.). Es liegt nahe anzunehmen, dass D. durch seinen Verkehr mit den Messeniern von Naupaktos auf die Vorteile, welche die Besetzung von Pylos für die Bekriegung der Lakedaimonier im eigenen Lande darbot, aufmerksam gemacht worden war (W. Vischer Kleine Schriften I 68. Curtius Griech. Gesch.³ II 421. Müller-Strübing Aristophanes und die historische Kritik 667. 670ff.), und dass er mit der bestimmten Absicht, sie durchzuführen, seine Zuteilung zur Flotte durchgesetzt hatte. Auf die Kunde von Pylos Befestigung räumten die Peloponnesier Attika, wohin sie in diesem Frühjahr den üblichen Einfall unternommen hatten; ein spartanisches Heer zog gegen Pylos aus, und die von Korkyra zurückgerufene peloponnesische Flotte schloss es zu Wasser ein. Um die Blockade vollständig zu machen, ging eine Schar von peloponnesischen Hopliten nach der dem Hafen vorliegenden Insel Sphakteria hinüber (über die Localität s. Bursian Geographie von Griechenland II 175ff. Curtius Peloponnesos II 173ff. Arnold in seiner Thukydides-Ausgabe IP 308ff. Leake Travels in the Morea I 395ff. und besonders die letzten Untersuchungen von Grundy und Burrows Journal of Hell. Stud. XVI 1896, 1ff. 55ff. XVIII 1898, 147ff. 228f. 232f. 345f. und Classical Review X 1896, 371ff. XI 1897, 1ff. 155ff. 448. ferner Awdry Journal of Hell. Stud. XX 1900. 14ff.). Allein D. schlug mit seinen wenigen Leuten zwei Tage lang die wiederholten Angriffe der Spartaner ab, die sowohl zu Land als zu Wasser unternommen [165] wurden (Thuc. IV 8ff.); unmittelbar darauf kamen die von ihm benachrichtigten attischen Schiffe, welche bis Zakynthos gelangt waren, zurück; sie drangen in den Hafen ein, dessen Sperrung die Lakedaimonier unterlassen hatten, und brachten der feindlichen Flotte eine Niederlage bei (Thuc. IV 13ff.). Damit waren die auf Sphakteria befindlichen Spartaner, 420 an der Zahl, abgeschnitten; der Wunsch, dieses kostbare Menschenmaterial zu retten, bewog ihre Landsleute zum Abschluss eines Stillstandes, nach dessen Bestimmungen die gesamte spartanische Flotte den Athenern zeitweilig übergeben ward; die während desselben geführten Friedensverhandlungen scheiterten jedoch an den masslosen Bedingungen, welche der attische Demos auf Kleons Betreiben hin stellte (Thuc. IV 15ff.). Nach Ablauf der Waffenruhe änderte sich allmählich die Lage zu Ungunsten der Athener, obwohl sie die spartanischen Schiffe nicht herausgaben, da es den Spartanern gelang, die auf Sphakteria Eingeschlossenen zu verproviantieren, und sich damit die Belagerung in die Länge zog; es entstand darüber in Athen eine Missstimmung gegen Kleon, und dieser sah sich zuletzt gezwungen, das Commando vor Pylos selbst zu übernehmen. Er versprach, die Insel binnen 20 Tagen zu nehmen (Thuc. IV 26ff.; zur Beurteilung seines damaligen Verhaltens Delbrück Strategie des Perikles 190ff., dagegen Ed. Meyer Forschungen z. alten Gesch. II 333ff.). Doch bedang er sich D., der damals schon Strateg war, als Mitfeldherrn aus; die von Oncken Athen und Hellas II 260ff. aufgestellte, von Loeschcke De titulis aliquot atticis quaestiones historicae 26. 27 aufgenommene Ansicht von einem Einverständnis zwischen D. und Kleon, auf Grund dessen letzterer seine Angriffe gegen Nikias gerichtet habe, um das Commando in die Hand zu bekommen (ähnlich Holm Gesch. Griechenlands II 420ff. 447ff.), ist nicht überzeugend. D. beabsichtigte schon seit längerer Zeit einen Angriff auf die Insel und hatte zu diesem Zweck nach Athen um Verstärkung gesandt (Thuc. IV 29ff. Grote Hist. of Greece² VI 113); klugerweise ordnete sich jetzt Kleon dessen Plänen unter. Sphakteria wurde mit Sturm genommen (Thuc. IV 30ff. Juli oder August 425 [über die Chronologie J. G. Droysen a. a. O. II 197. 198. B. Keil Herm. XXIX 1894, Taf. IV zu 358. Ed. Meyer a. a. O. II 335, 1]) und die Besatzung, soweit sie nicht im Kampfe gefallen war, gefangen genommen, darunter 120 spartanische Vollbürger; zu dem Siege trug neben der erdrückenden Übermacht der Athener (etwa 10–12 000 Mann, vgl. Vischer a. a. O. 72. 73. Beloch Griech. Gesch. I 547; Grundy a. a. O. 38 berechnet sogar die attische Gesamtmacht bei dem Angriff auf 15 000 Mann gegen 3360 Spartaner im Ganzen), die passende Verwendung der von Kleon mitgebrachten leichten Truppen durch D. bei – eine Lehre, welche letzterer aus seiner Niederlage in Aitolien gezogen hatte. Die Rolle, welche damals die leichten Truppen spielten, weist dem Gefechte von Sphakteria einen eigentümlichen Platz in der Kriegsgeschichte an (Rüstow Geschichte der Infanterie I 9. II. Droysen Heerwesen und Kriegführung der Griechen 96. Bauer in Iw. Müllers Handbuch der klass. Altertumswissenschaft² [166] IV 396ff. und Philol. N. F. IV 403ff. Delbrück Gesch. der Kriegskunst I 96). Mit der Gefangennahme der Spartiaten hatten die Athener für die Weiterführung des Krieges ein wertvolles Faustpfand gewonnen. Das Hauptverdienst an dem glänzenden Erfolge hatte D. (vgl. Ed. Meyer a. a. O. II 334ff.), der Löwenanteil an den Auszeichnungen dafür fiel jedoch Kleon zu (s. d.). Es ist zweifelhaft, ob man aus der Rolle, welche D. in Aristophanes Rittern spielt (besonders v. 54ff.), auf einen Zwiespalt zwischen ihm und Kleon schliessen darf; Thatsache ist, dass er zusammen mit Kleon und anderen Vertretern der Kriegspartei für das folgende Jahr (424/3) wieder zum Strategen gewählt ward (Strack a. a. O. 41).

In Pylos wurden Messenier aus Naupaktos angesiedelt (Thuc. IV 41, 2); D. scheint, wie aus CIA I 273, 18ff. hervorgeht, dort noch einige Zeit geblieben zu sein (vgl. Dittenberger Syll.1 29 Anm. 12). Die von ihm begonnene Besetzung von Plätzen an der Küste der Peloponnes wurde von Nikias weitergeführt; er selbst und sein Amtsgenosse Hippokrates unternahmen es, im folgenden Sommer (Juli 424, Beloch Attische Politik 304. Strack a. a. O. 62) Megara im Einverständnis mit der dortigen Demokratie zu gewinnen (Thuc. IV 66ff. Diod. XII 66. 67). Trotzdem dass sich die Sache anfangs günstig anliess, scheiterte der Anschlag durch das unvermutete Dazwischentreten des Brasidas, welcher sich auf dem Marsche nach Thrakien befand; doch blieb der Hafen Nisaia im Besitz der Athener und ward durch eine Besatzung gesichert. Von noch grösserer Wichtigkeit wäre, wenn gelungen, der darauf folgende Versuch gewesen, mit Hülfe politischer Flüchtlinge sich Boiotiens zu bemächtigen; der Plan erinnert an D.s Vorgehen im aitolischen Feldzug, scheint aber doch von Hippokrates ausgegangen zu sein, der wenigstens die Oberleitung des Unternehmens in der Hand behielt (Thuc. IV 76. 77. Diod. XII 69. 70). D. wurde mit einer Flotte nach Naupaktos vorausgeschickt und sollte, nachdem er sich durch Heranziehung der Akarnanen verstärkt hatte, von da gegen Siphai vorgehen, welches ihm boiotische Parteigänger in die Hände zu spielen hatten; an demselben Tage sollte Chaironeia überrumpelt werden und Hippokrates von Athen aus in Boiotien (bei Delion) einfallen. Der Plan war zu künstlich und auf das Zusammentreffen zu vieler Factoren begründet, als dass er gelingen konnte; als man (etwa November 424. Strack a. a. O. 62) zur Ausführung schritt, schlug D. in Folge einer falschen Berechnung der Tage zu früh los, und da zugleich die Boioter durch Verrat Kenntnis von dem gegen sie gerichteten Unternehmen erhalten hatten, musste er unverrichteter Dinge umkehren (Thuc. IV 89ff.). Die Folge war, dass die gesamte Kriegsmacht des boiotischen Bundes sich gegen Hippokrates wenden konnte und letzterer bei Delion eine schwere Niederlage erlitt, die bedeutendste in dem bisherigen Verlauf des Krieges, bei welcher er selbst auf dem Platze blieb. Eine unmittelbar darauf folgende Landung des D. im Gebiet von Sikyon wurde abgeschlagen (Thuc. IV 101, 3. 4). Dieser Misserfolg, der schwerwiegende Consequenzen nach sich zog, scheint das attische Volk gegen D. ernstlich und für längere Zeit verstimmt [167] zu haben; er tritt für eine Reihe von Jahren ganz von dem Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit ab. Im J. 421 errang er als Choreg seiner Phyle Aiantis einen Sieg im Männerchore (CIA II 971, frg. b, 11. Koehler Athen. Mitt. III 108). Aber erst für 418/7 wurde er wieder zum Strategen bestellt; es ist dies bezeugt durch die an ihn in der ersten und zweiten Prytanie des Jahres Ol. 90, 3 aus dem Schatz der Athena geleistete Zahlung CIA I 180, 5ff. 13ff. und durch Thuc. V 80, 3. Wie Müller-Strübing Rh. Mus. N.F. XXXIII 78ff. nachwies, war D. Befehlshaber der aus Athenern und deren peloponnesischen Bundesgenossen zusammengesetzten Truppenmacht, welche gegen Ende des Sommers 418 einen Zug gegen Epidauros unternahm und das Heraion daselbst (auf einer kleinen, ins Meer vorspringenden Anhöhe) befestigte, wohin eine combinierte Besatzung gelegt ward (Thuc. V 75, 5. 6); nach dem Übertritt von Argos auf Seiten Spartas im Winter 418/7 war es wieder D., welcher die Räumung dieses Punktes durchführte (Thuc. V 80, 3). Vgl. darüber besonders Dittenberger zur Sylloge² 37; die Annahme Müller-Strübings a. a. O., dass D. vorher in Thrakien verwendet wurde, ist ebensowenig aufrecht zu halten, wie seine Vermutung (Aristophanes 453), dass er in den nächsten Jahren ebenfalls in Thrakien beschäftigt war.

Vielmehr tritt auch jetzt eine Pause in D.s Thätigkeit ein, bis er für 414/3 zum Strategen gewählt ward (Beloch Att. Politik 309). Als im November 414 die dringende Botschaft des Nikias aus Sicilien in Athen eintraf, beschlossen die Athener, ein neues Heer dorthin zu schicken und mit dessen Commando D. und Eurymedon zu betrauen. Eurymedon wurde sogleich (um die Winterwende) vorausgesandt, während D. noch zurückblieb, um Schiffe und Truppen zu sammeln (Thuc. VII 16. 17). Im Frühjahr 413 ging er von Athen ab; auf der Fahrt um die Peloponnes machte er eine Landung an der lakonischen Küste und legte gegenüber von Kythera eine Befestigung an. Er nahm dann Aufenthalt in Zakynthos, Kephallenia und Korkyra, von wo er mit Eurymedon, der ihm entgegengekommen war, nach Unteritalien übersetzte (Thuc. VII 20. 26. 31. 33. 35). Die lange Dauer seiner Fahrt und seine häufigen Stationen lassen sich nur aus der Notwendigkeit erklären, dass er überall Verstärkungen, besonders an leichten Truppen, in welcher Waffe die Syrakusaner den Athenern sehr überlegen waren, an sich ziehen musste; es bedarf daher nicht der kühnen Hypothese Müller-Strübings (Jahrb. f. Philol. CXXVII 1883, 690ff.), dass er die Absicht hatte, zu spät zu kommen. Endlich langte er mit 73 Schiffen und 5000 Hopliten, darunter 1200 Athenern, sowie einer bedeutenden Macht an Leichtbewaffneten in Syrakus an (etwa Anfang August 413, er war für 413/2 wieder zum Strategen gewählt worden, Beloch Att. Politik 309). D. erfasste sogleich mit richtigem Blick die Lage und erkannte, dass es, um den Athenern die Oberhand wieder zu verschaffen, notwendig sei, rasch vorzugehen und sich des syrakusanischen Gegenwerkes auf Epipolai zu bemächtigen; allein ein nächtlicher Handstreich, welchen er sogleich nach seiner Ankunft auf die Anhöhe unternahm, misslang (Thuc. VII 42ff. Plut. Nic. 21. Diod. XIII [168] 11, 3ff.). Sein Vorschlag, unter diesen Verhältnissen die Belagerung ganz aufzugeben und nach Hause zu fahren, stiess auf den Widerstand des Nikias, welcher auch der weiteren Anregung, von einem anderen Punkte Siciliens aus den Krieg fortzuführen, nicht zustimmen wollte; als es endlich nach längerer Verzögerung gelang, seine Einwilligung zu gewinnen (die Syrakusaner hatten unterdes neue Verstärkung erhalten), und die Athener sich zur Abfahrt anschickten, trat die Mondfinsternis des 27. August 413 ein, worauf Nikias erklärte, sie müssten noch einen Monat bleiben (Thuc. VII 47ff. Plut. Nic. 22. 23. Diod. XIII 12). Damit war der Untergang des attischen Heeres besiegelt; in einer bald darauf folgenden Seeschlacht blieben die Syrakusaner Sieger, und auch der Versuch der attischen Flotte, den Durchbruch aus dem versperrten Hafen zu erzwingen, scheiterte trotz der grössten Tapferkeit. D.s Plan, die Ausfahrt noch einmal zu wagen, konnte wegen der Weigerung der Schiffsleute nicht ausgeführt werden (Thuc. VII 51 ff. Plut. Nie. 24f. Diod. XIII 13ff.). Bei dem Rückzug zu Lande befehligte er das rückwärtige Corps, welches allmählich weit zurückblieb, da es von dem verfolgenden Feinde stark belästigt ward, und Nikias mit den an der Tete befindlichen Truppen rasch fortzukommen trachtete; am sechsten Tage wurde D. von den Syrakusanern eingeschlossen und musste sich ergeben (Thuc. VII 75ff. Diod. XIII 18ff. Plut. Nic. 26ff.; Philistos frg. 46 M. und Plut. Nic. 27 melden, dass D. bei der Gefangennahme einen Selbstmordversuch machte). Zwei Tage später traf Nikias das gleiche Los. Die beiden Feldherren wurden von den Syrakusanern hingerichtet (September 413), vgl. Thuc. VII 86. Diod. XIII 19ff. Philistos frg. 46; dagegen berichtet Timaios frg. 102, dass sie sich selbst ums Leben gebracht hätten, was von Grote Hist. of Greece² VII 187 und Holm Gesch. Griechenl. 1168 mit Unrecht acceptiert wurde, vgl. Freeman Hist. of Sicily III 711ff. Über die sicilische Expedition und D.s Beteiligung an derselben vgl. die allgemeinen Darstellungen von Grote und Curtius, dann Holm Gesch. Siciliens II und Freeman Hist. of Sicily III.

Eine zusammenhängende Würdigung des D. als Feldherrn gab W. Vischer in seiner Abhandlung ,Das Kriegssystem der Athener vom Tod des Perikles bis zur Schlacht von Delion und Demosthenes, der Sohn des Alkisthenes‘ (jetzt Kleine Schriften I 53ff.); er hat aber seinen Helden entschieden überschätzt und dessen unleugbare Schwächen nicht erkannt. D. vereinigte in sich die trefflichsten soldatischen Eigenschaften, herzhaften Mut und eine vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Kühnheit. Dies beweisen seine improvisierte Verteidigung von Pylos und der Angriff auf Epipolai; er war ein gewandter Taktiker (Curtius Gr. Gesch.³ II 415), der rasch die Lage zu erfassen wusste und seine Stärke in Überfällen und Hinterhalten (Idomene, Megara, Boiotien, Epipolai) fand. Dass er zuerst in umfassender Weise die leichten Truppen zur Entscheidung des Gefechts heranzog, wurde bereits bemerkt. Dem gegenüber tritt seine strategische Begabung sehr zurück; seine grossen Kriegspläne, wie die gegen Aitolien und Boiotien gerichteten, lassen Umsicht und das richtige Mass zwischen den Zielen und [169] den zu Gebote stehenden Mitteln vermissen. Dazu stand er unter der Herrschaft seines sanguinischen Temperaments und seiner Ungeduld; das ihm von Thukydides (IV 10, 1) in den Mund gelegte ἀπερισκέπτως εὔελπις ὁμόσε χωρῆσαι τοῖς ἐναντίοις giebt für manche Momente seiner Feldherrenlaufbahn eine treffende Kritik (doch ist das von Beloch Att. Politik 31. 32 über ihn gefällte Urteil zu hart). Von seiner besten Seite zeigte sich D., auch an Jahren gereift, in dem sicilischen Feldzuge; leider waren ihm damals durch Nikias die Hände gebunden.