Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Vater des Aeneas
Band I,2 (1894) S. 2106 (IA)–2109 (IA)
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Anchises. 1) Ἀγχίσης, gegen Ausgang der römischen Republik und in der Kaiserzeit Ἀγχείσης, altlateinisch Agchises Priscian inst. gramm. I 39 p. 13, 14 Hertz, Anchisa Quintilian inst. orat. I [2107] 5, 61. Der Stamm des Dardanos wird in der Ilias nicht nur durch zwei Linien vertreten (s. Aineias), sondern auch durch zwei Generationen. Wie Aineias dem Hektor, so steht der Sohn des Kapys, A. (Il. XX 239), dem des Laomedon, Priamos, gegenüber. Die Eifersucht der jüngeren Linie gegen die ältere mächtigere spricht sich auch in der Erzählung der Ilias (V 265ff.) von den Rossen des Laomedon und des A. aus. Die hervorragende Stellung, welche A. in Troia einnimmt, zeigen die homerischen Beiwörter ἄναξ ἀνδρῶν (Il. V 268), ἀμύμων (II 247), μεγαλήτωρ (V 468. XX 208). Da der Ilias seine Liebe zu der Aphrodite auf dem Ida bekannt ist (II 820ff. V 247ff. XX 208ff., vgl. Hesiod. theog. 1008ff.), so wird die ausführliche Schilderung derselben in dem homerischen Hymnos auf diese Göttin in allem wesentlichen die dem Homer vorliegende Sagenform wiedergeben. Auch der in dem Hymnos nur angedeutete Zug von der Bestrafung des A. durch den Blitz des Zeus, weil er sich der Liebe der Göttin unverständigen Sinnes gerühmt hat (Vers 286ff.), muss altepisch sein. Denn obgleich erst Sophokles (frg. 344 N.², vgl. Hyg. fab. 94) davon weiss, so beweisen doch die vom Epos abhängigen archaischen Vasen (s. Aineias S. 1017), auf welchen A. von seinem Sohn aus dem eroberten Troia getragen wird, dass man ihn sich gelähmt dachte, und auf der Vivenziovase ist dies durch den schlaff und verdreht herabhängenden Fuss des A. (vgl. den Hephaistos auf der Françoisvase) noch deutlicher ausgesprochen. Zugleich ergiebt sich, dass die abweichenden Überlieferungen von der Tötung des A. (Hyg. a. a. O.) oder von seiner Blendung (Theokrit bei Serv. Aen. II 35. 687, vgl. I 617. II 649; die beiden letzten Stellen scheinen die ὑπόθεσις eines verlorenen Gedichtes des Theokrit zu enthalten) späteren Ursprunges sind. Die in der Ilias XIII 428ff. erwähnte älteste Tochter des A., Hippodameia, welche mit Alkathoos vermählt ist, hat der Dichter offenbar frei erfunden. Den Namen ihrer Mutter erwähnt Homer nicht, der Scholiast jedoch behauptet, dass sie Eriopis hiess. Die Flucht des A. mit Aineias und seinen Genossen auf den Ida hatte nach Proklos (Kinkel Epic. frgm. I 49, vgl. Sophokles a. a. O. Xenoph. de venat. I 15. Apd. epit. Vat. XXI 19. Quint. Smyrn. XIII 300), dessen Angabe die Vasen bestätigen, schon Arktinos in seiner Iliupersis erzählt. Auch kannte man in älterer Zeit kein Grab des A. in der Troas (Paus. VIII 12, 9). Denn die gegenteilige Überlieferung lässt sich vor Eustathios Il. XII 98 nicht nachweisen.

An den altepischen Kern hat sich die spätere Sagenbildung angeschlossen. Nach Hygin fab. 94. 270 ist A. der Sohn des Assarakos, den Homer als seinen Grossvater bezeichnet. Als seine Mutter wird von Apollodor III 12, 2, 3 Themis, die Tochter des Ilos, genannt. Nach Dionys. Hal. I 62, 2 ist es Hieromneme, eine Naiade (vgl. Hom. hymn. Ven. 284). Hygin fab. 135 (vgl. Welcker Griech. Tragoed. I 151f. Robert Bild u. Lied 194. R. Förster Verhandl. 40. Philol. Versamml. Görlitz 432f.) bezeichnet Laokoon als seinen Bruder. Aus dem Schiffskatalog, wo Aineias mit den Antenoriden die Dardaner führt, schliessen die Mythographen, dass A. Dardanos und andere Troia benachbarte Städte beherrschte (Apd. frg. Sabb. fol. 116 b. [2108] Quint. Sm. VIII 96ff.). Die Liebe der Aphrodite zu A. erklärt der homerische Hymnos (45ff.) als von Zeus gesandte Strafe, weil sie Götter und Göttinnen zu Sterblichen hätte in Liebe entbrennen lassen. Apollodor III 12, 2, 3 dagegen δι’ ἐρωτικὴν ἐπιθυμίαν. Akusilaos (FHG I 103 frg. 26) erzählte, Aphrodite habe sich mit dem schon gealterten A. vermählt, weil ihr ein Orakel bekannt geworden sei, dass nach Zerstörung der Herrschaft der Priamiden das Königtum auf die Nachkommen des A. übergehen würde. Nach Apollodor a. a. O. gebar sie dem A. ausser Aineias den Lyros (so die Hss., auch Sabb. fol. 124 a; die Vermutungen von Heyne Λύρνον und Hercher Λύρκον sind unnötig), welcher kinderlos starb. Theokrit 20, 25 und Nonnos Dionys. XV 210ff. erzählen, dass sie zusammen mit A. dessen Rinder weidete. Ähnliches berichtet Properz (III 32, 33, vgl. Haupt Opusc. II 60ff. A. Otto De fabulis Propertianis, I Bresl. 1880, 12). Ein natürlicher Sohn des A. ist Elymos (Lykophr. 965 mit Schol. Serv. Aen. V 73).

Diese Sage führt uns zu den Nachrichten über die späteren Schicksale des A., welche in Zusammenhang mit der Verlegung der Aineiassage in den Westen entstanden sind. Stesichoros ist der älteste Zeuge, nach dem er die Troas verlässt (s. Aineias). Aber als den Ort, wohin er mit seinem Sohn gelangte, gab er noch ganz allgemein Hesperien an. Nach Naevius bei Serv. Aen. III 10 begleitete ihn seine Gattin auf der Flucht aus Troia. Er ist der Priester und Seher des Aineias (Stesichoros auf der tabula Iliaca, wo A. die Heiligtümer trägt. Sophokles a. a. O. Naevius bei Probus zu Verg. buc. 6, 31 p. 14, 6 Keil. Schol. Veron. Aen. II 687. Verg. Aen. II 687ff. 263ff. u. ö.) und ein alter Freund des Apollonpriesters und Königs von Delos, Anios (Aen. III 80ff., vgl. Serv. z. d. St. Ovid. met. XIII 640ff.). Nach Vergil Aen. VIII 156ff. hatte er als Begleiter des Priamos auf einer Fahrt nach Salamis mit Euander in Pheneos Gastfreundschaft geschlossen. Varro (bei Serv. Aen. IV 427) erzählte, Dionysos habe die Gebeine des A. ausgegraben und mit sich herumgeführt, später aber dem Aineias zurückgegeben. Nach Theon zu Lykophron bei Steph. Byz. s. Αἴνεια war er in Aineia begraben, nach Paus. VIII 12, 8 in Arkadien am Berge Anchisia, nach Procop. Goth. IV 22 zu Anchisos in Epirus. Cato (orig. II frg. 9 Peter, vgl. Strab. V 229. Origo gent. Rom. 10ff.) liess A. in Latium sterben. Dagegen verlegt Vergil (Aen. III 710ff. V 760ff., vgl. Hyg. fab. 273) seinen Tod nach Drepanon in Sicilien, worauf er auf dem Berge Eryx ein Heroon erhielt. Dort feiert Aineias nach Verlauf eines Jahres ihm zu Ehren Spiele (Verg. Aen. V 42ff., vgl. V 64ff. Ovid. fast. II 543ff. Hyg. a. a. O.). Auch sollte A. ein Jahr vor dem Kriege mit Mezentius gestorben sein und Aineias ihm am Flusse Numicus ein Denkmal errichtet haben (Dion. Hal. I 64, 5). Dieselbe Quelle (I 73, 3) überliefert, dass Romos zu Ehren des A. in Latium eine Stadt Anchise gegründet habe. Nach Vergil Aen. VI 669ff. wohnt A. nach seinem Tode in der Unterwelt auf den Gefilden der Seligen und wird dort von Aineias aufgesucht, dem er die Geschicke seines Geschlechtes weissagt. In den Ἀγχίσης betitelten Stücken der mittleren Komödie von Anaxandridas und Eubulos (Meineke Com. [2109] I 359. 369. Kock FCA II 1, 137. 165) war die Sage parodisch behandelt.

Die Ableitung des Namens des A. ist völlig unsicher. Man kann nicht einmal entscheiden, ob er griechischen (Et. M. παρὰ τὸ ἄγχι, τὸ ἐγγὺς γενέσθαι τῆς Ἀφροδίτης, vgl. s. ἄγχι) oder asiatischen (phrygischen?) Ursprunges ist (Müllenhoff Deutsche Altertumsk. I 21). Hingegen steht fest, dass er zu den namentlich in Kleinasien einheimischen Lieblingen der Aphrodite gehört, die wie Paris, Adonis und Phaethon sich durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit die Gunst der Göttin und damit Glück und Reichtum erwerben, deren Herrlichkeit aber nicht lange dauert (Preller-Robert Griech. Myth. I 369ff.). Das Epos verband dann diese Gestalt ebenso wie die verwandte des Ganymedes mit dem Stammbaum des troischen Königshauses und seinen Schicksalen.

Bildwerke, welche mit Sicherheit auf A. bezogen werden können, sind nicht häufig. A. und Aphrodite (beide inschriftlich bezeugt) stehen im Schema der dextrarum iunctio einander gegenüber auf einer in Ilion geprägten Münze der Iulia Domna (Eckhel II 486, abg. Millin Galérie myth. XLIV 644 und Schliemann Ilios Fig. 1493, wohl Nachbildung einer plastischen Gruppe). Ein Marmorrelief der Villa Medici (Mon. d. Inst. VI 11, vgl. Matz-Duhn Ant. Bildw. nr. 3511. G. Wissowa De Veneris simulacris Romanis 35) zeigt im Giebel eines wahrscheinlich von Marc Aurel errichteten Tempels, wie Aphrodite dem als Hirt gekleideten und die linke Hand wie geblendet vor das Gesicht haltenden A. erscheint. In der Giebelecke liegt entsprechend dem Tiber auf der anderen Seite der Flussgott Simoeis (an dem nach Sil. It. XIII 59f. A. und Aphrodite sich vereinigten und nach Verg. Aen. I 617f. Aphrodite den Aineias gebar). Neben einander sitzen A. in phrygischer Tracht und Aphrodite auf dem Bronzerelief von Paramythia (Friederichs-Wolters Gipsabgüsse nr. 1961, abgebildet Millingen Ancient unedited monuments II Taf. XII und Baumeister Denkmäler I Fig. 84, vgl. Arch. Ztg. XXXII 12. XXXIV 9; dass sie wie bei Theokrit als Hirten gedacht sind, beweist der neben A. liegende Hund, vgl. O. Rossbach Arch. Jahrb. VIII 57) und auf einem Terracottarelief des Berliner Antiquariums (Arch. Ztg. V 12f. Taf. I). Auf einer apulischen Grabamphora des Berliner Antiquariums (nr. 1260 Furtwängler, abgebildet bei Gerhard Trinkschalen und Gefässe Taf. XXIII) steht A. neben Aineias in einer aedicula und reicht ihm eine Binde. Über die Bildwerke, auf welchen seine Flucht mit Aineias dargestellt ist, s. Aineias. A. mit Aineias und Askanios bei der Sibylle von Marpessos zeigen einige pompeianische Wandgemälde (Arch. Ztg. VI Taf. XVI, vgl. Dion. Hal. I 55, 4. C. Robert Herm. XXII 454f.). Ausserdem kommt A. als Nebenfigur in den Miniaturen der Vergilhandschriften vor (vgl. Aineias. Millin Gal. myth. CLXXVI* 645. Agincourt und Quast Sammlung der vorz. Denkmäler der Malerei Taf. XX. XXIII 2). Ausser der bereits erwähnten Litteratur s. Wörner in Roschers Lexikon I 327f. Preller-Jordan Röm. Mythol. II 311. Baumeister Denkm. I 80f.