Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde Nr. 8

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Autor: Oskar Dähnhardt, Eugen Mogk, Adolf Hauffen, Richard Wossidlo, Georg Lehnert
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Titel: Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde Nr. 8
Untertitel: Korrespondenzblatt
aus: Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde
Herausgeber: Oskar Dähnhardt
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Erscheinungsdatum: Dezember 1908
Verlag: Richard Hahn (H. Otto)
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: d-g-v.org, d-g-v.org, d-g-v.org, Commons
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[1]
Mitteilungen
des Verbandes deutscher Vereine
für Volkskunde
Nr. 8. (Korrespondenzblatt) Dezember 1908.
Bericht über die zweite Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde.

Am 2. und 3. Oktober fand die zweite Tagung des Verbandes in Berlin, in der altangesehenen Ressource zur Unterhaltung statt.

Dort bereiteten die mit ihren Damen zahlreich erschienenen Mitglieder der Berliner Vereine, insbesondere des Vereins für Volkskunde, am Abend des 2. Oktober den auswärtigen Gästen einen überaus herzlichen Empfang. Nach liebenswürdiger Begrüßung durch Herrn Prof. Dr. Roediger entfaltete sich ein reiches Programm volkskundlicher Vorführungen. Alte Volkslieder, gesungen von Frau Klossegk-Müller, Frl. Friedel und Frl. Schmidt, neue Volkslieder, von dem erzgebirgischen Volksdichter Herrn Anton Günther zur Gitarre vorgetragen, Herdenreigen und Kuhpolka, auf zwei Schwegelpfeifen, sowie Ländler, auf Mundharmonika und Gitarre von Herrn Georg Drechsler zu Gehör gebracht, Alphornklänge und Kuhreigen auf dem Antilopenhorn, Signale nebst deren volkstümlichen Deutungen von Herrn Kgl. Kammermusiker Königsberg vorgeführt, dazwischen Jodelkünste des greisen Schweizers Joseph Felder und Kasperlespiele des Herrn Ganzauge aus Dresden – das alles zog in rascher Folge vorüber und wurde mit Dank gegen die Veranstalter, namentlich die Herren Prof. Roediger und Prof. Bolte, aufmerksam entgegengenommen.

Am 3. Oktober, vormittags 10 Uhr, folgte die geschäftliche Beratung der Abgeordneten.

Anwesend waren die Herren:

Dr. Brunner, als Vertreter der Kgl. Sammlung für Volkskunde zu Berlin,

Dr. Dähnhardt, als Schriftführer des Verbandes,

Prof. Dr. Hauffen, als Vertreter des Ausschusses für deutschböhmische Volkskunde in Prag und des Verbandes für Egerländer Volkskunde,

Prof. Dr. Helm, als Vertreter des Vereins für bayerische Volkskunde,

Prof. Dr. Kahle, als Vertreter des Badischen Vereins für Volkskunde,

Direktor Dr. Lauffer, als Vertreter des Vereins für Hamburger Geschichte,

Prof. Dr. John Meier, als Vertreter der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde,

Prof. Dr. Mogk, als Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses des Verbandes und als Vertreter des Museums für Völkerkunde in Leipzig,

Dr. Peßler, als Vertreter des Hamburger Museums für Völkerkunde,

Prof. Dr. Roediger, als Vertreter des Vereins für Volkskunde in Berlin,

[2] Prof. Dr. Sartori, als Vertreter des Rheinisch-westfälischen Vereins für Volkskunde,

Pfarrer Schulte, als Vertreter der Hessischen Vereinigung für Volkskunde,

Prof. O. Seyffert, als Vertreter des Vereins für sächsische Volkskunde,

Prof. Dr. Siebs, als Vertreter der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde,

H. Sökeland, als Vertreter des Vereins der Kgl. Sammlung für Volkskunde Berlin,

Dr. Träger, als Vertreter der Berliner Anthropologischen Gesellschaft,

überdies eine größere Zahl Herren mit beratender Stimme, darunter Herr Prof. Dr. Bolte, Berlin, und Herr Prof. Dr. Wossidlo, Waren i. Meckl.

1. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung, hieß die Erschienenen zur gemeinsamen Arbeit willkommen und gedachte sodann der Männer unserer Wissenschaft, die seit der Eisenacher Delegiertenversammlung (24. Mai 1907) verstarben: Prof. Gallée, Elard Hugo Meyer, Albrecht Dieterich und Geh. Sanitätsrat Dr. Lissauer.

2. Dr. Dähnhardt erstattete den Geschäftsbericht, aus dem hervorging, daß die Registrierung der Volkslieder (vgl. Mitt. Nr. 5, Punkt 5) vom Verein für sächsische Volkskunde beendet ist, die Verbindung mit der österreichischen Organisation der Volksliedersammlung teils gelungen, teils in Aussicht gestellt ist. Die Bibliographie des deutschböhmischen gedruckten und handschriftlichen Volksliederbestandes – eine Arbeit, die zwei bis drei Jahre dauern dürfte – hat Herr Prof. Hauffen zugesagt. Für die Aufnahme der zu erwartenden Materialien hat die Direktion der Universitätsbibliothek zu Leipzig einen Raum zur Verfügung gestellt. Ein Schema, nach welchem der Bestand an Drucksachen und handschriftlichen Sammlungen volkskundlichen Inhaltes von den einzelnen Vereinen einheitlich verzettelt werden kann (vgl. Mitt. Nr. 5, Punkt 4), hat der Ausschuß nach Verständigung mit dem Vorsitzenden der 5. Abteilung der Geschichts- und Altertumsvereine, Herrn Prof. Brenner, ausgearbeitet und versandt. – Wie Herr Prof. Kahle mitteilte, sind die Volkslieder der alemannischen Teile Badens ebenfalls fertig registriert. – Im Auftrage des abwesenden Rechners legte Dr. Dähnhardt sodann die Rechnung vor, die mit einem Kassenbestand von 243 Mk. 34 Pfg. abschloß. Die Rechnung wurde von den Herren Sökeland und Ludwig geprüft und richtig befunden, worauf dem Rechner Entlastung erteilt wurde.

3. Prof. Kahle brachte die von ihm und Dr. Hugo Hepding (Gießen) ausgearbeiteten Leitsätze zur Sammlung der Zaubersprüche und Segen des deutschen Sprachgebietes zur Besprechung (vgl. Mitt. Nr. 5, Punkt 7). Sie wurden mit geringen Änderungen angenommen und werden demnächst den Vereinen zugesandt.

4. Zur Frage der Zeitschriftenschau, über die Prof. Mogk berichtete, wurde ein Antrag des Ausschusses in der folgenden von Prof. Roediger und Prof. John Meier formulierten Fassung angenommen:

„Der Verband hält den Fortbestand der Zeitschriftenschau im bisherigen Umfang, nur mit genauerer Sichtung des Materials, für notwendig und sagt der Hessischen Vereinigung für Volkskunde seine pekuniäre Unterstützung zu, sobald ihm die Mittel zu seiner Arbeit zur Verfügung stehen. Ueber die Einzelheiten wird der Ausschuß beauftragt, mit der Hessischen Vereinigung in Verbindung zu treten.“

[3] 5. Es folgte die Beratung über die zu beschaffenden Mittel. Zuvor erklärte die Versammlung auf Anregung des Herrn Prof. Roediger und besonderen Antrag des Herrn Prof. Kahle, den Ausschuß bei aller Weiterarbeit nach besten Kräften zu unterstützen, und beauftragte ihn hierauf, eine Petition an den Reichskanzler zu richten und persönlich beim Reichsamt des Innern vorstellig zu werden. Es soll hierbei zunächst lediglich die Sammlung der Volkslieder betont werden.

6. Zur Frage der Angliederung an den „Internationalen Bund folkloristischer Forscher FF“ wurde auf Antrag des Ausschusses beschlossen:

„Die Einzelvereine sollen ihre Mitglieder auf die Vorteile des Internationalen Bundes folkloristischer Forscher aufmerksam machen und die wissenschaftlich Tätigen zum Beitritt auffordern.“

7. Hierauf gelangten noch folgende Anträge des Ausschusses zur Annahme:

  1. „Solange dem Verbande keine Mittel zur Verfügung stehen, die die Anstellung einer Hilfskraft ermöglichen, bleiben die eingesetzten Ausschüsse bestehen.“
  2. „Die Vereine werden ersucht, innerhalb ihrer Vereinsgebiete von den Getreidepuppen photographische Aufnahmen zu machen und das Auftreten der verschiedenen Formen festzustellen.“

Herr Mielke erklärte sich bereit, einen Entwurf darüber vorzulegen.

8. In die Volksliederkommission wurde auf Antrag von Prof. Bolte Herr Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Friedländer gewählt. Dieser nahm die Wahl dankend an.

9. Auf Antrag von Herrn Sökeland wurde der Ausschuß beauftragt, eine Änderung des § 14 der Statuten (Beitrag betreffend) bis zur nächsten Tagung vorzubereiten.

10. Für den nächsten Verbandstag wurde Graz gewählt.

11. Der geschäftsführende Ausschuß wurde durch Zuruf wiedergewählt.

Auf die Beratung folgte ein Vortrag des Herrn Prof. Hauffen über das österreichische Volkslied und seine vorbereitete Herausgabe, der unten abgedruckt ist. Ein zweiter Vortrag, den Herr Pfarrer Schullerus in Hermannstadt zugesagt hatte, mußte leider ausfallen, da dieser durch amtliche Gründe am Erscheinen verhindert war. Um 2½ Uhr schloß der Vorsitzende mit herzlichen Dankesworten die Sitzung.

Um 5 Uhr fand eine von zahlreichen Teilnehmern (über 250) besuchte öffentliche Versammlung statt, welche durch die Gegenwart des Herrn Geheimen Oberregierungsrats Dr. Schmidt, der in Vertretung des Herrn Unterrichtsministers erschienen war, ihre besondere Auszeichnung erhielt. Nach einer Ansprache des Herrn Prof. Dr. Mogk, die wir unten im Wortlaut wiedergeben, ergriff Herr Prof. Dr. Siebs das Wort, um Ziele und Aufgaben der Volkskunde eingehend zu erläutern. Der Vortragende setzte zunächst die Entwicklung der volkskundlichen Bestrebungen in Deutschland auseinander; wenn auch einzelne hervorragende Gelehrte, vor allem die Brüder Grimm, Müllenhoff, Schmeller, Weinhold sich schon vorher um Brauch und Sitte, Sage und Märchen, Lied und Glauben des Volkes gekümmert hatten, so war die Pflege dieser Dinge doch recht eigentlich der Zeit nach 1870, seit dem Erstarken des deutschen Nationalgefühls, vorbehalten. In neuester Zeit verdanken wir reiche Förderung [4] indirekt der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften, denn durch die von ihr angeregte Katalogisierung der deutschen Handschriften ist der Volkskunde – wie an den von Dr. Klapper in Breslau gemachten Entdeckungen gezeigt wurde – reicher Stoff zugeführt worden: besonders in den Predigthandschriften des späten Mittelalters ist vieles Wissenswerte zur Erforschung des Volksglaubens in der Sagen- und Märchenliteratur enthalten. Durch geeignete Beispiele beleuchtete der Vortragende dann die Methodik der einzelnen Forschungsgebiete und warnte vor Leichtgläubigkeit und ungenügender Nachprüfung des mündlich gesammelten Stoffs; er forderte strenge Organisation der Sammeltätigkeit, wodurch wirklich brauchbares Neue von schon Bekanntem und stets Wiederholtem gesondert werde. Hierzu aber seien Mittel nötig, und auch in anderer Hinsicht sei die Unterstützung durch die Regierung der Einzelstaaten und des Reiches unerläßlich; um stetige Wiederholungen des schon Aufgezeichneten zu vermeiden, sei es wünschenswert, daß die guten und weite Kreise interessierenden Veröffentlichungen der Sagen, Sitten und Bräuche, Märchen, Lieder für Schulen und Bibliotheken allgemein zur Verfügung gestellt würden, und dadurch würde auch überall Liebe zur Sache geweckt werden. So dankenswert es sei, daß für Beschaffung greifbarer Gegenstände und Abbildungen – vom prähistorischen Steinbeil bis zur modernen Flinte – den Museen und Schulen fast ungezählte Mittel zuflössen, so sei es doch bedauerlich, daß die rein geistigen Äußerungen des Kulturlebens so ganz zu kurz kämen, daß nicht den Bibliotheken, den Lehrern und Schülern ebenso reich die Quellen rein geistigen Lebens flössen, die der Phantasie und der Heimatliebe fruchtbaren Boden schaffen.

Der Vortragende gab dann als Beispiel wissenschaftlicher Darstellung eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Sitten und Bräuche bei der Verlobung und Hochzeit und zeigte, wie aus diesen unter Hinzuziehung älterer Quellen ein Bild der germanischen Einrichtung und Feier des Brautlaufes und der Heimführung gewonnen werden kann.

Alsdann sprach der Redner mit kurzem Worte über die Erforschung von Haus- und Kirchenbau, Dorf- und Stadtanlage und Volkstracht. In wissenschaftlicher Beziehung könne auf diesem letzteren Gebiete wohl mehr geschehen als in praktischer Hinsicht zum Schutze der Volkstrachten, denn von jeher sei das Landvolk der städtischen Mode gefolgt, und das werde sich auch in Zukunft nicht ändern lassen. Eine andere Frage sei es, ob nicht unsere höheren Kreise einmal die Kraft in sich fühlen würden, einen deutschnationalen Willen in ihrer Kleidung auf irgendeine Weise zu betätigen, anstatt sich die Formen ihrer Gewänder von Pariser Kokotten oder englischen Dandies vorschreiben zu lassen.

Zum Schluß wies der Redner auf die hohe Bedeutung der Mundartenpflege und -forschung sowie auf den historischen Wert der Volkskunde hin; auch betonte er die wichtigen sozialen Aufgaben, die fast alle Berufe aufs engste mit der Volkskunde verknüpften: dem Gesetzgeber und Juristen sei es nötig, mit dem Rechtsempfinden des Volkes näher vertraut zu sein; der Arzt würde der heillosen Kurpfuscherei am besten dadurch begegnen, daß er Verständnis für Empfinden und Überlieferungen des Volkes gewinne; der Geistliche werde unsinnigem Aberglauben wirkungsvoller entgegentreten usw.

So hob der Redner den wissenschaftlichen, ästhetischen, sozialen und nationalen Wert der Volkskunde hervor und forderte zu gemeinsamer Arbeit an ihrer Hebung auf.

[5] An diesen Vortrag schloß sich ein glänzendes Festmahl an. Das Hoch auf den Kaiser als den Förderer volkskundlicher Bestrebungen brachte Herr Prof. Dr. Mogk aus. Er verlas hierbei folgende Depesche, die als Antwort auf ein am Vormittage an Seine Majestät übersandtes Huldigungstelegramm eingetroffen war:

„Se. Majestät der Kaiser und König nehmen lebhaftes Interesse an den Bestrebungen deutscher Vereine für Volkskunde, erhoffen von der diesjährigen Tagung fruchtbare Anregung und lassen für den Huldigungsgruß bestens danken.
Auf Allerhöchsten Befehl. Der Geheime Kabinettsrat i. V. v. Berg.“

Herr Prof. Roediger dankte allen, die zum Gelingen der Tagung beigetragen hätten, insbesondere den Vertretern der Vereine und dem Herrn Kultusminister, der einen Vertreter entsandt habe; Herr Geh. Oberregierungsrat Schmidt hob in seiner Erwiderung hervor, daß das Ministerium den Bestrebungen des Verbandes aufmerksame Teilnahme zuwende und sie nach Kräften fördern werde, er ermunterte zu weiterem Gedeihn der Arbeit und trat warm für die Wiederbelebung des Volksgesanges ein; Herr Geheimrat Friedel begrüßte den Verband als Vertreter des Oberbürgermeisters der Stadt Berlin, als Direktor des Märkischen Provinzialmuseums und als Vorsitzender der „Brandenburgia“, Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg, die dem Verbande bereits am Vormittage eine eigene Festschrift „Beiträge zur Volkskunde“ überreicht hatte; Herr Prof. O. Seyffert dankte dem Berliner Ortsausschuß für seine mühevolle Arbeit, Herr Prof. Bolte feierte die Damen, Herr Prof. Erich Schmidt richtete herzliche Dankesworte an die auswärtigen Vertreter, besonders Österreichs und der Schweiz.

Nach der Tafel kam der volkskundliche Charakter des Tages noch einmal zur Geltung. Volkslieder, die von Fräulein Bremer, Herrn Hjalmar Arlberg und Herrn Anton Günther gesungen wurden, Jodler und Heimatlieder des Herrn Joseph Felder und Meister Ganzauges Kasperletheater erregten lebhaften Beifall.

Ein fröhlicher Ball, der die Teilnehmer noch lange beisammen hielt, bildete den Schluß. Voll herzlicher Dankbarkeit sind dann alle, die in der Reichshauptstadt eine so schöne Gastlichkeit genossen, in die gewohnten Geleise des Lebens und der Arbeit heimgekehrt. Eine Heimkehr voll Vertrauens in die künftige Entwickelung des Verbandes!

Möge uns die Stadt, in der einst Karl Weinhold der Volkskunde zu wissenschaftlichem Ansehen verhalf, einen neuen Aufschwung volkskundlicher Forschung bringen, reichen Gewinn für die Wissenschaft und für das gesamte deutsche Volk.

O. D.

Der Einfluß der Volkskunde auf die verschiedenen Zweige der Wissenschaft und Kunst.
Ansprache von Professor Dr. Eugen Mogk aus Leipzig.

Hochverehrte Damen und Herren!

Nachdem wir uns diesen Vormittag wissenschaftlich und theoretisch mit der Volkskunde beschäftigt haben, begrüßen wir Sie an diesem Abend, wo [6] wir nach alter Sitte auch der Praxis ihr Recht einräumen. Wir treten jetzt bald in die Zeit der Kirchweihen, jener alten volkstümlichen Feste unter christlichem Namen, die noch heute vielfach im Volke der Höhepunkt des festlichen Jahres sind. Von ihnen sagt schon Johannes Agricola, der Landsmann und Zeitgenosse Luthers: „Zu den Kirchmessen gehen die Deutschen zusammen und sind fröhlich und guter Dinge; es geschieht aber des Jahres nur einmal; darum ist es löblich und ehrlich, sintemal die Leute dazu geschaffen sind, daß sie freundlich und ehrlich untereinander leben sollen.“ Wenn wir nun heute unsre Tagung mit einem Mahle, wie es bei den Kirmessen nie fehlen darf, beenden, so handeln auch wir löblich und wandeln in den Bahnen unsrer Vorfahren, zumal wir noch seltner als sie zu solcher Festlichkeit uns zusammenfinden. Doch bevor wir zu dieser leiblichen Nahrung übergehen, gestatten Sie uns noch etwas geistige Vorkost, die Sie mit unsern Zielen bekannt machen und Ihnen zeigen soll, daß das Mägdlein „Volkskunde“, das einst hier in Berlin zu frischer Lebenskraft erwacht, schon ein stattliches und vielbegehrtes Fräulein geworden ist.

Noch nicht zwei Jahrzehnte sind verstrichen, als hier in der Zentrale des deutschen Reiches Karl Weinhold das Aschenbrödel deutscher Wissenschaft an die Hand nahm, es ihres Küchengewandes entkleidete und ihm den ihm gebührenden Sitz bereitete. Seitdem ist das frische Mädchen in seiner Schönheit erkannt und ein Liebling vieler geworden, die mit wissenschaftlichem Ernst Liebe zu ihrem Volke verbinden und einen klaren Blick für das praktische Leben haben. Die zahlreichen Vereine für Volkskunde, die in vielen Ländern und Provinzen Deutschlands unter der Leitung wissenschaftlich geschulter Männer entstanden sind, legen hiervon Zeugnis ab. Eine neue Zeit ist hereingebrochen; unser altes Volkstum schwindet immer mehr. Was von ihm noch vorhanden ist, soll – vielleicht in letzter Stunde – gesammelt, wissenschaftlich bearbeitet und für die Gesamtheit nutzbar gemacht werden, damit uns spätere Geschlechter nicht einer Unterlassungssünde zeihen. Hier ist zugleich ein Gebiet geistiger Arbeit, auf dem der Gelehrte gemeinsam mit dem Laien, dem Mann aus dem Volke tätig sein kann und das sich so trefflich eignet, die Kluft sozialer Gegensätze zu überbrücken. Die Volkskunde ist eine Wissenschaft aus dem Leben und für das Leben. Hierüber wird Ihnen mein Kollege Siebs berichten; mir gestatten Sie nur, daß ich in diesem Mittelpunkte geistigen Lebens und der Wissenschaft in wenigen Zügen auf die befruchtende Tätigkeit der Volkskunde hinweise, die sie auf andre Zweige der Wissenschaft und die Kunst ausgeübt hat.

Wer Volkskunde treibt, muß auch Völkerkunde treiben, d. h. er muß sich mit dem ganzen Ideenkreis der Naturvölker beschäftigen. Wer stammheitliche Volkskunde allein treibt, legt sich selbst eine Scheuklappe an, die ihm nie einen klaren Blick in die seelischen Äußerungen seines Volkes gibt. Nur durch die vergleichende Volks- und Völkerkunde werden uns die kulturellen Überreste unsers Volkes aus längst vergangenen Zeiten, aus seiner Kindheit und Jugend, erst verständlich. Durch diese vergleichende Volkskunde sind zahlreiche Wissenschaften in ganz neue Bahnen gelenkt worden. Was hat man früher nicht alles über den altgermanischen Götterglauben gefabelt und gedichtet: erst durch die Volkskunde wird uns allmählich die Religion unsrer Vorfahren klar, erst durch sie wird den Quellen der Wert zugesichert, der ihnen gebührt. Nach Useners treffenden Bemerkungen liegen die Anfänge und der Entwicklungsprozeß des Glaubens und Kultes aller Kulturvölker in einer vorliterarischen [7] Zeit; sie können wir nur entziffern aus den Uberlebseln, die die Völker aus ihrer Jugend jahrtausendelang namentlich in Sitte und Brauch erhalten haben. So hat die Religionsgeschichte aller Kulturvölker durch die Volkskunde einen neuen Aufschwung genommen. Ganz besonders ist er in der der klassischen Völker, vor allem der Griechen, zu beobachten. Usener, Erwin Rohde, von den jüngeren besonders der leider zu früh verschiedene Albr. Dieterich haben die griechische Mythologie, haben die antiken Lebensanschauungen mit dem Volkstum der Gegenwart verquickt und so einen frischen Zug in das Studium des klassischen Altertums gebracht und es dem Fluch des Epigonentums entrissen. Unter dem Einflusse der Volkskunde löst sich das, was man einst als Mythologie auffaßte, einerseits in Religionsgeschichte auf, anderseits in Göttersage und Göttermärchen.

Auch an der Heldensage ist die Volkskunde nicht spurlos vorübergegangen. Wohl herrscht noch vielfach die Anschauung, daß die Heldengestalten verblaßte Götter seien, allein die volkskundlichen Forschungen A. Olriks und die völkerpsychologischen Beobachtungen Wundts haben ihr ganz den Boden entzogen. Schon klopft die Volkskunde bei der literarischen Forschung an. Ich meine hier nicht bei der Behandlung des Märchens, der Sage, des Volksliedes; diese Dichtungsarten sind volkskundliche Objekte und sind als solche immer behandelt worden. In seiner Prager Rektoratsrede verlangt Sauer als Vorbedingung aller literargeschichtlichen Forschung gründliches Studium des Volkstums, das jeder Dichter aus seiner Heimat, aus seiner Familie mitgebracht hat; er erhofft hieraus eine Regeneration der Literaturgeschichte. – Und was von der Literaturgeschichte gilt, gilt noch mehr von der Kultur-, von der Staatengeschichte. Hier lehrt uns die Volkskunde den Boden kennen, auf dem allein die individuelle Begabung und Ausbildung auf Erfolg rechnen kann. Denn kein Talent hat Erfolge, wenn seine Ideen nicht Anerkennung, nicht ein Echo in der Seele seines Volkes finden. In Erkenntnis dieser Tatsache hat Lamprecht in Leipzig für sein neubegründetes kulturhistorisches Seminar eine besondere Abteilung für das Studium der Volkskunde geschaffen. Ich erinnere ferner an die Bedeutung, die volkskundliche Tätigkeit für die Sprachwissenschaft, für die Geschichte unsrer Muttersprache hat. Was dieser die Volkssprache, der Dialekt leisten kann, ist schon vor 100 Jahren von Schmeller erkannt. Aber erst in den letzten Jahrzehnten ist man seinem Fingerzeig gefolgt, und unter dem Einflusse der volkskundlichen Bewegung hat man in den verschiedenen Ländern deutscher Zunge begonnen, den dialektischen Wortschatz zu sammeln und in diesen Wörterbüchern zugleich die Zeugnisse volkstümlichen Denkens, Tun und Handelns aufzuschichten. In mustergültiger Weise haben die Schweizer mit ihrem Idiotikon den Anfang gemacht; Elsaß, Schwaben sind nachgefolgt, bei den Siebenbürger Sachsen, in den Rheinlanden, in Sachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein ist man rüstig an der Arbeit, an der das ganze Volk teilnehmen soll, und es ist zu hoffen, daß auch die andern Teile unsers Vaterlands, besonders auch die Deutschen in Österreich, noch folgen. Die Arbeit für die Dialektforschung zu konzentrieren und so die Wege zu einem großen deutschen Dialektwörterbuche zu bahnen, das wäre eine Aufgabe des Verbandes der deutschen Akademien, ganz im Sinne ihres Stifters Leibnitz. Leider hat unser Volk und unsre Wissenschaft von dieser Seite nicht viel zu hoffen, worauf erst jüngst wieder von berufener Seite hingewiesen worden ist. Hier ist auch die Forderung gestellt worden, daß alle philologische [8] Arbeit von der Totalität des Volkslebens auszugehen habe und daß der Reformprozeß der Philologie von einer systematischen Ausschöpfung der noch im Volke fließenden Quellen geleitet und gefördert werden müsse.

So erwarten fast alle Gebiete humanistischer Wissenschaft von der Volkskunde Unterstützung und erhoffen durch sie Verjüngung in dem großen Gärungsprozesse unsrer Zeit. In klarer Erkenntnis dieser Tatsache haben außerdeutsche Völker der Volkskunde an ihren Universitäten eine Pflegstätte geschaffen.

Doch der erfrischende Einfluß der Volkskunde geht über das philologisch-historische Gebiet hinaus. Schon beleben Erzeugnisse der Volksdichtung, des Volksglaubens, der Volkskunst, Dialektproben unsre geographischen Hand- und Lehrbücher; Zoologen und Botaniker lassen das Volk erzählen, was es von unsern Pflanzen, von unsern Tieren weiß und wie es ihr Leben und ihre Namen in kindlich-naiver Weise auffaßt.

Selbst die Rechtswissenschaft hat begonnen, zur Volkskunde in die Lehre zu gehen, und die trefflichen Arbeiten von Post, Löwenstimm, Hellwig u. a. zeigen klar, wie fruchtbringend volkskundliche Forschung für die juristische Wissenschaft und Praxis werden kann. Und dasselbe hat die Medizin getan. Welche Rolle die Volksmedizin im Leben aller Völker und zu allen Zeiten gespielt hat, ist ja bekannt. Aber erst in neurer Zeit hat man sich daran gemacht, diesen Ausfluß der Volksphantasie von wissenschaftlich-medizinischem Standpunkte aus zu betrachten, und hier ist Prof. Magnus, neben dem fleißigen Höfler der beste Kenner der Volksmedizin, zu dem Ergebnis gekommen, das er am Schlusse seines letzten Werkes als die Frucht jahrelangen Forschens niederlegt: „Die Volksmedizin, sagt er, verdient unser Interesse, unsre Teilnahme, sogar unsre Unterstützung. Sie kann unter Bevormundung der Medizin und unter staatlicher Aufsicht ein hochgeschätzter, geradezu unentbehrlicher Teil des Krankendienstes werden.“

Zeigt sich in den eben berührten Gebieten der Einfluß volkskundlicher Forschung zunächst in den Werkstätten der Wissenschaft, so greift er bei der Kunst bereits in das öffentliche Leben. Gedanken- und Gefühllosigkeit hat in den verflossenen Jahrzehnten in Stadt und besonders auf dem Lande einen Baustil gezeitigt, bei dessen bloßem Anblick einem kalt wird: gerade, kahle Wände, die Mauern weiß von oben bis unten, ohne allem oder mit ganz verfehltem Schmuck. Der ganze Typus ist jenen Häuschen nachgebildet, die man als Schachtelbudenware für wenige Pfennige kaufen kann. Wie äußerlich, so sind die Häuser auch innen beschaffen: alles viereckig und schön regelmäßig, in der Ecke der moderne eiserne Ofen, kalt in seinem Stil wie der ganze Raum. Das sind Aufenthaltskasernen, aber keine Wohnstätten, in denen man behaglich nach des Tages Last und Mühen ausruhen und wo im Kreise der Familie das Gemüt zu seinem Rechte kommen kann. Wir haben gestern das hübsche Lied von der Ofenbank gehört; in solch öden Räumen ist dies sicher nicht entstanden. Dieser unerfreuliche, gemütlose Baustil hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, daß vielenorts das Gemütsleben unsres Volkes vertrocknet ist. Auch die Umgebung der Heimat, der Wald, der Weg am Flusse, auf dem Anger, wo man sich sonst an der Natur erfreute und das Herz in harmlosem Geplauder ausschüttete, ist vielfach den Forderungen unsrer modernen Industrie zum Opfer gefallen. So ist das Volksleben verödet. Gegen diese Verödung ist aus den volkskundlichen Bestrebungen heraus der Heimatsschutz entstanden, der die Pflege heimatlicher Natur, Kunst und [9] Bauweise auf sein Programm gesetzt hat. Auf dem Gebiete der bildlichen Darstellung, namentlich auf Gefäßen, Möbeln, Schmuckgegenständen ist jetzt „Volkskunst“ das Losungswort geworden: man greift zurück auf die schlichten Erzeugnisse, an denen vergangene Geschlechter ihre Freude gehabt haben, und überall kann man die Beobachtung machen, daß diese auch heute noch auf den schlichten wie den gebildeten Mann viel wohltuender wirken, als die Karikaturen moderner Kunstrichtungen. Ich verweise ferner darauf, zu welchem Ansehen in unsern Tagen das schlichte Volkslied gelangt ist. Einst hörte man es nur in Hütten und auf der Straße, jetzt erfreut es in großen Sälen Herz und Gemüt von Tausenden, die scheinbar dem Volkstum entrückt sind, und auch im kaiserlichen Palaste ist es Liebling und Schützling geworden. Durch die Anregung des wackern Pommer in Wien ist es neu erweckt und das Interesse dafür überall hingetragen worden, wo die deutsche Zunge erklingt. Selbst auf unsre Literatur ist die volkskundliche Bewegung nicht ohne Einfluß geblieben: sie hat die deutsche Dorf- und Kleinstadtdichtung zu hoher Entfaltung gebracht und ihr durch die Schöpfungen Ganghofers, Hansjakobs, Roseggers, Sohnreys u. a. Tausende von Freunden zugeführt.

So können wir in der Wissenschaft und Kunst hinblicken, wohin wir wollen: überall hat sich die Volkskunde Eintritt verschafft und eine Gemeinde zu gründen gewußt. Und es sind nicht die schlechtesten der Nation, die ihr huldigen. Aber was für uns das wichtigste ist: wo sie regiert, da schweben Kunst und Wissenschaft nicht in den hohen, kalten Regionen, die für den gewöhnlichen Sterblichen unerklimmbar sind, sondern sie leben im Volk und bleiben mit diesem in stetem Wechselverkehr. Und dadurch gibt die volkskundliche Forschung der Nation mit Zinsen das Kapital zurück, das es von ihr empfangen hat. In diesem Sinne will unser Verband wirken und schaffen, und er erbittet sich dazu Ihre Unterstützung: wir arbeiten zum Wohle des deutschen Volkes, zum Wohle unsrer Mitmenschen.


Über das Volkslied in Österreich und seine vorbereitete Herausgabe.
Vortrag von Professor Dr. Adolf Hauffen aus Prag.

Meine Herren! Ich möchte hier keinen abgerundeten Vortrag über das österreichische Volkslied halten, sondern im Kern nur über ein Unternehmen berichten, welches, wenn alle Ansätze und Wünsche reifen, ein würdiges Denkmal des Volksliedes in Österreich werden soll. Aus mehr als einem Grunde beschränke ich mich hier nur auf das deutsche Volkslied in Österreich.

Gibt es nun ein deutsch-österreichisches Volkslied, das an gemeinsamen hervorstechenden, typischen Eigenschaften erkennbar, sich vom Volkslied in Deutschland und in der Schweiz als eine besondere Erscheinung abhöbe? Diese Frage muß, so allgemein gehalten, verneint werden. Denn in den verschiedenen Ländern und Gauen Österreichs gibt es deutsche Stämme, die voneinander in der Mundart und im Wesen zu verschieden sind, um die gleichen Volkslieder zu schaffen. Außerdem sind die Hügelländer des Westens und Nordwestens, sowie die Umgebungen größerer Städte mit dem deutschen Reich durch hundert Fäden so innig verbunden, daß sie auch am allgemein deutschen Liederschatz innigen Anteil haben. Andererseits aber gibt [10] es in Österreich wieder Landschaften, die durch hohe Gebirgszüge, durch fremde Volksstämme vom Reiche und auch von ihrem Volkstum in Österreich getrennt sind, deren Lieder darum in Stoff und Form, in den Singweisen ein ganz eigenartiges Gepräge zeigen, ohne daß die gemeinsamen Fäden abgerissen würden.

Eine Darstellung der besonderen Art des deutschen Volksliedes in Österreich müßte also einzelne Ländergruppen und Landesteile ins Auge fassen: die Alpenländer, die Sudetenländer, Sprachinseln usw. Hier blühen die Lieder wie Feld-, Wiesen-, Wald- und Alpenblumen in vielgestaltigen Formen und Farben und zeigen doch in einzelnen abgeschlossenen Gebieten eine bodenständige Flora. Ich kann hier bei der Betrachtung dieser Volksdichtung nicht verweilen und weise nur auf meine ausführliche Charakteristik des deutschen Volksliedes in Österreich-Ungarn hin, die vor 14 Jahren in der „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde“ an der Spitze des vierten Bandes erschienen ist.

Nur weniges möchte ich aus dieser Studie herausgreifen. In ganz Deutsch-Österreich werden Lieder in der Mundart gesungen. Von zwei Gesichtspunkten aus, von der geographischen Lage und den Verkehrsverhältnissen einerseits, vom Stoff und der Art der Lieder andererseits, kann man den Gebrauch der Mundarten beobachten. Danach sind die Lieder im südlichen Österreich, in den Alpenländern, auch im Böhmerwald, der volkskundlich dazugehört, in der Sprachinsel Gottschee – alles gebirgige und waldreiche Gegenden – zum großen Teil in der heimischen Mundart gehalten, vielfach noch in ganz urwüchsiger Form. Im nördlichen Niederösterreich, namentlich in der Umgebung von Wien, in Mähren (mit Ausnahme des abgeschlossenen Kuhländchens), in Schlesien, in Deutschböhmen, also in Ebenen und Hügelländern mit stärkerem Verkehr als in den anderen Gebieten Österreichs, ist der Liederschatz ungefähr zu zwei Dritteilen schriftdeutsch, zu einem Drittel mundartlich. Und zwar sind schriftdeutsch die Balladen und erzählenden Lieder höheren Stils, mit Rittern und Edelfräulein, Schlössern und Burgen, auch die geschichtlichen Lieder, welche alle nicht an bestimmte Landschaften gebunden sind, welche überall Spannung, Mitleid, Bewunderung erwecken, welche früh von wandernden Handwerksburschen, Reitern, Landsknechten, Studenten, Hausierern von Land zu Land getragen, auf Flugblättern und in Sammlungen gedruckt, von Tonsetzern in der Singweise umgearbeitet worden sind und so auch ihre ursprünglich mundartliche Färbung abgestreift haben. Ähnlich verhält es sich mit den meist von Geistlichen verfaßten kirchlichen Liedern, mit den feierlichen Chorgesängen von Bergleuten, Soldaten und Zünften. Diese Art Lieder werden auch in abgelegenen Ländern, also auch in den Alpen, wenigstens im letzten Jahrhundert, zumeist schriftdeutsch gesungen. Dieser feierlichen Volksdichtung steht eine weit größere Schar von schlichten, auch meist kürzeren Liedern gegenüber, mit Stoffen, die aus dem gewöhnlichen Leben des Alltags, aus örtlichen Ereignissen und Zuständen, auch mit deutlich landschaftlicher Färbung erwachsen sind. Alle mit einer packenden, anschaulichen, witzigen, auch derben Darstellung versehen, alle von Leuten aus dem Volke und darum in der Mundart verfaßt. Besonders beliebt sind darunter die Vierzeiler, die in der österreichischen Alpenwelt heimisch und ungemein reichlich vertreten sind, aber auch anderwärts nicht fehlen. Alle diese Lieder werden auch in den Sudetenländern, wie überhaupt in Mitteldeutschland, [11] in der Mundart gesungen. Besonders die Reime und Spielverse der Kinder, welche ja überall auf deutschem Boden – die Großstädte nicht ausgenommen – die Schriftsprache erst in der Schule lernen. Freilich dringen in jüngerer Zeit durch heimkehrende Burschen, die beim Militär, und durch Mädchen, die in Großstädten gedient haben, immer mehr schriftdeutsche Lieder auch in abgelegene Gegenden ein, wie in den Böhmerwald, in die Sprachinsel Gottschee und zu den Siebenbürger Sachsen. Diese Lieder werden dort zuweilen in die Mundart umgesetzt. Doch auch der umgekehrte Weg wird eingeschlagen, so daß mundartliche Lieder in Städten ins Schriftdeutsche umgesetzt werden. Da dies nicht immer vollständig durchgeführt wird, so zeigen viele Lieder von Schleswig-Holstein bis nach Kärnten und Siebenbürgen ein Gemisch von Schriftsprache und Dialekt. Man kann auch beobachten, daß z. B. Egerländer Lieder ins Erzgebirge dringen und in die dortige Mundart umgesetzt werden. Absichtliche Verwendung von Mundart und Schriftsprache in einem Liede findet nur bei Gesprächsliedern statt, z. B. in der in Tirol und in der Steiermark viel gesungenen „Beichte der Sennerin“.

Was ist nun in Österreich geschehen, um den großen und wertvollen Liederschatz herauszugeben? Ich möchte Sie nicht mit einer langen Liste von Namen und Titeln langweilen, nur auf das Wichtigste muß hier hingewiesen werden. Jedes ganz deutsche oder zum Teil deutsche Kronland in Österreich hat bereits eine oder auch mehrere Sammlungen gezeitigt. Für Niederösterreich besteht nur eine kleine, hauptsächlich aus dem Wienerwald geschöpfte Sammlung von Tschischka und Schottky (1819, 2. Aufl. 1844, Neuausgabe 1906 von Friedrich Krauß, der aber übersehen hat, daß die erste Auflage 43 Lieder enthält, die in die zweite nicht aufgenommen worden sind; außerdem „Kinderlieder“ von Blümml-Wurth (1906). In Oberösterreich haben wir die Sammlung von Anton von Spaun (mit Singweisen, 1845, 3. Aufl. 1882); in Salzburg die von Vinzenz Maria Süß (1865); in Tirol, abgesehen von älteren, zum Teil unverläßlichen Ausgaben, eine jüngere, ungemein wertvolle, durch „Nachlesen“ bis heute ergänzte Sammlung von F. F. Kohl (1899 ff.). In Steiermark ist die letzte Sammlung welche auf den handschriftlichen Liederbeständen des Erzherzogs Johann, sowie auf Vorarbeiten von Weinhold und Rosegger fußt, von Anton Schlossar (1881) herausgegeben worden. Hervorzuheben sind auch A. Werles Almlieder (1884). Kärnten besitzt eine ältere Sammlung von Pogatschnig und Herrmann (1869 f.) und eine neue mit Singweisen von Hans Neckheim (1893); Österreich-Schlesien eine von Anton Peter (1865); Mähren nur eine Sammlung, und zwar die älteste landschaftliche Sammlung von Volksliedern überhaupt, J. G. Meinerts „Lieder aus dem Kuhländchen“ (1817). In Deutschböhmen haben wir drei kleinere landschaftlich begrenzte Sammlungen von A. Paudler „Nordböhmische Volkslieder“ (1877), von A. Kirschner „Gesänge aus dem Aussiger Gau“ (1887) und von John und Czerny „Egerländer Lieder“ (1898/1901) und eine das ganze Land umfassende, sehr reichhaltige Sammlung von Hruschka und Toischer (1891). Für Innerösterreich die „Almer“ von J. G. Seidl (1850), für die Alpen überhaupt die „Schnaderhüpfel“ von L. von Hörmann (1881). Für ganz Deutsch-Österreich sind die großen Verdienste zu rühmen, die sich Regierungsrat Dr. Josef Pommer um unsere gute Sache erworben hat: durch zahlreiche Ausgaben von Volksliedern mit Singweisen, namentlich [12] durch seine „444 Jodler und Juchezer“ (2. Aufl. 1906), durch seine Zeitschrift „Das deutsche Volkslied“ und durch die 1889 erfolgte Begründung des deutschen Volksgesangsvereins in Wien. Seinem Beispiel folgten die Vereine in Bozen, Brünn, Graz, Liesing, Wien (Volksliedverein), und im deutschen Reich Benrath, Gera und Neuruppin, die alle zur Pflege des lebenden Volksliedes gegründet worden sind.

Man sollte nach dem Vorgeführten meinen, es wäre genügende Arbeit geleistet worden, doch ist das nicht der Fall. Die älteren genannten Sammlungen haben in der Regel keine oder nur wenige Singweisen, sie zeigen ferner unbeabsichtigte oder willkürliche Änderungen, ja bewußte Fälschungen. Auch die Mundart ist unzulänglich oder geradezu falsch wiedergegeben. So hat noch bei einer vor kurzem erschienenen Sammlung Krauß und Blümmls, „Ausseer und Ischler Schnaderhüpfler“, Pommer arge Schnitzer nachgewiesen. Ferner sind manche der älteren Sammlungen auch antiquarisch nicht mehr zu beschaffen. Zahllose wertvolle Lieder sind verstreut in landschaftlichen Zeitschriften, Heimatkunden, Jahrbüchern und Zeitungen, deren ältere Jahrgänge nur wenigen oder überhaupt nicht zugänglich sind. Abgesehen von diesem gedruckten Bestand, der also einer einheitlichen Verarbeitung und Herausgabe dringend bedarf, ist noch ein großer Schatz unbekannter Lieder zu heben, teils aus noch unbenützten Handschriften, teils aus dem Volksmund. So besitzt z. B. das Museum in Salzburg eine umfängliche Liedersammlung aus dem Nachlaß von Süß und der Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen mehrere alte handschriftliche Liederbücher vom 18. Jahrhundert herauf mit Singweisen. Allerorten werden auch in älteren bäuerlichen und bürgerlichen Familien wertvolle alte handschriftliche Liederbücher mit Singweisen und Begleitung von Zither, Gitarre oder Klavier aufbewahrt, aber als pietätvoll gehüteter Familienbesitz auch gegen größere Summen nicht hergegeben, so daß man sich der Mühe oder Kosten einer Abschrift unterziehen muß.

Mit dem Aussterben des lebenden Volksliedes hat es in Österreich noch seine guten Wege. Freilich nur in Hochtälern, Waldbergen und Gegenden mit reiner Feldwirtschaft. „Vor dem Qualm der Fabriken verschwinden die Volkslieder, wie einst die Elfen vor dem Schall der Glocken.“ (Böckel.) Seitdem in Deutschland Volkslieder gesammelt und aufgezeichnet werden, – und das ist bald 150 Jahre her – ertönt immer wieder die Klage, das Volkslied sterbe aus, man könne es nur mehr von einigen alten Frauen hören, es sei die höchste Zeit, die vorhandenen Reste durch Schrift und Druck festzuhalten und vor dem Untergang zu retten. Aber seit Herders Bemühungen, der auch das Wort Volkslied geprägt hat, seit Arnims und Brentanos Sammlungen wurden in allen deutschen Landschaften Tausende und aber Tausende von Volksliedern gefunden. Und je später, um so tiefer wurde geschürft und um so reicheres Edelmetall zutage gefördert. Goethe hat im Sommer 1771 für Herder „auf seinen Streifereien im Elsaß aus den Kehlen der ältesten Mütterchen“ ein Dutzend Balladen „aufgehascht“. Kurt Mündel, der ein Jahrhundert später elsässische Volkslieder sammelte, teilt nach strenger Auswahl unter seinen Funden 256 Stücke mit. Zwei Beispiele aus meinen eigenen Erfahrungen: Aus der Sprachinsel Gottschee hat Schröer in seinem Wörterbuch dieser Mundart (1876) 30 Lieder veröffentlicht. Man hatte damals den Eindruck, es wäre alles. In meinem Buch über diese Sprachinsel (1895) habe ich 150 durchwegs mundartliche [13] Volkslieder herausgegeben. Und nun teilt mir Prof. Tschinkel, der Leiter des Gottscheer Ausschusses mit, daß die mit Hilfe der Lehrer J. Pertz und W. Tschinkel ziemlich abgeschlossene Aufsammlung für das neue Unternehmen 800 Lieder enthalte. Ferner die 1891 erschienene Sammlung „Deutsche Volkslieder aus Böhmen“ bringt – abgesehen von den Vierzeilern und Kinderreimen – ein halbes Tausend Volkslieder, welche nach der ausdrücklichen Erklärung der Herausgeber „damals noch vom Volke gesungen wurden oder noch bis in die neueste Zeit bekannt waren“. Und wir haben für das neue Unternehmen ungefähr 10000 Lieder und einige tausend Melodien beisammen.

Und daß Volkslieder noch immer von neuem entstehen, beweist Pommer für die Steiermark und Jungbauer für den Böhmerwald; und zwar längere erzählende und geschichtliche Lieder. Denn Vierzeiler werden in den Alpen jeden Sonn- und Feiertag beim Tanzen, Trinken, Liebeln und Hänseln nur so aus den Ärmeln geschüttelt.

Und was bisher in Österreich noch nicht besteht, das soll bei dem neuen Unternehmen mit allem Eifer angestrebt werden: eine für alle Kronländer und Nationen Österreichs nach einheitlichen Grundsätzen mit größter Sorgfalt durchzuführende Ausgabe, die ein abgerundetes, möglichst erschöpfendes Gesamtbild von der Fülle der älteren und der noch lebenden Volksdichtung in Österreich wiedergeben soll. Die Vorgeschichte, die bisherigen Ergebnisse und die noch erforderlichen Aufgaben dieses neuen Unternehmens möchte ich jetzt vorführen.

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Im Jahre 1902 hat die Wiener Musikverlags-Gesellschaft Universal-Edition den Plan gefaßt, eine Ausgabe von Volksliedern aus ganz Österreich in einzelnen Heften zu veröffentlichen, woraus dann ein Sammelwerk mit Liedern in den verschiedenen österreichischen Sprachen erwachsen sollte. Der damalige Minister für Kultus und Unterricht, Wilhelm Ritter von Hartel, hat in einem Erlaß die Behörden aufgefordert, namentlich die Schulleitungen, Musikanstalten und Vereine zum Sammeln von Liedern und Melodien zu veranlassen. Die ganze Sache aber kam nicht recht in Fluß. Beiträge liefen spärlich ein und blieben schließlich ganz aus. Pommer hat nun in seiner Zeitschrift gezeigt, wie unklar man sich über die Ziele war, und durch eine ausführliche Eingabe ans Ministerium diese Angelegenheit in den richtigen Weg geleitet. Daraufhin hat der Minister am 22. November 1904 mehrere Fachleute zu einer Sitzung nach Wien berufen, wo nach längeren Beratungen beschlossen wurde, eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende mehrbändige Gesamtausgabe unter dem Titel „Das Volkslied in Österreich“ vorzubereiten. Ungarn blieb aus staatsrechtlichen Gründen beiseite. In dieser Sitzung wurde auch ein engerer Ausschuß gewählt, der nach Pommers Entwurf die Grundzüge für die Sammlung ausarbeitete. In der zweiten Sitzung des Hauptausschusses am 10. April 1905 wurden diese Grundzüge durchberaten, sowie die Arbeitsausschüsse und deren Vorsitzende für die einzelnen Kronländer und Nationen bestellt, und zwar in der Weise, daß für Böhmen ein deutscher und ein tschechischer Ausschuß, ebenso für Mähren und Schlesien zusammen, für die deutschen Alpenländer und für die Polen, Ruthenen, Kroaten, Slowenen, Rumänen, Italiener und Ladiner je ein Ausschuß gebildet wurde. Bis zum [14] Sommer 1906 haben alle Ausschüsse die Sammeltätigkeit eingeleitet. Die Regierung hat für dieses ganze Unternehmen ungefähr 20000 Kronen fürs Jahr bewilligt.

Auf Grund des schon erwähnten Entwurfes hat Pommer eine ausgezeichnete „Anleitung zur Sammlung und Aufzeichnung von Volksliedern“ fertiggestellt. Hier wird zunächst der Gegenstand der Aufsammlung genau bestimmt: Weltliche und geistliche Volkslieder, Balladen und Liebeslieder, Vierzeiler, Arbeitslieder, Lieder zu Bräuchen und Volksschauspielen, Tänze, Rufe, Jodler und Juchezer; alles mit den Singweisen. Auch Sprüche, Scherzpredigten und Sprichwörter. Kurz zusammengefaßt: „Zu sammeln ist alles und jedes, was das Volk an Volksdichtung und Volksmusik noch besitzt und einstens besaß.“ Ferner finden wir hier eine kurze Darlegung der Begriffe Volkslied und volkstümliches Lied mit Beispielen; genaue Anweisungen für die Aufzeichnung der Singweisen und Belehrungen über Rhythmus, Tonart, Begleitung, ferner über Sammlung handschriftlicher und gedruckter Liederbücher und Flugblätter. Dem letzten Abschnitt „Wie macht man das Volk mitteilsam?“ folgt ein Fragebogen mit 22 knapp gehaltenen Fragen.

Diese allgemeine Anleitung wurde dann von den übrigen deutschen Ausschüssen, den Rumänen in der Bukowina und den Ladinern in Tirol je nach den gegebenen Verhältnissen unwesentlich abgeändert. Die Arbeitsausschüsse der anderen Nationen haben auf Grund des ersten Entwurfs selbständige Anleitungen verfaßt. Der Leiter des slowenischen Ausschusses hat sogar einen Fragebogen von vielen tausend Fragen dem Unterrichtsministerium zur Drucklegung unterbreitet.

Von den bisherigen Ergebnissen der übrigen deutschen Arbeitsausschüsse kann ich nur weniges mitteilen, nämlich das, was ich den Angaben, die in Pommers Zeitschrift erschienen sind, entnehme. Der Vorsitzende des Ausschusses für Niederösterreich, Karl Kronfuß, hat in einem Vortrag (Februar 1908) mit Recht betont, daß man nur von einem tirolischen, steirischen, kärntnischen Volkslied spreche, doch nie von einem niederösterreichischen, als ob dieses Land nichts zu bieten hätte. Er weist nun auf Grund der neuesten Sammelergebnisse, worunter sich auch über hundert Tänze befinden, an vielen Beispielen nach, daß das niederösterreichische Volkslied an Reichhaltigkeit den Alpenländern nicht nachstehe, sondern sie an Mannigfaltigkeit übertreffe, und ferner, daß die Harmonisierung der Volksweisen besonders eigenartig sei. In Tirol haben einzelne Sammler ungemein viele Volkslieder zusammengebracht: so Adjunkt L. Pirkl 1250, Prof. N. Neßler 1200, Kurat J. Bacher 500 Lieder – fast alle mit den Melodien –, ferner der Chormeister E. Lucerna über 100 Tänze. Nach dem bisherigen Ergebnis von 4000 Volksliedern schätzt der Vorsitzende Prof. J. Wackernell den gesamten Liederbestand auf 20000 Stück. Er rühmt in seinem Bericht die fleißige Mitarbeit seiner Studenten (Germanisten) und wundert sich, daß gegen alle Erwartung die Volksschullehrer dort wenig leisten. In Steiermark und Kärnten haben sich eine große Zahl von Sammlern zur Verfügung gestellt. In der Steiermark wurden bis zum Herbst 1907 gegen 1300 Lieder, darunter 130 geistliche, 330 weltliche erzählende Lieder mit 150 Singweisen, gegen 600 Schnaderhüpfel, 2 Volksschauspiele, viele Reimsprüche, über 20 Jodler und 100 Tänze – ungerechnet die von Pommer schon in früheren Jahren und kürzlich gesammelten Weisen – gezählt. In Kärnten haben zwei Sammler besonders viel zustande gebracht: Bürgerschuldirektor [15] B. Schüttelkopf und Fachlehrer Liebleitner, der erstere im südlichen Kärnten ungefähr 1000 Lieder, der letztere in Mittelkärnten 250 Lieder, 20 Jodler und 50 Vierzeiler, fast alle mit den Melodien. Im ganzen sind hier zusammengekommen 500 Lieder, 4 Volksschauspiele und 17 handschriftliche Liederbücher, darunter mehrere geistlichen Inhalts. In dem für Oberösterreich und Salzburg gemeinsamen Arbeitsausschuß haben der Komponist J. Reiter und die Lehrer J. Welser und M. Zauner die Sammeltätigkeit in die Hand genommen. In Mähren-Schlesien haben sich der Vorsitzende Musiklehrer J. Götz und die übrigen fünf Ausschußmitglieder je ein abgegrenztes Sammelgebiet ausgewählt. Bis Ende 1907 sind in beiden Ländern 900 Lieder, 1200 Vierzeiler, 500 Sprüche, 150 Tänze, 30 Kinderspiele und 12 Volksschauspiele zusammengekommen. Außerdem sollen die längst vergriffenen Sammlungen von Meinert und Peter neu gedruckt werden.

Ausführlicher kann ich natürlich über unsern Ausschuß für das deutsche Volkslied in Böhmen berichten. Ich bin zum Vorsitzenden, zum Leiter der Sammeltätigkeit, zum Herausgeber der Texte und zum Verfasser der Einleitung und der Anmerkungen bestellt worden, Prof. Dr. Heinrich Rietsch, der Vertreter der Musikwissenschaft an unserer Universität, der vor einigen Jahren das schöne Buch „Die deutsche Liedweise“ veröffentlicht hat, zum Redaktor der Singweisen. Prof. Dr. Hans Tschinkel übernimmt die Überprüfung der Schreibung der mundartlichen Lieder. Als tüchtigen Phonetiker hat er sich durch sein vor kurzem erschienenes Buch „Die Grammatik der Gottscheer Mundart“ bewährt. Zum Regierungsvertreter ist Statthaltereisekretär Rudolf Freiherr Procházka, der sich als Komponist und Musikschriftsteller einen guten Namen erworben hat, ernannt worden.

Die Sammeltätigkeit geht in Deutschböhmen etwas anders vor sich als in den übrigen Kronländern, und zwar aus folgendem Grunde: Im Auftrag der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen, die ich hier vertrete, habe ich in den Jahren 1894 bis 1900 in ganz Deutsch-Böhmen mit Hilfe von ungefähr 200 Lehrern sämtliche Gebiete der Volksüberlieferungen gesammelt. Die Ergebnisse, darunter Tausende von Liedern und Singweisen und viele, zum Teil sehr alte handschriftliche Liederbücher sind im Volkskunde-Archiv der genannten Gesellschaft aufbewahrt. Diesen wertvollen Bestand hat die Gesellschaft dem Unternehmen des Unterrichtsministeriums unter der Bedingung überlassen, daß die wissenschaftlichen Ergebnisse der Bearbeitung des eingelaufenen Materials in den „Beiträgen zur deutschböhmischen Volkskunde“ von mir veröffentlicht werden sollen. Aus diesem Grunde hat auch das Ministerium unseren Arbeitsausschuß nicht zu einer allgemeinen Sammeltätigkeit verpflichtet, wie anderwärts, sondern nur zu einer ergänzenden. In diesem Sinne sind wir auch vorgegangen.

Unser Ausschuß mußte ferner einen Abschnitt der schon besprochenen Anleitung Pommers durch einen neuen ersetzen, den über die Schreibung der baierisch-österreichischen Mundart. Die Ausschüsse in den deutschen Alpenländern konnten ihn ungeändert übernehmen. Bei uns war das nicht möglich, weil das deutsche Volk in Böhmen – gegenwärtig zweieinhalb Millionen – verschiedenen Stämmen und Mundarten angehört. Trotz, der Mannigfaltigkeit der von Ort zu Ort sich allmählich verändernden Mundarten, kann man doch im ganzen vier große Gruppen unterscheiden, welche verschiedenen deutschen Stämmen angehören, die nicht nur in [16] Deutschböhmen angesiedelt sind, sondern jenseits der Landesgrenzen, also in Nieder- und Oberösterreich, sowie jenseits der Reichsgrenze in Baiern, Sachsen und Schlesien. Neben der baierisch-österreichischen Mundart im südwestlichen Böhmen mußten noch berücksichtigt werden die oberpfälzische oder nordgauische Mundart in Westböhmen (Egerland und Umkreis), die obersächsische oder sogenannte „nordböhmische“ Mundart im westlichen und mittleren Teile Nordböhmens (Erzgebirge und dem Vorlande bis zur Elbe) und endlich die schlesische Mundart im östlichen Böhmen. Dieser Abschnitt bringt in unserer Fassung eine genau durchgeführte Anleitung zur Schreibung der Laute. Da die geplante Liederausgabe für weitere Schichten berechnet ist, konnte die Schreibung nicht streng phonetisch sein; doch ist sie so gehalten, daß die verschiedenen Färbungen der mundartlichen Aussprache aus den verschiedenen Gebieten Böhmens entsprechend wiedergegeben werden.

Wie überall industriereiche, im lebhaften Verkehr liegende Gegenden arm an Volksliedern sind, so ist auch in Nordböhmen, in den großen Kohlengebieten von Dux, Brüx, Teplitz und östlich der Elbe, in den an Fabriksunternehmen so reichen Gegenden, wo auch aus Mangel heimischer Arbeitskräfte Massen von tschechischen Arbeitern eingeschleppt werden, der lebendige Liederquell vollständig versiegt. Aus diesen Gebieten haben wir so gut wie nichts eingeheimst. Eine erfreuliche Fülle von Liedern aber spenden noch Gegenden, wo die Feldwirtschaft die Leute ernährt; erstaunlich reich sind die Waldgebiete. So haben wir gleich als erste Ausbeute, Anfang 1907, unserem tüchtigsten Sammler Gustav Jungbauer, aus allen Teilen des Böhmerwaldes 500 erzählende Lieder, darunter 200 mundartliche und 200 Singweisen, ferner – alles in der Mundart – 800 Vierzeiler, 300 Kinderreime, Lieder zu bestimmten Bräuchen, 40 Tänze, 400 Reimsprüche, außerdem 9 handschriftliche Liederbücher und 16 handschriftliche Volksschauspiele zu verdanken. Jungbauer war auch im verflossenen Sommer in der von Niederösterreich herreinragenden Sprachzunge Neubistritz und hat im Dorfe Artholz an einem Nachmittag mehr zustande gebracht, als andere Sammler in Monaten. Nicht so reichhaltige, aber doch erfreuliche Sammelergebnisse sind aus dem Erzgebirge und aus Westböhmen eingelaufen, so aus der Umgebung von Schmiedeberg unter anderen 40 schriftdeutsche und 47 mundartliche erzählende Lieder, ein Weihnachts-, ein Dreikönigs-, ein Sommer- und Winterspiel und zahlreiche Singweisen, aus dem Bezirke Mies unter anderem 20 schriftdeutsche Volksballaden, 5 längere mundartliche Lieder und mehrere Tanzlieder mit wechselndem Rhythmus. Das sind nur Beispiele.

Die Art und Durchführung der Sammeltätigkeit weicht zum Teil bei uns auch von der in den übrigen Kronländern ab. Bei den anderen Ausschüssen sammeln Leiter und Mitglieder selbst. Pommer ist in einer besonders glücklichen Lage, weil er seine heimische steierische Mundart völlig beherrscht und in ausgezeichneter Weise auch die schwierigsten Melodien, so mehrstimmige Jodler, nach dem Gehör aufzeichnen kann. Er steigt in die Berge, lauscht in den Alpenhütten dem Gesang der Senner und Sennerinnen, trinkt, singt und plaudert in den Dorfwirtsstuben mit Holzknechten, Jägern, Bauerndirnen und Burschen und macht da große Ausbeute. In seiner, jedem Sammler sehr empfehlenswerten frisch geschriebenen Schrift: „Über das älplerische Volkslied und wie man es findet“ (2. Auflage, Wien 1908) gibt er aus seinen vieljährigen Erfahrungen lehrreiche Beispiele, wie man das Mißtrauen und [17] die Befangenheit der Älpler überwinden kann. Geldspenden, meint er, führen zu keinem Ziel, das Auftischen von Freibier und Wein dürfe nur mit Maß angewendet werden. Und nun zeigt er, wie man die Leute in eine gemütliche, heitere und darum gesprächige und auch sanglustige Stimmung versetzen kann. Auch Prof. Dr. Lessiak, der Leiter des kärntnischen Ausschusses, hat selbst in den verschiedensten Tälern seines Heimatslandes über 500 Lieder aufgezeichnet. Mitglieder einzelner Ausschüsse sind auch tüchtige Volksliedsänger. Außer Pommer noch Kronfuß und Götz, im Tiroler Ausschuß Lucerna und Kohl, in Kärnten K. Liebleitner, in Oberösterreich J. Kränzl.

Das ist bei uns leider nicht der Fall. Bei der bunten Vielgestaltigkeit der Mundarten in Deutschböhmen wäre auch niemand in der Lage, mit den Landleuten der verschiedenen Gaue in ihrer Mundart zu verkehren. Ich beherrsche diese nur soweit theoretisch, daß ich (mir schriftlich vorliegende) Dialektlieder verstehe. Von Anfang an haben wir darum den Grundsatz gehabt, für einzelne abgerundete Stammesgebiete je einen Leiter der Sammeltätigkeit auszuwählen. Am besten bewährt haben sich bisher reifere Studenten, Germanisten, die also fachmännisch vorgebildet sind, die in dem betreffenden Gebiet geboren und aufgewachsen und darum mit der Mundart, sowie mit den örtlichen und persönlichen Verhältnissen der Heimat völlig vertraut sind. Manche haben selbst tüchtige musikalische Kenntnisse; andere bedienen sich zur Aufzeichnung der Singweisen heimischer Berufsmusiker. Da diese Studenten auch meine Hörer sind, so hatte und habe ich Gelegenheit, ihre Eignung zu dieser schwierigen, aber dankbaren Aufgabe kennen zu lernen. Und da sie mir die Ergebnisse persönlich bringen, so bleibe ich mit ihnen in ständigem, gegenseitig anregendem Verkehr. Das ist freilich, wird man meinen, etwas gar zu bequem. Aber ich habe weder in der früheren, noch in der gegenwärtigen Leitung der Sammeltätigkeit die kleine Mühe gescheut, in verschiedene Gebiete zu reisen und mich mit den Gewährsleuten mündlich in Verbindung zu setzen. So war ich im Herbst 1907 in Mies und im Egerland, im verflossenen September im östlichen Böhmen, im Isergebirge, im Braunauer Ländchen und im Adlergebirge. Hier habe ich hauptsächlich den Zweck verfolgt, zu den zahlreichen wertvollen Texten, die wir aus früherer Zeit unserm Mitglied Anton Kahler, Beamten des deutschen Landeskulturrats, und dem gegenwärtig in Innsbruck wirkenden Prof. Dr. J. Hoffmann verdanken, die noch fehlenden Singweisen zu erlangen. Ich habe hier hauptsächlich mit musikkundigen Lehrern, Kapellmeistern und Regens-Chori verkehrt und überall die Zusage baldiger Erfüllung meiner Wünsche erhalten. Tatsächlich sind inzwischen schon ungefähr 100 Singweisen eingetroffen. Da wir die Schönhengster und die Iglauer Sprachinsel, deren in Böhmen liegende Teile volkskundlich zu Mähren gehören, mit Zustimmung des Ministeriums dem Ausschuß für Mähren und Schlesien abgetreten haben, so ist also der Kreis um ganz Deutschböhmen geschlossen und die Einleitung der Sammeltätigkeit durchgeführt. Wir hoffen in den nächsten zwei Jahren noch viel einzuheimsen, aber der Grundstock ist bereits ungemein stattlich.

Wie soll nun diese Stoffmasse gesichtet, bearbeitet und herausgegeben werden? Hier harren des Ausschusses noch schwere Aufgaben. Die erste Vorarbeit, womit wir im nächsten Jahr beginnen wollen, ist – um eine Übersicht zu gewinnen – eine Inventarisierung des Bestandes der uns handschriftlich vorliegenden Lieder und Liederbücher, sowohl unseres Ausschusses, wie der Gesellschaft, des Vereins für Geschichte und anderer Archive, ferner [18] der Lieder in deutschböhmischen Zeitschriften, Heimatskunden usw. Wir werden diese Inventarisierung nach den Bestimmungen der vom Verbande eingesetzten Volksliedkommission durchführen, wie es wahrscheinlich auch die andern deutschen Arbeitsausschüsse tun werden.

Bei dieser wichtigen Vorarbeit werden wir schon die Spreu von den Körnern scheiden können und nur das auswählen, was sich für die geplante Ausgabe eignet. Hier ergeben sich wieder neue Schwierigkeiten. Nur einiges möchte ich herausgreifen. So die erotischen Lieder, oder sagen wir gut deutsch die unzüchtigen Lieder. Dem schlichten Volke ist Lüsternheit völlig fremd. Aber das Volk betrachtet mit Recht das Geschlechtliche als etwas Natürliches, da es durchaus nicht von der Zimperlichkeit der überbildeten Städter angekränkelt ist. Das Gesundderbe auch auf dem geschlechtlichen Gebiete gehört zur Eigenart der unteren Schichten und kommt in vielen Liedern, besonders in den Schnaderhüpfeln und in den Fenstersprücheln kräftig zum Ausdruck. Nicht nur in den Alpen, sondern auch in den Sudetenländern gibt es Tausende solcher „Wildlinge“; doch immer ist hier nicht das Unzüchtige die Hauptsache, sondern der Witz. Wir werden natürlich auch manches davon aufnehmen, soweit es wirklich Volkslieder sind und der Eigenart des betreffenden Stammes entsprechen. Das Ärgste werden wir in die Anmerkungen verweisen. Doch wollen wir nicht so vorgehen, wie Blümml, der wegen seiner fleißigen Erforschung unseres Volksliedes Anerkennung verdient, bei seiner Sammlung „Erotischer Volkslieder aus Deutsch-Österreich“ (1905) vorgegangen ist. Er bringt hier neben Proben naiver Sinnlichkeit in Liedern aus dem Landvolke, was ja ganz in Ordnung ist, auch niemals gesungene „Erzeugnisse städtischer Bordelle, von denen man sich“, wie Bolte mit Recht gerügt hat, „mit Ekel abwendet“.

Ferner: zahlreiche Lieder, nicht nur ältere balladenartige Lieder, die über ganz Deutschland verbreitet sind, sondern auch Vierzeiler und kurze Liebeslieder sind in den meisten Ländern Österreichs üblich. Welches Land soll also diese überall gemeinsamen Lieder herausgeben? Nur bei sehr wenigen Stücken ist der Entstehungsort zu erschließen; örtliche Anspielungen sind gar selten und können auch später eingefügt worden sein. Die mundartliche Färbung ist nicht immer für die Heimat entscheidend, denn häufig werden solche Lieder, welche in anderen Landschaften Aufnahme finden, in die dort übliche Mundart übertragen. Mehrfacher Abdruck ganz gleicher Lieder in verschiedenen Ausgaben wäre mißlich. Doch soll andererseits wieder ein Land, in dem nachweislich ein Lied seit langer Zeit heimisch ist, als heimisch betrachtet und viel gesungen wird, zugunsten eines andern Landes, das vielleicht die gleichen Anrechte darauf hat, ausgeschieden werden? Über diese Fragen und über die Art der Anordnung im einzelnen wird noch eine Beratung der Vorsitzenden und Musikfachmänner aller Ausschüsse in Wien nötig sein.

Inzwischen gehen die verschiedenen Ausschüsse ihre eigenen Wege. In der Steiermark sind fünf Bände veranschlagt: I. Über 3000 Tänze. II. Gegen 1000 Jodler und Juchezer. III. Über 5000 Schnaderhüpfel. IV. Erzählende, geistliche, Liebeslieder u. a. V. Die übrige Volksdichtung und Musik; Nachträge. Die ersten zwei Bände liegen druckfertig vor. Das Ministerium hat aber vorläufig Bedenken, das ganze Unternehmen mit Bänden zu eröffnen, die nicht eigentliche Lieder, sondern Melodien ohne oder nur mit geringem Text bringen.

[19] Unser Ausschuß hat die Absicht, die Ausgabe in drei Bänden zu veröffentlichen, von deren Umfang jetzt noch nichts Bestimmtes gesagt werden kann. Der erste Band soll geistliche Lieder, Balladen, geschichtliche, Liebeslieder, im ganzen zumeist schriftdeutsche Lieder größeren Umfangs enthalten. Bei dem zweiten Bande wollen wir versuchen – natürlich mit Vermeidung von Wiederholungen – für die verschiedenen abgerundeten Stammesgebiete die diesen abgelegenen Gegenden besonders eigentümlichen Lieder zusammenzustellen, die dort heimisch sind, die heimische Umwelt, Sitten und Festbräuche zeigen. Hierher gehören meist kürzere, durchaus mundartliche Lieder und Vierzeiler. Der dritte Band soll die Volksdichtung in weiterem Sinne bringen. Also zunächst nicht Gesungenes: Reimsprüche an Häusern, auf Grabsteinen, sowie auf Totenbrettern, die im Böhmerwald noch reichlich vorhanden sind. Dann Kinderreime, -lieder und -spiele und Arbeitslieder. Ferner kürzere Volksschauspiele, die heidnisch-germanischen Bräuchen entstammen, also Adventspiele, Sternsingen, Maiumzüge, Schwerttanzreime, Frühlingsspiele, Sommer- und Winterspiele, auch Lieder, die in umfängliche Volksschauspiele eingelegt sind. Die Varianten für Text und Melodie, sowie die sprachlichen Erklärungen sollen am Fuß abgedruckt werden; die Behandlung der Stoffe soll in den Anhang kommen, eine kurze Zusammenfassung der wissenschaftlichen Ergebnisse in die Einleitung. Was die Aneinanderreihung im einzelnen betrifft, so kann die sogenannte künstlerische Anordnung nur von einem Dichter an seiner Gedichtsammlung seinem eigenen Gefühl entsprechend durchgeführt werden; bei einer von Gelehrten herausgegebenen Volksliedsammlung müssen aber sachliche und stoffliche Gesichtspunkte walten.

Zum Schluß meines Berichtes möchte ich noch in möglichster Kürze die Frage erörtern, wie wir es bei der Auswahl mit dem Begriff Volkslied halten wollen. Pommer spricht in einigen Abschnitten seiner Anleitung vom echten, wirklichen oder eigentlichen Volksliede. Der Gerechtigkeit wegen haben wir in einer Anmerkung dazu die neueste, von Pommer einigermaßen abweichende Definition John Meiers hinzugefügt, welche aus dessen ergebnisreichen kritischen Untersuchungen erwachsen ist und bei den Fachgenossen viel Anklang gefunden hat. Meier sagt in seiner Schrift „Kunstlieder im Volksmund“ (S. II f.): „Als Volkspoesie werden wir diejenige Poesie bezeichnen dürfen, die im Munde des Volkes lebt, bei der aber das Volk nichts von individuellen Anrechten weiß oder empfindet und der gegenüber es … eine unbedingt herrschende Stellung einnimmt.“ Aus den weiteren Ausführungen Meiers ergibt sich noch folgendes: Jedes Lied hat ein bestimmtes, meist geistig höherstehendes Individuum zum Verfasser. Ob dieses Lied nun einen bekannten oder unbekannten, einen den Volksschichten oder den gebildeten Ständen angehörigen Verfasser hat, ob Anlage, Ton, Stil des Liedes volksmäßig oder kunstmäßig sind, ob es aus alten Überlieferungen schöpft oder Persönliches zeigt, das alles sind nur nebenherlaufende („akzessorische“) Eigenschaften, die das Wesen der Sache nicht berühren. Jedes Lied kann nur dann Volkslied werden, wenn es vom Volk wie ein herrenloses Gut aufgenommen wird, das dauernd leben bleibt, also „volkläufig“ wird und vom Volke nach dessen Geschmack und nach teilweise künstlerischen Gesichtspunkten umgestaltet wird. Ähnliches gilt für die Melodien.

Diese Definition hat ein junger, aber erstaunlich reifer, gegenwärtig in Prüfungsnöten stehender Student, Gustav Jungbauer, berichtigt und ergänzt in seinem vor einem halben Jahre in den „Beiträgen zur deutschböhmischen [20] Volkskunde“ erschienenen Buche „Volksdichtung aus dem Böhmerwalde“ (S. III f., XI). Meier beklagt mit Recht („Kunstlied und Volkslied“, S. 18), daß sich bei der Betrachtung der Eigentümlichkeiten des Volksliedes kein Ausgangspunkt für die Untersuchung gewinnen lasse, daß Verschiedenheiten bestehen, aber in welcher Richtung sich die Entwicklung bewege, sei nicht zu entscheiden, da ihr Anfang und Endpunkt nicht zu fassen sei. Dadurch würden alle Untersuchungen feinerer Art unmöglich. Jungbauer war nun in der günstigen Lage – als Bauernsohn mitten unter den Landleuten Oberplans, der Heimat Stifters, aufgewachsen – „Urformen“ von Liedern heimischer Bauerndichter kennen zu lernen und, unterstützt vom Gedächtnis alter Leute, die weitere Entwicklung und Verarbeitung in mehreren Fassungen zu verfolgen. Von diesem Standpunkt aus meint er, daß als Volkslied dem innersten Kern nach nur ein solches Lied gelten könne, das nicht nur „volkläufig“ sondern auch „volksentstanden“, also von einem Mann aus dem Volke, von der Kunstdichtung unbeeinflußt, gedichtet worden ist. Ich muß gestehen, daß es mich persönlich schmerzlich berührt hat, daß auch solche weitschweifige Erzeugnisse des Volksgesanges, wie sie gerade in der genannten Schrift mitgeteilt werden, die poetisch minderwertig sind und auch durch den langen Vorgang der Vereinfachung und Umbildung im Volksmunde nicht zu ästhetischem Genuß befähigt werden, wirkliche Volkslieder sein sollen, und nicht die herrlichen Lieder, die uns aus dem 15. und 16. Jahrhundert erhalten und heute noch im Volke lebendig sind, weil diese sicher zum größten Teil von Kunstdichtern verfaßt wurden. Natürlich gibt es auch viele neuere nachweislich „volksentstandene“ Lieder von hohem poetischen Wert.

Wir werden aber bei unsrer Ausgabe den Begriff Volkslied nicht so eng fassen, wie Jungbauer es macht, der übrigens diese Formel rein theoretisch, nur für das Volkslied im strengsten Sinn aufgestellt hat, ohne praktische Folgerungen daraus ziehen zu wollen. Und wir werden auch den Begriff Volkslied nicht so weit fassen, wie es in der reichhaltigen, schönen, vom deutschen Kaiser veranlaßten Ausgabe „Volksliederbuch für Männerchöre“ geschehen ist, wo neben vielen, ausdrücklich so bezeichneten, „Volksliedern“ auch zahlreiche Kunstlieder, die ohne Veränderungen im Volke beliebt geworden sind, für die Männergesangsvereine mit Recht Aufnahme gefunden haben. Wir werden uns vielmehr an die altbewährten Begriffe Volkslied und volkstümliches Lied halten, glücklich geprägte (diese wesensverwandten, allmählich ineinander übergehenden Erscheinungsformen trefflich bezeichnenden) Ausdrücke, welche Meier erfreulicherweise auch beibehalten hat. Denn „volkläufig“ klingt nun einmal nicht gut. Ich habe über diese beiden Begriffe vor mehreren Jahren (in der „Zeitschrift für deutsches Altertum“ 45, Anz. S. 66–70) gehandelt und meine daselbst ausgesprochene Auffassung nicht geändert. (Diese Ausführungen sind zu umfänglich, als daß ich sie hier wiederholen könnte.) Wir werden also diese beiden Gruppen Volkslied und volkstümliches Lied mit Vorsicht, doch ohne Engherzigkeit und, soweit als möglich, getrennt in unsere Ausgabe aufnehmen.

Aus diesem Berichte werden Sie ersehen, daß wir in Österreich fleißig am Werke sind. Auch in der Schweiz haben sich die Freunde des Volksliedes zusammengetan. Die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, die Lehrer, sowie die Gesangs- und Musikvereine haben im November 1906 einen Aufruf und Fragebogen für eine vorbereitete Gesamtausgabe versendet. Wir Deutsche außerhalb der Reichsgrenze wünschen aber vom Herzen, daß auch in unserem [21] Mutterlande, dem Deutschen Reiche, die wissenschaftliche, aber auch ausgesprochen nationale Aufgabe in Angriff genommen werde, den Volksliederschatz des Reiches möglichst vollständig aufzusammeln, zu bergen und herauszugeben. Wenn nur die Mittel beschafft werden, an tüchtigen Arbeitern wird es nicht fehlen.


Über die Erforschung der Rethrasagen.[1]
Von Richard Wossidlo.

Das Rethra-Problem, das seit 1768, d. h. seit dem bekannten Streit über die Echtheit der sogenannten Prilwitzer Idole die mecklenburgische Altertumsforschung auf das lebhafteste beschäftigt hat, d. h. die Frage, wo wir das Nationalheiligtum der Mecklenburger Wenden, die Orakelstätte des Liutizengottes Radegast-Zuarasici zu suchen haben, ist neuerdings wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt worden durch die Grabungen, welche mit Hilfe der von der Virchow-Stiftung bewilligten Mittel die von der Berliner Anthropologischen Gesellschaft eingesetzte Rethra-Kommission unter der unermüdlichen und in höchstem Maße sachkundigen und sorgfältigen Leitung des Ingenieurs Oesten aus Berlin seit vier Jahren an und in den beiden bei Neubrandenburg gelegenen Seen, der Tollense und der Lieps, vornehmen läßt.[2]

Die Lösung des Problems nun war bisher stets entweder auf historisch-kritischem Wege, d. h. durch eine eindringende Würdigung der beiden Berichte, die uns Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen hinterlassen haben (auf die Schwierigkeiten, welche die Vergleichung der beiden Berichte bietet, kann ich hier nicht eingehen), oder auf rein archäologischem Wege versucht worden. Der Wert von Flurnamen und Volkssagen war nicht erkannt. Auch der Leiter der jetzigen Grabungen glaubte anfangs dieser Hilfsmittel entraten zu können.

Mir waren schon zu Anfang der neunziger Jahre in Waren bei Leuten, die aus der Neubrandenburger Gegend stammten, Sagen über Rethra begegnet. Die Erklärung eines Gelehrten, dem ich sie vorlegte, solche Sagen seien zweifellos jungen Ursprungs und erst durch die wiederholten Grabungen der Neubrandenburger Forscher entstanden, hat mich leider damals von weiteren Nachforschungen zurückgehalten. Als dann im Mai 1906 der zweite Bericht Oestens erschien, der mir den Eindruck weckte, daß man auf dem Wege zum Ziele sei, d. h. daß Rethra bei Neubrandenburg zu suchen sei [22] (nicht weniger als 15 Orte waren schon für Rethra in Anspruch genommen, Oesten selbst hatte zuerst bei Feldberg gegraben), da schien es mir erwünscht, an Ort und Stelle weiter nachzuforschen und festzustellen, ob nicht doch jene früher gefundenen Sagen auf alter Überlieferung beruhten.

Ein kurzer Vorstoß im Juni 1906 ergab eine überraschend reiche Ausbeute, darunter eine Sage von der Vergrabung des goldenen Gottes der Wenden im „Blankenburger Teich“ bei Prilwitz, deren Mitteilung an die Rethra-Kommission zur Folge hatte, daß diese, ohne weitere Sagenfunde abzuwarten, lediglich auf Grund dieser Sage an die Ausgrabung des Teiches heranging, die auch jetzt wieder fortgeführt werden soll.[3] Schon die Mannigfaltigkeit dieser ersten Ausbeute aber hatte mir gezeigt, daß hier nur planmäßige Arbeit zum Ziele führen könne. Ich stellte daher die Sammelarbeit vorläufig ein, um mich besser rüsten zu können.

Durch eine eingehende Prüfung der älteren Geschichtswerke, der umfangreichen Idolliteratur und der Berichte über die früheren Grabungen suchte ich zunächst Klarheit zu gewinnen, ob und inwieweit die heute umlaufenden Volkssagen auf gelehrtem Wege ins Volk gedrungen sein könnten. Die ganze ältere Literatur gab fast gar keine Ausbeute. Latomus-Steinmetz, um 1600 Rektor in Neubrandenburg, der zuerst Rethra bei Prilwitz sucht, sagt nichts von lebender Überlieferung. Im Idolstreit wird der Volkssage nur in ganz unbestimmten Wendungen Erwähnung getan, obwohl es doch nahe genug gelegen hätte, der dunklen Fundgeschichte der Idole und den Grundlagen der Schatzgräberei des Gideon Sponholtz nachzugehen. Boll hat nur zwei belanglose Sagen über den Bacherswall.

Erst Niederhöffer (1857) bringt mehrere größere Sagen über Rethra, die dann im Auszuge in das Werk von Bartsch, der Eigenes nicht hinzufügt (für das Strelitzer Land fehlten ihm die Sammler fast ganz), in die vielgelesenen Chroniken von Penzlin und Prilwitz, in Lesebücher und Zeitungen übergingen. Zwei dieser Niederhöfferschen Sagen sind echt, wenn auch aufgeputzt, die dritte ist ein willkürliches, aus mehreren echten Bruchstücken zusammengestelltes und mit fremden Zutaten geschmücktes Machwerk: von Heinrich dem Löwen und einem König von Rethra weiß die echte Volkssage nichts.

Daß aus diesen Quellen die von mir bis dahin gefundenen Sagen nicht stammen könnten, war mir klar. So mußte ich zunächst an der Annahme festhalten, die sich mir von vorneherein bei der Lebendigkeit der Einzelzüge aufgedrängt hatte, daß die lebende Überlieferung des Volkes in die Wendenzeit zurückreiche. Das ließ weitere erhebliche Ausbeute erhoffen. Daß sich Sagen sogar aus vorslavischer Zeit im Mecklenburger Volke erhalten haben, hatte ja schon früher der die Volkssage bestätigende Fund des Peckateler Bronzewagens gezeigt.

Ich suchte dann weiter mit der Flurnamenforschung vertraut zu werden und in den „Irrgarten der slavischen Mythologie“ einzudringen. Sammelfahrten endlich in die Umgebung anderer wendischer Kultstätten, so der Burgwälle am Plauer See, bei Krakow und am Malchiner See, gaben mir von dem Charakter heimischer Burgwallsagen ein besseres Bild, als ich es aus Bartsch und den von meinen Mitarbeitern und mir selbst früher gesammelten Sagen gewinnen konnte.

[23] Im Frühling 1907 ging ich dann in der Tollense-Gegend selbst an die Sammelarbeit heran. Das Aufnehmen der Flurnamen erwies sich als ein vorzügliches Mittel, um in der ganzen Gegend heimisch zu werden und die Leute zu unbefangenen Mitteilungen anzuregen. Ich habe dann bis heute[4] 59 Dörfer der Gegend Penzlin – Neustrelitz – Stargard – Neubrandenburg, zum Teil von Haus zu Haus, abgesucht und eine Fülle von Sagen gefunden, wie sie wohl bei keiner anderen historisch bedeutsamen Stätte bisher aufgedeckt worden ist. Unbeeinflußt durch die Berichte Thietmars und Adams und die Ergebnisse der bisherigen Grabungen hab ich nach Kräften versucht, immer nur den Tatbestand aufzunehmen, niemals etwas in die Leute hineinzufragen, die krausen, sich vielfach direkt widersprechenden Berichte in allen Einzelzügen festzuhalten, und immer wieder die Glaubwürdigkeit des Gewährsmannes zu prüfen und festzustellen, aus welchen Quellen er schöpfte. Vor absichtlichen Täuschungen glaube ich durch vierundzwanzigjährige Sammlererfahrung geschützt zu sein. Aus Zeitungsberichten und den Mitteilungen der Oestenschen Arbeiter geschöpfte Angaben abzuwehren, bedarf es meist nur weniger Worte. Wirklich sagenkundige Leute merken, wenn man ihnen in rechter Weise naht, sofort, worauf es ankommt.

Manche Sagen sind auf zwei und drei Dörfer beschränkt. Die Landesgrenze (seit 1701) und eine Sprachscheide gehen mitten durch das Sagengebiet hindurch. Am reichsten sind die Dörfer, die unmittelbar an der Lieps liegen. In der weiteren Umgebung verblaßt die Sage merkwürdig schnell. Nur die Glockensage geht in einem Umkreis von etwa drei bis vier Meilen ins Land hinein. Aber Leute, die aus jenen Dörfern stammen oder dort einen Teil ihres Lebens verbracht haben, sind natürlich weithin zerstreut: so ist des Suchens kein Ende. Ich habe mir eine, demnächst durch die Kirchenbücher zu vervollständigende Liste aller Familien angelegt, die vor 50 und 100 Jahren in jenen Dörfern ansässig waren, und suche festzustellen, ob und wo noch Nachkommen solcher längst verstorbenen Leute leben, die mir von betagten Gewährsmännern als besonders sagenkundig bezeichnet worden sind. Manche der heute umlaufenden Sagen sind nach sich gegenseitig stützenden Angaben zuverlässiger Gewährsmänner in die dritte und vierte Generation hinauf zu setzen, stammen also aus einer Zeit, wo von einer Rethrafrage überall noch keine Rede war. Es stellt sich heraus, daß bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hinein das Bild von der Wunderstadt und ihren vergrabenen Schätzen den Leuten noch völlig vertraut gewesen ist.

Die ganze Gegend zeichnet sich durch starke Ansässigkeit der Bevölkerung aus, wie denn schon das Zusammenfallen vieler Familiennamen mit Ortsnamen davon zeugt, wie fest die Bevölkerung mit dem Boden verwachsen ist. Fremde Schnitter sind noch heute in einzelnen Dörfern eine unbekannte Erscheinung. Es kommen andere Umstände hinzu, welche die ungewöhnliche Zähigkeit und Lebendigkeit der Überlieferung erklären. Die Schilderungen von Masch lehren, daß die ganze Umgebung der Lieps noch vor 140 Jahren ein erheblich anderes Aussehen hatte, daß zahllose Grab- und Befestigungsanlagen von der alten Zeit zeugten, die seitdem zerstört worden sind: der Bau der Chaussee, die von Neubrandenburg nach Neustrelitz führt und nahe an der Lieps vorbeigeht, hat große Verwüstungen angerichtet. Aber auch die weitere Umgebung, die so reich ist an Resten von Burgen, Schlössern und Klöstern [24] wie keine andere Gegend Mecklenburgs (hier hat unser großer Landsmann Schliemann die glühende Liebe zur Wiedererweckung vergangener Herrlichkeit in sich aufgenommen) hielt die schaffende Phantasie des Volkes rege. Auch die durch Oestens Grabungen teilweise schon bestätigten Berichte der Fischer und Steinfahrer über Reste alter Dammanlagen in der Lieps gaben der Überlieferung immer wieder neue Nahrung.

Es ist in hohem Grade beachtenswert, wie sehr hier die Sagen z. B. von der wilden Jagd, vom Mart, vom Drak, von Werwölfen und andere Sagenkreise, die sonst fast überall in Mecklenburg einen breiten Raum einnehmen, zurücktreten. Aber von Raubrittern, von Burgen und Schätzen wird nirgends so viel erzählt wie hier. Und das große Sammelbecken ist immer wieder der Sagenkreis von Rethra. Erst ein genauer Einblick in das ganze Sagennetz einer Gegend gibt sichere Grundlagen für das Urteil über Alter und Bedeutung der einzelnen Sagenzüge.

Freilich je mehr von dieser Sagenmasse ans Licht kommt, desto schwerer wird es, das dichte Gewebe zu entwirren: die Fäden schlingen sich hinüber und herüber. An Überraschungen wird man gewöhnt. Fast jeder neue Fund beleuchtet einen früheren. Kleine unbedeutende Züge gewinnen plötzlich Wert. Und der scheinbare Gegensatz mancher Sagen löst sich auf, sobald man davon absieht, die Richtigkeit aller Angaben an Thietmars Bericht zu messen, der doch nur nach Hörensagen schildert und im wesentlichen nur den einen Tempel im Auge hat. Aber auch an allerlei seltsamem Rankwerk, an Anachronismen, volksetymologischen Deutungen usw. fehlt es wie bei jedem größeren Sagenkreise nicht. Prill z. B. der angebliche Erbauer von Prilwitz, wird mit Till, d. h. Tilly, dem Eroberer Neubrandenburgs, zusammengeworfen u. a. m. Ich werde später alle solche Entgleisungen sorgfältig buchen, sie gehören mit zum Bilde; daß sie den Wert der Hauptmasse nicht im mindesten in Frage stellen können, ist selbstverständlich. Und noch eins sei betont: die Möglichkeit, daß Einzelzüge auf gelehrtem Wege sich in die Volkssage eingeschlichen haben, muß natürlich stets im Auge behalten werden. Die Frage endlich, ob besonders altertümliche Sagen in die vorslavisch-germanische Zeit zurückreichen, ist sehr schwer zu entscheiden; darauf kann ich hier nicht näher eingehen. Daß die ganze Gegend schon in vorslavischer Zeit stark besiedelt gewesen ist, lehren noch heute vorhandene Grabanlagen und prähistorische Funde mannigfacher Art.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gehe ich dazu über, von dem Inhalt der Sagen ein ungefähres Bild zu geben. Ich kann hier nicht vollständige Sagen mitteilen; ich fasse nur kurz die bisherigen Ergebnisse zusammen, die natürlich durch neue Funde noch wesentlich erweitert und berichtigt werden können.

Da hier eine Karte des Sagengebietes nicht beigegeben werden kann, so nenne ich kurz die wichtigsten Namen: Ortschaften am Tollenseufer westlich von Neubrandenburg: Broda, Meiershof, Rehse, Wustrow; östlich von Neubrandenburg: Klein-Nemerow. In der Tollense bei Wustrow: die Fischerinsel. Ortschaften am Liepsufer: westlich Zipplow, Prilwitz (dahinter Hohenzieritz usw.); an dem Südufer: Eliasbach, Pferdeberg und Blankenburgsteich (dahinter die Meierei Ehrenhof); am östlichen Ufer Usadel (dahinter der Zechow-Wald). Zwischen der Lieps und der Tollense (mit Verbindungsgräben) das Liepser Bruch, östlich davon Krickow. Im Liepssee die Inseln Kietzwerder (vor Prilwitz) und Hanfwerder (vor dem Liepser Bruch).

[25] 1. Die Frage, die selbst nach den Erfolgen der jüngsten Grabungen manchem noch immer strittig erschien: ob denn überhaupt Rethra an dem Tollense- und Lieps-See zu suchen sei, wird durch die Volkssage endgültig entschieden. Es ist völlig undenkbar, daß die Gesamtheit der von mir gefundenen Sagen auf gelehrtem Wege ins Volk gedrungen sei. Nur die Annahme einer unausgesetzten mündlichen Überlieferung von der Wendenzeit her vermag den heutigen Besitz des Volkes zu erklären. In keiner anderen Gegend Mecklenburgs hat sich die Erinnerung an die Wenden (de Wennschen) so lebendig erhalten wie hier.

2. Auch die heutigen und noch mehr die älteren Flurnamen reichen zum Teil auf wendische oder der wendischen unmittelbar folgende Zeiten zurück. Die Namen der Fischereizüge sind besonders bemerkenswert.

3. Durch die Ergebnisse der früheren und der jetzigen Grabungen wird die Richtigkeit der echten Volkssage in manchen Punkten bestätigt, in keinem sicher widerlegt. Wie weit sie mit Thietmars und Adams Schilderungen in Übereinstimmung zu bringen ist, kann erst untersucht werden, wenn die Sammelarbeit abgeschlossen ist.

4. Die Angaben hochbetagter Leute lassen erkennen, daß früher an dem Ufer der Lieps erhebliche Flächen mit Wald bedeckt waren, die heute beackert werden. So kommen wir dem Bilde jener silva ab incolis intacta et venerabilis magna, von der Thietmar redet, näher.

5. Als Namen der Stadt treten in der Volkssage auf: Schöne Reda (Rede, Reta) o. ä., Magareta u. ä. und Niniveh. Reda findet sich schon in den annales Augustenses und später bei Fabricius (1597). Niniveh erinnert an das Niniveta (statt Vineta) des codex Puchenii von Helmold. Die heute in Gelehrtenkreisen übliche Form Rethra ist ebenso wie die Form Rethre, die sich bei Adam und Helmold findet, der unbeeinflußten Volksüberlieferung völlig fremd. Ein zuverlässiger Gewährsmann erklärte mit großer Bestimmtheit, die Stadt habe zwei Namen gehabt: den zweiten (außer Schöne Reda) hatte er vergessen.

6. Von einer Zerstörung der Stadt durch Menschenhand weiß die Volkssage nichts; sie erklärt ihren Untergang durch eine Überflutung oder eine Überlastung des Bodens und bringt damit andere Veränderungen der Erdoberfläche in nahegelegenen Dörfern in Zusammenhang. Diese Annahme der Volkssage steht nicht im Widerspruch mit der geschichtlichen Überlieferung. Die in älteren Geschichtswerken sich vielfach findenden Angaben über eine dreifache Zerstörung beruhen auf falscher Kombination. Nur die Nachricht der annales Augustenses über den Zug des Bischofs Burchard von Halberstadt ist mit Sicherheit auf Rethra zu beziehen.

7. Die Sagen über die Flucht der Wenden und die Bergung der Tempelschätze weichen stark von einander ab: hier kreuzen sich nahezu 20 verschiedene Nachrichten, die zum Teil wieder durch Schatzsagen der weiteren Umgebung bestätigt werden. So soll z. B. in einem der Mollenstorfer Grabhügel Maria mit dem Jesuskinde vergraben liegen. Die Flurnamen auf der Grenze von Mollenstorf und Zahren (Düwelswisch, Heiligtum u. a.) weisen auf alte Kultstätten hin.

8. Eine aus guter Quelle stammende Sage bezeichnet ein Kultbild als ein silbernes Kalb, das an einem Balken befestigt gewesen sei.

[26] 9. Was die Lage Rethras anlangt, so will die Mehrzahl der Sagen die Stadt auf den kleineren der beiden Seen, die „Lieps“ beschränkt wissen; andere suchen sie in der Tollense.

10. Die „Fischerinsel“ in der Tollense bei Wustrow, auf der zuerst Beyer, dann Brückner (seit dem Brückenfunde bei Wustrow in Jahre 1887), zuletzt Oesten den Radegasttempel gesucht haben (Oesten hat eine starke Boden- und Uferbefestigung festgestellt), wird in einer Sage, die Kennzeichen hohen Alters an sich trägt, Wilenso genannt. Der Fischereizug an der Westseite der Insel führt noch heute, was Oesten wohl entgangen ist, den Namen „Wendshöken“ oder „Wendshöpen“.

11. Die Sage, die Thietmar erwähnt, von dem aus dem See bei dem Tempel auftauchenden Eber, dessen Erscheinen als Vorzeichen eines Krieges gelte, hab ich bisher in der lebenden Überlieferung nicht wieder gefunden. Wohl aber bringt, was bisher nicht beachtet ist, soweit ich sehe, Müllenhoff eine ganz ähnliche Sage aus Flensburg: das scheint die neuerdings von Historikern verfochtene Annahme zu stützen, daß auch in Schleswig Slaven gewohnt haben. Auch in Pommern haben sich verwandte Sagen erhalten.

12. Bedeutsam tritt das Festland von Wustrow hervor. In dem Gutsgarten liegt nach der Sage das goldene Kalb. Schon in einem Prozeß vom Jahre 1530, dessen Akten Beyer im Schweriner Archive fand, handelt es sich um Schatzgräbereien, die „hart am Torwege des Bauhofes von Wustrow“ vorgenommen worden sind: ein Umstand, der auf das Alter der Rethra-Schatzsagen ein helles Licht wirft.

13. Auch das benachbarte Rehse und das ganze Tollenseufer bis Broda hin hat Überlieferungen, die zweifellos in wendische Zeit zurückreichen. Ein Ackerstück „bei der heiligen Eiche“ wird in einem Kirchenvisitierbuch von 1574 genannt: „Swenn’eek“ hieß noch vor kurzem eine jetzt verfallene alte Eiche. Beim nahen Meiershof zeigt sich nach der Volkssage ein Drache, der aus der Erde hervorkommt und wieder verschwindet: das klingt an eine unten zu erwähnende Sage von einer aus der Erde täglich hervorkommenden Wunderpflanze an. – Nach einer Brodaer Überlieferung lag die Stadt in der Tollense in der Richtung von Meiershof nach Klein-Nemerow hinüber. Die starksprudelnden Quellen bei Klein-Nemerow wollen nach der Volkssage den goldenen Gott aus der Tollense wieder herausschaffen. Ein Fischereizug zwischen Meiershof und Broda führt noch heute einen unanständigen Namen,[5] der nach der Volkssage früher auch den Dörfern Godendörp (vgl. Kuhn-Schwartz, Ndd. Sagen, S. 32) und Gottesgabe eigen war: in allen drei Fällen scheint es sich um altheilige Stätten zu handeln, die verächtlich gemacht werden sollten.

14. Auch Broda, der alte Fährort – später Sitz eines Klosters, bewahrt in Flurnamen und Sagen viel alte Überlieferung. Eine Neubrandenburger Sage sucht die untergegangene Stadt in den Wiesen am Tollensefluß.

15. Die unmittelbare Umgebung von Prilwitz ist mit Sagen angefüllt, von denen aber manche aus jüngerer Zeit stammen. Der „Schloßberg“, auf dem Masch den Rethratempel suchte (hier hat eine mittelalterliche Burg gestanden), [27] tritt wenig hervor. Mehrere Schatzgräbersagen haben zum Mittelpunkt den Landrat von Bredow, der zu Maschens Zeit wiederholt Bronzefunde gemacht hat. Der im Idolstreit vielgenannte Flurname „Rhetrerberge“ wird bei Kühnel aus dem Flurregister von 1759 belegt.

16. Auch die Geschichte der Prilwitzer Idole wird durch zwei Überlieferungen beleuchtet. Näheres kann hier nicht angedeutet werden.

17. Im Hinterlande von Prilwitz sehe ich altes Priester- und Tempelland. Hohenzieritz war noch vor fünfzig Jahren als Hexendorf verschrien – wie auch andere Dörfer in der Nähe wendischer Kultstätten, so z. B. Rambow beim Sageler Burgwall. – Der 1898 abgebrannte Dorfviehstall in Hohenzieritz führte im Volksmunde den Namen „Nobelskrog“: derselbe Name, dessen mythischer Charakter ja bekannt ist, kehrt auch beim nahen Kratzeburger Burgwall wieder, auf dessen Bedeutung für die Rethrafrage schon Lisch hingewiesen hat. – Im „Heidenholt“ in der Hohenzieritzer Forst haben sich nach der Volkssage die letzten Wenden behauptet. – In dem im selben Walde gelegenen „Stribbow-See“ wohnen weibliche Gottheiten. – Im „Faulen See“ auf Wendfelder Feldmark liegt nach der Volkssage der Wendenkönig begraben. – Im benachbarten Blumenholz weisen Flurnamen wie Gottskamp auf altes Tempelland hin.

18. Die vor Prilwitz liegende Insel „Kietzwirel“, auf der Oesten eine starke wendische Besiedelung nachgewiesen hat, erscheint in einer bedeutsamen Visionssage als Stätte eines Tempels.

19. Die Feldmark der zu Prilwitz gehörenden Meierei Ehrenhof (im Süden der Lieps) hat sicher mit zum heiligen Bezirke gehört. Der Name hat, wie der Flurname „Ihrenkölk“ zeigt, nichts mit dem Vornamen des Landrats Ehrenreich von Bredow zu tun, wie immer behauptet wird. Der Weg, der vom Gutshofe an die Prilwitz-Usadeler Landstraße heranführt (früher ging er bis an die Lieps weiter), war nach der Sage „der alte Weg nach Schöne Reda“.

20. Über den „Spitzberg“, der nicht weit von diesem Wege liegt, läuft eine Sage um, die auf den Kult einer weiblichen Gottheit schließen läßt.

21. Der nahe kalkhaltige, in die Lieps fließende „Eliasbach“ (im Volksmunde Liers bäk oder Liersch bäk), der Mittelpunkt der Spuksagen der ganzen Gegend, scheint der Grenzbach des heiligen Bezirkes nach Westen hin gewesen zu sein. Auch bei anderen wendischen Kultstätten ist es ein Bach, bei dem der Spuk beginnt.

22. Die Sagen von dem nahegelegenen „Pferdeberg“, aus dem der Pferdedieb Schruckfoot, mit elfenbeinernem Rock bekleidet, hervorkommt, bewahren die Erinnerung an das Kultbild einer slavischen Gottheit (Svantevit?), das hier auf ragender Höhe, von der aus man das ganze Seengebiet überschaut, seinen Stand hatte. Diese Sagen finden ihr Gegenstück in der Sage von dem Dämon Knickerbeen, der an der Lauenburgischen Grenze haust, und auch die Sage vom Viting im „Sonnenberge“ bei Parchim ist nahe verwandt.

23. Die ganze Umgebung des Blankenburg-Teiches ist voll von merkwürdigen Überlieferungen, die auf alte Heiligkeit der Stätte schließen lassen. Die obenerwähnte Sage übrigens von dem goldenen Gotte, der hier vergraben sei, ist auf drei Dörfer beschränkt.

[28] 24. Die Überlieferung des Volkes von einem Damm in der Lieps, der von Usadel her bis in die Gegend des Pferdeberges führe, verdient eine Nachprüfung.

25. Auf der Feldmark von Usadel, die noch zu Maschens Zeit an Grabdenkmälern und Befestigungsanlagen überreich gewesen ist, tritt in der Volkssage der „Paterenenberg“ hervor: nördlich von ihm hat Oesten eine Dammaufschüttung aufgedeckt.

26. Das an Usadel grenzende Krickow, das bisher von der archäologischen Forschung ganz vernachlässigt worden ist, war nach der Volkssage der Marktplatz von Rethra. Hier haben nach einer Sage die Wenden auf ihrer Flucht Halt gemacht und den goldenen Gott angebetet. Von einem Damm, der nach der Volkssage von den Hofgärten aus zur Lieps nach Schöne Reda hinunterführte, sind noch heute Reste vorhanden: seine Richtung wird festzulegen sein. Flurnamen wie Hexenkeller, Irrgooren u. a. sind bedeutsam. Von der „Kiwenitzkuul“ gehen Sagen um, die auf den Kult weiblicher Gottheiten hinzudeuten scheinen. In der „Krickower bäk“ haben wir den Grenzbach, der den heiligen Bezirk nach Norden hin abschloß, zu sehen: auch hier häufen sich wieder die Spuksagen, die zum Teil in sehr alte Zeit hinaufragen.

27. Die alte Heiligkeit des „Liepser Bruches“ wird in Flurnamen wie „Wiekbäk“ (das ist die ältere Namensform für das Wietbäk der Karten – der Name findet sich auch sonst bei sicher wendischen Burgwällen), „Nonnenbäk“ und „blag’ Wisch“ (beide altmythisch) bezeugt. – Auf der „kleinen Horst“ hier im Liepser Bruch liegt nach mehrfach beglaubigter Sage das goldene Kalb. – Hier war der „Wendenkirchhof“. An der westlichen Spitze des Bruches, dem „Bacherswall“, hat Oesten eine Befestigungsanlage nachgewiesen.

28. Die Gegend zwischen dem Liepser Bruch und der Insel „Hempwirel“ ist nach beachtenswerten Sagen die eigentliche Stätte von Rethra. Hier taucht am Johannistage (in allen Rethrasagen ist es wie auch sonst in den Sagen von wendischen Burgwällen immer nur der Johannistag, an dem das Untergegangene ans Licht kommt) allerlei Goldenes hervor.

29. Der Hanfwerder selbst war nach der Angabe eines Gewährsmannes, der aus guter Quelle schöpfte, die Stätte eines Tempels; hier liege der Schatz begraben. Auf der Insel, auf der früher bei der Beackerung wendische Kulturreste in sehr großen Mengen ans Licht gekommen sind, haben schon Boll und Brückner gegraben. Oesten hat hier eine Uferbefestignug nachgewiesen. Ein Steindamm führt, nach den Angaben alter Leute, unter der ganzen Oberfläche der Insel hin.

Hier auf dem Hanfwerder sind früher, was Oesten entgangen zu sein scheint, Tierknochen und Hirschgeweihe in großer Zahl gefunden worden. Es ist möglich, daß diese Funde mit der Angabe Thietmars, daß der Tempel „pro basibus diversarum sustentatur cornibus bestiarum“, in Zusammenhang zu bringen ist, wie auch in der Stadt Malchow, der Stätte eines anderen wendischen fanum cum idolis, Hirschgeweihfunde gemacht worden sind. Natürlich würde, wenn fortgesetzte Grabungen hier Spuren eines Tempels ergeben sollten, damit nicht erwiesen sein, daß wir es hier mit dem von Thietmar beschriebenen Radegasttempel zu tun hätten. Es wäre sehr wohl möglich, daß hier in der Nähe des Marktplatzes Krickow ein Heiligtum stand, in dem die niederen Volksschichten zu opfern pflegten, während der Kriegsgott Radegast auf der Fischerinsel verehrt wurde.

[29] Eine solche Annahme könnte durch einen weiteren Umstand eine Stütze gewinnen. Hier auf dem Hanfwerder findet sich, wie schon Steusloff (1907) hervorgehoben hat, Holunder (Fleeder) in ungewöhnlicher Menge und Stärke. Die Beobachtung Beyers in seiner wertvollen Arbeit über die wendischen Schwerine in Mecklenburg (1867), daß Flurnamen wie Fleederkuul, Fleederbarg u. a. sich auffallend oft bei wendischen Burgwällen finden, hat sich für ganz Mecklenburg als richtig erwiesen. Und auch im Rethragebiete (bei Rehse und in der Zechower Forst) finden sich diese Namen. Nun hat schon Beyer, dem das starke Vorkommen des Holunders auf dem Rethragebiete noch unbekannt war, eine Nachricht des Miletius herangezogen, daß die Sarmaten einen Gott Putscaetus verehrt hätten, den sie sich unter einem Holunderbaume wohnend dachten und den sie zu bitten pflegten, bei Marcopolus, dem deus magnatum et nobilium, für sie Fürbitte einzulegen. Einen Gott Puschaitis hatten nach derselben Quelle auch die Slaven. Das mecklenburgische Pustekow liegt in der Nähe einer wendischen Kultstätte. Das alles will genauer erforscht sein. Eine eindringende Untersuchung des ganzen Hanfwerders und seiner Umgebung ist jedenfalls ein dringendes Erfordernis.

30. Aber auch das Hinterland von Usadel, die große „Zechow“ genannte Forst, in der schon Masch Rethra gesucht hat, ist angefüllt mit Sagen, die zum Teil in wendische Zeit zurückweisen. Das „schwarze Bruch“ bei Ehrenhof, der Schauplatz einer Vision, die lange „Krämerkuul“, die noch vor sechzig Jahren nach den Angaben eines zuverlässigen Gewährsmannes durch Grabanlagen und botanische Merkwürdigkeiten ausgezeichnet war (hier war nach der Volkssage der eigentliche „Aufenthaltsort“ der Wenden), die Umgebung von „Rodenkrog“, in der ein goldener Hahn die Leute schreckt, der „Keulenberg“ mit der sicher alten Sage von der jeden Mittag aus der Erde hervorkommenden menschenkopfartigen Wunderpflanze, die den Arm des christlichen Pastors, der sie fortbannen will, lähmt, u. ä. m., das alles macht mir zur Gewißheit, daß wir es hier in dieser Forst mit der Hauptmasse jenes obenerwähnten heiligen Waldes zu tun haben, und daß auch in diesem Walde sich Kultstätten befunden haben. Auch das nahe Wanzka – noch heute die Stätte eines Marktes – tritt in Flurnamen und Sagen bedeutsam hervor.

31. Ich gewinne eben, je tiefer ich in den Sagenkreis der ganzen Gegend eindringe, immer mehr die feste Überzeugung, daß wir es bei Rethra mit einer ausgedehnten civitas zu tun haben, die eine größere Anzahl von Befestigungsanlagen und auch mehrere Tempelstätten umschlossen hat. Die Grenze des ganzen Gebietes festzustellen, wird, wenn überhaupt, nur mit Hilfe der Sagenforschung gelingen können.

Wie die Zeitungen kürzlich meldeten, hat die Rethra-Kommission erfreulicherweise beschlossen, die Grabungen mit Eifer fortzuführen, sobald die nötigen weiteren Mittel aus der Virchow-Stiftung bewilligt sein werden. Die Kommission wird sich einer ernstlichen Prüfung des Ergebnisses der Sagenforschung nicht länger entziehen können, ohne der Sache zu schaden.[6] Und wir dürfen an der Hoffnung festhalten, daß es vereinter Arbeit gelingen werde, das Problem, das nun schon soviel Kraft in Anspruch genommen hat, in seinem Hauptteile der Lösung zuzuführen.

[30] Allein – wie auch immer der Wert der Volkssage für die archäologische Forschung sich stellen mag – die Rethrasagenforschung trägt ihren Wert und ihren Lohn in sich selber. Erst in diesen zwei Jahren hab ich den unerschöpflichen Sagenreichtum des Mecklenburger Volkes in vollem Umfange würdigen lernen. Ich werde die Sammelarbeit weiterführen, bis die ganze Umgebung in weitestem Umfange planmäßig abgesucht und der letzte erreichbare Gewährsmann ausgefragt ist. Dann werde ich mich den übrigen wendischen Kultstätten der Heimat zuwenden. In etwa zwei bis drei Jahren hoffe ich dann den ganzen Sagenkreis in urkundlicher Form ans Licht bringen zu können. Die Vergleichung mit der Masse der übrigen Sagen der Heimat, die in meinen Händen ist, sowie auch die Durchforschung der Flurnamen wird die Eigenart der auf wendische Zeit zurückgehenden Überlieferungen aufdecken, vielleicht auch slavischen Kult in helleres Licht stellen können.

Möchte man auch in anderen deutschen Ländern, in denen Slaven wohnten, ernstlich an die Sagenforschung gehen. Der Lohn wird nicht ausbleiben. Auch um die Vinetasagen z. B. hat sich ja niemand bisher ernstlich bemüht. Das eben ist die Lehre, die die Rethraforschung nahelegt, daß wir doch, wie in allen volkskundlichen Dingen, so auch in der deutschen Sagenforschung erst am Anfange stehen und daß die Überlieferung des Volks doch zäher ist, als man zu glauben pflegt.


Zu Mitteilungen Nr. 7, S. 4.

[Der Beitrag von Georg Lehnert (1871–1944) ist erst ab dem 1. Januar 2015 gemeinfrei und kann deshalb hier nicht wiedergegeben werden.]

Gießen. G. Lehnert.

An die Rechnungsführer der Vereine.

Die Jahresbeiträge bitten wir vom 1. Januar 1909 ab an den neuen Rechnungsführer des Verbandes,

Herrn Rechtsanwalt C. Rothe, Chemnitz i. S., Theaterstraße 86,

zu senden. Wir hoffen schon am nächsten Verbandstage einen neuen Zahlungsmodus vorschlagen zu können.

Der geschäftsführende Ausschuß.

Schriftleitung: Dr. Dähnhardt, Leipzig-Gohlis, Marbachstraße 9.
Buchdruckerei Richard Hahn (H. Otto), Leipzig.

  1. Kurz bevor unser Verband in Berlin tagte, hatte in Lübeck eine Tagung des Gesamtvereins deutscher Geschichts- und Altertumsvereine stattgefunden, wobei Herr Prof. Richard Wossidlo über seine Rethrasagen-Forschung sprach. Auf Bitten der Schriftleitung dieses Korrespondenzblattes hat der verdienstvolle Forscher die Güte gehabt, auch den Mitgliedern des Verbandes von jenem Vortrage in dem folgenden stark verkürzten und erheblich veränderten Berichte Kenntnis zu geben.
  2. Der Umstand, daß der Wasserspiegel beider Seen heute um anderthalb Meter höher ist als zur Wendenzeit (das Stauwerk der am Ende des 13. Jahrhunderts gebauten Vierrademühle in Neubrandenburg hat diese Erhöhung bewirkt) und daß dadurch der Umfang der in den Seen gelegenen Inseln erheblich gegen früher verändert ist, erschwert die Grabungen außerordentlich. Die Berichte Oestens finden sich in der Ztschr. f. Ethnol. 1904 S. 758 ff., 1905 S. 981 ff., 1906 S. 1006 ff., 1908 S. 559 ff.
  3. Bisher sind hier nur die Reste eines steinzeitlichen Pfahlbaues aufgedeckt worden.
  4. d. h. bis Ende November.
  5. In dem Programm von Kühnel „Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg-Strelitz“, II (1883), S. 36, wird dieser Fischereizug „dodentog“ genannt. Sein Gewährsmann, ein Verwandter des Fischereipächters, gestand mir, daß er diesen Namen gewählt habe, weil er den anstößigen Namen nicht habe nennen mögen. Man muß eben beim Sammeln der Flurnamen stets an Volksschichten sich wenden, die solche Rücksichten nicht kennen.
  6. Unmittelbar nach Absendung dieses Berichtes erhielt ich die Aufforderung, der Rethra-Kommission beizutreten und ihr die von mir gesammelten Sagen vorzulegen.