Milchanstalten für Kinder

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Titel: Milchanstalten für Kinder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 322–323
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Milchanstalten für Kinder.

Es gab eine Zeit, und diese liegt noch nicht weit hinter uns, da dachte man, daß Kuhställe aufs Land hinausgehörem und daß es ein müßiges Unternehmen sei, Kühe in der Stadt zu halten. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden die Verkehrsmittel so hoch entwickelt, es ist so leicht geworden, Nahrungsmittel auf weiteste Entfernungen in frischem Zustande zu liefern, daß man in den Großstädten ruhig die Ankunft der Bahnzüge abwarten konnte, welche die nöthigen Erzeugnisse der Landwirthschaft tagtäglich hereinbrachten.

Inzwischen hatte die medizinische Wissenschaft ihre Fortschritte gemacht. Sie wandte ihr Augenmerk auch auf die Kuhmilch, die für die Ernährung der jüngsten Weltbürger so unendlich wichtig ist. Sie fand, daß die Kuhmilch oft für die Gesundheit derselben unzuträglich sei, und suchte anfangs, auf die Chemie gestützt, die Kuhmilch als Ersatz der Muttermilch entbehrlich zu machen. Aus den chemischen Retorten sollten Mischungen hervorgehen, welche jede Milch ersetzen könnten, die rein von allen schädlichen Beimengungen wären und uns ein Mittel an die Hand gäben, unseren Nachwuchs künstlich zu ernähren.

Das Stadium jener Versuche ist überwunden. Wir wissen jetzt, daß der beste Ersatz für die Muttermilch doch die reine gute Kuhmilch ist; wir wissen, daß die Gefahren, welche die Darreichung derselben mit sich zu bringen pflegt, durch ein gewissenhaftes sorgfältiges Verfahren umgangen werden können, und heute ist die Milch wieder zu Ehren gekommen.

Was heißt aber gute reine Kuhmilch? Ihre Gewinnung ist nicht so leicht, wie man denken möchte. Es müssen viele Bedingungen erfüllt werden, bevor man sie erzielt.

Zuvörderst ist es nöthig, daß die Kühe selbst gesund sind, dann kommt es darauf an, daß sie angemessen gehalten und ernährt werden, endlich muß auch die Gewinnung und Behandlung der Milch durchaus [323] zweckmäßig sein. Erst nach Erfüllung aller dieser Vorbedingungen kann man mit gutem Gewissen sagen: diese Milch ist der beste Ersatz für die Muttermilch.

Wußten wir denn früher, als wir die Milch ohne Besinnen von dem Milchmann bezogen, ob alle diese Bedingungen erfüllt waren? Durchaus nicht! Die Milchwirthschaft auf dem Lande ist keineswegs für Säuglinge bestimmt. Sie hat andere, wichtige Zwecke zu erfüllen; sie liefert uns nicht allein Milch, sondern auch Butter und Käse, sie ist ungemein wichtig für die allgemeine Volksernährung; mit den zahllosen Säuglingen der Großstädte kann sie sich nicht befassen.

So kam es, daß die Städte zur Selbsthilfe greifen mußten.

Dem Oekonomierath Grub gebührt das Verdienst, die erste Anstalt, welche lediglich gute reine Milch für Säuglinge und Kranke erzeugt, in Stuttgart gegründet zu haben. Dies geschah im Jahre 1875, und gegenwärtig verfügt schon eine ganze Reihe von Städten Deutschlands über ähnliche Anstalten; etwa seit Jahresfrist ist auch Berlin im Besitze einer Milchkuranstalt, die unter den vielen gemeinnützigen und im Dienste des öffentlichen Wohls stehenden Einrichtungen der Reichshauptstadt eine hervorragende Stelle einnimmt.

Vor einigen Jahren hat die „Gartenlaube“ (vgl. Jahrg. 1883, Seite 603) die in Dresden errichtete Anstalt besprochen und sie treffend einen „Säuglingskuhstall“ genannt. Wenn sie heute wiederholt dieses Thema berührt, so geschieht es darum, weil der Einzug dieser gesunden Säuglingsmilch in Berlin einen Markstein in der Entwicklung unserer hygienischen Einrichtungen bildet.

Es muß ohne Zweifel jedermann befremden, daß jene Stadt, welche in Bezug auf gesundheitliche Fürsorge mit Recht so hohen Ruhm genießt, erst verhältnißmäßig so spät eine Milchkuranstalt, wie sie die Neuzeit erheischt, erlangt hat, und man kann daraus mit Sicherheit schließen, daß noch viele andere Städte im Deutschen Reich keinen Säuglingskuhstall besitzen. Unter solchen Umständen ist es aber angezeigt, von neuem für die Sache einzutreten. Wir wollen darum in kurzen Zügen die erwähnte Berliner Anstalt unsern Lesern schildern, und diese Schilderung wird vielleicht auch dazu beitragen, daß viele Mütter und Väter auf dem Lande, die so und so viel Kühe ihr eigen nennen, angeregt werden, auch dort in kleinerem Maßstabe die Gewinnung guter Milch für Säuglinge zu erstreben.

Die Berliner Milchkuranstalt ist wohl die größte unter den neueren, zugleich aber sozusagen die unmittelbare Tochter der ersten, der Stuttgarter Anstalt. Sie ist von dem Gründer der letzteren, dem Oekonomierath Grub, ins Leben gerufen. Grub kam nach Berlin als Reichstagsabgeordneter und lernte hier die Berliner Milchversorgung kennen. Er fand bald heraus, daß man in der Reichshauptstadt die „kleinen Schreihälse“ nicht genügend berücksichtigt hatte, und nahm die Versorgung derselben in die Hand. Von süddeutschen Freunden unterstützt, gründete er die Milchkuranstalt am Viktoriapark.

Den Mittelpunkt derselben bildet der vom Stadtbauinspektor Streichert gebaute Stall, welcher Raum für Unterbringung von 250 Kühen bietet und allen Anforderungen an Licht und reine Luft genügt. Die Kühe selbst entstammen durchweg dem bewährten Schweizer Vieh, welches bekanntlich die gehaltreichste Milch liefert. Sie werden schon beim Ankaufe auf ihren Gesundheitszustand thierärztlich untersucht, vor ihrer Verwendung eine entsprechende Zeit lang in einem besonderen Beobachtungsstalle gehalten und hier, wie später in dem eigentlichen Hauptstalle, außer von dem Leiter der Anstalt fortgesetzt auch von einem Thierarzte auf ihre Gesundheit beobachtet. Das Publikum darf jederzeit den Stall betreten, auf den längs der Stände angebrachten Gängen umherwandern und sich von der größten Sauberkeit, die darin herrscht, durch eigenen Augenschein überzeugen.

Die Fütterung der Kühe ist aufs beste geregelt. Alles, was irgendwie die Milch zweckwidrig beeinflussen könnte, wird vermieden. In diesen Stall kommen weder Grünfutter, noch Haushalts- und Fabrikationsabfälle, wie Branntweinschlämpe, Treber, Oelkuchen u. dergl.; man füttert die Kühe nur mit bestem, das heißt gut gewonnenem Hochlandsheu, das aus feinen würzigen Gräsern und Kräutern zusammengesetzt ist, und mit Kraftfuttermehlen.

Auf diese Weise wird eine gesunde, in ihrer Beschaffenheit von Tag zu Tag sich gleichbleibende Milch gewonnen und täglich zweimal unmittelbar nach dem Melken zu den Kunden hinausgefahren.

Die Grubsche Milchkuranstalt verkauft nur reine Milch; jede Gewinnung anderweitiger Molkereierzeugnisse, wie Butter, Käse etc., ist ausgeschlossen, so daß auch hierin eine besondere Gewähr für die Reinheit der Waare erblickt werden muß. Nur nach einer Richtung wird zum Wohle der Kranken hievon eine Ausnahme gemacht. In neuester Zeit hat man vielfach mit dem Kefyr, das heißt in weinige Gährung versetzter Milch, gute Erfolge bei Bekämpfung verschiedener Schwächezustände erzielt, und um dem immer mehr steigenden Bedürfniß nach gut bereitetem Kefyr zu genügen, wird in der Anstalt auch Kefyr bereitet.

Ein weiterer Fortschritt ist in dem Verkauf von sterilisirter Milch zu verzeichnen. Die Milch, selbst die beste, verdirbt außerordentlich leicht, indem zahllose unsichtbare Pilze, die in dieselbe gelangen, eine Gährung hervorrufen. Dadurch, daß man die Milch eine längere Zest hindurch erhitzt, kann sie haltbarer gemacht werden, indem die Keime durch die Hitze getödtet werden. Dieses Erhitzen beeinträchtigt indessen die Nährkraft nicht, macht im Gegentheil die Milch leichter verdaulich. Professor Soxhlet in München hat für diese Zwecke einen besonderen Apparat hergestellt, der im Hause verwendet werden kann und den wir vor einiger Zeit in Bild und Wort unsern Lesern vorgeführt haben (vgl. „Gartenlaube“ Jahrg. 1888 S. 219). Nach demselben Grundsatze wird die Milch in der Grubschen Anstalt auf besonderes Verlangen sterilisirt und keimfrei ins Haus geliefert.

Die nicht sterilisirte Milch wird dadurch vor Veränderungen geschützt, daß sie während der Dauer der Ueberbringung tiefgradig abgekühlt wird. –

Für den gewöhnlichen Verbrauch dürfte die so gewonnene Milch zu theuer sein, aber unbezahlbar ist sie für Kinder und Kranke. Für Säuglinge ist sie das beste Ersatzmittel für Muttermilch und entschieden billiger als die Suppen und Mehle, die sonst zu diesem Zwecke angepriesen werden und über deren Werth für die Ernährung unter gewissen Umständen nur der Arzt entscheiden darf.

Anstalten wie die oben geschilderte sind dazu berufen, die Geißel der Großstädte, die hohe Kindersterblichkeit, zu mildern, Krankheiten zu verhüten, die durch schlechte Ernährung in frühesten Jahren entstehen, Kranken und Genesenden in vielen Fällen ein treffliches Mittel zur Heilung und Kräftigung zu geben. In ärztlichen Kreisen finden sie darum die wärmste Fürsprache. Sie wirken aber auch hebend auf die Milchversorgung der Städte im allgemeinen. Durch ihr Beispiel werden einsichtige Milchproducenten zur Nachahmung angespornt, und das Publikum, das einmal den Werth reiner guter Milch erkannt hat, weist minderwerthige Waare von selbst zurück.

Vielfach sind durch die Milch Krankheiten wie Typhus, Scharlach, Diphtheritis etc. verbreitet worden; die ständige ärztliche Aufsicht, unter der regelrecht eingerichtete Milchkuranstalten stehen, schließt jene Gefahren aus.

Aus allen diesen Gründen ist das Gedeihen der bis jetzt bestehenden Anstalten dieser Art mit Freuden zu begrüßen und im allgemeinen Interesse zu wünschen, daß ihre Zahl wachse.

Die Väter der Städte, in denen sie bis jetzt fehlen, werden sich ein großes Verdienst um ihre jüngsten Bürger erwerben, wenn sie dafür Sorge tragen, daß solche „Säuglingskuhställe“ errichtet werden, und sie werden auch den innigsten Dank vieler Mütter erwerben, denen das blühende Gedeihen ihrer Kleinen das höchste Lebensglück ist. *