Mädchenfreundschaft, oder der türkische Gesandte

Textdaten
Autor: August von Kotzebue
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Titel: Mädchenfreundschaft, oder der türkische Gesandte
Untertitel: Ein Lustspiel in einem Akt
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Erscheinungsdatum: 1805
Verlag: Wallishausser
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Erscheinungsort: Wien
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Kurzbeschreibung:
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[1]
Mädchenfreundschaft,
oder
der türkische Gesandte.

Ein Lustspiel.
in einem Akt.


von
August von Kotzebue.

Wien, 1805.
Auf Kosten und im Verlag bey Joh. Bapt.
Wallishausser.


[2]
Personen.

Madam Braun, Vorsteherin einer Pensionsanstalt für junge Mädchen.

Lenore,      ╮ in Pension bey Madam Braun.
Natalie.      ╿
Wilhelmine      ╯

Hopsa, ein Tanzmeister.
Rose, Lenorens Bräutigam.
Maulwurf, ein Gärtner.
Kleine Mädchen als Pensionairinnen, so viel man will.


Der Schauplatz ist ein Saal mit mehreren Thüren, im Hintergrunde ein Catheder, Stühle und Bänke für die Pensionaire.


[3]
Erster Auftritt.
Madam Braun,
(auf dem Catheder, giebt Unterricht und ist von allen ihren Pensionairs umgeben; die wenigsten derselben haben Acht auf die Lection; sie plaudern, sie necken sich, u. s. w.)

Madam Braun. Still, Kinder! still! Man kann ja sein eigenes Wort nicht hören. Mamsell Lenore, Sie sind die älteste, Sie sollten mit guten Beyspiel vorgehn.

Lenore. Wir haben alles gehört.

M. Braun. Nun? wovon hab’ ich zuletzt gesprochen?

Len. Von der spanischen Poesie.

M. Braun. Da haben wir’s! Ich war schon längst bey der griechischen! He! wer weiß mir zu sagen, wovon zuletzt die Rede war?

Nat. Von der Naturgeschichte.

Wilh. Ja, von den Thieren, die den Moschus in einem Beutel tragen.

[4] M. Braun. O leichtsinnige Jugend! Ich sprach freylich von Moschus, aber von einen Idyllendichter, der vor 2000 Jahren in Syrakus lebte. Kinder! Kinder! wenn Ihr nicht mit Ernst dergleichen wichtige Dinge zu erlangen strebt, wie wollt Ihr denn einst liebenswürdige Gattinnen werden? – Ihr tanzt, Ihr singt, Ihr spielt auf der Guitarre, das ist alles recht gut, und gehört allerdings zur häuslichen Zufriedenheit; aber um Eure Männer ganz zu beglücken, müßt Ihr auch wissen wer Moschus war, und müßt gleich ihm, süße Verse dichten lernen.

Lenore. Hab’ ich nicht am Sonnabend ein Liedchen auf meinen Dompfaffen gemacht?

M. Braun. Ja die Gedanken waren ganz artig aber die Reime noch so à la Gellert. Heutzutage verlangt ein Ehemann –

Nat. Ey was kümert es uns, was ein Ehemann verlangt? Wir drey heurathen doch nie!

M. Braun. Alberner Schnack! Lenore ist ja schon Braut.

Len. Bewahre der Himmel! Oncles und Tanten mögen das wohl untereinander so aus gemacht haben, aber ich thue es nicht. Da müßte ich mich ja von meinen Freundinnen trennen? – Das geschieht nimmermehr.

Nat. Nein, Madam Braun, das thut keine von uns. Eher sagen wir Nein am Altare.

M. Braun. Nun, nun, das wird sich schon finden. Jetzt wieder auf den Idyllendichter Moschus zu kommen – (man hört eine Uhr drey schlagen)

[5] Alle Pensionairs. (indem sie die Bücher wegwerfen und davon laufen.) Es hat drey geschlagen! es hat drey geschlagen!

M. Braun. (allein.) Prrr! Das kann die Zeit nicht erwarten, bis die gymnastischen Uebungen anfangen.


Zweyter Auftritt.
Maulwurf (ein wenig betrunken.) Madam Braun.

Maulw. Madam aus dem Rasenplatz vor der Gartenthür kann nichts vernünftiges werden; denn wenn das junge Volk so mit einenmahle aus der Schule stürzt wie jetzt eben, da fallen sie drauf wie die Heuschrecken, und tanzen mir das junge Gras gleich zu Schanden.

M. Braun. Kinder müssen froh seyn, hüpfen, springen.

Maulw. Freylich; aber die Mamsellchens hier im Hause tanzen gar nicht wie andere Kinder. Sie falten die Hände über den Kopf, und strecken die Beine bald vorne bald hinten hinaus und machen mit den Halstüchern so kuriose Posituren, daß ich meinen Gärtnerburschen nur immer weit weg schicke.

M. Braun. Sie lernen Ballet tanzen, wie es jetzt unter sittsamen jungen Frauenzimmern Mode ist.

Maulw. Meinetwegen! Da hab’ ich auch im Gartenhause ein Buch versteckt gefunden.

[6] M. Braun. Laß sehen. (Sie sieht den Titel an.) Lucinde. O das hat nichts zu sagen, das ist ein Buch, in welchem sich die höhere Poesie mit der Religion der Liebe vermählt. Leg es nur wieder dahin, wo du es gefunden hast.

Maulw. Sehr wohl. Draußen steht aber auch ein junger Herr, der gern herein möchte, und der mir noch gefährlicher aussieht als ein Buch.

M. Braun. Wie heißt er?

Maulw. Ja Gott weiß! Er nannte sich Rose; das that er aber wohl nur mir zu gefallen, weil er sah, daß ich der Gärtner bin.

M. Braun. Nein, nein, ich kenne ihn. Es ist des Lenorens bestimmter Bräutigam. Las’ ihn kommen.

Maulw. In Gottes Nahmen.

M. Braun. Bleib in der Nähe wenn ich dich brauche. (Maulwurf ab.)

M. Braun. (allein) Er wird erstaunen, wenn er sieht wie schön sie tanzt. Da liegt auch eine Zeichnung von ihr, ein nackender Apoll, der gewiß nichts zu wünschen übrig läßt. (Sie findet einen Strickstrumpf, den sie verbirgt) Nur ihren Strickstrumpf müssen wir bey Seite thun, denn da sieht es übel aus.


Dritter Auftritt.
Rose. Madame Braun.

Rose. (überbringt ihr einen Brief) Madam dieses Schreiben von Lenorens Oheim wird Ihnen [7] sagen, wer ich bin, und mit welchen süßen Erwartungen ich hieher komme.

M. Braun. Ich freue mich die Bekanntschaft eines so gebildeten jungen Mannes zu machen, obgleich er kommt mir eine meiner liebenswürdigsten Zöglinge zu entführen.

Rose. Meine Familie bestimmt mir Lenoren zur Braut. Ich kenne sie noch nicht, aber da sie ihrer Erziehung anvertraut war –

M. Braun. Allzu gütig.

Rose. Einen kleinen Schrecken hat mir der Oheim dennoch eingejagt.

M. Braun. Wie so?

Rose. Er sagte mir, Lenore habe einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Heurathen.

M. Braun. Kinderey. Sie hat mit zwey jungen Mädchen ihres Alters eine felsenfeste, ewige Freundschaft errichtet. Alle drey sind schwärmerisch gleichsam in einander verliebt, hat die Eine einen Fehler begangen, so nehmen die andern beyden die Strafe auf sich. Alles theilen sie schwesterlich, keine kann vergnügt seyn ohne die andere.

Rose. Und diese zarten Freundschaftsbande soll ich zerreißen?

M. Braun. Ich habe sie freylich schon auf eine nahe Trennung vorbereiten wollen, man hat mir nur durch Thränenströme geantwortet; – aber Ihre Gegenwart –

Rose. Wenn es weiter nichts ist, als Mädchenfreundschaft, die kenne ich, und fürchte sie nicht.

[8] M. Braun. Maulwurf! geh und rufe Lenoren hieher. Sag ihr aber nichts von diesen jungen Herrn, sonst kommt sie nicht.

Maulw. Sie steht da draußen und redet mit der Pfirsichblüthe (indem er fortstolpert) Mamsell Lenore! Mamsell Lenore! Kommen Sie geschwind! da ist ein junger Herr, der Sie heurathen will!

M. Braun. Tölpel! (zu Rose) Ich hoffe mein Herr, Sie werden sowohl durch Gestalt als Geistesbildung Ihrer Braut sehr angenehm überrascht werden. Ich habe ohne Ruhm zu melden nichts verabsäumt, um das häusliche Glück eines braven Gatten zu gründen. Ich darf sogar versichern, daß sie an jeden ihrer Geburtstage Sie mit einem selbst verfertigten Gedicht erfreuen wird.

Rose. Ich werde mir alle Mühe geben, unser Glück aus der Dichterwelt in die wirkliche zu versetzen.

Maulw. (kommt zurück) Der Henker mag sie einholen. Als sie vom Heurathen hörte, da rannte sie fort, als hätten die Wespen sie gestochen.

M. Braun. Mein Freund, du bist ein Esel. Geh und sag ihr, der junge Herr sey fort, ich wolle sie sprechen.

Maulw. (forttaumelnd) Kurios! sich so vor dem Heurathen zu fürchten, als ob Lebensgefahr dabey wäre.

M. Braun (zu Rose) Gehen Sie unterdessen [9] in dieses Nebenzimmer. Ich werde ihr das Köpfchen zurecht setzen.

Rose. Und dann werde ich mit dem Herzchen mein Heil versuchen. (ab)

M. Braun (allein) Halsstärriges Mädchen! hundertmal hab’ ich ihr gesagt, daß die Freundschaft in der großen Welt eine lächerliche Schwärmerey ist. Man sieht sich gern so lange man sich die Zeit vertreibt, man hört auf sich zu sehen, wenn andere Verhältnisse eintreten.


Vierter Auftritt.
Lenore kommt schüchtern. Natalie und Wilhelmine folgen ihr von Ferne.

M. Braun. Nun? warum so schüchtern, Nur näher, Mamsell!

Len. Der alte Maulwurf hat mich so erschreckt.

M. Braun. Es brachte mir jemand einen Brief von Ihrem Oheim, der Sie durchaus verheurathen will.

Len. Dacht’ ichs doch, Sie würden mir Kummer machen. Antworten Sie meinen Oheim, eher wollt’ ich ins Wasser springen.

M. Braun. Sie wissen doch, daß Sie Ihren Oheim Ihren ganzen Wohlstand verdanken?

Len. Das weiß ich, und erkenne es dankbar.

M. Braun. Wenn er Sie nun aber enterbt? [10] Was wollen Sie anfangen? Bey wem eine Zuflucht finden?

Len. O ich habe zwey Freundinnen –

M. Braun. Die sich auch verheurathen werden.

Len. Nimmermehr! Wir haben einander feyerlich zugeschworen –

M. Braun. Kinderey.

Len. Sehr wohl. Bin ich noch ein Kind, so kann ich auch nicht heurathen, und bin ich kein Kind mehr, so darf ich meinen Eid nicht brechen.

M. Braun. Genug der Albernheiten. Jetzt im Ernste Mamsel, Sie werden heurathen.

Len. Lieber sterben!

M. Braun. So muß ich Sie binnen drey Tagen Ihrem Oheim zurückschicken, und dann werden Sie doch von ihren Freundinnen getrennt. (Sie geht ab.)

Len. Ach! ich Unglückliche!

Nat. und Wilh. (die bisher im Hintergrunde lauschten, kommen herbey.) Meine geliebte Freundin! wir haben alles gehört.

Wilh. Madam Braun ist ein Tiger.

Nat. Und dein Oheim ein Leopard.

Wilh. Die zweyzüngige! Hundertmahl hat sie uns gesagt, die Männer wären flatterhaft, Betrüger, wir sollten uns vor ihnen hüten –

Nat. Und nun will sie dich dem ersten besten an den Hals werfen.

Len. (schluchzend) Ich Unglückliche! Von Euch mich trennen!

[11] Wilh. Das überlebt keine von uns.

Nat. Weißt du was, wir laufen davon.

Wilh. O ich bin es zufrieden.

Len. Ich auch. Aber wohin?

Nat. Ja, wohin? Laß uns geschwinde Kriegsrath halten, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.

Wilh. Wenn wir katholisch wären, so gingen wir alle drey ins Kloster.

Len. Wir könnten ja allenfalls katholisch werden?

Nat. Immer besser, als einen Mann nehmen.

Len. Halt! ich habe einen köstlichen Einfall. Was erzählte Madam Braun gestern in der geographischen Stunde von den Türken?

Nat. Daß sie viele Weiber nehmen –

Wilh. Die in prächtigen Harems wohnen –

Len. Alle Schätze und Wohlgerüche Arabiens verschwenden.

Nat. Von einer Menge Sklaven bedient werden –

Wilh. Die hübschesten Mädchen aus allen Ländern –

Len. Und vor allen Dingen daß sie stets beysammen wohnen. Nun? errathet Ihr nicht, was ich im Sinne habe?

Nat. Wilh. O vortrefflich! vortrefflich!

Len. Wir sind ohne Ruhm zu melden, alle drey auch recht hübsch.

Nat. O gewiß. Aber Constantinopel ist weit, wie kommen wir dahin?

[12] Wilh. Wenn wir auch an den Großsultan schrieben, es währt so lange, ehe die Antwort kommt.

Nat. Unterdessen müßtest du fort –

Len. Nein, nein, ich weiß ein Mittel. An unserm Hofe ist ein türkischer Gesandter, er wohnt in dieser Strasse, an den schreiben wir.

Nat. Wilh. Ja, ja, wir schreiben.

Len. Und unser Tanzmeister Hopsa bestellt wohl den Brief.

Nat. Auf jeden Fall laßt uns den feyerlichen Schwur wiederholen, uns nie zu trennen. (Alle drey legen die rechten Hände in einander, heben die linken zum Schwur in die Höhe, und sagen mit hohler Stimme) Wir schwören!

Len. So. Es ist vollbracht. Nun will ich schnell an den Gesandten schreiben. Ich höre den Tanzmeister schon auf der Treppe. (Sie setzt sich und schreibt.)


Fünfter Auftritt.
Hopsa. Die Vorigen.

Nat. (mit einem tiefen Knix) Monsieur Hopsa, vos très humbles servantes.

Wilh. (mit einem tiefen Knix) Monsieur Hopsa, je suis charmée de vous voir.

Hopsa. Ei, ey, Mesdemoiselles was mak Sie for slekte Reverence? wer woll so [13] präsentir der Hinter? sein wie ein Ent der wakel mit die Stuß.

Nat. Wir machen es, wie Sie uns gelehrt haben.

Hopsa. Klein Impertinente sein nix wahr. Der Brust ein wenik heraus, der Hinter avec grace inwendik vermakt, so aben ich kesakt.

Len. (giebt den andern beyden ein Zeichen zu unterschreiben.) Mein lieber Monsieur Hopsa wir wollen heute gar keine Stund nehmen.

Hopsa. Kein Lection? sein der pure Fauleit, muß ich rapportir an Madam Braun.

Len. Es ist Ihnen ja doch nur um unsere Karten mit dem Pettschaft zu thun; da nehmen Sie.

Hopsa. Wofür seh’ Sie mik an? Wer da nix keben Lektion und nehme die Kart, der sein Spissebub. Keb sie man her die Kart. (Er steckt sie ein.)

Wilh. (giebt Lenoren den Brief von hinten)

Len. Apropos, Monsieur Hopsa, besuchen Sie noch fleißig den türkischen Gesandten?

Hopsa. Parbleu! Freilik, ik seyn sein Sprakmeister.

Len. Lieber Monsieur Hopsa, Sie sind ein so gefälliger, artiger Mann; wollten Sie wohl so gut seyn diesen Brief an den Gesandten zu bestellen?

Hopsa. Que diable! was ab Sie su schreib an die türkisch Ambassadeur?

[14] Len. Wir lernen jetzt türkisch und wollen ihn um Rath fragen wegen eines Ausdruckes, den wir nicht verstehen.

Hopsa. Aha! Sie lernen turque? von die todte Sprak? Eh bien, ik maken Ihr Commission.

Len. Aber ja reinen Mund halten.

Hopsa. Verlaß sik auf mein Discretion, ick sein Francmaçon.

Len. A revoir Monsieur Hopsa. (leise zu den andern.) Er ist ein Dummkopf.

Nat. Aber er tanzt schön. (zu Hopsa) Adieu!

Wilh. (wirft ihm neckend einen Kuß zu.) Adieu mon bijou! (Alle drey ab.)

Hopsa. (allein) Das seyn malisiös petites creatures, drey Stück. Arm pauvre mari, der werden viel aben fon Chagrin.


Sechster Auftritt.
Madam Braun und Hopsa.

M. Braun. Sieh da, Monsieur Hopsa! Wo sind denn die drey Unzertrennlichen? Sind Sie zufrieden mit ihren Fortschritten?

Hopsa. O sie danse wie der Engel in diese moment sie ab kenomm ihr Lektion, da sein die Kart. – Et voilà encore quelque chose. Sie ab mir ferbot, Madam ick soll nick sein der porteur von verdäcktik Brief? Dieser aben ein solk Physiognomie.

[15] M. Braun. Geschwind zeigen Sie her. (Sie liest die Adresse.) „An seine Excellenz, den türkischen Herrn Gesandten allhier?“ – Was soll das heißen?

Hopsa. Sie woll studir der türkisch Sprak.

M. Braun (öffnet den Brief und liest.) „Herr Ambassadeur! Wir haben in der Geographie gelesen, daß Sie mehrere Frauen heurathen dürfen. Wir sind drey junge hübsche Mädchen in Ihrer Nachbarschaft, wir haben geschworen uns nie zu trennen und da Sie, wie wir hören, unsern Hof nächstens verlassen, um in Ihr Vaterland zurück zu reisen, so fragen wir hiemit an, ob Sie uns mitnehmen wollen? – Antworten Sie uns durch Monsieur Hopsa, oder kömmen Sie lieber selbst, uns zu sehen. Auf jeden Fall sind wir entschlossen nach Constantinopel zu reisen, sobald wir zum Erstenmahl zur Beichte gewesen sind. Herr Ambassadeur! Ihre gehorsamen Dienerinnen. Lenore. Natalie. Wilhelmine.“ Sind die Mädchen toll? Soll ich lachen, oder böse werden?

Hopsa. Monsieur l’Ambassadeur werde laken. Trois jolies Filles, mais sie werd ihm eiß mack sein Kop.

M. Braun. Mir fällt ein herrliches Mittel ein, die Mädchen zu bestrafen; und zwar gleich. – Apropos, Sie versprachen mir ja Kleider zu Zaire, die meine Pensionairs in einigen Tagen aufführen wollen?

[16] Hopsa. Sein schon kester arrivir, ein ganz Trödelbud.

M. Braun. Desto besser, folgen Sie mir. Auf der Stelle will ich den Einfall ausführen.

Hopsa. Ik folge mit groß curiosite. (Beyde ab.)


Siebenter Auftritt.
Lenore, Natalie, Wilhelmine. (schleichen herein.)

Len. Der Tanzmeister ist fort. Mir klopft das Herz.

Nat. Sage mir doch, Lenore, wenn der Ambassadeur uns heurathet, müßen wir uns den auch türkisch kleiden?

Len. Freylich.

Wilh. O das ist allerliebst! Der Turban wird mir recht hübsch stehen.

Lenore. Mir auch.

Nat. Mir auch.

Len. Wir wollen uns auch in Constantinopel nie einzeln sehen lassen. Alle Abend fahren wir zusammen in die Komödie.

Nat. Ich hoffe, unser Türke wird so galant seyn, eine Loge zu aboniren.

Wilh. (spöttisch.) Daß versteht sich; ich wollt ihm nicht rathen uns ins Parterre zu führen.

Len. Im Winter fahren wir täglich auf den Schlitten.

[17] Nat. Ach ja, in Zobelpelzen.

Wilh. Das soll eine Lust werden.

Len. Dann sind wir aber verschleiert.

Nat. Thut nichts, wir können doch von der Seite ein wenig lüften. Siehst du so, (Sie macht die Pantomine, als hübe sie den Schleier auf. Die andern Beyden machen ihr es nach.) Ja, so.

Len. O wir werden die glücklichsten Tage verleben. Umarmt mich, Schwestern! Mir habt Ihr den herrlichen Einfall zu verdanken. (Sie umarmen sich.)

Nat. Ewige, ewige Freundschaft!

Lenore und Wilhelmine. Ewig, ewig.


Achter Auftritt.
Madam Braun. Die Vorigen.

M. Braun. Kinder, ich bin in der größten Verlegenheit! So eben läßt mich der türkische Gesandte um Erlaubniß bitten, meine Pension zu besehen.

Die Mädchen (zupfen sich verstohlen.) Aha! – Merkst du was? – Er hat unsern Brief empfangen – er kommt –

M. Braun. Er kommt mir so unvermuthet über den Hals – ich kann ihn aber doch nicht abweisen. – Jetzt meine schönen Mamsells, haben Sie Gelegenheit Ihre Talente zu zeigen. Sie sind die ältesten in der Pension, [18] Sie müssen die Honneurs machen. Der Gesandte ist ein vornehmer Herr, er besieht alle Merkwürdigkeiten der Stadt; von Ihnen erwarte ich, daß Sie ihm eine gute Idee von meinem Institut beybringen.

Len. Sollen wir uns nicht besser kleiden?

M. Braun. Das ist gar nicht nöthig. In Ihren Jahren je einfacher, je besser.

Nat. (zu Lenoren) Was meinst du liebe Freundinn, wie sitzt mir die Chemise?

Len. Recht gut; aber stecke mir doch die Blumen ein wenig anders.

M. Braun. (bey Seite) Schon Koketterie? Ein gutes Zeichen.


Neunter Auftritt.
Maulwurf. Die Vorigen.

Maulw. Zu Hülfe! zu Hülfe!

M. Braun. Was giebts?

Maulw. Ach das Unglück! Da haben nun wir alle Sonntag in der Litaney gebetet: vor den Türken uns bewahre Gott! und da steht auf einmahl eine ganze türkische Armee unten vor der Thür und wollen mit des Teufels Gewalt einbrechen.

M. Braun. Dummkopf! es ist der Gesandte. Führ’ ihn geschwind herein.

Maulw. Was einen türkischen Wolf in diesen christlichen Schaafstall?

M. Braun. Thu was ich dir sage.

Maulw. Nun, ich wasche meine Hände in [19] Unschuld. Aber all mein Lebstage habe ich gehört, ein Iltis im Taubenschlag, und ein Türke unter jungen Mädchen –

M. Braun. Wirst du gehn?

Maulw. Ich gehe schon. Gott sey den armen Kindern gnädig! Solche Barbaren – (ab)

Die drey Mädchen (untereinander.) Fühle wie mir das Herz pocht – Mir auch – Mir auch –

Len. Nur Muth gefaßt. Ein Türke ist ja doch nur eine Mannsperson.

M. Braun. Was zischeln Sie da untereinander? Setzen Sie sich in Positur, ich höre kommen.


Zehnter Auftritt.
Rose und Hopsa (als Türken verkleidet, mit Gefolge, Rose grüßt nach türkischer Sitte und läßt sich dann auf ein Kissen nieder, welches ein Sklave ihm nachtrug.)

Die drey Mädchen (unter sich.) Ein hübscher Mann – Er geht wohl an – Er ist nicht häßlich.

M. Braun. (leise zu Rose.) Die Blondine ist ihre Braut. Reden Sie jetzt im orientalischen Styl.

Rose. (zu Madam Braun) Springbrunnen der Weisheit! Quelle der Sittsamkeit! Wenn mein Auge dich betrachtet, so sehe ich den Pomeranzenbaum, in dessen Schatten die Lilien wachsen.

[20] Len. (zu den andern beyden.) Er spricht ziemlich gut deutsch.

Maulw. Ein schlechter Gärtner. Wer Teufel setzt Lilien unter einen Pomeranzenbaum.

M. Braun. Ew: Excellenz drücken sich sehr gnädig aus. Erlauben Sie, daß diese meine Zöglinge, einige Talente in Ihrer Gegenwart üben um zu beweisen, daß die jungen Frauenzimmer in meiner Pension zu wackern Hausfrauen gebildet werden.

Rose. (nickt mit dem Kopfe.)

M. Braun. Wohlan, Wilhelmine, tanzen Sie ein Solo.

Len. (empfindlich bey Seite.) Das ist doch auch sonderbar, daß man die Jüngste zuerst auftreten läßt.

Wilh. (tanzt.)

Hopsa (leise zu Rose.) Sie aben von mir kelernt.

Rose. Beym Mahomed! sie schwebt wie ein Paradisvogel und hüpft wie eine Gazelle. (Er giebt Hopsa einen Diamantring, der ihn Wilhelminen überreicht.)

Len. Brillanten? Ich hoffe für uns drey.

Wilh. Sachte, Mamsell, der Ring ist für mich allein.

M. Braun. Jetzt, Natalie, singen Sie.

Len. (bey Seite) Das ist abscheulich. Am Ende kommt die Reihe gar nicht an mich.

Nat. (singt ein Liedchen oder eine Romanze)

Rose. Allah! Allah! ich bin entzückt! So [21] singen die Huris im Paradiese! (er giebt Hopsa ein Fläschchen mit Rosenessenz, der es Natalien überreicht.)

Len. (bey Seite) Ich ersticke.

M. Braun. Um Ew. Excellenz nicht zu ermüden –

Len. (zupft sie und sagt empfindlich.) So Madam! Mich wollen sie gar nicht erscheinen lassen?

M. Braun. (bey Seite) Sie ist empfindlich; desto besser. (laut) Wenn Se. Excellenz erlauben – Declamiren Sie den schönen Monolog aus Schillers Jungfrau von Orleans.[1]

Len. (thut es.)

Rose. (nickt zwar seinen Beyfall, als aber Hopsa sich ihm nähert, um auch ein Geschenk für Lenoren zu empfangen, steht er auf, ohne etwas zu geben.)

Len. (bey Seite.) Mein Gott! er geht fort.

Mad. Braun. Ich werde jetzt die Ehre haben, Ew. Excellenz mein ganzes Haus zu zeigen.

(Das Gefolge entfernt sich. Rose reicht Madam Braun die Hand, kehrt aber noch einmahl um, betrachtet die drey Freundinnen und wirft endlich Lenoren das Schnupftuch zu, die mit einem solchen Geschenke sehr unzufrieden scheint. Darauf geht er mit Madam Braun ab.)

[22]
Eilfter Auftritt.
Lenore. Natalie. Wilhelmine.

Nat. Nun, liebe Freundinnen, was sagt Ihr dazu?

Wilh. Ich bin zufrieden; aber die arme Lenore! Er hat nicht einmahl aus Höflichkeit gethan, als ob er zuhörte.

Len. Weil er vor lauter sehen nicht zum hören kommen konnte. Er hat mich ja immer fort starr angeblickt.

Wilh. Da irrst du dich, Lorchen. Auf mich hat er die Augen geheftet.

Nat. Ihr seyd doch in der That alle beyde sehr leicht zu täuschen. Habt Ihr denn nicht bemerkt, als ich sang –

Len. Du? gesungen? Ach ich bitte dich, rede doch davon nicht, du hattest heute gar keine Stimme.

Wilh. Das ist wahr. Ich stand deinetwegen wie auf Nadeln.

Nat. (spöttisch.) Liebes Minchen, hast du denn etwa heute gut getanzt?

Len. O erbärmlich.

Wilh. Mein Tanz war doch wohl besser als deine Deklamation.

Nat. Den besten Beweis geben ja wohl die Geschenke. Das Meinige ist allerliebst, und riecht und duftet –

Wilh. Und das Meinige glänzt und schimmert.

Nat. Deines, liebe Lenore, ist eben nicht sonderlich.

[23] Len. Sehr einfach; aber er hat es mir selbst gegeben, und mit welcher Grazie! Euch hat er durch seinen Sklaven bedienen lassen.

Wilh. Seht doch, wie eingebildet!

Len. Und du, wie eifersüchtig!

Nat. Und Du, wie übermüthig!

Wilh. Schon gut, ich sag es dem Gesandten.

Nat. Mamsell hat üble Laune, wir wollen sie lieber allein lassen.

Wilh. Unsere Schuld ist es ja nicht, daß der Gesandte ihr bloß ein Schnupftuch gegeben.

Len. Ich bitte Euch, geht wohin es Euch beliebt, Ihr ärgert mich.

Wilh. (indem sie abgeht, hält sie Lenoren den Ring vor die Augen.) Wie das flimmert!

Nat. (macht es eben so mit der Rosenessenz) Wie das duftet! (Beyde ab.)

Len. (allein, fast weinend) Unausstehliche Eitelkeit! Ach! wenn ich sie doch ein wenig demüthigen könnte! – Ich weiß nicht – seit einer Viertelstunde – ist mir so wunderlich zu Muthe – ich empfinde etwas, das ich noch nie empfunden habe – Mein Gott, da kommt der Gesandte. Ich zittre und bebe.


Zwölfter Auftritt.
Rose, und Lenore.

Rose. Liebenswürdige Lenore! ich bin dem lästigen Gedränge entschlüpft. Mein Herz führt [24] mich hieher zurück. Sie sind allein? Wo sind Ihre beyden Freundinnen?

Len. Ich weiß es nicht.

Rose. Sollt’ ich so unglücklich seyn, daß sie vor mir flöhen?

Len. Davon haben sie nichts gesagt.

Rose. Aber Sie, schöne Lenore, Sie scheinen so bewegt?

Len. Ach! lassen Sie mich zufrieden. Ich habe mich geärgert, so geärgert – Sie sind Schuld, daß wir uns gezankt haben.

Rose. Wär es möglich! die unzertrennlichen Freundinnen? Die Verfasserinnen jenes allerliebsten Briefes? Darf man fragen warum?

Len. Mamsell Wilhelmine –

Rose. Unmöglich kann sie Schuld daran seyn. Ihre lebhafte Physiognomie, ihre Grazie, die süße Unschuld, der kein Herz widersteht –

Len. Es ist ja nur ein Kind.

Rose. Aber ein sehr liebenswürdiges Kind.

Len. (bey Seite.) Er ist rasend in sie verliebt.

Rose. Natalie hingegen sieht so gut aus, ist ein Engel von Sanftmuth.

Len. (gleichgültig) Ja, es ist ein recht gutes Mädchen!

Rose. Es wird nicht schwer halten, Sie wieder zu versöhnen. Sind wir nur erst auf dem Wege nach Konstantinopel –

Len. Auf mich, Herr Ambassadeur, dürfen Sie bey dieser Reise nicht zählen.

[25] Rose. Himmel! was sagen Sie!

Len. Reisen Sie in Gottes Nahmen mit meinen beyden Freundinnen. Ich habe keine Lust mich aufopfern zu lassen.

Rose. Aufopfern?

Len. Wilhelmine ist so schön. Natalie ist so gut – Sie nähmen mich doch nur aus Höflichkeit mit.

Rose. Wer wagt es, solche Lästerungen auszustoßen?

Len. Die beyden Mamsells. Sie behaupten, ich hätte nicht einmahl die Ehre gehabt, von Ihnen bemerkt zu werden.

Rose. Ha! schöne Lenore! und das könnten Sie glauben? Sie wissen nicht, wie tief der Eindruck ist, den Sie auf mein Herz gemacht haben.

Len. Sie täuschen mich.

Rose. Natalie und Wilhelmine mögen uns begleiten, aber Sie werden über ihre Freundinnen herrschen, wie über mich.

Len. (mit ausbrechender Freude.) Ich werde über sie herrschen? (Sie faßt sich.) Nicht doch, – wir sind zu vertraute Freundinnen – um alles in der Welt möchte ich keine von beyden kränken. – In der That, Herr Ambassadeur, wenn ich es recht bedenke – so thun Sie wohl am Besten, beyde hier zu lassen.

Rose (bey Seite.) Sie ist allerliebst! (laut) Wie? Sie wollten sich allein mit mir verbinden? Sie hätten Neigung zu mir? nicht mein Rang, mein Reichthum –

[26] Len. (halb ärgerlich, halb freundlich). Ach Gott! nein!

Rose. Sie sprechen das Glück meines Lebens aus. Der treueste Liebhaber schwört zu Ihren Füßen, nie für eine andere, als für Sie zu athmen. (Er kniet, faßt ihre Hand, und drückt sie an seine Lippen.)


Dreyzehnter Auftritt.
Madam Braun. Natalie, Wilhelmine. Die Vorigen.

M. Braun. Himmel, was seh’ ich!

Len. (bey Seite.) Ich bin verloren!

M. Braun. Wie, Mademoisell! waren Sie es nicht, die den Befehlen Ihres Oheims so halsstarrig widerstrebte?

Nat. O das ist ganz abscheulich.

Wilh. Lesen Sie ihr den Text nur recht tüchtig.

Rose. Madam, Sie kennen mich und meine Absichten. Ich wünsche dies liebenswürdige Kind zu heirathen.

Nat. Vergessen Sie nicht die Bedingung, Herr Ambassadeur. Wir gehen alle drey mit.

Rose. Darüber hat nur meine Geliebte zu entscheiden.

Len. Liebe Freundinnen! es würde wir allerdings unendlich angenehm seyn – Euch um mich zu sehn – (leise zu Rose.) Nehmen Sie sie nicht mit. (laut) Aber ich muß den Befehlen [27] meines künftigen Gemahls gehorchen. (leise) Sagen Sie, es gehe nicht an.

Wilh. Schön, Mamsell, recht schön! so etwas Schlangenartiges!

Nat. Wo bleibt der feyerliche Schwur? Eidbrüchige!


Vierzehnter Auftritt.
Maulwurf (führt Hopsa beym Ohr herein). Die Vorigen.

Maulw. Madam! Madam! es sind keine Türken. Soeben hab’ ich diesen Schelm erwischt, wie er meinen Wein aussoff.

Hopsa. Aber so laß Sie dok nur los mein Ohr.

Maulw. Es ist der Musje Hopsa.

M. Braun. (stellt sich verwundert.) Was bedeutet das?

Rose. Ich bekenne die Schelmerey. Ich bin kein Muselmann, sondern ein ehrlicher Deutscher.

Len. Himmel!

Nat. Desto besser.

Wilh. Er hat sie nur für einen Narren gehalten.

Rose. Geliebte Lenore! ich bin der Mann, den Ihr Oheim Ihnen bestimmte. Möchte Ihr Herz nicht widersprechen.

Len. (bey Seite.) Ha! ich erhole mich!

Rose. Ich könnte mit Reichthum prahlen, ich könnte Ihnen sagen, daß ich die schönsten Güter im Rheingau besitze –

[28] Maulw. Im Rheingau? Sapperment! da liegt der Johannisberg.

Rose. Aber nur meiner Liebe will ich Ihren Besitz verdanken.

Len. (giebt ihm verschämt die Hand) Ich gehorche meinen Oheim.

Rose (schließt sie in seine Arme.) Es soll sie nie gereuen.

Hopsa. Keb sie ackt, er werde sie heurathen. Sie tanzen kut, das werden seyn ein glücklich Eh.

Nat. In meinem Leben glaube ich nicht mehr an die Freundschaft.

Wilh. Ich auch nicht.

M. Braun. Vergessen Sie wenigstens nie, daß die Freundschaft bey unserm Geschlecht zwey gefährliche Feinde hat: Eigenliebe und Koketterie.


Ende.
  1. Statt dessen kann nach Belieben etwas anders gewählt werden.