Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Londoner Industrieen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 766–768
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[766] Londoner Industrieen. Office for Marriages, London. (Einziges und langjährig bewährtes Institut Englands für Ehe-Vermittlungen, mit festen gediegenen Familien-Verbindungen in allen Ländern Europas und den unzweifelhaftesten Referenzen.) „Indem die Vorsteher der Anstalt sich beehren, zum neuen Jahre allen Personen des hohen Adels und Bürgerstandes, welche durch ihre Vermittelung im verflossenen Jahre ehelich verbunden worden sind, ihre achtungsvollen Glückwünsche darzubringen, erlauben sie sich gleichzeitig, ihre fernere Wirksamkeit dem Wohlwollen des Publicums hiermit [767] gehorsamst zu empfehlen. Die Anstalt, welche in dem wachsenden Vertrauen zu ihrer Thätigkeit die schönste Belohnung für die Erfüllung ihrer schweren Pflichten erblickt, sieht sich veranlaßt, mit unendlichem Vergnügen öffentlich zu erklären, daß sie nach den ihr „vorliegenden Dankeszeilen“ nur wahres Lebensglück achtbarer Personen, aber keine unglückliche Ehe vermittelt hat, und daß die durch ihren Beistand Vermählten theils dem höchsten, adeligen Beamtenstande, theils dem geachtetsten Bürgerstande und ebensowohl der adeligen Damenwelt der höchsten Stände angehören. – Die Vorsteher der Anstalt fühlen sich berechtigt, diese vorstehende Erklärung hiermit, aus Pflicht und Gewissen, öffentlich an Eidesstatt zu bekräftigen, und glauben dadurch den Damen aller Stände und deren Familien eine Aufmunterung zu geben, sich ihnen ohne Scheu vertrauungsvoll mit Heiraths-Anträgen zu nahen. – Die unbedingteste Verschwiegenheit wird garantirt. – Nur Unbescholtenheit gibt ein Recht auf die Vermittelung der Anstalt. – Die Anträge werden schriftlich und franco erbeten und sind zu richten: für die weiblichen Propositionen an Frau Directorin S., und für die Herren-Anträge an Messrs. J. S. & Co., Somerset Place, London.“

Auf diese edle und bescheidene Annonce hin schrieb ein junger heirathslustiger Mann aus der nächsten Umgebung von Leipzig folgenden Brief an das Office for Marriages: „Ich wende mich vertrauensvoll an Sie, in der angenehmen Hoffnung, durch Ihre werthe Vermittelung mein Lebensglück begründen zu können. Ich bin 28 Jahre alt, Ingenieur, habe das Gymnasium und die polytechnische Schule zu Dresden besucht, reiste dann in Belgien und Frankreich und war später in mehreren Maschinenfabriken als Dirigent angestellt. In einer solchen Stellung befinde ich mich noch jetzt. Mein disponibles Vermögen beträgt circa 7000 Thlr., späterhin habe ich etwa noch das Gleiche zu erwarten. Ich darf mich einer hinreichenden Bildung rühmen; das Französische ist mir geläufig, und Englisch treibe ich mit besonderer Vorliebe. Ich bin gesund und kräftig, ohne jeden körperlichen Fehler, über Mittelgröße; ich reite und tanze nicht schlecht, singe mein Liedchen und bin überhaupt heiterer Gemüthsart. Meine Photographie steht zu Diensten. Ich wünsche mich zu verheirathen – aber nicht in Deutschland, wo mir allerdings Gelegenheit genug geboten ist, sondern in England, dem Lande, wo für mein Fach stets die besten Aussichten sind, und das zu bewohnen von jeher das Ziel meiner Sehnsucht war. Steht es in Ihrer Macht, dies zu ermöglichen? Ich würde eine geborene Engländerin vorziehen, doch aber auch eine dort einheimische Deutsche nicht verschmähen. Folgende Bedingungen würden meine Wahl entscheiden: Ein Alter nicht über 22 Jahre; protestantische Religion, gefälliges Aeußere – Schönheit verlange ich nicht; ist sie zu haben, desto besser! – Bildung, auch musikalische, und ein Vermögen, das dem meinigen mindestens gleich ist, also etwa von 2000 Pfd. Sterl. Wäre es nicht möglich, ein Fräulein aufzufinden, welches mit diesen Eigenschaften noch diejenige verbände, Tochter eines Maschinenfabrikanten oder dergleichen zu sein, damit ich durch Heirath sofort in ein Geschäft eintreten könnte? Meine Kenntnisse würden darin gewiß ihre Verwendung finden; hinsichtlich ihrer und meiner Thätigkeit fürchte ich keinen meiner englischen Fachgenossen. Sollte es Ihnen gelingen, mich in letzterer Weise zu placiren, so verspreche ich Ihnen hiermit ein Proxeneticum von 1000 Thlr.; dagegen 500 Thlr., wenn Sie mir binnen 2 Monaten dort überhaupt eine Frau verschaffen, wie ich sie wünsche. Dagegen könnte ich mich nicht dazu verstehen, zu zahlen oder Vorschüsse zu machen, ehe ich meiner Sache sicher bin.“ –

Die Antwort, welche nicht auf sich warten ließ, lautete: „Indem wir Ihnen zunächst verbindlichst für das uns geschenkte Vertrauen danken, sehen wir uns zu der Erklärung veranlaßt, daß wir Ihnen nur dann unsere Vermittelung angedeihen lassen können, wenn Sie sich zunächst den Bedingungen unseres hier beiliegenden Programms unterzogen haben. – Mit Vergnügen bemerken wir, daß unsere vielseitigen Verbindungen uns befähigen, Ihre Wünsche vollständig zu erfüllen, sind aber genöthigt, Ihnen zu sagen, daß, in Folge der oft eintretenden, ganz natürlichen Bedenklichkeiten der Damen und ihrer Familien, wir keinen bestimmten Zeitpunkt für die Realisirung der Sache fixiren dürfen, denn es würde sich dies in einer so wichtigen Angelegenheit, wo die Finalentscheidung doch immer erst von dritten Personen abhängt, kaum mit der moralisch religiösen Tendenz unserer Anstalt vereinigen lassen!“ – – –

Die „Bedingungen“ des Programms reduciren sich aber im Wesenttichen auf folgenden Satz: § 2. Jeder Bewerber hat als Bürgschaft für die Richtigkeit und Gewissenhaftigkeit seiner gemachten Angaben und zur Entschädigung für die vielen Mühewaltungen und unvermeidlichen Unkosten eine Anzahlung von 25 bis 50 Thalern sächsische oder preußische Cassenscheine – kurhessische etc. werden confiscirt? – je nachdem es seine augenblicklichen finanziellen Verhältnisse gestatten, mit seiner nächsten Antwort in einem recommandirten Briefe an die Unterzeichneten einzusenden!

Der erwähnte junge Mann hatte aber denn doch nicht Lust, so viel an die Fortsetzung des Abenteuers zu wenden; er animirte zu derselben daher einen guten Freund. Diesem schrieb das würdige Office for Marriages viel expansiver, und es kann aus seiner originellen Entgegnung – von ganz jungem Datum – der gegenwärtige Stand des Marktes recht deutlich erkannt werden:

„Ew. W. werthe Zuschrift vom 4. Sept. 1860 ergebenst beantwortend, gereicht es uns zum Vergnügen, Ihnen anzuzeigen, daß wir uns augenblicklich mit einer reichen Auswahl höchst solider, weiblicher Vermählungsanträge beehrt sehen und durch unsere ausgedehnten Verbindungen in allen Ländern Europa’s uns vollkommen befähigt glauben, allen achtbaren Bewerbungen die gebührende Berücksichtigung zu verchaffen. Bevor wir inzwischen zu positiven Erörterungen schreiten, erscheint es uns Pflicht, Ihnen etwas Näheres über die Natur unserer Anstalt mitzutheilen, und erlauben wir uns demgemäß das beiliegende Programm zur geneigten Kenntnißnabme zu überreichen. Die augenblicklich unserer Sorgfalt anvertrauten Heirathsgesuche beziehen sich auf verschiedene unbescholtene vermögende Damen aus England, Frankreich, Deutschland, Italien und Rußland, evangelischer, katholischer und griechischer Religion, theils dem Gutsbesitzer-, Kaufmanns- oder höheren Bürgerstande, theils den hohen und höchsten Ständen angehörend, in jedem Alter zwischen 20 und 39 Jahren (sic!), mit verschiedenem Vermögen, von 2000 bis 150000 Thalern, von gesundem, blühendem Aeußeren, ohne körperliche noch geistige Fehler, von liebenswürdigem, anspruchslosem Charakter, geschmückt mit allen häuslichen Tugenden, von guter Erziehung und unbezweifelt moralischer Reinheit. (Also sämmtlich, ohne Ausnahme, Muster überirdischer Vollkommenheit!) Indem wir nun in dem Antrag Ew. W. eine große Uebereinstimmung mit den geäußerten Wünschen mehrerer unserer Damen erblicken, laden wir Sie zur Anerkennung und Erfüllung der Bedingungen unseres Programmes hiermit ergebenst ein, und versprechen Ihnen dagegen auf das Feierlichste, die nöthigen Einleitungen für Sie unverzüglich zu beginnen und Ihre Interessen auf das Wärmste und mit dem gewissenhaftesten Eifer vertreten zu wollen.

„Wir beschränken uns heute darauf, Ihnen nur andeutungsweise zu sagen, daß z. B. in Frankreich die 21jährige bildschöne Nichte eines Admirals der französischen Flotte (Vermögen 20,000 Frcs. und eine Jahresrente von 600 Frcs.), die 20jährige Tochter eines Baumeisters (Vermögen 70,000 Frcs.), in Deutschland die 27jährige Tochter eines preußischen Majorats- und Freiherrn in der Niederlausitz (Vermögen 2000 Thaler [nur?], die 26jährige, sehr schöne, talentvolle Schwägerin eines preußischen höheren Regierungsbeamten zu Bromberg (Vermögen noch nicht angegeben), die 34jährige Wittwe eines Doctors zu Wiesbaden (Vermögen 3000 Thlr.), die 23jährige Tochter eines Ober-Ingenieurs der kaiserlichen Zeughäuser zu Rio de Janeiro, ru München wohnhaft, elternlose Waise (Vermögen 80,000 Gulden), in Rußland eine 25jährige Russin von Adel in Odessa mit 16000 Francs Jahresrenten und einem schuldenfreien Schlosse zu Odessa, im Werthe von 216,000 Francs etc., etc., etc. – auf unsere Vorschläge warten. – Die Anstalt hat in den größeren Städten des europäischen Continents Vorkehrungen getroffen, daß die Parteien, in eigens dazu bestimmten, achtbaren (?) Familiencirkeln auf die decenteste Weise persönlich einander vorgestellt werden können, sobald es die Umstände und Wünsche nöthig erachten lassen. – Die vollständigste Discretion ist garantirt, und schmeicheln wir uns, daß die Achtbarkeit und der langjährige, fleckenlose Ruf der Anstalt, gestützt auf die Empfehlungen hochgestellter Personen, für die strengste Delicatesse in allen Unterhandlungen und für die sorgfältige Wahrung jedes uns anvertrauten Geheimnisses bürgen. – Als amtliche Referenz dienen uns die mit den Legationssiegeln versehenen Dankeszeilen eines preußischen Diplomaten, welcher sich durch unsere Vermittelung vor einigen Monaten mit der 20jährigen Tochter eines adeligen österreichischen Generalconsuls und Ritters der höchsten russischen, türkischen und österreichischen Orden in Brillanten verheirathet hat; die Mitgift betrug in diesem Falle 40,000 Gulden; Residenzort ist Wien.“[1]

Diese Correspondenzen sprechen für sich selber, und man weiß nicht, soll man sich mehr über das Wagniß der Vorbringnng solcher wahrhaft lächerlichen Erfindungen wundern, oder darüber, daß es wirklich Leichtgläubige gibt, die daran glauben und sich für ihr gutes Geld an der Nase herum führen lassen. Und leider gibt es deren eine noch viel zu große Menge, denn sonst hätte das Office for Marriages schon längst sein Schild einziehen müssen. Wer demselben einmal seinen Beitrag eingesandt hat, der kann zusehen; denn weise genug wahrt es sich im Voraus vor dem Eingehen irgend einer Verpflichtung, der Bestimmung eines festen Zeitpunkts; wird der hoffnungsvolle Freier ungeduldig, so schreibt man ihm einfach: Geduld – es ist noch nicht an der Zeit! – Drängt er aber endlich doch allzusehr, droht vielleicht, worüber, beiläufig gesagt, die edlen Knappen der Industrie in London lachen, weil sie wohl wissen, daß Jemand, der sich an ein Heirathsbureau gewandt hat, dies nicht vor die Oeffentlichkeit bringt – o ja, dann werden ihm auch Vorschläge gemacht, entzückende, vollkommen seinen Wünschen entsprechende. Nur schade, der junge Mann wohnt in Köln, und das liebe Wesen, das man für ihn ausgesucht hat, in Odessa, wenn nicht noch weiter, und dort kann er sie jederzeit sehen etc. Oder die Dame, welche, dem ungestümen Drang ihres Herzens folgend. sich der Frau Directorin des Office for Marriages anvertraut hat, bekommt in Wien die freudige Nachricht: Er ist gefunden, der Gegenstand Ihrer Träume: Sie werden ihn in acht Tagen treffen können. – Es wäre aber schade um’s Reisegeld, wenn die Candidaten auf diese Propositionen angingen, welche gewöhnlich schon auf die Unausführbarkeit berechnet sind. Schreiben dieselben entrüstet wiederum nach London, so erfolgt die kühle Erwiderung: Wir haben gethan, was in unseren Kräften stand; die moralisch-religiöse Tendenz unserer fleckenlosen Anstalt verbietet uns, Ihnen unsere fernere Vermittlung angedeihen zu lassen – wenn Sie nicht abermals dem Hauptparagraphen unseres Programms die gebübrende Rechnung tragen. Es kommt indessen wirklich vor, daß gute Menschen sich auf diese Weise jahrelang herumzerren und lästerlich abzapfen lassen. Ein sebr beliebter Grund zur plötzlichen Abbrechung eines eingeleiteten Verhältnisses, das auf dem Punkte stand, geknüpft zu werden – natürlich Alles nur Fiction! – ist ein confessionelles Bedenken, welches gewöhnlich in der zwölften Stunde erwacht oder geweckt wird. Nichtsdestoweniger gelingt es den sogenannten Heirathsbureaux denn doch manchmal, zwei Leute wirklich zusammen zu bringen, gewöhnlich durch geschickte Annoncen von Heirathsanträgen in öffentlichen Blättern. Allein solche Ehen werden niemals zum Himmelreich, denn das Bureau benutzt seine Macht zu unaufhörlichen freiwilligen Anleihen. Wehe, wenn, was häufig geschieht, die eine oder andere Partei ihm irgend ein Geheimniß anvertraut! dieses wird zum Preßhebel in seiner Hand, unter welchem der betreffende Theil ewig bluten und seufzen muß. Herren verpflichten sich, sofort nach Vollziebung der Ehe eine „Prämie“ von drei Procent vom Betrage des eingebrachten ehelichen Vermögens an das Office [768] for Marriages zu entrichten; Damen aber werden schon vorher furchtbar gezehntet, weil man diese weit besser in der Hand hat. Und dies Alles geht geordneten Ganges vor sich, ohne daß der „fleckenlose Ruf der moralisch-religiösen Anstalt“ darunter leidet. Ganz natürlich; es hütet sich, wie gesagt, Jedermann, seine Verbindung mit derselben einzugestehen; der Thörichte oder nicht ganz Reine, weil er sich fürchtet, der Gescheidte, weil er sich schämt. Der Hauptwirkungskreis des Londoner Office for Marriage ist leider das liebe Deutschland; in Frankreich und England ist man schon gewitzigter. Daher wird man es stets am sichersten auf das Eis führen, wenn man Referenzen aus seiner Heimath von ihm verlangt, oder eine dortige Verbindung als Ziel vorschreibt, wie es der Eingangsbrief des jungen Ingenieurs wohlweislich gethan hat.

Es ist ein Kennzeichen – und ein recht betrübendes – unserer Zeit, daß dergleichen schwindelhafte Kuppelanstalten überhaupt nur zu existiren wagen; daß sich Leute genug finden, welche das Wesen der Ehe so sehr verkennen, um sich ihnen in die Arme zu werfen; daß Behörden ihrem Gebahren ganz ruhig zusehen, als verstände sich das von selber. Wenn es ein schmachvolles erniedrigendes Gewerbe gibt, so ist es das solcher öffentlichen Kuppler, und die Stimme der Presse hat die Verpflichtung, sich auf das Lauteste dagegen zu erheben. Zugleich auch halten wir es für unwürdig, wenn deutsche Zeitungen, des Bischens Gewinn halber, sich zur Aufnahme der Annoncen solcher Schwindelgeschäfte verstehen; wie ein Mann sollten alle Redactionen sich dagegen auflehnen, wenn es ihnen wirklich Ernst ist um Bildung und Wohlstand ihres Volkes, wie sie ja so oft mit schönen Worten versichern. Möge die Zeit bald kommen, in der Deutschland nicht mehr von den schimpflichsten Industrien des Auslandes zum Tummelplatz, zur Ausbeutung erkoren wird; möge jeder deutsche Jüngling und jedes deutsche Mädchen es als die tiefste Beleidigung betrachten, in den Verdacht zu geratben, sie dächten nur jemals an die „moralisch religiöse“ Vermittelung eines Office for Marriages!





  1. Die Originale können jederzeit vorgelegt werden.