Kairo (Die Gartenlaube 1882/39)

Textdaten
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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Kairo
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 640–646
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Kairo.[1]

von Adolf Ebeling.

Kairo ist, wie Alexandria und überhaupt Aegypten, jetzt in Aller Mund, und eine kurze Schilderung der Saracenenstadt dürfte gewiß den Lesern willkommen sein. Ueberdies ist Kairo die bedeutendste und volkreichste Stadt von ganz Afrika, die zweite der gesammten mohammedanischen Welt und weit orientalischer als das allerdings größere Constantinopel, das in vielen Beziehungen längst einen sehr europäischen Anstrich gewonnen hat.

Masr el Kahira, die siegreiche, die herrliche, oder einfach Masr, die Hauptstadt, wie die Aegypter sagen, liegt am rechten Nilufer und nur wenige Meilen südlich von dem Punkt, wo sich der Strom in zwei mächtige Arme theilt, um das Delta zu bilden; deshalb nennen auch die arabischen Dichter in ihren bilderreichen Festgesängen Kairo sehr oft den „blitzenden Diamanten am Griff des grünen Deltafächers“.

Geradezu unbeschreiblich ist der Eindruck, den Kairo beim ersten Anblick auf den angekommenen Fremden macht, denn selbst die bunten, originellen und lebendigen Bilder, die er in Alexandria gesehen, treten dagegen vollständig in den Schatten. Alexandria ist zu sehr mit südeuropäischen Elementen untermischt, sodaß es ganz gut als eine halb italienische, halb griechische Stadt passiren könnte,

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Die Gartenlaube (1882) b 641.jpg

Kairo von der Citadelle aus gesehen.
Nach einer Photographie.

[642] während Kairo wirklich noch die mohammedanische Mamlukenhauptstadt ist, und wie Bagdad und Damaskus ein echt orientalisches Gepräge trägt. Wenigstens gilt dies von dem alten und größeren arabischen Theile der Stadt mit seiner Hauptstraße, der berühmten Muski, in deren auf- und abwallendem Menschenstrom man fast alle Völkerschaften von Westasien, von ganz Afrika und von Südeuropa und auch noch von weiterher studiren kann. Perser, Armenier und Inder, Abessinier, Kopten und Marokkaner, beturbante Türken in Menge, dann wieder Griechen, Albaneser und Arnauten mit dem rothen Fez, Beduinen und Nubier und andere Neger und Farbige in allen Schattirungen, und alle diese Menschen in ihren besonderen Trachten und Costümen, oft prächtig und reich gekleidet, oft auch nur in sehr primitiver Umhüllung, und als Zugabe tiefverschleierte Frauen zu Fuß und zu Esel, vergoldete Haremswagen, die mit ihren galoppirenden Eunuchen und vorauseilenden Läufern kaum durchkommen können durch das dichte Gewühl, oder auch eine Reihe gravitätisch einherschreitender Derwische, oder gar ein langer Zug von zehn, zwanzig hochbeladenen Kameelen - das ist mit „zwei Worten“ so ein ungefähres Bild der Muski, von früh bis spät, tagaus, tagein, und darüber der fast immer wolkenlose, lichtblaue Himmel mit der glühenden afrikanischen Sonne, und wo die Straße einen Durchblick gestattet, Palmengruppen, weiße Häuserwürfel und ragende Moscheen mit glänzenden Kuppeln und schlanken Minarets.

Amt südöstlichen Ende der Stadt liegt auf einem sanft ansteigenden Felsplateau die Citadelle mit der berühmten Alabastermoschee Mohammed Ali’s und vielen Palästen, Haremsgebäuden und Casernen. Hier residirte der trotz seines Despotismus immerhin große Mann, der Regenerator Aegyptens, wie man ihn mit Recht nennt, und der Gründer und Ahnherr der jetzt im Pharaonenlande herrschenden Dynastie. Von der hoch hinausgebauten weiten Terrasse dicht neben der Moschee erblickt man ein Panorama, das jedenfalls zu den großartigsten und schönsten der Welt gehört.

Die ganze unermeßliche Stadt mit ihren ungezählten Einwohnern (man sagt zwischen 300,000 bis 400,000) liegt zu unseren Füßen: ein Häusermeer, aus welchem nur die Moscheen und die größeren Gebäude wie Inseln hervortauchen, darüber hinaus die arabische Wüste mit den nackten und zerklüfteten Mokkatamfelsen, und dazwischen weitgedehnt eine zweite Stadt, aber eine Stadt des Todes, die sogenannten Khalifengräber (vergl. Abbild. S. 644), wo die ehemaligen Mamlukensultane sich ihre Mausoleen errichteten. Jetzt liegen diese Gräber in Ruinen; kaum eine einzige der vielen Hundert einst so reichverzierten Kuppeln ist der Zerstörung entgangen; die Dome und Portale sind eingefallen, und nur wenige der hohen Minarets, von denen in früheren Jahrhunderten die Mueddims die Gläubigen zum Gebet riefen, sind noch zugänglich, aber auch sie werden wohl bald den anderen Trümmern nachsinken.

Einen herrlichen Contrast mit dieser düsteren, wenn auch höchst imposanten Todtenstadt bildet nach der entgegengesetzten Seite, nach Westen hin, das Nilthal mit seinen immer grünen Fluren, seinen Baumwollen- und Zuckerrohrfeldern, zwischen denen der Nil majestätisch hindurchfließt, derselbe Nil, der schon zu den Zeiten der Pharaonen, vor 3000 und 4000 Jahren, die Barken eines regsamen, kunst- und gewerbfleißigen Volkes getragen und der auch heute noch von unzähligen großen und kleinen weißen Segeln belebt ist. Die schwarzen Fellahdörfer treten überall aus dem Grün hervor und nehmen sich von hier oben sehr malerisch aus; in der Nähe betrachtet freilich sind es ärmliche Lehmhütten mit einer in Schmutz und Elend tief herabgekommenen Bevölkerung – eine Folge namentlich der abscheulichen Mißwirtschaft der letzten Jahrzehnte, von welcher wir bereits in unserm früheren Artikel (Nr. 31 u. ff.) gesprochen haben.

Den gewaltigsten Eindruck machen aber die Pyramiden, die Wächter der Wüste; denn die Wüste, und zwar die Libysche, tritt hier dicht an die grünen Felder heran und zieht sich dann unabsehbar in gelbgrauen Wellen hinaus bis an den fernen Gesichtskreis.

Kairo liegt, wie Eingangs erwähnt, nur wenige Meilen südlich von der sogenanten „Gabel“, d. h. von dem Punkte, wo sich der Nil in zwei Ströme theilt; er fließt dann westlich als Rosette- und östlich als Damiette-Arm in das Mittelmeer, wodurch das Delta gebildet wird. Ueber diese „Gabel“ führt ein großartiger Brückenbau, der die beiden äußersten Ufer mit einander verbindet und als Stau- und Schleusenwerk dient: das ist die Nilbarrage (vergl. Abbildung S. 644), die zur Regulirung der Hochwasser während der Ueberschwemmungen angelegt wurde und speciell den unermeßlichen Feldern des Deltas zugute kommen sollte. Der Gedanke zu dieser Barrage ist schon von Mohammed Ali ausgegangen, der auch den Bau begann. Unter Said Pascha wurden dann noch die Thürme an beiden Ufern, nach Art der Brückenköpfe, befestigt, wodurch die Barrage jetzt ein kleines Fort bildet. Das ist aber auch Alles; denn seine ursprüngliche Bestimmung hat das Werk, das über 20 Millionen Franken gekostet, von jeher sehr mangelhaft erfüllt. Die meisten Schleusen sind nicht dicht, und die Fundamente des Baues haben an vielen Stellen durch den ungeheueren Andrang der Wassermassen stark gelitten, sodaß die Schifffahrt dadurch mehr gehemmt als gefördert und die Bewässerung nur unvollkommen erreicht wird.

In Kriegszeiten jedoch, wie die augenblicklichen, dürfte die Barrage als vorgeschobenes Werk zum Schutz der Hauptstadt von Wichtigkeit werden, ja, nach den neuesten Nachrichten hätte man dort bereits mit dem Aufwerfen von Erdwällen und mit der Anlage von größeren Verschanzungen begonnen. Das wäre aber auch zugleich der einzige Damm, den die Aegypter der von Südosten anrückenden englischen Armee entgegensetzen könnten; denn im Uebrigen ist Kairo längst eine ganz offene Stadt, und gerade nach der arabischen Wüste, also nach Suez und Ismailia hin, am offensten. Die hohe und breite Mauer, die früher die ganze Stadt umgab und bei der damaligen Kriegführung große Sicherheit gewährte, ist schon seit Anfang dieses Jahrhunderts bis auf wenige Reste verschwunden; nur die gewaltigen Thore sind geblieben, einige von ihnen, wie das Bab en Nasr und das danebenliegende Bab el Futuh, könnten wohl im Nothfalle als kleine Festungen dienen, aber wie lange würden sie im Stande sein den englischen Sechszigpfündern zu widerstehen?

Nur die bereits erwähnte Citadelle ist die einzig wirklich feste Position von Kairo, die mit ihren Kanonen (und sie soll jetzt sehr gut armirt sein) die ganze Stadt beherrscht; die labyrinthischen Zugänge mit ihren steilen Felsenmauern und Zinnen würden die Vertheidigung wesentlich erleichtern, aber auch das ist im Grunde nur illusorisch; denn der Mokkatam liegt wenigstens 400 bis 500 Fuß höher, und von dort könnte man also wieder die Citadelle leicht zusammenschießen. Hoffentlich kommt es nicht zu diesem Aeußersten, und es wird in diesem beklagenswerten Kriege an dem zerstörten Alexandria genug sein.

Bis in die jüngste Zeit, das heißt bis zum Ausbruch des jetzigen Krieges, war Kairo fast immer das erste Ziel der Orientreisenden und nicht allein der Vergnügungstouristen, sondern auch der Afrikaforscher, die von da weiter nach allen Richtungen in's Innere zogen. Für die Ersteren bot zunächst die ägyptische Hauptstadt selbst des Interessanten und Sehenswerten unendlich viel, und hier ist es am Platze, des Exkhedives Ismail mit Anerkennung zu gedenken, weil er von jeher bestrebt gewesen, den Fremden den Aufenthalt in seiner Residenz so angenehm und genußreich wie möglich zu machen.

So ließ er den ungeheuren, aber ganz verwilderten und sumpfigen, über dreißig preußische Morgen großen Esbekiehplatz, der dem schlechtesten Gesindel als Schlupfwinkel diente, in einen prächtigen Park und Lustgarten verwandeln, mit Cascaden und Felsengrotten, mit chinesischen Tempeln, Cafés-chantants und einem Musikpavillon für ein einheimisches, aber von französischen Musikern gebildetes Orchester, sogar mit einem kleinen Theater und mit Gondelfahrten auf einem großen cementirten See. Man glaubt sich dort in Paris, im Bois de Boulogne, und natürlich waren es auch Pariser Gartenkünstler, die Alles geschaffen, und zwar mit einem Aufwand von über 20 Millionen Franken. Einmal in der Woche wurde der Garten immer glänzend illuminirt, und wenn fürstlicher oder sonst hoher Besuch aus Europa da war, auf dem See auch ein Feuerwerk abgebrannt. Dann war der vicekönigliche Hof selbst zugegen; die leichtverschleierten Haremsschönheiten wandelten zwischen den europäischen Herren und Damen umher, und mehr als ein zartes Liebesverhältniß mag sich dort unter den Palmen und Sykomoren entsponnen haben.

Breite, macadamisirte Straßen mit Asphalttrottoirs (Alles nie gesehene Dinge in Kairo) wurden um den Garten herum angelegt, und die dort belegenen Gasthöfe wetteifern an Luxus und Bequemlichkeit mit den ersten enropäischen Hotels und lassen sie sogar in Bezug auf die Preise weit hinter sich.

Aber auch auf einem höheren Gebiete kam Kairo dem Fremden [643] in glänzender Weise entgegen, nämlich durch das Museum ägyptischer Alterthümer in Bulak. Die ganze Pharaonenwelt liegt in diesen Sälen zur Schau, und bei ihrer Besichtigung erkennt man Aegypten als das älteste Culturland der Erde; die ausgestellten Kunstschätze werden doppelt interessant, weil man nur aus den hohen Fenstern hinauszuschauen braucht, um die Felsentempel und Königsgräber zu sehen, wo man sie gefunden.

Dicht neben dem Museum liegt die Insel Rhoda mit dem tausendjährigen Nilmesser und dem Mosesbaum, unter welchem die Tochter Pharao's das ausgesetzte Moseskind im Schilf gefunden – natürlich nur eine Legende, die aber an Ort und Stelle, wo noch so Vieles an jene Zeiten erinnert, ganz glaubwürdig erscheint. In Bulak, dem Hafen von Kairo, liegen auch die Nilbarken (die Dahabihen), die man im Winter für einige Monate miethet und auf denen man stromaufwärts fährt bis nach Assuan und weiter nach Nubien, um unterwegs die bedeutendsten Ruinenstätten zu besuchen: Theben und Luxor, die Memnonssäulen und die Tempel von Karnak und Philä, auf deren Dächern sich ganze arabische Dörfer angesiedelt hatten, bevor man sie wieder freilegte. Viele von diesen Nilbarken sind mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, mit einem großen Speisezimmer, mit kleineren Wohnräumen und eleganten Boudoirs für die mitreisenden Damen, mit einer Bibliothek und sogar einem Piano, wenn man es wünscht und nur genügend bezahlen will; denn begreiflich ist der Miethpreis einer solchen Barke mit Allem, was dazu gehört, kein geringer. Auf dem erhöhten Hinterdeck stehen unter einem schützenden Sonnenzelte Divane, Sessel und Tische, und die Reisenden können im angenehmsten dolce far niente (oder im Keff, wie man auf arabisch das „süße Nichtsthun“ benennt) das wunderbare Nilpanorama an sich vorüberziehen lassen. Jetzt freilich mag es anders auf dem Nil aussehen, und die „Ingilis“, d. h. die Engländer, die dort früher immer sehr willkommen waren, weil sie die reichlichsten Trinkgelder gaben und die nachgemachten „Antiquitäten“ am besten bezahlten, dürfen sich dort nicht sehen lassen. Vielleicht werden sie bald als Herren den schönen Strom auf- und abfahren, aber mancher Tropfen Nilwasser wird bis dahin wohl noch unter der großen Nilbrücke bei Kairo hindurchfließen.

Uebrigens bedarf man gar keiner langen und kostspieligen Nilfahrt, wenn man die Wunder des Pharaonenlandes sehen will, denn die Stadt Kairo ist so günstig gelegen, daß sich die großartigsten jener Wunder ganz in ihrer Nähe befinden und auf bequemen Ausflügen zu erreichen sind, nämlich die Pyramiden von Gizeh, die höchsten und berühmtesten von allen ägyptischen Pyramiden, mit der Sphinx, und weiterhin das Trümmerfeld von Memphis mit den Apisgräbern und den Felsentempeln. Diese Ausflüge sind, nach Ansicht der meisten Reisenden, die schönsten und interessantesten Touren, die man überhaupt in Aegypten machen kann; man nimmt sogar aus dem Hotel ein gutes Frühstück mit und tafelt mitten in der Wüste auf irgend einem Grabsteine, dessen Hieroglyphen den Ruhm des großen Ramses (Sesostris) verkünden, der vor mehr als dreitausend Jahren hier regierte und dessen Reich sich über den ganzen Osten bis an den Tigris erstreckte.

Die schönste und größte Oase der Libyschen Wüste, das Fajuhm, liegt gleichfalls nur wenige Meilen südwestlich von Kairo, aber schon immer entfernt genug, um Gelegenheit zu einem Dromedarritte und zu einem Nachtlager unter Zelten, nach Art der Beduinen zu bieten. Keine andere Oase Aegyptens überrascht so sehr durch die Fülle und Pracht ihrer Vegetation wie diese. Die herrlichsten Rosen und die köstlichsten Trauben und Feigen kommen von dort; die Palmenhaine und Baumwollenfelder wetteifern mit den reichsten des Delta's, und wenn im Februar und März, den eigentlichen Frühlingsmonaten Aegyptens, die Orangen- und Granatbäume in voller Blüthe stehen, dann entfaltet sich dort der ganze Zauber einer tropischen Landschaft. Von hohem geschichtlichem Interesse ist ferner das Fajuhm durch den Mörissee und das Labyrinth, welches letztere sogar von den Alten bekanntlich zu den sieben Weltwundern gezählt wurde. Von dem Labyrinthe, wie es Herodot beschrieben, mit seinen 1500 Zimmern und Sälen über und ebenso vielen unter der Erde sind jetzt nur noch die Trümmer der Mauern und Gänge zu sehen, und auch der über drei Quadratmeilen große Mörissee ist längst ausgetrocknet und die hohe Pyramide in seiner Mitte zusammengefallen, aber man erkennt doch noch an einzelnen Dämmen die Ufer dieses ungeheueren künstlichen Beckens, das zur Pharaonenzeit bei den Nilüberschwemmungen als Reservoir diente, um von da die Wassermassen durch Schleusenwerke auf die höher gelegenen und von der Fluth nicht erreichten Felder zu leiten – also gewissermaßen auch eine Art von Nilbarrage, wie die obenerwähnte, nur daß zwischen beiden ein Zeitraum von ungefähr dreißig Jahrhunderten liegt.

Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten in der Nähe von Kairo gehört auch Heliopolis mit dem Marienbaum und dem Obelisken. Die „Sonnenstadt“ selbst, das On der Bibel, ist mit seinen Tempeln, Palästen und Säulenhallen, unter denen der größte Denker und Weise des Alterthums, Plato, gewandelt, um sich bei den Sonnenpriestern Aufschluß über die Unsterblichkeit der Seele zu holen, längst bis auf die letzte Spur vom Erdboden verschwunden; nur ein einziger Obelisk steht noch aufrecht da, wenn auch einige zwanzig Fuß tief im Sande, aber die scharfgemeißelten Figuren und Bilder seiner spiegelblanken granitnen Flächen erzählen dem Kundigen viel von der ehemaligen Herrlichkeit. Zwei seiner steinernen Brüder wurden unter den Ptolemäern nach Alexandria geschafft; man nannte sie später „die Nadeln der Cleopatra“, und beide haben in jüngster Zeit die Reise über das Weltmeer angetreten, die eine nach London, wo er im Nebel der Themsequais paradirt, der andere nach New-York, wo er vor seiner Aufrichtung wochenlang in den Docks zwischen Petroleumfässern lagern mußte - hier wie dort eine klägliche Profanation für einen „versteinerten Sonnenstrahl“, wie die alten Aegypter diese Steinriesen nannten. Was den Marienbaum betrifft, so soll nach der Legende die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Aegypten unter ihm geruht haben. Die prächtige, jedenfalls vielhundertjährige Sykomore gehört übrigens der Exkaiserin Eugenie, welche sie bei ihrem Besuche im Jahre 1869 vom Exkhedive zum Geschenk erhielt. Beide, der Geber wie die Beschenkte, leben entthront im Exil, aber der Baum grünt unbesorgt weiter und hat sogar damals von seiner Besitzerin, natürlich auf vicekönigliche Kosten, ein hübsches Gitter bekommen, sodaß seine unteren Zweige jetzt nicht mehr so kahl gerupft werden wie früher, wo man, so weit man nur hinanreichen konnte, ihm auch nicht ein einziges Blättchen ließ. Nicht weit davon liegt das Lustschloß Kubeh, der ehemalige Lieblingsaufenthalt des jetzigen Khedives, der dort vielleicht manchmal von seiner dereinstigen Erhöhung träumte, sich aber gewiß seinen Thron nicht von so vielen Schrecknissen und blutigen Kämpfen umgeben dachte, wie sie ihm das Schicksal schon nach so kurzer Regierung gebracht hat. Er mag sich jetzt wohl oft nach den schönen, friedlichen Orangenalleen seines Gartens zurücksehnen, wo er den zuvorkommenden Wirth machte und nach orientalischer Sitte keinen Gast ohne einen Blumenstrauß entließ.

Kairo hat auch einen Corso, die sogenannte Schubra-Allee, die man, allerdings en miniature, nicht unpassend mit den Elyseischen Feldern von Paris oder dem Hydepark in London vergleichen kann. Die vornehme und schöne Welt – die Halbwelt müssen wir durchaus hinzusetzen; denn in der Wintersaison war Kairo seit den letzten zwanzig Jahren immer das beliebteste Rendezvous der Wiener und mehr noch der Pariser demi-monde – fährt und reitet dort in den Nachmittags- und Abendstunden spazieren, und namentlich sind es die Haremscarossen der reichen Paschas mit ihrem verbotenen, aber nur leichtverschleierten Inhalt, welche die Blicke der Europäer auf sich ziehen.

Am Ende der Allee liegt das Schloß Schubra, wo Mohammed Ali seine letzten Lebensjahre in dumpfem Hinbrüten verbrachte und wo er auch am 2. August 1849 in völliger Geisteszerrüttung starb. Er selbst verglich sich in lichten Augenblicken mit einem Löwen, dem man die Zähne und Krallen ausgebrochen und dann in einen Käfig gesperrt hatte, und sein Gespenst in schlaflosen Nächten war die europäische Diplomatie. Seitdem ist dieselbe in gar mancher Beziehung fast zu einer figura comica geworden; man denke z. B. nur an die in Stambul tagende Conferenz und als Gegensatz dazu an das Auftreten der Engländer in Aegypten! Wem fällt dabei nicht unwillkürlich das Lied aus den „Fliegenden Blättern“ ein mit dem lustigen Refrain:

„Die Diplomaten … aten,
Thun ewiglich berathen
Und kommen doch zu nichts.“

Das schöne Schloß ist jetzt unbewohnt und wird so vernachlässigt, daß es seinem gänzlichen Ruin entgegengeht. Der Exkhedive zeigte hier wenig Pietät für den Großvater, der seinem jüngsten Sohne Halim das Besitzthum vermacht hatte, demselben [644] Halim, den Ismail später als unwillkommenen Prätendenten durch allerlei Intriguen aus Aegypten zu entfernen wußte und der jetzt als möglicher Ersatzmann für Tewfik oft genannt wird. Aber Halim, der seitdem in Stambul oder Paris gelebt hat, dürfte schwerlich der Mann der rettenden That sein, und wenn er es wäre, alsdann erst recht von den Engländern unberücksichtigt bleiben.

Unter den zahlreichen Schlössern, die der letzte Khedive mit einem Aufwand von so vielen Millionen erbaut und die er mit wirklich fabelhafter Pracht hat einrichten lassen, steht Gezireh obenan, und kein Fremder, der nach Kairo kommt, versäumt den Besuch, schon um sich eine richtige Vorstellung von orientalischem Luxus und grenzenloser Verschwendung zu machen. Wie Versailles, für das Ludwig der Vierzehnte im Ganzen eine Milliarde verausgabt haben soll (was jetzt ungefähr die zehnfache Summe bedeutet), gewissermaßen die französische Revolution erklärt – denn der größte Theil der Einkünfte von ganz Frankreich wurde darauf verwendet – so kann man in Gezireh recht gut den Staatsbankerott begreifen, den Ismail seinem unglücklichen Lande hinterlassen hat. Von einer näheren Schilderung Gezirehs dürfen wir hier wohl absehen; auch haben wir schon in einem früheren Artikel einige kurze Andeutungen darüber gemacht; nur eine pikante Erinnerung, die sich an Gezireh knüpft, möchten wir nicht unerwähnt lassen.

Im Winter 1875 empfing der Schloßherr auf einem jener kolossalen Hofbälle, deren er damals noch viele gab und die immer so „heidenmäßiges“ Geld kosteten, oben an der weißen Marmortreppe den Herzog von Connaught, als den vornehmsten Ballgast, und gab ihm auch an der Tafel, wo alle Gerichte auf goldenen Schüsseln servirt wurden, den Ehrenplatz. Jetzt rückt derselbe Herzog von Connaught mit seiner Division vor, und wenn ihm das Kriegsglück günstig ist, wie es fast den Anschein hat, so kann er vielleicht noch als Sieger in die Hauptstadt einziehen und dann auch sein Quartier in demselben Gezireh aufschlagen, wo er sich damals so vortrefflich amüsirte, wie er beim Abschied dem Khedive mit herzlichem Händedrucke versicherte.

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Die Nilbarrage.
Nach einer Photographie.

Charakteristisch für die unermeßlichen Summen, die Gezireh gekostet hat, ist auch der Umstand, daß die über eine Quadratmeile große Insel, auf der das Schloß mit seinen Parks und Wundergärten liegt und nach der es seinen Namen führt (Gezireh heißt auf arabisch: Insel), in ihrer ganzen Ausdehnung fast um zwei Meter erhöht werden mußte, um sie gegen den hohen Wasserstand der Nilüberschwemmnngen genügend zu schützen.

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Die Gräber des Kalifen bei Kairo.
Nach einer Photographie.

Daß Kairo unter den klimatischen Curorten schon seit Jahren einen hohen Rang einnimmt, ist bekannt, und – seltsam genug! – ist es namentlich der Aufenthalt in der Wüste, der den Brustleidenden von den europäischen Aerzten empfohlen wird und dem auch gar viele Kranke ihre Genesung zu verdanken haben. Deshalb hat Kairo seinen Bade-Ort, oder richtiger seinen Luftcurort, nur wenige Meilen östlich von der Stadt, aber trotzdem mitten in der arabischen Wüste, auf dem Wege nach Suez. Schon unter Said Pascha entdeckte dort ein deutscher Arzt, der leider zu früh verstorbene Dr. Reil, in jener Gegend Schwefelquellen, und diesem Umstände verdankt Heluahn seine jetzige Bedeutung. Gasthöfe und Landhäuser entständen, nachdem vorher durch einen großartigen Aquäduct vom nahen Nil für die Hauptbedingung zur Existenz der Colonie, für Wasser, gesorgt worden war, und mehr als die Heilquellen war es die reine Wüstenluft selbst, die bei vielen Kranken geradezu Wunder wirkte. Auch bei dieser Gelegenheit bewährte sich die Munificenz Ismail’s in glänzender Weise, und zwar durch Schenkung großer Terrains mit dem nöthigen Baumaterial und bedeutender Geldsummen, hauptsächlich aber durch Anlage einer Eisenbahn, was wir um so lieber hervorheben, als so Viele geneigt sind, ihm nach seinem Sturze auch „kein gutes Haar“ mehr zu lassen.[2]

Dies wären somit einige Einzelheiten über die Hauptstadt Aegyptens, die uns von allgemeinem Interesse schienen und die wir, schon aus Rücksicht auf die Raumverhältnisse [645] dieses Blattes, nicht weiter ausdehnen durften, so viel wir auch noch zu sagen hätten. Das Volksleben im Innern der Stadt selbst, speciell in den arabischen Vierteln, die Bazare und Khans, in denen alle Schätze des Orients aufgehäuft sind, die Moscheen und Derwischklöster mit ihrem eigenthümlichen Cultus, die feierlichen Aufzüge bei öffentlichen Festen und Begräbnissen, dann wieder die Kaffeehäuser mit ihren Märchenerzählern und so vieles, vieles Andere, das den Fremden oft dergestalt fesselt, daß er sich in eine ganz neue Welt versetzt fühlt, mußte unberücksichtigt bleiben.

Nur eine kurze Schlußnotiz in Bezug auf die Nilüberschwemmung sei uns noch gestattet! Dieselbe erreicht gerade jetzt, im September, wie alljährlich, ihren höchsten Stand, und sie könnte möglicher Weise bei den Kriegsoperationen eine wichtige Rolle spielen.

Das Phänomen des durch Regengüsse im abessinischen Hochlande und im Innern Afrikas bedingten periodischen Steigens des Nils ist so alt wie die Welt, und namentlich gehört die seit langen Jahrtausenden sich stets gleich bleibende Regelmäßigkeit desselben wirklich zu den Naturwundern unserer Erde. In der Nacht des 16. Juni bringt nämlich nach einer uralten Sage ein Engel den „goldenen Tropfen“ vom Himmel herab und wirft ihn in den oberen Nil, [646] und schon am nächsten Tage beginnt das Steigen. Jene Nacht wird noch heute in ganz Aegypten als „die Nacht des Tropfens“ (leileth en nukta) mit Gesang, Illumination und sonstigen Belustigungen gefeiert, und die „Nilrufer“ verkünden von da an täglich die wachsende Schnelle des steigenden Wassers, zuerst natürlich in Ober- und später in Mittelägypten, aber gegen Ende des Juli schon in Kairo, wo der Strom unaufhaltsam höher und höher steigt, bis er die nöthige Höhe von achtzehn Ellen über seinem gewöhnlichen Niveau erreicht hat, weit über seine Ufer tritt und das Land überschwemmt. Der Anblick von der großen Nilbrücke aus ist alsdann ein gewaltiger, und für den, der ihn zum ersten Male genießt, furchtbar und schreckenerregend. Der Strom, der dann mehr als doppelt so breit ist wie der Rhein bei Köln, wälzt seine dunkelgelben Wogen mit so donnerndem Getöse, daß man meint, es käme aus dem Süden ein ganzes Meer herangestürmt, oder das Mittelmeer habe bereits von Norden her das Delta überfluthet, um mit seinen Wasserbergen Alles zu verschlingen. Und doch ist das, was jedem anderen Lande die entsetzlichste Zerstörung bringen würde, für Aegypten eine Quelle des reichsten Segens; denn durch tausend große und kleine Canäle werden die tobenden Wassermassen überallhin geleitet, und schon nach wenig Wochen ist das ganze Nilthal zu beiden Seiten ein unermeßlicher,[WS 1] spiegelklarer, ruhiger See, aus welchem nur die Städte und Dörfer mit den verbindenden Dämmen hervorragen. Dann beginnt das wunderbare, geheimnißvolle Walten der Gewässer, die den befruchtenden Schlamm absetzen und darauf langsam wieder in ihr gewohntes Bett zurückfließen. Ende October werden schon die höher gelegenen Felder wasserfrei, die tieferen erst Ende November, und die Saaten werden gestreut zu doppelter und oft zu dreifacher Ernte.

Die Wohlfahrt des Landes hängt von der richtigen Leitung und Vertheilung der ungeheuren Wassermassen ab, und die Schleusenwerke und Dämme müssen ununterbrochen und auf das Sorgfältigste überwacht werden, damit sich der Segen nicht in Unheil verwandele. Nur wenige Hauptdämme, namentlich im Delta, brauchten durchstochen zu werden, und die schreckliche Gefahr einer wirklichen, regellosen Ueberschwemmung wäre da - ein Plan, mit dem sich Arabi Pascha, als dem letzten Vertheidigungsmittel gegen den andrängenden Feind, tragen soll, wie man von vielen Seiten behauptet, den er aber schwerlich ausführen wird, weil seine eigene Vernichtung leicht damit verbunden sein könnte. Andere nehmen an, er würde bei einem eventuellen Rückzuge nach Kairo die Umgebung der Stadt meilenweit nach allen Seiten hin unter Wasser setzen lassen, was allerdings ausführbar wäre, um dann in der Stadt selbst, wie auf einer Insel, das Weitere abzuwarten, aber während man sich daheim und fern vom Kriegsschauplatz dergleichen Bilder ausmalt, können dort die eisernen Würfel schon ganz anders gefallen sein.

In dieser letzteren Beziehung bleibt uns nichts übrig, als mit den fatalistischen Mohammedanern zu sagen: „Insch Allah“: „wie Gott will“, und dem „Kismet“, dem vorher bestimmten Schicksal, an das jeder gute Moslem glauben muß, Alles anheim zu stellen.



  1. Vor der Besetzung Kairos geschrieben.
    D. Red.
  2. Wir verweisen hier auf das schon früher von uns lobend erwähnte Werk Ebeling’s: „Bilder aus Kairo“, in welchem sich ein sehr interessantes Capitel über das „Wüstenbad Heluahn“ befindet, wie wir überhaupt jene zwei Bände Allen, die sich gerade jetzt über die Zustände in Aegypten näher unterrichten wollen, als gute und anziehende Lectüre empfehlen.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: unrrmeßlicher