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Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Im Riesen zu Miltenberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 372–374
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Im Riesen zu Miltenberg.
Zur Einweihung des Lutherdenkmals in Worms.
Von Ludwig Storch.

In der Hauptstraße der kleinen Stadt Miltenberg am Main liegt ein stattliches Eckhaus, das heute noch in seiner äußeren ehrwürdigen Gestalt und inneren Einrichtung möglichst treu den baulichen und wirtschaftlichen Charakter des sechzehnten Jahrhunderts erhalten hat. Der Bau selbst stammt schon aus dem vierzehnten Jahrhundert. Aber was das an sich schon so interessante Gebäude noch merkwürdiger macht, ist der Umstand, daß es seit seiner Erbauung bis auf den heutigen Tag ein vielbesuchtes Gasthaus war und wohl bleiben wird. Es ist der Gasthof „zum Riesen“, kein Hotel im heutigen Sinne, aber eine ungemein gemüthliche traute Herberge im Sinne unserer wackern Vorfahren vor drei und vier Jahrhunderten, eine echt deutsche Kneipe, in welcher einem der gesellige Geist des deutschen Mittelalters aus jedem Winkel, jeder Holzverzierung, jedem Steinsitz entgegenspringt. Man fühlt sich so heimisch, so wohl in diesen lieben Räumen, obgleich sie nicht vom brillanten Comfort der Jetztzeit erfüllt sind, und Gott weiß, daß der deutschen Zunge das kühle Gewächs der Mainberge hier besser mundet, als in einem luxuriösen Speisesaal.

Im Mittelalter war der Riesen die vornehmste und starkbesuchteste Herberge am ganzen Mittelmaine: denn damals lief die Hauptstraße vom Nordosten nach dem Südwesten Deutschlands noch über Miltenberg, indem sie den als unsicher verrufenen Spessart umging. Insbesondere nahmen alle Fürsten, Grafen und Herren, die die Straße zogen, Einkehr in dem berühmten Gasthause. Wenn diese Wände erzählen könnten, wir würden manche unterhaltende Geschichte von ihnen erfahren, die sich in den von ihnen umschlossenen Mauern zugetragen.

Eine davon – und gewiß keine der unwichtigsten – haben aus die Zeitbücher der Stadt Miltenberg aufbewahrt, und da sie keineswegs so bekannt ist, wie sie es verdient, so erachten wir den Frühling 1868 für einen sehr günstigen Zeitpunkt, die anziehende Begebenheit durch die Gartenlaube zu verbreiten, „so weit die deutsche Zunge klingt.“

Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wohnte auf seiner stattlichen Burg, zu Erbach im benachbarten Odenwalde, ein sehr ehrenwerther und wackerer Ritter, der Schenk Eberhard von Erbach. Das ehrwürdige Schloß steht ebenfalls heute noch und nimmt sich als Dynastensitz eben so wohnlich aus, wie der Riesen als Gasthaus, und was dem Schlosse noch einen besonderen Reiz verleiht, ist der Umstand, daß die Grafen von Erbach heute noch darin hausen, ein berühmtes und hochgeachtetes Geschlecht. Ritter Eberhard von Erbach war ein Herr von hohen Tugenden und ausgezeichneten Eigenschaften, ein Held ohne Furcht und Tadel, einfach, sittenstreng, bieder, wahr und treu. Am meisten aber zeichnete er sich durch eine hohe, fast schwärmerische Frömmigkeit und strenge Rechtgläubigkeit aus, und er hatte nichts dawider, wenn er der treueste Sohn der Kirche genannt wurde. Seinem Herrn und Heiland mit Gut und Blut zu dienen, erschien ihm als die schönste Lebensaufgabe, und er hatte sein gutes Schwert in der nahen Abtei zu Amorbach dem Dienste der heiligen Jungfrau weihen lassen.

Es war im Frühling des Jahres 1518, schon zu ziemlich später Stunde, als der fromme Schenk von Erbach mit einem Häuflein reisiger Knechte vor dem Gasthause zum Riesen in Miltenberg hielt, und dem herbeigeeilten Gastwirth sein Verlangen zu erkennen gab, bei ihm zu übernachten. Doch hielt er nicht mit seinen sämmtlichen Knechten Eintritt in das Haus, sondern schickte sie mit kurzen gemessenen Befehlen bis auf einen, den er bei sich behielt, weiter. Während der Schenk einkehrte, ritten die Knechte durch die Stadt und auf der Straße nach Wertheim weiter. Aus dieser ungewöhnlichen Anordnung und aus dem ernsten fast finstern Wesen des würdigen Schenken ließ sich schließen daß er etwas [373] sehr Wichtiges vorhabe. Und so verhielt er sich auch dem Wirth gegenüber schweigsam, ließ sich ein Zimmer über einer Stiege anweisen, nahm sein Abendessen ein und legte sich in tiefe Gedanken versunken, die zuweilen zu abgerissenen Selbstgesprächen wurden, in welchen sich die Aufgeregtheit seines Gemüths kund gab, frühzeitig nieder.

Eben in Begriff sein Abendgebet zu sprechen, vernimmt er durch die dünne Bretterwand, die ihn vom benachbarten Erkerzimmer trennt, den kräftigen Gesang einer schönen, volltönenden Baritonstimme, die ein geistliches Abendlied anstimmt. Der Schenk versteht jedes Wort des Liedes und der fromme, gottbegeisterte Inhalt desselben, die schöne Melodie, der ausdrucksvolle Vortrag und die meisterhafte Begleitung auf der Laute entzücken den odenwälder Ritter mit jeder Minute mehr. Er bekreuzt sich, faltet die Hände, und wenn der fromme Sänger eine Strophe beendigt hat, so fällt er leise mit einem gottergebenen, herzlichen „Amen!“ ein.

Die Gartenlaube (1868) b 373.jpg

Gasthof „Zum Riesen“ in Miltrnberg.

Als der kunstbegabte Nachbar den Gesang beendigt hat, fügt er ein kurzes, kräftiges Gebet hinzu, worin er sich und alle guten Menschen der heiligen Dreifaltigkeit empfiehlt und mit der Bitte schließt, das Herz der verstockten Sünder und Irrenden den Strahlen der göttlichen Barmherzigkeit zu öffnen. Der Schenk flüstert sein Amen! Amen! und fühlt sich so erhoben und erbaut, wie seit langer Zeit nicht, so daß er mit den seligsten Gefühlen einschläft.

Mit dem Frühstrahl des Morgens wird er von denselben Lautenklängen und einem Morgenliede seines Nachbars erweckt. O, wie ist das dem Schöpfer des All’s dargebrachte Danklied durchweht vom Hauche wahrer Gottesliebe und Frömmigkeit! Der Schenk hat unwillkürlich die Hände gefaltet, eine unendliche Rührung überkömmt ihn und seine Lippen flüstern nach jeder Strophe Amen! Amen! Und als der Sänger endlich schweigt, bekreuzt sich der Ritter fromm und erhebt sich, um den Wirth zu befragen.

„Wer ist mein Nachbar droben in der Erkerstube, der mich mit seinem Gesang, so schön wie ich noch keinen gehört, baß erquickt hat?“

„Es ist ein geistlicher Herr, den ich nicht kenne, von mittleren Jahren und ehrwürdigem Ansehen; ist gestern Abend knapp vor Euch, Herr Ritter, in einem bescheidenen Wäglein angefahren und gedenkt heute bald seine Reise fortzusetzen; hat schon seine Zeche bezahlt und das Gefährt anzuschirren befohlen.“

„Geh’ zu ihm und sag’ ihm, daß ich mich gedrungen fühle, ihm mündlich für seine köstlichen Lieder gestern Abend und diesen Morgen zu danken; ich laß ihn bitten, mir eine Viertelstunde zu schenken; denn auch ich eile mit der Abreise. Aber ich muß ihm die Hand drücken und in’s Auge sehen.“

Der Schenk folgte dem Wirthe auf dem Fuße und nahn ihm die Thürklinke der Erkerstube aus der Hand. Der fromme Sänger stand vor dem frommen Ritter und erwiderte dessen freundlichen Gruß mit gleicher Herzlichkeit.

Er war ein Mann in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, von mittler Größe und gedrungenem Körperbau; seine zwar nicht schöne aber imponirende Gesichtsbildung zeugte von Milde und Charakterfestigkeit. Sehr lebhaft und geistreich blickte sein großes blaues Auge, sein dunkelbraunes Haar bekränzte schlicht die hochgewölbte Stirn und den starken, kräftigen Nacken. Sein Mund war beredt, ehe er ihn nur öffnete. Die ganze Gestalt erhöhte im Ritter von Erbach den Eindruck, welchen er bereits durch den Gesang empfangen hatte, so daß er sogleich für den geistlichen Herrn eingenommen war.

„Ich komme, Euch meinen Dank abzustatten für die Erbauung, die Ihr mir bereitet habt, ehrwürdiger Vater,“ sagte der Ritter, „und obgleich ich vom Wirthe vernommen habe, daß Ihr’s mit der Weiterreise eilig habt und schon auf dem Sprunge steht, und obgleich ich selbst zum Aufbruch haste, so richte ich doch die herzliche Bitte an Euch, mir noch ein solches Lied zu singen. Meine Seele dürstet nach dem lebendigen Quell, der aus der Enerigen fließt.“

„Solchen Durst mit dem lebendigen Wasser zu stillen, gebietet mir schon die Pflicht meines Standes. Die Musica ist dazu erschaffen, das Menschenherz zu erbauen und zu läutern.“

Er nahm die Laute und begleitete sich ein Lied. Es war eine tiefsinnige, gottbegeisterte Anrufung des heiligen Geistes um die Gnade der Wiedergeburt und daß aus ihr der beseligende Glaube an das Verdienst Christi in der Erlösung von Sünde und Tod emporblühen möge. Es war ein Hymnus von ergreifender Glaubensschönheit, der seine Wirkung auf das schon so mächtig erregte Gemüth des frommen Schenken nicht verfehlte. Mit gefalteten Händen saß er da und seine Lippen flüsterten zuweilen „Amen! Amen!“ während er tieferschüttert sich die Augen wischte.

Als der fremde Gast mit leuchtenden Blicken den Gesang schloß, streckte ihm der Ritter dankend die Hände entgegen, und die beiden Männer sahen sich mit verschlungenen Händen durch die Augen in die Seele und schlossen ohne Worte einen hehren Bund miteinander. Dann nahm der Schenk das Wort: „Euer herrliches Lied legt mir eine Frage in den Mund: Was haltet Ihr von der Lehre des heiligen Angustin, daß wir durch Buße und Werke nicht können unserer Sünden ledig werden, sondern allein durch das Sühnopfer Jesu Christi, weil die menschliche Natur durch den Sündenfall verderbt und zum Guten gänzlich unfähig sei?“ Der geistliche Herr horchte auf und erwiderte sanft lächelnd: „Es will mich baß bedünken, Ihr habt außer dem frommen Glauben auch ein gut Stück Theologie im Leibe und ich kann mit Euch reden, wie mit meines Gleichen.“ Der Schenk nickte beistimmend und der Priester begann mit bewundernswürdiger Beredsamkeit von den Kirchenvatern zu reden und hob die Verdienste Augustin’s in großen flammenden Zügen hervor. Dabei würdigte er die Meinungen und Ansichten der Gegner, entschied sich aber für Augustin, den er nächst dem heiligen Paulus den größten Kirchenfürsten und die stärkste Säule des reinen Glaubens nannte.

Der Schenk machte zuweilen einen Einwand oder that eine weitere Frage, die den Sprecher zu immer neuen Erörterungen veranlaßte. Darüber verstrich Beiden unvermerkt die Zeit – es waren wohl Stunden vergangen – bis der Wirth verwundert hereintrat und fragte, ob er das Wäglein wieder abschirren und die Pferde absatteln lassen solle; der Fuhrknecht des geistlichen Herrn und der Knappe des Ritters seien gleich besorgt und ungeduldig, da sie wüßten, wie sehr die Herren auf baldige Abreise gedrungen.

„Hilf Jesus und Maria!“ rief der Schenk auffahrend. „Ihr habt mir mein vorsätzliches Werk vergessen gemacht mit dem Fluß [374] Eurer gottgefälligen Rede, wie ich noch nie eine von geistlichen Lippen gehört, und doch ist mein Werk auch ein frommes und gottgefälliges und wird Euern Beifall haben, ehrwürdiger Vater.“

„So darf ich erfahren, was Ihr so Dringendes vorhabt, Ritter Erbach?“

„Gewiß! Ihr sollt mir sogar Euern Segen dazu geben, damit es zur Ehre Gottes und zum Frommen der heiligen Mutter Kirche gelinge!“

„So sagt an!“

„Ich bin mit meinen Knechten ausgezogen und sie haben bereits die Landstraße nach Wertheim besetzt, und ich will nun schnell auch hinaus, um einen guten Fang zu thun, einen bösen Ketzer und Teufelsbraten, der, wie ich sicher ausgekundschaftet, heute des Weges daher kommt.“

„Wen meint Ihr?“ fragte der Fremde gespannt.

„Den frechen Augustiner aus Wittenberg, der im verwichenen Herbst seine kirchenschänderische Hand gegen seine Mutter erhoben und ihre Satzungen verhöhnt hat. Er wird nach Heidelberg reisen.“

„Ihr meint den Doctor Martin Luther?“

„Wen sonst als dieses räudige Schaf der gläubigen Heerde, das im ganzen Reiche so großen Anstoß und Aergerniß gegeben hat?“

„Und was wollt Ihr mit dem Wittenberger Mönche machen, wenn Ihr ihn gefangen habt?“

„In meinen festen Thurm will ich ihn sperren und ihm so lange von meinen Priestern zusetzen lassen, bis er dem Teufel abgesagt hat und als ein reumüthiger Sünder zum Kreuze Christi gekrochen ist.“

„Und wenn er Euer löbliches Verlangen nicht erfüllte und bei seiner Ueberzeugung beharrte, was dann?“

„Meint Ihr, ich habe es mir umsonst ein tüchtig Stück Geld kosten lassen, um seine Reise nach Heidelberg genau zu erfahren? Er soll mir nicht vergebens in’s aufgestellte Garn laufen. Wenn er halsstarrig auf gutgemeinten Zuspruch nicht hört, so werd’ ich ihn nach Rom transportiren, ich selbst mit meinen Knechten, um ihn dem heiligen Vater ausliefern, der mag ihn, wenn er verstockt bleibt, auf einen Scheiterhaufen setzen lassen, damit er schon hier den Vorschmack des höllischen Feuers habe, welches der Gottesschänder wartet. Ich muß fort, aber ich kann nicht ohne Euern Segen gehen und nicht ohne Euern Namen zu wissen, ehrwürdiger Vater, als den des frömmsten, gelehrten und gottbegeistertsten Sohnes der Mutter Kirche, der mir auf meinem Lebenswege aufgestoßen.“

„Ich will Euern Wunsch gern erfüllen. Ihr braucht Euch nicht weiter zu bemühen; denn der Mann, den Ihr fangen wollt, steht vor Euch. Ich bin Martin Luther.“

Der Schenk erstarrte zur Bildsäule; nur die weitaufgerissenen Augen zeugten noch von seinem Leben. Nicht nur keines Wortes mächtig, vergingen ihm auch die Gedanken.

Doctor Luther fuhr lächelnd fort: „Ihr seht, ich bin in Eurer Gewalt. Wollt Ihr wirklich einen arglosen, auf die öffentliche Sicherheit vertrauenden Reisenden in Euern Thurm werfen, weil er über den Ablaßkram des Papstes anderer Meinung ist, als Ihr, ohne ihn vorher gehört zu haben, wohlan, so laßt mich von Euern bewaffneten Knechten abführen. Ich habe keine Waffe weiter als das lebendige Wort.“

„Nicht also!“ versetzte Erbach beschämt. „Ich habe Euch schon gehört und will Euch weiter hören. Wir haben nun keine Eile mehr und lassen das Wäglein abschirren und die Pferde absatteln. Ich schicke meinen Knecht hinaus, um die andern herbei zu rufen. – Das ist eine wunderbare Fügung Gottes, daß Ihr gestern schon eingetroffen seid, während ich Euch erst heute erwartete. Setzen wir uns! Ich bin begierig auf Alles, was ich von Euch noch hören soll. Doch bevor Ihr mir auseinandersetzt, was Ihr gegen den Papst und den Ablaß habt, singt mir erst noch ein Lied, damit meine Seele in die rechte Stimmung komme. Wenn Ihr ein Loblied auf den heiligen Augustin wißt, so singt dieses.“

Luther nahm seine treue Begleiterin, die Laute, zur Hand und präludirte, sich zu einer Improvisation sammelnd, und pries in ihr in den kräftigsten Worten und Tönen den großen afrikanischen Kirchenfürsten. Dann begann er seine Rede. Er war selbst in einer ungemein gehobenen Stimmung, und vielleicht war ihm die Rede noch nie kräftiger, schöner, überzeugender aus der Seele geflossen. Des Schenks Augen leuchteten, die Hände über der Brust gefaltet, verneigte er zuweilen zustimmend das Haupt. Stunde auf Stunde verfloß, weder Hörer noch Sprecher merkten etwas davon, bis der Wirth wieder hereintrat und meldete, daß alle Knechte des Ritters zurückgekehrt und unten der Befehle ihres Herrn harrten. Auch habe der Wertheimer Fuhrknecht das Wäglein wieder angeschirrt.

„Nun, so kommt denn in Gottes Namen, ehrwürdiger Doctor Luther!“ sagte der Schenk tief gerührt. „Ihr habt mich vollständig überzeugt und Gott hat durch Eure klare, verständige und herzinnige Rede mein Herz erleuchtet. Kommt mit mir nach meinem Schlosse Erbach! Und seht, so wunderbar hat es Gott gefügt, daß ich, der ich Euch als Gefangenen dorthin führen und in den Thurm des Hasses setzen wollte, nun von Euch als Euer Gefangener in mein festes Haus geführt werde, das durch Euch in ein Haus der Liebe und wahren Gottesfurcht verwandelt ist. Ich segne Eure Hand, die mir die Binde von den Augen des Geistes gelöst und die Fesseln des reinen, wahren Glaubens angelegt hat. Führt Euren Gefangenen seiner Ehewirthin zu, damit sie durch Euch gleicher Gnade theilhaftig werde.“

Und der verklärte Ritter nahm den freudig bewegten Gottesstreiter an die Hand, führte ihn hinab und hob ihn in das Wäglein, das die Knechte umgaben, während er selbst dem Doctor zur Seite ritt. So zogen sie durch das grüne Thal in die grünen Berge des Odenwaldes dem netten Bergstädtlein mit dem ragenden stattlichen Grafenschlosse zu, heiter und froh im Wechselgespräch miteinander plaudernd. Unterwegs hatte der Schenk einen Knecht vorausgeschickt. Als sie nun dem Weichbild des Ortes nahten, ertönten plötzlich alle Glocken und der Schulmeister kam ihnen mit den Schulkindern entgegen und sangen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Und der Stadtpeifer spielte mit seinen Gesellen auf. Zur hochverwunderten Ritterfrau, die ihnen vor dem Schloßthore entgegentrat, sagte ihr Herr und Gemahl: „Hier ist Er! Aber wir haben die Rollen vertauscht. Er ist der Fänger, ich bin der Gefangene! Als ein Saul bin ich ausgezogen, ihm Uebles zu thun; als ein Paulus komm’ ich wieder, von ihm und zu ihm bekehrt. Und dafür sei Gott gelobt in Ewigkeit! Amen!“