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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Icaromenippus oder die Luftreise
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Zehntes Bändchen, Seite 1219–1247
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1829
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἰκαρομένιππος ἢ Ὑπερνέφελος
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1219]
Icaromenippus
oder
die Luftreise.
Menippus und sein Freund.

1. Menippus. [Mit sich selbst.] Also dreitausend Stadien waren es von der Erde bis zum Monde, die erste Station. Von da aufwärts bis zur Sonne ungefähr fünfhundert Parasangen.[1]. Von der Sonne bis in den Himmel selbst und auf Jupiters Burg ist ebenfalls eine Tagesreise für einen rüstigen Adler.

Freund. Um der Grazien willen, Menipp, Was sollen diese astronomischen Berechnungen und Messungen? Schon eine gute Weile folge ich dir auf dem Fuße nach, und höre deinem Selbstgespräche zu von Sonne und Mond und Stationen und Parasangen und – die Götter wissen, von welchem welschen Zeuge mehr.

Menippus. Du brauchst dich darüber gar nicht zu wundern, mein Freund, wenn ich von überirdischen und luftigen Dingen spreche: ich überrechne so eben die Summe des Weges, den ich auf meiner neulichen Reise zurückgelegt habe.

Freund. Wie? du richtest dich also (auch zu Lande) nach den Gestirnen, wie die Phönicier (auf ihren Seereisen) thun?

[1220] Menippus. Nein, bei’m Jupiter, ich habe die Gestirne selbst bereist.

Freund. Hilf, Hercules! Welch ungeheurer Traum, wenn du, ohne es zu merken, ganze fünfhundert Parasangen lang geschlafen hast!

2. Menippus. Du meinst, ich habe geträumt, mein Lieber? Du irrst dich sehr: ich komme so eben von Jupiter selbst.

Freund. Was sagst du? Mein Menippus wäre leibhaftig vom Himmel gefallen?

Menippus. Es ist, wie ich dir sagte: noch diesen Morgen war ich bei dem allerhöchsten Jupiter, wo ich dir Wunderdinge gehört und gesehen habe. Daß du mir nicht glauben willst, macht mir nur um so mehr Vergnügen: ich habe also ein Glück genossen, das allen Glauben übersteigt.

Freund. Nun freilich, göttlicher, Olympischer Menippus, wie sollte ich armer Erdensohn die Aussage eines Mannes bezweifeln, der über den Wolken wandelte, der, mit Homer zu reden, Einer der Uranionen geworden? Aber sage mir doch nur, wie hast du es angegriffen, um so hoch empor zu kommen? Wie bist du einer so entsetzlich langen Leiter habhaft geworden? Was wenigstens dein Aussehen betrifft, so hast du eben nicht so viele Aehnlichkeit mit jenem jungen Phrygier (Ganymed), daß man vermuthen könnte, Jupiter hätte als Adler dich hinaufgeholt, damit du ihm dort den Pocal kredenzest.

Menippus. Du bist noch immer der alte Spötter; wiewohl, es ist kein Wunder, daß meine seltsame Erzählung dir wie eine Fabel klingt. Aber ich brauchte zu meiner Auffahrt [1221] weder eine Leiter zu suchen, noch der Liebling jenes Adlers zu werden: ich hatte meine eigenen Flügel.

Freund. Nun, wahrlich, hier ist mehr als Dädalus. Du hast dich also, ohne daß wir darum wußten, in einen Falken oder eine Dohle verwandelt?

Menippus. Nicht so ganz fehlgeschossen, Freund. Das Dädalische Kunststück mit den Flügeln habe auch ich in Anwendung gebracht.

3. Freund. Wirklich, Wagehals? Und hast nicht befürchtet, herabzustürzen, und irgend einem Meere den Namen des Menippeischen zu geben, wie wir jetzt ein Icarisches haben?

Menippus. Im Geringsten nicht. Icarus hatte seine Schwingen mit Wachs befestigt; und so mußte er natürlich, wie er der Sonne zu nahe kam, in die Mause gerathen und herabfallen. Die meinigen waren anders beschaffen.

Freund. Was du nicht sagst! Allmählig bringst du mich noch dahin, daß ich die wunderliche Geschichte glaube.

Menippus. Ich ging so zu Werke: ich schnitt einem sehr großen Adler und einem Geier der stärksten Gattung die Flügel aus der Wurzel ab, und … Doch es wird besser seyn, wenn ich dir von Anfang an die Veranlassung zu dieser Reise erzähle, falls du Muße hast, mir zuzuhören.

Freund. Warum nicht? Ich bin in gespanntester Erwartung deiner Erzählung; und brenne vor Begierde, den Ausgang zu erfahren. Bei’m Freundschaftsgotte Jupiter! bedenke doch, daß du mich ordentlich an den Ohren aufgehangen hast.

4. Menippus. Allerdings; es wäre ein Bischen zu [1222] stark, einen Freund den Mund vergeblich aufsperren, oder gar, wie du sagst, an den Ohren zappeln zu lassen. So höre denn. Nachdem ich in Folge genauerer Untersuchung der menschlichen Dinge gefunden hatte, wie sie alle, namentlich aber Reichthümer, Ehrenstellen und Königskronen, kleinlich, lächerlich und unbeständig seyen, und zur Ueberzeugung gelangt war, daß das Streben nach diesen verächtlichen Dingen der Bemühung um das wahrhaft Erstrebenswerthe im Wege stehe, so versuchte ich, mich zu erheben, und meinen Blick auf die Betrachtung des Ganzen zu richten. Allein das von den Philosophen sogenannte All oder die Welt war gleich das Erste, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ich konnte darüber nicht in’s Reine kommen, wie diese Welt entstanden sey: ob sie einen Urheber, ob einen Anfang und ein Ende habe. Noch weniger wußte ich mich zurecht zu finden, als ich diese Welt im Einzelnen betrachtete, z. B. die Sterne, die mir nur wie von Ungefähr über den Himmel gesät schienen; die Sonne, deren Wesen mich zu ergründen verlangte. Am seltsamsten und unerklärlichsten kamen mir die Erscheinungen des Mondes vor; und ich vermuthete von dem mannichfaltigen Wechsel seiner Gestalt irgend einen geheimnisvollen Grund. Ferner das Plötzliche und Gewaltsame des Blitzes, das Krachen des Donners, der Regen, Schnee und Hagel – alles Dieß war mir so unbegreiflich, daß es mir nicht gelingen wollte, die Ursachen davon auch nur zu ahnen.

5. Unter diesen Umständen hielt ich für’s Beste, mich von den Philosophen über alles Dieses belehren zu lassen, indem ich meinte, daß diese Männer im Besitze aller Wahrheit wären. Ich las mir also Diejenigen unter ihnen aus, [1223] welche ich, nach ihrer finstern Miene, ihrer blassen Farbe und ihrem starken Barte zu schließen, für die Vorzüglichsten hielt. Weil ich also glaubte, daß Diese vor Andern des Himmels kundig, und im Stande seyn müßten, von so hohen Dingen zu reden, so übergab ich mich ihnen ganz und gar, nachdem ich ihnen eine ansehnliche Summe Geld gleich vorausgezahlt, und eine noch ansehnlichere zu zahlen versprochen hatte, wenn sie mich auf den Gipfel der Weisheit gebracht, die Natur und Einrichtung der Welt mir gezeigt, und einen mundfertigen Docenten der überirdischen Wissenschaften aus mir gemacht haben würden. Aber ach! es fehlte so Viel, daß mich Diese aus meiner alten Unwissenheit gerissen hätten, daß sie mich sogar noch tiefer in Verlegenheit und Zweifel stürzten, indem sie mir von Principien, Endzwecken, Atomen, leeren Räumen, Materien, Ideen und anderem dergleichen Zeuge tagtäglich den Kopf vollschwatzten. Das Aergste war mir noch, daß, während die Behauptungen eines Jeden von ihnen in stetem Widerspruche mit denen der Uebrigen waren, dennoch Jeder mich von der Richtigkeit der seinigen überzeugen, und auf seine Seite ziehen wollte.

Freund. Sonderbar, daß so gelehrte Männer über das Wirkliche mit einander im Streite liegen, und nicht dieselben Ansichten von denselben Dingen haben sollen!

6. Menippus. O Freund, wie würdest du lachen, wenn du mit anhörtest, wie voll diese Leute den Mund nehmen, und welches Gaukelspiel sie mit blendenden Worten treiben! Sie, die um Nichts höher stehen, als wir andern auf der Erde einhergehenden Menschenkinder alle, die oft sogar, sey es aus Altersschwäche, oder aus Faulheit, noch [1224] weniger sehen, Was vor ihnen ist, als Jeder von uns; sie behaupten Nichts desto weniger, bis an’s Ende der Welt zu sehen, die Sonne ausmessen, und, als ob sie über der Region des Mondes gewandelt hätten und von den Sternen herabgestiegen wären, die Größe und Gestalt jegliches Gestirnes angeben zu können. Leute, die oft nicht einmal genau wissen, wie viele Stadien von Megara nach Athen sind, unterfangen sich, anzugeben, wie viele Ellen der Zwischenraum zwischen Sonne und Mond beträgt; die Höhe des Luftraumes, die Tiefe des Meeres, den Umfang der Erde wollen sie ausmessen, und mit Hülfe einer Menge wunderlicher Figuren, Kreisen, Dreiecken, Vierecken und Sphären, die sie formiren, meinen sie, den Himmel selbst unter ihr Maß zu bringen.

7. Kann es etwas Unverständigeres und Anmaßenderes geben, als von so fernen und ungewissen Dingen nicht etwa bloß vermuthungsweise, sondern im Tone der sichersten Behauptung zu sprechen, so daß andern Leuten keine Möglichkeit übrig bleiben soll, Etwas dazu zu thun. Es fehlt nur noch, daß sie uns förmlich zuschwören, die Sonne sey eine glühende Masse, der Mond habe Bewohner, die Gestirne leben von Wasser, indem die Sonne wie mit einem Brunneneimer die Feuchtigkeit aus dem Ocean emporziehe, und sofort jedem Sterne seine verhältnißmäßige Portion Getränke zumesse.

8. Wie widerstreitend übrigens ihre Meinungen unter sich sind, kannst du dir leicht vorstellen. Wie wenig lassen sich z. B. nur gleich ihre Ansichten von der Welt überhaupt vereinigen, wenn die Einen behaupten, die Welt habe nie angefangen, und werde nie aufhören; die Andern hingegen sich herausnehmen, ihren Baumeister anzugeben, und die Art [1225] zu beschreiben, wie er dabei zu Werke gegangen. Mich wundert dabei nur, daß die Letztern, wenn sie einen Gott zum Werkmeister des All machen, und nicht auch zugleich darüber belehren, woher dieser Gott gekommen sey und wo er gestanden habe, als er anfing, die Welt zu zimmern. Freilich dürfte es schwer seyn, Zeit und Ort sich zu denken, ehe überhaupt Etwas war.

Freund. In der That, Das ist die keckste Windbeutelei.

Menippus. Ja, Freund, wenn du vollends ihr Gerede von den Ideen, von unkörperlichen Dingen, von Endlichen und Unendlichen mit anhörtest! Was sie darüber für entsetzliche Zänkereien erheben, wenn die Einen das Ganze von den Grenzen eingeschlossen, die Andern es unendlich seyn lassen! Es gab sogar Welche, die eine Menge von Welten behaupten, und alle Diejenigen verdammten, die nur von Einer sprachen. Ein Andrer, wohl eben auch kein Liebhaber des Friedens, lehrte, der Krieg wäre der Vater aller Dinge.

9. Und nun gar ihre Lehrmeinungen von den Göttern! Dem Einen ist die Gottheit eine Zahl, ein Anderer schwört bei Hunden, Gänsen und Platanenbäumen; ein Dritter verbannt alle übrigen Götter aus der Welt, um die Regierung derselben einem Einzigen zuzuwenden, so daß mir anfing, bange zu werden, als ich von diesem Mangel an Göttern hörte. Andere sind nun freilich wieder desto freigiebiger: sie stellen eine große Anzahl von Göttern auf, theilen sie nach Klassen ein, und weisen Einem Derselben die Stelle des ersten Gottes, den Uebrigen den zweiten, dritten Rang der Göttlichkeit an. Einige halten das göttliche Wesen für gestaltlos [1226] und unkörperlich; Andere denken sich Dasselbe als etwas Körperliches. Eben so verschieden sind ihre Ansichten von der Fürsorge der Götter für die menschlichen Angelegenheiten. Es gibt Philosophen, welche sie von aller dergleichen Sorge lossprechen, ungefähr wie man bei uns abgelebte Leute öffentlicher Aemter zu entheben pflegt: sonach wären also die Götter nichts Anderes, als Was die Statisten in der Komödie sind. Etliche aber gehen noch weiter, und läugnen das Daseyn von Göttern ganz und gar, und lassen ohne Herrn und Führer die Welt gehen, wie sie geht.

10. Wie ich nun das Alles so anhörte, hatte ich einerseits das Herz nicht, die Glaubwürdigkeit so hochtönender und wohlbebarteter Herren in Zweifel zu ziehen; und doch wußte ich wiederum nicht, auf welche Seite ich mich schlagen sollte, um etwas Unumstößliches und allen Parteien Unantastbares zu finden. Allein da erging es mir gerade, wie es in jenem Homerischen Verse heißt. Wenn ich eben glaubte, mich Einem von diesen Philosophen ganz hingeben zu wollen,

– – so hielt mich wieder zurück ein and’rer Gedanke.[2]

So rathlos, wie ich war, gab ich endlich die Hoffnung auf, wenigstens auf Erden die Wahrheit zu erfahren, und glaubte meiner Verlegenheit nur dadurch ein Ende machen zu können, wenn ich irgendwoher Flügel bekäme, und mich in Person in den Himmel erhöbe. Was mir Hoffnung machte, diesen Gedanken in’s Werk zu setzen, war, außer meinem brennenden Verlangen, hauptsächlich der Fabeldichter Aesop, der nicht nur Adlern und Käfern, sondern sogar einmal Kamelen den [1227] Zugang in den Himmel möglich machte. Daß mir aus dem eigenen Leibe Flügel wüchsen, Das glaubte ich nun freilich auf keine Weise bewerkstelligen zu können. Wenn ich aber, dachte, ich, ein Paar Geier- oder Adlerschwingen – die einzigen, welche für einen menschlichen Körper groß genug wären – mir ansetzte, so könnte der Versuch füglich gelingen. Sobald ich also eines Geiers und eines Adlers habhaft wurde, schnitt ich diesem den rechten und jenem den linken Flügel ganz sorgfältig ab, band sie mir sodann mit starken Riemen an die Schultern, und brachte an den äußersten Schwungfedern eine Art von Henkeln an, um die Hände hindurch zu stecken. Mein erster Versuch bestand darin, daß ich einen Satz in die Höhe machte, mit den Armen ruderte, und wie die Gänse, wenn sie über den Boden wegflattern, auf den Zehenspitzen unter beständigem Flügelschlage mir forthalf. Wie ich merkte, daß das Ding sich machen ließ, wagte ich immer keckere Versuche. Ich bestieg die Burg, und stürzte mich vom Rande des Felsens gerade in’s Theater hinab.

11. Und meine Flügel trugen mich ganz gefahrlos zur Erde. Nun hoben sich meine Plane noch höher in die Lüfte; ich erhob mich vom Parnes oder Hymettus, und flog bis zu den Geraneischen Gebirgen, von da auf den Gipfel von Acrocorinth, und von hier über Pholoë und Erymanthus bis auf den Taygetus. Die Uebung in solchen Wagestücken machte mich nach und nach zu einem ausgemachten Hochflieger; und nun war es mir nicht mehr genug, nur zu können, Was jeder Adlerjunge kann. Ich bestieg den Olymp, versah mich mit Lebensmitteln, die möglichst wenig in’s Gewicht fielen, und richtete nun meinen Flug gerade nach dem Himmel. Anfänglich [1228] schwindelte mir freilich, wenn ich in die Tiefe blickte; bald aber machte ich mir Nichts mehr daraus. Als ich die Wolken schon weit hinter dem Rücken hatte, und mich in der Nähe des Mondes befand, fühlte ich endlich eine Müdigkeit, besonders am linken oder Geierflügel. Ich landete also auf dem Monde, setzte mich, um ein Wenig auszuruhen, nieder und beschaute so von oben herab die Erde, wobei ich es machte, wie der Homerische Jupiter,[3] und bald auf das Land der rosseernährenden Thracier, bald auf Mysien, wiederum, wenn ich Lust hatte, auf Griechenland, Persien oder Indien herabsah. Diese Mannichfaltigkeit des Anblickes gewährte mir ein ausnehmendes Vergnügen.

Freund: Höre, Menipp, du darfst mit nicht das Geringste von deiner Reise vorenthalten. Wo dir auch nur im Vorbeifliegen etwas Merkwürdiges aufgestoßen, das theile mir mit. Denn ich verspreche mir, viel Wichtiges zu erfahren, z. B. von der Gestalt der Erde, und von der Art, wie dir alle Gegenstände auf derselben, aus der Höhe betrachtet, vorkamen.

12. Menippus. Du hoffst gar nicht ohne Grund, mein Bester. So erhebe dich also mit mir, so gut es deiner Phantasie gelingen mag, auf den Mond, laß dich dort mit mir nieder, und beschaue die Erde mit Allem, was auf ihr ist. Stelle dir für’s Erste vor, du sehest die Erde ganz klein, noch viel kleiner, als der Mond. Denn als ich hinabsah, wußte ich im ersten Augenblicke gar nicht, wo denn alle die großen Gebirge und Gewässer derselben hingekommen wären. [1229] Hätte ich nicht zum Glücke noch den Koloß von Rhodus und den Leuchtthurm von Pharus entdeckt, glaube sicherlich, ich hätte die Erde gar nicht mehr gekannt. So aber wurde ich an diesen hohen, Alles überragenden Gegenständen, und an dem im Sonnenglanze allmählig sich spiegelnden Ocean gewahr, daß es wirklich die Erde war, Was ich da vor mir sah. Und wie ich einmal meine Augen recht scharf darauf richtete, so trat nach und nach auch die ganze Menschenwelt hell vor meine Blicke, und zwar nicht bloß ganze Länder und Städte, sondern sogar die Menschen einzeln, wie sie schiffen, Krieg führen, das Feld bauen, processiren; ich unterschied Männer, Weiber, Kinder, Thiere sogar, kurz Alles, was

– – lebt und webt auf der Alles ernährenden Erde.[4]

Freund: Das glaube, Wer da kann. Wie sollte sich Das reimen, daß du die Erde, weil sie in der großen Entfernung zu klein erschienen, erst suchen mußtest, und, wäre der Rhodische Koloß nicht gewesen, für erwas ganz Anderes als die Erde gehalten hättest, und daß du nun auf Einmal ein so scharfsichtiger Luchs geworden seyn solltest, um alle Dinge auf der Erde, Menschen und Thiere, und wohl gar am Ende noch die kleinsten Mückchen deutlich unterscheiden zu können?

13. Menippus. Du erinnerst mich eben recht: bald hätte ich das Wichtigste vergessen. Wie ich nämlich die Erde zwar entdeckt hatte, reichte dennoch mein Gesicht nicht weit genug, um von einer solchen Höhe Alles genau sehen zu können. Ich hätte weinen mögen vor Verdruß, und besann mich [1230] vergebens auf ein Mittel, diesem Uebelstande abzuhelfen, als ich auf Einmal den Philosophen Empedocles gewahr wurde, der, schwarz wie ein Kohlenbrenner, mit Asche überdeckt und halbgebraten, hinter mir stand. Ich gestehe, daß ich beim Anblicke dieser Gestalt zusammenfuhr, indem ich glaubte, Einen der Mondgeister vor mir zu sehen. Allein: „Erschrecke nicht, Menipp,“ sagte die Gestalt;

„Wahrlich, ich bin kein Gott, und keinem Unsterblichen ähnlich.[5].

ich bin der Naturforscher Empedocles. Als ich mich in den Krater des Aetna gestürzt hatte, faßte mich der Rauch des Vulcan, und trug mich bis hierher auf den Mond, wo ich nun wohnhaft bin, von Thau lebe, und in der Luft umherspaziere. Ich bemerkte, daß du sehr verdrießlich bist, weil du die Dinge auf der Erde nicht deutlich erkennen kannst, und komme daher, dir aus der Noth zu helfen.“ – „Schön, bester Empedocles,“ versetzte ich: „dafür will ich auch, sobald ich wieder nach Griechenland herabgeflogen seyn werde, deiner gedenken, und dir unter meinem Rauchfange ein Trankopfer darbringen, auch alle Neumonde das Maul dreimal gegen den Mond aufsperren, und dir damit meine Verehrung bezeugen.“ – „O nein, bei’m Endymion,“ erwiederte er, „ich bin nicht der Belohnung wegen gekommen, sondern weil es mich in der Seele dauerte, dich so betrübt zu sehen. Aber weißt du, Was du zu thun hast, um ein recht scharfes Gesicht zu bekommen?“

14. „Wahrhaftig nicht,“ antwortete ich, „wenn du nicht selbst

[1231]

Meinen Augen entnimmst die Finsterniß, welche sie decket.[6]

Denn bis jetzt bin ich, wie mir scheint, so viel als blind.“ – „Du bedarfst meiner Hülfe dazu gar nicht,“ versetzte Empedocles: „denn du hast das augenschärfende Mittel selbst von der Erde mit heraufgebracht.“ – „Welches? ich wüßte nicht.“ – „Hast du denn nicht einen Adlerflügel an deiner rechten Schulter befestigt?“ – „O ja; aber Was geht dieser Flügel meine Augen an?“ – „Du weißt, daß der Adler das scharfsichtigste unter allen Geschöpfen, und allein im Stande ist, anhaltend in die Sonne zu sehen, und daß es für ein Zeichen eines ächten und zum Könige der Vögel geborenen Adlers gilt, wenn er, ohne zu nicken, in die Sonnenstrahlen blicken kann?“ – „Man sagt es, und schon fange ich an, es zu bereuen, daß ich nicht, ehe ich meine Reise antrat, zwei Adleraugen statt der meinigen einsetzte, um nicht so halbfertig, und so gar nicht königlich ausgerüstet, wie ich jetzt bin, jenen ausgeschossenen Adlerbastarden zu gleichen.“ – „Es steht ganz in deiner Macht, auf der Stelle eines deiner Augen in ein königliches Adlerauge zu verwandeln. Wenn du nur ein Wenig aufstehen, und, indem du den Geierflügel an dich hältst, den andern in Bewegung setzen willst, so wirst du auf derselben Seite, am rechten Auge nämlich, scharfsichtig werden, während es auf keine Weise möglich ist, dem andern Auge, welches der schlechtern Seite angehört, seine Stumpfheit zu benehmen.“ – „Ich bin zufrieden, wenn nur das rechte Auge so scharf sieht, wie ein Adler. Habe ich doch schon oft gesehen, wie den Zimmerleuten, [1232] wenn sie bei Anlegung der Richtschnur an die Balken mit Einem Auge zielen, ihr Geschäft um so besser von Statten geht.“ – Nach diesen Worten folgte ich dem Rathe des Empedocles. Dieser aber entfernte sich allmählig, und löste sich nach und nach in Rauch auf.

15. Kaum hatte ich begonnen, den rechten Flügel zu schlagen, als ich mich von einer hellen Lichtmasse umflossen sah, und Alles, was mir bis dahin verborgen gewesen, vor meine Blicke trat. Und ich brauchte mich nur ein Wenig zu bücken, so sah ich ganz deutlich die Städte, die Menschen, und Alles, was sie nicht nur im Freien, sondern auch, was sie im Innern ihrer Häuser trieben, wo sie sich verborgen glaubten. Da lag König Ptolemäus in den Armen seiner Schwester; dort bereitete dem Lysimachus sein eigener Sohn den Untergang: hier wirft der Seleucide Antiochus seiner Stiefmutter Stratonice verstohlene Blicke zu; dort fällt Alexander von Thessalien unter den Händen seiner Gemahlin; hier treibt Antigonus Unzucht mit dem Weibe seines Sohnes; da gießt Attalus Sohn Gift in des Vaters Trinkbecher; dort erschlägt Arsaces seine Buhlerin, der Verschnittene Arbaces zückt den Säbel gegen Arsaces, und der Medier Spartinus, dem ein goldener Pocal das Stirnbein zerschmettert hat, wird von den Trabanten an den Füßen aus dem Saale gezogen. Aehnliches gab es in den Königshäusern der Libyer, Scythen und Thracier zu sehen: allenthalben Ehrenschänder, Mörder, Giftmischer, Räuber, Meineidige, Geängstete, und von ihren nächsten Angehörigen Verrathene.

16. Eine solche Unterhaltung verschaffte mir das Treiben in den Palästen der Herrscher. Lustiger war der Anblick [1233] der Privatleute. So sah ich zum Beispiel, wie der Epicureische Philosoph Hermodorus um tausend Drachmen einen falschen Eid schwur, wie der Stoiker Agathocles mit Einem seiner Schüler wegen des Lehrgeldes processirte, der Rhetoriker Clinias eine goldene Schale aus dem Tempel des Aesculap stahl, und der Cyniker Herophilus die Nacht in der Spelunke einer Metze zubrachte; der vielen Andern nicht zu erwähnen, die in die Häuser einbrachen, vor Gerichte sich zankten, Gelder auf Wucher borgten, ihre Schuldner quälten u. s. w. Kurz, es war dir ein Schauspiel, voll der mannichfaltigsten Abwechslung.

Freund. Es sollte mich freuen, Menippus, wenn du mir Dasselbe näher beschreiben wolltest, da es dir, wie ich mir vorstelle, kein alltägliches Vergnügen gemacht haben muß.

Menippus. Unmöglich könnte ich dir Alles der Reihe nach hererzählen, mein Lieber, da ich schon genug zu thun hatte, es nur zu sehen. In der Hauptsache erschien mir das Ganze so, wie auf dem Schilde des Achilles, den uns Homer beschreibt.[7] Hier war zu sehen eine Hochzeit und ein Gastmahl, dort ein Gerichtshof und eine Volksversammlung; auf dieser Seite wurde ein Dankopfer dargebracht, auf jener jammerte ein Unglücklicher. Blickte ich nach Getenland, so sah ich die Geten im Kriege begriffen; ging ich von da weiter zu den Scythen, so sah ich sie unstät auf ihren Wagen hausen; wendete ich mein Auge nach Süden, so pflügte der Aegyptier, handelte der Phönicier, plünderte der Cilicier Schiffe, empfing der Spartaner Geißelhiebe und processirte der Athener.

[1234] 17. Da nun dieses Alles zu gleicher Zeit vorging, so kannst du dir denken, was für ein Wirrwarr das Ganze war. Es kam mir vor, als ob man viele verschiedene Sänger, oder vielmehr Chöre zugleich auf die Bühne stellte: und nun sollte jeder einzelne Musiker, ohne alle Rücksicht auf Einklang mit den Uebrigen, seine eigene Melodie anstimmen, und Jeder sollte, in der ehrgeizigen Absicht, seine Melodie durchzusetzen, den Nachbar aus allen Kräften zu überschreien suchen – nun stelle dir vor, welche Harmonie da herauskäme!

Freund. In der That, Menipp, Das gäbe ein eben so lächerliches, als verwirrtes Concert.

Menippus. Gleichwohl besteht die ganze Bewohnerschaft der Erde aus solchen Chorsängern, und aus einem solchen übelklingenden Getöne ist das menschliche Leben zusammengesetzt: da singt Alles unharmonisch durch einander; Alle bewegen sich gegen einander in den verschiedensten Richtungen, Keiner ist dem Andern gleich an äußerer Art und Haltung, noch weniger an Sinn und Willen, bis endlich der Chormeister Einen nach dem Andern, der entbehrlich geworden, von der Bühne treibt. Nun sind sie sich einander auf Einmal gleich, und statt des verworrenen, tactlosen Singsangs herrscht tiefes Schweigen.

18. So närrisch mir übrigens das ganze Treiben auf diesem bunten und vielgestaltigen Schauplatze vorkam, so mußte ich doch am meisten über die sonderbaren Leute lachen, welche über die Grenzen ihrer Ländereien sich zanken, und sich Viel damit wissen, daß Sicyon’s Felder die ihrigen sind, oder daß sie die Feldmark von Marathon gegen Oenoë, oder [1235] tausend Morgen zu Acharnä besitzen. Erschien mir doch ganz Griechenland, von dort oben herab gesehen, kaum vier Finger breit; und Attica ist ja nur ein ganz kleiner Theil davon. Welch ein winziger Raum bleibt also jenen reichen Güterbesitzern übrig, um darauf ihren Hochmuth zu gründen! In der That, auch der Reichste von ihnen, der die meisten Fluren zählt, schien mir nur einen einzigen Epicureischen Atom zu bauen. Und als ich nach dem Peloponnes hinabsah, wo mir der District von Cynuria in die Augen fiel, mußte ich der vielen braven Argiver und Spartaner gedenken, die um ein so ärmliches Fleckchen Land, das nicht breiter als eine Aegyptische Linse war, einander an Einem Tage die Hälse brachen. Und wenn ich vollends Leute sah, die sich auf ihre Kostbarkeiten große Stücke einbildeten, weil sie acht goldene Ringe und vier Schalen besaßen, so mußte ich laut auflachen: denn der ganze Pangäus [in Thracien] sammt seinen Bergwerken war kaum so groß, als ein Hirsenkorn.

19. Freund. Glücklicher Menippus, welch ein wunderbares Schauspiel hast du gehabt! Aber ich bitte, wie groß erschienen dir denn die Städte und die Menschen darin?

Menippus. Gewiß hast du schon mehr als Einmal Ameisenhaufen betrachtet und gesehen, wie die einen im Innern sich herumtummeln, andere hinaus, wieder andere hereinkommen: da schafft eine den Unrath hinaus, eine andere bringt ein Stückchen von einer Bohnenhülse, das sie irgendwo aufgelesen, eine dritte kommt mit einem halben Waizenkorn gelaufen. Ja man möchte glauben, daß sich unter ihnen – freilich nur nach dem Maßstabe des Ameisenlebens – auch Baumeister, Demagogen, Senatoren, Gelehrte und Künstler [1236] und sogar Philosophen befinden. Nun diesen Ameisenhaufen gleicht Nichts so sehr, als unsere Städte sammt ihren Bewohnern; und sollte es dir unwürdig scheinen, das Menschengeschlecht mit einer Ameisenwirthschaft zu vergleichen, so erinnere dich nur an die alte Sage der Thessalier: dort sind aus Ameisen Männer, und zwar die kriegerischen Myrmidonen geworden. – Nachdem ich mich nun an dem Anblicke aller dieser Dinge zur Genüge belustigt hatte, schüttelte ich mich, und flog

Auf zu der Burg des donnernden Zeus, zu den übrigen Göttern.[8]

20. Noch hatte ich mich aber kein Stadium in die Lüfte gehoben, als die Mondgöttin mit sanfter, weiblicher Stimme mir zurief: „Höre, Menippus, ich wollte dir recht dankbar seyn, wenn du mir einen Auftrag an Jupiter besorgen wolltes.“ – Ich: „Recht gern, wenn es nur Nichts zu tragen ist.“ – Sie: „Nein, es ist nur ein mündlicher Auftrag, eine kleine Bitte an Jupiter. Ich bin es endlich müde, die Philosophen so viel gehässiges Zeug über mich reden hören zu müssen, die sich gegenwärtig mit gar nichts Anderem als mit mir zu schaffen machen, und die naseweisen Fragen aufwerfen, Was ich eigentlich sey, wie groß ich sey, wie es komme, daß ich bald voll sey, bald nicht, und dergleichen. Etliche behaupten, ich sey bewohnt; Andere, ich sey nur eine Art Spiegel, der über dem Meere hänge; kurz, Jeder dichtet mir an, Was ihm nur immer in den Sinn kommt. Das Aergste ist noch, daß Einige sogar vorgeben, mein Licht sey mir nicht eigen, ich hätte es dem Sonnengotte gestohlen; ihre [1237] boshafte Absicht ist dabei keine andere, als Letztern, der ja mein leiblicher Bruder ist, gegen mich aufzuhetzen, und uns zu verfeinden. Denn sie haben nicht genug daran, daß sie über Phöbus aussagen, er sey ein bloßer Stein, oder eine durchglühte Eisenmasse.

21. Und doch, wie vieles Schändliche und Abscheuliche weiß ich von diesen Leuten, was sie Alles bei Nacht verüben, sie, die des Tages in so feierlichem Ernste, mit so männlichem Blicke, in so ehrwürdiger Tracht einherschreiten, und von dem gemeinen Haufen voll Respect sich angaffen lassen! Wiewohl ich nun jenes Alles mir ansehe, schweige ich dennoch, weil ich es für unschicklich halte, jene nächtlichen Zeitvertreibe, und das Leben, das Jeder hinter der Scene führt, zu enthüllen und zu beleuchten. Wenn ich daher Einen Derselben im Ehebruche begriffen, oder einen Diebstahl begehen, oder sonst irgend ein Werk der Finsterniß verüben sehe, alsogleich ziehe ich einen Wolkenvorhang vor mich hin, um nicht alte Männer den Blicken der Welt in Momenten auszusetzen, wo sie ihren langen Bärten und ihren Tugendpredigten gleich wenig Ehre machen. Und dennoch hören die Undankbaren nicht auf, mich mit ihren Nachreden zu mißhandeln, und auf alle Weise ihren Muthwillen an mir auszulassen. Mehr als Einmal – die Göttin der Nacht sey mein Zeuge – war ich nahe daran, meinen Wohnsitz zu verändern, und recht weit von hier mich niederzulassen, nur um diesen müßigen Zungen zu entgehen. Vergiß mir also nicht, Jupitern Dieses zu hinterbringen, und setze hinzu, daß es mir schlechterdings unmöglich sey, an meiner Stelle zu bleiben, wofern er nicht den Physikern auf die Köpfe fahre, den Dialectikern den [1238] Mund stopfe, die Stoa über den Haufen werfe, die Academie in Rauch aufgehen lasse, und den Unterhaltungen der Peripatetiker ein Ende mache. Nur dann würde ich Ruhe erhalten, während ich mich jetzt tagtäglich von ihnen ausmessen und berechnen lassen muß.“

22. „Das soll geschehen,“ versetzte ich, flog auf, und richtete meinen Flug gerades Wegs in den Himmel hinein.

Wo kein Werk der Stier’ und der Männer sich zeigete ringsum.[9]

Es stand nicht lange an, so ward auch der Mond ganz klein, und verdeckte mir die Erde gänzlich. Die Sonne blieb mir zur Rechten, indem ich zwischen den Sternen hindurch flog. Nach drei Tagen kam ich am Gewölbe des Himmels an. Anfänglich war ich gesonnen, ohne Umstände hindurch zu passiren, weil ich ja auf einer Seite ein Adler wäre, und Adler, wie ich wohl wußte, von Alters her befreundete Vögel des Jupiter sind. Da mir jedoch der Gedanke kam, der Geierflügel auf meiner linken Seite möchte mein Verräther werden, hielt ich für’s Beste, Nichts zu wagen, und klopfte also an der Himmelspforte an. Mercur, der mich sogleich vernommen hatte, fragte mich nach meinem Namen, und lief sehr eilfertig, Jupitern meine Ankunft zu melden. Nach wenigen Augenblicken werde ich gerufen, trete, zitternd vor Bangigkeit, ein, und treffe sämmtliche Götter beisammen sitzend an, auch nicht ohne Unruhe, wie mir schien; denn meine seltsame Erscheinung hatte sie nicht wenig betroffen gemacht. Sie mußten erwarten, daß nun nächstens die Sterblichen alle, auf dieselbe Weise befiedert, sich bei ihnen einfinden würden.

[1239] 23. Jupiter sah mich mit einem so finstern Titanengesichte an, daß meine Furcht sich vermehrte; und als er endlich seine Stimme erhob, mich zu fragen:

Wer und woher der Männer? wo hausest du? Wer die Erzeuger?[10]

da hätte ich fast den Geist aufgegeben vor Angst. Ich wagte kaum zu athmen, so sehr hatte mich seine gewaltige Donnerstimme erschreckt. Allmählig faßte ich doch ein Herz, und erzählte ihm Alles genau von Anfang an, wie ich ein großes Verlangen getragen, die überirdischen Dinge kennen zu lernen, bei den Philosophen aber, welche ich zu diesem Ende angegangen, so widersprechende Sachen gehört hätte, daß ich die Hoffnung, zum Ziele zu kommen, aufgegeben; wie ich sodann auf den Einfall mit den Flügeln gerathen, und so nach und nach bis in den Himmel gekommen wäre. Am Ende fügte ich noch bei, Was ich im Namen der Mondgöttin zu sagen hatte. Jetzt verzog sich Jupiters Gesicht zum Lächeln, und: „Was sollen wir,“ sprach er, „von Otus und Ephialtes sagen, wenn sogar ein Menippus es gewagt hat, den Himmel zu ersteigen? Nun, du sollst heute unser Gast seyn: morgen aber, sobald deine Angelegenheit erledigt seyn wird, bist du von uns entlassen.“ Nach diesen Worten erhob er sich, um sich an den Ort der Himmelsburg zu begeben, wo man Alles am besten hören kann. Es war nämlich die Stunde gekommen, wo er die Gebete der Menschen zu vernehmen pflegt.

24. Auf dem Wege dahin fragte er mich, wie es auf der Erde gehe? wie gegenwärtig in Griechenland die Getreidepreise stehen? ob wir im vorigen Jahre einen strengen [1240] Winter gehabt hätten? ob unsere Gartengewächse noch mehr Regen bedürften? und dergleichen. Dann aber wollte er wissen, ob von der Familie des Phidias noch Jemand am Leben sey? aus welchem Grunde die Athener seit so langer Zeit kein Jupiterfest mehr gefeiert hätten? ob sie ihr Olympium auszubauen gedächten? ob die Tempelräuber von Dodona ergriffen wären? Nachdem ich ihm diese Fragen, so gut ich konnte, beantwortet hatte, sagte er: „Sage mir doch einmal, Menippus: Welches ist denn gegenwärtig die Meinung der Leute von mir?“ – „Die frömmste, Herr; sie sind Alle überzeugt, daß du aller Götter König bist.“ – „Possen! ich kenne den vorwitzigen Geist der Menschen wohl, auch wenn du es nicht Wort haben willst. Es war freilich einmal eine Zeit, wo ich ihnen Prophet, Arzt, kurz Alles in Allem war, wo es noch hieß:

– – voll sind von Jupiter’s Namen die Straßen,
Voll die Märkte der Menschen.[11]

Damals glänzten noch Dodona und Pisa; aller Welt Augen waren nur dorthin gerichtet, und es wurden mir der Opfer so viele gebracht, daß ich vor Rauch kaum die Augen aufthun konnte. Allein seitdem Apollo sein Orakel in Delphi errichtet, seitdem man zu Pergamus eine Heilwerkstätte des Aesculap, in Thrakien ein Bendidéum, in Aegypten ein Anubidium, in Ephesus ein Artemisium hat, so läuft alle Welt an diese Orte, feiert Volksfeste, und bringt ganze Hecatomben dar; mich aber hält man für einen abgelebten alten Mann, und glaubt mir Ehre genug anzuthun, wenn man [1241] mir alle fünf Jahre zu Olympia etliche Stiere schlachtet. Deßhalb wirst du auch finden, daß meine Altäre wo möglich noch kälter sind, als Plato’s Gesetze und Chrysipp’s Verstandesschlüsse.“

25. Unter diesem Gespräche waren wir an der Stelle angekommen, wo Jupiter sich niederzusetzen hatte, um die Gebete abzuhorchen. Es befand sich hier eine Reihe von Oeffnungen, den Mündungen der Schöpfbrunnen nicht unähnlich; sie waren sämmtlich mit Deckeln versehen, und neben jeder derselben stand ein goldener Stuhl. Nachdem sich Jupiter auf den ersten dieser Stühle gesetzt hatte, nahm er den Deckel ab, und gab den bittenden Sterblichen Gehör. Dann kamen aus allen Gegenden der Erde die verschiedensten Bitten in buntem Gemische herauf, die ich, da ich auch ein Wenig hinhorchte, gleichfalls mit anhörte. So vernahm ich zum Beispiele: „O Jupiter, gib, daß ich König werde!“ – „O Jupiter, laß doch meine Zwiebeln und meinen Knoblauch gerathen!“ – „O Jupiter, mache doch bald ein Ende mit meinem Vater!“ Ein Anderer rief herauf: „Ach, wenn ich doch mein Weib bald beerben dürfte!“ Andere: „Möchte mir doch in aller Stille mein Plan gegen meinen Bruder gelingen!“ – „O wäre ich doch so glücklich, meinen Proceß zu gewinnen!“ – „Ich möchte gar zu gerne Sieger in Olympia werden!“ – Einige Schiffer flehten um Nordwind, Andere um Südwind. Ein Bauer wollte Regen haben, ein Tuchscheerer Sonnenschein. Jupiter hörte alle Bitten an, untersuchte jede einzelne sorgfältig, versprach aber nicht allen Erhörung;

Sondern ein And’res gewährte der Gott, ein And’res versagt’ er.[12]

[1242] Die gerechten Bitten wurden durch die Mündung eingelassen, und neben die rechte Seite gelegt; alle sündlichen Bitten aber mußten unverrichteter Sache wieder abziehen, indem sie Jupiter zurückblies, noch ehe sie den Himmel gänzlich erreicht hatten. Ein Einzigesmal sah ich ihn unschlüssig. Da nämlich zwei Männer zu gleicher Zeit um entgegengesetzte Dinge gebeten, hingegen ganz gleiche Opfer gelobt hatten, so wußte er nicht, Welchem von Beiden er Gewährung zuwinken sollte. Da erfuhr er denn die Noth der Academiker: er wog nach Art des Sceptikers Pyrrho die Sache immer hin und her, und blieb seine Erklärung schuldig.

26. Nachdem er nun die Bitten abgehört hatte, begab er sich auf den nächsten Stuhl neben der zweiten Oeffnung, um nun auch den Eidschwörenden Audienz zu geben. Als er auch mit Diesen fertig war, und dem Epicureer Hermodorus mit einem Blitzstrahle auf den Kopf gefahren war, setzte er sich auf den dritten Stuhl, um die prophetischen Stimmen, Vorzeichen und Augurien zu vernehmen. Von da an ging’s an die vierte Mündung, durch welche ihm der Rauch der Brandopfer den Namen eines jeden Opfernden zutragen mußte. Nun erhob er sich, und ertheilte den Winden und den Wettern seine Befehle: „Heute wird in Scythien geregnet, in Africa geblitzt, in Griechenland geschneit; du, Boreas, hast in Lydien zu blasen; du, Südwind, verhältst dich ruhig; Zephyr soll den Adria aufwühlen, und über Cappadocien sind beiläufig tausend Scheffel Hagel zu schütten!“

27. Wie nun dieses Alles abgemacht war, begaben wir uns, weil Essenszeit gekommen war, in den Speisesaal. Dort empfing mich Mercur, und wies mir meinen Platz bei [1243] Pan und den Korybanten, und neben Aites und Sabazius an, welche, als nicht ebenbürtige Götter von nicht vollem Bürgerrechte, die letzten Plätze einnahmen. Ich erhielt von der Ceres Brod, von Bacchus Wein, von Hercules Fleisch, von der Venus Myrthen, und von Neptun ein Paar Salzfischchen. Auch bekam ich unter der Hand ein Wenig Ambrosia und Nectar zu kosten, indem der allerliebste Ganymed aus alter Anhänglichkeit an das Menschengeschlecht mir einigemal, wenn Jupiter nach einer andern Seite sah, ein Becherchen mit Nectar zuschob. Die Götter selbst, wie Homer mit Recht sagt, der es ohne Zweifel gleichfalls, wie ich, mit angesehen,

– kosten nicht Brod, noch trinken sie funkelndes Weines,[13]

sondern nähren sich von Ambrosia, und berauschen sich in Nectar; Was ihnen aber am angenehmsten schmeckt, ist der Fettdampf, der sich mit dem Rauche der Opfer erhebt, und das Blut der Opferthiere, welches die Opfernden um die Altäre gießen. Während der Mahlzeit spielte Apollo die Cither, Silen tanzte den Cordax, und die Musen standen und sangen uns aus Hesiod’s Theogonie und den ersten Hymnus des Pindar. Wie wir genug getafelt hatten, legten wie uns Alle, wie wir waren, reichlich beträufelt zur Ruhe.

28. Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,
Schliefen die ganze Nacht, nur mich nicht labte der Schlummer.[14]

Denn es gingen mir gar zu vielerlei Gedanken durch den Kopf, z. B. wie es doch komme, daß dem Apollo in so langer Zeit der Bart nicht gewachsen, wie es im Himmel Nacht [1244] werden könne, da doch Helios [der Sonnengott] immer unter den Göttern sey, und an ihrer Tafel sitze, und dergleichen. Endlich schlief ich doch ein Wenig ein. Kaum aber war der Tag angebrochen, als Jupiter sich erhob, und eine Versammlung der Götter ansagen ließ.

29. Diese erschienen sämmtlich, und Jupiter hob an: „Die Ursache, warum ich euch zusammenberufen, ist gegenwärtiger Fremde, der gestern bei uns angekommen ist. Da ich seit geraumer Zeit mir vorgenommen, der Philosophen wegen mit euch mich zu besprechen, so will ich die Sache jetzt um so weniger verschieben, als ich durch die Klagen der Luna mich auf’s Neue aufgefordert sehe, dieselbe zur Sprache zu bringen. Es gibt nämlich eine Menschengattung, die nicht seit lange her in der Welt oben schwimmt, ein faules, zanksüchtiges Volk, aufgeblasen, beißig, gefräßig, aberwitzig, übermüthig und unverschämt, kurz, um mit Homer zu reden, nutzlos die Erde belastend [Il. XVIII, 104]. Dieses Gesindel hat Labyrinthe von Spitzfindigkeiten und Streitsätzen ausgeheckt, und sich in gewisse Secten getheilt, welche sich die Namen Stoiker, Academiker, Epicureer, Peripatetiker, und andere noch weit lächerlichere Benennungen gegeben haben. Eingehüllt in den ehrwürdigen Namen der Tugend, schreiten sie einher mit hoch emporgezogenen Augbrauen und langen Bärten, und bergen unter der erheuchelten Gravität die verächtlichsten Sitten, ganz wie die Schauspieler auf der tragischen Bühne, von welchen, wenn man ihnen die Maske und den goldgestickten Purpurmantel abzieht, Nichts übrig bleibt, als das erbärmliche Kerlchen, das sich um sieben Drachmen verdungen hat, den Helden zu spielen.

[1245] 30. Und solche Leute sind es denn, welche auf alle Menschen hoch herabsehen, das ungereimteste Zeug über die Götter schwatzen, einen Haufen leicht zu betrügender junger Bursche um sich versammeln, und ihnen Wunder Was von der vielbesungenen Tugend vordeclamiren, und zu trügerischen Fangschlüssen sie abrichten. Sie, die nicht aufhören, ihren Schülern Enthaltsamkeit und Mäßigung anzupreisen, und die Verachtung des Reichthums und sinnlicher Freuden zu predigen, was erlauben sie sich nicht Alles, wenn sie ohne Zeugen sind? Wie sie sich da mästen, in welchen Wollüsten sie sich wälzen, wie gierig sie die Finger nach ein Paar Obolen recken! Aber das Aergste ist, daß diese Menschen, welche weder im öffentlichen noch im Privatleben zu irgend Etwas tüchtig, sondern die überflüssigsten Geschöpfe von der Welt sind, und wie Homer sagt,

Nie auch weder im Kampfe zu rechnen, noch in dem Rathe –[15]

daß Diese, sagte ich, gleichwohl die Ankläger aller Uebrigen machen, und mit einer ganzen Sammlung bitterer Vorwürfe, und mit den ausstudirtesten Strafpredigten über ihre Nebenmenschen herfallen. Wer am frechsten schreien, am schamlosesten lästern kann, gilt für den größten Meister unter ihnen.

31. Fragst du aber irgend Einen von diesen Schreiern: ‚Und Was thust denn du? Wie heißt denn in aller Welt der Nutzen, den du der Menschheit stiftest?‘ so wird er dir, wenn er ehrlich und redlich seyn will, sagen müssen: ‚Das Feld zu bauen, Schifffahrt zu treiben, Kriegsdienste zu nehmen, irgend ein Gewerbe zu verstehen und zu betreiben, [1246] glaube ich nicht nöthig zu haben. Meine Sache ist Schreien, im Schmutze leben, mich kalt baden, des Winters barfuß umhergehen, und, wie Momus, über Alles mich aufhalten, was andere Leute thun. Wenn daher irgend einmal ein reicher Mann eine kostbare Tafel gibt, oder ein Mädchen unterhält, da mache ich ein gewaltiges Aufheben und gerathe in entsetzlichen Eifer: wenn aber ein guter Freund oder Bekannter krank liegt, und Hülfe und Pflege bedarf, davon will ich Nichts wissen.‘ Sehet, ihr Götter, von solcher Art ist diese Brut.

32. Die Allerunverschämtesten aber unter ihnen sind Diejenigen, welche den Namen Epicureer führen. Sie erfrechen sich sogar, uns Götter anzugreifen, und zu behaupten, wir trügen keine Sorge für die menschlichen Angelegenheiten, und führten überhaupt keine Aufsicht über Alles, was in der Welt geschieht; so daß es wahrlich Zeit ist, uns über diese Sache zu bedenken. Denn wenn es ihnen einmal gelingen sollte, die Welt zu überreden, so dürften wir uns auf sehr schmale Kost gesetzt sehen. Wer würde auch wohl noch Lust haben, uns zu opfern, wenn er sich keinen Vortheil davon versprechen dürfte? – Was Luna zu klagen hat, habt ihr Alle gestern aus dem Munde unsers Gastes gehört. So berathet euch den über ein Mittel, das für die Menschen die heilsamste, und für uns selbst die sicherste Wirkung haben dürfte.“

33. Als Jupiter geendet hatte, lärmte die ganze Versammlung, und Alle schrieen durch einander: „Zerblitze sie, verbrenne sie, wirf ihnen den Donnerkeil an die Köpfe; in den Abgrund mit ihnen, in den Tartarus zu den Giganten!“

[1247] Jupiter gebot hierauf wieder Stille, und sprach: „Es geschehe, wie ihr wollt: sie sollen Alle sammt ihrer Dialectik zu Boden geschmettert werden. Nur für jetzt darf ich die Strafe noch nicht vornehmen, weil in diesem und den nächsten drei Monaten, wie ihr wißt, Feiertage sind, und ich die Gerichtsferien schon angekündigt habe. Aber mit dem Ersten des kommenden Frühjahres soll ein mörderischer Donnerkeil den Schurken Allen den Garaus machen, wie sie es verdienen!“

Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion.[16]

34. „Was aber diesen Menippus hier betrifft,” fuhr er fort, „so ist meine Meinung, wir nehmen ihm seine Flügel weg, damit er nicht ein andermal wieder heraufkomme, und lassen ihn heute noch durch Mercur auf die Erde transportiren.“ Nach diesen Worten entließ Jupiter die Versammlung. Mich aber packte der Cyllenier[17] am rechten Ohre, und setzte mich gestern gegen Abend im Ceramicus[18] nieder.

Und so hätte ich dir denn, mein Freund, erzählt, was ich im Himmel Neues gesehen und gehört habe. Ich gehe nun nach der Stoa, um den dort spazierenden Philosophen die ganze Botschaft zu überbringen.



  1. Persisches Längenmaß, ungefähr drei Viertheile einer Deutschen Meile. S. Xenoph. Feldzug I, 2.
  2. Odyss. IX, 302.
  3. Il. XIII, 4. 5.
  4. Nach Odyss. IX, 357.
  5. Odyss. XVI, 187.
  6. Nach Il. V, 127.
  7. Il. XVIII, 490 ff.
  8. Il. I, 222
  9. Odyss. X, 98.
  10. Odyss. I, 170.
  11. Aratus in den Phänomenena, 23.
  12. Il. XVI, 250.
  13. Il. V, 341.
  14. Parodie von Il. II, 1. 2.
  15. Il. II, 202.
  16. Il. I, 528.
  17. Beiname Mercur’s, von seinem Geburtsorte, dem Arcadischen Berge Cyllene.
  18. Straße in Athen.