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Gifte; Vergiftung durch thierische Gifte und giftige Thiere. Hundswuth; Wasserscheu

Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Gifte; Vergiftung durch thierische Gifte und giftige Thiere. Hundswuth; Wasserscheu
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, 51, S. 686-687 699-700
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Gifte; Vergiftung durch thierische Gifte und giftige Thiere.
Hundswuth; Wasserscheu.

Gift ist für den Menschen jeder Stoff (mit Ausnahme von Kugeln, Schwertern u. s. w.), der schon in geringer Menge schädlich und hemmend auf das Leben des menschlichen Organismus einwirkt und so lebensgefährliche Veränderungen in demselben hervorbringt. Solcher Stoffe, von gasförmiger, flüssiger oder fester Beschaffenheit, gibt es aber eine Menge, ebensowohl im Thier- und Pflanzenreiche, wie im Mineralreiche. Sie können durch den Verdauungs- und Athmungsapparat, sowie auch durch die Haut und durch Wunden in das Innere des Körpers gelangen und hier entweder zunächst örtliche Zerstörungen veranlassen oder sofort vom Blute aus eine allgemeine Störung verursachen. Die Beibringung eines giftigen Stoffes nennen die Juristen eine Vergiftung, während die Mediciner die durch eine solche Einverleibung hervorgebrachten krankhaften Störungen mit diesem Namen bezeichnen.

Zu den örtlich wirkenden Giften gehören vorzugsweise die sogenannten chemisch wirkenden, welche die Gewebe zerstören und zerätzen, die Form und den Zusammenhang der Theile verletzen, heftig reizen und schnell Entzündung und Brand erzeugen. Solche ätzende und reizende Gifte, die übrigens nachträglich auch noch eine allgemeine Störung im Organismus hervorrufen können, finden sich in allen drei Reichen der Natur vor. Im Mineralreiche sind es hauptsächlich Metallsalze, ätzende Alkalien und starke Säuren; im Pflanzenreiche die scharfstoffigen Substanzen und starken Pflanzensäuren; im Thierreiche die spanischen Fliegen (Canthariden).

Wenn giftige Stoffe dagegen eine allgemeine Störung auf den gesammten Körper ausüben, so wird diese Wirkung ohne Zweifel durch das Blut und die Nerven vermittelt, bisweilen aber erst dann, wenn vorher örtliche Vergiftungserscheinungen auftraten; nicht selten jedoch auch ohne solche. In der Regel bleiben uns diese Veränderungen, welche derartige Gifte im Blute und Nervensystem veranlassen, ganz unbekannt und in vielen Fällen ist das Gift weder im Blute noch überhaupt im vergifteten Körper wieder zu finden. – Auch von diesen allgemein wirkenden Giften finden sich in den drei Naturreichen eine Menge vor. Vorzüglich sind es die thierischen Gifte, welche hierher gehören, zumal wenn diese durch Wunden direct in den Blutstrom gebracht werden.

Sämmtliche thierische Gifte sind bis jetzt ihrer chemischen Natur nach unbekannt; denn sie sind nicht darstellbar und nicht von den Stoffen, an welchen sie haften, zu trennen. Eben darum weiß man aber auch von ihrer Natur wenig mehr, als eben ihre giftigen Wirkungen. Man kennt weder die Bedingungen ihrer Entstehung, noch die physikalischen und chemischen Eigenthümlichkeiten, die ihnen etwa zukommen. Das Gift ist als solches weder durch Formen, noch durch Reactionen erkennbar, sondern einzig und allein durch seine Wirkungen auf den Organismus. Interessant ist, daß manche dieser Gifte, in das Blut gebracht, tödtlich wirken, während sie ohne Nachtheil in den Verdauungsapparat aufgenommen werden können, wie z. B. das Schlangen- und Hundswuthgift.

Ja in dem homöopathischen Arzneischatze figurirt sogar das von Homöopathen aus Südamerika den Herren Collegen in Europa gesendete Schlangengift (Lachesis) aus den Giftzähnen des Trigonocephalos Lachesis, als wichtiges Heilmittel und zwar: bei Beschwerden, besonders linkseitigen, die in jedem Frühjahre wiederkehren; bei bösen Folgen von langem Gram und unglücklicher Liebe; bei Gefühl von etwas Lebendigem im Bauche: bei religiöser Geisteszerrüttung. mit dem Wahn nach göttlicher Vorherbestimmung ewig verdammt zu werden; bei Rose, Gelbsucht und Blausucht; bei Krätze und Scharlach; bei Epilepsie und [687] übelriechenden Unterschenkelgeschwüren, die mit kleineren Geschwürchen rings herum beseht sind; bei Wechsel- und Nervenfieber; bei Mißmuth, Lebensüberdruß und Wortkargheit; bei Leber- und Lungenentzündung; bei syphilitischen Kopfschmerzen, bei trockenem und bei zu wenig Ohrenschmalz, bei Gehörleiden nach Ohrfluß, bei Grindern am Ohr mit Brummen und Zwitschern vor den Ohren; bei argem Schnupfen, wo Wasser in Menge ausfließt, Nase und Lippen sehr wund und geschwollen sind; bei Lähmung und Wundheit der Zunge, bei metallischem Geschmacke und Halsentzündung; bei Wurmbeschwerden und zu leisem Schlafe. Kurz was wäre die Homöopathie ohne Schlangengift? Warum mag aber die Homöopathie dieses Schlangengift nicht beim Schlangenbiß empfehlen? Sie (oder wenigstens die homöopathische Apotheke in Leipzig) besitzt doch eine Menge Arzneimittel (sogenannte isopathische Medikamente), welche von einer bestimmten Krankheit Eines genommen diese bestimmte Krankheit auch bei Andern zu heilen im Stande sein soll. So: Wasserscheustoff (Hydrophobin) gegen Wasserscheu; Cholerastuhlstoff gegen Cholera; Fußschweißstoff gegen und für Fußschweiß; verschiedene Wurmstoffe (Ascardin, Lumbricin, Taenia) gegen die verschiedenen Würmer; Gonorrhin, Metrorrhagin, Nephrolithin etc. Ist das zum Lachen oder Weinen?

Da es unsere Absicht ist, dem Leser jetzt für solche Fälle guten Rath zu ertheilen, wo er von einem giftigen Thiere verletzt wird, so muß zuvörderst besprochen werden, auf welche Weise bei solchen Verletzungen das Gift in den Blutstrom, von wo aus seine feindlichen Wirkungen auf den Körper geschehen, gelangen kann. – Der schnellste Weg ist der durch die Blutgefäße selbst, der längere dagegen durch die Saugadern (Lymphgefäße). Beim ersteren kann das Gift unmittelbar in ein Blutgefäß und so in den Blutstrom eintreten (eingeimpft werden), sobald nämlich das Gefäß, wie dies bei Bissen und Stichen der Fall ist, verletzt und dadurch offen ist. Mittelbar dagegen tritt das Gift in das Gefäß und Blut ein, indem es von außen durch die unverletzten Gefäßwände der Haarröhrchen, die ja so ziemlich alle Theile des menschlichen Körpers durchziehen und besonders zahlreich in der äußern Haut sind, hindurch in den Blutstrom dringt (aufgesogen wird) und in diesem durch die Blutadern zum Herzen fortgeführt wird. Hierbei muß aber das Gift, wenn es aufgesogen werden soll, auch unmittelbar die Gefäßwand berühren können und deshalb z. B. bei der Haut die hornige Oberhaut (wie bei wunden Stellen, Nissen, Schrunden) fehlen. – Auf beide Arten kann das Wuthgift toller Hunde in den menschlichen Körper gelangen: unmittelbar durch den Biß und mittelbar durch mit Wuthspeichel benetzte Kleidungsstücke, Geschirre, durch Belecken des kranken Thieres von Hautwunden und Schrunden. – Der unmittelbare Eintritt des Giftes wird sehr oft dadurch verhindert, daß das in Folge der Verletzung ausfließende Blut das Gift mit herausschwemmt. Deshalb ist auch das Pockeneinimpfen gewöhnlich fruchtlos, wenn die Impfwunde stärker blutet und durch das Blut die Pockenlymphe weggespült wird. Deshalb tritt selten nach starkblutenden Bissen toller Hunde die Hundswuth ein, wohl aber nach geringen Verletzungen durch dieselben. – Bei der Aufnahme des Giftes durch die Saugadern, welche in den meisten Fällen wohl nur erst dann vor sich zu gehen scheint, wenn die feinsten Blutgefäßchen das Gift nicht aufnehmen, kommt dasselbe langsamer und auf einem Umwege in den Blutstrom, und zwar deshalb, weil es noch viele Lymphgefäße und Drüsen zu passiren hat, ehe es kurz vor dem Herzen mit der Lymphe in das Blut einströmt. Es ist nicht unmöglich, daß auf diesem Wege das Gift allmählich zersetzt wird und nicht bis in den Blutstrom gelangt. – Bei vielen von wirklich tollen Hunden Gebissenen bricht die Hundswuth, selbst wenn keine vorbauende Behandlung stattfindet, doch nicht aus.

Mag nun das Gift auf die eine oder die andere Art in den Blutstrom eintreten können, immer ist es unsere Aufgabe, diesen Eintritt zu verhindern oder, ist derselbe schon erfolgt, das Fortfließen des Giftes in den Blut- oder Lymphröhren aufzuhalten, und so den Uebergang des Giftes in den gesammten Blutstrom zu verzögern. – Zur Verhinderung des Eintrittes des Giftes wäre es freilich am besten, wenn man das Gift in der Wunde sofort zerstörte, was durch Aetzkali, Scheidewasser, Schwefelsäure, Salmiakgeist oder brennende Hitze (Glüheisen oder Ausbrennen mit Schießpulver) geschieht. Da man aber derartige Zerstörungsmittel selten gleich bei der Hand hat, so bleibt es immer das Beste und Schnellste, so bald als nur möglich nach der Verletzung und Einverleibung des Giftes, dieses durch länger fortgesetztes Aussaugen der Wunde mit dem Munde oder mittelst Schröpfköpfe, zu entfernen zu suchen. Dieses Aussaugen mit dem Munde ist ganz ungefährlich (zumal wenn das Ausgesogene mit der Mundflüssigkeit sofort ausgespuckt und der Mund zwischendurch öfters ausgespült wird); es kann auch noch durch Auswaschen der Wunde (mit Salzwasser, Essig, Seifenwasser und sogar mit Urin, wenn keine andere Flüssigkeit gleich vorhanden ist), sowie durch Ausschneiden der Wunde unterstützt werden. Das etwaige Bluten der Wunde muß man so lange als nur möglich durch Einschnitte, Schröpfköpfe, warme Ueberschläge zu unterhalten suchen. – Um den Uebergang des Giftes in den Blutstrom zu verzögern, müssen die Adern des verletzten Gliedes durch festes Zusammendrücken oder Zusammenschnüren desselben geschlossen werden und zwar so nahe als möglich an der Verletzung an einer Stelle, die dem Herzen näher liegt, als die Wunde. – Nach dem Aussaugen und dem Auswaschen der Wunde, sowie nach dem Zusammenschnüren des Gliedes, muß die Wunde tüchtig ausgeätzt oder ausgebrannt, sodann aber längere Zeit in Eiterung erhalten werden (durch Einstreuen von spanischem Fliegenpulver).

Außer den eben angeführten, im Momente nach der Verletzung vorzunehmenden Hülfsleistungen sind alle von dem Thiere besudelten Kleidungsstücke sogleich zu entfernen. Man darf ferner nicht versäumen nach den ersten Hülfen, die man an den sichtbar verletzten Stellen angewendet hat, den ganzen Körper auf weitere Verletzungen genau zu untersuchen. Man thut wohl, zu dem Ende die Haare abzuscheeren und jedes auch noch so kleine und zweifelhafte Wundsein (jede Hautwunde) wie eine große Wunde und sichere Bißstelle zu behandeln. Auch ist es zweckmäßig, den ganzen Körper zu waschen oder in ein warmes Laugenbad zu setzen.

Sobald ein Mensch von einem wuthverdächtigen Thiere gebissen wurde, so ist dieses nicht zu tödten, sondern lebendig einzufangen und in sicherem Gewahrsam weiter zu beobachten, damit in dem Falle des Nichtausbruchs der Krankheit bei dem Thiere der Gebissene nicht unnöthiger Weise einer langdauernden und angreifenden Cur unterworfen und geängstigt werde. Denn Gemüthsberuhigung des Gebissenen ist unendlich wichtiger und heilbringender als alles Arzneigeben.

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Hundswuth und Wasserscheu, bei Thieren und Menschen.

Bei Hunden und bei den dem Hundegeschlechte angehörenden Füchsen und Wölfen scheint sich von selbst und ohne Ansteckung die ihrer Natur nach zur Zeit noch ganz unbekannte Wuthkrankheit (d. i. die ursprüngliche Wuth oder Tollheit, rabies canina) zu erzeugen, welche auch, und zwar durch Ansteckung, auf andere Thiere (Katzen, Pferde, Esel, Schweine, Hornvieh, Hühner), so wie auf den Menschen übertragen werden kann (d. i. die mitgetheilte Wuth). Diese Uebertragnng kommt entweder unmittelbar durch den Biß des wuthkranken Thieres zu Stande, oder mittelbar durch Berührung wunder Stellen der Haut mit Wuthgift (z. B. durch Belecktwerden vom tollen Thiere; durch Kleidungsstücke, die mit Wuthspeichel besudelt sind). Der Träger dieses Giftes ist der Geifer (Speichel), vielleicht aber auch das Blut des kranken Thieres. Uebrigens kommt dieses Gift nur dann erst zur Wirkung, wenn es in den Blutstrom aufgenommen wurde.

Auch der an der mitgetheilten Wuthkrankheit erkrankte (von einem tollen Hunde gebissene) Mensch kann das Gift auf andere Menschen übertragen, so wie die durch ein wuthkrankes Thier verletzten Thiere ebenfalls durch Biß die Wuth weiter verbreiten können, wiewohl das bei den übrigen Thieren meist seltner geschieht, als bei Hunden, Füchsen und Wölfen. – Man hat auch durch Einimpfung des Speichels und Blutes wuthkranker Menschen und Thiere die Wuthkrankheit bei Thieren zu erzeugen vermocht. Jedoch sind diese Einimpfungen, ebenso wie die Bisse wüthender Thiere, in der Mehrzahl der Fälle ohne nachtheilige Folge. Ja es scheint eine besondere Anlage erforderlich zu sein, damit das Gift im Körper hafte (inficire), und jedenfalls hängt der Ausbruch der Krankheit in vielen Fällen von Gemüthsbewegung und Einbildung ab, sowie von Erkältung und körperlicher Anstrengung.

Der Ausbruch der Wuthkrankheit, welcher niemals unmittelbar nach dem Bisse, selten in den ersten Tagen nach demselben erfolgt und bei absichtlich dem Bisse ausgesetzten oder geimpften Hunden nie über den 50sten Tag hinaus fiel, fällt in der größten Zahl der Fälle in die 2te, 3te, 4te und 5te Woche, seltener schon in die 6te und 7te, also in eine Zeit, wo die Wunde meist längst verheilt ist. Nach glaubwürdigen Beobachtern ist aber die Krankheit auch erst nach 1/2 Jahre, sogar nach 1 und 11/2 Jahren nach dem Bisse noch ausgebrochen. Daß sie erst nach mehreren, ja sogar nach 30 Jahren zum Ausbruch gekommen sein sollte, wie ebenfalls erzählt wird, dürfte noch zu bezweifeln sein. Die Fälle, wo zwischen Biß und Ausbruch (d. i. die Incubationsperiode) lange Zeit verging, waren gewöhnlich solche, bei welchen erst auf eine der Krankheit selbst fernliegende neue Veranlassung der Ausbruch der Krankheitserscheinungen erfolgte.

Die Hundswuth oder die Krankheit der Thiere, deren Speichel in eine Wunde eines Menschen übertragen, bei diesem die Wuth hervorbringt, ist bis jetzt für die Wissenschaft noch vollkommen dunkel; auch ist es noch ganz ungewiß, welche Umstände ihrer ursprünglichen Entstehung am günstigsten sind. Hunde jeder Race, jedes Geschlechtes und jedes Alters sind in jeder Jahreszeit und Witterung und bei jeder Lebensart ihr ausgesetzt. Weder schlechte Nahrung und schlechtes Wasser oder gänzlicher Mangel an Speise und Trank, noch große Hitze oder Kälte, noch gehinderte Geschlechtsbefriedigung sind nach den neuesten Untersuchungen als alleinige Ursachen dieser furchtbaren Krankheit anzusehen. Wahrscheinlich ist es, daß mehrere dieser erwähnten Ursachen vereint bei schon nervenkranken Thieren dieselbe erzeugen. – Auch die Krankheitserscheinungen bei tollen Hunden sind, besonders nach Race, Temperament, Alter, Geschlecht u. s. w., sehr verschieden. Und ganz irrig ist es, wenn behauptet wird: daß tolle Hunde eine vollkommene Abneigung gegen das Wasser und Licht hätten (wasserscheu würden); daß sie ihren Herrn nicht mehr erkennten und folgten; daß sie den Schwanz zwischen den Hinterbeinen hindurch unter den Leib zögen, und daß sie immer nur geradeaus liefen. Im Gegentheil saufen sie sehr oft recht viel Wasser und sind nie ganz unfolgsam gegen ihren Herrn; das Licht scheuen sie nur, wenn sie entzündete Augen haben, und den Schwanz lassen sie erst dann sinken, wenn die Hinterbeine schwach werden. Auch das Geifern aus dem Munde, sowie das Verschlingen unverdaulicher Gegenstände, ferner das Fliehen gesunder Hunde vor dem wuthkranken Thiere, sind durchaus keine constanten Erscheinungen. – Bei der Verschiedenheit der Krankheitserscheinungen hat man sich veranlaßt gefunden, zwei Formen der Erkrankung beim Hunde anzunehmen, die der rasenden Wuth und die der stillen Wuth, obwohl auch zwischen beiden Mittelfälle vorkommen. Auch ist der Biß von Thieren, welche noch wenig und zweifelhafte oder gar keine Krankheitserscheinungen zeigten und bei welchen die Krankheit erst später ausbrach, in vielen Fällen ebenso verderblich gewesen, als der Biß der in Tobsucht befindlichen Thiere. – Als Vorboten des Krankheitsausbruches können: die Unruhe, der veränderte und sonderbare Appetit, sowie die veränderte Gemüthsstimmung (das Traurig- und Verdrossensein) des Hundes angesehen werden.

Die rasende Wuth oder die Tollwuth gibt sich besonders dadurch kund, daß die Hunde mit dem Anfange der Krankheit ihr bisheriges Betragen ändern, was besonders auffällig gegen Personen ist, denen sie sonst zugethan waren; daß sie ungewöhnlich unruhig sind und rastlos umherschweifen; daß sie viel an kalten Gegenständen lecken und fremdartige Stoffe (Stroh, Holz u. s. w.) verschlingen; daß die Stimme merklich abgeändert, ein rauhes, heiseres, bellendes Heulen ist; daß sie große Neigung zum Beißen (erst gegen Katzen, dann gegen Hunde und zuletzt gegen Menschen) bekommen, und oft auch in die bloße Luft schnappen. Es zeigt sich ferner eine wesentliche Veränderung in dem wohlbekannten gewöhnlichen Aussehen des Hundes; er magert ab, die Haare werden struppig und rauh, die Augen geröthet und matt. – Die stille Wuth (Stillwuth) unterscheidet sich von der rasenden hauptsächlich dadurch, daß der Trieb zum Beißen (die Beißlust) und zum Umherlaufen weit geringer ist; daß die Stimme selten eine Veränderung zeigt, der Unterkiefer aber gelähmt, schlaff herabhängt und deshalb der Speichel, sowie alles Genossene wieder aus dem Munde herausfließt, auch die bläuliche Zunge heraushängt; daß die Hinterbeine wegen lähmungsartiger Schwäche, bald einen unsichern Gang annehmen. – Der Verlauf der Krankheit ist bei beiden Formen verschieden und unbestimmt; der Tod tritt stets und zwar binnen 6 bis 8 Tagen nach dem ersten Erkranken, entweder plötzlich oder unter Konvulsionen oder bei allmählich zunehmender Erschöpfung ein.

Die Untersuchung des todten Hundes kann niemals darthun, daß derselbe im Leben wuthkrank war. Denn die meisten der krankhaften Veränderungen, wenn überhaupt welche gefunden werden, kommen auch bei andern Krankheiten vor. Ganz besonders ist auf unverdauliche Dinge, die öfters im Magen gefunden werden, gar nichts zu geben. Daß die sogenannten Marocchetti’schen Wuthbläschen unter der Zunge des Hundes gar nichts mit der Tollheit zu thun haben, ist längst bewiesen. Ebenso hat der sogenannte Tollwurm, ein fester, faserig-fettiger Körper im Zungenfleische, keine Bedeutung, denn er findet sich bei allen gesunden Hunden. Die sogenannten Wuthzellen im Speichel sind aber nichts, als Fetttröpfchen. – Sonach ist es also eine sehr schädliche Voreiligkeit, einen der Wuth verdächtigen Hund sofort zu [700] tödten; er muß durchaus lebendig eingefangen und in sicherem Verwahrsam genau beobachtet werden, wenn über dessen Krank- oder Gesundsein geurtheilt werden soll. Es klingt ferner sehr unwissenschaftlich, wenn man in Berichten liest, daß die Richtigkeit der Annahme einer Wuthkrankheit beim Hunde durch die Section bestätigt worden sei.

Beim Menschen, der von einem tollen Hunde gebissen oder beleckt wurde, kündigt sich der Eintritt der Krankheit in der Regel zwischen der zweiten und fünften Woche, – wenn sie überhaupt ausbricht, was ja sehr oft trotz des Bisses eines wirklich tollen Hundes doch nicht der Fall ist, – häufig schon mehrere Tage vorher durch Veränderung in der gebissenen Stelle an. Die noch offene Wunde schmerzt, wulstet sich auf und klafft, wird bläulich und sondert eine dünne Jauche ab; die bereits vernarbte Wunde fängt wieder an zu schmerzen, zu schwellen, sich zu entzünden und eine bläuliche Farbe anzunehmen; sie bricht auch wohl wieder auf. Von der Wunde oder Narbe aus verbreiten sich die Schmerzen, oder Prickeln und Ziehen, oder ähnliche Empfindungen weiter hinauf in das Glied, zuweilen bis zum Nacken. – Mit diesen örtlichen Erscheinungen treten als Vorboten des eigentlichen Anfalles auch noch allgemeine auf, die dann auch spater noch den Anfall begleiten. Es sind: eine unerklärliche Angst, Unruhe und Beklommenheit; veränderte Gemüthsstimmung, Mißmuth und erhöhte Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit; dabei gewöhnlich Abgeschlagenheit und Ermattung, unruhiger, durch schreckhafte Träume gestörter Schlaf, Schlaflosigkeit, allgemeines Unwohlbefinden; Kopfweh, Schwindel, Ohrensausen, herumziehende Schmerzen, leichtes Zucken in den Muskeln, Lichtscheu und verändertes Aussehen der Augen, heisere Sprache, Herzklopfen, Verdauungsbeschwerden. Schon frühzeitig findet sich eine Erschwerung des Schlingens und ein Gefühl von Zusammenziehen des Schlundes, besonders beim Hinunterschlucken flüssiger Dinge, ein; auch gesellt sich bisweilen Ziehen im Nacken hinzu, sowie ein Schaudern bei jedem Versuche zu trinken. – Diese Vorboten der Krankheit, welche manchmal von kurzer Dauer sind, bisweilen sich aber auch über mehrere Wochen erstrecken, fehlen nicht selten ganz oder sind so unbedeutend, daß sie übersehen oder für andere unwichtige Krankheitserscheinungen gehalten werden. Haben sie eine längere Dauer, dann steigern sie sich allmählich, zumal die Angst und Unruhe.

Der eigentliche Krankheitsanfall (das suribunde Stadium) bricht entweder plötzlich aus, wenn die genannten Vorboten fehlten, oder er geht aus diesen hervor. Er thut sich dadurch kund, daß, wenn der Kranke trinken will, ein Gefühl von Erwürgtwerden und Ersticken auftritt, was sich bei jeder Wiederholung des Trinkversuchs steigert und mit entsetzlich wachsender Angst verbindet. Ja nach einiger Zeit erweckt schon der Anblick des Wassers und anderer Flüssigkeiten, sogar glänzender Gegenstände, das Hören von Rauschen und Ausgießen des Wassers, das Anfächeln kühler Luft und das Berühren der Haut mit kalten und nassen Gegenständen, diesen Erstickungskrampf (d. i. die Wasserscheu). Später wird auch, das Verschlucken fester Nahrungsmittel unmöglich; ebenso vermag der Kranke den reichlich abgesonderten Speichel, der ihm als Schaum vor den Mund tritt, und den er beständig um sich her spritzt, nicht zu schlucken. Bei diesen Schlund- und Kehlkrämpfen ist das Athmen kurz, ängstlich und seufzend, der Kranke eigenthümlich hastig und enorm aufgeregt. Bald erscheinen nun auch nach furchtbarem Angstgefühle wirkliche Wuthanfälle von etwa 10 bis 30 Minuten Dauer, wobei das Gesicht roth und aufgetrieben wird, die Augen hervortreten, unheimlich glänzen und wild rollen, die Miene wildängstlich ist, der Kranke phantasirt, tobt und schreit, bisweilen auch um sich speit und zu beißen sucht. – In der Zeit zwischen den Wuthanfällen ist der Kranke bei vollem Bewußtsein, verzweiflungsvoll, sucht sich zu tödten, warnt seine Umgebung, klagt über brennenden Schmerz in der Brust und über außerordentlichen Durst. Der Schlaf fehlt ganz. Die Anfälle wiederholen sich in immer kürzeren Zwischenräumen und dabei nimmt die Heftigkeit derselben fort und fort zu, zumal wenn Zwangsmittel angewendet werden. Endlich tritt Erschöpfung mit periodischem Aussetzen des Athems, Ohnmachten, Lähmungserscheinungen und zeitweiser Bewußtlosigkeit ein. Der Tod erfolgt schließlich, in einem oder wenigen (3 bis 6) Tagen nach dem Ausbruche der Krankheit, entweder ganz plötzlich oder in einem heftigen Anfalle von Zuckungen, bisweilen aber auch in der höchsten Erschöpsnng ganz ruhig, selbst unter dem Scheine von Besserung, nachdem die Fähigkeit zu trinken wiedergekehrt war. – Kinder und Weiber zeigen sich bei der Hundswuth weniger ängstlich und tobsüchtig, als Männer, wahrscheinlich weil sie sich die Gefahr nicht so vorstellen können und ein schwächeres Nerven- und Muskelsystem haben. – Die Leichenöffnungen sind bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, diese Krankheit zu enträthseln; es wird sehr oft nicht die geringste Abnormität gefunden. – Ebenso war die Behandlung der ausgebrochenen Hundswuth bis jetzt noch stets erfolglos; es dürften energische und fortgesetzte Chloroformeinathmungen dem Leidenden noch am besten thun. Alle Geheimmittel gegen die Hundswuth sind nichtsnutzige Charlatanerien, auch das isopathische Hydrophobin der Homöopathen nicht ausgenommen.

Wer nur einen Anfall der Hundswuth beim Menschen sah, wird sicherlich dem ganzen Hundegeschlechte den Krieg erklären, und für ganz enorme Hundesteuer, sowie für ein Verbot gegen das freie Umherlaufen der Hunde stimmen. Die Luxushunde müssen durchaus vermindert werden, da das Tragen von Maulkörben wohl auf der Straße, aber nicht im Hause, wo diese Körbe abgenommen werden, sichert, und die meisten Hundebesitzer ihren Hunden viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, um das Erkranken derselben gehörig bald zu bemerken. Schließlich aber nochmals den Rath: Hundebisse stets sofort tüchtig auszusaugen (s. vorige Nummer der Gartenlaube.)
Bock.