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Titel: Für Historiker und Novellisten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 653, 654
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[653] Für Historiker und Novellisten. Unerklärlich muß es scheinen, daß unsere Schriftsteller, die so viel von bedeutenden Frauen aus Frankreichs Vorzeit erzählen, fast niemals oder doch nur flüchtig der zweiten Gemahlin des Admirals Coligny gedenken, und doch verdient diese Märtyrerin des evangelischen Glaubens es gewiß vor Anderen, daß eine geschickte Hand ihre tragische Gestalt zeichne und der Vergessenheit entreiße. Wohl mag es schwer, ja vielleicht sogar vergeblich sein, Genaueres über ihr hartes, unverdientes Geschick zu ermitteln; aber jedenfalls wäre es verdienstlich, wenn Historiker von Fach, denen die Geschichtsquellen zugänglich sind, wenigstens den Versuch machen wollten, daselbst mehr zu finden, als folgende nur dürftige Andeutungen bieten.

Jakobine von Montbel, Gräfin von Entremonts, war die Wittwe eines Grafen von Bouchage und besaß bedeutende Güter in Savoyen. Ihre Theilnahme an den Glaubenskämpfen, welche Frankreich im sechszehnten Jahrhundert durchtobten und uns den Admiral Coligny als muthigen Kämpfer für die gereinigte Lehre zeigen, war so groß, daß sie 1571, als dieser Held zu La Rochelle von den Katholischen hart bedrängt wurde, ihm in Person ein von ihr geworbenes Hülfscorps zuführte. Die Romantik dieser Begegnung fand ihren Abschluß darin, daß Coligny, dessen erste Gemahlin, eine Gräfin Laval, gestorben war, sich mit der neuen Bundesgenossin vermählte. Das Glück dieser unter so eigenthümlichen Umständen geschlossenen Ehe währte leider nicht lange, da bekanntlich der Admiral schon 1572 zu Paris in der so oft geschilderten blutigen Hochzeitsnacht Heinrich’s von Navarra grausam ermordet wurde. Von Chatillon sur Loing, dem durch Coligny’s Vorliebe für die Gartenkunst verschönerten Landsitze desselben, entfloh die unglückliche Frau dem über die Ketzer verhängten Blutbade nach ihren Besitzungen in Savoyen, wo sie am 21. December desselben Jahres Mutter einer Tochter ward. Der Herzog von Savoyen, dem nach ihrer Burg Entremonts gelüstete, fand es ganz passend für seine Zwecke, daß man die Wittwe des dem katholischen Glauben feindlichen Hugenottenführers Coligny der Zauberei und eines Bundes mit dem Teufel anklagte. Ihre Verurtheilung erfolgte eiligst. [654] Man nahm ihr das Kind und brachte sie auf die Bergfestung Pignerol, wo sie noch sechsundzwanzig Jahre lebte, wenn man eine Existenz mit so schrecklichen Erinnerungen Leben nennen kann. Als Heinrich der Vierte den Thron Frankreichs bestiegen hatte, verwandte er sich vergeblich für ihre Befreiung. Sein Gesandter d’Ossat schrieb ihm: „Es sitzen zu viele kleine Wölfe am Fuße des Gebirges, die nach ihren Gütern hungern.“

Ihre und Coligny’s Tochter Beatrix ward natürlich katholisch erzogen und später eine sehr beliebte Ehrendame der Herzogin Katharina von Savoyen. Sie vermählte sich am 30. November 1600 mit Claude Antoine Bon Baron von Meruillon und Montauban. Ob sie glücklich gewesen ist unter denen, die ihres Vaters Ermordung und der Mutter schmachvolle Einkerkerung gerecht fanden, ob sie daran gedacht hat, welche Thränen die einsame Gefangene zu Pignerol um sie vergoß – wer weiß es! Bekannter ist das Schicksal ihrer Halbschwester Louise, Coligny’s Tochter aus erster Ehe, die ihren Gemahl, den liebenswürdigen Taligny, ebenfalls in der Bartholomäusnacht verlor. Sie vermählte sich wieder, mit dem Prinzen von Oranien, dem Hort der Evangelischen, und wurde zum zweiten Male durch den von Philipp dem Zweiten von Spanien gesandten Mörder zur Wittwe. Durch ihre Enkeltochter Henriette, die Gemahlin des großen Kurfürsten, ist sie die Stammmutter des jetzigen preußischen Kaiserhauses geworden. Ein im Besitze des Grafen zur Lippe auf Baruth in der Oberlausitz befindliches altes Stammbuch zeigt ihre Gesinnung durch die von ihr eingetragenen Worte: „Le seigneur est ma lumière et ma délivrance. Que puis-je redouter?“ (Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Ps. 27,1.)