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Textdaten
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Autor: Feodor Wehl
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Titel: Eine pariser Geschichte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25–26, S. 324; 333–338
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[324]
Eine pariser Geschichte.
Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl.

In der Nacht vom siebenzehnten zum achtzehnten September 1819 hatte man in der Rue des trois frères zu Paris, nahe dem in dieser Straße belegenen Hotel desselben Namens ein so entsetzliches Jammergeschrei vernommen, daß die Einwohner der umliegenden Gebäude davon aufgescheucht, im Nu in den abenteuerlichsten Nachtbekleidungen ihre Betten verließen, und an die Fenster oder auch gleich aus den Thüren hervorgeeilt kamen, um sich von der Ursache desselben zu überzeugen. Die ersten mit der Nachtpolizei ziemlich zugleich an Ort und Stelle gelangenden Neugierigen fanden einen in seinem Blute schwimmenden Mann, um den ein anderer in größester Angst und Verwirrung beschäftigt war. Auf das von allen Seiten auf diesen eindrängende Forschen und Fragen gab er zuerst gar keine und nach und nach nur eine sehr unklare und nicht eben allzu faßliche Auskunft. Er sei mit seinem Freunde Alfred Gautier, erzählte er in abgebrochenen Sätzen, von einem Festgelage nach Hause gehend, hier im Dunkel der Straße von einem vermummten Menschen angefallen, und jener in der Brust, wie es schien, durch einen Dolchstoß verwundet worden. Welchen Grund der Angreifer zu seiner That gehabt, fügte er bei, könne er nicht errathen, denn Alfred Gautier sei ein harmloser, guter Mensch, der Niemandem etwas zu Leide gethan. Es muß hier ein unglückseliger Irrthum, ein unerklärliches Mißverständniß herrschen!“ rief er mit weinender Stimme, indem er dem herbeigeholten und eben anlangenden Arzte seine flehend gehobenen Arme entgegenstreckend, jammernd bat: „O kommen, retten Sie, mein Herr, noch wird es Zeit sein!“

Der Arzt, der den von einigen mitleidigen Seelen in die Höhe gehaltenen blutenden Mann, der allerdings noch Spuren von Leben zeigte, aber das Bewußtsein und den Gebrauch seiner Kräfte lange verloren hatte, untersuchte und verband, schüttelte, als dies geschehen, und man den Verwundeten auf die von der nächsten Wache requirirte Tragbahre legte, bedenklich den Kopf, ein bedauerliches: „Zu spät!“ leise vor sich hinmurmelnd.

Als die Bahre, um in das Hospital getragen zu werden, aufgehoben ward, und der Kamerad des Ueberfallenen Miene machte, seinem armen Freunde zu folgen, trat plötzlich ein höherer Polizeibeamter auf ihn zu, mit dem bescheidenen aber ernst ausgesprochenen Ersuchen, ihm zur nächsten Wache behufs weiterer Aussagen und Erklärungen über den räthselhaften Vorgang zu folgen.

Der auf diese Weise Angeredete, der sich schon mehrfach unaufgefordert genannt und mit dem Namen Graf von Luckner bezeichnet hatte, schien über dies Verlangen stutzig und im ersten Moment geneigt, dagegen Einwendungen machen zu wollen. Allein nach kurzer Ueberlegung mochte er doch wohl anderen Sinnes geworden sein, denn mit den Worten: „Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr,“ schloß er sich dem Polizisten an, der nun rasch und in Eile nur noch einen seiner Untergebenen beordernd, bis zu Tagesanbruch und für den Zweck einer weiteren Untersuchung des Schauplatzes, auf welchem die ruchlose That geschehen, an Ort und Stelle zu verbleiben, mit seinem Arrestanten davonging.

In der nächsten Wache gab derselbe das von uns bereits Gemeldete zu Protokoll, was denn natürlich nicht eben mehr Licht auf die schauderhafte That zu werfen, oder den Schleier zu lüften vermochte, mit dem sie bedeckt war. Nach einer Legitimation seiner Person gefragt, zeigte der räthselhafte Fremde sich außer Stande, sie zu geben. Er hatte weder eine Visiten- noch Aufenthaltskarte, statt deren aber eine sehr bedeutende Summe Geld in englischen Banknoten und einen Paß in’s Ausland bei sich, der auf den Namen Miadschinski gestellt, seltsamer Weise in der Personalbeschreibung ziemlich auf ihn selbst zu passen schien.

Gefragt, was es mit diesen Dingen auf sich habe und wie er dazu gekommen, gab er an, daß Gautier sie ihm zur Verwahrung überantwortet und er im Uebrigen sonst keine Auskunft darüber zu geben vermöge. War nun dies schon im hohen Grade verdächtig, so wurde es noch mehr ein Dolch, den der auf der Bühne des Mordanfalls zurückgelassene Wächter beim Morgengrauen des Tages gefunden und an die Untersuchungsrichter abgeliefert hatte. Dieser Dolch, der genau in die Wunde paßte, an der Alfred Gautier noch in derselben Nacht, in der er sie erhalten, gestorben war, trug nämlich nicht nur die Grafenkrone und das Wappen der Luckner’schen Familie, sondern wurde auch förmlich von dem Grafen als der seinige anerkannt.

Hatte man sich genöthigt gesehen, ihn schon wegen der ersten Indizien gefänglich eingezogen zu behalten, so blieb nun kein Zweifel, ihn allen Ernstes in strenge Untersuchungshaft zu nehmen. So viel und so oft er auch seine Unschuld betheuerte, der Anschein war doch gar zu sehr gegen ihn, als daß man ihn hätte frei lassen können. Er mußte sich darein finden, den Prozeß gegen sich gemacht zu sehen.

[333] Zunächst waren ihm die Erkundigungen sehr ungünstig, die man über ihn einzog. Emil, Graf von Luckner, genoß eben nicht eines untadelhaften Rufes. Aus der Familie jenes unglücklichen Generals stammend, welcher in der ersten französischen Revolution den Tod auf dem Schaffotte fand, war er jung, der Aeltern durch eine verderbliche Krankheit frühzeitig beraubt, in ein ziemlich zügelloses und wüstes Leben eingeführt worden. Er hatte mehrere Liaisons mit leichtfertigen Frauenzimmern, viele Duelle und anderweitige Ehrenhändel, die ihm nicht immer ein gutes Ansehen gaben, gehabt, war durch Spiel und Wetten mehrfach ruinirt, von Schulden überhäuft, bereits zum Oefteren nur durch die Gnade einer reichen Tante mütterlicher Seite von einem schmählichen Untergange gerettet worden, und befand sich, wie sich zeigte, auch jetzt wieder in sehr derangirten und mißbehaglichen Umständen.

An sich, mußte man ihm freilich lassen, hatte er etwas sehr Einnehmendes, Offenes, das Herz der Menschen Gewinnendes. Er war zu jener Zeit eben vierundzwanzig Jahre geworden und repräsentirte sich in diesem Alter als ein hoher, schlanker, elegant und distinguirt aussehender Lion, dem feine Manieren und eine aristokratisches Air überaus vortheilhaft ließen. Seine Hände und Füße waren ungemein fein und zart; sein Gesicht, obschon ein wenig bleich und verlebt, zeigte sich doch anziehend und fesselnd durch seinen Anflug von Genialität, den ein hochstrebender Geist und ein kühnes Gemüthe selbst denjenigen Zügen noch aufzudrücken pflegen, die sonst durch wilde Verschleuderung der Jugend, die zarter Schönheit und den milderen Reiz derselben eingebüßt haben.

Wenn man Graf Luckner in die blaßblauen, großen, an den Rändern ein wenig gerötheten, meist müde und übernächtlich aussehenden, aber doch hellen, offenen und unschuldsvoll blickenden Augen sah, wenn man seine lässig und ein wenig hohlklingende, aber nicht destoweniger doch herzlich und warm tönende Stimme hörte, sein etwas heiseres, aber stets heiter herausplatzendes Lachen vernahm, seine frei, hohe, von blondwolligem Haar umrahmte Stirn, seinen graziösen, keckgeschnittenen Mund mit einem Zuge, der bald sorglos, bald verachtend, zumeist aber gutmüthig aussah, bemerkte, so fühlte man sich allerdings unwillkürlich zu dem Ausspruch bewogen: dieser Jüngling kann kein so niederträchtiger Räuber und Mörder sein, als hier vom hohen Gerichtshof behauptet wird. Wenn man indeß wieder den Auseinandersetzungen und Folgerungen eben dieses hohen Gerichtshofes Gehör und Eingang gab, so mußte einem wieder die Schuld des Graf Luckner so erwiesen, so unbestreitbar scheinen, daß man nicht umhin konnte, gerade nur in ihm den Urheber und Ausführer des schauderhaften Verbrechens zu sehen.

Alfred Gautier, der so räthselhaft Ermordete, war allen Zeugnissen und eingeholten Nachforschungen zufolge ein durchaus braver, tüchtiger und ehrenhafter Mensch gewesen, der, wenn man es so nehmen will, nur die eine Schwäche hatte, Graf Emil von Luckner auf eine beinahe abgöttische Weise zu lieben. Er hatte denselben vor einigen Jahren in Nizza kennen gelernt und seitdem überall und jeder Zeit als seinen besten und intimsten Freund behandelt, ihm mehrfach Geld geliehen und andere dergleichen Dienste erwiesen, alles Dinge, die der Angeklagte auf das Bereitwilligste einräumte und wofür derselbe sich noch stets vom aufrichtigsten Danke beseelt zeigte. Er war der natürliche Sohn eines kleinen Handwerkers, den dieser mit einer Wäscherin zeugte, die kurz nach der Entbindung starb. Der Vater, der das Kind zuerst nicht als das Seine anerkennen wollte, nahm sich nach dem Dahinscheiden der Mutter desselben denn doch noch an, ließ es kümmerlich erziehen und in eine Handlung treten, in welcher der junge Mensch später sich von solchem Nutzen und glücklicher Verwendbarkeit zeigte, daß er nach einer zehnjährigen Mitbetheiligung und zeitweisen Leitung des Geschäfts sich zum Compagnon erhoben und dadurch zu einem so vermögenden Manne gemacht sah, daß er im Stande war, seinem Vater auf seine alten Tage und der ganzen Familie, die dieser in einer zweiten, späteren Ehe erzeugt hatte, eine bedeutende Rente auszusetzen.

Daß ein Mann dieser Art, als er von einem so schnellen und geheimnißvollen Tode ereilt wurde, nun doppelt und dreifach die Theilnahme und das Bedauern der großen Menge zuertheilt erhielt, was sonst in dergleichen Fällen den Manen des in Schaden gekommenen anheimfällt, versteht sich von selbst, und um so mehr, wenn wir hier noch anführen, daß sich bei der Besichtigung seiner Leiche ein Umstand, oder genauer gesagt, eine Sache zu Tage legte, welche über ihn und sein Ende ein noch seltsameres und eigenthümlicheres Mysterium breitete als es an und für sich schon sein Tod darbot. Man fand nämlich auf der Brust des Todten an einer feinen, goldenen Kette die Hälfte eines Ringes, der offenbar eine Bedeutung hatte, die man indeß nicht zu erforschen im Stande war, da der Vater nichts davon wußte, und Graf Luckner sich nur erinnern wollte, von dem Verblichenen gehört zu haben, daß dieser Reif, von dessen Mutter stammend, ihm von einer Freundin derselben lange nach deren Tode mitsammt einem Zettel übergeben worden sei, welcher ihn einst zu einer wichtigen Entdeckung führen könne.

[334] Da aber weder der Zettel noch die Freundin der Mutter zu ermitteln gewesen waren, so blieb denn natürlich die ganze Sache im Dunkeln, und Graf Emil Luckner nach wie vor der Mordthat allein und ausschließlich verdächtig.

Zu den Zeugenaussagen wurden unter anderen Personen natürlich auch die Beiwohner jenes Festmahles gezogen, von dem nach Haus gehend Alfred Gautier an der Seite des jungen Grafen seinen Tod gefunden. Alle, und besonders ein Italiener, ein Fürst von Benevent, waren von der Unschuld des Angeklagten überzeugt und thaten, was sie konnten, den Verdacht von ihm abzulenken. Sie lobten sein gutes Herz, seinen chevaleresken Charakter, seine Uneigennützigkeit und hoben dazwischen hauptsächlich seine Gleichgültigkeit gegen das Geld hervor.

„Dieser Freund, Graf Luckner,“ rief der oben genannte italienische Fürst bei seiner Vernehmung aus, „kann unmöglich das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen haben. Wenn es auch wahr ist, daß er Schulden hat und gerade jetzt sich in mißlichen Umständen befindet, so wußte er doch zu gut, daß ich, wie alle seine Freunde bereit waren, ihn aus dieser, wie jeder andern Verlegenheit herauszureißen, als daß er seine Zuflucht zu einer so gemeinen Schandthat hätte nehmen sollen, obenein gegen einen Freund, wie ihm Alfred Gautier einer war, der gewiß als der Erste ihm zu Dienst gestanden hätte, Geld zu seiner Disposition zu stellen.“

Trotz dieser emphatischen Auslassung mußte freilich der Fürst von Benevent so gut wie die andern Genossen Graf Emil Luckner’s zugeben, daß sie den Dolch, mit dem der Mord verübt worden war, bei dem Angeklagten, und zwar noch an dem Tage des Verbrechens selbst gesehen hatten. Graf Luckner’s Wohnung war für das verabredete Souper zum Sammelplatz bestimmt gewesen, und bei dieser Gelegenheit hatten die sich Einfindenden die Waffe an ihrem gewohnten Platz gesehen; auch Graf Luckner gestand, sie bemerkt zu haben; wer und wie sie von da fortgenommen, gab er an, nicht zu wissen.

Der Angeklagte und Alfred Gautier waren zusammen und zwar zuerst von dem Festmahl fortgegangen, die andern hingegen alle bis gegen den Morgen hin geblieben. Nur der Fürst von Benevent hatte sich, während ihres fernern Beisammenseins, auf eine kurze Zeit entfernt, aber nur um einem dringenden Bedürfniß zu genügen, zu welchem Ende er in den Hof hinunter mußte, von wo er, wie sowohl der Wirth als einige Kellner bezeugten, nach Verlauf von nur geringer Zeit zu seinen Kameraden zurückgekehrt war.

Hier also lag durchaus kein Grund irgend einen Verdacht zu schöpfen. Alle diese Männer, die da zusammen gewesen waren, durften und mussten für Freunde des Gemordeten gelten. Keiner war von ihm beleidigt, durch ihn beeinträchtigt, Niemandem unter dieser Tafelrunde konnte sein Tod einen Vortheil bringen. Nur der Eigenthümer des Dolches, der allein mit Alfred Gautier nach Haus ging, dem Getödteten Geld schuldig war, und eine bedeutende Summe von diesem noch in Händen hatte, konnte ein Interesse bei dem plötzlichen Hinscheiden seines Freundes haben.

Der Staatsanwalt hob bei der Anklage besonders hervor, daß es seltsam sei, wie keiner der übrigen Freunde Gautier’s von jenem Gelde wußte, das dieser dem Grafen Luckner zur Aufbewahrung übergeben haben sollte, und wieß dann noch mit Nachdruck auf jenen Paß hin, den der Angeschuldigte bei sich führte und zu dem sich des öffentlichen Aufrufes ungeachtet nicht nur Niemand gemeldet hatte, sondern den man obenein für gefälscht und trügerisch erkennen mußte, da die Unterschriften der Ortsobrigkeiten und die Visa der Gesandten nur nachgeahmt und nirgends ächt waren.

Graf Luckner erwiederte hiergegen nichts, als daß er weitere Auskunft über diese Dinge nicht zu geben vermöge.

„Gautier,“ behauptete er, „habe ihm den Paß und die Banknoten mit dem Bemerken überantwortet, daß er ihm später sagen wolle, was es damit auf sich habe. Mir ist’s,“ setzte er bei dieser Gelegenheit hinzu, „als hätte Gautier bei Ueberreichung dieser Effekten den Namen des Fürsten von Benevent genannt, doch kann ich das nicht versichern. Ich war von dem Festmahl ermüdet und im Kopf nicht ganz frei, so daß es also kein Wunder ist, wenn ich mich hierbei verhört haben sollte.“

„Es muß dies leider wohl der Fall sein,“ entgegnete der hier zur Aussage aufgerufene Fürst von Benevent, indem er betheuerte: „weder von dem Gelde, noch von dem Passe etwas zu wissen.“

Von allen Freunden des Grafen Luckner war es übrigens eben dieser italienische Fürst, der sich die Freisprechung desselben am Angelegentlichsten sein ließ. Er sprach, wo er konnte, zu dessen Lobe und hing sich mit Eifer an alles, was dazu dienen mochte, irgendwie die aufgestellte Anschuldigung zu entkräften. Er war es denn auch, der da sagte. „daß Graf Luckner, wenn er ja Alfred Gautier ermordet, doch schwerlich bei diesem geblieben sein würde. Auch wäre es ja auffällig, daß, wenn er wirklich der Thäter sei, der Dolch, mit dem er doch das Verbrechen verübt haben solle, eine ganze Strecke weit von ihm entfernt aufgefunden worden sei.“

„Dies alles,“ entgegnete hierauf der Staatsanwalt , „wirft durchaus die Anschuldigung nicht um. Der Graf ist wahrscheinlich zuerst geflohen und nur darum zu dem Verwundeten zurückgekehrt, weil er bei seiner Flucht den Dolch verloren, diesen hat suchen wollen und sich nachher durch das Hinzukommen von Menschen zum Bleiben genöthigt sah. Man erinnere sich an die auffallende Verlegenheit und Zögerung, die Graf Luckner bei seiner Verhaftung zeigte, und von welcher der Polizeiagent nach seiner Pflichtmeldung gethan. Wenn der Angeschuldigte ein reines Gewissen gehabt, woher wäre ihm die Scheu und Angst vor einer Arretierung gekommen?“

„Es sind viele Dinge, die gegen mich zeugen,“ ließ sich hierauf Graf Luckner selbst vernehmen, „und ich finde es bei einer Verkettung der Umstände, wie sie sich hier vor Augen legt, nur gar zu begreiflich mich schuldig zu wähnen. Oft scheint mir selbst alles so zu treffen und zu passen, daß ich in Versuchung gerathe, der gegen mich eröffneten Anklage Recht zu geben. Der Herr Staatsanwalt hat gesagt, daß ich wahrscheinlich zuerst geflohen und bei der Flucht den Dolch verloren habe. Diese Annahme stimmt, wie ich bekennen muß, bis zu einem gewissen Grade zu. Als ich nämlich meinen Freund plötzlich an meiner Seite überfallen sah, hatte ich natürlich keine Ahnung davon, daß er tödtlich verletzt sein könne. Mein erster Gedanke war, den Missethäter, der eilig davon stürzte, einzuholen und festzuhalten, um ihn der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern. In dieser Absicht stürzte ich hinter dem Elenden her, und merkwürdiger Weise ungefähr bis dahin, wo man der Beschreibung nach zu schließen den Dolch gefunden hat. Ware es nicht meine Gewohnheit, ihn nur auf Reisen bei mir zu tragen, und zeigte er nicht Spuren von Blut, so würde ich gern bekennen dürfen, daß ich ihn an Ort und Stelle bei dem plötzlichen Innehalten im Nachsetzen verloren habe. Die Nutzlosigkeit der Verfolgung einsehend und das entsetzliche Schmerzgeheul meines Freundes hinter mir vernehmend, kehrte ich um. Als ich zu ihm kam, fand ich ihn schon leblos in seinem Blute am Boden, und kurze Zeit darnach mich und ihn von Neugierigen umringt. Daß ich verdutzt und erschrocken war, als der hinzugekommene Polizeiagent mich an der Begleitung meines unglücklichen Freundes hinderte, kann und will ich nicht leugnen. Ich war in Angst, daß er nicht sorgsame Pflege finden werde, und glaube dieses Bedenken auf dem Wege zur nächsten Wache gegen meinen Verhafter auch kundgegeben zu haben, kann es genau indeß nicht sagen, denn ich muß eingestehen, daß das Ergebniß, nach dem übermüthig verbrachten Abend, mich ganz außer Fassung brachte.“

Der zum Zeugen aufgerufene Polizeiagent meinte, einer solchen Aeußerung des Grafen sich nicht zu erinnern und gab nur an, ihn kleinlaut und resignirt gefunden zu haben.

Diese und ähnliche Zwischenfälle änderten. also nichts in der Sache, und nachdem der Prozeß beinahe zwei Wochen gedauert, kam er vor den Geschworenen zum Spruch, welcher auf „Schuldig“ lautete und den Angeklagten zur Galeerenstrafe verdammte.

Als Graf Luckner dieses Urtheil mitgetheilt wurde, zeigte er sich tief erschüttert. Bleich und mit strömenden Thränen, die Hand zum Schwure gen Himmel erhebend, sagte er:

„Ich bin unschuldig, der höchste Richter im Himmel weiß es. Was aber meine Geschworenen anbetrifft, so zürne ich ihnen nicht. Sie haben nach Pflicht und Gewissen gesprochen. Der Himmel vergebe ihnen. Er geht streng mit mir in’s Gericht. Er bestraft mich nur dafür, daß ich meine Jugend nichtsnutzig und liederlich verbracht. Hätte ich von je auf Reinheit der Sitten, guten Ruf und die Würde meines Namens gesehen, so würde man weniger geneigt gewesen sein, sich von einem bestrickenden Anscheine gegen mich einnehmen zu lassen. Es ist mein vergangenes Leben, was gegen mich spricht. Ich muß mich fügen.

Seine Schönheit, die edle Haltung und der warme, offene Ton, mit dem er dies reumüthige Bekenntniß vor den Schranken des Gerichtes ablegte, gewann ihm die Herzen fast aller diesem Auftritte [335] beiwohnenden Menschen. Die rohesten, hartgesottensten Männer fühlten sich ergriffen, die Frauen weinten und schluchzten laut, darunter besonders eine, die bei allen Verhören zugegen gewesen und den Graf Luckner stets mit dem größten Interesse beobachtet hatte.

Diese eine Dame, die durch ihre Theilnahme für den Angeklagten bereits zum Stadtgespräch, und in dieser letzten Sitzung der Assisen das Augenmerk aller Anwesenden geworden, war die einzige Tochter des bekannten bonapartistischen Generals Lagrange, die Baronin Stephanie, die von einer befreundeten Familie für den Prozeß importirt und in die erste Verhandlung desselben mitgenommen, bald eine heftige Leidenschaft für den so gräßlich Beschuldigten in sich hatte entstehen fühlen.

Sie hatte gleich nach der ersten Session anonym an Emil Luckner geschrieben und ihm mitgetheilt, wie sie ganz gewiß von seiner Unschuld überzeugt sei und den festen Glauben besitze, ihn freigesprochen zu sehen. Nach der dritten, vierten und fünften Verhandlung wiederholte sie diese Versicherungen, die nun vernichtet zu finden, sie auf das Höchste betrübte. In Thränen aufgelöst, verließ sie den Saal, um von da sogleich zu Emil in das Gefängniß zu fahren.

Graf Luckner hatte sie nie gesehen, und war nun erstaunt, unter den mit Bedauern zu ihm drängenden Freunden auch eine fremde Dame von distinguirtem Aeußeren zu finden, die ihn ersuchte, ein paar Worte mit ihm allein sprechen zu dürfen.

Nachdem die Freunde sich unter Beileidsbezeugungen[WS 1] aller Art von ihm entfernt, entdeckte sich diese Dame ihm nun als Schreiberin jener anonymen Briefe, dabei versichernd, daß sie noch immer trotz der Schulderklärung der Geschworenen an seine Unschuld glaube, und bereit stehe, mit ihm zugleich nach Brest zu gehen, dort, so viel es gehe, sein schreckliches Loos zu erleichtern und mit ihm des Tages zu harren, an dem einst seine Enthebung von dem ihm zur Last gelegten Verbrechen erfolgen müsse.

Man kann sich denken, wie gerührt Graf Luckner von den Worten und dem Benehmen der Dame war und wie flehentlich er sie bat, ihn seinem Schicksale zu überlassen und von ihrem Vorhaben abzustehen. Allein, wie vergebens das Alles war, bewieß am Besten, daß man Baronin Stephanie zugleich mit dem Zuge der eingeschmiedeten Galeerensclaven Paris verlassen und nach Brest abreisen sah.

Briefe und Zeitungscorrespendenzen aus dieser letzteren Stadt meldeten bald darnach, daß man täglich eine schöne und elegante Dame in der Freistunde der Sträflinge nach dem Lager kommen und dort viel mit einem in Eisen geschlossenen jungen Manne verkehren sehe, der wegen eines Raubmordes zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt sei. Man schilderte auf das Rührendste die zarte Sorgfalt und Liebe, die sie dem Verbrecher beweise, und unterließ dabei nie zu bedauern, daß ein Heroismus so seltener Art keinem würdigeren Gegenstande gewidmet sei.

Da die pariser Journale, durch solche und ähnliche Briefe angeregt, sich veranlaßt sahen, die Sache ihrem wahren Verhältnisse nach zu schildern, so kam es bald, daß die ganze Welt über den Hergang in Kenntniß gesetzt und davon unterrichtet war, daß der Sträfling Niemand anders, als der ehemalige Graf Luckner, und die Dame, die schöne und geistreiche Baronin Lagrange sei.

Eine Menge Poeten griffen den Stoff auf und machten Novellen und Gedichte daraus. Auch George Sand soll davon zu einem ihrer besten Romane veranlaßt worden sein. Alles dies und Anderes hinderte aber nicht, daß man schließlich des seltsamen Paares vergaß und seine Aufmerksamkeit andern Geschichten und Tagesereignissen zuwieß. Im Jahre 1827 wenigstens gab es ohne Zweifel gewiß nur noch sehr wenige, die sich jener Mittheilungen und der Personen, von denen sie handelten, erinnerten. Dennoch war es gerade um jene Zeit, als dieselben plötzlich wieder in den Vordergrund zu treten begannen.

Der Fürst von Benevent nämlich, der noch während des Graf Luckner’schen Prozesses seinen Vater an einem Schlagflusse plötzlich und unerwartet verloren, war, nachdem er seine reiche Erbschaft in Italien angetreten und einige Jahre im Orient auf Reisen gewesen, nach Paris zurückgekehrt, wo er in der Rue du Bas ein großes Hotel bezogen und ein ansehnliches Haus zu machen begonnen hatte. Natürlich, und wie sich von selbst versteht, waren die früheren Genossen aus dem Luckner’schen Kreise wieder an ihn herangetreten, doch auffallender Weise nicht zuvorkommend und in der frühern Vertraulichkeit aufgenommen worden. Man fand im Gegentheil sogar, daß er diesen ehemaligen Kameraden lustiger Tage geflissentlich und wenigstens, so viel es ohne Anstoß zu erregen möglich war, aus dem Wege ging. Die große Welt und die Leute der Gesellschaft konnten, da der Fürst vorsichtig verfuhr und die im Geheim Gemiedenen bei seinen Bällen und großen Diners noch regelmäßig einzuladen pflegte, den Widerwillen gegen diese ehedem so geflissentlich aufgesuchten Freunde weniger bemerken, als es bei diesen selbst der Fall war, die sich aus seiner Intimität gedrängt sehend, gar wohl und zu ihrem Aerger inne wurden, daß sie an Ansehen und Gunst auf das Merklichste bei ihm verloren.

Am Meisten erboßt darüber war ein gewisser Edmond de Lavalle, ein Wüstling höchsten Grades, aber sonst ein Mensch von Geist und weichem Herzen. Dieser hatte, um hinter die Ursache der Abneigung zu kommen, welche der Fürst von Benevent gegen ihn und seine guten Freunde zu Tage legte, sich mit gutem Geschick an den alten Kammerdiener zu machen gewußt, welchen jener mit der Erbschaft seines Vaters zugleich in seine Dienste genommen.

Dieser Kammerdiener, ein ächter Italiener, war ein äußerst listiger und verschlagener Mensch, der den größten Einfluß auf seinen Herrn ausübte. Da er, wie die meisten Italiener, aber zugleich auch Eitelkeit und einen fast lächerlichen Ehrgeiz besaß, so liebte er es mit dieser Herrschaft über seinen Herrn zu prunken und von dem vornehmen Umgange desselben sich eine gewisse Aufmerksamkeit widmen zu lassen. Aus diesem Grunde kam es denn nun auch, daß die angelegentliche Mühe, die sich Edmond von Lavalle gab, ihn für sich geneigt und gestimmt zu machen, wirklich einen hohen Grad von Zuneigung für diesen in ihm entstehen mochte. Er ließ sich gern die Plaudereien dieses Cavaliers gefallen und war erfreut, wenn er ihm irgendwie dienen und sich in Folge dessen gelegentlich etwas gegen ihn, wie es in der Volkssprache heißt, herausnehmen konnte.

Nachdem dieses Verhältniß Jahr und Tag gedauert, kam Edmond von Lavalle einmal am Morgen im Hotel des Fürsten vor, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Da er den Herrn des Hauses nicht vorfand, den Kammerdiener aber in sehr gesprächiger Laune traf, so ließ er sich mit diesem in eine launige Plauderei ein, in deren Verlauf er ihm auch von einem Scherze erzählte, den er sich mit einigen Freunden machen wollte, und zu dem er mehrerer anonymer und mit fremder Hand geschriebener Billete bedurfte.

Der zu allen Intriguen und Hintersteckereien stets bereite Italiener stellte sich ihm hier sogleich zu Dienst und warf, um seine Fähigkeit dafür zu beweisen, verschiedene Schriftzüge mit verstellter Hand auf ein gerade daliegendes Stück Papier. Edmond von Lavalle ihm dankend und versprechend, die Sache mit ihm weiter verhandeln zu wollen, steckte mechanisch die ihm gegebene Schriftprobe in die Tasche und empfahl sich.

Am Abend desselben Tages, beim Auskleiden, zog Lavalle dieselbe hervor und begann sie, im Bette liegend, rein nur, um noch einen Zeitvertreib zu haben, zu mustern. Bei dieser Musterung blieben seine Blicke, zuerst ihm selbst unbewußt, auf einigen der geschriebenen Worte hängen. Nach und nach, sie aufmerksamer betrachtend, kam es ihm vor, als ob er sie schon einmal auf irgend einem wichtigen Aktenstücke gesehen, doch konnte er sich durchaus nicht erinnern, auf welchem etwa. Nachdem er lange so vergeblich her und hingesonnen, löschte er endlich sein Licht, warf sich auf die Seite und sagte, sich selbst belächelnd. „Ach was! Wahrscheinlich sind es die Einladungen des Fürsten, auf denen ich diese Schrift gesehen!“

Mit diesem Machtspruche wollte er seinem Grübeln und Nachdenken ein Ende und die Einleitung zum Schlafe machen. und wirklich war er auch nahe daran zu entschlummern, als er plötzlich wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe fuhr, in Eile wieder Licht anzündete und die Schriftzüge auf’s Neue in Augenschein zu nehmen begann. Kaum hatte er sie einen Augenblick angestarrt, als er aus dem Bett aufspringend, laut ausrief:

„Diese Schrift habe ich auf jenem Passe gesehen, den man bei Emil Luckner gefunden!“

Durch diese Entdeckung, er wußte eigentlich selbst nicht warum, ganz außer sich gebracht und des Schlafes beraubt, setzte er sich, da es zu spät war, noch irgend etwas in der Sache zu unternehmen, in eine Causeuse, sich ein Glas „Brandy and Water“ bereitend und eine Cigarre anzündend.

[336] Früh am Morgen, nachdem er ein wenig in seiner aufrechtsitzenden Stellung geschlafen, begab er sich zu einem Freunde, der damals mit in dem Luckner’schen Prozesse als Zeuge aufgerufen gewesen war. Diesem zeigte er, ihm seine Vermuthungen mittheilend, die Verdacht erweckende Schrift, und da auch er eine Aehnlichkeit mit der jenes Passes fand, so verfügten sich Beide nach dem Bureau des Assisenhofes, wo sie den Inspector des Aktenverschlusses in’s Vertrauen zogen und in Gemeinschaft mit demselben die Register nachschlugen, die vergilbten Beweisstücke hervorsuchten und ihre Vergleichungen anstellten.

Das Resultat derselben war so bedeutsam und wichtig, daß der Inspektor es für nöthig hielt, dem Präsidenten des Criminalgerichts davon Anzeige und zugleich die Beantragung einer Revision des Luckner’schen Prozesses zu machen. Um nicht unnöthiges Aufsehen zu erregen, wurde die Wiederaufnahme desselben ganz in der Stille und wie es hieß, nur wegen einer nachträglich nöthig gewordenen Regulirung der Thatsachen unternommen.

Die Entlastungszeugen für Graf Luckner mußten sich im Geheimen neuen Verhören unterziehen und hierbei fiel nun gleich, da der Verdacht einmal erregt, ein ganz anderes und mehr gravirendes Licht als ehedem auf das Benehmen des Fürsten von Benevent. Zuerst fand man da, daß seine Abwesenheit doch wohl nicht so kurz gewesen, als man im Trubel des Nachtmahls vermuthet hatte, dann aber entdeckte man bei genauer Untersuchung jener Retirade, in die sich der Fürst zurückgezogen, daß von dieser, durch Uebersteigung zweier Mauern, leicht ein Ausgang nach der Straße zu gewonnen werden konnte.

In der Untersuchung so weit gekommen, war es nun doch nöthig, in diese Wahrnehmung und die Angelegenheit mit dem Passe wo möglich einigen Zusammenhang zu bringen. Um diese Zeit in Erfahrung bringend, daß der Fürst von Benevent wegen einer Jagd auf einige Tage sein Hotel verlassen, hatte man nichts Eiligeres zu thun, als seinen Kammerdiener aus dem Hause zu locken, ohne Aufsehen zu erregen und sofort einem strengen Verhöre zu unterwerfen.

Ueber diesen ganzen Vorgang verdutzt und verworren gemacht, verstrickte er sich gleich bei seinen ersten Aussagen in so viel offenbare Lügen, Widersprüche und faktische Unrichtigkeiten, daß er nach argem Zusetzen endlich mürbe gemacht, schließlich dennoch eingestand, jenen Paß für den Fürsten in Bologna, wo er sich damals mit dessen Vater befand, ausgestellt und nach Paris gesendet zu haben.

Nachdem man so weit gelangt, ließ man den Mitschuldigen eines Verbrechens, dessen Motive man nicht absehen konnte, einstweilen in das Hotel des Fürsten wieder zurückbringen, aber nicht ohne dasselbe mit Polizei so zu umstellen, daß dem Eigenthümer aus diesem heraus einen Wink zu geben zur puren Unmöglichkeit ward.

Arglos, wie er gegangen, kehrte er denn auch am Abend des zweiten Tages in dasselbe zurück, und kaum darin angelangt, wurde der Palast in der Stille von der Polizei umstellt und Niemand mehr ein- oder ausgelassen.

Es war bestimmt, den Fürsten in der Frühe des folgenden Tages zu verhaften. Ehe es indeß dazu kam und während der Nacht ließ der auf diese Weise in seinem Hause gefangen Gehaltene durch einen seiner Leute ein Briefpaket unter der Adresse des Criminalgerichtshof-Präsidenten an einen der Polizisten abgeben, um sofortige Besorgung desselben ersuchend.

Der Präsident, aus dem Bette geholt, übernahm das Gebrachte, öffnete die Siegel und las, wie folgt:

  „Mein sehr geehrter Herr!

„durch meinen Kammerdiener von dem Vorgefallenen unterrichtet, komme ich, des Lebens überdrüssig und gedrängt von meinem Gewissen, Ihnen kurz und unumwunden das Geständniß des Verbrechens zu machen, dessen ich mich schuldig fühle und welches, wie ich wohl einsehe, nicht länger mehr verborgen zu halten bleibt. Da aber die Sache nicht leicht zu übersehen und in ihren Beweggründen sehr eigener Art ist, so müssen Sie gestatte, daß ich ein wenig weit aushole und Ihnen Dinge vor Augen führe, die Ihnen anfangs ungehörig erscheinen, schließlich aber doch als wichtig gelten werden.

„Mein Vater hatte, ehe er sich offiziell vermählte, eine geheime Liaison mit einer Gärtnerstochter zu Sorrent gehabt und mit dieser einen Sohn erzeugt. Die Geburt desselben fiel in die Zeit, in welcher er sich mit meiner Mutter vermählte, und diese, eifersüchtig auf ihre unebenbürtige Nebenbuhlerin und in Besorgniß, daß der Sprößling derselben ihren eigenen zu erwartenden Kindern Eintrag thun könne, wußte es zu machen, daß in dem Hause der Wöchnerin Feuer angelegt und diese, sammt dem Kinde, während man die Flammen zu löschen versuchte, nach Frankreich hinüber entführt wurde. Vom Schreck und den Strapazen der unfreiwilligen Reise erschöpft, erlag die ihrer Heimath und ihrem Gönner entrissene Frau einem raschen und unerwartet frühzeitigem Tode. Ihr Kind aber ward einer armen Wäscherin übergeben, die mit einem kleinen Handwerker in einer ungesetzlichen Ehe lebend und ihr Kind kurz nach der Geburt durch den Typhus verlierend, den verwaisten Knaben für eine beträchtliche Summe als den ihrigen annahm.

„Mein Vater, der von diesen Vorgängen natürlich nichts wußte und wie Alle, die Zeugen der Feuersbrunst gewesen, glaubte, daß seine Geliebte sammt dem Kinde den Tod dabei gefunden, gab, nachdem er lange umsonst geforscht, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, endlich seine Nachforschungen auf, und zwar um so mehr und vollständiger, als einige Monate darnach seine angetraute Gattin ihm in mir einen rechtmäßigen Stammhalter schenkte. Von da ab hat er weiter den Verschollenen nicht mehr nachgeforscht und eine ziemlich glückliche Ehe geführt. Eben als ich achtzehn Jahr alt geworden und nach Paris abzugehen im Begriffe war, erkrankte meine Mutter, die, ehe sie verschied, meinem Vater die Schicksale seiner Jugendgeliebten und ihres Sohnes beichtete. Gleich nachdem sie beerdigt, machte er sich nach Paris auf, um dort nach seinem natürlichen Sohne zu forschen. Da aber die Helfershelfer meiner Mutter bei der Entführung ihrer Nebenbuhlerin lange vor ihr gestorben, man Name, Wohnung und ferneres Geschick jener armen Wäscherin aber durchaus nicht kannte, so vermochte er, allem Eifer und aller Mühe zum Trotz, nirgends eine Spur von seinem Kinde zu entdecken.

„Ein Kammerdiener meines Vaters, sein intimster Vertrauter, der sich bei mir die Stellung in unserm Hause sichern wollte, verrieth mir dieses Geheimniß meiner Familie, indem er mir dabei zu verstehen gab, daß, wenn ich das große Vermögen des alten Fürsten mir ungetheilt erhalten wollte, ich dafür zu sorgen habe, daß die Entdeckung meines Bruders niemals stattfinde. Wie er mir gestand, war diese nur vermöge eines goldnen Reifes zu machen, den mein Vater in der Geburtsstunde seines natürlichen Sohnes durchgebrochen, zur Hälfte behalten und zur Hälfte der Mutter für den Neugeborenen übergeben hatte.

„Nachdem mein Vater unverrichteter Sache von seinen Reisen zurückkam, trat ich die meinige an, die sich natürlich nun auch zunächst nach Paris richtete. Hier lernte ich zufällig bei dem Grafen Emil Luckner einen gewissen Alfred Gautier kennen, bei dem ich einmal beim Billardspiel die Hälfte jenes Ringes an einer feinen goldnen Kette aus dem Gilet hervorhängen sah, dessen andere, dazu passende Hälfte mir jener Kammerdiener meines Vaters gezeigt hatte. Natürlich war augenblicklich mein Plan gemacht.

„Ich suchte Alfred Gautier einmal allein auf, ließ mir seine Geschichte erzählen, das Billet seiner Mutter, das ihm von seiner geheimnißvollen Herkunft berichtete, zeigen und erklärte ihm alsdann, daß wenn er mir die ganze Sache unter Angelobung unverbrüchlichen Schweigens gegen Jedermann in die Hand zu geben sich entschließe, ich Willens und im Stande sei, ihn seiem rechtmäßigen Vater in die Arme zu führen. Der harmlose, nichtsahnende Gautier, der zur Zeit, da mein Vater in Paris nach ihm forschte, sich Geschäfte halber in Amerika aufgehalten und von diesem Allen nichts wußte, ging dies gerne ein, überantwortete mir seine Papiere und that auch sonst, was ich von ihm heischte.

„Nachdem ich ihm nun also aufgetragen, sich für den 17. September mit Geld in hinreichendem Maße zu versehen, um damit eine größere Reise unternehmen zu können, übergab ich ihm einen, von dem in mein Komplott gezogenen Kammerdiener täuschend nachgemachten Paß mit dem Bedeuten, diesen und das Geld an den Grafen Luckner zu übergeben, mit dem ich dann das Weitere besprechen wolle, da ich wisse, daß dies sein bester Freund sei.

„Es war an eben diesem siebzehnten September mit Graf Luckner und einigen andern Bekannten ein Souper bei einem Restaurant auf dem Boulevard des Italiens festgesetzt und verabredet worden, mit der Bestimmung, die Wohnung des genannten Grafen als Versammlungsplatz anzunehmen. Bei dieser Gelegenheit wußte [338] ich mir einen Dolch des Grafen Luckner ungesehen zuzueignen, dessen ich zu meinem höllischen Vorhaben bedürftig war.

„Als es gegen Mitternacht war, zog ich Gautier bei unserm ziemlich laut und rauschend gewordenen Souper bei Seite, indem ich ihm sagte, er möge mit dem Grafen Luckner auf einem Wege, den ich ihm vorschrieb, nach Hause gehen. In der Rue des trois frères, nahe dem Hotel des trois frères, wollte ich dann zu ihnen stoßen und das Weitere mit ihnen Beiden gemeinschaftlich bereden. Doch möge er vorher mit seinem Freunde nicht über die Angelegenheit sprechen. Da ich wußte, daß Gautier gewissenhaft und folgsam war, so durfte ich mich auf sein gegebenes Versprechen verlassen.

„Kaum mochten Graf Luckner und Alfred Gautier zwölf Minuten fort sein, als ich mich, ein körperliches Bedürfniß vorschützend, nach dem Hofe begab, wo ich rasch im Dunkeln über eine Mauer setzte, einen Hof durchschlüpfte und dann durch kleine Nebengassen die Rue des trois frères erreichte, gerade in dem Moment, in welchem mein Opfer in dieselbe eingebogen war. Mich nun rasch mit einer Taffetkappe unkenntlich machend, sprang ich plötzlich aus einem Thorweg hervor, den Dolch dem armen Gautier so tief und fest in die linke Seite bohrend, daß ich beinahe verzweifelt wäre, ihn wieder aus der Wunde hervorzubringen. Indeß war ein tüchtiger Ruck doch hinreichend, ihn frei zu bekommen und damit dem mich verfolgenden Grafen Luckner zu entwischen.

„Erst als ich mich dem mir Nachrennenden um ein gutes Stück voraus wußte, schleuderte ich die Waffe fort und entkam. Nachdem ich nun noch meine Taffetkappe mit einem hineingebundenen Stein rasch in die Seine versenkt, eilte ich auf meinem früheren Wege in den Hof und von da zu meinen Genossen zurück, die meine Abwesenheit kaum bemerkt hatten und daher auch nie auf einen Verdacht gekommen sind.

„Die ganze Schwere desselben fiel, wie ich in Voraus gesehen und berechnet hatte, auf den Grafen Luckner, bei dem man meinen falschen Paß und Gautier’s Banknoten fand, und durch welche Dinge natürlich der Hauptverdacht auf ihn gelenkt werden mußte.

„Wie man sich erinnern wird, ward der Arme zu Anfange des folgenden Jahres zu ewigem Bagnogefängniß verurtheilt, in dem er sich, so viel ich weiß, noch befindet, und aus welchem ihm dies mein Geständniß nun endlich befreien muß.

„Mein Vater, der die an dem Lesen in den Assisenberichten erwähnte Ringhälfte seines Sohn wohl erkannte und vielleicht der einzige Mensch auf dieser Erde war, der in mir den Mörder vermuthete, ward zum Glück für mich beim Lesen der Verhörmittheilungen vom Schlage gerührt. Sein Tod machte mich nun zum unbestrittenen Erben seines großen Vermögens, dessen Besitz mich doch leider niemals glücklich gemacht hat.

„Von meinem Schuldbewußtsein unstät durch die Welt umhergetrieben, habe ich nie wieder eine frohe oder nur ruhige Stunde genossen. Von Reue gequält, von Gewissensbissen gemartert, erliege ich nach ein paar wüster Genußgier geopferten Jahren nun endlich und warhlich nicht ohne eine gewisse Genugthuung für mich selbst dem rächenden Arm der Gerechtigkeit, welchem ich mich gern und so von quälender Hast getrieben, unterwerfe, daß ich dem Urtheilsspruche des Tribunals vorgreifend, die Pistolen bereits geladen habe, die mich nach der Abfertigung dieses meines Bekenntnisses in das Jenseits befördern sollen.

„Wenn sie sich, hochgeehrter Herr, nach Lesung dieser Zeilen, in mein Hotel verfügen wollen, werden Sie nur noch die in ihrem Blute schwimmende Leiche eines unglücklichen Verbrechers finden, der bei dem verwirkten Heile seiner Seele, die Richtigkeit seines Geständnisses beschwörend, seine Seele der strafenden Allmacht Gottes anheim giebt.

 Paris, den 10. October 1827.

 Alphonso, Fürst von Benevent.“

Als nach Lesung dieser Zeilen der Präsident sich in Eile nach dem Hotel in der Rue du Bas verfügte, fand er daselbst die Dienerschaft sowohl wie die Polizeibesatzung in großer Aufregung. Einen Schuß in dem von Innen verschlossenen Schlafgemache des Fürsten vernehmend, war man eben gewaltsam in dasselbe eingebrochen, als der hinzueilende Gerichtshof mit den Andern eintretend, die Leiche des in seinem Schuldbewußtsein verzweifelnden Verbrechers mit zersprengtem Gehirn am Boden fand.

Wenige Stunden nach diesem schaurigen Ereigniß brachte der Telegraph die Ordre des französischen Gouvernements nach Brest, den Grafen Emil von Luckner auf der Stelle aus dem Bagno zu entlassen, da sich dessen vollständige Unschuld ergeben und der König Willens sei, ihn vor aller Welt in seiner Ehre wieder herzustellen.

In einem wahren Triumphe nach Paris gebracht, ward er sowohl wie die heroische Dame, die ihm seine fürchterliche Leidenszeit nach Kräften erleichtert, von dem Monarchen am Hofe empfangen und durch jede nur erdenkliche Gnade ausgezeichnet. Man ging sogar so weit, ihm eines der hervorragendsten Hofämter anzutragen.

Graf Luckner aber, schwer geprüft und durch das, was er erlitten, tief ernst und der Welt abwendig gemacht, lehnte alle Auszeichnungen und Gnaden von sich ab, heirathete in der Stille die Baronin Lagrange und siedelte nach der Schweiz über, wo er in genußvoller Zurückgezogenheit noch viele Jahre gelebt hat.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Beleidsbezeugungen