Ein beim Bergbau verschütteter und nach 6 Tagen geretteter Bergmann im Jahre 1712

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Autor: Heinrich Morich
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Titel: Ein beim Bergbau verschütteter und nach 6 Tagen geretteter Bergmann im Jahre 1712
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1929, S. 38–39
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Ein beim Bergbau verschütteter und nach 6 Tagen geretteter Bergmann im Jahre 1712.


     Um das Jahr 1700 war bei dem Flecken Lauterberg am Harz ein Kupferbergwerk aufgenommen, an das noch jetzt der Name „Kupferhütte“ im Luttertale erinnert. Die Gewerken hatten einige Gruben daselbst in beständigem Betriebe, unter anderen auch eine Grube namens „Aufrichtigkeit“ im Engertale, die aber noch im Entstehen begriffen war. Von dieser Grube erzählt eine alte handschriftliche Nachricht folgende Begebenheit:

     Wie nun zur Fortsetzung solchen Baues und Absinkung eines Schachtes ein Gaipel und Vorhaus vorgerichtet, so hat sich im Jahre 1712 als den 20. Oktober zugetragen, daß, da solcher Schacht bereits bey die 21 Lachter (etwa 42 Meter) vom Tage hinein niedergebracht, sich solcher abends zwischen 6 und 7 Uhr in dem oberen Stoß ein starker Bruch hervorgetan, solchergestalt, daß 5 Lachter vom Tage hinein der ganze Schacht sich zusammengeschoben und gänzlich mit einem starken Geprassel zugefallen, wodurch zugleich sich eine große Öffniße am Loche hervorgethan, und sowohl Gaipel als Vorhaus zu sinken angefangen.

     Da nun eben umme vorbenannte Zeit als den 20. Oktober 1712 abends zwischen 6 und 7 Uhr solche Grube mit zweyen Arbeitern im Tiefsten beleget gewesen, oben im Gaipel auch der Gaipeltreiber soeben getrieben und am Schachte ein Stürzer sich befunden, so ist dadurch geschehen, daß diese zwey Schacht-Arbeiters gänzlich, indem sie keine Auswege in solchem Schachte gehabt, verstürzet und solche 21 Lachter tief unter der Erde vergraben worden. Die übrigen beiden aber, so am Tage gewesen, werden mit Entsegen den gemachten Bruch gewahr und haben solche traurige Begebenheit weiter angemeldet.

     Es ist hierauf von denen dasigen als auch hernächst Andreasbergischen hinzukommenden Bedienten sogleich alle möglichste Anstalt zur Rettung solcher bestürzten zweyen Leute, als auch Vorbeugung weiteren Schadens gemacht. Wie man aber wohl nicht anders vermuten können, als daß solche Arbeiters nothwendig, weilen sie keine Auswege gehabt, wurden verdrückt und zu Tode kommen sein, so ist man doch durch gebunge vieler Zeichen und getanen Schreiens bemüht gewesen, ob man noch was Lebendiges würde vernehmen können, allein es hat sich hierauf nichts wollen hören laßen, weshalben denn nächstbestellinge zweyen Särge schleuniger Hand ange anget, ümme solche Leute je eher je lieber wieder hervorzubringen, zu welchem Angriff denn der öbere Stollen am bequemsten gefunden, auf welchem hinter dem liegenden des Schachtes angesetzet worben, ümme hemnächst nach dem anderen Stoß oder Fahrschacht zu kommen und daselbsten hineinzubrechen, allmo man doch berer Lewe ihre retirade (Zufluchtsort) präsumiret (vermutete).

     Während der Arbeit berichten einige Bergleute, daß sie am Sonnabend und Sonntage was pochen gehöret; als nun hierauf die Arbeit je mehr und mehr beschleuniget wurde, so hat man dennoch dieserhalb nicht eher völlige Gewißheit als den Montag erfahren, seit welcher Zeit man denen bestürzten Bergleuten etwas näher kommen, und hat man ein gegebenes Zeichen mit Pochen nicht allein sehr gut vernehmen können, sondern man ist durch Anhörunge eben soviel gegen Unschlagens, als man vorhergethan, gänzlich versichert worden, daß, wo nicht beibe, dennoch einer gemiß am Leben sein müßte.

     Dieses verursachte demnach nicht alleine eine große Freude bei denen Anwesenden, sondern verdoppelte auch die Kräfte deren hierzu destinirten (bestimmten) arbeitenden Bergleute, und wurde das Ort hinter dem Schachte stürmenweise fortgetrieben, wodurch man dann schon den Dienstag so weit kommen, daß man einen von denen Bestürzten ordentlich winseln und schreien hören, auch die Nacht und Mittwochen darauf mit selbigen sprechen können, wobei dann wahrgenommen, daß selbiger bereits in ein delyrium (Geistesverwirrung) gewesen, indem er bisweilen sehr kläglich und erbärmlich sich hören ließen, bald auch auf Anfrage, wo er steckte, recht geantwortet und den Ort angezeigt, bald aber ein anderes mit vermischten unverständlichen Worten geredet und hiernächst einige Stunden weg, ohne sich zu regen noch zu antworten, wieder stille gelegen.

     Indeßen so gelangte man mit steter Nacht- und Tagesarbeit bis zu dem Fahrschacht; wie man nun die Öffniße allda gemacht, so kunnte man doch wegen der augenscheinlichen Gefahr, worinnen die Bestürzten sowohl von neuem, als auch die Arbeiters hätten gerathen können, hieselbstens nichts ausrichten, sondern man mußte sich noch weiter bis hinter solchen Schachtstoß wenden, woselbsten dann mit göttlicher Hülfe man noch den Mittwochen Abend, als den 26. Oktober, soweit nieder kommen, und dahin gelanget, woselbsten einer von denen Bestürzten, des Namens Abraham Reinhard, aus Sachsen bürtig, sich noch am Leben gefunden.

     Bei gemachtem Durchschlage und noch nicht allzugroßer Oeffniße reichet der arbeitende Bergmann den Bestürzten mit der Hand, wogleich denn dieser, sobald er solchen Lichts und Hand gewahr worden, selben [39] mit großen Freuden ergriffen, dabei mit noch eigener Hülfe und Zuziehunge des andern aus diesem engen Loche mit Abscheurung seiner Hand und Abschürfung von denen Schultern sich hindurchgezwungen und also aus seinem elenden Behältniße endlich erlöset worden, nachdem er vom 20. abends zwischen 6 und 7 Uhr an bis den 26. Oktober eben bis zu solcher Zeit und also 6 volle Tage und Nächte unter der Erde vergraben gewesen.

     Als nun dieser Mensch solchergestalt wieder hervorgebracht, hat man ihn in einer elenden und erbärmlichen Gestalt gesehen, indem er nicht alleine wegen des damals eben zufallenden vielen regen Wasser in stetigem Schlamm und Drecke gelegen, besondern auch dabei nichts anders als nur das bloße Hemd auf dem Leibe gehabt, wodurch er denn ganz verfroren und in denen Beinen bereits kein Leben gefühlet.

     Inzwischen ehe man diesen armen Menschen wieder zu Tage ausbrachte, mußte er erst auf dem Stollen sich etwas Lufts erholen, wobei er dann von einem anwerenden Medico mit einigen Spiritus und Eingebunge etwas wenigen reinschen Weines erquicket den Stollen hinausgeführet und hiernächst in zugebundenen Betten in Begleitunge derer Anwesenden bey abend Zeit nacher Lauterberg gebracht wurde.

     Seinen Zustand während seiner unglücklichen Behaliniße betreffend, hat selbiger nach wieder verhohlten Kräften ausgesaget, daß er sich nach wahrgenommenen Bruche sogleich nebst seinem Gesellen namens Chorß Vater nach dem andern Stoß oder Fahrschacht retirirt; wie er wäre der erste gewesen, habe er sich unter einen Tragstempel, allwo man ihn auch gefunden, versteckt, sein Geselle aber wurde gleich hinter ihm von dem hereinfallenden Berg verschüttet, und wie er noch ein wenig mit jämmerlicher Stimme um Hülfe geschrien, er aber ihm zu helfen nicht vermocht, sei er von einem noch nachkommenden Schub gar verdrückt und habe nach gethanen paarmaligem Anken das Leben eingebüßt, wie man selbigen denn auch nachgehends als den 28. Oktober mit großer Gefahr, weilen er im Bruche gestecket, tot gefunden und herfürgebracht.

     Abraham Reinhard sein Behältniß unter gedachtem Tragstempel wäre so eng gewesen, daß er weder recht sitzen, stehen, noch liegen können, wie derselbe seit der Zeit auch nicht das geringste, als einmal sein eigen Wasser und nachgehends etwas von dem schlammigen eingedrungenen regen Wasser genoßen, weilen ihn mehr der Durst als der Hunger geplaget. Er hätte sich sonsten in dieser seiner großen Not mit Gebeten dem Allerhöchsten anbefohlen, und in Furcht und Hoffnunge, erlöset zu werden, wäre er bis in den dritten Tag bey Verstande geblieben, wüßte aber nachgehends nicht recht, was oder wie ihm geschehen wäre, weswegen er denn auch in meinunge, daß er bey seiner Frauen, alß welche man von ihm öfters rufen gehöret, sein Zeug mit einander abgestreifet, umme selbiges wieder zu trucknen.

     Was übrigens auch seine Wiedergenesung anlanget, jo ist er zwar anfänglich mit starken Ohnmachten befallen gewesen, jedoch aber, nachdem er einige Tage hier hernach auf Herzberg unter guter Pflege untergebracht, innerhab 6 Wochen völlig kurieret worden, daß er auch hiernächst seine vorige Gruben-Arbeit wieder gethan, doch aber nicht auf seiner verunglückten, sondern auf einer andern Grube angefahren.