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Textdaten
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Autor: Carl Vogt
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Titel: Ein Wort über See-Aquarien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 38–39
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[38]
Ein Wort über See-Aquarien.
Von Carl Vogt.


Mit äußerster Befriedigung habe ich die schönen Schilderungen aus der zoologischen Station von Neapel gelesen, welche die „Gartenlaube“ im Laufe des verwichenen Jahres (Nr. 41, 42) brachte. Der Verfasser, G. H. Schneider, hat sich ohne Zweifel ein großes Verdienst erworben, indem er Ihre Leser von Neuem auf dieses Institut aufmerksam machte, das Dr. Anton Dohrn mit schwerer Arbeit und bedeutenden Opfern in’s Leben gerufen hat. Seitdem die großartige Anstalt errichtet wurde, ist ein Fortschritt der zoologischen Wissenschaften ohne die Beihülfe derselben oder ähnlicher Arbeitsstätten nicht mehr denkbar. Wie einst das Liebig’sche Laboratorium den Anstoß zu einer neuen Periode der Chemie gab, so wird die Geschichte später die Dohrn’sche Station als den Ausgangspunkt einer neuen Entwickelungsepoche der Zoologie nennen, und es wird uns Deutschen immer hoch angerechnet werden müssen, daß wir, in der Hauptsache doch Binnenländer, zuerst den Gedanken der Errichtung von naturgeschichtlichen Laboratorien am Meeresstrande zur Reife und zur Ausführung brachten.

Wenn aber in der Dohrn’schen Station die Wissenschaft einen wahren Brunnquell gewonnen hat, zu welchem jährlich die Forscher wallfahrten, um neue Untersuchungen anzustellen; wenn im Wetteifer mit der Mutteranstalt zahlreiche Töchterinstitute sich gebildet haben, meist mit geringeren Mitteln ausgestattet und mit weniger Feuereifer geleitet und unterhalten: so dürfen wir neben der Unterstützung der rein wissenschaftlichen Seite nicht vergessen, daß die Dohrn’sche Station eben durch die Großartigkeit ihrer Mittel und den unerschöpflichen Reichthum des benachbarten Meeres auch das allgemeine Interesse weckt und fördert, welches jeder Gebildete an den Wundern der Salzfluth nimmt. Mit sicherer Hand hat G. H. Schneider die Leser der „Gartenlaube“ in das Leben und Treiben der die Bassins bewohnenden Thiere eingeführt und durch diese Weckung des allgemeinen Interesses auch die Zwecke der Wissenschaft selbst gefördert. Denn die Signatur unserer Zeit liegt ja gerade in dem demokratischen Zuge, in der allgemeinen Theilnahme der großen Menge an den Forschungen und Ergebnissen der Wissenschaft. Man weiß, daß unser ganzes Leben, unsere gesammten Anschauungen in den Naturwissenschaften ihre Grundlage haben; man weiß, daß jede Forschung, sei sie scheinbar noch so theoretisch und abstract, dennoch ihren Lohn auch für die große Masse mit sich bringt und daß diese wieder, durch die Theilnahme, welche sie bezeigt, durch die Anfeuerung, welche durch ihren Beifall erzeugt wird, helfend und fördernd auf die Forscher selbst zurückwirkt. Wer die Schneider’schen Schilderungen gelesen hat, wird mit ganz anderen Augen, als vorher, die in Museen und Sammlungen aufgespeicherten Schätze betrachten und bei Reisen an das Meer selbst die durch Lectüre erworbenen Kenntnisse zu erweitern und mittelst Selbstbeobachtung zu ergänzen trachten.

Der Reiz der Neuheit, die Sonderbarkeit der Formen und Gestalten, die unvergleichliche Pracht und der Schmelz der Farben, welche die Thiere des Meeres zuweilen kennzeichnen, sind ohne Zweifel auch Ursache gewesen, weshalb die See-Aquarien, die jetzt in vielen Städten in Verbindung mit zoologischen Gärten oder unabhängig von denselben eingerichtet worden sind, sich schnell in der Gunst des Publicums festgesetzt haben. Man betrachtet, staunt, freut sich und lernt, ohne sich Rechenschaft zu geben, wie; man glaubt schon tiefer in die Geheimnisse der Natur eingedrungen zu sein, wenn man hinter den Spiegelscheiben das Leben und Treiben belauscht, welches unter dem Wasserspiegel auf dem Boden des Meeres sonst ungesehen sich abspielt. Aber die Auswahl der Thiere, welche in solchen binnenländischen Aquarien gehalten werden können, ist nothwendiger Weise schon weit beschränkter, als diejenige für die Aquarien am Seestrande. Es hat vieler und kostspieliger Versuche bedurft, ehe man zu richtigen Methoden des Transportes, der Erhaltung und Ernährung, der Erneuerung des Wassers und der Luft gelangte, durch welche man dennoch nur einen Theil der Seethiere in solchen Aquarien bewahren konnte. Eine Menge der reizendsten Organismen sind, bis jetzt wenigstens, geradezu transportunfähig zu nennen. Das Aquarium von Neapel kann sozusagen täglich einige seiner Bassins mit Quallen, Medusen, Schwimmpolypen und anderen glasartig durchsichtigen, mit den feinsten Farben geschmückten Organismen füllen, ohne von deren Zerstörung nach kurzer Lebensfrist etwas Anderes befürchten zu müssen, als die Verunreinigung des leicht zu ersetzenden Seewassers – bis jetzt ist jeder Versuch verunglückt, diese zarten Wesen auf größere Strecken hin zu transportiren. Für andere haben sich durchaus noch keine Methoden der Ernährung finden lassen; die Strömungen, welche ihnen mikroskopische Nahrung auf dem Boden des Meeres zuführen, fehlen in den Aquarien – die Thiere gehen nach längerer oder kürzerer Zeit durch Verhungern zu Grunde. Ein an dem Meere gelegenes Aquarium kann die meisten derselben, wenn sie nicht allzu selten sind, ersetzen; das Binnen-Aquarium kann die Kosten, welche Ankauf und Transport solcher Hungerthiere verschlingen, nicht leicht tragen und sieht sich genöthigt, von ihrer Haltung abzusehen. Wieder andere bedürfen einer großen Wassermasse, lebhafter Bewegung derselben, beständiger Erneuerung der Luft; es gelingt schon leichter, diese Bedingungen im Binnenlande herzustellen, wenn man diese Geschöpfe einmal an Ort und Stelle hat, aber der Transport, besonders ein längerer, tödtet die meisten und zwar gerade die für das Publicum anziehendsten Thiere, und macht dadurch auch diese Classe von Wesen zu einem theuren Artikel.

Indessen hat man eben in diesem Punkte ungemeine Fortschritte gemacht. Wenn einmal die Stoffe bekannt sind, von welchen die Thiere sich nähren (und die meisten sind gerade nicht wählerisch in dieser Beziehung), so liefert uns die Erkenntniß, daß es die im Seewasser aufgelöste Luft ist, auf deren Kosten die Thiere athmen, auch die Mittel an die Hand, um solche Luft ihnen zuzuführen. Ob dies in der Weise geschehe, daß das Wasser, in feine Tropfen als Regen oder Nebel zertheilt, durch die Luft getrieben wird und sich dadurch mit Sauerstoff sättigt, oder ob es in der Art bewerkstelligt werde, daß fein vertheilte Luft in das Wasser eingeblasen wird, durch welches sie hindurch perlt, ist im Grunde vollkommen gleichgültig, wenn nur der Zweck der vollständigen Sättigung des Wassers mit Luft erreicht wird. Die Erfahrung hat gezeigt, daß dasselbe Meerwasser ohne Erneuerung Jahre lang die Thiere beherbergen kann, wenn es nur beständig mit Luft gesättigt erhalten wird. Sind die Apparate so hergestellt, daß das Wasser beständig lufthaltig und klar bleibt, so sind auch die für das Leben der Thiere nothwendigen Bedingungen hergestellt, sobald für ausreichende Fütterung gesorgt ist.

Nothwendiger Weise wird sich aber die Auswahl der Thiere und auch die Anwendung der verschiedenen Lüftungsmethoden des Seewassers um so mehr beschränken, je beschränkter die Räumlichkeiten und die Hülfsmittel sind, über welche man gebietet. Wo große Bassins zu speisen, bedeutende Wassermassen zu heben oder große Luftmengen einzublasen sind, da wird man andere Bewegungskräfte anwenden müssen, als da, wo es nur gilt, ein Behältniß von wenigen Litern zu speisen. So streckt sich denn jede Anstalt nach ihrer Decke, wie dies ja auch in anderen Lebensverhältnissen geschehen muß.

Jedem Naturforscher, der den Meeresstrand besucht und dort Studien gemacht hatte, mußte notwendiger Weise der Wunsch erwachsen, dieselben zu Hause fortsetzen zu können – ich bin überzeugt, daß fast Jeder Versuche gemacht hat, lebende Thiere bei sich aufzuziehen und zu beobachten. Jedes Jahr bringt in den wissenschaftlichen Journalen die Anpreisung einer neuen Methode, und täglich wird man inne, daß die meisten derselben entweder nur höchst unzureichend sind oder speciell nur auf einzelne Wesen angewendet werden können. Bei den meisten fehlt auch – gestehen wir es nur geradezu ein! – die liebende Sorgfalt in der Behandlung der Thiere. Naturforscher sind nur selten zugleich gute Thierzüchter gewesen; ihre Forschung steckt ihnen meist andere Ziele, als diejenigen sind, welche der Besitzer einer Menagerie oder eines Hühnerhofes sich vorsetzt. Hier dürfte wohl mit der Zeit die Beihülfe der Gebildeten fördernd einwirken.

Ein ähnliche Verlangen wie dasjenige, welches den Naturforscher treibt, wird auch wohl bei Manchem von denen entstehen, welche ein binnenländisches Aquarium gesehen, oder Schilderungen wie die Schneider’schen gelesen, oder endlich die schönen nach [39] dem Leben gefertigten Zeichnungen betrachtet haben, womit Johanna Schmidt, die begabte Tochter des Straßburger Professors Oscar Schmidt, den Band aus Brehm’s „Thierleben“ geschmückt hat, dessen trefflichen Text wir ihrem Vater verdanken. Wie reizend, wenn man auch nur einige dieser seltsamen Typen, einige Meer-Anemonen, einige Fischchen und Seepferdchen, einige Krabben oder sonstiges Krustergekrabbel bei sich zu Hause beobachten und pflegen könnte! Die Süßwasser-Aquarien haben überall als Zimmerschmuck, als Belehrungsmittel Eingang gefunden, warum sollte Gleiches nicht mit See-Aquarien stattfinden können? Freilich bedarf es hier der Ueberwindung größerer Schwierigleiten; wenn auch genügende Apparate hergestellt werdend können zur Durchlüftung des Wassers, so ist es weit schwieriger, die Bewohner zu beschaffen. Die Bestrebungen der Einzelnen, die etwa aus Seebädern Thiere mitnehmen möchten, reichen hier nicht aus.

Ich habe mich in meinem Laboratorium in Genf schon öfter mit mancherlei Versuchen abgeplagt, ohne das mir Zusagende finden zu können. Um so mehr ist es mir eine Freude, hier sagen zu können, daß ich von einem kleinen Zimmer-Aquarium, welches ich nebst seinen Einwohnern, bestehend aus verschiedenen Arten von See-Anemonen, Krabben, Zahnkarpfen und Seepferdchen, von den Gebrüdern Sasse, Markgrafenstraße in Berlin, bezogen habe, vollständig befriedigt bin. Seit acht Monaten steht dieser kleine, etwa einen Fuß hohe, etwas längere Glaskasten in meinem Laboratorium, und die Thiere leben darin in vollkommener Frische, obgleich ich absichtlich manche ungünstige Verhältnisse gehäuft habe. Das Aquarium steht nämlich unmittelbar an einem Fenster, das von drei Uhr Nachmittags die Sonnenstrahlen direct erhält. Es war leicht ersichtlich, daß die Thiere dieses durch das Wasser hindurchfallende Sonnenlicht sehr unangenehm empfanden; die Anemonen zogen sich zusammen und entfalteten sich nur in trüben Tagen oder nach Sonnenuntergang; Fische und Krabben versteckten sich so viel wie möglich. Das Aquarium wurde also durch einen den Sonnenstrahlen undurchdringlichen Vorhang geschützt. Die Wärme ist ebenfalls kein zu verachtender Feind – aber nichtsdestoweniger haben die Thiere die heißen Sommermonate ebenso glücklich überstanden, wie jetzt die kalten Wintermonate, während welcher freilich das Laboratorium wie ein gewöhnliches Zimmer geheizt wird.

Ohne Zweifel ist dieses günstige Resultat der ausreichenden Lüftung zu verdanken, welche in außerordentlich einfacher Weise hergestellt wird. Ich will den Apparat nicht beschreiben – er beruht auf dem einfachen physikalischen Grundsatze, daß strömendes Wasser Luft mit sich reißt. So fließt denn entweder aus einer Maschinenleitung, die ja jetzt fast in allen Städten vorhanden ist, oder aus einem in einiger Höhe aufgehängten Reservoir süßes Wasser durch eine dünne Glasröhre ab, welche oben in einen mit einer Oeffnung versehenen Knoten geschlungen ist. Die hier eintretende Luft wird von dem strömenden Wasser mit hinabgerissen und sammelt sich in einem Glase an, aus welchem eine Röhre mit höchst feinem Ausgang in das Aquarium führt. Dort perlt nun beständig die Luft hervor, welche von dem im Glase sich sammelnden und beständig durch einen Heber abfließenden Wasser comprimirt wird.

Die erste Aufstellung des Apparates ist nicht ganz leicht; es müssen dabei die Niveauverhältnisse wohl berücksichtigt und der Zufluß des süßen Wassers von oben, sowie der Abfluß desselben unten genau geregelt werden; ist dies aber einmal geschehen, so arbeitet den Apparat, wenn er von einer Wasserleitung gespeist wird, ununterbrochen Monate hindurch ohne weitere Mühe fort und die Luft perlt Tag und Nacht durch das Aquarium, dessen Seewasser klar und hell bleibt und keiner Erneuerung bedarf. Hat man keinen laufenden Wasserstrom zur Verfügung, so genügt ein kleines Reservoir oben und ein entsprechendes unten, deren Capacität so bemessen ist, daß das einmalige oder zweimalige Füllen im Laufe von 24 Stunden genügt, um beständig Luft durch das Aquarium zu treiben.

Für die Thiere, welche ich aufzählte, genügt als Nahrung fein geschnittenes Fleisch, Abfälle aus der Küche. Es ist ungemein unterhaltend zu sehen, wie die kleinen Zahnkarpfen die Fleischstückchen in dem Wasser wegschnappen, ehe sie zu Boden fallen, wie sie sich darum jagen und streiten, wie die Meer-Anemonen ihre Fühlerkreise öffnen, den weiten Mund hervorstülpen und dann durch Zusammenbiegen der Fühler den Bissen in den weiten Magensack hineinschieben, wie die listigen Krabben bald den Fischen ihre Beute entreißen, bald mit Scheeren und Füßen das Fleischstückchen aus den Fühlfäden der Meer-Anemonen herauszuangeln suchen, um es gegen die Brust zu drücken und seitwärts tänzelnd sich in eine Ecke zurückzuziehen, wo sie es mit Muße verzehren.

Es genügt, hier auf die Anstalt der Gebrüder Sasse aufmerksam gemacht zu haben, die mit Aquarien, Lüftungsapparaten und Thieren reich versehen ist und dem sinnigen Beobachter der Natur manche Freude verschaffen mag. Wenn gehörig angelegt und eingerichtet, bietet das Seewasseraquarium weit weniger Schwierigkeiten der Besorgung und Erhaltung, als die gewöhnlichen Süßwasseraquarien, deren Wasser sich viel leichter zersetzt und dann die Thiere tödtet. Nur vor Einem möchte ich die Liebhaber noch zum Schlusse warnen: man hüte sich vor allen Meerpflanzen wie vor Gift! Die ganz grünen, meist handartig ausgebreiteten Ulven, die etwa wie Salatblätter aussehen, können noch allenfalls zur Erhaltung des Wassers beitragen; alle andern Tange, mögen sie roth oder gelbgrün aussehen, sterben schnell ab, zersetzen sich und füllen das Aquarium mit fauligem Schleime, der auf die meisten Thiere geradezu giftig wirkt. Aber auch die Ulven haben das Unangenehme, daß sie zahlreiche mikroskopische Keimkörner und Schwärmsporen ausstreuen, die sich an den Wänden des Aquariums festsetzen, dieselben mit grünem und braunem Beschlage undurchsichtig machen und meist so fest haften, daß sie kaum mit steifen Bürsten und auch so nicht vollständig sich entfernen lassen. Ich habe eine solche Ulve zur Zeit in einem Aquarium gehabt, und obgleich dasselbe mehrfach ausgeputzt und selbst ausgetrocknet wurde, entwickeln sich noch immer die Vegetationen an den Wänden, sobald dasselbe neu besetzt wird. Freilich dienen die Sporen und Keimkörner manchen Thieren, wie namentlich gewissen Meerschnecken, zur Nahrung, aber diese bringen wieder die Unannehmlichkeit des vielen Schleimes, den sie absondern, und sind deshalb meist lästige Bewohner der Aquarien.

Der sinnige Beobachter wird in dem Besitze eines solchen Aquariums gewiß noch manche Momente finden können, die den Forschern bis jetzt entgangen sind und wichtige Fingerzeige geben mögen zur Erhaltung bis jetzt noch uncultivirbarer Thiere. Aber wenn auch dies nicht wäre, so wird seine Sorgfalt durch manche Freude belohnt werden, welche ihm die Beobachtung selbst bietet.