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Titel: Ein Theolog über die Christlich-Sozialen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 550–551
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[550] Ein Theolog über die Christlich-Socialen. Der orthodoxe Pastor Todt hat nicht blos in einem vielbesprochenen Buche die erste wirksame Anregung zur Gründung der neuen Secte „Christlicher Sozialisten“ gegeben, es ist ihm in diesem Buche auch eine recht offenherzige und leicht verständliche Andeutung über die eigentlichen Absichten dieser neuerdings so vieles Geräusch erregenden Bewegung entschlüpft. Um nämlich den Eifer der Amtsbrüder für diese jüngste Art pietistischer Wühlerei auf den erforderlichen Wärmegrad zu bringen, giebt ihnen Herr Todt ausdrücklich den Wink, daß „die Geistlichkeit, wenn sie dieser Richtung folgt, einen überwiegenden Einfluß auf die Institution der Völker behaupten werde“. Hierzu bemerkt der berühmte Theologe, Professor und Kirchenrath Schenkel in Heidelberg: Deutlich entlarvt sich in diesen Worten die hinter den Bestrebungen jener socialistische Partei lauernde Herrschsucht. Der ‚christliche Staatssocialismus‘ erklärt damit unumwunden: ‚Unser Reich ist von dieser Welt.‘ Und wenn er gar, wie dies unlängst geschehen ist, die abgenöthigte Enteignung der städtischen Hauseigenthümer zu Gunsten einer socialistischen Wohnungsgenossenschaft in das Programm seiner Vorträge aufnimmt, dann hat er sich auf die schiefe [551] Ebene eines Communismus begeben, der uns unter der Maske des Christenthums auf’s Widerlichste angrinzt. Dieser Ausblick in die Zukunft ist wahrhaftig nicht erfreulich. Aber der Schleier muß gelüftet werden; die Zeit ist zu ernst und gefahrvoll, als daß wir uns in optimistischen Illusionen wiegen dürften. Aus erhabenem Munde ist in Folge eines ruchlosen Verbrechens, das uns in einen Abgrund sittlicher Verwilderung blicken läßt, das Wort gesprochen worden: ‚Die Religion muß uns helfen.‘ Wer möchte nicht aus vollstem Herzen in dieses Wort einstimmen? Die Religion wird uns aber nur dann helfen, wenn sie sich nicht auf die Irrwege der Hierarchie und des Satzungswesens verirrt, wenn sie auf ihrem eigenen Gebiete verbleibt und mit den ihr eigenen geistigen Kräften, insbesondere im Glauben und mit der Liebe arbeitet, wenn sie weder den Staat beherrschen, noch die Gewissen bevormunden will. Leider scheinen die Diener der Religion in der Mehrzahl jetzt anderer Meinung zu sein. Und so muß es sich denn zeigen, was das deutsche Volk in seinen berufensten und urtheilsfähigsten Vertretern zu der gegenwärtigen so bedeutungsvollen kirchlichen und gesellschaftlichen Krisis sagt.“

Der angeführte Ausspruch gegen eine für unsere Zeit wahrhaft unbegreifliche Wüstheit und Verwilderung religiösen Denkens findet sich am Schlusse eines ausgezeichneten Aufsatzes, den Schenkel im diesjährigen Julihefte der von Richard Fleischer herausgegebenen „Deutschen Revue über das gesammte nationale Leben der Gegenwart“ veröffentlicht hat. Wir können dieser Zeitschrift um solcher und ähnlicher Gaben willen nur weiter das ersprießlichste Gedeihen wünschen. Auch in ihrem neuen Verlage (Otto Janke in Berlin) hat sich die „Deutsche Revue“ den bisherigen Charakter belehrender Gediegenheit und den glänzenden Kreis regelmäßig mitarbeitender Autoritäten für alle Fächer bewahrt, während die Anordnung des Ganzen im Interesse des Geschmackes und der Uebersichtlichkeit wesentliche Verbesserungen zeigt. Namentlich Aufsätze wie der Schenkel’sche – wir heben nur diesen aus einer ganzen Reihe von interessanten Gaben hervor – sollten eine weite Verbreitung in einem Momente finden, wo neben der Fanatisirung und Verthierung der Massen durch den frivolsten Materialismus auch der roheste hierarchische Hochmuth seine Fahne so keck entfaltet, daß vor einiger Zeit in der That ein mecklenburgischer Pastoralverein zur Heilung aller gesellschaftlichen Schäden als höchstes zu erstrebendes Ziel an die deutschen Regierungen die Mahnung zu richten wagte: „Der Ketzerbegriff muß wieder hergestellt werden.“