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Titel: Ein Mittagsmahl bei Peter dem Großen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 348
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[348] Ein Mittagsmahl bei Peter dem Großen. In einem Schreiben, das der Kanonikus von Lüttich und Propst von St. Croix, Herr von Launage, an den Minister und Staatssecretair des Kurfürsten von Cöln 1717 richtet, wird ein Diner beschrieben, das Peter der Große gegeben hat. Der Brief lautet: „Am Freitag kam ich nach Spaa, wo der Zaar sich gerade befand, und in einem Zelte wohnte. Ich nahm mir die Freiheit, ihm ein Becken voll Kirschen und Feigen aus meinem Garten zu präsentiren. Das war ihm sehr angenehm; er machte sich sogleich darüber her und, ungedenk vermuthlich, daß er am Morgen seine einundzwanzig Gläser Wasser zu sich genommen hatte, verzehrte er, ehe man sich’s versah, ganzer zwölf Feigen und etwa sechs Pfund Kirschen. Den Tag darauf erzeigte er mir die Ehre, mich zur Tafel zu bitten. Es wäre nicht halb recht, wenn ich Ihnen von dieser merkwürdigen Mahlzeit keine Beschreibung geben wollte, von der man nur sagte, daß Se. Majestät gewöhnlich so dinire. Die Tafel war eigentlich nur zu acht Couverts, aber man hatte das Geheimniß verstanden zwölf Personen daran zu placiren. Der Zaar saß oben an in der Nachtmütze und ohne Halsbinde, wir übrigen saßen längs um den Tisch hin, aber wohl einen guten Fuß davon ab, Zwei Soldaten von der Garnison trugen jeder eine große Schüssel auf, in welcher platterdings gar nichts war, außer daß am Rande irdene Näpfchen voll Bouillon standen, in deren jedem ein Stück Fleisch lag. Jeder nahm seinen Napf und stellte ihn vor seinen Teller hin. Dadurch entstand aber, die Entfernung vom Tische selber hinzugenommen, eine solche Weitläufigkeit und Unbeholfenheit, daß man, um einen Löffel voll Suppe herauszuholen, den Arm so weit ausrecken mußte, als wenn man rappiren sollte. Hatte man seine Bouillon auf, und verlangte noch mehr, so sprach man ohne Umstande dem Napf des Nachbars zu, wie Se. Majestät selber, der mit dem Löffel in den Napf seines Kanzlers fuhr. Der Galeeren-Admiral schien gar keinen Appetit zu haben, denn er amüsirte sich daran, an den Nägeln zu kauen. Nun kam ein Kerl, der sechs Bouteillen Wein auf die Tafel nicht stellte, sondern gleich einer Handvoll Würfel hinkollerte.

Der Zaar nahm eine davon, und schenkte jedem Gast ein Glas davon ein. Mein Platz war neben dem Kanzler; als dieser gewahr wurde, daß ich das Fleisch ohne Salz aß, denn leider stand nur ein einziges Salzfäßchen auf dem Tische, und zwar ganz oben, neben dem Zaar, so sagte er mir sehr artig: Wenn Sie Salz haben wollen, mein werthester Herr, so langen Sie nur ohne Umstände zu. Um mich nicht gimpelmäßig zu benehmen, so streckte ich meinen Arm geraden Weges nach dem Platze des Zaaren hin, und versorgte mich auf diese Manier mit Salz die ganze Mahlzeit über. Auf dem Tische sah es schön aus. Fast aus allen Näpfen war Brühe auf das Tischtuch verschüttet, so auch der Wein, weil die Bouteillen nicht ordentlich zugepfropft wurden. Als man von der Tafel aufstund, war das Tischtuch über und über mit Fett und Wein getränkt. Nun kam das zweite Essen. Einem Soldaten, der eben zufällig vor der Küche vorbeigegangen war, hatte man eine Schüssel aufgepackt, und da er darüber nicht Zeit gehabt hatte seinen Hut abzuthun, so schüttelte er beim Eintreten mit dem Kopf, damit er von selber herunterfiele. Aber der Zaar gab ihm ein Zeichen, er möge nur kommen, wie er wäre. Dies zweite Gericht bestand aus zwei Kälberkeulen und vier jungen Hühnern. Se. Majestät nahm das größte davon mit der Hand aus der Schüssel, rieb es sich prüfend unter die Nase und, nachdem er mir durch einen Wink zu verstehen gegeben, daß er es köstlich finde, war er so gnädig, es mir auf meinen Teller zu werfen. Die Schüssel ward übrigens von einem Ende des Tisches zum andern geschoben, ohne daß damit ein Unglück arrivirt wäre, was eigentlich auch gar nicht möglich war, da außer ihr gar nichts weiter auf dem Tische sich befand, und die Fettrinde auf dem Tischtuche die Passage ziemlich erleichterte. Das Dessert bestand aus einem Teller mit Biscuits aus Spaa, nach welchem man sich endlich von der Tafel erhob. Der Zaar ging an ein Fenster; hier fand er ein paar Lichtscheeren, mit denen er, so voll Talg und angerostet sie auch waren, sich die Nägel putzte. Glücklicher Weise war die Zeit da, mein Brevier zu lesen, und so kam ich mit guter Manier davon.“