Ein Füsilier vom Regiment Nr. 64

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Titel: Ein Füsilier vom Regiment Nr. 64
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 632; 633;
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[632]
Ein Füsilier vom Regiment Nr. 64.[1]


  1.
Die Schlacht ist endlich ausgeschlagen,
Die heiße Schlacht von Vionville.
Den Sieg hat Preußen heimgetragen,
Und nach dem Lärm ist’s todtenstill.
So müde nun bis zum Ermatten,
Wo alle Sehnen angespannt,
Trägt man im kühlen Abendschatten
Die Wunden zu des Arztes Hand.

  2.
Da lehnt an einem Pappelstamme,
Dicht hinter’m Dorfe Vionville,
Beleuchtet von der Häuser Flamme,
Ein Füsilier, so bleich und still.
Die Kugel hat auch ihn gefunden,
Wie er als Tirailleur hier stand.
Nun hat der Brave überwunden,
Der eisern stand für’s Vaterland.

[633]

  3.
Doch ob das Haupt vom Blut umflossen
Obgleich er wußt’: Nun ist’s genug –
Die Rechte hält noch fest umschlossen
Ein Blatt aus seinem Taschenbuch.
D’rauf schrieb bei seinem wehen Scheiden
Die Liebste ihm ein altes Lied …
Das nun versüßt des Sterbens Leiden,
Mit dem die Seele ihm entflieht.

  4.
„Wenn Zauberbande Dich umstricken,
Denk’ an Mariens Thränenblick;
Wenn Schönere Dir Blumen pflücken,
Denk’ an die Dulderin zurück!
Nicht theilen sollst Du ihre Leiden,
Nicht fühlen, was das Herz ihr bricht –
Sei Du umringt von tausend Freuden
Nur, Glücklicher: Vergiß mein nicht!“

Die Gartenlaube (1870) b 633.jpg

Ein Blatt aus seinem Taschenbuch.“
Nach einer Skizze von Fritz Schulz.

Er hat Dich wahrlich nicht vergessen.
Maria, mit dem Thränenblick.
Wie er mit Deinem Lied gesessen
Vergaß er Tod und Mißgeschick.
Ich nahm im leisen Abendwehen
Das Liebesblatt aus seiner Hand,
Und dachte still im Weitergehen
An’s eigne Lieb im Vaterland.

Hauptquartier Doncourt, 26. August 1870. Wilhelm Petsch, Unterofficier.



  1. Wir erhalten zugleich mit dem obenstehenden, in seiner Einfachheit und Empfindung rührend schönen und tief ergreifenden Gedicht folgende Zeilen: „Unweit des Dorfes Vionville fand ich diesen Füsilier vom achten brandenburgischen Infanterieregiment Nr. 64 (Prinz Friedrich Karl von Preußen); an dem Baume, an welchem er Deckung gesucht, hatte ihn die Kugel getroffen, er lag noch in derselben Stellung, wie er gefallen. Seine Hand hielt ein kleines Notizbuch umfaßt, und darin stand von Mädchenhand mit Blei das Gedicht geschrieben, das ich Ihnen in der Beilage schicke und dessen schönster Theil mit vielem Geschick als vierte Strophe in das obige Gedicht aufgenommen worden ist. Dieses letztere allein ist es eigentlich auch, das mich veranlaßt, Ihnen die sonst unbedeutende Skizze zu schicken. Es rührt von meinem Freund, dem Lehrer und Unterofficier des zwanzigstem Landwehrregiments, Wilhelm Petsch, her, zur Zeit im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl, und läßt Ihre Leser einen Blick thun auf die rührenden Scenen, die auf dem Schlachtfelde mit jedem Schritte sich immer herzbewegend darbieten. Wie heftig übrigens an jener Stelle, auf der wir den gefallenen Füsilier fanden, das Gefecht gewüthet hatte, können Sie aus meiner sehr treu gehaltenen Skizze erkennen. Der Boden war durchwühlt von feindlichen Granaten, auch von mehreren Geschossen aus Mitrailleusen. Auf der Chaussee brannte ein französischer Regimentskarren, nach dem Helm zu urtheilen, der eines französischen Kürassierregiments.
    Fritz Schulz, 
    Maler im Hauptquartier der zweiten Armee (Prinz Friedrich Karl.)“