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Titel: Ein Berg- und Strombezwinger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 287–288
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[287]
Ein Berg- und Strom-Bezwinger.


Vor wenigen Wochen beging in Wien der österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum, nachdem nur sieben Tage vorher der Präsident desselben durch eine neue außerordentliche Leistung in seinem Berufe abermals dargethan, daß er seiner Stellung an der Spitze eines so bedeutenden Vereins vollkommen

Die Gartenlaube (1874) b 287.jpg

Wilhelm Ritter von Engerth.

würdig sei. Die letztere Leistung ist das bereits vielbesprochene und oft abgebildete Eissperrschiff, welches den Wiener Donaucanal vor Vereisung und die Vorstädte Wiens an der Donau vor Ueberschwemmung beschützen soll und das am dreizehnten December vorigen Jahres seiner Bestimmung übergeben worden ist. Da nun derselbe Mann nicht blos wegen seiner Präsidentschaft bei dem genannten Verein, sondern zuerst wegen der von ihm construirten Gebirgslocomotive für die Semmeringbahn, dann als Mitglied der Donauregulirungs-Commission und als Chef-Ingenieur der Wiener Weltausstellung sich längst einen geehrten Namen erworben, so kommen wir gern dem Seitens unserer Leser mehrseitig ausgesprochenen Wunsche entgegen, diesen hervorragenden Meister der Ingenieurkunst, Wilhelm Ritter von Engerth, in Wort und Bild hier darzustellen.

Engerth ist nicht vom Glück verhätschelt, sondern vom Schicksale zeitig auf sich selbst angewiesen worden. Ein Preußisch-Schlesier deutscher Abkunft, 1814 in Pleß geboren, widmete er, der frühverwaiste Sohn eines armen Malers, sich der Baukunst, gab aber die bereits erlangte Stellung als Architekt auf, um sich mit ganzer Kraft auf das Maschinenfach zu werfen. Als Professor der Mechanik an dem Wiener Polytechnikum und seit 1848 in gleicher Würde am Joanneum in Graz trat er bald in Beziehungen zu den ersten Capacitäten der Landwirthschaft und Industrie, wurde Vorstand einer Abtheilung des damals eben im Aufblühen begriffenen österreichischen Gewerbevereines und fungirte bei der Weltausstellung in London sowie bei der Münchener deutschen Industrieausstellung als Preisrichter. Auf der Pariser Weltausstellung (1855) zeichnete er sich schon durch seine eigenen Leistungen im Maschinenwesen aus und erhielt die große goldene Ehrenmedaille.

Noch während er die Lehrkanzel beherrschte, wurde sein Rath in Fragen des Eisenbahnwesens häufig begehrt. Als nun Ghiga die Semmeringbahn gebaut hatte, fehlte der zweite und wichtigste Factor, die berganfahrende Locomotive. Man schrieb Concurse aus, aber die Praxis spottete der Theorie; keine der preisgekrönten Constructionen vermochte vollständig zu entsprechen. Da traf mit sicherem Blicke Engerth das Richtige. Durch Vergrößerung der Heizfläche und des Adhäsionsgewichtes löste er das Problem, welches seit Jahren die Maschinen-Ingenieure beschäftigt hatte. Frankreich zuerst bestellte in deutschen Fabriken Locomotiven des Engerth-Systems und bald standen dieselben in der ganzen Eisenbahnwelt in erfolgreicher Verwendung. Engerth’s stetige Leistungen als Rathgeber der Regierung ist den wichtigsten wissenschaftlichen und volkswirthschaftlichen Fragen, seine Wirksamkeit als General-Director der österreichischen Staatseisenbahn-Gesellschaft, eines Schienencomplexes von nahezu zweihundertfünfzig Meilen, sein fachlicher Einfluß als Vorstand des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines, sein humanes Wirken zur Verbesserung des Looses der Beamten und der Arbeiter sind mehrfach öffentlich besprochen und gewürdigt worden. Auch in der Donauregulirungsfrage (vergleiche Gartenlaube 1870, Seite 378) leistete er Tüchtiges. Von ihm hat man ein meisterhaftes „Exposé“, das namentlich auf Kaiser Franz Joseph, hinsichtlich der sofortigen Ausführung der Donauregulirung in ihrer heutigen Gestalt, bestimmend eingewirkt haben soll.

Engerth’s wesentlicher Antheil an der Beplanung und Durchführung der Wiener Weltausstellung ist seiner Zeit von der Tagespresse nach Verdienst gewürdigt worden und es bedarf hier nur der Hinweisung darauf, da uns der Raum dieses Blattes nicht gestattet, seine desfallsige Thätigkeit in’s Einzelne zu verfolgen. Dagegen möge noch ein Blick auf seine jüngste, oben bereits erwähnte Leistung geworfen werden. Als es sich nämlich darum handelte, für den Wiener Donaucanal eine Absperrvorichtung herzustellen, um den Eintritt der Eismassen in denselben abzuhalten und so die eigentliche Ursache der jährlichen Ueberschwemmung eines der bevölkertsten und dem lebhaftesten Verkehre angehörigen Theiles von Wien zu heben, war Retter in der Noth abermals Engerth, und zwar durch das Project des Schwimmthores, welches, wie ebenfalls oben bereits bemerkt, im letzten Winter seine Probe zu bestehen hatte.

Um den Eintritt der Eismassen in den Donaucanal zu verhindern und doch das Durchfließen der normalen Wassermenge zu gestatten, sperrte Engerth den Canal mittelst eines schwimmenden eisernen Schiffes, das er querüber vor der Mündung des Canals unweit Nußdorf aufstellte und an zwei an den Ufern angebrachten [288] Widerlagsflächen anlegte. Dieses Schiff, von Cockerill in Seraing ausgeführt, wiegt über siebentausend Centner, ist hundertfünfzig Fuß lang, achtzehn Fuß hoch, hat eine größte Breite von dreißig Fuß und einen normalen Tiefgang von vier Fuß. Die Seitenwände desselben sind nicht unten zum Kiel hin geschweift, sondern fallen senkrecht ab, bilden also gleiche Deck- und Bodenflächen. Nach beiden Seiten sich, wie ein Weberschiffchen, verjüngend, kann das Sperrschiff, um durch Tiefersinken den Durchgang des Eises zu verwehren, mittelst Stein- oder Wasserlast, die in’s Innere des Schiffes eingelassen und wieder ausgepreßt werden kann, beschwert werden. Ist der Eisandrang vorüber, so wird das Sperrschiff oder Schwimmthor aus seiner Querlage mittelst Winden und Ketten gedreht, so daß es, vom Wasser stromabwärts getrieben, den Canal öffnet und den noch oberhalb desselben anschwimmenden Eismassen den Durchgang gestattet. Ein in der Nähe der Widerlager hergestellter Hafen giebt dann dem Sperrfahrzeuge Schutz bis zum nächsten Winter.

Solche Siege der Technik unserer Tage, welche zur Verminderung menschlicher Leiden und Gefahren beitragen, verdienen Kränze des Dankes von allen Völkern.