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Titel: Die zukünftige Wohnung des Reichskanzlers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 511–513
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[511]

Die zukünftige Wohnung des Reichskanzlers.
Eine historische Erinnerung.


Mit erhöhtem Interesse richten heute die Bewohner der Kaiserstadt die Blicke auf ein altes Schloß, an welches sich manche Erinnerungen aus der Geschichte des Hauses der Hohenzollern knüpfen – auf das „Palais“ Radziwill.

In Berlin weiß Jedermann, daß dieses Schloß, welches wir unseren Lesern heute im Bilde vorführen, in der Wilhelmsstraße Nr. 77 liegt, zwischen den Linden und der Leipzigerstraße, also dem sogenannten vornehmen Theil derselben. Nach fast hundertjährigem Besitz hat die fürstliche Familie von Radziwill im Frühling dieses Jahres das Palais für sechs Millionen Mark an den Fürsten Bismarck zu Staatszwecken verkauft, zunächst zum inneren Umbau und zur Errichtung einer Dienstwohnung für diesen selbst. Es steht zu hoffen, daß der kunstsinnige Fürst mit schonender Hand an die Umwandlung gehen und die vielen werthvollen historischen Reminiscenzen nicht verwischen lassen wird, die auf den Mauern des Palais Radziwill zu lesen sind. Das schöne Gebäude ist vollständig im Rococostyl des vorigen Jahrhunderts gehalten. In Frankreich, namentlich in Paris, im Faubourg St. Germain, giebt es noch einige ähnliche Schlösser, auch in Münster und Breslau haben die alten Adelsgeschlechter diese Bauart vielfach nachgeahmt. In Berlin existirt noch ein ganz genau so construirtes Gebäude, ein völliges Zwillingsschloß des Palais Radziwill, das jetzige Hausministerium, ebenfalls in der Wilhelmsstraße gelegen und auch durch das Machtwort eines Königs entstanden.

Im vorigen Jahrhundert zeigte Berlin kaum den Keim einer Weltstadt. Die grüne Wildniß des Thiergartens schien unentwirrbar, und die winzigen Häuser der Berliner Bürger gefielen den neuen Königen durchaus nicht. Friedrich der Erste und Friedrich Wilhelm der Erste sannen unablässig auf Mittel, die mattherzige Baulust der Bürger der Residenz zu beleben; sie verschenkten Grundstücke mit freiem Bauholz und allerlei Privilegien an ihre Unterthanen, um die Stadt zwangsweise zu vergrößern, waren aber selten mit den Ergebnissen ihrer Bemühungen zufrieden.

Friedrich Wilhelm der Erste beschloß deshalb, eine ganze Straße nach seinem Geschmacke anlegen zu lassen und befahl, vom Thiergarten, seinem Eigenthum, hinreichenden Raum dafür abzutheilen. Das Thor stand damals noch dicht am Ausgange der Linden, und das Behrenthor in der Behrenstraße mündete ebenfalls in den Thiergarten. Dasselbe wurde demnächst beseitigt, um der Wilhelmsstraße Platz zu machen. Auf besonderen Befehl des Königs mußten einige Generäle und höhere Hofbeamte sich in dieser ansehnliche „Palais“ errichten, die durch einen „cour d’honneur“ von der Straßenflucht abgetrennt sein sollten. Es waren: das Schwerin’sche, jetzt Hausministerium, das Schulenburg’sche, später Fürst Radziwill’sche, und das Vernezober’sche, jetzt Prinz Albrecht’sche Schloß.

Die Erbauung des Schulenburg’schen (Radziwill’schen) fand in den Jahren 1738 und 1739 statt; doch trägt das darüber ertheilte Privilegium schon das Datum: 21. September 1736. Der Erbauer war der Generalmajor, Graf Adolph Friedrich von der Schulenburg, dessen Name oft mit der Beifügung Wolfsburg geschrieben wurde. Er stand beim König Friedrich Wilhelm dem Ersten in besonderer Gunst und war ein stehender Gast des bekannten Tabakcollegiums, obwohl er das Rauchen nicht vertragen konnte. Der König gestattete ihm deshalb eine leere Thonpfeife im Munde zu halten. Durch eine eigenthümliche Schickung wurde das Palais seines Lieblings dem Könige verhängnißvoll. Bei der Einweihung des neuen Gebäudes fand nämlich eine große Festlichkeit statt, welcher der König beiwohnte. Der Speisesaal war nicht zu erwärmen gewesen, da er wahrhaft riesengroße Ausdehnungen hatte und durch zwei Stockwerke ging. In Folge dessen erkältete sich der König auf’s Heftigste. Er mußte seit diesem Schulenburg’schen Feste das Zimmer hüten und starb an den Folgen dieser Erkältung im nächsten Jahre.

Graf Schulenburg erfreute sich auch der Gunst des jungen Königs Friedrich des Zweiten und machte unter ihm als Generallieutenant die Schlacht bei Mollwitz mit, in welcher er seinen Tod fand.

Bis zum Jahre 1759 residirte die Schulenburg’sche Familie in dem Palais. Der nächste Bewohner desselben war der Prinz August Ferdinand, jüngster Bruder Friedrich’s des Großen. Nachdem er sich 1757 mit der Prinzessin Louise von Brandenburg-Schwedt vermählt hatte, miethete er das Schulenburg’sche Palais für einen prinzlichen Hausstand und bewohnte es längere Zeit hindurch. Die Familie Schulenburg entschloß sich im Jahre 1791, ihr Palais für den jetzt lächerlich niedrigen Preis von dreißigtausend Thalern zu verkaufen und zwar an den Geheimenrath Boumann, der es aber unter der Hand auf Befehl des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten erstand. Es war für die Geliebte desselben, die Gräfin Friederike Wilhelmine von Dönhoff bestimmt, und der König bewilligte dreizehntausendvierhundertsechs Thaler zur Ausschmückung und zum Umbau.

Aber schon 1795 verkauften die Kinder dieser gräflichen Besitzerin das Palais an den Fürsten Michael Radziwill, Woiwoden von Wilna. Dieser war durch seine großen Besitzungen in dem dreimal getheilten Polen Unterthan des Königs von Preußen geworden und wollte in der Hauptstadt desselben einen eigenen Wohnsitz haben. Der Fürst Radziwill bezahlte sechszigtausend Thaler für das Palais, also bereits doppelt soviel wie die ersten Verkäufer erhalten hatten. In gleichem Fortschritte hat sich wohl so ziemlich in jedem Jahrzehnte der Werth desselben gesteigert. Die verhältnißmäßig kostspielige Erwerbung des Schulenburg’schen Palais wurde wohl mit Recht damals in Beziehung mit der Vermählung des ältesten Sohnes des Fürsten Radziwill gebracht. Dieselbe fand schon im folgenden Jahre statt, und zwar mit der Tochter des früheren prinzlichen Bewohners des Palastes, der Prinzessin Friederike Dorothee Philippine Louise von Preußen.

Der Fürst Anton Radziwill war erst neunzehn Jahre alt, als er sich mit der Prinzessin Louise von Preußen vermählte; sie selbst hatte bereits das sechsundzwanzigste Lebensjahr erreicht, war aber eine blühende Schönheit und wurde von ihrem jungen Gemahl leidenschaftlich geliebt. Er vereinigte alle ritterlichen Eigenschaften seines fürstlichen Stammes mit den liebenswürdigsten, echt menschlichen Charakterzügen; er war eine reichbegabte Künstlerseele. Seine Tondichtungen, namentlich die zum Faust, haben seinen Namen unsterblich gemacht.

Da der Fürst jedoch keinem regierenden Hause angehörte, so wurde seine Verbindung mit einer preußischen Prinzessin für ein ungewöhnliches Ereigniß gehalten. Man hatte es schnell vergessen, daß die Radziwills einem ebenso alten Stamme wie die Hohenzollern angehörten. Zuerst wird ein Radziwill in einer Urkunde vom Jahre 1401 als Mitglied des hohen litthauischen Adels oder Herrenstandes genannt. Die Besitzungen der Radziwills waren immer sehr bedeutend. Nach einem Verzeichnisse aus dem Jahre 1750 gehörten dazu dreiundzwanzig feste Schlösser, vierhundertsechsundzwanzig größere und kleinere Ortschaften mit städtischen Einrichtungen, zweitausendzweiunddreißig Vorwerke und zehntausenddreiundfünfzig Dörfer. Die Einkünfte der Radziwills wurden zu derselben Zeit auf siebenundzwanzig Millionen polnische Gulden, gleich dreizehneinhalb Millionen jetziger Reichsmark geschätzt. Die Fürsten Radziwill geboten über eine Hausmilitärmacht und zwar über eine so bedeutende, daß die Könige von Polen sich stets eifrig um die Hülfe derselben bewarben.

Die Schenkungsacte, durch welche der Vater des Fürsten Anton von Radziwill diesem das Palais in der Wilhelmsstraße übergab, datirt zwar erst aus dem Jahre 1823, aber factisch besaß und bewohnte er das Schloß seit 1796. Er mußte auch die Hypothekenschulden mit übernehmen, welche auf dem Grundstücke hafteten; die bedeutende Forderung gehörte einem Berliner Bürger, dem später als Commandanten und Obersten der Nationalgarde bekannt gewordenen Peter Anton Jordan. Die Zinsen und Abgaben zu bezahlen, wurde dem jungen Fürstenpaar ziemlich schwer, besonders in den unglücklichen Jahren, welche dem Kriege von 1806 folgten. Preußens Finanznoth wurde von seinen sämmtlichen Bewohnern mit empfunden, auch von den vornehmsten. Der König Friedrich Wilhelm der Dritte konnte bekanntlich damals seiner Tochter, der nachherigen Kaiserin von Rußland, nur fünf Thaler zum Geburtstage schenken.

[512] Das unglückliche Schicksal Preußens griff auch zerstörend in die Familienbande des fürstlichen Ehepaars, und zwar durch den Tod des heldenmüthigen Prinzen Louis Ferdinand, des Bruders der jungen Fürstin Radziwill.

Am preußischen Königshof lebten damals vier nahverwandte, junge, glückliche Ehepaare. Der König und seine schöne Louise, Prinz Ludwig, sein älterer Bruder, mit ihrer reizenden Schwester (später Königin von Hannover), Prinz Wilhelm, sein jüngerer Bruder, mit der edlen Prinzessin von Homburg und das Radziwill’sche Paar. Die Kinder dieser fürstlichen Paare spielten zusammen und wurden später die innigsten Freunde: Der herrliche Park des Hôtel Radziwill vereinigte sie ganz besonders oft, denn an den Stadtschlössern der anderen hohen Herrschaften fehlten meistens die Gärten. Kaiser Wilhelm hat als Knabe den Radziwill’schen Park sehr oft besucht und erinnert sich desselben noch jetzt mit lebhafter Vorliebe.

Die Gartenlaube (1875) b 512.jpg

Das Palais Radziwill in Berlin.
Nach einer photographischen Aufnahme.


Fürst Anton Radziwill erhielt nach dem Friedensschluß die Statthalterschaft in Posen und lebte mehrere Jahre fern von Berlin. Sein Wirken auf dem schwierigen Posten wurde von allen Parteien als versöhnlich und wohlthuend anerkannt. Als er nach Berlin zurückkehrte, waren seine Kinder meistens erwachsen, und die gesellschaftliche Bedeutung des Palais Radziwill trat nun in ein neues glänzendes Licht.

Der Fürst vereinigte die feine Lebensart seiner Nation mit deutscher Gemüthlichkeit. Er war ein Beschützer aller Künstler und Gelehrten, wie ihn Berlin bis dahin noch nicht gekannt. Namentlich pflegte er die Musik; noch im höheren Alter war er thätiges Mitglied der Singakademie. Wenn der schöne, weißlockige Greis erschien, wurde ihm zu Ehren immer ein classisches Musikstück aufgeführt, dem er voll Andacht zuhörte, um erst später mit den Anwesenden und seinem Freunde Zelter zu plaudern. Seine Faustcompositionen ließ er mehrere Mal in seinem Palais aufführen; berühmte Schauspieler wirkten darin gleichzeitig mit fürstlichen Dilettanten. Er besuchte auch oft einfache, bürgerliche Cirkel, um gute Musik zu hören und gemüthliche Unterhaltung zu pflegen.

Die Krone seines Herzens und seines Hauses war seine holdselige Tochter Elisa; ihre liebliche Schönheit bezauberte Jung und Alt. Sie war die Mädchenblume, die, für eine Liebesidylle geschaffen, den königlichen Paladin fast von den Stufen des Thrones hinabgelockt hätte. Leider mußte sie früh verwelken. Sie starb 1834 in Freienwalde an einem Brustleiden. Während ihrer Krankheit verlor sie ihren geliebten Vater, aber sie erfuhr es nicht; ihre Angehörigen legten immer die tiefe Trauer um ihn ab, wenn sie die Kranke besuchten, und zwangen sich zu heiteren Gesprächen.

Nach dem Tode des Fürsten Anton wohnten seine beiden Söhne, Fürst Wilhelm und Fürst Boguslav, im Palais Radziwill; beide waren mit Töchtern des Fürsten Clary aus Oesterreich vermählt und besaßen eine zahlreiche Nachkommenschaft. Auch die Fürstin Czartoryska, eine jüngere Schwester Elisa’s, hatte mehrere Kinder, sodaß jetzt zwölf Erbportionen geschaffen und deswegen das Palais verkauft werden mußte. Beide fürstliche Familien lebten bis zum Tode ihrer Häupter einträchtig in dem [513] schönen Schlosse und setzten die ererbten Traditionen von wohlthuendster Gastfreundlichkeit, feinster Geselligkeit, wahrster Höflichkeit und echtestem Kunstsinne pietätvoll fort. Am eifrigsten aber pflegten sie die Wohlthätigkeit; das Palais Radziwill war eine Freistätte der Armuth. Die Fürsten waren beide Bürger von Berlin, haben auch als solche öffentliche Aemter übernommen und viel Gutes gewirkt.

Bemerkenswerth ist noch, daß die Einwilligung des Kaisers nöthig war, damit zum Verkaufe des Palais geschritten werden konnte; er hatte als Familienoberhaupt noch die Interessen seiner verstorbenen Cousine, der Tochter des Prinzen Ferdinand von Preußen, wahrzunehmen. Nach den Ehepacten war ihr das Eigenthumsrecht an dem Palais zugesprochen.

Als die Möbelwagen auf dem Schloßhofe standen, war es uns vergönnt, noch einmal die ehrwürdigen schönen Räume zu sehen und einen wehmüthigen Abschiedsblick hinein zu werfen. Uns fesselten besonders die Familienbilder: Louis Ferdinand, der Unvergeßliche, der schöne Prinz August, sein jüngerer Bruder, die stattliche Prinzessin Ferdinand, Beider Mutter, und vor Allem die Marmorbüste des Fürsten Anton. Das schönste Familiengemälde ist aber ein lebensgroßes Bild dieses edlen Mannes und seiner Lieblingstochter Elisa. Er hält die zarte Gestalt zärtlich umschlungen, als wolle er sie vor den Stürmen des Lebens schützen. Die Aehnlichkeit der beiden schönen Gesichter ist auffallend und rührend. Ganz dieselbe feine Adlernase, die blauen sanften Augen und die kühne geniale Stirn! Wie sie hier im Leben vereint waren, verband sie auch bald der Tod. Fürst Anton starb 1833 und Prinzessin Elisa 1834.

Aus dem kirchenhohen schönen Treppenhause eilten wir noch einmal in den Garten, seine Felder von Maiblumen, seine Epheumauern, seine blumigen Wiesen, die kühlen Schatten seiner uralten Baumriesen, die grüne Wildniß, wo Nachtigallen und wilde Tauben nisteten, das alles noch einmal zu sehen; wir redeten wie mit lebenden Wesen mit den bemoosten Steinbildern, den Ruheplätzen voll Erinnerungen und nahmen feierlichen Abschied von ihnen.

Schon ist die Mauer gefallen, die den Garten von dem Bismarck’schen Parke trennt. Aus der Zusammenschmelzung der beiden Grundstücke wird bald die großartigste Parkanlage Berlins entstehen, und es ist allerdings als ein Glück zu betrachten, daß dem organisatorischen Talent unseres Reichskanzlers die Bestimmung hierüber zugefallen ist. Er wird die Schönheit des Palais Radziwill gewiß so vollkommen erhalten, daß es der Residenz des Kaisers noch immer zum Schmucke gereicht.