Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Ziele

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Autor: Otto Hoetzsch
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Titel: Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Ziele
Untertitel:
aus: Handbuch der Politik Dritter Band: Die Aufgaben der Politik, Achtzehntes Hauptstück: Die politischen Ziele der Mächte in der Gegenwart, 108. Abschnitt, S. 353−361
Herausgeber: Paul Laban, Adolf Wach, Adolf Wagner, Georg Jellinek, Karl Lamprecht, Franz von Liszt, Georg von Schanz, Fritz Berolzheimer
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Dr. Walther Rothschild
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Erscheinungsort: Berlin und Leipzig
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108. Abschnitt.


Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Ziele.
Von
Dr. Otto Hoetzsch,
a. o. Professor der osteuropäischen Geschichte und Landeskunde an der Universität Berlin.


I. Geschichte.Bearbeiten

Der Versuch, die politischen Ziele der Vereinigten Staaten und ihre Entwicklung zu skizzieren, kann sich bei dem zur Verfügung stehenden geringen Raume nur in ganz grossen Linien bewegen. Es ist das Nordamerika, wie es seit 1893 vor uns steht, mit dem sich diese Ausführungen befassen wollen. Damals und noch mehr 5 Jahre später, als die alte Kolonialmacht Spanien im Kriege gegen die Union zusammenbrach, sah Europa zu seinem Staunen, dass die „Flegeljahre Onkel Sams“, von denen man so gern mit Lächeln sprach, endgültig vorüber waren, dass die Vereinigten Staaten mündig geworden waren und die Ansprüche, die ein mündiges Mitglied der Weltstaatengesellschaft machen kann, mit allem Nachdruck und mit grosser Unbefangenheit geltend machten. Schon 1893 hatte bei der Eröffnung der Ausstellung von Chicago Präsident Cleveland diese Mündigkeitserklärung feierlich mit den Worten ausgesprochen: „Umgeben von den staunenswerten Ergebnissen amerikanischen Unternehmungsgeistes und Fleisses und angesichts der grossartigen Zeugnisse amerikanischer Geschicklichkeit und Intelligenz, brauchen wir nicht mehr zu fürchten, dass unsere Beglückwünschung übertrieben ist. Wir stehen heute inmitten der ältesten Nationen der Welt und weisen hin auf die grossen Werke, die wir hier ausstellen, ohne mehr Nachsicht zu erbitten auf Grund unserer Jugend.“

Die Aufgaben, die den Knaben- und Jünglingsjahren der Union gestellt wurden, waren erfüllt. Sie hatte das ihr vom Schicksal zugewiesene Gebiet zwischen beiden Meeren, dem Rio Grande und der kanadischen Grenze vollkommen erschlossen und mit Menschensiedelungen erfüllt. Freilich nur mit stärkster fremder, namentlich deutscher und skandinavischer Hilfe und Einwanderung waren die gewaltigen Flächen des mittleren und dann des fernen Westens unter den Pflug genommen worden und hier ein Getreideanbau entstanden, dessen Produktion in den 70er Jahren für die europäische Landwirtschaft verderblich konkurrenzfähig geworden war. Daneben waren die gewaltigen [354] Bodenschätze zur Entwicklung einer grossen Industrie ausgebeutet worden. Von 1865 bis 1893 geht dieser immer schnellere Prozess der Industrialisierung, der nach einem bekannten Schlagworte ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen schien. Gefördert durch eine Schutzzollpolitik, die mit dem Mac Kinley-Tarif 1891 und dem Dingley-Tarif 1897 sich endgültig siegreich durchsetzte, konnte das Industrieleben auf die Höhe kommen, dass es nicht nur die eigenen Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigte, sondern über die Grenzen hinausdrängte, seit 1891 mehr an das Ausland verkaufend als von ihm kaufend. Und ebenso waren die Probleme des Verfassungslebens bis zum Ende, so schien es wenigstens, gelöst. Mit dem Siege der Nordstaaten im Sezessionskriege hatten die unionistischen Tendenzen gesiegt. Zugleich mit der Beseitigung der Negersklaverei war auch der alte Kampf zwischen Einzelstaat und Bundesstaat, der drei Viertel-Jahrhunderte lang die Union erschüttert hatte, ausgekämpft worden; keiner der 46 Staaten, die heute ihre Sterne auf dem Unionsbanner sehen, denkt mehr an ein Sonderdasein, sondern fühlt sich bei aller grossen inneren Selbständigkeit seines Verfassungs- und Verwaltungslebens unbedingt als ein Glied des grossen ganzen „Empire“, an welchen Ausdruck für den Gesamtstaat man sich immer mehr gewöhnte.

So stand in strotzender wirtschaftlicher Kraft und in konsolidierten politischen Verhältnissen die Union da, als Mitte der 90er Jahre die grossen weltpolitischen Probleme auf dem ganzen Erdenball ins Rollen kamen. Die Vereinigten Staaten waren, wie Europa bald sehen musste, nicht gewillt, dabei abseits zu stehen, drängte sie doch die ungeheuer entwickelte Industrie ihres Ostens mit Gewalt dazu, an der Erschliessung der neuen Absatzgebiete für die Industrie auf der Erde mit Energie, gegebenenfalls mit militärischer Gewalt teilzunehmen. Indem aber Präsident Mac Kinley und Roosevelt – als Mandatare der sie tragenden kapitalistisch-republikanischen Kreise – ihren Staat an dieser weltpolitischen Entwicklung tatkräftig teilnehmen liessen, veränderte sich das, was man bisher die auswärtige Politik der Union und ihre politischen Ziele nannte, von Grund auf.

II. „Amerika den Amerikanern.“Bearbeiten

Als George Washington das Befreiungswerk durchgeführt hatte, hat er seinem Lande in seiner bekannten „Lebewohladresse“ vom 19. Dezember 1796 sein politisches Testament dahingehend hinterlassen, dass Amerika sich in die Angelegenheiten Europas nicht einmischen sollte: „Seid eine Nation, seid Amerikaner und seid treu Euch selbst.“ Und diesen Grundsatz, der für die Union eine auswärtige Politik eigentlich ausschloss, hatte dann die bekannte Botschaft des Präsidenten James Monroe vom 2. Dezember 1823 als ein politisches Axiom ausgesprochen. Indem sie „Amerika den Amerikanern“ reservierte und so sich gegen jede Einmischung europäischer Staaten in die amerikanische Politik aussprach, proklamierte sie zugleich im Sinne Washingtons den Grundsatz, sich nicht in die Angelegenheiten Europas einzumischen. Das politische System der Vereinigten Staaten von heute steht ersichtlich im striktesten Gegensatz zu dieser Lehre und nimmt doch noch in Anspruch, dass es ihr vollkommen treu geblieben sei. Man hat zwar bis nach dem Sezessionskriege keine besondere auswärtige Politik getrieben, und der Grundsatz, dass Amerika nicht mehr als Gebiet der Kolonialpolitik europäischer Mächte in Frage komme, hat kein politisches Interesse mehr, seitdem der Streit mit England um die Nordwestgrenze und um Oregon entschieden ist, seitdem Alaska von Russland verkauft wurde und seitdem die früheren spanischen Kolonien selbständig geworden oder an die Union gekommen sind. Aber schon Monroe hatte in seiner Botschaft von Kontinenten gesprochen und die Interessengemeinschaft des angelsächsischen und des romanischen Amerika gegenüber Europa festgelegt. Der darin liegende politische Gedanke des sogenannten Pan-Amerikanismus ist neben ihm schon damals von Henry Clay verfochten worden, die Zusammenfassung ganz Amerikas, vom Lincolnmeer bis zum Cap Hoorn, vor allem wirtschaftspolitisch gegenüber Europa und natürlich unter Führung des Yankeeelementes. Bis in die letzte Periode herein hat freilich diese Idee, trotz begeisterter Verfechter, und einer ganzen Reihe sogenannter pan-amerikanischer Kongresse, keine reale Bedeutung gewonnen. Dagegen ist es doch gelungen, die Monroedoktrin als Grundsatz, dass die europäischen Mächte in amerikanischen Angelegenheiten – und Amerika wurde dabei im eben genannten weitesten Sinne gefasst – nicht intervenieren dürften, durchzusetzen, so wenig völkerrechtliche oder staatsrechtliche Erheblichkeit ihr eigen war, – von der Texas- und Mexikofrage (1838) an bis zu der venezolanischen (1902). [355] Seit 1898 hat dieser Grundsatz allmählich sogar auch die Anerkennung der europäischen Mächte gefunden.

Über den bisherigen Gedankenkreis hinaus nahm die Monroelehre zweiter Fassung, in der sich die auswärtige Politik nach 1865 ausdrückte, schon in Aussicht, dass auch die noch vorhandenen Kolonien europäischer Mächte auf amerikanischem Boden verschwinden würden und dass „die Zeit wahrscheinlich nicht mehr fern sei, da durch den natürlichen Gang der Ereignisse die politischen Zusammenhänge Europas mit diesem Kontinente aufgehört haben werden, zu bestehen. Unsere Politik muss sich nach dieser Wahrscheinlichkeit dahin wandeln, die Handelsinteressen der hispano-amerikanischen Staaten enger mit den unseren zu verknüpfen und so den Vereinigten Staaten den Vorrang und alle die Vorteile zu verschaffen, die Monroe, Adams und Clay im Auge hatten, als sie vorschlugen, am Kongress von Panama teilzunehmen.“ (Bericht des Staatssekretärs Fish an den Präsidenten Grant 1870). Anzuwenden versuchte man diese neue Fassung der Monroelehre bei dem Erwerb von Dominica und Cuba sowie in dem Streben die Verbindung der beiden Ozeane durch einen Kanal für die Union zu reservieren. Noch waren es Anfänge, die nicht alle gelangen; namentlich hing an dem Kanalbau noch die Fessel des Vertrages von 1850 mit England, die die Union in ihren Entschlüssen an dieses band. Aber so bereitete sich schon in der Zeit vor Anfang der 90er Jahre die Wendung vor, die Europa dann doch überraschte. Die pazifischen Interessen der Union wurden immer stärker, der Gedanke, selbst Kolonien zu erwerben, gleichfalls immer verlockender, die Idee, um handelspolitischer Vorteile willen ganz Amerika gegen die europäische Konkurrenz abzuschliessen, immer populärer. Aber noch hatte man nicht das Gefühl, dass in diesem Programm bereits eine Notwendigkeit für die amerikanische Zukunft vorliege, dass mit anderen Worten der Imperialismus auch für die Union von Bedeutung werden könnte.

III. Expansionspolitik.Bearbeiten

Diese Umwandlung hat sich nun deutlich in den 90er Jahren vollzogen. Je mehr sich die Union der ungeheuren Kraft bewusst wurde, die in ihrem wirtschaftlichen Leben lag, um so mehr drängte alles heraus, diese Kraft nach aussen zu betätigen, da sie im Innern als überschüssig empfunden wurde. Das Jahr 1898, in dem mit den Siegen von Cavite und Manila der vom Zaune gebrochene ausgesprochene Kolonialkrieg mit Spanien erfolgreich verlief, wurde in der öffentlichen Meinung als „Pivotjahr“ empfunden. So sehr man die Monroedoktrin, – Amerika den Amerikanern, – auf wirtschaftlichem Gebiete festhielt und bis heute festgehalten hat, so sehr hat man sie politisch aufgegeben. Seit 1898 betrachten es die Vereinigten Staaten als ihre Schicksalsaufgabe, ihr „manifest destiny“, eine selbständige erobernde Welt- und Kolonial- und Wirtschaftspolitik zu treiben. Sie bewegt sich gewissermassen in konzentrischen Kreisen.

Der erste ist das alte Kampfgebiet der Kolonialmächte, Westindien, in dem durch die Eroberung von Cuba und Portorico die Union festen Fuss gefasst hat und in dem sie nun die traditionelle Herrschaftsstellung Englands dort bedroht. In Verbindung damit haben die Pläne einer interozeanischen Verbindung immer grössere Bedeutung gewonnen. Es ist das entscheidend Neue in dieser Frage, dass es der Union 1902 gelang, die Fesseln des Vertrages von 1850 abzuschütteln; der Kanal, für den die Panamaroute nun endgültig gewählt wurde, wird nur von Amerika gebaut und wird eine von ihm ausschliesslich kontrollierte Wasserstrasse. Im Sommer 1914 soll er zum Teil in Betrieb genommen werden, 1915 wird er fertig sein und so ein gewaltiges Wahrzeichen der Erfolge der Union in der Weltpolitik sein. Seine Bedeutung für den internationalen Verkehr wird sich ja mit der des Suezkanals nicht messen können. Aber für die Vereinigten Staaten selbst ist er von unendlicher Bedeutung, weil er die Verbindung zwischen Osten und Westen ihres Staatsgebietes selbst ausserordentlich verkürzt und weil er die Weststaaten Südamerikas in eine ganz andere Nähe und ganz anders in den Bereich des nordamerikanischen Einflusses zieht als bisher.

Zunächst wurde durch die Erfolge des spanischen Krieges und in der Kanalfrage die Stellung der Union in den romanischen Republiken Mittelamerikas immer überragender. Es scheint nicht so, als wenn das Lebenswerk von Porfirio Diaz in Mexiko Dauer haben werde. Revolution und [356] innere Unsicherheit haben wieder in diesem Lande überhand genommen. Inwieweit dabei vorbereitend amerikanischer privater Einfluss beteiligt ist, dieses Gebiet in die Sphäre der Union hereinzuziehen, mag dahingestellt bleiben. Der neue demokratische Präsident Wilson wollte sich in die mexikanischen Angelegenheiten nicht einmischen, aber machte gleich die Erfahrung, dass die von ihm ausgesprochene unbedingte Rückkehr zu den Prinzipien George Washingtons in der auswärtigen Politik gar nicht mehr möglich ist. Die Ansprüche der Monroedoktrin, kraft deren jede europäische Einmischung in Mexiko abgewiesen wurde, legen den Vereinigten Staaten auch Pflichten auf. Und dass diese von der Monroedoktrin auch trotzdem nicht abgehen, lehrte genau zur selben Zeit der Vertragsentwurf mit Nikaragua, den der Staatssekretär Bryan dem Senat vorlegte. Die Demokraten warfen seinerzeit dem republikanischen Staatssekretär Knox seine „Dollar-Diplomatie“ vor, aber der Vertragsentwurf mit Nikaragua zur Sicherung für den Panamakanal ging noch erheblich über die republikanischen Ansprüche aus der Monroedoktrin hinaus. Denn er suchte Nikaragua in genau dieselbe Verbindung mit der Union zu bringen, in der heute Kuba mit ihr steht, d. h. in völlige Abhängigkeit. Man geht nun auch Mexiko gegenüber weiter vor; nicht nur die Fäden des Kapitals und des Verkehrs ziehen dieses Gebiet wie die kleineren Staaten Mittelamerikas immer stärker in die Netze der Union, und es ist nicht wahrscheinlich, dass diese Republiken ihre Selbständigkeit gegen die Union werden behaupten können.

Darüber hinaus steigert die von der Union beherrschte neue Hochstrasse des Weltverkehrs ihre Bedeutung sowohl im Problem des Stillen Ozeans wie für Südamerika. Die pazifische Stellung der Vereinigten Staaten rundet sich und schliesst sich damit ab. Die für das Jahr 1915 geplante Weltausstellung in San Franzisko wird das Europa und der Welt überhaupt ganz besonders deutlich machen, wie das ebenso jetzt schon gespürt wird in den fortwährenden Reibungen zwischen den Vereinigten Staaten und der anderen Grossmacht des Stillen Ozeans, Japan.

Mit dem Kanal rückt Südamerika dem Norden viel näher und damit wird der früher utopisch anmutende Gedanke, auch durch eine Eisenbahn den Süden mit der Mitte und dem Norden zu verbinden, bald völlig durchgeführt sein. Damit scheinen die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege, die Vormacht (paramount power) in Südamerika zu werden. Freilich: wenn auch diese Bestrebungen friedlicher Eroberung von den nach Expansion verlangenden Schichten der Union energisch gefördert und durch Kongresse, Museen, Besichtigungsreisen, Sprachstudien usw. propagiert werden, grösser als in Mittelamerika sind die Schwierigkeiten doch, die sich hier der auswärtigen Politik der Vereinigten Staaten entgegentürmen. Weniger vielleicht gegenüber den europäischen Mächten, die ihren Kolonialbesitz dort nur mühsam behaupten und die auch in der Frage bewaffneter Intervention zu Gunsten ihrer Kapitalisten gegen säumige Schuldnerstaaten Südamerikas doch in der Hauptsache nachgegeben haben. (Sogenannte Calvo- und Drago-Doktrin, dass Schuldansprüche das bewaffnete Eingreifen fremder Mächte nicht rechtfertigen – eine politische Idee, die die Vereinigten Staaten ihrer sehr dehnbaren Monroedoktrin einverleibt haben.) Aber gegenüber den selbständigen Staaten des Südens, die, besonders Chile, Argentinien und Brasilien, mit ihren wirtschaftlichen Interessen nach dem näheren Europa gravitieren und in ihrer kirchlichen und Rassenart dem Norden durchaus entgegengesetzt sind. Vor allem haben ja die Vereinigten Staaten, wenn sie auch noch so sehr imstande sein sollten, durch Kapital und Handel die heute noch viel stärkeren europäischen Interessen zurückzudrängen, garnicht das Menschenmaterial, um diese ungeheuren Flächen sich irgendwie, dauernd zu sichern, und sie werden nach menschlicher Voraussicht dieses Menschenmaterial auch so bald nicht haben. Eine Auswanderung aus der Union nach dem Süden ist in absehbarer Zeit durchaus nicht zu erwarten.

Vom ganzen grossen Kontinent blieb danach ausserhalb dieses Programms und ausserhalb auch der Monroedoktrin wenigstens bis in die Gegenwart die grosse englische Kolonie, die im Befreiungskampf der 13 Kolonien dem Mutterlande übriggeblieben war: Kanada, das sich ungeheuer rasch, namentlich in seinem Nordwesten entwickelt hat und das dem amerikanischen Imperialismus das Banner des englischen Imperialismus entgegengestellt hat. Kanada füllt sich als ein Glied in diesem grossen Zukunftsprogramm Englands, als Lieferant der agrarischen Produkte auf englischem Markt bevorzugt zu werden und dafür die englische Industrieeinfuhr seinerseits zu bevorzugen. Begreiflicherweise haben die Vereinigten Staaten, seitdem in der sogenannten Oregonfrage [357] die Grenzstreitigkeiten auf diesem Gebiet zwischen England und ihnen entschieden waren, auch an dieses Verhältnis nicht weiter gerührt und die englische Kolonie als den stärksten Rest europäischer Kolonialherrschaft dort anerkannt. Die Frage ist, ob in der Zukunft die Stammes- und politische Gemeinsamkeit zwischen Mutterland und Kolonie stärker sein wird als die wirtschaftlichen und geographischen Zusammenhänge, die die Vereinigten Staaten und Kanada einander immer näher und näher bringen. Der Nordwesten Kanadas ist zum nicht geringen Teil von auswandernden amerikanischen Farmern besiedelt worden, und je stärker die Stadtbevölkerung der Vereinigten Staaten zunimmt, um so mehr wächst ihr Getreidebedarf, der, wenn er nicht vom Lande selbst befriedigt werden kann, naturgemäss die kanadische Einfuhr erfordert. Der Gegenseitigkeitsvertrag von 1911, der diese Zusammenhänge schon vorbereiten wollte, ist freilich gescheitert. Aber hier können die Vereinigten Staaten den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen und höchstens, indem sie die Notwendigkeit des Baues einer kanadischen Marine leugnen und Kanada als unter dem Schutze der Monroedoktrin stehend erklären, die Abneigung der Kolonie steigern, für die britische Reichsverteidigung Opfer zu bringen, und damit das Band zwischen Mutterland und Kolonie weiter lockern.

Schliesslich hat die letzte Periode der auswärtigen Politik der Union diese immer mehr in die Interessen des Stillen Ozeans hereingestellt. Durch die Annexion von Hawai (1898), den Gewinn der Philippinen (1898) und die Lösung der Samoafrage (1900) wurde die Union eine Macht im Problem des Stillen Ozeans, trat sowohl England (Australien), wie der holländischen Kolonialmacht in der Südsee, wie vor allem Japan gegenüber. Es war dann für sie selbstverständlich, 1900 und 1901 an den chinesischen Wirren und an der Erschliessung Ostasiens lebhaft und tatkräftig teilzunehmen. Sie stand da mit Deutschland zusammen auf der Seite der Mächte, die an einer Verletzung der Integrität Chinas gar kein Interesse haben, sondern sich nur die offene Tür für die freie Konkurrenz ihrer Industrie und ihres Verkehrs wahren wollten. So nehmen sie an den zahlreichen chinesischen Bahnbauten erfolgreichen und energischen Anteil. Der Vertrag vom 27. Nov. 1908 zwischen der Union und Japan, der auf die Initiative von Japan geschlossen wurde, erklärte, dass beide Mächte den bisherigen Stand im Stillen Ozean und in Ostasien aufrecht erhalten und die Unabhängigkeit Chinas, sowie die offene Tür garantieren wollten. Er zeigte, welches die beiden Hauptfaktoren in diesem Problem sein werden und welches zugleich auch die hauptsächlichsten Gegner sind. Je mehr die Vereinigten Staaten ihre pazifischen Interessen betonen, um so stärker müssen sie der kolonialen Ausbreitung Japans, die für dieses Lebensfrage ist, entgegentreten, – ein Gegensatz, der durch den in der Union ganz besonders scharf empfundenen Rassegegensatz gegen den gelben Mann, Japaner wie Chinesen, vor allem in den Weststaaten, noch sehr viel schärfer betont wird.

Was darüber hinaus die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten auf anderen Feldern angefasst hat, ist ohne Bedeutung. Sie macht ihr Schwergewicht als unbedingt gleichberechtigte Macht im Staatenkonzert durchaus geltend, hat aber vorläufig keine Veranlassung, in anderen Zentral-Fragen der grossen Politik, wie der Aufteilung Afrikas oder dem Schicksal der Türkei und dem Ausbau der Bagdadbahn, wesentlich mitzureden.

Immerhin ist also in noch nicht 20 Jahren die Verflechtung der amerikanischen Politik in die Weltpolitik unlöslich fest geworden und diese Notwendigkeit wird von den heute noch die Union beherrschenden Kreisen der republikanischen Partei, die in der Hauptsache die kapitalistischen Interessen vertritt, unbedingt verfochten. Mit der naiven Sicherheit und Unbefangenheit, die dem rasch emporgekommenen Kolonialvolk eigen ist, stellt man den Imperialismus der Engländer, der Russen, der Japaner, der Franzosen, der Deutschen einen eigenen amerikanischen Imperialismus entgegen, der, auf eine starke wirtschaftliche und physische Kraft pochend, den ganzen Kontinent für sich gewinnen und in dem Problem des Stillen Ozeans eine massgebende Stellung sich erobern will. Die Folgerungen, die sich daraus militärisch ergaben, sind ohne weiteres gezogen worden; ganz besonders hatte sich der Präsident Roosevelt die Förderung der amerikanischen Kriegsmarine als Aufgabe gesetzt. Die grosse Demonstrationsfahrt der amerikanischen Flotte 1907 und 1908 um Kap Hoorn herum in den Stillen Ozean zeigte auch die Erfolge seiner Tätigkeit. Freilich blieb und bleibt man noch weit davon entfernt, den ungeheuren Vorsprung eingeholt zu haben, den die europäischen Mächte auf dem Gebiete der Handelsmarine unbedingt haben.

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IV. Gegen Hochschutzzoll und Trusts.Bearbeiten

Nun scheint allerdings in diese Aussichten eine vollkommene Wendung gekommen zu sein durch den Sieg der demokratischen Partei bei der Präsidentschaftswahl 1912. Seit 1897 ist zum ersten Male wieder die demokratische Partei ans Ruder gekommen; auch das Repräsentantenhaus hat bei 292 Demokraten von 435 Mitgliedern eine demokratische Mehrheit. Wie bereits die ersten Schritte des seit Grover Cleveland ersten demokratischen Präsidenten zeigten, fasste er auch seine Aufgabe dahin auf, mit der gesamten inneren und äusseren Politik der Republikaner zu brechen. Er ist in jeder Weise gegen jenen Imperialismus, mit dem Mac Kinley und Roosevelt die Vereinigten Staaten geräuschvoll, aber auch erfolgreich in die Weltpolitik und das Konzert der Grossmächte einführten. Genau wie man 1898 als ein „Pivot“-Jahr der amerikanischen Geschichte auffasste, sollte auch das Jahr 1913 ein solches werden; nur dass die „Drehung“ nach der anderen Seite zurück gemacht werden sollte.

Zunächst die Folgen davon für die innere Politik. Wie der Sieg des Demokraten sich vor allem durch die immer stärker anschwellende Stimmung des Volkes gegen Hochschutzzoll und Trusts erklärte, so hatte auch der Präsident Wilson in seiner Botschaft an den Kongress, die er zur allgemeinen Verwunderung am 8. April 1913 persönlich diesem vorgetragen hat, sich entschieden als Gegner des Protektionismus bekannt. Die Übertreibungen, zu denen dieser gekommen ist, mit seiner Konzentration aller Produktionsmittel und seiner enormen Verteuerung des täglichen Lebens, hatten eben zu dieser Reaktion geführt. Es war doch wieder ein Zeichen für den ausserordentlich entwickelten gesunden politischen Sinn der Amerikaner, dass alle düsteren Prophezeiungen grosser innerer Kämpfe zwischen Produzenten und Konsumenten sich nicht bewahrheiteten, sondern dass man die Umkehr auf dem verfassungsmässigen Wege anstrebt, natürlich auch mit vielen erbitterten Kämpfen und mit Leidenschaft, aber sicherlich ohne Störung der öffentliche Ordnung und auch ohne Störungen im Staatsgefüge, wie sie von pessimistischen Beurteilern jener Ausartungserscheinungen häufig in Aussicht gestellt worden waren. Dem Kongress wurde bereits eine neue Zolltarifbill vorgelegt, in der der Präsident anknüpfte an den seinen Namen tragenden Tarif von 1893, der damals die bekannte Mac Kinley-Act von 1890 ersetzte. Sie trug mit ihrer Herabsetzung der Eingangszölle für zahlreiche Tarifpositionen denselben unsystematischen Charakter, wie diese Tarifbills in Nordamerika überhaupt, aber ihr Prinzip war klar zu erkennen, nämlich Luxusgegenstände weiterhin mit hohen Zöllen zu belegen, dagegen die Zölle auf Naturprodukte und notwendige, im Preise durch die Trusts unbillig gesteigerte Waren des Volkskonsums herunterzusetzen oder ganz zu beseitigen. Die Bill begegnete im Unterhause und noch mehr im Senat, der ja besonders stark unter dem Einflüsse der Trusts steht, sehr lebhaftem Widerspruch und gewann auch eine Bedeutung für die Parteientwicklung, weil sie sofort zur strikten Parteisache erklärt wurde. Sobald sie fertig war, fand ein „Parteicaucus“ der demokratischen Partei darüber statt; wer dann nicht zustimmte, wurde als Renegat bekämpft. Das war zweifellos eine kühne Massnahme, die aber die Partei und der Präsident wohl richtig berechneten, denn es drehte sich hier um die Interessen der Bevölkerung unmittelbar, und auf diesem Wege beseitigte man am leichtesten den Einfluss der berüchtigten „Bosses“ (Drahtzieher), die das politische Leben sonst in Amerika machen.

Die Wirkung dieser grundlegenden Änderung in der amerikanischen Handelspolitik kann natürlich erst später übersehen werden. Zweierlei ist aber schon deutlich. Genau wie 1893 kam Präsident Wilson auch zu dem Ergebnis, dass die aus den Zollherabsetzungen folgende Verminderung der Staatseinnahmen durch eine progressive Bundeseinkommensteuer eingebracht werden müsse. Sodann fällt die Bevorzugung von Westindien und Kanada auf, die in der neuen Tarifbill ausgesprochen ist. Westindien erhielt durch die Revision der Zuckerzölle einen Vorteil; im Verkehr mit Kanada sind die Zölle auf Mehl, Fleisch, Kartoffeln und Milch beseitigt und die auf Weizen, Vieh, Heu, Früchte und Butter herabgesetzt worden. Diese Massnahme, die sich aus der immer mehr zunehmenden Industrialisierung der Vereinigten Staaten erklärte, erfüllte Wünsche der Farmer in den westlichen Provinzen Kanadas und trägt, indem sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden so nahe aneinander angrenzenden Ländern immer enger gestaltet, abermals eine grosse Gefahr für die ganz anders gehenden Tendenzen des englischen Imperialismus in sich. Denn dadurch [359] wird das Interesse der westkanadischen Bevölkerung an den Vereinigten Staaten immer grösser und an England und den Reichsangelegenheiten immer geringer.

In der äusseren Politik sucht Präsident Wilson ganz logisch den in den letzten zwei Jahrzehnten vernachlässigten Grundsatz wieder zur Geltung zu bringen, dass die Monroelehre auch die Nichteinmischung Amerikas in die politischen Fragen anderer Staaten bedeute. Er gibt sich nicht mit dem Schiedsgerichtsgedanken ab, auf den sein Vorgänger so grosse Hoffnungen setzte, denn er will sein Land von den europäischen Gegensätzen ganz fernhalten; die alte Welt geht nach ihm die Vereinigten Staaten einfach nichts an. Ebenso soll ihre Politik in Mittel- und Südamerika nichts zu suchen haben, wobei er sich aber doch vorbehalten hat, die Beziehungen zu Mittel- und Südamerika weiter zu entwickeln. So sollen sich die Vereinigten Staaten aus der Weltpolitik, in die sie vor 15 Jahren so entschieden eintraten, wieder herausziehen, wie der Präsident sinngemäss auch in striktem Gegensatz z. B. gegen Roosevelt eine starke Flotte nicht für notwendig erklärte. Die Zukunft wird lehren, was diese Neuorientierung der grossen Politik der Vereinigten Staaten bedeuten wird. Das wird man freilich schon von vornherein sagen können, dass bei dem engen Zusammenhang von politischen und wirtschaftlichen Interessen eine solche Abstinenz gar nicht mehr möglich ist und dass für ein Welthandelsvolk die Weltpolitik mit allen ihren Konsequenzen Naturnotwendigkeit ist und bleibt. So wird sich nach menschlichem Ermessen die Haltung der Vereinigten Staaten in der grossen Politik wesentlich von der bisherigen nicht unterscheiden.

V. Imperialismus und innere Politik.Bearbeiten

Die Wandlung, die der Umschwung der auswärtigen Politik in den letzten 20 Jahren für den ganzen Geist des amerikanischen Volkes mit sich gebracht hat, ist schon früh beobachtet worden. Man hat schnell eingesehen, dass ein Imperialismus, wie er von den tatkräftigen Republikanern verfochten wurde, auf die Dauer nicht mit einer Demokratie zu vereinigen ist, auf die man seit Menschenaltern im Gegensatz zu Europa so stolz war. Man spürt es mehr und mehr, dass in diesen Bestrebungen und Kämpfen der Einfluss der gesetzgebenden Körper zurücktreten und der Einfluss der Exekutive, des Präsidenten stärker werden muss, und man empfindet das dann im Volk um so mehr, wenn doch das ganze System der Wahl des Präsidenten usw., die Besetzung dieser wichtigen Stelle abhängig ist und bleibt von den Unsicherheiten einer Wahlbewegung oder noch mehr von den Drahtziehern, die für ihre kapitalistischen Interessen im Präsidenten ein gefügiges Werkzeug suchen. Dagegen hat ja von Anbeginn dieser Politik an die demokratische Partei ihren Hauptwiderstand gerichtet. Während der Imperialismus als Programm der auswärtigen Politik die Stellung des Präsidenten erhöht, streben die Demokraten mit der Ablehnung jener auswärtigen Politik danach, die demokratischen Forderungen noch zu überbieten, mit dem Wunsche einer direkten Wahl des Senates durch das Volk oder durch Beseitigung der Bedeutung, die der höchste Gerichtshof (High Supreme Court) für das Verfassungsleben hat. Dazu ist natürlich der demokratischen Richtung auch ein Dorn im Auge, dass eine solche auswärtige Politik kriegerische Abenteuer möglich macht, und dass sie militärische und noch mehr maritime Rüstungen fordert, die Opfer kosten und abermals den Einfluss der Exekutive stärken. Auf die Dauer wird solche Opposition nicht möglich sein. Denn dieser Imperialismus erfliesst aus den Lebensnotwendigkeiten des amerikanischen Staatswesens überhaupt. Freilich wird das darin ruhende Verfassungsproblem noch sehr in seiner Bedeutung dadurch gesteigert, dass der Gegensatz von Kapital und Arbeit immer klaffender werden muss. Die Zeiten, in denen jedermann Arbeit fand und frohgemut die märchenhafte Erschliessung des Landes fortgesetzt wurde, sind vorbei; in grossen Organisationen stehen sich Kapital und Arbeit gegenüber und suchen auch auf die Führung der auswärtigen Geschäfte einzuwirken.

Sodann wird die auswärtige Politik dadurch berührt, dass die Frage noch nicht endgültig entschieden ist, welcher Rasse das Gebiet der Union dauernd gehören wird. Angelsächsische, deutsche und skandinavische Elemente haben die Kolonisation durchgeführt und den Staatsbau gefestigt, aber das eigentlich angelsächsische Element zeigt auch hier, wie in den englischen Kolonien sonst, dass ihm auf kolonialem Boden die Unfruchtbarkeit droht. Die Einwanderung des deutschen Elements ist ausserordentlich zurückgegangen, seitdem Deutschland selbst seine [360] Stellung in Weltpolitik und -Wirtschaft sich errungen hat, und die Elemente, aus denen sich heute die für die Vereinigten Staaten unbedingt notwendige Einwanderung zusammensetzt, sind in zunehmendem Masse anderen Blutes, romanischer, slavischer, semitischer Abstammung. In Verbindung damit gewinnt die Tatsache, dass Millionen von Negern noch im Staatskörper vorhanden sind, eine besondere Bedeutung. Wird auch dieses Problem, so wichtig es für die allgemeine Zukunft der Vereinigten Staaten ist, ihre auswärtige Politik in absehbarer Zeit nicht wesentlich berühren, so liegen genug Konfliktsmöglichkeiten für sie auch darin und sind schon hervorgetreten. Damit hängt schon die Frage zusammen, die bei der Betrachtung dieser auswärtigen Politik zuletzt erhoben werden muss, die Frage nach ihrem inneren Wert und damit nach ihrem Recht. In dem Optimismus und Vertrauen auf die Zukunft, die den Amerikanern heute eigen sind, wird diese Frage kaum aufgeworfen und wenn je, dann selbstverständlich bejaht. Aber es ist doch kein Zweifel, dass dem gewaltigen Streben nach aussen, wie es uns im heutigen amerikanischen Imperialismus seit Mitte der 90er Jahre entgegentritt, ein innerer Inhalt nur zum Teil entspricht, dass mit anderen Worten eine eigene amerikanische Kultur, für die das imperialistische Programm von heute Bahnen und Sicherheit des Lebens schaffen soll, erst im Werden ist, und dieses Werden wird selbstverständlich aufgehalten oder gar entscheidend bedroht, wenn die bisher zweifellos germanischen Ansätze dazu durch andersrassige Elemente im Volkskörper gekreuzt und verändert werden. Eine amerikanische Kultur, die wirklich etwas für die Menschheit leistet und die damit die grandiosen Herrschaftsansprüche der amerikanischen Politik erst rechtfertigt, kann aber nur dann und da zum vollen Erblühen kommen, wo – nach einem im mittleren Westen der Union heute gern gebrauchten Ausdrucke – „the teutonic principles prevail“.

VI. Amerika und Europa.Bearbeiten

Inwieweit wird durch die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten von heute ihre Stellung zu Europa und seinen einzelnen Staaten beeinflusst?

Ohne weiteres ist klar, dass die grossenteils auf gegenseitiger Unkenntnis beruhende Gleichgültigkeit gegeneinander längst aufgehört hat. Bis in die 70er Jahre hinein konnte das europäische Staatenkonzert den Vereinigten Staaten verhältnismässig gleichgültig gegenüberstehen. Abgesehen davon, dass gelegentlich koloniale Fragen auf amerikanischem Gebiete Reibungen mit Frankreich oder England hervorriefen, oder dass der grosse Entscheidungskrieg zwischen Norden und Süden der Vereinigten Staaten Europa wirtschaftlich und geistig recht stark berührte, ging man nebeneinander her; auch die grossen Massen europäischer, namentlich deutscher Einwanderung, haben das Band nicht enger gezogen. In den 70er Jahren begann dann die Bedeutung der Vereinigten Staaten wirtschaftlich immer grösser zu werden, begannen Konkurrenz und handelspolitische Differenzen. Auch nahm die Union an manchen Fragen der grossen Politik, z. B. an der Kongo-Konferenz, bereits einen Anteil, den sie bisher nicht beansprucht hatte. Aber erst seit den 90er Jahren ist diese Berührung Nordamerikas mit Europa so eng geworden, dass sie ernsthaft betrachtet werden musste. Auch wenn man den Ruf Steads: „die Amerikanisierung der Welt“ als reichlich übertrieben empfand, so spürte Europa doch überall das Eindringen der amerikanischen wirtschaftlichen Kraft. Die Fragen der handelspolitischen Beziehungen gewannen eine ganz andere Bedeutung als vorher, weniger im Verhältnis der Union zu England oder zu Frankreich, als ganz besonders zu Deutschland, das die gewaltige Wirtschaftskraft der Union gleichfalls erheblich spürte, andererseits aber für sein enorm aufblühendes Wirtschaftsleben auch Ellbogenfreiheit wünschte. Da es von 1890 an (Saratogaconvention) über die verschiedenen amerikanischen Tarife hin nicht recht gelang, in ein erträgliches handelspolitisches Verhältnis zu kommen und namentlich die umstrittene Frage der Meistbegünstigung klar zu regeln, gerieten die beiden Staaten in eine Spannung, die in den offenen Krieg auszugehen schien. Das hätte die amerikanische Politik um die Wende des Jahrhunderts in einen dauernden Gegensatz zum Deutschen Reiche geführt und enge Beziehungen mit England geschaffen, die naturgemäss von diesem lebhaft gewünscht und gefördert wurden und durch die spätere französisch-englische Entente von 1905 eine wesentliche Steigerung erfahren hätten. Damit hätte sich dann auch die Stellung der Union im fernen Osten an der Seite Japans und gegen China und evt. auch Russland ergeben. Sowohl dem Geschick der deutschen, wie der [361] amerikanischen Politik wurde es verdankt, dass diese Stellungnahme der Vereinigten Staaten, die für das Deutsche Reich bedenklich geworden wäre und der Union Vorteile nicht gebracht hätte, nicht zu ihrem Ende kam. Seit 1901 (Reise des Prinzen Heinrich, Professorenaustausch usw.) hat sich eine immer stärkere Annäherung der beiden Staaten vollzogen. Wegen der grossen räumlichen Entfernungen und wegen der politischen Struktur der Union kann diese zu einem Bündnis nicht werden, wohl aber zu einer Entente, die Dauer verspricht, weil die Union und Deutschland in den Kardinalfragen der Weltpolitik die gleiche Stellung einnehmen; denn diese entspricht ihren realen Interessen. Das gilt sowohl für den Stillen Ozean und Ostasien, wie für Afrika und das asiatische Problem – Dinge, denen im Fortgang der Jahre auch die Union immer stärker nahe kommen wird als bisher. Sie verfolgt eine eigene, aus ihren Interessen sieh ergebende auswärtige Politik, die mit japanischen und englischen Interessen zusammenstossen kann, während sie, richtig geführt, mit den deutschen Interessen nirgends zu kollidieren braucht.