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Autor: Carl Falkenhorst
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Titel: Die Sonne als Brandstifterin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 339
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[339] Die Sonne als Brandstifterin. In heißen Ländern soll der Wüstensand durch die Sonnenstrahlen derart erhitzt werden, daß man in ihm Eier kochen kann. Daran glauben die Menschen; ungläubig aber pflegen die meisten den Kopf zu schütteln, wenn man ihnen sagt, daß die Sonnenstrahlen die Ursache eines Brandes bilden können. Die Sonne als Brandstifterin zu brandmarken, das scheint vielen mindestens übertrieben, und dennoch ist jene Anschuldigung wahr.

Häufig sind solche Fälle glücklicherweise nicht, aber die Geschichte des Feuerlöschwesens verzeichnet eine ganze Reihe von Bränden, in welchen die Wärme der Sonnenstrahlen als Brandursache ermittelt wurde.

In Brookfield, Massachusetts, ließ ein Bauer eine Jacke mit Streichhölzchen in der Tasche auf einem Blocke hängen, die Sonne schien darauf, die Streichhölzer entzündeten sich und die Scheuer gerieth in Brand. Das ist ein einfacher Fall, an dessen Glaubwürdigkeit niemand zweifeln wird. In unsern technischen Betrieben haben wir aber eine ganze Reihe leicht entzündlicher Stoffe, deren Aufflammen durch die Sonnenwärme herbeigeführt werden kann. Wir unterschätzen in der Regel die wärmende Kraft des Tagesgestirns, obwohl wir uns jeden Sommer auf flachen Dächern aus Metallblech, Dachpappe oder dunkelfarbigem Schiefer von der Wirkung dieser Kraft überzeugen können. Es ist sogar in Fachkreisen der Vorschlag gemacht worden, derartige Dächer während der Mittagszeit mit feuchten Plantüchern zu bedecken.

Die Wissenschaft hat seit langer Zeit Mittel gefunden, die Wärme der Sonnenstrahlen zu sammeln und sie in Hitze zu verwandeln. Dies geschieht durch die Brennspiegel und Brenngläser. Im Alterthum soll Archimedes die römische Flotte mit solchen Brennspiegeln in Brand gesteckt haben; noch heute wird mit dem Benunglas bei physikalischem Unterricht Schießpulver entzündet, und im vorigen Jahrhundert war als wissenschaftliche Spielerei ein Brennglas in Gebrauch, mit dessen Hilfe alle Arten Holz in einem Augenblick entzündet wurden und Wasser in einem kleinen Gefäß beinahe augenblicklich zmn Sieden gebracht werden konnte. In neuester Zeit versuchte man sogar, die Sonnenwärme zu industriellen Zwecken zu verwerthen, indem man die sogenannten Sonnenmaschinen baute, bei welchen die auf den Dampfkessel gesammelten Sonnenstrahlen das Wasser zum Sieden brachten und so eine Dampfmaschine in Gang setzten.

In unsern Häusern giebt es aber eine ganze Menge von Glasgeräthen, die vermöge ihrer Krümmungen wie Brenngläser wirken, und in der That gaben diese Geräthe öfters die Veranlassung zu Brandschaden. In dem vortrefflichen „Handbuch des Feuerlösch- und Rettungswesens“ von Branddirektor W. Döhring ist eine Reihe solcher Beobachtungen zusammengestellt.

Schon unsere Fensterscheiben können, wenn sie Blasen enthalten, als Brenngläser wirken, und darum besteht auch in Pulverfabriken die Vorschrift, daß die Glasscheiben an Fenster und Thür mit weißer Farbe überstrichen werden. Aber man braucht gar nicht erst in Pulvermühlen zu gehen, um ähnliche Fälle der Brandursachen festzustellen.

In einem Hause war eine Brille am Fenster hängen geblieben, auf dem Fußboden waren Betten zum Trocknen ausgebreitet; die Sonne schien hell und trocknete gut, aber die Brille übernahm die Rolle der Brenngläser und entzündete die Betten.

Als Brennglas kann auch der Oelbehälter einer Petroleumlampe wirken, und ein solcher Fall wurde im Jahre 1875 aus Plymuouth gemeldet, wo die Sonnenstrahlen, die durch das Oelbassin einer Lampe gebrochen wurden, die darunter liegende Wachsleinwand in Brand gesteckt hatten.

Noch merkwürdiger ist der folgende Bericht. Ein Herr saß an einem am Fenster stehenden Tische, der Tisch war mit Saffianleder bedeckt, auf welchem einer von den vielfach benutzten Briefbeschwerern aus vier zusammenhängenden gläsernen Kugeln lag. Plötzlich stieg eine dünne Rauchsäule von der Tischdecke empor, und es fand sich, daß der Briefbeschwerer als Brebnglas gewirkt und die Decke in Brand gesteckt hatte. Dies passirte, obwohl die Sonne nur geringe Macht besaß; wären die Strahlen der Julisonne auf einen leicht entzündlichen Stoffs konzentrirt worden, so würde aller Wahrscheinlichkeit nach ein Brand ausgebrochen sein, über den das Urtheil gelautet hätte. „Entstehungsursache unbekannt.“ „Man muß darauf achten,“ fügt der Berichterstatter hinzu. „daß dergleichen gläserne Briefbeschwerer, die als kräftige Brenngläser wirken, nicht einen derartigen Platz erhalten, daß die direkten Strahlen der Sonne auf sie fallen können.“

Aehnliches läßt sich auch unter Umständen von den Wasserflaschen behaupten; besonders kräftig aber wirken die mit Wasser gefüllten Glaskugeln der Schuhmacher. So wurde z. B. im Anfang dieses Jahrhunderts die Lehne eines Stuhles, welche der Brennpunkt einer solchen Kugel traf, in helle Flammen gesetzt.

Auch die schöne Butzenscheibe kann die Sonne zur Brandstiftung verleiten. Es brach in einer Kirche regelmäßig des Mittags Feuer aus, bis man schließlich entdeckte, daß eine Butzenscheibe im gegenüberliegenden Fenster die konzentrirten Sonnenstrahlen immer auf denselben hölzernen Kirchenstuhl warf. Selbst auf der See, wo es doch feucht und kühl zu sein pflegt, sind ähnliche „Brandstiftungen“ beobachtet worden. So las man im Jahre 1876 in Plymonther Zeitungen, daß auf einem Dampfer eine Kajüte in Brand gerieth, indem das runde Deckglas, welches zum Einlassen des Tageslichtes diente, die Sonnenstrahlen gesammelt und auf einen Punkt hatte wirken lassen.

Diese Fälle bilden, wenn man so sagen darf, Feuerkuriosa, die nur selten sich ereignen. Man muß aber bedenken, daß die Ursache derselben fast immer beim Sonnenschein vorhanden ist, und darum gehörte ihre Erwähnung nicht allein in ein Fachwerk, sondern auch vor die Oeffentlichkeit. Jedenfalls aber wird es für viele Leser von Interesse gewesen sein, diesen Steckbrief zu lesen, den wir hinter dem Sonnenschein erlassen haben.

C. Falkenhorst.