Die Luft- oder Vacuum-Bremse

Textdaten
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Autor: Z.
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Titel: Die Luft- oder Vacuum-Bremse
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 848
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[848] Die Luft- oder Vacuum-Bremse. Im Jahrgange 1875 der „Gartenlaube“ sprachen wir über pneumatischen Dienst, speciell über die projectirte Leichenbeförderung nach dem Wiener Central-Friedhofe mittelst Luftdrucks. Bei dieser Gelegenheit fühlten wir uns damals berechtigt, die Voraussetzung auszusprechen: daß dem Drucke der atmosphärischen Luft im Dienste der Menschheit künftig ein bedeutendes Feld der Benutzung vorbehalten sein dürfte – eine Prophezeiung, welche in jüngster Zeit auf dem Gebiete der Eisenbahntechnik in Erfüllung gegangen ist. Wir meinen die von dem englischen Ingenieur Smith erfundene und auf einigen continentalen Gebirgseisenbahnen mit dem außerordentlichsten Erfolge erprobte Vacuum-Eisenbahnbremse, die in ihren Leistungen Alles überbietet, was an Hemmvorrichtungen bis zu dieser Stunde bekannt gewesen ist. Für Gebirgsländer, wie die Schweiz und Oesterreich es sind, auf welchen lang ausgedehnte jäh ansteigende Steigerungen, respective abstürzende Gefälle befahren werden müssen, dürfte diese Erfindung ganz besonders von hervorragendem Interesse sein. – Demzufolge fand sich die österreichische Südbahn-Gesellschaft zu Anfang December d. J. veranlaßt, auf der weltbekannten Gebirgsbahnstrecke des Semmering mit der Vacuum-Bremse Versuche anzustellen, und die damit erzielten Resultate sind in der That erstaunenswerth ausgefallen. Ein mit der Schnelligkeit von vierundachtzig Kilometer (gleich elf deutschen Meilen) in der Zeitstunde dahinbrausender Zug wurde unter der Anwendung dieses Apparates in vierzig Sekunden ohne bemerkbaren Ruck zum Stillstande gebracht; auf einer andern Stelle bei gleich rasender Eile hielt der Zug in dreißig Secunden man könnte sagen mauerfest, ohne daß die Passagiere auch nur die geringste Erschütterung empfunden hätten. Am glänzendsten aber gestalteten sich die Leistungen des Vacuum-Apparates auf der eigentlichen Gebirgsstrecke selbst, zwischen Payerbach und Spital, wo Steigerung und Gefälle sich auf lange Strecken wie 1 : 42 verhalten.

Die Smith’sche Luftbremse, äußerst einfach, wird von der Locomotive aus durch einen Dampfstrahl in Bewegung gesetzt. Längs dem Tender und jedem Wagen befinden sich horizontal liegende Kautschuk-Cylinder, und aus diesen wird die Luft von der Lokomotive ab ausgesaugt. Die nächst hieraus folgende Wirkung ist, daß diese Cylinder zusammengezogen und dadurch die Bremshölzer auf die Räder gepreßt werden. Hat der Locomotivführer das entsprechende Dampfventil geöffnet, so erfolgt momentan die Aufsaugung und die Pressung der Klötze auf die Räder mit der Kraft von beiläufig zwei Drittel Atmosphären oder zehn Pfund auf den Kreiszoll. Soll die Bremse zurückgestellt werden, so wird das Dampfventil geschlossen und eine mit der Rohrleitung in Verbindung stehende Klappe geöffnet; das Vacuum hört auf, und die Hölzer kehren in ihre ursprüngliche Lage zurück.

Die großen Vortheile der Sicherheit, Schnelligkeit und der elastischen Wirkung, welche die Luftbremse bietet, sind so in die Augen springend, daß sie nicht allein von den Eisenbahntechnikern, sondern von Jedermann anerkannt werden dürften. Eine momentane Handbewegung des Zugführers schützt vor vielen jetzt noch möglichen Eisenbahngefahren, und es kann außerdem durch die Anwendung dieser Erfindung die Schnelligkeit jedes Zuges, insbesondere auf Gefällen, in der präcisesten Weise geregelt werden. Wie viele Unglücksfälle werden uns im Laufe eines Jahres durch Ueberfahren von Menschen berichtet, in denen beim Gebrauch der jetzt in Verwendung stehenden Hemmmittel die Tödtung von Personen eine nicht zu vermeidende Misère blieb! Danken wir dem Genie, welches die treueste Begleiterin unserer Erde, die Luft, uns erneut dienstbar gemacht hat!
Z.