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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[57]

No. 4.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.


Das Capital.
Erzählung von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


6.

Als Frau von Haldenwang heim kam, fand sie Herrn von Maiwand auf der Terrasse sitzend, eine Cigarre rauchend und in die Zeitung vertieft, in der er die vierte Seite, welche die Course von allen möglichen Bank-, Eisenbahn-, Industrie- und Schwindelactien brachte, studirte. Er erhob sich, als Frau von Haldenwang an ihm vorübergehen wollte, und zog ihr einen Stuhl herbei.

„Wollen Sie sich nicht von Ihrer langen Promenade mit diesem liebenswürdigen Herrn Landeck ausruhen, Malwine?“ fragte er. „Er sucht seine blonde deutsche Schwärmerei für Sie übrigens unter sehr grober Bärenhaftigkeit zu verbergen und wird dabei oft sehr täppisch. Ich denke, Sie müssen müde sein nach so langer Unterhaltung mit ihm.“

„Die Unterhaltung währte nicht so gar lange,“ versetzte sie, sich niederlassend. „Ich bin auf einem weiten Umwege durch den Wald zurückgekehrt. Ich habe dabei gesehen, daß schöne große Eichen mit dem Forsthammer gezeichnet sind. Sollen sie im nächsten Winter geschlagen werden? Ich will das nicht. Es sind die schönsten im Walde.“

„Auch die schönsten Eichen sind dazu da, um geschlagen zu werden. Unsere Zechen- und Industriebauten haben die Holzpreise bis zu einer Höhe getrieben, daß es lächerlich ist; wir werden im nächsten Winter sehr viel schlagen lassen.“

„Ohne meine Einwilligung nicht, Maiwand. Ich mache Sie verantwortlich dafür.“

„Ah, das ist ja ein ganz neuer Ton, den Sie gegen mich anschlagen, Malwine. Hat Sie dieser Landeck so geärgert, daß Sie an mir geduldigem Hammel den Aerger auslassen wollen?“

„Sie kommen ja gewaltig zähe auf Landeck zurück. Ich wüßte nicht, was er irgend mit meinen Eichen zu schaffen hätte.“

„Das sicherlich nicht,“ versetzte Maiwand, „ich habe aber guten Grund auf ihn zurückzukommen, weil ich Ihnen gestehen muß, daß ich den Ton, den sich dieser junge Mann, auf Ihren früheren Verkehr in Athen gestützt, gegen Sie erlaubt, durchaus unpassend finde. Ob er dort, in Gegenwart meines verstorbenen Vetters, sich bereits so gehen lassen, weiß ich nicht und bezweifle es, weil mein Vetter es schwerlich geduldet hätte. Hier aber, wo Sie, Malwine, in Ihrer jetzigen Stellung zehn Mal behutsamer sein und sich bewachen müssen, ist er unleidlich, und es wäre gut, Sie deuteten dem Onkel Escher an …“

Malwine hatte ihr Gesicht erhoben und sah mit einem so unnachahmlichen Ausdruck von Stolz und Verachtung in die Züge Maiwand’s, daß dieser plötzlich stockte und zögernd hinzusetzte:

„Ich mußte Ihnen das sagen Malwine, und Sie brauchen mich deshalb nicht so entrüstet anzusehen. Ich denke, Sie zu warnen und vor Verdrießlichkeiten zu hüten, hätt’ ich doch ein Recht; das wenigstens hatten Sie mir eingeräumt.“

Sie wandte schweigend das Gesicht ab.

„Ich hüte mich schon selber und habe Niemand ein Recht, mich zu bewachen, gegeben. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen dankbar für die Sorge, meine Interessen zu bewachen, bleibe. Und lassen Sie es sich daran genügen zu wissen, daß ich in der Beziehung ja allen Ihren Rathschlägen blindlings folge.“

„Sie sind heute sehr hart gegen mich, Malwine. Sie wissen recht wohl, daß nicht meine ganze Seele in der Sorge für Ihre Interessen aufgeht.“

„Was doch für Sie und mich das Beste wäre, Herr von Maiwand.“

„Unsere Ansichten sind darüber durchaus verschieden,“ entgegnete er lebhaft, „und die meinen haben das vor den Ihren voraus, daß sie beständiger und sich gleichbleibender sind. Die Ihrigen sind ein wenig wetterwendisch. Sie haben mich, wenigstens vor Kurzem noch glauben lassen, daß Sie anders dächten.“

„Wann hätt’ ich je – doch kommen wir nicht darauf zurück! Was hilft der Streit darüber …“

„Doch, kommen wir darauf zurück! Ich kann unmöglich etwas, von dem mein ganzes Glück und mein Leben abhängt, unerörtert und in Schweigen begraben lassen, wenn ich es durch eine ganz neue Gedanken- und Gefühlsströmung in Ihnen bedroht sehe.“

Auf Malwinens Zügen war sehr deutlich zu lesen, wie drückend und lästig ihr dieses ganze Gespräch war. Doch hatte sie offenbar nicht den Muth, oder fühlte sich Maiwand gegenüber nicht frei genug, um dieses Thema rasch abzubrechen.

„Es ist Ihre Schuld,“ sagte sie, „wenn eine ‚neue Gedankenströmung‘ in mir ist. Sie haben mich zu etwas verführt, was mich jetzt beängstigt, was ich unbedachtsam und gedankenlos auf Ihren Rath hin gethan habe und was, wie ich jetzt einsehe, eine Unredlichkeit war.“ [58] „Ah, Sie meinen doch nicht diesen Scheinverkauf von Haldenwang, das einzige Mittel, das Ihnen das Gut erhält, wenn Sie sich wieder verheirathen?“

„Ich werde über die Moralität dieser Handlung nicht mit Ihnen streiten. Geben Sie mir zu meiner Beruhigung wenigstens einen Revers!“

„Einen Revers? Worüber?“

„Daß es ein Scheinkauf ist, daß Sie von der Summe, deren Empfang ich in der Urkunde bezeugt habe, nie einen Thaler bezahlt haben und nie bezahlen werden.“

Maiwand sah sie leicht erblassend und groß an. Dann sagte er mit einem Lächeln der Verachtung, das über seine bleichen und markirten, aber nicht unschönen Züge flog:

„Wozu das? Sie können ja Ihren Kaufbrief jeden Augenblick zerreißen. Dazu haben Sie ihn ja in Ihre Schatulle geschlossen.“

„Ich weiß nicht, ob das hinreichen würde; ich kann damit wenigstens nicht das Gedächtniß des Notars und der zwei Zeugen, welche dieser, als er den Act niedergeschrieben hatte, hereinrief, zerreißen; wenn Sie heute sterben, Maiwand, könnte irgend ein Verwandter, der Ihr Erbe wäre, mit diesem Notar und diesen Zeugen kommen und behaupten, Haldenwang sei sein. Auch ist es möglich, daß der Notar eine Abschrift behalten hat. Alles das ist mir eingefallen und macht mir Sorge; geben Sie mir deshalb einen Revers!“

„Wenn Sie wünschen, Malwine, weshalb nicht? – obwohl das eigentlich thöricht von mir ist – bei einer so wankelmüthigen Frau, welche die Hoffnungen, die sie den Männern, welche sie lieben, giebt, so leicht nimmt. Ich thäte besser, mein freilich ganz chimärisches Recht auf Haldenwang zu halten, als ein mir theures Unterpfand meines Anspruchs auf die Hand der Besitzerin.“

„Ihres Anspruchs auf meine Hand? Ah, das ist stark. Bin ich etwa Ihre – Verlobte?“

„Nein. Sie haben mir nicht das Glück gönnen wollen, mich öffentlich so zu nennen. Aber Sie haben alles Ihrige, alle Ihre Angelegenheiten mit einem Vertrauen in meine Hände gelegt, das eine Frau dem Manne, der sie liebt, und der ihr dies deutlich genug an den Tag gelegt, nicht gewährt, wenn sie am Ende nicht seine Verlobte werden will.“

„Wissen Sie das so genau? Doch ich sehe, ich bin wohl sehr unbesonnen gewesen,“ versetzte hart und unwillig Malwine, „es ist mir aber nie, niemals eingefallen, mich binden zu wollen. Sie können überzeugt sein, Herr von Maiwand, daß ich meine Freiheit viel zu hoch schätze, viel zu sehr liebe, um mich überhaupt je wieder zu binden.“

„Ach,“ versetzte Maiwand, überlegen lächelnd, „Sie dachten nicht so, als Sie meinen Rath befolgten, zum Scheine mir Haldenwang zu verkaufen, damit Sie es nicht, sobald Sie sich wieder verheiratheten, an die fromme Stiftung herauszugeben brauchten, der es nach dem Testamente meines Vetters zufallen soll – aber Gottlob nicht zufallen kann, wenn es vorher schon von Ihnen veräußert ist. Damals mußten Sie doch an eine neue Verbindung denken, und gaben mir das Recht, zu denken …“

„Ach,“ unterbrach ihn zornig Malwine, „ich dachte an nichts, das ist ja eben mein Fehler, daß ich mich unbehütet und unbesonnen in all solchen Dingen gehen lasse, vertrauensselig und wie ein Kind. Sie rieten mir, Sie drangen in mich, und ich that, was Sie wollten. Und nun beunruhigt es mich und also – geben Sie mir einen Revers!“

Herr von Maiwand zog die Stirnfalten kraus zusammen und biß sich auf die Unterlippe.

„Würde der Sie schützen, wenn nach meinem Tode – Sie fürchten ja, scheint es, irgend ein plötzliches, vorzeitiges Ende für mich so sehr – böse Menschen als meine Erben gegen Sie aufträten?“ entgegnete Maiwand mit einem spöttisch klingenden Tone. „Ich will Ihnen etwas Besseres geben, um Sie zu beruhigen. Ich will in meinem Testamente Sie zu meiner Universal-Erbin einsetzen. Dann kann Niemand nach meinem Tode kommen und Sie im Besitze von Haldenwang stören wollen. Denn gesetzt auch, Sie hätten es wirklich an mich verkauft, so würden Sie es wieder von mir geerbt haben.“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf sagen soll. Sie machen mich nur immer ängstlicher; ich fühle mich wie von einer immer verwickelter werdenden Sache umstrickt – und hören Sie: ich will einen Revers haben – einen Revers will ich, nichts anderes.“

Malwine verfiel bei diesen Worten in die Weise eines halb sich hülflos fühlenden, halb zornigen Kindes; sie stampfte bei ihrem zornigen Ausruf mit den Stiefelchen auf den Boden.

„Ach, Sie und viel zu reizend, Malwine,“ sagte Maiwand jetzt lächelnd und sie mit einem verzehrenden Blicke anschauend, „als daß Sie von mir verlangen dürfen, ich solle selbst irgend etwas, was uns mit einander verbindet, wieder zerreißen.“

„Aber ich,“ sagte sie, jetzt aufspringend und wie von diesen Worten empört, „ich will es – hören Sie: ich will es. Und wenn Sie meinen Willen nicht erfüllen, so – so …“

„So? Was werden Sie thun, Malwine?“ versetzte er gleichmüthig.

Sie wandte ihm mit einer Miene voll Zorn und Verachtung den Rücken und ging in’s Haus.

Maiwand’s Gesicht verfinsterte sich auffallend, als sie verschwunden war.

„Zum Henker,“ sagte er vor sich hin, „wer hat ihr diese Raupe in den Kopf gesetzt? Früher hatte sie für jeden Rath, den ich ihr gab, für Alles, was ich anordnete, nur ein bereitwilliges Ja, Ja! Hat dieser Grieche eine andere Windströmung in ihr hervorgerufen? Habe ich recht gesehen, daß, wenn dieser Mensch erscheint, ihr Wesen sich nicht mehr gleich bleibt, und bald etwas ungewöhnlich Lautes, bald etwas Schweigsames annimmt und die völlig freie Natürlichkeit und Unbefangenheit dahin ist? Soviel ist gewiß, daß der Gedanke an einen Revers nicht in ihrem Kopfe entstanden ist; unmöglich hat sie auch nur eine Vorstellung davon gehabt, was ein Revers ist, bevor es ihr Jemand klar gemacht hat. Aber ebenso unmöglich hat sie sich herabgelassen, mit diesem Menschen von ihren Verhältnissen zu reden. Seltsam! Jedenfalls thue ich wohl, wenn ich den Besuchen des Herrn Landeck auf Haus Haldenwang auf irgend eine Weise ein rasches Ende mache.“

Mit diesen Worten erhob sich Herr von Maiwand, um sich aus dem an die Veranda stoßenden Salon Hut und Ueberzieher zu holen und dann zu den Stallgebäuden hinabzugehen, wo er sich sein hochbeiniges Pferd vorführen ließ, um darauf durch die Waldung in das eine Viertelstunde weit entfernte, flußabwärts liegende Kirchdorf zu reiten, wo er im Hause des Pfarrers sich ein paar freundliche Zimmer gemiethet hatte, seit die junge Frau auf Haus Haldenwang zurückgekehrt war und er also anstandshalber die Wohnung verlassen mußte. welche die Güte seines verstorbenen Vetters ihm darin so lange eingeräumt hatte.

Als er nun in seinen vier Wänden war und es sich hier bequem gemacht hatte – es war merkwürdig, wie viel älter und vom Leben mitgenommener Herrn von Maiwand’s Züge erschienen, wenn er so in seinen dunkelgrünen Schlafrock gehüllt war, als wenn er sich in voller Toilette befand – setzte er sich in das offene Fenster und blickte dem Pfarrer entgegen, einem hagern, vornübergebeugten Manne, der, das Brevier in der Hand und eben die letzten Tagesgebete murmelnd, durch den Gartenpfad daher kam.

„Guten Abend, Ehrwürden!“ redete er ihn an. „Schenken Sie sich die letzte Commemoratio de Sancto Eustachio oder Basileo, oder welch heiligen Mann Sie eben beim Barte haben, und sprechen Sie Amen! Wie stehen die Dinge in Ihrer Pfarrei heute?“

„Schlecht, Herr von Maiwand, schlecht,“ versetzte der Pfarrer unter das Fenster tretend. „Ich rede unter den Weibern zum Frieden, so gut ich kann. Aber was hilft es? Das Weibervolk ist just am maßlosesten in den Ansprüchen, die diese Menschen jetzt machen. Wenn sie nicht in seidenen Kleidern am Sonntage Vergnügungsfahrten in Coupés zweiter Classe machen und von ihren Männern nicht Sect eingeschenkt bekommen, kommen sie sich wie der Menschheit Schmerzenskinder vor. Der Ausschuß verhandelt mit den Fabrikanten, und da diese fest bleiben, wird der Strike, fürchte ich, schon Montag beginnen. Es ist nun die einzige Hoffnung noch, daß sie sich bis dahin selbst bei den Köpfen fassen, denn es sind Agenten sowohl der Sunniten von Berlin, wie der Schiiten von Eisenach, die an Abu Bekr nicht glauben, unter ihnen thätig und beide versprechen ihnen um die [59] Wette Zuschüsse aus ihren Cassen. Ob sie es halten können, ist eine andere Frage.“

„Und eine dritte, wie lange es unsere Herren Fabrikanten werden aushalten können.“

Der Pfarrer zuckte die Achseln. „Bartels und Söhne können es aushalten,“ sagte er. „Ihre Lieferungscontracte sollen in diesem Augenblicke nicht besonders zahlreich und dringend sein. Ob aber Escher, der zudem allein steht und ein viel geringeres Anlage- und Betriebscapital hatte, es aushalten wird – wer weiß es?“

„Fatale Lage das!“ sagte Maiwand, und dachte befriedigt daran, daß, wenn Herr Escher falliren würde, er genöthigt sei, sich des Luxus eines so vornehm auftretenden Hauslehrers zu entäußern – falls – und das war nun wieder eine bedrohliche Seite der Sache, Escher sich nicht an seine Nichte Malwine wenden und ihr Capital zur Stütze des unzulänglichen eigenen in Anspruch nehmen werde.

Der Pfarrer aber fiel ein: „Wohl ist es eine fatale Lage für diese – Leute. Doch sind die Arbeiter von ihnen auch zu lange ausgebeutet. Zu lange hat sich Niemand um das Loos dieser Leute gekümmert. Sie kennen die Noth und das Elend nicht, die noch vor zwanzig Jahren in den Häusern und Hütten der Arbeiter herrschten. Jetzt verfallen sie denn mit ihren Forderungen freilich in’s Uebermaß und bringen die Sündfluth über uns. Wir gehen einer furchtbaren Zukunft entgegen, Herr von Maiwand, denn alle Bande sind ja gelöst. Der Staat ist in den Händen der Freimaurer; der Kirche, die allein retten könnte, werden die Hände geknebelt; das heranwachsende Geschlecht wird auf den gelehrten Schulen mit Gottlosigkeit genährt, und unsere Presse predigt den Atheismus und die Verachtung des Heiligsten. Was soll daraus werden, was kann daraus entstehen als –“

„Die Sündfluth, in der alle die ertrinken werden,“ fiel ihm Maiwand lächelnd in’s Wort, „welche sich nicht bei Zeiten in die Arche der Kirche retten, die natürlich die Sündfluth überdauern und besiegen wird. Wir kennen das, Pastor, wir kennen es. Aber wenn ich die Zukunft auch nicht ganz so nachtrabenschwarz sehe, wie Sie – die Gegenwart kann für uns einige Tage lang hier recht unangenehm werden; hören Sie nur!“

Man vernahm von jenseits der hohen Hagedornhecke, die den Pfarrgarten von der Dorfstraße trennte, einen wüsten Gesang und zugleich den Schall vieler fest und geregelt auftretender Schritte – es waren vielleicht dreihundert Männer in Arbeitstracht, die Arm in Arm und in Reihen geordnet hinter einer rothen Fahne her durch das Dorf zogen, wohl einem großen jenseits liegenden Wirthshause zu.

Der Pfarrer horchte ihnen schweigend eine Weile zu; als sie an seinem Hause vorüber waren, faltete er die Hände und sagte:

„Wir leben in schrecklichen Zeiten, Herr von Maiwand, in schrecklichen Zeiten.“

„Gehen Sie ihnen doch nach, Pastor,“ antwortete Maiwand, „und hören in ihren Versammlungslocalen den Reden, die da jetzt gehalten werden, zu! Sie werden da außerordentlich viel lernen können, um den jetzt beliebten Kanzelton in Ihrer nächsten Predigt zu treffen.“ –




7.

Auf den Werken des Herrn Escher sowohl, wie der benachbarten Industriellen waren die Eigenthümer mit ihren Disponenten, technischen Directoren und anderen Angestellten heute in sehr erregter Berathung, theils unter sich, theils mit den Abgeordneten eines Ausschusses der unzufriedenen Arbeiter gewesen, der gestern dazu gekommen war, sich über die zu stellenden Forderungen zu einigen und sie zu präcisiren. Heute Morgen hatte er sie durch seine Abgeordneten vorlegen lassen: Verminderte Arbeitsstunden, Lohnerhöhung, Antheil an den Versorgungscassen nach halb so langer Zeit, als der Einzelne jetzt auf den Werken beschäftigt gewesen sein mußte, für die Formenhersteller Renumerationen, wenn aus den Formen, die sie gemacht, gewisse Mengen von Gegenständen hervorgegangen, für die Werkmeister und die Vorarbeiter gewisse Tantiemen nach der Ablieferung einer bestimmten Anzahl der in den einzelnen Werkstätten hergestellten Artikel etc.

Es waren das Alles Bedingungen, deren Annahme die Principale hätte ruiniren müssen, auch wenn diese ganz mit eigenem und nicht zum Theil mit fremdem, sich verzinsendem Capital hätten arbeiten müssen. Deshalb wurden sie einfach verworfen – es wurde von den auf Herrn Escher’s Werken zahlreich zusammengekommenen Fabrikbesitzern abgelehnt, auf den Grund solcher Forderungen hin auch nur in Verhandlungen einzutreten. Sie sprachen dies schroff und entschieden aus und beschäftigten sich dann mit den Schutzmaßregeln, die jeder Einzelne für sich gegen den zu erwartenden Sturm treffen konnte, und denjenigen, die sie gemeinsam verabredeten für den Fall, daß ihre persönliche Sicherheit bedroht war. Sie wollten ihre Familien in die nächste Stadt senden – nur Herr Escher, der dort keine Verwandte oder nahestehenden Freunde hatte, verzichtete darauf.

Herr Escher schritt in der beginnenden Abenddämmerung von seinen Werken nach seiner Villa allein heim, dem einsamen Wege nach, der, am Flusse entlang laufend, sein Gemüth, wenn es nicht von Sorgen schwer bedrückt gewesen, ohnehin schon hätte mit einer tiefen Melancholie füllen können; so unaussprechlich öde war dieser schmale schluchtähnliche Weg, der, nach allen Seiten den Blick hemmend, zwischen den berghoch aufgeworfenen schwarzgrauen Schlacken seiner Fabrik hinlief. Als er um eine Wendung des Weges bog, sah er einen Mann in graugrüner Joppe, eine untersetzte kräftige Gestalt mit einem ergrauten Vollbarte und eben solchem Haupthaare, das ein weißer Strohhut bedeckte, sich entgegenkommen. Escher hielt seinen Schritt an, kreuzte die Arme über der Brust und erwartete so stehenden Fußes den sich ihm Nähernden.

„Gotthard, bist Du’s?“ sagte er mit einer Stimme, deren bewegten Ton er nicht verbergen zu wollen schien.

„Ich bin’s, Gottfried. Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Nein – lange nicht. Nahmst Du diesen Weg, mir etwas zu sagen?“

„Ja. Nichts Bestimmtes eigentlich. Aber ich dächte, es sei doch gut, wenn wir noch einmal uns sprächen, bevor ich diesen Sturm über Dich und die Deinigen losbrechen lasse.“

„Du ihn losbrechen läßt? Bist Du denn Der, der ihn schürt?“

„Nein. Ich stehe zu den Arbeitern, weil ich zu ihnen gehöre, weil meine Wünsche auf ihrer Seite sind und nicht auf der des Capitals. Aber geschürt hab’ ich ihn nicht. Im Gegentheil, ich habe beschwichtigt. Jedoch die fremden Aufwiegler sind mächtiger als ich. Das Volk schwört nun einmal auf ihre Reden und ihre Schlagworte. Doch hat es so viel Besinnung behalten, nicht auch auf ihre Ehrlichkeit zu schwören. Da vertraut es mir und einigen Anderen aus seiner Mitte. Wir bilden das Comité, das die Geldmittel zusammenbringen und verwenden soll, um mit Nachdruck den Strike durchzuführen. Es hängt von mir ab, ihnen zu sagen: ‚Ihr könnt eine allgemeine Arbeitseinstellung beginnen, weil unsere Mittel dazu reichen,‘ oder auch: ‚Nur die Arbeiter von Bartels u. Söhne, gegen die sich die meisten Beschwerden richten, können es, weil es nicht möglich ist, mit den vorhandenen Mitteln Alle durch die arbeitslose Zeit zu bringen.‘ Dann bleibst Du von der Sache unberührt und hast nur nachher zu sehen, wie Du Dich zu Deinen Leuten stellst und in die Bedingungen fügst, welche Bartels u. Söhnen abgezwungen sein werden. Es wird wohl von beiden Seiten nachgegeben werden; wozu sich Deine Standes- und Interessengenossen endlich nach schwerem Kampfe verstehen, das wirst Du dann ja auch einräumen können, nachdem Du ohne Kampf und Störung Deines Betriebes durchgekommen bist.“

„Wenn Du das kannst, Gotthard, wenn Du so viel über die mißleiteten Menschen vermagst, so thue es! Denn ich verhehle Dir nicht: eine längere Arbeitseinstellung auf meinen Werken wird mich ruiniren.“

„Das weiß ich.“

„Und auch das magst Du wissen, daß ich nichtsdestoweniger die uns vorgelegten Forderungen niemals bewilligen werde. Schon deshalb nicht, weil ich mir nichts abtrotzen lasse. Und ferner nicht, weil sie so, wie sie gestellt werden, mich ebenso gut ruiniren.“

„Nun also, dann gieb mir nach!“

„Worin?“

„In Dem, was ich Dir als Bedingung stelle. Laß den Dünkel fahren, mit dem Du Dich der Verbindung von Rudolph [60] und Elisabeth widersetzest! Finde Dich darein, Deine Tochter an – einen einfachen Werkmeister zu geben!“

Escher trat, während seine verschränkten Arme auseinander glitten, einen Schritt zurück. Er blickte fest in die groß auf ihn gerichteten Augen seines Bruders, und mit einem Ausdrucke von großer Bitterkeit, der sich um seine Lippen legte, antwortete er:

„Ach, also auch Du willst meine Lage ausbeuten und mir Bedingungen abtrotzen, Gotthard?“

„Abtrotzen, oder nicht – magst Du’s so nennen, wenn ich komme und wie ein Bruder zu Dir spreche! Rudolph liebt Elisabeth. Der Junge geht mir zu Grunde an dieser Leidenschaft; zu Grunde an Deinem Hochmuthe, der sich nicht darein finden kann, daß Deine Tochter nur eines ehrlichen Arbeiters Weib werden soll. Nun, mein Gott, es ist nicht meine Schuld, daß nicht mehr aus ihm geworden ist. Du weißt ja selbst, daß ich nichts an ihm gespart habe, daß ich ihn auf eine Handelsschule gegeben und dann in einem guten Hause in der Hauptstadt untergebracht habe, damit ein tüchtiger Kaufmann aus ihm werde. Aber er wollte ja nicht aushalten da. Er sei nicht zum Geldmenschen geboren, sagte er. Die Menschen, unter denen er da leben müsse, seien ihm zu windig. Ein Arbeiter wollte er werden. Ein Maschinenschlosser. Und er ist es geworden, aber ein tüchtiger, ein Mann, der schon seinen Weg noch machen wird. Franz Bartels und Söhne …“

„Ich habe nichts gegen seine Tüchtigkeit, Gotthard. Aber ich werde ihm meine Tochter nicht geben. Nie!“

„Ist das Dein letztes Wort? Auch jetzt noch, wo ich Dir sage, besinne Dich, was Du thust? Wo es in meiner Hand liegt, Dich in’s Elend zu bringen?

Wenn Du das über Dich vermagst, gegen Deinen Bruder, so thu’s!“

„Bruder! Handelst Du wie ein Bruder – Du mit Deinem miserablen Hochmuthe? Jämmerliche Menschen seid Ihr, Ihr Bourgeois alle zusammen. Wahrhaftig, sie haben Recht, die da sagen, daß es eine verrückte Weltordnung ist, worin Ihr, denen der Zufall das Capital gegeben, herabschauen dürft auf uns, denen der Zufall kein Capital, sondern nur die Arbeitskraft gab, worin Ihr, die Ihr es habt, diejenigen ausbeuten dürft, die es nicht haben, worin Ihr, die Ihr Geld aus Euren Händen rollen lassen könnt, die Herren Derer seid, welche aus ihren Händen nur ihre ehrlich wirkende Kraft hervorgehen lassen können. Und nun gar Du,“ fuhr Gotthard Escher mit einem Tone unsäglicher bitterer Verachtung fort, „Du mit Deinem Capital …“

„Gotthard,“ rief hier der Fabrikant zornig aus – „ich warne Dich, davon wieder zu beginnen. Ich warne Dich.“

„Warne so viel Du willst – was verschlägt’s mir? Ich sage Dir’s dennoch in’s Gesicht, der Unterschied zwischen uns Beiden ist der, daß ich kein Capital hatte und deshalb ein armer Quäler bleiben mußte mein Leben lang, ein Arbeiter, dessen Sohn Dir für Deine Tochter nicht gut genug ist, und daß Du Dir so hübsch zu Nutzen zu machen wußtest, daß unser Bruder Gottlieb Dich zum Vormunde Malwinens machte. Du bekamst dadurch sein erspartes Capital in die Hände und, statt es treu für Deine Mündel zu verwalten, benutztest Du es, um damit zu speculiren, um Dir eine Fabrik zu gründen – eigentlich war’s eine Schufterei – aber was thut’s – es ist Dir ja so ziemlich geglückt. Malwine hat zwar, so viel ich weiß, bis heute noch keinen Pfennig von dem Ihren erhalten, wird’s auch wohl, wenn der Strike Dich ruinirt, ihr Leben nicht. Aber sie bedarf’s ja nicht, und bis heute bist Du ein großer angesehener Mann damit geworden.“

Gottfried Escher’s Gesicht war völlig blaß geworden. Seine Brust hob und senkte sich wie unter dem Drucke von etwas, das er mit dem Aufgebote seiner ganzen Selbstbeherrschung niederkämpfen mußte; seine Lippen öffneten sich und schlossen sich dann wieder; während in seine Züge dann ein voller Strom von Blut schoß, der sie dunkelroth färbte, trat er rasch einen Schritt vor, und seinen Bruder zur Seite schiebend, setzte er mit raschem zornigem Gange seinen Weg heimwärts fort.

Sein Bruder schaute ihm mit gerunzelten Brauen und düsteren Blicken nach.

„Wenn unser Vater hätte erleben müssen, was aus dem da geworden ist!“ murmelte er ingrimmig vor sich hin.

Und dann wandte auch er sich und ging den Fabrikgebäuden zu, wo eine Brücke über den Fluß lief, über die er an’s andere Ufer und auf den Weg kam, der zu seinem einsam liegenden Hause auf der Halde führte. Er ging langsam, wie ein Mann, den eine schwere Sorge niederdrückt und der weiß, daß ihn in seinen vier Wänden kein Trost seiner Sorge erwartet. So trat er durch das kleine Gitterthor in den vor dem Hause liegenden wohl gepflegten Garten. Auf der Bank neben der Hausthür saß ein hoch und kräftig gebauter junger Mann mit dunklem Vollbarte, der, als er ihn erblickte, ihm rasch entgegenging.

„Was ist in Eurem Ausschusse beschlossen, Vater? – Welche Nachrichten habt Ihr?“ fragte er hastig.

„Für heute noch nichts, Rudolph. Wir erwarten noch zwei Telegramme aus Dresden und aus Berlin. Aber ich habe Deinen Oheim Gottfried gesprochen. Ich habe zum letzten Male in Frieden zu ihm zu reden versucht. Ich habe ihm angeboten, ihn zu schützen, zu retten …“

„Nun?“ rief der junge Mann hochathmend aus.

„Es ist Alles vergeblich bei dem da, Rudolph.“

Rudolph schwieg. Der Alte starrte auf den Kies des Gartenpfades nieder. Rudolph wandte sich seufzend und ging langsam wieder hinauf zu der eben verlassenen Bank. Sein Vater kam und setzte sich neben ihn.

„Daß sich Elisabeth so geduldig in die Tyrannei dieses harten Mannes schmiegt!“ sagte Gotthard Escher.

„O Elisabeth!“ rief Rudolph aus, „sie ist hart, wie er. Sie zürnt mir, weil ich nicht ganz von Malwinen lasse; sie ist in thörichtster Weise eifersüchtig auf Malwine. Und ich kann doch nicht mit Malwine brechen, ich kann es nicht. Sie ist meine Verwandte. Sie hat mir niemals etwas zu Leide gethan. Im Gegentheil, wie viel Gutes hat sie mir nicht damals erwiesen, als ich noch in der Hauptstadt Kaufmannsgehülfe und sie die berühmte Sängerin war! Wie viel verdanke ich ihr nicht!“ Rudolph sprach das mit einem Tone von Innigkeit, als ob es sich um irgend einen wesentlichsten Dienst handelte, den ein Mensch einem Anderen leisten kann. „Und dann,“ fuhr er fort, „hab’ ich andere Gründe, die mich an Malwinens Haus fesseln, Gründe, über die ich einst werde reden können … nur heute nicht – weder zu Dir noch zu ihr.

„Ich,“ fiel ihm sein Vater in’s Wort, „forsche nicht nach Deinen Gründen – ich verlange nicht, daß Du Malwinen aufgiebst, weil Elisabeth eifersüchtig auf sie ist. Es sind das Eure Sachen, die mich nichts angehen. Ich liebe Malwine nicht, wie Du ja weißt. Vielleicht, weil sie mir zu fremd und weil sie zu hochfliegend ist. Ein Mann, der sein Leben lang die rauhe Pflicht that, die ihm das Leben aufgab, und solch ein Wesen, das immer wie auf leichten Flügeln hoch über die Erdennoth wegflattert, das versteht sich nicht zusammen. Dein Onkel Gottfried,“ setzte der alte Mann in bitterem Tone hinzu, „versteht es vielleicht besser. Wenigstens hat er es auf’s Beste auszubeuten gewußt … Er! –“

„Auszubeuten? Der Onkel Gottfried? Und wieso?“

Rudolph’s Vater zuckte die Achseln.

„Er hat es gethan,“ sagte er in einem Tone von Zorn und Ingrimm. „Hast Du Dich denn nie gefragt, woher er, der früher war, was ich, ein Maschinenbauer wie ich, das Capital genommen hat, um sich zu etabliren, um eine Fabrik zu bauen? – glaubst Du, es sei ihm über Nacht vom heiligen Nicolaus gebracht worden?“

„Woher er es genommen? Nun, er hat ja ganz klein begonnen; was er an Capital bedurfte, hatte er sich erspart, von seinem früheren Principal als Vorschuß erhalten – was weiß ich – und dann hat er unter den glücklichsten Zeitverhältnissen begonnen, wie sie damals bei dem hohen Schutz, den unser Eisen hatte, noch bestanden; die Kohlen bekam man ja halb geschenkt …“

„Larifari,“ fiel Gotthard Escher ein, „mit all dem baut man ein Kartenhaus, aber keine Fabrik. Willst Du wissen, wie er’s gemacht hat? Er hat einfach das Vermögen Malwinens, das ihm als ihrem Vormunde anvertraut war, an sich genommen und es für sich verbraucht: es waren, denk’ ich, nahe an zwölftausend Thaler. Frag’ Malwine, falls sie Dir die Wahrheit sagen will!“

„Vater,“ fuhr Rudolph hastig, wie tief erschrocken auf – „das ist nicht wahr, bei Gott es ist nicht wahr – das ist ein erbärmlicher, ein ganz abscheulicher Argwohn …“

[61]
Die Gartenlaube (1875) b 061.jpg

Münchner Charakterköpfe.
Originalzeichnung von Julius Adam.

Der Wastel aus dem Oberland.
Invalid in Friedenszeiten.
Gerichtsschreiber.
Münchner Hausvater.

[62] „Hoho, mein Junge, wahr’ Deine Worte! Glaubst Du, ich sagte meinem leiblichen Bruder eine Schlechtigkeit nach, ohne meiner Sache gewiß zu sein? Weshalb meiden wir uns denn, er und ich, schon seit Jahren? Weshalb gehen wir, wenn unsere Wege einmal, was selten geschieht, sich kreuzen, mit einem trockenen ‚Guten Tag!‘ an einander vorüber? Hältst Du Deinen Vater für einen bösen, unfriedlichen, neidischen Menschen, der seinen Bruder haßt, weil dieser Glück gehabt hat und reich geworden ist, während er selber arm blieb?“

„Und doch sag’ ich Dir, Vater, ich sage Dir, Du irrst, Du irrst ganz fürchterlich,“ rief Rudolph in höchst merkwürdiger Aufregung aus.

„Frag’ doch Malwine! Frag’ sie, wo ihr Capital sei, das Capital, das ihr Vater ersparte und sich abdarbte, um seinem Kinde etwas zu hinterlassen? Vielleicht wird sie es Dir sagen – vielleicht nicht. Aber ich weiß es. Und das, eben das wurmt mich, daß ein Mensch nur hingehn und sich irgend ein Capital rauben, erschwindeln, unterschlagen darf, um dann den Herrn in der Welt spielen und andere Menschen, die nur ihre ehrliche Arbeitskraft haben und nichts weiter, ausbeuten zu können, daß er mit einem Sacke Geld in der Hand, den er vielleicht nur gestohlen hat, sprechen kann: jetzt bin ich ein Brahmine in dieser vortrefflichen Kastenwelt, und ihr, ihr Andern seid Parias, Parias, die sich nicht einfallen lassen sollen, hinaufzublicken zu meiner Tochter. Das wurmt mich. – Wenn er das Capital mit auf die Welt brächte, wie einen sechsten Sinn, wie ein drittes Auge oder ein Paar Finger an den Händen mehr, die er vor anderen Sterblichen voraus hätte, dann wollte ich mir’s gefallen lassen. So aber nicht. So sag’ ich: das ist nicht Gottes, sondern des Teufels Weltordnung, und darum steh’ ich auf Seiten der Arbeiter im Kampfe wider das Capital.“

(Fortsetzung folgt.)



Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
2. Der Tanz um das Goldene Kalb.

Niemand – auch unsere lorbeergekrönten Feldherren nicht – Niemand ahnte und konnte ahnen die beispiellos schnellen und gewaltigen Erfolge, womit der Feldzug gegen Frankreich begann. Aber von vornherein war das deutsche Volk voll Hoffnung und Vertrauen, und es zeigte eine Begeisterung und einen Opfermuth, die wahrlich an die Zeit der Befreiungskriege erinnerten. Ganz anders die Börse. Dank ihrem „internationalen“, das heißt vaterlandslosen Charakter wußte die Börse sich vor Angst und Zweifel nicht zu lassen. Noch hatte der Kampf nicht einmal angefangen, da ließ die Börse schon consolidirte preußische Staatsanleihe, also ein Papier, das nur mit dem preußischen Staate selber fallen kann, und das heute mit circa 105 notirt wird, bis auf 80 stürzen!! In Folge dieses Börsenfiebers wurden auch die jeden Augenblick einlösbaren Noten der Preußischen Bank im Klein- wie im Groß-Verkehr vielfach zurückgewiesen, und das Silber- und Gold-Agio (Aufgeld) erstieg eine unsinnige Höhe.

Einmüthig bewilligte der Reichstag die Mittel zur Führung des Krieges, die 120 Millionen-Anleihe des norddeutschen Bundes, und der Reichskanzler legte dieselbe zu dem sehr bescheidenen Course von 88 auf. Aber was geschah?! – Die Zeichnungen fielen höchst kläglich aus; an der Berliner Börse wurden ganze drei Millionen gezeichnet. Die Börse traute dem norddeutschen Bunde nicht; außerdem fanden die Börsen-Matadore den Subscriptionspreis von 88 noch nicht niedrig genug, und überhaupt grollten sie dem Reichskanzler, daß er dem preußischen Finanzminister, und nicht ihnen, das „Geschäft“ übertragen hatte. Es schien den Herren, daß nichts zu „verdienen“ sei; man intriguirte sogar gegen die Anleihe, und daher rührt der Mißerfolg.

Am 4. August lag die Anleihe zur Subscription auf, und am selben Tage erstürmte der Kronprinz von Preußen die Linien von Weißenburg. – Ach, wäre dieser glänzende Sieg doch schon bekannt gewesen, um wieviel „patriotischer“ hätte sich dann die Börse bewiesen! Gewiß, die Anleihe wäre voll gezeichnet; nein, zehnmal überzeichnet worden! Wie lüstern schielten die Herren jetzt nach dem noch unbegebenen Rest der Anleihe! Aber der Finanzminister sagte: Mit nichten! und gab diesen Rest zu weit höherem Course der preußischen Seehandlung ab, die trotzdem ein gutes „Geschäft“ machte, denn wie bekannt, ging die norddeutsche Bundes-Anleihe bald über Pari (100).

„Das Capital hat kein Vaterland!“ – dies ist die wahre Gesinnung, der offne Wahlspruch der Börse, und demgemäß handelte auch einer ihrer Angehörigen, der Banquier G… in Berlin, indem er, noch während wir mit Frankreich im Kriege lagen, flott auf die französische Anleihe zeichnete. Erst der Staatsanwalt und die Anklage auf Landesverrat konnte ihn zum Bewußtsein seiner preußischen Staatsangehörigkeit bringen.

Es folgten die Siege von Wörth und Spicheren; es kam der Tag von Sedan – und nun war Niemand „patriotischer“, Niemand von Jubel so voll und so toll wie die Börse. Während unsere Soldaten den Feind vor sich hertrieben, trieb die Börse die Course in die Höhe; während die französischen Gefangenen Deutschland überschwemmten, überschwemmte die Börse den Markt mit ausländischen Papieren. Zunächst führte sie die amerikanischen Eisenbahn-Prioritäten ein, immer eine nach der andern, die seitdem so berüchtigt gewordenen Alabama–Chattanooga, Oregon und California, Georgia Aid, Port Royal, Peninsular, Rockford Rock Island etc. etc., schließlich sechsundzwanzig an der Zahl. Diese famosen Prioritäten fanden in Amerika selber keine „Nehmer“. Folglich mußte Deutschland damit beglückt werden, wo sie in der Hauptsache auch wirklich untergebracht sind. Zum Course von 70 (namentlich in Berlin und in Frankfurt am Main) eingeführt, stehen sie heute durchschnittlich etwa 15 bis 20, weil sie fast alle keine Zinsen mehr zahlen; viele werden gar nicht mehr notirt, da sie völlig unverkäuflich sind, denn die betreffenden Bahnen haben Bankerott gemacht, oder sie liegen unvollendet in Ruinen da. Auf diesem Wege sind an 100 Millionen Thaler in’s Ausland geflossen, und nicht viel weniger dem deutschen Publicum aus der Tasche gestohlen worden. Aber die Lockpfeife der Börse klang auch gar so süß! Die Prioritäten versprachen einen Zinsgenuß von acht bis zwölf Procent; sie konnten und mußten noch bedeutend im Course steigen; sie wurden dem Capitalisten als eine feste Anlage empfohlen, und von diesem sehr häufig mit den sogenannten amerikanischen Bonds, den Schuldverschreibungen der nordamerikanischen Union verwechselt, also für ein Staatspapier genommen, das sich inzwischen bewährt hatte.

Nach den amerikanischen Prioritäten debütirte die Börse mit einer Sorte von Actien, gegen welche selbst die Strousberg’schen Fabrikate solide genannt werden müssen. Es handelte sich um Eisenbahnen, von deren Existenz bisher Niemand in Deutschland eine Ahnung gehabt hatte, wie Lüttich–Limburg, Schweizer Union, Tamines–Landen. Schon der Einführungscours (18 bis 24) ließ auf den eigentlichen Werth der Waare schließen; aber eben dieser niedrige Cours verführte zum Kaufen. „Das Effect ist so billig, daß es steigen muß!“ ließen die betheiligten Bankhäuser austrompeten, und auch der kleine Mann, auch Hausknechte und Wäscherinnen gaben ihre Sparpfennige für Schweizer Union und Tamines–Landen her. Dazu hatten die Papierchen noch einen besonderen Ausputz: Sie, die nie einen Heller Dividende gegeben und nie einen geben werden, sie wurden trotzdem mit vier Procent Zinsen gehandelt, und zwar dem vollen Nennwerth nach. 24 oder gar 18 Thaler wurden angeblich mit 4 Thalern, 100 Thaler also mit 16 bis 24 Procent verzinst. Das sind die sogenannten „Börsenzinsen“ – natürlich eine bloße Fiction. Der glückliche Besitzer zahlt die enormen Zinsen an sich selber, aus seiner eigenen Tasche. Diese federleichten Actien wurden nun zu reinen Spielpapieren, auch in der Hand des Privatmannes, denn Jeder wollte an ihnen nur verdienen, die übermäßigen Zinsen einstreichen und außerdem womöglich noch am Course profitiren. Wirklich wurden Lüttich–Limburg und Schweizer Union bis auf 35 hinaufgetrieben, aber [63] heute stehen sie nur 10* und respective 7, während Tamines–Landen glücklich bei 3* (sage drei!) angelangt sind. Man sieht, die Börse kann Alles brauchen, und sie versteht es, in ihren Netzen Groß wie Klein einzufangen.

Trotz der Menge von fremden Effecten, die sämmtlich unter die Leute gebracht wurden, verspürte man doch Mangel, und um diesem abzuhelfen, beschloß man, neue Papiere zu machen. Man schuf „neue Werthe“; man legte sich auf’s Gründen.

Noch tobte der Krieg, da begannen schon die Gründungen emporzuschießen, wenn auch noch schüchtern und scheu, wie die ersten Gräschen im März. Noch im Jahre 1870 erblickten, Dank dem eben fertig gewordenen Actiengesetz, in Preußen vierunddreißig neue Actiengesellschaften das Licht der Welt. Die meisten davon kamen natürlich aus Berlin, und fast alle fanden Eingang an der Berliner Börse. Doch dies war nur ein kleines Vorspiel. Das eigentliche Drama begann 1871, erreichte seinen Höhepunkt 1872 und fand den Abschluß erst in der zweiten Hälfte 1873, erst viele Monate nach dem Wiener „Krach.“ Auch nach dem „Großen Krach“ fuhr man in Berlin noch munter zu gründen fort. Und darum ist es nöthig, schon jetzt eine viel verbreitete und von mehreren Seiten eifrig genährte Ansicht zu berichtigen: als ob nämlich die Berliner Börse im Gründen hinter ihrer Wiener Schwester zurückgeblieben wäre. Just das Gegentheil! In Berlin ist weit mehr gegründet, und dabei mindestens ebenso viel gesündigt worden wie in Wien.

Kaum war der Friede geschlossen, als die Börse ihren Freudentanz begann, den verzückten rasenden Tanz um das Goldene Kalb. Es tanzten die „großen Häuser“ vor; es tanzten die „kleineren Häuser“ nach, und an die Meister und Lehrer schloß sich ein großer tagtäglich wachsender Schwarm von Jüngern und Anhängern, darunter Leute jedes Standes und jeder – Religion. Man tanzte von früh bis spät; man tanzte mit Schreien und Jauchzen durch Monde und Jahre. Nur ein paar Mal brach der wüste Reigen jäh ab. So Ausgang 1871, Frühling 1872 und Spätherbst 1872. Die Tänzer erbleichten und erbebten plötzlich; sie hielten den Athem an und lauschten, aber es blieb still. Der Himmel schien noch immer blau, und so tanzte man weiter. Als nun im Mai 1873 das Ungewitter endlich in Wien losbrach, da wollte man in Berlin die grausen Donnerschläge nicht hören, die den ganzen Himmel überfluthenden und die Erde tief aufwühlenden Blitze nicht sehen, sondern man versuchte auch jetzt noch fortzutanzen. Aber der Boden wankte – die Tänzer stürzten nieder und viele standen nicht mehr auf.

Die fünf Milliarden nebst Zinsen, welche Fürst Bismarck, unter Assistenz des Herrn Gerson-Bleichröder, von Thiers und Favre erstritt, betrachtete die Börse von vornherein als ihr Eigenthum, indem sie meinte, diese fabelhafte Summe müsse ihr direct oder indirect zufließen. Dazu verkündete sie einen unendlichen Aufschwung in Handel und Wandel, ein unendliches Steigen der Preise von Grund und Boden. Nach der Behauptung der Börse und der mit ihr verbündeten „Volkswirthe“ waren wir Alle, vom Kaiser bis zum Bettler, plötzlich reich geworden, das Nationalvermögen hatte sich verzehnfacht, und um dieses kolossale Plus nicht brach liegen zu lassen, mußten damit neue Unternehmungen in’s Leben gerufen, mußten „neue Werthe“ geschaffen werden.

Und es geschah also. Während der beiden Jahre 1871 und 1872 wurden in Preußen zusammen etwa siebenhundertachtzig Actiengesellschaften gegründet. Um diese Zahl gehörig zu würdigen, muß man wissen, daß von 1790 bis 1870, das heißt in achtzig Jahren, zusammen nur circa dreihundert solcher Gesellschaften entstanden sind. Während der beiden Jahre 1871 und 1872 kam also in Preußen auf jeden Tag durchschnittlich eine Gründung. Diese siebenhundertachtzig Actiengesellschaften wurden zum größten Theile in Berlin gegründet oder doch mitgegründet und fast alle an der Berliner Börse eingeführt, während die Zahl der Gründungen und Emissionen in Oesterreich-Ungarn für denselben Zeitraum nur gegen vierhundert beträgt. Somit ist der Beweis geführt, daß die Gründungsepidemie in Berlin weit ärger gewüthet hat als in Wien.

Zu den Firmen, welche sich mit Gründungen befaßten, gehören in erster Reihe folgende: S. Bleichröder und Disconto-Gesellschaft, Berliner Handelsgesellschaft, G. Müller u. Comp., und H. C. Plaut, S. Abel jun., Jakob Landau, Julius Alexander, Delbrück, Leo u. Comp., F. W. Krause u. Comp., Platho u. Wolff, Ries u. Itzinger, Robert Thode u. Comp., A. Paderstein und Eduard Mamroth, Soergel, Parrisius u. Comp. und Norddeutsche Grund-Creditbank, Meyer Ball, Karl Coppel u. Comp., Meyer Cohn, Feig u. Pincus, Hirschfeld u. Wolff, Joseph Jacques, Moritz Löwe u. Comp. etc.

Diese Firmen vollbrachten, einzeln oder in Gruppen vereint, die Kreuz und Quer, mit- und durcheinander die größten und wuchtigsten Gründungen. S. Bleichröder und Disconto-Gesellschaft, die bekanntlich einen Weltruf und Verbindungen über die ganze Erde haben, gründeten häufig in Verbindung mit dem Hause Rothschild und der Oesterreichischen Creditanstalt, mit Wilhelm Behrens in Hamburg, Wilhelm von Born in Dortmund. Mewissen und Freiherr Abraham von Oppenheim in Köln etc., und diese Gründungen erstrecken sich nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch über Oesterreich-Ungarn, Rußland, Schweiz, Italien, Frankreich etc. Bei der „Centralbank für Handel und Industrie“, die deshalb in Börsenkreisen auch die Bezeichnung „Repräsentationsbank“ erhielt, betheiligten sich wohl ein paar Dutzend Bankhäuser und Bankinstitute in Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M., Stuttgart, München, Wien, Pest, Hamburg, Mailand und Rom – und man könnte hiernach fast auf den Gedanken kommen, daß solche Gründung doch ein äußerst schwieriges und mühsames Werk ist. Berliner Gründer waren in der Regel auch in der Provinz überall mit thätig, wo sie in Verbindung mit den Eingeborenen eine Unzahl von Gründungen, und darunter die bösesten, verübten. So namentlich in Stettin, Breslau, Görlitz, Grüneberg, Posen, Magdeburg, Hannover, Erfurt, Mühlhausen, Leipzig, Dresden und Chemnitz.

Ferner zeichneten sich durch die Menge der Gründungen folgende Banken aus, von denen merkwürdiger Weise die meisten soeben selber gegründet waren: Deutsche Unionbank, Centralbank für Handel und Industrie, Berliner Bank, Berliner Bankverein, Berliner Wechslerbank, Deutsche Bank, Centralbank für Genossenschaften, Allgemeine Depositenbank etc. Sie haben alle viel gesündigt und viel zu verantworten, aber sie waren noch lange nicht die schlimmsten. Als solche, als eigentliche Gründerbanken, die das Gründen gewerbsmäßig und zum Theil fast ausschließlich betrieben, kennt und nennt man Gewerbebank H. Schuster und Compagnie, Centralbank für Bauten, Preußische Bodencreditactienbank und Vereinsbank Quistorp. Der besseren Uebersicht halber wollen wir diese Gründerbanken schon jetzt skizziren:

Die Gewerbebank H. Schuster und Compagnie ist sehr berühmt geworden durch die Lasker’schen „Enthüllungen“ am 7. Februar 1873; weit berühmter, als sie es eigentlich verdient. Sie that sich 1864 mit einem baar eingezahlten Capital von zweihundertfünfzigtausend Thalern auf, ging aus conservativen Kreisen hervor und betonte als ihren Zweck „die Hebung des Credits von Handwerkern und Fabrikanten.“ Gewiß ein höchst ehrenwerther Zweck und ein Institut, das einem wahrhaften Bedürfnisse entsprach! Zu den Gründern gehörte der frühere Chefredacteur der „Kreuzzeitung“, der damalige Justizrath Herr Wagener, später Wirklicher Geheimer Oberregierungsrath und vortragender Rath beim Staatsministerium. Die Bank scheint auch mehrere Jahre hindurch ein ganz solides Geschäft betrieben zu haben, bis sie dem Gründungsschwindel verfiel und ihr Capital von ursprünglich einer Viertel Million rasch auf sechs Millionen erhöhte. Der persönlich haftende Gesellschafter, Herr Schuster, gründete mit zwei Aufsichtsräthen der Bank, den Herren Oder und Wagener, unmittelbar nach Ausbruch des neuen Actiengesetzes die famose „Pommersche Centralbahn“, deren Actien, mit hundertzwei und einhalb an der Börse eingeführt, heute 4 Brief stehen, das heißt mit vier zu haben sind, aber auch dafür noch keinen Käufer finden. Das überaus kunstvolle Gewebe dieser Gründung, bei welcher das Gesetz ein Dutzend Mal in der ergötzlichsten Weise umgangen ist, enthüllte, als die Krisis bereits heranzog, eben Herr Lasker. Der Fall „Schuster-Oder-Wagener“ machte, weil er der erste war, der zur öffentlichen

* Dieser Artikel ist schon im December geschrieben, während die genannten Course seit Neujahr durch Hinzuschlagen der Börsenzinsen wieder um vier Procent höher notiren. Sie sind übrigens nur nominell, d. h. die betreffenden Effecten werden kaum noch gehandelt. [64] Sprache kam, ein gewaltiges Aufsehen, und namentlich die Berufsgenossen der Attentäter, die Gründer und ihre Helfershelfer, wußten sich vor Entrüstung und Abscheu nicht zu lassen. An der Börse aber witzelte man ganz laut: Herr Wagener verdiene sein Schicksal, weil er es so billig gemacht habe – um lumpige vierzigtausend Thaler, die er noch mit Oder und Schuster theilen müsse. – In der That war Herr Wagener ein bloßer Dilettant, nicht werth, den eigentlichen Gründern die Schuhriemen aufzulösen, und neben der „Pommerschen Centralbahn“ hat die Gewerbebank Schuster noch eine ganze Reihe ähnlicher Gründungen vollführt, über die man bisher kein Wort verlor.

Da ist die „Schloßbrauerei Schöneberg“, sind die „Norddeutschen Eiswerke“ (vormals Bolle), und da ist der Bauverein „Thiergarten Westend“, von der Börse gleich bei der Einführung „Sumpfend“ getauft – lauter Gesellschaften, deren unglückliche Aktionäre heute über die Urheber Ach und Weh schreien. Dazu hatte die Gewerbebank H. Schuster und Compagnie über das ganze Land, vorzugsweise in den Mittel- und Kleinstädten, ein Netz von Filialen und Agenturen ausgeworfen, und in diesen Maschen fingen sich, angelockt durch das Aushängeschild „Gewerbebank“, ehrliche Land- und Handwerksleute, die ihr gutes Geld gegen buntbedrucktes Papier eintauschten, mit dem sie nun die Tabakspfeife anzünden können.

Eine der größten Blasen, die aus dem Hexenkessel emporstiegen, war die „Centralbank für Bauten“, die zum Verfasser Herrn Eduard Mamroth hat. Sie erwarb und verkaufte Häuser und Baustellen, bauete und übernahm Bau-Ausführungen, lieh Baugelder, handelte mit Baumaterialien, und betrieb daneben noch „Bank- und Handelsgeschäfte jeder Art“. Aber daran nicht genug, sie legte sich auch auf’s Gründen; sie gründete in Berlin und außerhalb, sie gründete Eisenwerke und Eisengießereien, eine „Centralfactorei für Baumaterial“ und nicht weniger als vier Zweigbaugesellschaften: Ostend, Südend, City und Cottage. Nach zehnmonatlichem Bestehen vertheilte die „Centralbank“ bereits eine Dividende von dreiundvierzig Procent – wie das gemacht wird, werden wir später erfahren – und in Folge dessen ging der Cours im April 1873, kurz vor dem Krach, bis auf vierhundertzwanzig hinauf. Von dieser wahnsinnigen Höhe stürzte er in den nächsten sechs Monaten bis unter fünfzig. – Ein Gutsbesitzer hatte sein Gut verkauft und kam mit einem Baarvermögen von zweihundertfünfzigtausend Thalern nach Berlin, um hier als Rentier zu leben. Er ließ sich überreden, sein Capital in der „Centralbank“ anzulegen und kaufte zum Course von vierhundert für achtzigtausend Thaler Actien, die ihm also dreihundertzwanzigtausend Thaler kosteten. Den Rest mit siebenzigtausend Thalern schoß der Banquier bereitwilligst zu und behielt die Actien als Unterpfand in Verwahrung. Der Cours begann zu sinken und sank ohne Aufhören; der Banquier verlangte Deckung, und da diese nicht geleistet werden konnte, ließ er die Actien im Wege der Execution an der Börse verkaufen. Der ehemalige Gutsbesitzer hatte in noch nicht einem halben Jahre sein ganzes Vermögen verloren und war dem Banquier auch noch zwanzigtausend Thaler schuldig. – So ging es mit der „Centralbank für Bauten“, aber mit den Tochtergesellschaften ging es noch schlechter: Ostend, im Frühjahre 1873 auf hundertachtzehn, notirt jetzt fünfzehn; Südend, damals hundertsechsundzwanzig, jetzt neun, und Cottage, damals sechsundneunzig, heute eins, schreibe Eins. Wie schnell auch der Ruhm der Welt schwindet, noch schneller schwinden an der Börse die Course!

Die „Preußische Bodencreditactienbank“ besteht seit 1869 und hatte ihrem Namen entsprechend den Zweck: die Förderung des Realcredits, besonders durch Gewährung und Vermittelung von Hypotheken. Speculationsgeschäfte waren ihr durch die Statuten ausdrücklich verboten. Als Director fungirte Herr Jachmann, Landrath außer Dienst und Gemahl der bekannten Sängerin und späteren Schauspielerin Johanna Wagner. Die Bank war an der Börse ziemlich unbekannt, bis sich Herr Richard Schweder ihrer annahm. Dieser kam von der „Discontogesellschaft“, wo er nur eine bescheidene Stellung bekleidet hatte, und verstand es, sein Talent dermaßen geltend zu machen, daß ihn Herr Jachmann zum Mitdirector erhob, ja bald vor ihm völlig in den Hintergrund trat. Herr Schweder wurde die Seele und das eigentliche Haupt der „Preußischen Bodencreditactienbank“. Als die Gründungsperiode anfing, ging sein Ehrgeiz darauf los, sich an der Discontogesellschaft, die ihn nicht zu würdigen verstanden, zu rächen, und ihr womöglich den Rang abzulaufen. Wenn ihm dies auch nicht ganz gelang, so ward er ihr doch ein furchtbarer Nebenbuhler. Er ließ rasch hinter einander eine stattliche Zahl von Gründungen aufmarschiren, die alle an der Börse großen Anklang fanden und ihn dort zu einem gesuchten, vielumworbenen Manne machten. Wie ein Feldherr stand er an seinem Platze, neben ihm sein Adjutant, Herr Paradies, Beide mit Bleistiften bewaffnet und umdrängt, umfluthet von Hunderten, die an dem auf den Markt gebrachten neuen „Effect“ Alle „betheiligt“ sein wollten, Alle heißhungrig nach „Albertinenhütte“ (heutiger Cours fünfzehn Brief) oder nach „Lindenbauverein“ (heute siebenzehn) oder nach „baltischen Waggons“ (heute eins Brief) schrieen. Daneben vermehrte Herr Schweder fortwährend das Capital der Bank, gab immer wieder neue Actien mit immer höherem Agio aus, und diese Actien wurden zu einem Hauptspielpapier der Börsenjobber.

Plötzlich fiel es Herrn Schweder ein, daß solche Spekulationsgeschäfte doch eigentlich gegen die Statuten der Bank verstießen, und um sein Gewissen zu entlasten, schuf er flugs eine andere Gründerbank, die sogenannte „Preußische Creditanstalt“. Nun sah man das rührende Schauspiel, wie beide Banken, Mutter und Tochter, zärtlich Arm in Arm wandelten und gleichzeitig, gemeinschaftlich oder jede für sich, rechts und links neue Gründungen ausstreueten. Dieses schöne Paar war noch viel enger zusammengewachsen als die weiland so angestaunten siamesischen Zwillinge. Beide, Mutter und Tochter, hatten nur Einen Kopf, nämlich den Director Schweder, und beide hatten nur Eine rechte Hand, nämlich den Procuristen Paradies. Herr Schweder und Herr Paradies blieben die Mignons der Börsenritter, bis sie im Frühjahre 1873 ihr letztes Kind, die Dannenberger’sche oder eigentlich, Liebermann’sche Kattunfabrik, in die Welt setzten. Die Börse gerieth in Aufruhr; man umdrängte und verfolgte Herrn Paradies, aber diesmal nicht mit Bitten und Schmeicheleien, sondern mit Drohungen und Vorwürfen. Man überschüttete ihn mit Verbalinjurien und machte Miene, zu Realbeleidigungen überzugehen. Da erhob Herr Paradies seine Rockschöße und entfloh. Er lief durch den langen Saal der Fondsbörse und durch den langen Saal der Waarenbörse in das Kündigungszimmer der letzteren und rettete sich hier vor den wuthschnaubenden Verfolgern, welche die „Stücke“, mit denen man sie bei „Dannenberger“ „betheiligt“ hatte, um jeden Preis wieder los werden wollten. Der Dannenberger’sche oder richtiger Liebermann’sche Kattun, der in der Wäsche arg einlief und keine Spur von Farbe hielt, kostete der „Preußischen Bodencreditactienbank“ Ruf und Ansehen, und damit verlor sie auch jeden sittlichen Halt. Sie übertrug das ganze Sündenregister und wälzte alle Verluste auf die „Preußische Creditanstalt“; sie wurde zu einer wahren Rabenmutter und trennte sich mit einem gewaltigen Schnitte von der Tochter, die seitdem ohne Kopf und ohne Hände, ein ungestalteter blutiger Rumpf, in einem dunkeln Winkel der Börse liegt.

Herr Schweder zog sich, nicht ganz freiwillig, in’s Privatleben zurück, und ihm blieb der Trost einer – Million, die er, vorher ein armer Commis, in zwei bis drei Jahren verdient hatte.

Mit seinem Rückzuge sanken die von ihm bis zu zweihundertachtzig hinaufgetriebenen Actien der Bank bis fünfundfünfzig und tiefer. Herr Paradies und Herr Jachmann folgten ihrem genialen Freunde bald nach, und auch sie gingen selbstverständlich nicht mit leeren Taschen. Zur Ehre des Herrn Jachmann sei’s gesagt: er war dem ganzen Gründungstreiben fremd geblieben – denn er verstand nichts davon. Er hatte immer nur seinen Namen unterschrieben, und dafür außer dem festen Gehalte eine Tantième bezogen, gegen welche das Jahreseinkommen z. B. des Reichskanzlers eine bloße Bagatelle ist. Noch muß hervorgehoben werden, daß die „Preußische Boden-Creditactienbank“ nicht bloß, wie andere Actiengesellschaften, einen gewöhnlichen „Aufsichtsrath“, sondern ein – „Curatorium“ hat, das die Direction in ihrer Thätigkeit controliren soll, daß also Herr Schweder seine statutenwidrigen Gründungen jahrelang unter den Augen des hohen „Curatoriums“ beging, und daß an der Spitze desselben stand und noch heute steht: Seine Excellenz der Wirkliche Geheime Rath und Staatsminister a. D. Herr von B…, zugleich Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses [65] und Mitglied des deutschen Reichstags. Außerdem fungirt nach Paragraph 56 der Statuten bei dieser Bank auch ein Staatscommissarius, der den Geschäftsbetrieb zu überwachen, aber, wie es scheint, sich auch nicht veranlaßt gesehen hat, den Schöpfungsdrang des Herrn Schweder irgendwie zu zügeln. Erst unter Leitung der gegenwärtigen Direction ist das Institut zu seiner ursprünglichen Bestimmung und zu einer soliden Thätigkeit zurückgekehrt, und seitdem hat sich auch der Cours der Actien wieder um das Doppelte gehoben.

Herr Schweder war groß, aber Herr Quistorp war noch größer. Erinnert jener an einen unverantwortlichen Premierminister, so ist dieser einem absoluten Monarchen zu vergleichen. Wie Napoleon Bonaparte schuf auch Heinrich Quistorp Alles selber und allein, und gewissermaßen Alles aus – Nichts. Nachdem er zunächst in seiner Vaterstadt Stettin und, wenn wir nicht irren, dann in England Schiffbruch gelitten, kam er ohne Mittel, ohne Bekanntschaften nach Berlin. Sein erster „Versuch“ war die Villencolonie „Westend“, belegen an der Chaussee nach Spandau, noch hinter Charlottenburg, auf einer kahlen sterilen allen Winden preisgegebenen Anhöhe. Hier steckte er Straßen ab, denen er die lieblichsten hochpoetischen Namen gab, wie Ahorn-Allee, Akazien-Allee, Platanen-Allee etc., und baute in jeder Allee ein oder gar zwei Häuser, zugleich aber auch ein Restaurant ersten Ranges, ein großartiges Casino und eine Wasserkunst. Trotzdem wollte sich kein Käufer, nicht einmal Miether finden, und die luftigen Villen, bei deren Anblick man einen leichten Rheumatismus verspürte, wurden Jahre lang nur von Quistorp und seinen Freunden bewohnt. Anfangs 1870 gründete die „Westendgesellschaft Quistorp u. Comp.“ die „Vereinsbank Quistorp u. Comp.“ in Charlottenburg. Diese patriarchalische Ackerbürgerstadt, wo der Berliner „Sommer-wohnt“, sah sich plötzlich mit einer Bank beglückt, die hier jedoch schlechterdings nichts zu thun fand und deshalb bald nach Berlin wanderte. Damit beginnt Quistorp’s eigentliche Wirksamkeit. Er hatte es verstanden, für sich zu werben, er hatte bis zu den höchsten Kreisen hinauf Gönner und Freunde gefunden. Die in Charlottenburg wohnende Königin Wittwe, deren Frömmigkeit, Wohltätigkeit und Gutmütigkeit bekannt war, unterstützte ihn reichlich; auch andere Mitglieder der Königlichen Familie sollen ihm ansehnliche Summen vorgestreckt haben. Er wußte sich bei den Behörden, bei hochstehenden und einflußreichen Personen einzuschmeicheln, und namentlich gelang es ihm, auch bei der „Preußischen Bank“ Fuß zu fassen; er warb gewisse „Volkswirthe“ und Literaten zu seinem Privatgebrauch an und bewog etliche Beamte, aus dem Staatsdienst in den seinigen überzutreten.

Hinter der Universität in einem philosophischen Winkel, kurz zuvor „Hegelplatz“ getauft, baute er sich und der Bank ein stolzes Palais und ließ von hier aus in rastloser Aufeinanderfolge an dreißig Gründungen und Emissionen in die Welt gehen: Feilen-, Tabaks-, Papier-, Waggon-, Faß-, Werkzeug-, chemische, optische und andere Fabriken, Bau-, Fuhr-, Pferde-Eisenbahn-, Brauerei-, Dampfschiffs-, Bergbau- und Hüttengesellschaften, die zum Theil in Berlin, zum Theil über ganz Deutschland saßen. Quistorp betonte, daß die „Vereinsbank“ die Gründungen nur „commissionsweise“ betreibe, also selber nicht weiter dabei betheiligt sei und daß die jedesmaligen Verhältnisse von ihr genau geprüft würden, also eine unsolide Gründung gar nicht möglich sei. Von jeder Neu-Gründung bezog die „Vereinsbank“ Agio, so daß sie für 1871 nicht weniger als fünfzehn Procent, 1872 sogar neunzehn Procent Dividende vertheilte. Alle diese Gesellschaften wurden mit der „Vereinsbank“ verknüpft, indem man den Actionären der letzteren immer ein Bezugsrecht auf die neue Emission einräumte und solches von ihnen auch stets benutzt ward, so daß sich zuletzt ein industrieller Rattenkönig gebildet hatte, in dessen Mitte Herr Heinrich Quistorp saß. Aber dieser Mann verstand’s, sich dermaßen als „Biedermeier“ aufzuspielen, daß er nicht nur das Publicum, sondern sogar die Börse berückte. Die Börse, welche sonst Niemandem, nicht einmal sich selber traut, glaubte an – Quistorp. Während sie Herrn Schweder nur eine glückliche Hand nachrühmte, hielt sie Quistorp für den leibhaftigen Bruder Grund-Ehrlich. Die „Quistorp’schen Werthe“ fanden ein ganz besonderes Ansehen, eine außerordentliche Zugkraft; sie wurden von den Banquiers in der besten Absicht ihren solidesten Kunden als „hochfeine“ Capitalanlage empfohlen und mit Vorliebe von dem schlichten Bürgersmanne genommen. Selbst nach dem „Großen Krach“ behaupteten sie noch eine Zeitlang ihren Nimbus, und als endlich auch die „Vereinsbank“ fiel, glaubte man in gewissen Kreisen, das Ende der Welt sei gekommen.

Herr Heinrich Quistorp ist unter den Helden der Gründerperiode einer der merkwürdigsten, und wir werden noch öfter Gelegenheit haben, uns mit ihm zu beschäftigen.





Doctor Eisenbart in Wetzlar.
Aus den Tagen des alten Reichs.
Von Dr. R. Koser.

„Ich bin der Doctor Eisenbart, Valleri juchhe!
Curir’ die Leut’ nach meiner Art, Valleri juchhe!
Kann machen, daß die Lahmen sehn, Valleri juchheirassa!
Und daß die Blinden wieder gehn, Valleri juchhe!“

Wer jemals aus einem deutschen Commersbuche gesungen hat, der kennt den Doctor Eisenbart, diesen Till Eulenspiegel unter den Jüngern Aesculap’s, das unerreichte Vorbild aller Charlatans. Die heutige weniger kühne Generation seiner Zunftgenossen schüttelt freilich den Kopf, wenn sie von Eisenbart’s Parforce- und Radicalcuren hört, wie er in Wien seinen Patienten auf ewig vom Zahnweh heilt, indem er ihm den hohlen Zahn nicht auszieht, sondern ausschießt, oder wie er zu Osnabrück dem podagrischen alten Knaben – Eisenbart bezeichnet selbst diese Operation als sein Meisterstück – um sein Leiden zu heben, beide Beine abnimmt. Aber das Staunen über die großartige Genialität der Eisenbart’schen Heilmethode, es darf nicht übergehen in den Zweifel an die Geschichtlichkeit des Mannes: Eisenbart ist keine mythische Figur; seine Persönlichkeit erscheint durch unanfechtbare Documente in ausreichendster Weise historisch gesichert.

Edle Bescheidenheit des großen Mannes, daß er uns in jenem Liede nur von seinen Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiete, seinen Verdiensten um die leidende Menschheit erzählt, kein Wort aber darüber verliert, wie er einst auch in das öffentliche Leben seiner Nation eingegriffen hat, wie der Name Eisenbart einst ob einer politischen That in aller Deutschen Munde war, wie Kaiser und Reich sich mit seiner Person beschäftigten!

Wir haben über die äußeren Lebensumstände Doctor Eisenbart’s von ihm selbst jene Angabe, daß er „den siebenjährigen Krieg hindurch zehn Jahre lang Feldchirurg gewesen sei“. Man hüte sich indeß, dieser Versicherung, wie sie ja an sich schon die innere Unwahrscheinlichkeit gegen sich hat, irgend welchen Glauben beizumessen: der Name Eisenbart gehört einer früheren Periode unserer Geschichte an.

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts waren die Bürger der freien Reichsstadt Wetzlar, waren mit ihnen alle deutschen Patrioten in großer Aufregung und Kümmerniß. Erst kurze Zeit barg Wetzlar in seinen Mauern das hochlöbliche Reichskammergericht, nachdem dasselbe aus Furcht vor den Franzosen Speyer, seinen früheren Sitz, geräumt hatte, und nun mußte die gute Stadt durch die Aufführung ihrer neuen Gäste, der Herren Präsidenten und Assessoren des höchsten Gerichts, der Schauplatz der ärgerlichsten Auftritte werden. Zwischen den beiden Präsidenten war die bitterste Feindschaft ausgebrochen. Der ältere, seit 1697 fungirende Franz Adolf Dietrich Freiherr von Ingelheim, Herr zu Schönberg, Holzhausen und Schweppenhausen, und der jüngere, ein Jahr später in Eid genommene Friedrich Ernst, Graf zu Solms-Laubach und Tecklenburg, Herr zu Münzenberg, Wildenfels und Sonnenwalde, sie chicanirten sich gegenseitig auf jede erdenkliche Weise. Die Herren Assessoren nahmen eifrig Partei. Da stand zu dem Herrn ersten Präsidenten mit der Mehrheit des Assessorencollegiums, mit den Herren von Friesenhausen, von Bernstorff, Schrag, von Ritter, von Wigand [66] und von Brinck, vor Allen Johann Tobias Ignatius, Graf von Nütz, Graf und Herr zu Wartenburg, Freiherr auf Obergerckheim, Schwarzgrub, Pichel und Reidt, von wegen des Kurfürsten von Baiern abgeordneter Assessor; Graf Solms hatte nur die Herren Krebs, von Zernemann und Lautermann für sich, sowie den Assessor für den schwäbischen Kreis, Herrn Johann Adam Ernst von Pyrck, Herrn zu Dürrenhard und Gündringen, der bald das enfant terrible seiner Clique werden sollte.

Von kleinen und unbedeutenden Anlässen ausgehend, nahm der Hader bald immer größere Dimensionen, einen immer gehässigeren Charakter an; eine Ursache der Feindschaft kam zu der andern, und bald verfolgten sich beide Parteien öffentlich und auf das Rücksichtsloseste in Wort und Schrift. Da hatte der von Pyrck 1702 eine Satire veröffentlicht, das sogenannte Diarium der Belagerung von Wetzlar, wodurch bei den Gegnern ein wahrer Sturm von Unwillen hervorgerufen wurde, weil darin der Kurfürst von Baiern und die Hessen mit Schimpf und Ernst als Feinde des heiligen römischen Reichs und der Stadt Wetzlar aufgeführt wurden, die Bürger zu Wetzlar aber als Narren und Düppel.

Dagegen klagte man auf der andern Seite, der Freiherr von Ingelheim habe im December 1702 auf einer Schweinshatz den von Pyrck böswillig bei dem Kurfürsten von Mainz verdächtigt und das Diarium der Belagerung von Wetzlar mit Unrecht als ein „scheußliches, gottloses Pasquill“ ausgegeben.

Da half denn auch nichts, daß der Kurfürst Georg Wilhelm von Hannover dem von Pyrck am 22. Februar 1704 das Zeugniß ausgestellt hatte, „daß die verschiedene Jahre über, die er in Unserem Dienste gestanden, nie einige Zanksucht oder Widerspenstigkeit, sondern im Gegentheil ein glimpfliches, friedliches Gemüth an ihm verspüret worden“. Ingelheim und sein Anhang erklärten kategorisch, „daß es unmöglich fällt, bei einem solchen radicaliter verleumderischen Menschen collegialiter zu sitzen“. Und so trat denn seit dem April 1704 ein Justitium, ein Stillstand in der Rechtspflege ein: es waren in Wetzlar „Kanzlei und Leserei gar geschlossen, die Rathstage gänzlich eingestellet, die gerichtlichen Audientien völlig gesperret, die Publicationes sententiarum allerdings verstöret, die Gerechtigkeit, nach der so Viele schreien, zu Boden gestoßen“.

Vergebens ertönten Schmerzensrufe aus allen Kreisen des Reiches, vergebens gelangten Petitionen nach Regensburg an den Reichstag, „daß der durch die zuvor niemals erhörte dem Kaiserlichen und des Reichs Kammergerichte zugestoßene Calamität gehemmte Lauf der werthen Justiz wieder eröffnet und denen nach der rechtlichen Hülf und Gerechtigkeit sich sehnenden und seufzenden Parteien die freudige Facultät ihr Recht zu afterfolgen restituieret würde“. Das Aergste stand der Stadt Wetzlar, dem Reichskammergericht und dem heiligen Reiche noch bevor: der größte Scandal sollte erst beginnen, als – Doctor Eisenbart nach Wetzlar kam.

Am 28. Juni 1704 kehrte der Graf von Solms nach Wetzlar von einer Reise zurück und fand nach seiner Meinung die Stadt dermaßen auf den Kopf gestellt, daß er sich entrüstet hinsetzte und folgenden Brief an Kaiser Leopold schrieb:

„Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster, Unüber-
     windlichster Römischer Kayser.
Allergnädigster Kayser und Herr Herr.

Euer Kayserl. Majest. soll hierdurch aus allerunterthänigst- und schuldigster Treu nicht verhalten seyn, was Gestalten, nachdem ich vor einiger Zeit nach gebrauchter Brunnenkur wiederum allhier angelanget, mit nicht geringer Alteration ersehen müssen, daß ein Theatrum vor und an demjenigen Rath-Hauß, worauff das Cammer-Gericht gehalten wird, auffgeschlagen gestanden, und auff geschehene Nachfrage vernommen, daß gedachtes Theatrum schon fünff Tage vorher, seither dem 24. passato, als an welchem Tage ein Jahr-Marckt allhier gewesen, auffgerichtet sich befunden, worauff ein Marck-Schreyer nicht nur Artzney verkauft hätte, sondern auch fast alle Tage Comödien daselbst gespielet, und auff dem Seil getantzet worden. Ja es seye bei der ersten Comoedie oder Schau-Spiel ein Gerichts-Process, und andre dergleichen Dinge, vorgestellet worden, dabey der Richter mit einem Scepter gesessen, sich corrumpiren lassen, mit dem Harlequin den Richter-Stuhl und Kleydung verwechselt, und endlich den Harlequin zu hencken das Urthel gefällt. Worüber das gemeine Volck und Ausländische zum Theil sich geärgert, theils aber, zu nicht geringem Despect dieses Höchsten Gerichts, sich damit gekitzelt. Zu geschweigen, was über das Suspensions-Urtheil für Glossen gemacht wurden: Welches alles um so viel anstößlicher und bedencklicher war, als der ohnfern davon an den Kirchhoff stoßende Marckt groß und weitläufftigt, auch daselbst als an dem eigentlichen Marckt-Platz jederzeit dergleichen Theatra, und niehmals vor dem Cammer-Gericht, so lange ich allhier bin, bißher sind auffgerichtet gewesen, da hingegen der Platz vor der Cammer so klein und eng, daß man aus des Freyherrn von Ingelheim seiner Wohnung, welche derselben gegenüber ist, ohne Beschwerde hinüber reden kann. Ich mußte auch noch ferner vernehmen, daß sogar die Balcken des Theatri an und in die Mauer des Cammergerichtlichen Rath-Hauses festgemacht, auch der eine Pflock des Seil-Täntzers fast gantz vor die Thür geschlagen, mithin der Eingang zu der Cammer mit Stricken und sonsten also beschwerlich gemacht gewesen, daß mit Kutschen an die Cammer zu fahren allerdings nicht practicabel, auch sonsten das Rath-Haus durch das Theatrum größten Theils verdeckt war.

Ob nun zwar anbey feste geglaubet, daß ex parte Collegii Camerarii samt oder sonders eine behörige Ahnung dagegen würde vorgekehret worden seyn, so vernahme ich im Gegentheil, mit noch viel grösserem Verwundern, daß der Freiherr von Ingelheim, welcher, wie oben gedacht, gantz nahe und dem Theatro gegen über wohnte, und diese Tage zugegen gewesen, so wohl als einige Assessores, in des Herrn von Ingelheim Behausung diesem Schau-Spielen nicht nur zugeschauet, sondern gedachter mein College solle dem Vernehmen nach denen Actoribus sogar eine Verehrung gethan und verschiedene Persohnen, zu solcher Schau, in seiner Kutsche abholen lassen.

Wann nun diese disreputirliche Conniventz, falls auch alles von ohngefehr geschehen wäre, in Ansehung dessen, was eine Zeithero allhier passirt, so viel weniger länger zu dulden gewesen, mithin bey solcher der Sachen Bewandniß, und verschiedener Umstände wegen, eine prompte Enderung vonnöthen war, so schickte, nachdem der Artzt, auff Befragen, sich damit entschuldigen lassen, daß er von denen beiden Burgemeistern auff den Platz angewiesen worden wäre, zu gedachten Burgemeistern, mit dem Bedeuten, das Theatrum alsofort wegzuschaffen, liesse sie auch dabey befragen: Wer eigentlich das Theatrum an diesen Ort zu setzen permittirt habe? Da sich dann der ältere Burgemeister, Namens Siebenbürger, dahin entschuldigte, daß er gar nichts davon wüste, der jüngere, Namens Marckthaler, aber bezog sich auff den Rath, daß in Beyseyn beider Burgemeistere und verschiedener Raths-Herren dem Artzt die Erlaubniß ein Theatrum auffzurichten gegeben worden seye, wovon sich doch nachgehends der jüngere Burgemeister, Marckthaler, nebst dem Stadt-Schreiber, dergestalt entschuldigen wollten, daß der Platz von dem Rath nicht angewiesen, sondern von dem Artzt selbsten solcher ausgesucht worden wäre.

Eu. Kayserl. Majest. werden aus diesem, der Sachen Verlauf, nach Dero hocherleuchtetem Gemüth, allergnädigst ermessen, in was vor eine deplorable Verachtung dieses Höchste Gericht von Tag zu Tag immer mehr komme, und durch dergleichen Prostitutiones die ehemals erlangte Gravität und Authorität fast gänztlich verliere, und ob auff das gegebene öffentliche Scandal, oder dessen eigentlichen Authorem weiter nachzufragen, oder auff was Weise sonsten in hoc emergenti gegen den hiesigen Stadt-Magistrat zu verfahren seye. Ich aber lebe unterdessen etc. und ersterbe

Ew. Kayserl. Majest.

     Wetzlar den 10. Jul. 1704

Allerunterthänigster, Treu-gehorsamer
Friedrich Ernst, Graff zu Solms.“

Die andre Partei durfte nun natürlich nicht schweigen. In ihrem Gegen-Memorial wird zur Rechtfertigung angeführt:

„Das Theatrum ist nicht an der Cammer, sondern wenigstens 3 Schritt darvon auff dem sogenannten Buttermarck gestanden und haben die Bürgermeister darvor das Stand-Geld erhoben.

Der Artzt ist in allem nicht mehr denn vier Tage gestanden, zu welcher Zeit weder ein Praesident noch Assessor zu Rath [67] gangen, und seynd die zwey erstere, nemlich der 4. und 25. Junii Marcktäge gewesen.

Der Freyherr von Ingelheim hat so fleißig Achtung nicht auf die Comödie gegeben, als des Herrn Grafen von Solms Referent gethan haben muß, da er auch sogar den Scepter, welchen andre Leute nicht gesehen haben, observirt haben will; übrigens pflegen ja alle Aertzten und Marckschreyer dergleichen zu thun, um die Leute desto füglicher an sich zu bringen; Ist auch nicht glaublich, daß es justement zu Wetzlar das erstemal seye, daß dieser Artzt dergleichen gespielet oder exhibirt habe; auch nichts neues, daß geist- und weltliche Fürsten und Herren, denen Comoedianten, Aertzten, Marckschreyern et id genus hominibus, zumahln auf den Marcktagen, auch sogar unter Mascheren (da doch dieser Harlequin in einem ehrlichen Kleyd auffgezogen) dergleichen zulassen.

Hat der Stand dem Vernehmen nach auf vier an den Ecken gestellten Fässern geruhet, sonsten gantz frey, ohne die Cammer zu berühren; so ist auch der nächste Ploch des Seil-Däntzers wenigstens zwanzig Schuh von dem Cammer-Thor entfernet, mithin die Fahrt zur Cammer gar nicht versperrt gewesen.

Der Herr Graf von Solms hätte sich des Asserti, daß der Freyherr von Ingelheim diesem Schauspiel zugeschauet, billich entbrechen sollen, gestalten fast die gantze Stadt, und in specie auch der von Pyrck zum zweytenmal, Herr Assessor Krebs, die Frau Gräfin von Berleps und Manderscheid, die Frau von Pyrck, Krebs- und Zernemann’sche Familie etc. dem Werck aus der Löwen-Apotheck zugesehen, wobey ja der Freyherr von Ingelheim seine e regione habende Fenster zu verschliessen nicht nöthig gehabt, sondern hat die Frau von Ingelheim, als die Frau Beysitzerin Gräfin von Nytz, die Frau von Brinck, von Lauterbach und die Frützische Töchter, sich bey ihr ordentlich ansagen lassen, wol ein und anderen aus Höfflichkeit ihre Kutsche praesentiren, und gleich anderen dem Artzten zusehen können, welches ihr um so weniger zu verdencken gewesen, als sie in ihrem Wohnhauß solches gethan; daß aber der Freyherr von Ingelheim denen Actoribus eine Verehrung gethan, ist unerfindlich.

Es hat den Herrn Grafen von Solms die Begierde den Freiherrn von Ingelheim ferner traduciren zu können, so weit getrieben, daß er mit großer Hitze auf hochwolermeldten Freyherrn von Ingelheim, in specie bey dem Apothecker Marckthaler durch seinen Laqueyen, spött- und schimpflich inquiriren lassen, und durch Bedrohung von ihnen dem Apothecker abzuweichen und bey ihme keine Wahren mehr zu nehmen, gesucht zu wegen zu bringen, daß gedachter Marckthaler wider den Freyherrn von Ingelheim falsches Zeugnüß geben, und sagen möchte: ‚Er, der Freyherr von Ingelheim, habe das Theatrum quaestionis auffzubauen befohlen;‘ gestalten mehrbesagter Marckthaler durch sein des Herrn Grafen Laqueyen anfänglich mit solchen Worten tentiret worden: ‚Man wisse wol, daß der Herr von Ingelheim solches angestellt.‘ Und als gemeldter Marckthaler ihnen darauff geantwortet: ‚Da wüste er nichts von, Gott solte ihn bewahren, daß er gegen sein Gewissen solches sagen solte,‘ solle ongefehr eine halbe Stunde hernach ein anderer von des Herrn Graffen Laqueyen kommen seyn, mit der Instruction: ‚Der Apothecker solle über die bishero abgelangte Wahren seine Rechnung machen; Ihro Excellentz der Herr Graf hätten eine große Ungnad auf ihn geworfen, weilen er nicht sagen wolte, wie die Sach mit dem Theatro sey.‘ Weilen nun der Apothecker nach des Herrn Grafen von Solms Intention im Gewissen nicht reden konnte, soll sich der Laquey weiters dahin expliciret haben: ‚Der Apothecker solle seine Rechnung einmal einliefern‘, die dann in einer Stund öffters soll gefordert worden, dabey auch von einem seiner Laqueyen folgende Worte gefallen seyn: ‚Warumb der Apothecker nicht sagen thäte, daß der Herr von Ingelheim solches befohlen habe, so wäre er daraus.‘ Worgegen der Apothecker seine Entschuldigung zwar selbst und durch Andre gethan, ohne aber daß es bey dem Herrn Grafen etwas verfangen wollen; sondern habe hochermeldter Herr Graf von Solms biß auf diese Stunde das geringste nicht mehr von ihme abholen lassen; ja es hat über dieses dickbesagten Herrn Graffens Beschliesserin, ohne Zweiffel aus dem zu Hauß geführten Discours informiret, ohne Scheu öffentlich sagen dürffen: Der Herr von Ingelheim gäbe dem Artzten täglich einen Gulden, damit derselbe noch vier Wochen spielen möge.

Eine Beilage zu diesem Memorial enthält nichts Geringeres, als ein Schreiben des Dr. Eisenbart selbst, so lautend:

„Ich, Johann Andreas Eysenbarth, Kayserlicher, auch verschiedener Chur- und Fürsten hoch privilegirter Medicus und Operator, thue hiemit bekennen und attestiren, daß ohnlängstens meine 2 Diener von Cassel anhero nacher Wetzlar auff Johannis Jahrmarck allda der Gewohnheit nach meine Profession armer Patienten zu Trost zu exerciren, abgeschicket, und bey dem Stadt-Magistrat, um ein Theatrum aufbauen zu können, ansuchen zu lassen; welches auch der Magistrat verwilliget und meine Diener auf dem Marck bey der Kirch den Platz angewiesen; nachdem aber zuvor schon einer mit Nahmen Fidler sich eine Zeit lang dahier aufgehalten und sich gegen meine Diener des Platzes wegen beschweret: haben meine Diener bey mehrgedachtem Magistrat um einen andern Ort angehalten; welcher dann denselben Befehl ertheilte, an dem nehmlichen Ort vor der Cammer zu bauen. Worauf, als ich Dienstags frühe dahier angelangt, mein Stand ohnwissend, was es für ein Ort wäre, betretten, vier Tag lang ausgestanden und meine tägliche Gebühr davor gezahlt, haben Ih. Excell. Hr. Cammer-Praesident, Hr. Graf von Solms-Laubach, durch dero Laqueyen mich befragen lassen, ich sollte nur frey heraus sagen: ‚Wer mir diesen Platz angezeigt, ein Theatrum darauf zu bauen?‘ Habe ich hochged. Hn. Praesidenten zur Antwort bedeuten lassen, ‚daß solchen Platz aus keinem andern Befehl, als eines Ehrenvesten Raths, meine Diener betretten, und mein Theatrum aufgebauet, mir auch unwissend wäre, ob solcher Ort vor der Cammer, oder was es für ein Platz seye.‘ Und weilen dann erst-hochgedachter Hr. Praesident Hr. Graf von Solms dem Burgermeister bedeuten lassen, daß er befehlen möchte, ich solte den Stand wider abbrechen, oder er wolte solchen abbrechen lassen, habe ich auf gemessenen Befehl von dem Burgermeister sogleich meinen Stand abbrechen lassen. Kan also mit der Warheit nicht sagen, daß ich weder Ih. Excell. Hn. Praesidenten Baron von Ingelheim im geringsten um Erlaubniß des Ausstandes angegangen, noch dieselbe diesertwegen etwas erlaubt, oder befohlen hätten; welches der Warheit zur Steuer ich unter eigner Hand und beygedrucktem Pittschafft hiemit attestiren thue. Wetzlar den 8. Julii 1704.

     (L. S.)
Joh. Andreas Eysenbarth
Med. & Operator
von Magdeburg.“

Mit solchem Stadtklatsch also denuncirten sich Anno 1704 die beiden Justizbeamten vor Kaiser und Reich. Es konnte denn auch endlich nicht fehlen, daß der Reichstag sich zu einem energischen Schritte aufraffte und eine Visitation der fraglichen Mißstände anordnete. Diese Visitationscommission hat nun die Sachen auf das Gründlichste und Bedächtigste untersucht. Alljährlich hatten die Parteien Gelegenheit, in dickleibigen Deductionen ihren Standpunkt zu wahren; nachdem schon manches Jahr hin- und hergeschrieben war, sahen sich die Ingelheimischen genöthigt, ein Verzeichniß der „spitzigen Anzüglichkeiten“ zu veröffentlichen, welche sie in den Schriften ihrer Gegner fanden, und dieser Auszug füllte allein fast hundert Druckseiten in Quart.

Im Jahre 1709 kam endlich die Visitationscommission zu einem gewissen Resultat. Der Vorkämpfer der Solmsischen Partei, Herr von Pyrck, wurde von dem Arme der Gerechtigkeit ereilt. Wir haben über das an ihm statuirte Exempel das Attestatum des Kammer-Pedells Johann Caspar Hauck, d. d. 12. Oktober 1709, wodurch dieser bekundet, „wie er am heutigen Tage auf gnädigsten und gnädigen Befehl der höchst ansehnlichen Kaiserl. Commission und der hochlöblichen Reichsvisitation in Gegenwart der Herren Visitatores, des Herrn Präsidenten von Ingelheim und der beleidigten Herren Assessores die ihm behändigten Schreiben und Pasquille in seine Hände genommen, zu dem anwesenden von Pyrck getreten, selbige in viele Stücke zerrissen und vor dessen Füße, spectantibus omnibus geworfen.“ Außerdem mußte sich Pyrck noch zu einem Deprecationsschreiben verstehen, das dann „allen ehrbaren Gemüthern zu treuherziger Warnung und abscheulichem Exempel gedruckt wurde.“ Das war also eine Niederlage des Grafen Solms, die er in der Person seines treusten Parteigängers erlitt. Ihm selbst blieb eine derartige solenne Demüthigung erspart; es dauerte übrigens noch Jahr und Tag, bis die Visitationscommission den Frieden am Kammergericht völlig wieder hergestellt hatte. [68] Dem Doctor Eisenbart konnten die Juniustage in Wetzlar mit der Berühmtheit, die sie ihm einbrachten, nur erfreulich sein. Er konnte sich keine bessere Reclame wünschen. War sie doch so wirksam, daß sein Name bis auf den heutigen Tag unvergessen geblieben ist, wenn auch die Erinnerung an ihn allmählich immer dunkler und mythischer wurde.

Ob aber die Herren Ingelheim, Solms, Pyrck und wie sie alle heißen, es wohl für möglich gehalten haben, daß man einst von ihren Zänkereien, denen sie eine Wichtigkeit beimaßen, als hinge das Wohl der Welt davon ab, daß man von den umfangreichen Aktenstößen, ihres fastnachtsmäßigen Processes einst nur Notiz nehmen würde wegen der Erwähnung – des Doctor Eisenbart?




Ein Marlitt-Blatt.

Die Redaktion der „Gartenlaube“ ist im Verlaufe des vorigen Frühlings mit einer Gabe der Kunst überrascht worden, die sie um der dadurch Gefeierten willen auf das Freudigste willkommen heißen mußte. Ein „Marlitt-Blatt“ nannte der Meister, Gustav Bartsch in Berlin, die sinnige Composition, in welcher er „E. Marlitt, umgeben von ihren Geisteskindern“ darstellt. Das Originalgemälde, das im Auftrage der Buchhandlung Burmester und Stempelt in Berlin ausgeführt und nach welchem die Zeichnung zu unserem Holzschnitt genommen ist, hat eine Höhe von siebenundsechszig und eine Breite von fünfzig Centimeter[1] und schmeichelt dem Auge sich außerordentlich gefällig gleich auf den ersten Blick dadurch ein, daß der Arabeskenschmuck, welcher die fünf Gruppen und das Bildniß der Dichterin umgiebt, und die Ornamentalfiguren ober- und unterhalb der Gruppen und des Portraits als in weißem Marmor gearbeitet dargestellt sind und den Farbenreichthum des Ganzen lieblich mildern.

Ebenso glücklich müssen wir den Künstler hinsichtlich der Auswahl der dargestellten Scenen, wie der Charakteristik der vorgeführten Hauptpersonen der nun vollendeten fünf großen Romane von E. Marlitt preisen. Zur Linken vom Bildnisse der Dichterin sehen wir unten die Goldelse in dem verhängnißvollen Augenblicke, wo sie ihrem künftigen Gemahle das Leben und dadurch den wichtigsten Theil des Romans rettet. Darüber läßt uns der Künstler das trauliche Zusammensein der alten Mamsell mit Felicitas belauschen, die das für die Enthüllung des Geheimnisses wichtige Armband prüfend in der Hand hält. Im oberen Mittelbilde stehen wir vor der Entlarvung des Hofmarschalls, der zum letzten Male Mainau und der kaum vom Wassertode erretteten „zweiten Frau“ gegenüber tritt. Recht sinnig ist rechts daneben auch Gisela bei ihrer ersten Bethätigung von Barmherzigkeit dargestellt, beobachtet von dem „Brasilianer“. Das Haideprinzeßchen aber fängt im letzten Bilde des Blattes ihr Leben erst an und erfreut uns mit dem prächtig-kecken Kindesgesichtchen.

Ein solcher Gruppenkranz ist allerdings wie eine gesammelte Ausgabe der Ehren einer Dichterin, die im Verlaufe weniger Jahre ein Liebling vieler Tausende geworden ist. Denn wenn Romane, die weder durch Bändezahl noch durch besonders fesselnden geschichtlichen Stoff glänzen, sondern immer nur je ein Stück Leben aus der Gegenwart zum Gegenstande haben, nachdem sie in der gelesensten Wochenzeitschrift ihre erste Verbreitung gefunden, dann noch als Bücher, von denen kein einziges Recensionsexemplar ausgegeben worden ist, wenn sie, sagen wir, dennoch binnen wenigen Jahren sechs, acht und zehn Auflagen erleben, und zwar nicht sogenannte Romanauflagen von fünf- bis achthundert, sondern Auflagen von vier- bis fünftausend Exemplaren – so ist man wohl zu der Annahme berechtigt, daß mit diesen Romanen die Literatur reicher um Schöpfungen geworden sei, die zu den Herzen Aller sprechen. Dieses Glück ist E. Marlitt’s Werken zu Theil geworden.

Nun ist’s eine alte Klage der Schriftsteller und Dichter, daß das Publicum, auch wenn es den Werken eines Autors huldige, doch seiner Person in der Regel kalt und theilnahmlos gegenüber stehe; nur der Bühnendichter genieße den Vorzug, für eine gelungene Leistung bei etwaiger Anwesenheit auch persönliche Auszeichnung davonzutragen. Diese Klage ist nicht unbegründet. Man erlebt es nicht selten, daß in geselligen oder Familienkreisen irgend ein Geisteswerk Freude, ja Entzücken bereitet, daß jeder Mund von Lob überströmt über die genossene Erhebung – aber wie viel Tausende dieser Fälle gehören dazu, bis es einer Seele solcher im Augenblicke Dankbaren einfällt, dem Freudespender selbst über einen solchen Erfolg seines Werkes Kunde zu geben! Wie oft hätten ein paar Worte auf ein Blättchen Papier und ein Groschencouvert genügt, um einen Gott weiß von welchen Sorgen niedergedrückten Geist zu erquicken und neu zu beleben! Nicht besser macht es der Einzelne, der daheim sich an einem Buche, einem Kunstwerke gelabt, wie die große Masse, die ein Werk zur lauten Begeisterung anregt – hier wie dort verläßt sich Jedermann recht bequem auf die öffentliche Kritik und Niemand fühlt, daß ein freudig dankender Brief dem Betreffenden oft mehr werth sein kann, als Dutzende von Recensionen.

Wenn nun einem schaffenden Geiste auch diese seltenen Freuden reichlich zu Theil werden, sollen wir uns nicht Alle darüber mit freuen? Sollen wir dies verschweigen, etwa um nicht Andere zu verletzen? Kann überhaupt solche unmittelbare Anerkennung ernsterworbenen Verdienstes Neid erregen? Muß nicht vielmehr das eine Beispiel in Allen die Hoffnung wachrufen, daß unser Volk doch nach und nach zu dem Grade der höchsten, der Herzensbildung erhoben werde, auf dem es fähig wird, mit den Geistern der Nation, auf welche es stolz zu sein Ursache hat, in engere, persönlich erquicklichere Beziehung zu treten? Es fehlt noch so viel daran, daß in jedem Orte ein heimisches Talent nach seinem Werthe für das allgemeine Wohl, die allgemeine Förderung des Menschenglücks durch Bildung recht gewürdigt werde, daß wir jeden Weg, der zu diesem Ziele führt, freudig begrüßen müssen. Unser Beispiel ist ein solcher Weg, und nur darum, und durchaus nicht in der ohnedies längst unnöthig gewordenen Absicht, dieser stillen Huldigung noch eine öffentliche hinzuzufügen, machen wir uns die Freude, das Folgende mitzutheilen.

Die Leser unseres Blattes stimmen uns wohl alle darin bei, daß E. Marlitt, seit sie ihnen ihre „Goldelse“ vorgeführt, ein so offenbares Vertrauen in den Herzen ihrer Verehrer gewonnen, daß jede ihrer neuen Schöpfungen eine gesteigerte Theilnahme fand. Dies, aber noch schöner die stille Lust an ihren immerfrischen Gestaltungen spricht sich in verschiedenster Weise in den Briefen aus, die sie schon zu Hunderten empfangen hat. Es ist wirklich ehrliche Freundes Mitfreude, welche den Verfasser verführte, aus dem großen Vorrath sich Einiges auszubitten, angeblich um es daheim in Andacht zu genießen. Und nun kommt uns das „Marlitt-Blatt“ dazwischen und zwingt uns, unsere Freude darüber und über die ganze Marlitt auszusprechen. Sollen wir Das ganz allein thun? – sollen wir nicht Diejenigen mitsprechen lassen, deren Briefe meist erst durch die Hand der Redaktion an ihre Adresse gelangt sind?

Geben wir zuerst einem „Schweizermädchen“, wie die Briefschreiberin sich selbst nennt, das Wort. Ihr hat besonders „Die zweite Frau“ es angethan. „Sie“ – schreibt sie – „ist die Zauberin, die meine Bedenken (über die Absendung eines solchen Briefes) überwunden und mich endlich das ausführen läßt, was Jahre schon mein heißer Wunsch war: Ihnen zu danken für den hohen Genuß, den Ihre Feder, diese ‚Fee’, mir und den Meinen schon verschafft hat. – – Es kann mir nicht einfallen, Ihnen hier über ‚Die zweite Frau’ zu wiederholen, was Sie tausendfach besser gehört, ich fände auch gar keine Worte dafür, als vielleicht das Eine: Verehrte Frau, Sie sind eine Dichterin von Gottes Gnaden! Nicht wie der Höfling und devote Unterthan diese Worte gebraucht, sondern wie ich, die Republikanerin, sie verstehe.

[69]
Die Gartenlaube (1875) b 069.jpg

Die Geisteskinder einer Dichterin
Nach dem Oelgemälde von Gustav Bartsch in Berlin.

Und wie gebrauchen Sie diese Gabe. Auch im Kampfe immer würdig und edel, erfüllen Sie alle freie, vorurtheilslos denkende Herzen mit stolzer Genugthuung, daß ein so wunderbar beredter Mund seine Stimme so kühn und muthig gegen adeligen Uebermuth und Hochmuth, gegen Blasirtheit und Bigotterie und höfisches Kriechen, für Wahrheit und Recht und alles menschlich und göttlich Schöne erhebt.“ –

Vielen aus der Seele geschrieben ist gewiß der Ausspruch „Was umfängt uns mit so unendlichem Zauber, haben wir uns erst einmal in ‚Die zweite Frau‘ versenkt? Es ist vor Allem das [70] warm pulsirende Leben, das Sie Ihren Gestalten, Ihren Naturbildern einzuhauchen wissen; man liest nicht mehr eine spannende Erzählung, man lebt und athmet mit Liane und Mainau und macht ihre Gemüthsbewegungen zu seinen eigenen.“ „Ja, hochverehrte Frau, Sie haben mir und den Meinen den langen, langen, hier in unserem Fabrikdorfe zwischen den Glarnerbergen sehr einförmigen Winter und die Arbeiten des Frühlings in einer Weise verschönt und versüßt, daß wir wie im Traume in den Sommer hineingerathen sind.“ –

Die Briefschreiberin hat zwei alten verwandten Damen, von welchen die eine blind ist, E. Marlitt’s Werke vorgelesen. „Bei der Vorlesung der ,Zweiten Frau‘ wünschte ich oft, die gefeierte Verfasserin könnte ungesehen den kleinen bescheidenen Kreis in der alterthümlichen Glarnerstube mit ihren Wandschränken von polirtem Nußbaumholze belauschen; sie hätte wahrscheinlich leise gelächelt über ihre lebhaften Leserinnen, aber sie wäre vielleicht nicht ganz unbefriedigt weggegangen. Das Entzücken der beiden alten Damen war geradezu unaussprechlich. Mariechen aber, meine kleine Nichte, konnte gar nicht begreifen, was in die Großmama und die Tanten gefahren sei; so hatte sie sie noch nie gesehen, bald in athemloser Spannung, bald in stürmischer Erregtheit, in einer Begeisterung ohne Gleichen. Das Kind schlich auf den Zehenspitzen vor lauter Respect und warf scheue Blicke nach den so seltsam veränderten Frauen. – Und als endlich das letzte Wort verklungen, als wir Liane verlassen, wie sie glücklich lächelnd in die Zukunft sah, da bemächtigte sich unser ein Gefühl, als hätten wir soeben Abschied genommen von einem lieben Freunde, der uns durch seine Gegenwart das Leben verschönt für eine Zeit lang und nun unseren Blicken entschwunden ist. Als ich die Absicht kundgab, der Dichterin meinen Dank auszusprechen, da leuchtete es auf in dem lieben guten Gesicht der Blinden und sie bat dringend, auch ihren Dank nicht zu verschweigen für die vielleicht letzten Lebensfreuden, mit denen Sie ihre lange Nacht beglückt hätten.“

Dieselbe hohe Verehrung, wie die freie junge Schweizerin, bringt unserer Dichterin eine für die Erhebung des weiblichen Geschlechts auf „neuen Bahnen“ kämpfende deutsche Frau in G… entgegen. Sie hat bisher vergeblich erwartet, daß E. Marlitt die moderne Frauenfrage zum Gegenstand eines Romans wähle. „Sie selbst, verehrtes Fräulein,“ führt sie fort, „stehen so hoch über dem Niveau dessen, was Frauen durchschnittlich leisten und zu leisten vermögen, und auch die Frauengestalten Ihrer Muse – ich meine nicht die nach dem Leben in ihren Mängeln und Schwächen treffend gezeichneten, sondern diejenigen, welche als wahre Kinder Ihres Geistes Sie unverkennbar mit dem Hauche Ihres eigenen Wesens beseelt haben – Ihre Goldelse, Gisela, Liane – das sind Erscheinungen, welche so wenig dem alltäglichen Frauentypus und der hergebrachten (selbst dichterisch idealen) Anschauung von Frauenart und Frauenbegabung entsprechen, daß damit in doppelter Hinsicht Ihre Verwandtschaft mit den modernen Bestrebungen zur Hebung des weiblichen Geschlechts nahe gelegt ist. Ihre selbstständig denkenden, urtheilenden und handelnden Frauen, durchgebildete Charaktere, den niederen und höheren Anforderungen des Lebens gewachsen, wie sie sind, gleicherweise fähig und willig, im ernsten Berufsstreben Stütze und Halt in sich selbst zu finden, wie auch, von einer geliebten Hand sanft geleitet, beseligt durch’s Leben zu gehen: das sind eben selbst weibliche Erscheinungen, deren Heranbildung wir für die Emancipation unseres Geschlechts Eintretenden von dem Fortgang unserer Bestrebung erhoffen. Sollten Sie vielleicht mit Absicht sich darauf beschränkt haben, zur Lösung der schwebenden Frauenfrage anregend beizutragen, indem Sie weibliche Charaktere schufen, welche als ideale Vorbilder zeigen sollten, wie harmonisch die vollständige Selbstständigkeit der Frau in Einklang stehen könne mit dem Zauber edelschöner Weiblichkeit – die man seither nur zu häufig identificirte mit Urtheilslosigkeit und Schwäche?“

An diese aus den gelehrten Frauenkreisen aufgeworfene Frage wüßten wir aus den vorliegenden Briefen nichts Anmuthigeres zu reihen, als die treuherzigen Worte einer einfachen deutschen Mutter, einer „Landsmännin“ in Amerika. Da heißt es: „Seit ich den Schluß Ihrer ,zweiten Frau‘ gelesen, drängt es mich, Ihnen meinen Dank dafür zu sagen. Ich kann’s Ihnen gar nicht ausdrücken, wie groß meine Freude ist, wenn mir angezeigt wird, daß bald wieder etwas Neues von Ihnen erscheint. Wenn es wirklich beginnt und die neue ,Gartenlaube‘ kommt, da wird Alles stehen und liegen gelassen und nur gelesen, was sonst nicht der Fall ist. Alle, die Ihre Werke lesen, sagen: es ist Alles so natürlich, man glaubt den Personen (der Erzählungen) schon einmal im Leben begegnet zu sein. Wenn ich Ihnen nur so recht klar meine Freude darüber schildern könnte! Vielleicht verstehen Sie’s, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich auf jede Fortsetzung freue wie als Kind auf den Weihnachtsabend. Als ich einer meiner Schwestern am Ohio schrieb: ,wie gefällt Dir „die zweite Frau“? da antwortete sie: ,Wenn die „Gartenlaube“ kommt, stürze ich darüber her, verschlinge die Fortsetzungen mit wahrem Heißhunger, und dann lese ich sie noch einmal mit Verstand und großem Wohlbehagen.‘ Es ist Ihnen vielleicht nichts Neues, zu hören, daß viele Kinder nach Ihren Geschichten getauft werden, und dies von Amerikanern noch mehr, als von Deutschen; jetzt werden die Lianen in die Mode kommen.“

Diesen brieflichen Herzensergüssen schließen wir in möglichster Kürze noch einige andere Betätigungen der Hochachtung und Verehrung für E. Marlitt an, für deren Richtigkeit wir die besten Zeugen aufstellen können. Eine ansehnliche Ueberraschung kam aus Californien in Gestalt einer Kiste dortigen Weines. Ein reicher Verehrer am Rhein schmückte ihren Garten mit den herrlichsten Blumen und seltensten Pflanzen, und nicht weniger erfreute sie eine Sendung prächtiger Alpenblumen aus Interlaken; viele andere sinnige und werthvolle „Dankeszeichen“, besonders aus Frauenhänden, schmücken das Arbeitszimmer der Dichterin. In den Alpen war’s auch, wo einem St. Galler hoch auf Luciensteig, der Schweizerveste, im Wirthshaus als interessanteste Neuigkeit verkündet wurde, daß die „Gartenlaube“ angekommen sei. „Sehen Sir,“ hieß es, „dort liegt ,Die zweite Frau’!“ – Mit derselben Ernsthaftigkeit rief auf der Thüringer Eisenbahn ein Reisender, der von Leipzig kam, einem Bekannten zu: „Wissen Sie’s schon? ,Die alte Mamsell‘ ist todt!“ Und es knüpfte sich zugleich an diese Nachricht die aufrichtige Bedauerniß, „daß es mit dieser prächtigen Frau schon aus sei.“ So leben die Marlitt’schen Gestalten wirklich im Volke, und es ist daher nicht zu verwundern, daß die Verehrung für die Dichterin in der verschiedensten Weise zum Ausdruck kommt. Nicht selten, namentlich wenn eine oder die andere der jetzt blühenden Wanderversammlungen in Arnstadt weilt, ertönen huldigende Gesänge hoch am Hügel vor dem stattlichen Bergschlößchen „Marlittheim“, und dies beschränkt sich nicht etwa bloß auf Lehrer, Sänger und dergleichen der Poesie schon näher stehende Leute, auch die schwarzen Feuerwehrmänner versäumten es nicht, der Dichterin durch Gesang, Deputation und Rede ihre Huldigung darzubringen. Nicht gering ist die Zahl derer, welche die Dichterin von Angesicht zu Angesicht zu schauen begehren, aber von der um die stets Leidende gewissenhaft besorgten Umgebung mit seltenen Ausnahmen abgewiesen werden müssen.

Können wir die zahlreichen Uebersetzungen der Marlitt’schen Werke in so ziemlich alle europäischen Sprachen zu den erfreulichsten Ehren derselben rechnen, so sind dagegen von den Dramatisirungen derselben, mit welchen die Spekulation sogar der Veröffentlichung derselben durch den Druck noch zuvorzukommen suchte, nur wenige, im Einverständniß mit der Verfasserin ausgeführte einer andern, als streng rügender Erwähnung werth.

Sehen wir zum Schluß noch einmal Alles an, was da zum Preise unserer E. Marlitt gesagt ist, so gewahren wir mit heimlicher Freude, daß dabei nur fremde Stimmen laut geworden sind, und daß es unseres Zuthuns gar nicht bedurfte, um ihr einen recht frischen Kranz auf das Haupt zu setzen; – und darüber kann und wird sie uns nicht zürnen, auch wenn die brieflichen Mittheilungen ohne ihr Wissen veröffentlicht werden.

Dem Bilde aber, das uns zu dieser Besprechung veranlaßt hat, können wir nichts Besseres wünschen, als eine Verbreitung wie sie die Marlitt’schen Werke gefunden haben.

[71]
Blätter und Blüthen.

Eine Erinnerung aus den Tagen der schweren Noth. Am Nachmittage des 23. April 1844 hielt vor dem Gasthofe zum Hirsch, jetzigem kaiserlichen Postamte zu Saalfeld, eine Extrapost, deren Insassen – ein ältlicher Herr von militärischem Aussehen mit einer noch schönen Frau an seiner Seite – von dem Wirthe auf’s Ehrerbietigste begrüßt und in die besten Zimmern des Hauses geleitet wurden.

Es war nicht das erste Mal, daß der zur Zeit pensionirte Oberstlieutenant Friedrich von Klitzing aus Berlin in der alten Kreis-, Münz- und Bergstadt Saalfeld einkehrte, aber eine lange Reihe von Jahren voll weltgeschichtlicher Begebenheiten lag freilich zwischen heute und damals, wo er als Adjutant Louis Ferdinand’s von Preußen an der Seite des Letzteren seinen Einzug in diese Stadt gehalten hatte.

Wie hatten am Morgen jenes 10. October 1806 die Herzen voll Muth und Begeisterung geklopft; war doch endlich nach peinlich langem Harren der Augenblick gekommen, wo Preußen, zum Aufgeben seiner neutralen Stellung genöthigt, an dem Kampfe für deutsches Recht und deutsche Ehre thätigen Antheil nehmen sollte! Im Vertrauen auf die gerechte Sache und von der eigenen persönlichen Tapferkeit und Begeisterung auf die seiner Truppen schließend, glaubte Louis Ferdinand einen Zusammenstoß mit dem verhaßten Feinde nicht scheuen zu müssen, und so war er von Rudolstadt in der Absicht aufgebrochen, den in großen Massen rasch heranrückenden Franzosen auf halbem Wege entgegen zu gehen. Er sollte jedoch nicht weit kommen. Schon bei Saalfeld mußte Schlachtaufstellung genommen werden, und bald entspann sich jener unselige Kampf, in welchem der preußische Aar traurig die Schwingen senkte. Keine der frohen Siegeshoffnungen hatte sich erfüllt; die Truppen waren theils vernichtet, theils in die Flucht geschlagen, und Louis Ferdinand selber hatte auf dem Schlachtfelde von Wöhlsdorf sein Herzblut verströmt. Kein glorreicher Sieg war es, an den sich fortan für alle Zeiten der Name des Prinzen knüpfen sollte, es war eine verlorene Schlacht, und statt des Lorbeers, den er zu pflücken gedachte, erntete er den bittern, durchaus ungerechtfertigten Vorwurf, durch ungezügelte Kampfbegier das unglückliche Treffen verschuldet, dann aber, um den Vorwürfen des Königs zu entgehen, seinem Leben selber ein Ende gemacht zu haben. –

Friedrich von Klitzing, Louis Ferdinand’s treu ergebener Adjutant, hat es sein Leben lang nicht verwinden können, daß er im entscheidenden Augenblicke außer Stande gewesen, seinem Generale Beistand und Rettung zu bringen. Alles, was er auch während der ferneren Kriegsjahre an Nöthen und Gefahren zu bestehen haben mochte, es trat in den Hintergrund vor den Erlebnissen jenes Tages, der für ihn der schreckenvollste seines Lebens blieb. Mit bewundernswerther Treue bewahrte sein Gedächtniß alle Einzelheiten der unglücklichen Schlacht, während ein unstillbares Verlangen ihn fort und fort nach der Gegend zog, die der Schauplatz seiner schmerzlichsten Erinnerungen geworden war.

Noch einmal wollte er an Ort und Stelle die Bilder jenes grauenvollen Tages an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen; noch einmal wollte er die Stätte besuchen, an welcher sein unvergeßlicher General den Heldentod gefunden, und als selbst ein längerer Aufenthalt unter Italiens blauem Himmel jenes Verlangen nach den grünbewaldeten Thüringer Bergen nicht zu stillen vermochte, da war der greise Veteran in Begleitung seiner vortrefflichen Gattin nach dem Ziele seiner langjährigen Sehnsucht aufgebrochen. –

Ja, da stand es noch, das alte Thor, durch welches er, von Rudolstadt kommend, neben Louis Ferdinand einst eingeritten war! Dort in dem großen Eckhause am Markte hatte der Prinz mit seinen Begleitern das letzte Frühstück eingenommen, dann waren sie auf den erhaltenen Rapport von dem eiligen Heranziehen des Feindes zum oberen Thore wieder hinaus gesprengt, um die rings um die Stadt herum aufgestellten Truppen zu inspiciren.

Wie stiegen angesichts dieser Oertlichkeiten die alten Erinnerungen in lebendiger Frische vor der Seele des Greises auf! Links vor dem oberen Thore, wo heute die Kusch’sche Maschinenfabrik steht, hatten damals die sächsischen und preußischen blauen Husaren Aufstellung genommen; rechts nach der Münzpforte zu stand das preußische braune Husarenregiment Schimmelpfennig. Weiter rechts in einem langgestreckten, jetzt ausgefüllten Graben zunächst der Stadtmauer lag gedeckt eine Compagnie preußischer Jäger, während auf dem Siechenhügel links an der Rudolstädter Chaussee, von wo aus die fränkische Straße bei Gernsdorf und der Eckardsanger am Fuße des bewaldeten breiten Berges bestrichen werden konnte, die preußische und sächsische Artillerie aufgestellt war. Zwischen den braunen Husaren links und den Jägern in jenem Graben rechts lagen die preußischen Scharfschützen im Verstecke, lauter vortreffliche Schützen mit weittragenden gezogenen Büchsen, die an jenem Tage manchen französischen Reiter vom Pferde in’s Grab beförderten. Rechts über Crösten nach Blankenburg zu war das Gros der Armee aufgestellt; die Franzosen dagegen kamen aus den Thalstraßen der oberen Berge sowie über diese selbst aus den Wäldern in das Thal herab, stellten sich am Fuße des breiten Berges in Schlachtordnung auf und eröffneten das Feuer. Fast schien es jedoch, als ob das Kriegsglück dem sieggewohnten Feinde untreu werden wollte, denn der erste preußische Kanonenschuß machte sofort die eine der beiden Kanonen, über welche jener anfänglich nur zu verfügen hatte, untauglich.

Wohl kannte Frau von Klitzing alle diese Details auf’s Genaueste, doch sie hätte nicht die gute Patriotin und verständnißvolle Gattin sein müssen, um die Gefühle ihres Gemahls nicht zu begreifen und seine Bewegung nicht zu theilen, als dieser jetzt an Ort und Stelle ihr abermals die Begebnisse jenes für ihn unvergeßlichen Schreckenstages in ergreifender Lebendigkeit schilderte.

In aller Frühe des nächsten Morgens finden wir das von Klitzing’sche Ehepaar bereits auf dem Wege nach dem Schlachtfelde, langsam im offenen Wagen dahin fahrend und oft still haltend.

Da lag sie vor ihnen, die Gegend, die der Oberstlieutenant dereinst in Staub und Pulverdampf gehüllt verlassen hatte – heute ein Bild der Ruhe und des Friedens. Still blieb’s links auf den bewaldeten Höhen, und die weiten Wiesenflächen zur Rechten, damals mit dem Blute von Freund und Feind gedüngt, harrten im frischen Grün des jungen Lenzes der weidenden Schaf- und Rinderheerden.

Bei einem dicht am Wege stehenden Steinwürfel, von preußischen Officieren im Jahre 1807 errichtet, stiegen die Reisenden aus. Die Inschrift jenes Steines

„Hier fiel kämpfend“ für sein dankbares Vaterland
Prinz Louis Ferdinand von Preußen;
am 10. October 1806.“

trägt die Schuld an der fast allgemein verbreiteten irrthümlichen Annahme, der Prinz sei an dieser Stelle gefallen, oder tödtlich verwundet hier niedergelegt worden, um unter den Zweigen einer prächtigen, erst kürzlich gefällten Linde zu verscheiden. Dies ist jedoch historisch unrichtig. Unter jenem schönen alten Baume fand wohl der erwähnte Gedenkstein die passendste Aufstellung, seine Inschrift jedoch ist im weitern Sinne gebraucht und bezeichnet nicht sowohl speciell eine einzelne Stelle, als vielmehr den ganzen Platz, woselbst der Prinz gekämpft und gefallen. Ein weit kostbareres Denkmal, von der Fürstin Louise von Radziwill dem Andenken des gefallenen Bruders errichtet, erhebt sich, von weißstämmigen Birken beschattet und von einem eisernen Gitter umschlossen, auf einer Feldspitze dem Dorfe Wöhlsdorf gegenüber. Von diesem Monumente deutet eine mythologische Figur hinunter nach dem Hohlwege, welcher in einen Richtsteig ausläuft, auf dem man über die Wiesen nach dem Dorfe Schwarza gelangt. Am Ausgange dieses Hohlweges war es, wo sich der fliehende Prinz plötzlich von drei Seiten von feindlichen Reitern umgeben sah, die den Augenblick erspäht hatten, wo dieser, von seinen Begleitern abgeschnitten, ihnen nothwendig in die Hände fallen mußte. Louis Ferdinand erkannte auch sofort die Absicht seiner Verfolger, doch die Ehre höher achtend als das Leben, ruft er ihnen auf ihre Aufforderung, sich zu ergeben, auf französisch die Worte zu: „Der Prinz ergiebt sich nicht; der Prinz stirbt!“ Ein wüthender Kampf entspinnt sich, der damit endet, daß Louis Ferdinand, von einem Stiche mit einem geraden Säbel tödtlich in die Brust getroffen, vom Pferde sinkt. Wie tapfer der Prinz gekämpft, hat einer seiner Mörder selber unserm Gewährsmanne geschildert, als er sich von diesem Tags darauf nach dem Kampfplatze begleiten ließ, um in den noch im Wege stehenden Lachen vom Blute Louis Ferdinand’s nach einem dem Prinzen im Gefechte abgerissenen Orden zu suchen.

In schmerzliche Trauer versunken, standen die Gatten lange, dann legten sie schweigend die kurze Strecke bis nach Wöhlsdorf zu Fuß zurück, ein Jedes mit den Gefühlen der eigenen Brust vollauf beschäftigt. Hier führte der Oberstlieutenant seine Frau in den zunächst an der Straße gelegenen Garten des Georg Heinrich Bock’schen Hauses, woselbst eine feindliche Kugel dem Prinzen das Pferd unter dem Leibe getödtet hatte, als dieser soeben seinen beiden Adjutanten, von Nostiz und von Klitzing, seine letzten Befehle ertheilt hatte. Der Besitzer des Hauses, welcher sammt seiner alten Mutter nach dem Begehr der Fremden zu fragen kam, vernahm mit Erstaunen, daß der fremde Herr kein Anderer, als der ehemalige Adjutant Louis Ferdinand’s sei, und bald tauschte man auf’s Lebhafteste die alten traurigen Erinnerungen aus.

Von den Fenstern ihrer Wohnung aus hatten G. H. Bock und dessen Eltern es mit angesehen, wie der Prinz bemüht gewesen, die Seinen aufzuhalten und zu sammeln. Vergebens! Ein panischer Schrecken hatte die Truppen erfaßt; Louis Ferdinand mußte das Geschick des Tages verloren geben. Da erst entschloß auch er sich zur Flucht, und den Ordensstern auf seiner Brust mit dem Federhute deckend, um nicht erkannt zu werden, ritt er durch eine stets offene Pforte des Bock’schen Gartens unbehindert über die Straße in den erwähnten Hohlweg, an dessen Ausgange bereits der Tod auf ihn lauerte. – Bock führte den Oberstlieutenant zu der Stelle, wo die Leiche des Prinzen am Fuße eines alten, jetzt nicht mehr vorhandenen Eichenstumpfes quer über dem Fahrgleise gelegen, bis dieselbe am Nachmittage, fast gänzlich entkleidet und mit einer Pferdedecke verhüllt, unter lustigen Tanzweisen nach Saalfeld geführt wurde. Das war die feierliche Einbringung; von der ein französischer Schriftsteller seiner Zeit gesagt:

„Der Prinz wurde mit allen seinem Range und seinem Unglücke gebührenden Ehren eingebracht.“

Schmerzlich bewegt kehrte Herr von Klitzing noch einmal nach dem Bock’schen Gärten zurück; war es doch, als ob er sich nicht losreißen könnte von einem Orte, an dem er einst nur wie durch ein Wunder dem Tode oder der Gefangenschaft entgangen war, und wohin es ihn seitdem unablässig und zuletzt unwiderstehlich gezogen.

„Ich entsinne mich nicht,“ wandte er sich zu den Umstehenden (durchgehends Herrn von Klitzing’s eigene Worte), „je in meinem Leben von einer ähnlichen furchtbaren Wuth befallen gewesen zu sein, wie dereinst hier an Ort und Stelle, als ich mich von dem Prinzen abgesperrt und auf den Feind geworfen sah. Mein braver Gaul,“ fuhr er fort, „schien meine Stimmung zu theilen, denn wüthend schlug und biß er um sich, bis es mir gelang, mich aus dem Feindeshaufen herauszuhauen und, von meinem treuen Thiere wie auf Vogelschwingen getragen, nach Rudolstadt zu entkommen.“

„Mein Lieber,“ entgegnete Frau von Klitzing, „Deine Tapferkeit ist durch Dein treffliches Pferd unterstützt worden; sie hat Dich Deinen nächsten Feinden furchtbar gemacht und Dir aus ihren dichten Reihen herausgeholfen. Uebrigens glaube ich, daß eine höhere über uns waltende Macht Dich beschützte und beschlossen hatte, daß Dein Lebensende nicht in Saalfeld erfolgen sollte, in Saalfeld, dessen bloßer Name hinreichend [72] ist, um in jeder braven Preußenbrust schmerzliche Erinnerungen an die unglückliche verlorene Schlacht und den damit verknüpften Tod unseres trefflichen Prinzen zu wecken.“

Der Oberstlieutenant drückte bewegt die ihm dargereichte Hand der Gattin. „Ich ehre deinen Glauben, meine Theure,“ sagte er feuchten Auges, „gleichwohl wissen wir nicht, was in dem großen Schicksalsbuche das Fatum weiter verzeichnet hat, denn – noch haben wir Saalfeld nicht verlassen.“

Frau von Klitzing erschrak. Mit herzlichen Worten trennten sich die Gatten von den Bock’schen Leuten, um in trüber Stimmung nach Saalfeld zurückzukehren. Dort besuchten sie noch den Saal im sonst Lairitz’schen Hause, woselbst der Prinz zum letzten Male gefrühstückt; besahen den Schloßhof, in welchem der im Schlosse einquartiert gewesene Marschall Lannes den entseelten Körper Louis Ferdinand’s in Empfang genommen hatte, und traten zuletzt noch in die altehrwürdige St. Johanniskirche ein, in der die Section, Ausstellung und Beisetzung der Leiche stattgefunden. Elf Jahre später wurde sie nach Berlin gebracht.

Wie tief ergreifend die im Laufe des Tages empfangenen Eindrücke auf den greisen Oberstlieutenant gewirkt, das zeigte sich nicht allein in dessen Gemüthsstimmung, sondern äußerte sich auch gegen Abend in einem rasch zunehmenden körperlichen Unwohlsein. In Angst und Bangen durchwachte Frau von Klitzing die Nacht; die Worte ihres Gatten: „noch haben wir Saalfeld nicht verlassen,“ klangen ihr fort und fort wie eine unheilvolle Prophezeiung in den Ohren. Sollte er am Ende deshalb dem geheimnißvollen Zuge nach Saalfeld gefolgt sein, damit er heute inmitten tiefsten Friedens den Tod fände, dem er hier vor achtunddreißig Jahren im wilden Kriegsgetümmel glücklich entronnen? – der mit Tagesgrauen herbeigerufene Arzt, Dr. Opatovsky, erklärte die Krankheit des Patienten für eine gefährliche Lungenentzündung, die denn auch in der That trotz aller ärztlichen Bemühungen und sorgsamster Pflege in wenigen Tagen den Tod herbeiführte.

Am 3. Mai fand auf dem Kirchhofe zu Saalfeld die standesmäßige Beerdigung des Oberstlieutenants von Klitzing statt. Seine Wittwe verließ drei Tage später, schmerzlich gebeugt und tief erschüttert, die Stadt, welche Louis Ferdinand und dessen ehemaligem Adjutanten das Grab bereitet.



An Garibaldi.
(Auf dessen Brief an Blind.)


Endlich, Alter von Caprera, stimmst Du ein in Deutschlands Ruhm,
Und von deutscher Kraft erwartest Du ein würdig Menschenthum.
So ist’s recht, wir wußten’s lange, lange haben wir’s ersehnt,
Und beklagt, daß guten Samen Du in morscher Frucht gewähnt.
Doch Dein ideales Streben hat zum Irrthum Dich verleitet,
Bis das Treiben der Gemeinheit endlich Deinen Blick geweitet.
Großer, Edler, Guter, Tapfrer, Deine unbefleckte Hand,
Die selbst Deines Volkes Gabe wiedergiebt dem Vaterland,
Endlich reichst Du sie den Deutschen, endlich würdigst Du ihr Wesen,
Endlich ahnst Du, daß zu Kämpfern wahrer Freiheit sie erlesen,
Wahrer Freiheit, die im Strahle Eines Tags nicht mühlos reift,
Nein, die erst nach schwerer Arbeit wird vom Baum des Volks gestreift.
Erst das Volk, und so die Menschheit, erst der Baum, und so der Wald –
Einen Jeden laß’ erwachsen, in ureigener Gestalt:
Jeder ziehe seine Blüthen, und der Wind der Freiheit mischt
Endlich aller Duft zu einem, der den ganzen Wald erfrischt.
Wohl erquickt’s, daß deutschen Wesens kräftige und tiefe Art
Auch von Dir, dem edeln Greise, endlich doch gepriesen ward.
Konnt’ es anders sein? Die Edeln haben fürder keine Wahl,
Deutsch ist, wer von Herzen trachtet nach der Menschheit Ideal.

R. H.



Moderne Kaffeeverfälschungen. Herr Dr. Franz spricht sich im polytechnischen Notizblatt 1874, Seite 43 über Kaffeeverfälschungen in neuerer Zeit aus, und wir glauben, daß es für unsere Hausfrauen von Interesse sein dürfte, wenn wir das, was er sagt, hier kurz mittheilen, sowie wir hoffen, daß es Herr Dr. Franz gestattet, seine für das Allgemeinwohl veröffentlichten Bemerkungen weiteren Kreisen zugänglich zu machen.

Man hat nicht mit Unrecht die grüne Farbe der Kaffeebohnen als ein Merkmal der Güte betrachtet, aber in neuester Zeit hat dieses Zeichen seinen Werth verloren, weil man häufig die schlechteren Sorten grün färbt, und leider geschieht dieses mit einer Kupfer enthaltenden Farbe, die unbedingt der Gesundheit nachtheilig ist. Dr. Franz räth daher die rohen Bohnen mit heißem Wasser zu übergießen, sie zu trocknen und dann erst zu rösten. Die Kaffeebohne verliert durch dieses Verfahren nicht an Werth, da die wirksamen Bestandtheile des Kaffees erst durch das Rösten zur vollen Entwickelung gelangen. Unterläßt man dagegen das Waschen des Kaffees, so werden die etwaigen anhängenden Farbstoffe durch das Rösten erst recht dem Kaffee einverleibt. Um das Wasser, mit dem man die Kaffeebohnen gewaschen hat, auf Kupfergehalt zu prüfen, empfiehlt er die bekannte Probe: man setzt dem Wasser ein wenig Säure hinzu, taucht eine blankgeputzte Messerklinge hinein und läßt sie einige Minuten darin. Ist das Wasser kupferhaltig, so hat sich die Klinge mit einem dünnen rothen Anfluge (Kupfer) bedeckt.

Daß der geröstete, gemahlene Kaffee zuweilen mit Cichorie gefälscht wird, ist bekannt, da dieser Zusatz billiger als der Kaffee ist, und obwohl diese Fälschung sich, wenn man darauf achtet, schon durch den Geruch kundgiebt, so führen wir doch eine einfache von Franz angegebene Methode zur Prüfung der Echtheit an. Man lasse durch den gemahlenen Kaffee kaltes Wasser laufen. Ist in demselben Cichorie vorhanden, so erhält man eine braune Brühe, der unverfälschte Kaffee aber giebt keine gefärbte Flüssigkeit, wenn man kaltes Wasser durchlaufen läßt.

Ueber den sogenannten homöopathischen Kaffee spricht sich Franz dahin aus, daß dieser die Benennung Kaffee nicht verdiene, da das Fabrikat nur aus gebranntem Roggen bestehe, welcher weder eine heilsame noch heilende Wirkung besitze, indessen doch unschädlicher sei, als der sogenannte deutsche Kaffee, das heißt gebrannte und gemahlene Cichorienwurzel. Die Cichorienwurzel enthält einen Bitterstoff, auch bildet sich beim Rösten eine geringe Menge brenzliches Oel, welches dem Aufgusse der reinen Cichorienwurzel ein wiewohl etwas widerliches Aroma ertheilt. Jedenfalls fehlt diesem Getränke der wesentliche Bestandtheil des echten Kaffees. Wir stimmen im Allgemeinen zwar diesem Ausspruche bei, bemerken jedoch, daß an und für sich die Cichorienwurzel keine nachtheiligen Wirkungen herbeiführt, wenn sie zweckmäßig genossen wird, daß vielmehr die wilde Cichorie eine magenstärkende Kraft besitzt, wogegen die geröstete Wurzel, als Getränk genossen, Blutwallungen verursacht, auf die Dauer wohl von nachtheiligen Folgen ist und sich daher als Kaffee ersetzendes Getränk nicht eignet. Das Surrogat wurde anfänglich sehr billig hergestellt und veranlaßte große Nachfrage und demgemäß auch Steigerung des Preises, dies aber führte, wie gewöhnlich, zu Fälschungen des Fabrikats. Anfangs verwendete man hierzu Mohrrüben, weiße Rüben, Runkelrüben etc. und um dem Fabrikate das brenzliche Oel zuzufügen, röstete man diese Ersatzmittel mit Speck, indessen blieb man hierbei nicht stehen und trieb die Fälschung so weit, daß man selbst gepulverten Bolus, Sand, Ziegenmehl in demselben findet.

Will man ein unschuldiges, billiges Surrogat für den Kaffee haben, so mag sich Jeder selbst Roggen, Gerste und Eicheln rösten, er weiß dann wenigstens, was er genießt.



Eine neue Zeitung für die Interessen der Bodencultur. Einen hervorragenden Rang unter den vielen landwirthschaftlichen Zeitungen, die wir besitzen, verspricht das „Oesterreichische landwirthschaftliche Wochenblatt“ einzunehmen. welches in dem überaus thätigen Verlage von Faesy und Frick in Wien erscheint. Die uns vorliegenden ersten Nummern desselben zeichnen sich schon durch die geschmackvolle, wahrhaft glänzende Ausstattung vor allen übrigen Fachorganen auf diesem Gebiete sehr vortheilhaft aus, und ihr Inhalt entspricht vollkommen den durch das Aeußere erregten Erwartungen. Unter den dritthalbhundert Mitarbeitern und Correspondenten, deren Zusage das neue Blatt empfangen hat, fehlt auch nicht ein einziger Name von Bedeutung in der Wissenschaft und Praxis in Deutschland, Oesterreich und Ungarn. Trefflich ausgeführte Abbildungen nach Originalzeichnungen, nicht etwa ausrangirte Clichés weltbekannter Kataloge, wie sonst wohl üblich, gereichen ihm zur besonderen Zierde. Wir glauben, diejenigen unter unseren Lesern, welche sich für Bodencultur und was damit zusammenhängt interessiren, auf diese vielverheißende Erscheinung hiermit aufmerksam machen zu sollen.




Für die Abgebrannten in Meiningen


gingen noch ein: Ertrag einer Theatervorstellung des Sächsisch-Thüringer Vereins in Newark (Amerika) 125 Thlr. 18 Ngr. (den dortigen Landsleuten Gruß und Dank); Ertrag einer Sammlung im Fürstenthume Liechtenstein für die verunglückten deutschen Stammesgenossen, einges. durch Dr. Schädler in Vaduz 318 fl. ö. W. (Bravo); gesammelt bei einem Geburtstagskränzchen in Berlin 1 Thlr. 13 Ngr.; aus der Schule in Stöcken bei Werdau 1 Thlr. 20 Ngr.; Baumeister Rob. Six in Petersburg 14 Thlr.; Ludwig Meyer in Berlin 2 Thlr.; K. B. in Krankenhagen 1 Thlr.; Frau E. Heilbronn in Bochum 1 Thlr.; Elementarschüler in Bürgel bei Offenbach, durch Lehrer Feuchtwanger 1 Thlr. 4 Ngr. 2 Pfennige; Aus Eibelshausen 10 Thlr.; W. H. in Moserum 1 Thlr.; H. Stürmann in Borbeck 1 Thlr.; mit einem Gedichte 1 Thlr.; Levisohn in Bochum 1 Thlr.; gesammelt von G. Gerlach in Zwenkau (Zwenkauer Zeitung) 15 Thlr. 20 Ngr.; A. Wolff in Bremen 26 Ngr. 1 Pf.; Männergesangverein Eintracht in Neisse 6 Thlr. 4½ Ngr.; vom Stammtisch bei Graul in Dornburg 2 Thlr. 15 Ngr.; A. K. in Kahla 1 Thlr.; Hüttig in Strauchitz 2 Thlr.; M. K. in Lützen 2 Thlr.; Fr. Pf. und D. B. in Altenbruch 2 Thlr.; Gesangverein Lyra in Meuselwitz 6 Thlr.; Rosalie Heintzmann in Düsseldorf 5 Thlr.; schwarze Dame Toroli in Rostock 3 Thlr. 10 Ngr.; Gesangverein in Wülfel 1 Thlr. 8½ Ngr.; am Weintische bei Schneider in Memel 1 Thlr. 11 Ngr.; M. St. in W. 1 Thlr.; Valentin zu Laxenberg 1 Thlr. 5 Pfennige; J. K. 2 Thlr.; F. M. in Torgau 3 Thlr.; F. S. in Dresden 1 Thlr.; Gabe des Liebhabertheaters in Constanz, durch Buchhändler Meck in Constanz 80 Thlr.; Dilettanten-Concert in Greene 26 Thlr. 10 Ngr.; (Buchdruckerei Limbach in Braunschweig lieferte Drucksachen im Betrage von 5 Thlr. 25 Ngr. gratis); aus Friedberg in Hessen, Reinertrag eines Kirchenconcerts, welches von dem Organisten Herrn Taubstummenlehrer Schneider, dem Fräulein Bechthold, dem Herrn Concertmeister Rosenbecker, sowie einigen anderen bewährten Dilettanten Friedbergs gegeben wurde 26 Thlr. 15 Ngr. 4 Pfennige; Sammlung von Albert Thiem unter den Deutschen in Edinburg 45 Thlr. 27 Ngr.; W. Jung in Cheltenham (England) ½ Guinee; aus Klagenfurt 2 fl. ö. W.; Helene und Ottilie in Usciebiscupie 30 fl. ö. W.; Bernh. Marr in Dux 5 fl. ö. W.; von einem Schiffer in Petersburg 5 Rubel; Ungenannt 1 Rubel; auf einem Balle „zur schönen Aussicht“ ges. 6 fl. rh.; N. N. ein Ring; aus Aachen 15 Ngr.; E. K. in Zwingenberg 1 Thlr.

Indem wir allen freundlichen Gebern im Namen der Abgebrannten den herzlichsten Dank darbringen, schließen wir nunmehr unsere Sammlung, die einen Gesammtbetrag von

8233 Mark 65 Pfennigen

ergeben hat.

die Redaktion der Gartenlaube.
Ernst Keil.



  1. Durch die lithographische Anstalt von Fr. Hartwich in Berlin ist eine Vervielfältigung dieses Oelbildes in gleicher Größe und mittelst Buntdruckes durch sechszehn Platten hergestellt, die durch Burmester u. Stemvell in Berlin, um fünf Mark, jedoch ohne Rahmen, bezogen werden kann. Was wir oben von dem Originale gerühmt, gilt auch von diesen Blättern: Es sind Meisterstücke des Buntdrucks; sie gewähren, in entsprechender Umrahmung, einen recht empfehlenswerthen Wandschmuck.