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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 3.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.


Das Capital.
Erzählung von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


5.

Als er das nächste Mal nach Haus Haldenwang hinübergegangen, fand er die junge Frau in ihrem Wohnsalon – es war ein zu kühler Abend, um ihn auf der mit Schlingpflanzen überwölbten Terrasse draußen zuzubringen. Außer dem Gesellschaftsfräulein fand er den unvermeidlichen Herrn von Maiwand anwesend; beide Letzteren waren bei einer Schachpartie beschäftigt, während Frau von Haldenwang in einer Fensterbrüstung saß und in einem Journale las. Bei Landeck’s Eintritt legte sie es wie widerstrebend aus der Hand.

„Ich störe Sie, gnädige Frau. Sie wünschen Ihre Lectüre fortsetzen zu können,“ sagte er. „Gestatten Sie mir, Ihnen vorzulesen, was Sie so zu fesseln scheint!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein,“ versetzte sie. „Wer gute Augen hat, muß selbst lesen und nicht sich vorlesen lassen. Zwischen einem geistreichen Autor und mir ertrage ich keinen Dolmetscher. – Das Journal bringt eine Fortsetzung der Bilder aus unserem Griechenland, welche ich Ihnen schon neulich pries und zu lesen empfahl. Es hat mich seit langem nichts so angezogen. Der Verfasser nennt sich noch immer nicht, aber es ist ein Mann, dem meine ganze Seele zufliegt; so verwandt ist sein Denken und die Art, wie er die Dinge sieht, der meinigen, so sehr schreibt er mir aus dem Herzen. Wenn Sie so schreiben könnten, Herr Landeck – so – so würde ich Ihnen mit Freuden vorsingen, Ihnen allein.“

Landeck wechselte leicht die Farbe und biß sich auf die Lippen; er nahm das Journal und nachdem er den Titel näher angesehen, sagte er:

„Ich zweifle nicht, daß dieser Glückliche, wenn er erfährt, welcher Lohn ihn hier erwartet, sich von dem fernsten Weltende, oder wo er sonst stecken mag, hierher aufmachen wird, ihn in Empfang zu nehmen.“

„Das lautet sehr spöttisch und boshaft,“ versetzte sie, „und doch verletzt mich dieser Spott nicht. Denn ich weiß, er würde in der That einen Lohn darin finden; er würde meinen Gesang verstehen, wie ich das Gemüth, das sich in seinen Worten ausspricht, verstehe.“

„Und weshalb trauen Sie mir nicht zu, daß ich so schreiben könnte?“

„Weshalb nicht? Aufrichtig gesagt, es ist mir nicht im Entferntesten eingefallen, darüber nachzudenken. Und wozu auch? Begnügen wir uns mit der Thatsache. Auch will ich Sie dadurch nicht abhalten, wenn Sie einmal ein recht gründlich gelehrtes Buch über Ihre archäologischen Forschungen herausgeben werden, mir ein Exemplar davon zu überreichen, das ich mit dem größten Respect entgegennehmen werde, vorausgesetzt, daß ich es nicht zu lesen brauche. – Und nun reden wir von etwas Anderem! Weshalb bringen Sie mir nicht einmal Ihren Zögling mit herauf? Cousine Elisabeth hat mir gesagt, daß sie ihn mir heraufsenden werde.“

„Fräulein Elisabeth Escher hat mir nichts darüber mitgetheilt,“ entgegnete Landeck; „ich werde aber mit Herrn Escher von Ihrem Wunsche reden …“

„Bitte, thun Sie das! Ich muß doch sehen, ob mein kleiner Vetter Ihrer Erziehungsmethode Ehre macht.“

Landeck fühlte aus diesen Worten etwas Verletzendes heraus; es schien, die schöne Frau wolle ihn an seine Schulmeisterstellung erinnern und damit demüthigen.

„Ich hoffe, er wird es,“ antwortete er; „wenn man nichts anderes sein will, als was man ist, und dies ganz ist, leistet man ja am Ende immer etwas Befriedigendes. Aber wollen Sie mir nicht sagen, wie mein Zögling zu der Ehre kommt, Ihr Vetter zu sein?“

„Wie,“ entgegnete sie, „hat man Ihnen drüben die Verwandtschaft nicht auseinandergesetzt? Mein Vater war der Bruder des Herrn Escher. Es waren drei Brüder da. Der Onkel Gotthard, der Onkel Gottfried, in dessen Hause Sie wohnen, und mein Vater, alle Drei so verschiedene Charaktere, wie sich ihre Lebensstellung verschieden gestaltet hat.“

„Der Onkel Gotthard und der Onkel Gottfried haben sich doch demselben Berufe gewidmet und bewohnen einen und denselben Ort,“ bemerkte Landeck.

„Nun ja – aber welche Verschiedenheit ist doch in ihrer Lage! Der Onkel Gotthard ist Vorsteher der Schlosserwerkstätte in der Maschinenfabrik von – wie heißen die Leute, Maiwand?“ wandte sie sich an den am andern Ende des Salons in sein Schachspiel Vertieften.

„Der Herren Bartels und Söhne,“ antwortete Herr von Maiwand, flüchtig aufblickend.

Landeck sah aus dieser raschen Antwort, daß er dem ganzen Gange des Gesprächs gefolgt war, was Frau von Haldenwang ja auch nicht anders vorausgesetzt zu haben schien.

„Bartels und Söhne,“ fuhr sie fort, „was ihm eine sehr [42] bescheidene Lebensstellung giebt. Der Onkel Gottfried Escher dagegen, der ganz dieselbe Erziehung genoß, dieselbe gewerbliche Ausbildung erhielt, hat es mit seiner rastlosen Energie, seinem Ehrgeiz, vielleicht auch ein wenig mit seinem Glücke zu einer eigenen Fabrik gebracht und diese nach und nach so erweitert und einsichtig geleitet, daß er ein großer Industrieller geworden ist und, wie ich denke, einen fest gegründeten Wohlstand besitzt …“

„Wenn nicht nächstens der große Strike ausbricht,“ schaltete hier Herr von Maiwand ein, „von dem man behauptet, daß er ihn ruiniren müsse.“

Frau von Haldenwang zuckte die Achseln.

„Der Onkel ist viel zu gescheidt und vorsorglich, um sich so leicht durch ein einziges widriges Ereigniß stürzen zu lassen,“ sagte sie. „Mein Vater nun endlich,“ fuhr sie dann fort, „der, um das Kleeblatt dieser drei brüderlichen Namen voll zu machen, Gottlieb hieß, hatte früh eine große Neigung zu den Studien verrathen, und da er der Aelteste war, hatte man dieser Neigung nachgegeben; er hatte Medicin studirt und war ein geachteter Arzt in der Residenz. Leider mußte ich das Unglück erleben, als er eben in den weitesten Kreisen bekannt und geschätzt zu werden begann, ihn in Folge einer Ansteckung, die er sich bei einer Consultation am Krankenbette zugezogen, zu verlieren; ich war damals erst siebenzehn Jahre alt.“

„Ach, und Sie waren dadurch ganz verwaist?“

„Nicht ganz. Meine Mutter starb viel später, als ich schon Sängerin an der Hofbühne war, auch hat sich ihrer wie meiner der Onkel Gottfried, der mein Vormund wurde, getreulich und sorglich angenommen.“

„Und doch sehen Sie ihn so selten?“ wagte Landeck zu bemerken.

Frau von Haldenwang antwortete auf diese Frage nicht. Sie fragte rasch: „Ist Ihr Zögling intelligent und folgsam?“

„Hinreichend, um mir die Aufgabe, ihn zu erziehen, zu einer lohnenden und nicht gar zu schweren zu machen. Es ist leider nicht viel, was sich an einer solchen jungen Menschenseele bilden läßt. Man kann ihr Kenntnisse beibringen und sie auch denken lehren; man kann aber ihren Gefühlen keine Richtung geben, was doch eben so wichtig wäre, und man kann ihr nichts von der eigenen Erfahrung mittheilen, was noch viel wichtiger wäre, als die Kenntnisse. Deshalb fallen die Männer immer auf’s Neue in dieselben Fehler, in dieselben Schlingen, welche ihnen das Leben stellt, trotz aller guten Lehren.“

„Zum Beispiel in welche Schlingen?“

„Nun, unter Anderem in die der Frauen; die jungen Männer sind in diesem Falle dümmer als die jungen Hühner, die, wenn ein Weih über dem Hofe schwebt, sich aus bloßem Instinct verkriechen; die jungen Männer sehen die Gefahr nicht, bis sie einmal von dem Weih einer Leidenschaft erfaßt sind und zerfleischt werden.“

Frau von Haldenwang lachte und sah ihn dann groß und verwundert an.

„Sie werden wieder zur umgekehrten Biene,“ sagte sie. „Aus meiner harmlosen Frage haben Sie Gift gezogen, und Ihrer Antwort darauf wissen Sie eine Wendung zu geben, die stechen soll.“

Landeck erröthete leicht. Sie mochte ja Recht haben. Er mochte sich ihr sehr unliebenswürdig zeigen. Es macht aber nichts unliebenswürdiger, als sich Jemandem gegenüber zu befinden, dem man größere Achtung und Geltung abringen will und bei dem man dann gewöhnlich ganz falsche Mittel anwendet, um zu diesem Ziele zu gelangen. Er fühlte sich sehr unglücklich bei diesem Gedanken und dadurch völlig hülflos. Mit einem Seufzer sagte er:

„Was hat eine arme Biene für ein anderes Mittel sich geltend zu machen, als indem sie sticht?“

„Muß sie sich denn ‚geltend machen‘?“

„Nein, Sie haben Recht; es ist das für ein so kleines Insect viel zu viel Ehrgeiz.“

Landeck fühlte an dem grollenden tiefen Schmerze, mit dem ihn das überlegene, wie mit ihm spielende Wesen Malwinens erfüllte, wie sehr er die übermüthige Frau liebte. Er schwieg eine Weile, dann sprang er auf.

„Wollen Sie gehen?“

„Ich will Sie nicht länger abhalten, sich aus Griechenland erzählen zu lassen, von einem Manne, der – so viel besser zu erzählen weiß als ich.“

„Ach, Sie haben das übel genommen?“ fragte sie lachend. „Das ist unrecht von Ihnen; es verlangt Niemand, daß Sie außer einem großen Pädagogen …“

„Zu deutsch Schulmeister –“

„Zu deutsch Schulmeister – auch noch ein großer Schriftsteller sein sollen. Sie wissen ja, das Talent ist angeboren, und es nicht zu haben, hat nichts Beschämendes.“

„Ich gehe auch nicht mit dem Gefühle der Beschämung von hier, gnädige Frau, gewiß nicht,“ versetzte er mit einem Ausdruck von leichtem Spott um die feingezeichneten Linien seines Mundes.

„So begleiten Sie mich auf Ihrem Heimwege die Allee hinab,“ sagte sie sich ebenfalls erhebend, „ich möchte ein wenig frische Luft schöpfen.“

Fräulein Lini erhob sich von ihrer Schachpartie, um den Hut und einen leichten Ueberwurf für ihre Gebieterin zu holen; diese nahm ihr die Sachen aus der Hand und sagte dabei, wie es Landeck vorkam, ein wenig gebieterisch:

„Bleiben Sie, bleiben Sie hier, Lini, und unterbrechen Sie Ihre Partie nicht! Spielen Sie weiter, Maiwand!“

Sie ging dabei so rasch zu der auf die Terrasse führenden Glasthür hinaus, daß ihr Wunsch, von den beiden Spielenden nicht begleitet zu werden, offenbar war. Wollte sie mit Landeck allein sein?

Maiwand blickte den Fortschreitenden gedankenvoll nach. Fräulein Lini, welche sich wieder an das Spiel gesetzt hatte, beobachtete ihn dabei und fragte endlich:

„Nun, weshalb kauen Sie so nachdenklich an dem armen Schnurrbart? Sie haben Schach der Dame geboten – verfolgen Sie Ihren Triumph!“

Er ging langsam wieder an’s Spiel.

„Finden Sie nicht Frau von Haldenwang merkwürdig verändert seit einiger Zeit?“ fragte er dabei.

„Ein wenig,“ antwortete sie; „sie ist schweigsamer, und durchaus nicht liebenswürdiger; wie behandelt sie zum Beispiele oft diesen armen Herrn Landeck! Aber ich denke, darüber haben Sie nicht zu klagen; gegen Sie ist sie seit eben so langer Zeit die Nachgiebigkeit selbst geworden. Früher hatte sie doch über Manches, was Sie angeordnet oder was Sie anriethen, zu rechten und debattiren. Jetzt ist sie mit Allem, was Sie thun und meinen, einverstanden.“

„Das heißt, sie hört mich kaum. Sie scheint von anderen Gedanken so eingenommen, daß sie vergißt, daß es sich bei diesen Sachen um ihre eigenen Interessen handelt …“

„Oder,“ antwortete lächelnd Fräulein Lini, „da Sie sich durch einen kleinen Meisterstreich zum Herrn von Haldenwang gemacht haben, denkt sie wohl, es seien jetzt die Ihren …“

„Ich mich zum Herrn von Haldenwang? Wie verstehen Sie das, Fräulein Lini?“

Fräulein Lini sah ihn mit blinzelnden Augen sehr schlau an. „Spielen Sie nicht den Betroffenen, Herr von Maiwand!“ sagte sie. „Sie sind einmal ein glücklicher Spieler, und es giebt Damen, die sich außerordentlich leicht umgarnen lassen, wie zum Beispiel meine schlecht vertheidigte Königin auf dem Schachbrette hier.“

„Ach,“ warf Maiwand ein, „Sie sind von Ihrem Doctor Iselt, dem Gegenstande Ihrer stillen Verehrung, mit seiner argwöhnischen Skepsis angesteckt. Wenn er solch bösen Einfluß auf Sie übt und Ihr harmloses Gemüth verdirbt, Fräulein Lini, so werden wir ihn als Hausarzt abschaffen.“

Fräulein Lini wechselte unter dem bösen Seitenblicke, den ihr Maiwand dabei zuwarf, ein wenig die Farbe. Sie verstand die Drohung und schwieg. Achselzuckend rückte sie ihre Königin weiter, um dann bald nachher von ihrem Partner völlig matt gesetzt zu sein. –

Malwine von Haldenwang war unterdeß eine Weile schweigend neben Landeck durch die Anlagen und in die Eichenallee hinabgegangen, welche zum Flusse hinunterführte.

Sie machte ein sehr ernstes Gesicht; es lag etwas wie Trauer darauf; es schien etwas um ihre Lippen zu schweben, das sie doch nicht aussprechen konnte oder wollte. War ihr am Ende der Ton des Verkehrs, der zwischen ihr und Landeck zur Herrschaft [43] gekommen, unerträglich geworden? Aber wie war er zu ändern? Landeck hatte einmal Alles gethan, sie zornig zu machen und gegen ihn zu verbittern. Es hatte sie so tief bewegt, so gerührt, so freudig aufgeregt, daß Landeck ihr hierher gefolgt war, daß er plötzlich unerwartet vor ihr stand, mit all den Erinnerungen und Bildern der schönen Ferne, welche ihrem Herzen so theuer geworden. Und nun hatte er eine solch wunderliche Beflissenheit gehabt, ihr zu versichern, daß es ein bloßer Zufall gewesen, der ihn hierher geführt, ganz ohne sein Zuthun, ganz wider seine Erwartung. … Das hatte ja eigenthümlich unfreundlich gelautet, und der Eifer, womit er es wiederholte und betonte, hatte es zu etwas Demüthigendem und Beleidigendem für sie gemacht, als ob er sagen wollte: bilde Dir nichts ein, eitle, gefallsüchtige Frau! Und diese Deutung seines Bestrebens, ihr zu sagen: ich bilde mir nichts ein, hatte sie tief gekränkt und erzürnt und zu jenem fortwährenden Kriege geführt, den sie vielleicht jetzt endlich gern beendet hätte, ohne doch die rechte Wendung dafür zu finden. Denn als sie jetzt endlich zu sprechen begann, war es ziemlich im alten Tone, worin sie sagte:

„Sie sind sehr schweigsam … weshalb unterhalten Sie mich nicht ein wenig? Wissen Sie, daß ich Sie in Athen viel liebenswürdiger fand? Sie hätten hübsch dableiben sollen.“

„Sie können mir glauben, daß ich das gern genug gethan hätte,“ versetzte er, sich die Lippe beißend.

„Weshalb thaten Sie es denn nicht?“ fragte sie mit einem durch diese Antwort offenbar gereizten Tone.

„Weil ich nicht reich genug dazu war; so mußte ich zurückkehren und fühle hier selbst die Wahrheit des Worts, an das Sie mich mahnen:

‚Im engern Kreis verengert sich der Sinn.‘“

„Ach, das ist es nicht, das ist es gar nicht,“ rief sie mit einem fast heftigen Tone aus. „Ihr Sinn ist nicht enger geworden, sondern ganz anders. Sie haben Ihre Natur verändert, wie Wein, der Essig wird. Wie können die äußeren Umgebungen so auf uns wirken? Ich begreife das nicht. Ich bleibe mir immer treu, werde stets dieselbe sein, ob ich in Griechenland auf der Schwelle eines alten, halbzerstörten Tempels sitze und mich da im Sonnenlichte bade, oder ob ich aus den Fenstern von Haldenwang in den Qualm blicke, der drüben aus den Fabrikessen aufsteigt.“

„Doch wohl nicht ganz so. In der Ferne, wo wir uns freier fühlen, wo die Welt um uns her uns erfüllt, uns glücklich und selbstvertrauender macht, geben wir uns leichter, wärmer, offener den Eindrücken hin und sind also natürlich ‚liebenswürdiger‘, wie Sie es ausdrücken. Das Daheim kürzt dann dem Leichtsinne die Flügel und lehrt uns, in unsere gegenseitigen Stellungen zurückkehren und uns beugen unter die realen Lebensmächte, die uns wieder in die harten Arme nehmen. Unsereins wenigstens. Bei Ihnen ist das freilich etwas Anderes. Sie kennen diese Lebensmächte nicht. …“

„Ach, das ist so kleinmüthig, so philisterhaft. Ein Mann muß sich nicht unter die realen Lebensmächte beugen, ohne mit ihnen zu ringen. Er muß sie sich wenigstens nicht erkältend und verbitternd an sein Gemüth kommen lassen. Und was wissen Sie davon, ob ich diese Mächte kenne oder nicht?“

„Ich meine doch, ihren Druck wenigstens nimmt Herr von Maiwand, der für Alles zu sorgen scheint, Ihnen völlig von der Seele.“

Die junge Frau warf einen prüfenden Seitenblick in Landeck’s Züge, und mit einem Ausdrucke, als ob sie eine plötzliche Entdeckung mache, mit einer gewissen Bosheit sagte sie:

„Das ist wahr. Herr von Maiwand ist unermüdlich darin, mir jede Last und Sorge von den Schultern zu nehmen – er ist ein musterhafter Verwalter.“

„Völlig uneigennützig?“ fragte Landeck spöttisch.

„Glauben Sie es nicht?“ entgegnete sie lächelnd, mit dem grausamen Behagen einer Frau, die eine Eifersucht zu stacheln glaubt. „Aber,“ fuhr sie fort, „lassen wir Herrn von Maiwand. Heute möchte ich, daß Sie mir einen Dienst erwiesen – Sie und nicht er, der trotz seiner Verdienste um mich bei Ihnen nicht in Gnaden zu stehen scheint.“

„Verfügen Sie über mich, gnädige Frau!“

„Aber discret – ich muß wissen, daß Sie meinen Wunsch nicht dem Onkel Gottfried, Ihrem gestrengen Herrn Prinzipal, verrathen.“

„O gewiß nicht,“ versetzte er lächelnd, „ich verrathe überhaupt nichts, nicht einmal Ihnen, was ich über Ihre Art, die Leute zu behandeln, z. B. mich wieder nach Athen senden zu wollen, denke.“

„Ich behandle nur die schlecht, welche es verdienen und mich beleidigen. Prüfen Sie einmal ein wenig Ihr Gewissen! Aber darum handelt es sich ja nicht.“

„Sie verlangten einen Dienst von mir.“

„Ja – weil Sie nun doch einmal ein deutscher Gelehrter sind, das heißt ein Mann, der gerade Alles weiß. Ich möchte über etwas Juristisches Auskunft haben. Nämlich: wenn man einen Notar einen Vertrag aufnehmen läßt und darauf diesen Vertrag, mit allen möglichen Unterschriften und Siegeln darunter, übergeben erhalten hat, ist man dann völlig Herr über solch ein Document und kann es verbrennen oder zerreißen – ist damit die ganze Sache abgethan?“

„Welche Vorstellung!“ gab Landeck zur Antwort. „Werden Sie nicht ungnädig, wenn ich Ihnen sage, daß dies die damenhafteste Auffassung von einem juristischen Geschäft ist, die mir vorgekommen.“

„Nein, nein, durchaus nicht,“ antwortete lebhaft Malwine, „man hat es mich versichert.“

„Man hat es Sie versichert? Wer? Wohl auch eine Dame?“

Sie antwortete auf diese directe Frage nicht, sondern sagte:

„Ich muß Ihnen deutlicher erklären, was ich meine. Sehen Sie da drüben jenseits des Flusses die kleine Meierei? Sie gehört zum Hause Haldenwang. Und nun nehmen Sie an, ich wollte sie meiner getreuen Lini für ihre treuen Dienste schenken. Das würde mir zehn Meilen in der Runde den Ruf einer leichtsinnigen Verschwenderin zuziehen, und man würde sagen, es sei eine Schande, daß mein verstorbener Gemahl ein so schönes Gut in die Hände einer ehemaligen Bühnenprinzessin gegeben habe, die es nun verschleudere. Es wäre also nun nichts anderes zu thun, als daß ich mit der Lini zum Notar ginge und diesen ein Document aufnehmen ließe, worin schwarz auf weiß geschrieben stände, daß ich das kleine Besitzthum der Lini für drei- oder viertausend Thaler, welche sie mir dafür ausgezahlt habe, verkauft hätte.“

„Natürlich ohne daß Ihnen in Wirklichkeit das Geld ausbezahlt wäre,“ sagte Landeck; „gewiß könnten Sie in dieser Form eine solche Schenkung machen, und es kommt das wohl nicht selten vor –“

„Sie hören mich nicht zu Ende,“ unterbrach sie ihn. „Also gesetzt, ich hätte ein solches Document, welches mich vor dem Rufe, eine gewissenlose Verschwenderin zu sein, schützte, anfertigen und mir geben lassen. Und gesetzt nun weiter, nach einiger Zeit ertrüge die gute Lini plötzlich nicht mehr das, was Sie meine Art, die Leute schlecht zu behandeln, nennen. Sie empörte sich gegen mich, würfe mir mein Geschenk vor die Füße, verließe mich auf immer. Würde es dann – das ist, was ich wissen möchte – genügen, daß ich eben das Document zerrisse, und wäre damit die Meierei wieder mein, und Alles durchaus wie vorher? Können Sie es mir sagen? Nein! So gehen Sie, mit einem Juristen darüber zu reden.“

„Aber Herr von Maiwand, wenn er erfährt …“

„Was geht Sie Herr von Maiwand an? Glauben Sie ihm Bericht über meine Worte schuldig zu sein?“

„Seien Sie unbesorgt!“ fiel Landeck ein, „er soll nichts davon erfahren, daß Sie so gnädig mir diese Gelegenheit, Ihnen zu dienen, zugewendet. Ich soll also durch einen Juristen ermitteln, ob in einem solchen Falle, wie Sie mir ihn schilderten, ein ‚Scheinkauf‘, wie die Herren von der Rechtsgelehrsamkeit das nennen, ohne alle weiteren Folgen für Sie bleibt. Ich will Ihnen gründlichen Bescheid darüber einholen, obwohl ich mir denken kann, wie die Antwort ausfallen wird.“

„Und wie denken Sie, daß sie ausfallen wird?“

„Man wird mir sagen: Wenn beide Parteien ehrliche Leute sind, so ist natürlich nachher Alles, wie es vorher war. Anders aber, wenn der Beschenkte nicht ehrlich ist, oder wenn Erben desselben, die nicht ehrlich sind, oder auch den Sachverhalt gar nicht kennen, auftreten. Dann müßten Sie beweisen, daß es [44] sich um einen bloßen Scheinkauf gehandelt habe, daß Ihnen die ausbedungene Summe nie bezahlt sei – und das möchte unter Umständen seine Schwierigkeiten für Sie haben.“

„Ich würde das beweisen müssen? Aber der Andere hatte ja nichts, um überhaupt Ansprüche an mich erheben zu können; denn das aufgenommene Document blieb ja in meinen Händen, und ich habe es zerrissen, verbrannt.“

„Das,“ versetzte lächelnd Landeck, „ist eben eine damenhafte Ansicht von juristischen Geschäften. Sie haben die Urkunde zerrissen, aber der Notar bleibt doch da, der sie aufnahm; die Zeugen bleiben da, welche sie unterschrieben. Diese müssen das Vorhandengewesensein eines solchen Vertrages vor Gericht bezeugen. Und dann kann Ihr Gegner, wenn Sie geflissentlich ein ihm werthvolles Document vernichtet haben, eine große Entschädigung von Ihnen verlangen. Das ist doch einzusehen, ohne daß man ein Jurist ist. Und dann ferner: wenn Sie solch ein Document vernichtet haben, so fragt es sich sehr, ob damit irgend etwas für Ihren Widerpart verloren ist. Ich erinnere mich, daß mein verstorbener Vater, als er seinen Abschied als Major nahm, um sich eine Beschäftigung zu verschaffen, einen Garten vor dem Thore meiner Heimathstadt erstand. Er bekam dabei ein Document über den Kauf ausgeliefert, aber es war das nicht das eigentliche Original, bei dessen Aufnahme ich selbst zugegen gewesen war. Das Original bleibt entweder im Archive des Notars, oder es wird dem Gerichte eingereicht; welches von beiden der Fall ist, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß es aufbewahrt bleibt. Sie sehen also, meine gnädige Frau, daß in dem Falle, welchen Sie angenommen haben, Fräulein Lini oder Fräulein Lini's Erben immer noch kommen könnten, um sich die hüsche kleine Meierei dort oben von Ihnen auszubitten.“

„Wirklich – wirklich – ist dem wirklich so?“ rief Frau von Haldenwang, offenbar erschrocken.

„Ich glaube nicht, daß ein Jurist Ihnen eine wesentlich anders lautende Antwort geben würde. Also,“ setzte Landeck lächelnd hinzu, „wenn Sie einmal durch ein solches Geschenk in der Maske eines Verkaufs Fräulein Lini’s treue Dienste belohnt haben sollten, so wäre es das Beste, Fräulein Lini noch obendrein stets recht gut zu behandeln und sich dadurch der Gefahr zu entziehen, in einen bedenklichen Proceß mit ihr oder ihren Erben zu gerathen.“

Frau von Haldenwang sah ihn mit einem eigenthümlich unwilligen und fast vorwurfsvollen Blicke an, gerade als ob sie sagen wollte: „Du kannst noch scherzen?“

Beide gingen dann schweigend neben einander her, bis Landeck plötzlich sagte:

„Doch wie dumm, daß ich nicht gleich darauf kam! Es giebt ja ein ganz ausreichendes Mittel, sich vor allen Folgen bei solch einer Sache zu schützen. Sie haben sich nur von dem Andern – in unserm Falle also von Fräulein Lini – einen Revers ausstellen zu lassen.“

„Einen Revers? Was will das sagen?“

„Eine Bescheinigung, daß der ganze Handel ein Scheinkauf war; daß Fräulein Lini niemals für die Meierei auch nur einen Groschen bezahlte oder bezahlen wollte.“

„Das ist wahr, das ist wahr,“ fiel Frau von Haldenwang lebhaft ein, „o, wer daran gedacht hätte!“

„Wer daran gedacht hätte? Ist es denn bereits zu spät!“

Die schöne Frau wandte sich ab, als ob sie plötzlich nach Hause zurückkehren wolle, dann aber wieder Landeck zu, um ihm die Hand zu reichen.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie sehr bewegt, „Sie haben meine ,damenhaften Vorstellungen’ in einer Weise berichtigt, für die ich Ihnen sehr verbunden bin, und wie Sie sagen, so wird es sein; es ist ja Alles so einfach und selbstverständlich, daß ich weiter keiner Ergründung der Sache bedarf – lassen Sie die Juristen also vorläufig nur aus dem Spiele! Adieu, Herr Landeck, Adieu!“

Damit wandte sie sich noch einmal und schritt mit ihrem elastischen anmuthigen Gange über den Kies, auf dem die feinen braunen Stiefelchen knirschten, die Allee wieder hinauf.

Landeck blickte ihr nach, bis sie nach rechts hin in einen der in den Wald führenden Schlangenpfade abbog und verschwand. Betroffen wanderte er dann weiter und über den langen, den Fluß überbrückenden Plankensteg.

Er war abermals mit einem Räthsel mehr belastet. Es war offenbar, daß aus Frau von Haldenwang eine Sorge gesprochen hatte. Und wenn dabei irgend etwas wie ein Scheinkauf zu Grunde lag, irgend etwas so rein Geschäftliches, weshalb wandte sie sich dann an ihn, den Fremden, der mit allem Rechtswesen der Gegend am meisten unbekannt war, der nichts thun konnte, ihr beizustehen, außer dem, was er jetzt schon unwillkürlich that, nämlich rascher zu gehen, um sich daheim von Herrn Escher das „Allgemeine Landrecht“ auszubitten und darin den Titel von Käufen und Verträgen zu studiren? Die Sache beschäftigte ihn so sehr, daß er sich erst durch all die Fragen, die sie in ihm hervorrief, arbeiten mußte, ehe er über ihre Worte nachsinnen konnte, daß sie nur die Menschen mißhandle, welche sie beleidigten, daß er einmal sein Gewissen prüfen solle. Hatte er sie denn wirklich beleidigt? Wenn sie ihm dies so rund heraus vorwarf, so mußte diese Beleidigung auch so sein, daß sie sich offen darüber aussprechen konnte, ohne sich etwas zu vergeben. Sie war die letzte Frau auf Erden, die ihm gestanden hätte: „ich zürne Dir, weil Du nicht um meinetwillen gekommen bist,“ das nicht! Aber weit eher schon: „Ich zürne Dir, weil Du glaubst, es aussprechen und deutlich erklären zu müssen, daß Du nicht um meinetwillen gekommen. Wegen dieser arroganten Thorheit. Als ob ich und die Welt solcher Versicherung bedürfe. Als ob es möglich sei, daß Jemand daran denke, solch ein armer Hauslehrer habe die Verrücktheit …“

Landeck dachte den Satz nicht aus. Ein Gefühl von großer Beschämung überkam ihn und wollte nicht mehr von ihm weichen, weil das Bewußtsein, daß er das Richtige gefunden, und daß er sich bisher mit außergewöhnlicher Tactlosigkeit betragen, ihn in helle Verzweiflung stürzte.

(Fortsetzung folgt.)




Eine Auserwählte auf dramatischem Gebiet.


Den poetischen Schimmer, den die ewigen Gestalten der dramatischen Dichtkunst auch auf die Persönlichkeit ihrer Darsteller und Darstellerinnen zurückstrahlen, sehen wir besonders gern noch durch den romantischen Hauch der meist an Abenteuern reichen Schauspielerbiographien erhöht. Um so mehr gewinnt es hinwieder seinen eigenen Reiz, eine gefeierte Künstlererscheinung aus einfachen Verhältnissen und Erlebnissen auf dem Wege schulmäßig geregelter Bildung und Entfaltung hervorgehen zu sehen.

Eine solche Erscheinung, die auf dem Wege planvoller, mit norddeutscher Regelung, ganz im Geiste unserer systematischen Zeit verfolgter Bildung zur Künstlerin von interessanter Eigenart und verbreitetem Rufe sich entwickelte, ist die sächsische Hofschauspielerin Pauline Ulrich, in deren Spiel und Persönlichkeit, bei allem Zauber glänzender Kunstbegabung, ein feiner Ton von jener eigenen Art bürgerlicher Anmuth mitklingt. Wir führen sie heute im Bilde unseren Lesern vor, als „eine Auserwählte auf dramatischem Gebiete.“

Pauline Ulrich ist in Berlin geboren, wo ihr Vater seit seiner Jugend ein geschätztes Orchestermitglied des Hoftheaters war. Die sorgsamen Eltern beschlossen, die früh geweckte, lieblich aufblühende Tochter zur Gouvernante ausbilden zu lassen. Aber als sie mit Lust und Ernst einen ersten Versuch in dieser Carrière unternahm, den Schwestern Clavierstunden ertheilend, kam es bei ihrem erregbaren, ungeduldig befehlenden Wesen nur allzu bald zu dramatischen Auftritten, die sie zur Erzieherin nicht eben geeignet erscheinen ließen. Ein ehrbegieriger, phantasievoller Trieb nach Außergewöhnlichem trat immer mächtiger in ihr hervor. Er fand seine Klärung und sein bestimmtes, begeisterndes Ziel, als im fünfzehnten Jahre sich die Liebe zur Poesie in ihr entfachte. Von nun an glänzte ruhescheuchend der Lorbeer in ihren Mädchenträumen, und lernte sie ihn nicht durch eigene

[45]
Die Gartenlaube (1875) b 045.jpg

Pauline Ulrich.
Originalzeichnung von Herbert König.

Sangeskunst erjagen, so wollte sie fortan dem hehren Berufe geweiht sein, im Tempel der Musen vor der lauschenden Menge dem Worte des Dichters die volle lebenathmende Gestalt und die begeisterte Seele zu leihen.

Das ward nun ein rechter Schreck und eine tiefe Sorge im stillen Bürgerhause der Familie Ulrich, dieses stürmische Drängen der lieben Tochter nach der Theaterlaufbahn. Denn allzu sehr war dem Vater bekannt, was dort hinter den blendenden Coulissen all’ Derer harrt, die nicht ein hervorragendes Talent und des Glückes Mithülfe bald in eine hervorragende, bevorzugte Stellung hebt. Und doch kannte ja der Musiker auch die unüberwindliche Macht des wahren künstlerischen Triebes und Berufes. So wurde denn der Entscheid auf strengste Prüfung und auf den Anspruch Sachverständiger über außergewöhnliche Begabung und die Gewißheit einer bedeutenden Zukunft gestellt. Diesen Spruch fällte die unerbittlichste Richterin, weiche aufzufinden war, die große Tragödin Frau Crelinger, die jedes halbe Talent vor zu später Enttäuschung zu bewahren pflegte. Und [46] ihrem Ausspruche gab sie das vollste, schönste Gewicht, indem sie sich bereit erklärte, die Begabte selber heranzubilden. Nun kam eine herrliche Zeit für die junge Künstlerin, die Zeit des allseitigen Lernens, Uebens, Vorbereitens für den glühend ergriffenen Beruf. Hatte sie doch das Glück, von einem Vater geleitet zu sein, der nicht darauf bedacht war, seine Tochter nach möglichst bald absolvirter äußerlicher Einübung dem ungewissen Glücke und zufälligen Erfolge zu überlassen; der vielmehr wußte, daß nur in einer umfassenden und gründlichen Bildung des Geistes und Gemüthes der Talisman ruht, der die werthvolle Entfaltung des Talentes und dauernden Erfolg sichert, und er scheute kein Opfer, um der Tochter den allseitigen Unterricht in Geschichts- und Sprachkunde, Verstandes- und Stilübungen angedeihen zu lassen.

Die junge Dame sollte wohl gewappnet in Kunst und Welt eintreten. Frau Crelinger ihrerseits betrieb den mimischen Unterricht ebenfalls in der für eine so talentvolle Schülerin entsprechendsten Weise. Die Meisterin lehrte bühnengemäß sprechen und recitiren; für Stellung und Mienenspiel verwies sie auf Statuen und Gemälde, und leitete dazu an, auf selbstständige Art den Blick zu üben, das Anwendbare und Wirkungsvolle zu finden und sich anzueignen. Daneben wurde auch dem Sprüchwort gefolgt, daß Probiren über Studiren geht, und in dem Liebhabertheater „Concordia“, das der Musenverehrung des ästhetischen Butterhändlers Sixtus sein Dasein verdankte, waltete unsere Kunstnovize als Heldin und als Regisseur zugleich. Mit der elastischen Unternehmungslust der Jugend wurden oft Parforce-Stückchen geleistet. Da sprach sie an demselben Tage erst in der „Concordia“ den Prolog, spielte darauf eine der kleinen Rollen im Hoftheater, mit denen die freundliche Protection des Intendanten Herrn von Hülsen sie betraute, und eilte dann zurück in die Blumenstraße, um dort als Hauptperson im Schlußstücke zu brilliren.

Nach beendigtem Schulunterricht eröffnete ihr ein Engagement in Stettin die Carrière. Aber vorerst drohte ein Nervenfieber den übereifrigen Anfang gleich zum Ende zu machen. Genesen und nothdürftig gekräftigt, war die junge Künstlerin nicht mehr abzuhalten, in Begleitung der treuen Mutter ihrem Wirkungskreise entgegen zu eilen. Sie traf es gut. Das ursprüngliche Feuer ihres Spiels, die Jugendblüthe und die schlanke Gestalt ersetzten, was noch an Vollendung fehlen mochte, und gewannen ihr die Gunst des Publicums und die besondere Aufmerksamkeit des Directors Hein. Dieser kunstverständige Mann, der, ein zweiter Mieding, gegenwärtig an der Berliner Hofbühne mit poetischem Sinne und malerischem Geschmacke der Scenerie waltet, widmete ihr Interesse und belehrende Anweisung. Der Ruf des aufstrebenden Talents drang schon nach fünf Monaten bis nach Hannover und erwirkte unserer Künstlerin eine Stellung am dortigen Hoftheater, wo sie die „Königin von sechszehn Jahren“, den „Pariser Taugenichts“ und das ganze Fach spielte, in dem damals die Goßmann unübertroffen glänzte. Aber das begeisternde Vorbild der Seebach reizte immer heftiger in ihr das Verlangen nach gleicher Größe im tragischen Gebiete. Ihr, die ja der Enthusiasmus für classische Poesie zur Bühne geführt hatte, wurde die enge Beschränkung auf das naive Fach bald unerträglich. Da stand ihr wieder ihr gutes Glück bei. Ohne ihr Zuthun empfahl Frau Blumauer sie nach Dresden. Und gleich nach ihrem ersten Auftreten als Gretchen erkannte Herr von Lüttichau die Acquisition, die für das Hoftheater zu machen war. Nun trat sie als erste Liebhaberin und jüngere Heldin unbeschränkt in den Rollenkreis ein, welchen Frau Bayer-Bürk aus eigenem Entschlusse soeben aufgegeben hatte. Auch das kühne Wagniß, nach so kurzer Vorübung einer solch bewährten Meisterin zu folgen, erhöhte nur die Lust und Liebe, für ihren Beruf in die Schranken zu treten. Ihre Louise Millerin, Julia Capulet und Donna Diana vermehrten die Gunst des Publicums und erwarben ihr das Interesse Dawison's. Dieser machte sie mit Madame Sontag, der Mutter der berühmten Sängerin, bekannt, die einst als tragische Liebhaberin und Heldin eine Zierde des Prager Theaters gewesen und nun in Zurückgezogenheit lebte. Sie wurde der jungen Künstlerin bald eine vortreffliche Lehrerin und Freundin, die, ohne das freie Talent zu beengen, mit liebevollem Rathe es zu klarer gediegener Reife veredelte.

Die rasche, vielseitige Entwickelung, die sie seither durchlaufen hat, die Höhe der Meisterschaft, zu der sie emporgestiegen, ist weit über Dresden hinaus durch ihre Gastvorstellungen bekannt geworden. Leipzig, Danzig, Königsberg, Magdeburg, Hamburg, Mannheim, Breslau, Prag, Zürich, Basel, neuestens Berlin (Nationaltheater) haben in ihr eine dramatische Darstellerin ersten Ranges von bedeutender tragischer Kraft und origineller Grazie der Komik kennen gelernt. In den meisten dieser Städte wurden bei ihrem Auftreten selbst weite Häuser bald zu eng, und der stete Abschiedsgruß war der Wunsch des Wiedersehens.

Was Pauline Ulrich in eigenster Weise vor allen anderen Künstlerinnen der Gegenwart bevorzugt erscheinen läßt, das ist die volle Harmonie der äußeren Mittel und der geistigen Begabung, mit welchem „Naturgeschenk sich ein unermüdliches Fortbildungsstreben vereinigt. An ihrer Wiege standen die Grazien, verschwenderisch zum Geben aufgelegt. Für imposantes Auftreten, wie für lieblich einnehmende Erscheinung, für das energische Geberden- wie für das feinste Mienenspiel ist sie in Schönheit der Gestalt und Züge reich ausgestattet. In einem eigenthümlichen Doppelschimmer der Hoheit und Anmuth, des Großartigen und Holdseligen, des Würdevollen und Graziösen leuchten ihre meisten Bühnenerscheinungen. Die Fülle und Anmuth ihrer Bewegungen hat sie durch sorgfältiges Studium zur vollendeten Plastik ausgebildet, die ihr zur zweiten, stilvollen Natur geworden. Dazu kommt ein Gedächtniß, das niemals irrt, der leichteste Redefluß, eine unverwüstliche Heiterkeit im Lustspiele, die stets die Kunstgrenze schön inne hält, scharfsinnige Klarheit der Auffassung, eine geistvolle Innigkeit und tiefdringender Ernst, womit sie in den tragischen Rollen immer eifriger nach dem erschöpfenden Ausdrucke ringt. Mit bewunderungswürdiger Virtuosität hat sie ihre Stimme, die ursprünglich von einseitigerem Umfange war, zu wirksamen tieferen Tönen ausgebildet und verfügt nun über eine weite, reiche Scala, wohlthuend im Milden und Lieblichen, im tragischen Aufschrei der Angst und des Entsetzens von ergreifender Kraft. Ihre eigensten Vorzüge, ihre vielseitige Gestaltungskraft, den Reichthum ihrer Verwandlungen, die Feinheit ihrer Nüancen und Details entfaltet sie im ganzen Umkreise des idealen Dramas (Iphigenie, Tasso etc.), des Schauspiels. Conversationsstücks und Lustspiels. Sie spielt die jungen Hausfrauen der harmlosen einactigen Lustspiele vom komischen ersten Eheverdrusse, die capriciösen geistreichen Frauen Bauernfeld's, die schelmischen, schnippischen, silbenstechenden Beatricen, die fromm aufgeblühten Liliengestalten wie Jolanthe, die überlegenen Intriguantinnen und glänzenden Teufelinnen, wie die Herzogin Marlborough und die Gräfin Clotilde – alle mit derselben kunstvollendeten Natur. Das Leuchtendste aber sind ihre Darstellungen weiblicher Vornehmheit. Mit derselben Sicherheit, wie Adolf Sonnenthal in Wien als Darsteller vornehmer Männerart, erscheint Pauline Ulrich als die erwählte Darstellerin aristokratischer Weiblichkeit. Unsere Künstlerin steht auf dem Gipfel ihres Ruhmes. Möge ihr Stern lange in seinem Vollglanze leuchten als eine der schönsten Zierden der gegenwärtigen deutschen Bühne!
J. St.




Ein Gang durch die Berliner Stadtvogtei.
Von Adolf Rutenberg.


Durch die Verhandlungen des Processes Arnim hat die Berliner Stadtvogtei ein weit über die Mauern der deutschen Reichshauptstadt hinausgehendes Interesse gewonnen, so daß einige Mittheilungen über diese Zwingburg des Verbrechens wohl zeitgemäß erscheinen dürften.

Im Herzen des alten Berlin, fast genau an jener Stelle, wo, den Ermittelungen unserer unermüdlichen Alterthumsforscher zufolge, die ersten Baracken des altwendischen Fischerdorfes gestanden haben, erhebt sich auf einem Terrain, dessen Flächeninhalt ungefähr dem des neuen Rathhauses gleichkommt, ein [47] Complex von Gebäuden, deren solide Bauart und verwitterte graue Tünche zwar den unauslöschlichen Stempel hohen Alters zur Schau tragen, die aber im Uebrigen durch ihr architektonisch unscheinbares Aeußeres und Inneres wenig von der Bedeutung verrathen, welche sie für die Geschichte Berlins und eines Theils seiner Bevölkerung gehabt haben und noch haben. Es sind die Gebäude Molkenmarkt Nr. 1, 2 und 3. Die Vorderfront derselben bildet einen stumpfen Winkel, dessen Spitze jener historischen Ecke der Poststraße, an welcher das älteste Städtewahrzeichen der deutschen Reichshauptstadt, die gewaltige Riesenrippe, befestigt ist, gerade gegenüberliegt. Nach der Bauart zu urtheilen, ist das Haus Nr. 1, das Polizeipräsidium, das älteste.

Das Criminalgericht wohnt in den Häusern Nr. 2 und 3. Man denke sich ein möglichst schlecht casernirtes Armenhospital einer mittleren norddeutschen Stadt, und man hat eine ungefähre Vorstellung von Nr. 2. Ein Eingang, über dessen Thür das „Lasset die Hoffnungen draußen!“ mit Recht stehen könnte, ein dunkler Flur, ein Hof, gerade groß genug, um eine Klafter Holz darauf klein zu machen, und eine schmale halsbrecherische Treppe aus Steinstufen – das ist der Empfang. Im Parterre befinden sich die Localitäten für das Polizeigericht. Es ist die Richtstätte der „Elenden“, der Parias unserer Gesellschaft, der Bettler und Landstreicher, die hier massenweise abgeurtheilt und sofort zur Verbüßung der Strafe nach dem Arbeitshause dirigirt werden. Es giebt wohl in deutschen Landen keinen Beamten, der von dem pessimistischen Hauche des Jahrhunderts in crasserer Weise berührt würde, als der Berliner Polizeirichter. So viel Anhäufung von Verkommenheit, thierischer Stumpfheit und Verleugnung aller Menschenwürde findet sich an keinem andern Orte.

In den obern Etagen des Gebäudes weht eine etwas reinlichere Luft. Hier sind die Bureaus und Canzleien der Gerichtsdepuationen. Die Zimmer des obersten Stockwerks – aus früheren Bodenräumlichkeiten entstanden – werden als Verhörsstube benutzt. Es sind niedrige kleine, in der dürftigsten Weise möblirte Räume, welche mehr den Eindruck von Gefängnißzellen, als von Amtslocalen machen. Beim Betreten derselben fragt man sich unwillkürlich: was haben die Richter, welche hier ihre Termine abhalten, verbrochen, um in einer solchen Luft athmen zu müssen? Die Einrichtung ist so, daß auf manchen Fluren während des ganzen Sommers Gas gebrannt werden muß, daß man im Winter, wenn man nicht ersticken will, genöthigt ist, bei offenen Fenstern zu arbeiten.

Das Gebäude Nr. 3 mit seiner zwar etwas düsteren, aber nicht abstoßenden Vorderseite mit dem officiellen Balcone zum Nichtgebrauche bildet den eigentlichen Mittelpunkt der Criminalrechtspflege. Es ist nicht ohne Geschmack, sogar mit einigem Luxus angelegt. Im Parterre ist die Residenz des Staatsanwalts; große, hohe Zimmer, aber lange nicht geräumig genug, um allen Anforderungen zu entsprechen. Die Ruhe und Ungestörtheit, welche die schwierige Arbeit des Staatsanwalts vor allen Dingen zu erfordern scheint, sucht man hier vergebens. Dazu gehörte, daß jedem Beamten ein eigenes Zimmer zugewiesen wäre, während der jetzige Zustand, wo vier bis fünf auf denselben Raum angewiesen sind, geradezu unerträglich ist.

Der große Audienzsaal, der einzige seiner Art, ist in der ersten Etage gelegen. Hier finden wir an Tagen, wo Verhandlungen von allgemeinem Interessse stattfinden, außer dem gewöhnlichen Stammpublicum, auch die Herren Vertreter der Berliner Presse. Man hat es sich in der letzten Zeit angelegen sein lassen, den geplagten Reportern die Erfüllung ihres in mancher Beziehung wohl dornenvollen Berufs durch einige Bequemlichkeit zu erleichtern. Sie brauchen nicht mehr im Stehen auf dem Rücken ihres Vordermannes zu schreiben; sie sind auch nicht mehr genöthigt, wegen Sicherung eines Platzes mit den „Criminalstudenten“ an der Thür des Zuhörerraumes Queue zu machen. Sie haben ihren eigenen Journalistentisch und können gehen und kommen, wenn sie wollen, ohne befürchten zu müssen, „wegen Mangels an Raum“ nicht mehr zugelassen zu werden.

Wenn wir nun die breite Treppe zum zweiten Stockwerke des Hauses Nr. 3 hinaufsteigen, so gelangen wir zu dem Bureau und dem Terminszimmer des Untersuchungsrichters. Es fehlt auch hier an aller und jeder Bequemlichkeit. Jeder Schmuck und jede Zierde ist mit einer übertriebenen Aengstlichkeit vermieden. Der Zusammenhang dieser Gerichtslocalitäten mit den Gefängnißräumen wird hergestellt mittelst eines Verbindungsganges, der eine hinreichende Garantie dafür gewährt, daß der verhaftete Angeschuldigte dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden kann, ohne mit der Außenwelt in irgend welche die Führung der Untersuchung gefährdende Berührung zu kommen. Er führt nämlich direct in die Räume des Stadtvogtei-Gefängnisses. Der Verhaftete hat also bei seinem Gange aus der Gefängnißzelle in das Gerichtszimmer nur eine Postenkette von Aufsehern und Gerichtsdienern zu passiren, welche alle seine Bewegungen controliren und jeden Versuch, etwa einem gleichzeitig vorgeführten Mitgefangenen oder einer anderen Person, die sich zufälliger Weise auf dem Verbindungsgang aufhalten könnte, etwas zuzustecken oder auch nur zuzuflüstern, sofort vereiteln oder zur Anzeige bringen können. Wenn trotzdem sehr viele Gefangene von Allem, was außerhalb der Gefängnißmauern im Bereiche ihrer Interessen geschieht, oft genauer unterrichtet sind, als der die Untersuchung führende Richter, wenn die schönsten Ergebnisse der complicirtesten Beweisaufnahme an den Gegenwirkungen eines erkauften oder erschwindelten Alibibeweises oder an sonstigen sträflichen Umtrieben der eng zusammenhaltenden Gaunergesellschaft scheitern, so liegt dies einmal an der draußen und drinnen mangelnden Zuverlässigkeit des Aufsichtspersonals, die nur durch energische Gehaltsaufbesserung annähernd erreicht werden könnte, und zweitens an der Lage des Gefängnisses.

Das große unregelmäßige Viereck, auf welchem die Stadtvogtei erbaut ist und dessen Vorderfront durch die geschilderten Gebäude, Molkenmarkt Nr. 1, 2 und 3, begrenzt wird, ist nach der Südseite zu, wo die Spree ihre schmutzigen Fluthen der Königlichen Mühle zuwälzt, offen. Die Gefangenen, welche in den nach dieser Seite hinaus belegenen Zellen untergebracht sind, können sich – allerdings nur mittelst Zeichen und Geberden – mit solchen Personen, welche auf dem jenseitigen unbebauten Spree-Ufer stehen oder auch mit einem Kahn an das diesseitige Ufer herankommen, ganz vortrefflich unterhalten und verständigen. Daß dies in ausgedehntestem Maße geschieht, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Auch die Ostfront der Stadtvogtei, nach dem sogenannten Krögel zu belegen, ist nicht gehörig abgeschlossen. Der Krögel ist eine schmale Gasse, deren eine Seite durch die Höfe, respective Gebäude des Criminalhauses und des unmittelbar daran grenzenden Gefängnisses gebildet und begrenzt wird. Auf der andern Seite ist eine Flucht von Gebäuden, die von einer Masse kleiner Leute bewohnt werden. Auch hier ist also gegen die Möglichkeit einer Verbindung mit der Außenwelt von den Fenstern der einzelnen Gefängnißzellen aus, welche meistentheils nach dem Krögel zu liegen, keine genügende Sicherung getroffen.

Als ein dritter Umstand ist endlich die innere Einrichtung des Stadtvogteigefängnisses zu erwähnen. Dasselbe dient zwar, nach Vollendung des Prachtbaues am Plötzensee und nachdem man für die weiblichen Gefangenen in dem in der Barnimstraße belegenen früheren Schuldgefängnisse Raum geschafft hat, vorwiegend nur noch als Arrestlocal der männlichen Untersuchungsgefangenen, deren Zahl sich durchschnittlich auf vierhundert bis sechshundert beläuft. Allein trotz der erheblichen Raumvermehrung ist die Unzulänglichkeit der vorhandenen Einrichtungen immer noch eine sehr fühlbare. Der Grund liegt darin, daß bei Erbauung des Gefängnisses die Einwohnerzahl Berlins kaum den zehnten Theil ihrer jetzigen Höhe erreicht hatte. Damals mochte der Bau, dessen Terrain ein so engbegrenztes ist, daß man ihn nur durch Aufsetzen von Etagen erweitern konnte, den Ansprüchen der Residenz wohl in mehr als ausreichendem Maße genügen. Jetzt, bei der vergrößerten Einwohnerzahl, liegt die Sache selbstverständlich anders.

Die Untersuchungshaft bezweckt in den meisten Fällen nur den vollständigen Abschluß von der Außenwelt; aber sie darf in keinem Falle eine willkürliche Erschwerung der Lebenslage des Gefangenen enthalten. Denn der Verhaftete kann unschuldig sein, und den Schaden, der ihm durch die Dauer der Haft an Ehre, Vermögen und Gesundheit zugefügt wird, ersetzt ihm ohnehin Niemand. Man erleichtere ihm also sein Loos nach Möglichkeit. Man sorge für eine angemessene Beschäftigung, für freie Körperbewegung in frischer Luft und gestatte selbst eine mäßige Geselligkeit. Der Tact des Gefängnißdirectors muß hier freilich das Beste thun. Einen unverbesserlichen Zuchthäusler mit Glacéhandschuhen anzufassen, verbietet sich von selbst. Wer [48] aber weiß, wie wenig dazu gehört, daß ein unbescholtener Mensch plötzlich in die Kategorie der „bestraften Subjecte“ übergehe, wer sich jemals einen Einblick verschafft hat in die Methode, welche von gewissenlosen Denuncianten angewendet wird, um ihre vermeintlichen Rechte vor dem Criminalrichter zu verfolgen, der wird mit mir in die Parole einstimmen: Aufbesserung der Lage der Untersuchungsgefangenen durch Verkürzung der Haft und Herstellung anständiger Arrestlocale.

Die Stadtvogtei läßt, wie gesagt, im Punkte der innern Einrichtung viel zu wünschen übrig. Die Zellen sind so schlecht gelegen, daß eine Ventilation bei den meisten in das Bereich der Unmöglichkeit gehört. Und nun oft zwölf bis fünfzehn Personen in einem Zimmer! Berührt man diese Frage, so ist sofort die Antwort in Bereitschaft: Die Leute sind es nicht besser gewöhnt. Die meisten sind froh, daß sie eine Schlafstelle und ihr auskömmliches Essen haben. Mehr verlangen sie nicht. Das ist einfach sophistisch. Man frage der Reihe nach bei den Gefangenen herum, und man wird von der weitaus größten Mehrzahl den Wunsch hören, „die Untersuchung von draußen abzumachen“. Ein ganz kleiner Bruchtheil verkommener, altersschwacher oder kränklicher Subjecte stiehlt, um wenigstens im Winter ein warmes Zimmer zu haben. Den Anderen ist der Genuß der Freiheit mehr werth, als alle scheinbaren Comforts der Gefängnißzellen.

Für die Bevölkerung der „Riesenburg“ (das ist der Spitzname des Hauptgebäudes der Stadtvogtei) sorgt selbstverständlich am meisten das eigentliche Gaunerhandwerk, die Berliner Spitzbubenzunft. Das Verbot der „rechtswidrigen Zueignung fremder beweglicher Sachen“ ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern am häufigsten übertreten worden, und die modernen Großstädte, wie sie in allen das Wohl der Menschheit betreffenden Hauptfragen vorangehen, bieten auch die bereitesten Mittel und Wege dar, den Krieg gegen das Eigenthum bis zum Aeußersten zu führen und manches schätzbare Material für die Lösung der socialen Frage zu gewinnen. Von zehn verhafteten Personen stehen gewiß sieben unter der Anschuldigung des Diebstahls, und von diesen sieben gehören sicherlich vier zur Classe der sogenannten Hausdiebe. Es ist erstaunlich, in welch rapider Art und Weise dieses sociale Ungeziefer unserer Hauptstadt sich vermehrt hat. Man wird mich der Schwarzseherei und der Uebertreibung beschuldigen, wenn ich sage, daß ein ehrlicher Dienstbote und ein getreuer Commis im engern Weichbilde Berlins fast ebenso selten sind, wie vor zwei Jahren ein Hausbesitzer, der wenigstens nicht vorübergehend die Absicht gehabt hätte, sein Haus zu verkaufen. Wer aber die Verhandlungen des Criminalgerichts, über welche die „Gerichtszeitung“ und die „Tribüne“ referiren, fleißig liest, wird mir Recht geben. Und doch kommt vielleicht nur die Hälfte der Hausdiebstähle zur Anklage und gerichtlichen Entscheidung; in ebenso vielen Fällen wird der Strafantrag vor Erhebung der Anklage zurückgenommen.

Ich kann aber die Ansicht Derer nicht theilen, welche behaupten, das Ueberhandnehmen der Hausdiebstähle habe in der mangelhaften Besoldung unserer Dienstboten seinen Grund. Eher könnte die zu humane Behandlung und die zu große Selbstständigkeit, welche unsere „dienstbaren Geister“ sich angemaßt haben, einen Theil der Schuld daran tragen. In der Hauptsache scheint mir hier die Theorie von der „Epidemie“ Platz zu greifen. Der Dienstbotenübermuth grassirt gegenwärtig, wie vor etwa einem Jahre das „Messern“ grassirte. Dank den verschärften Maßregeln, welche von der neuen Aera unserer Criminalrechtspflege ausgegangen sind, ist der Messerheld bis auf einen kleinen Rest Unheilbarer ausgerottet oder doch so eingeschüchtert, daß er in Erwartung besserer Zeiten vorläufig die Waffe ruhig in der Hosentasche läßt. Schwieriger dürfte der Kampf gegen den Hausdieb sein. Das einzige sichere Mittel, ihm die Absatzquellen für das gestohlene Gut zu verstopfen, würde einen neuen Paragraphen des Strafgesetzbuchs erfordern. Denn der alte criminalrechtliche Begriff, wonach „wer Sachen kauft, von denen er weiß, daß sie aus einem Diebstahle herrühren“, sich der Hehlerei schuldig macht, enthält eine so feine Unterscheidung zwischen erlaubtem und unerlaubtem Handel, daß ein Geschworenengericht nur in äußerst seltenen Fällen einen nicht geständigen Hehler verurtheilen wird.

Es ist mir aber in meiner Praxis noch nicht vorgekommen, daß eine der Hehlerei beschuldigte Person zugegeben hätte, von dem unredlichen Erwerbe eines in ihren Besitz gelangten Gegenstandes Kenntniß gehabt zu haben. Die sogenannten Productenhändler, kleine Handelsleute, die Alles kaufen, was nur die entfernteste Aussicht hat, in gewinnbringender Weise weiterverkauft zu werden, würden gar nicht bestehen können, wenn sie jeden ihnen zum Verkauf offerirten Gegenstand einer so mikroskopischen Prüfung unterziehen wollten, wie das Gesetz sie zu erfordern scheint. Es hieße also dem kleinen Manne eine, wenn auch etwas trübe, so doch ziemlich nahrhaft fließende Lebensquelle verstopfen, wollte man ein strenges Gesetz gegen die Hehlerei in ihrer untergeordnetsten Bedeutung erlassen. Etwas Anderes dagegen ist es mit jenen gewerbsmäßigen Diebeshehlern („Schärfern“), welche in der Regel mit ziemlich bedeutenden Capitalien arbeiten und die im Besitze einer die Leistungen unserer Theater-Maschinisten tief in Schatten stellenden Verschwindungsmechanik sind.

Es wird hier nicht nach Minuten, sondern nach Secunden gerechnet. Apparate zur Einschmelzung von Gold- und Silbersachen, bei denen der Hauptwerth nicht in der Form liegt, stehen zu jeder Zeit bereit, ebenso Fuhrwerk, vermöge dessen Gegenstände, die am Platze nicht unterzubringen sind, sofort die Reise in das Ausland antreten. Andere Absatzquellen bieten die Werkstätten der kleinen Handwerker, von denen die „Schärfer“ immer eine beliebige Anzahl an der Hand haben. Genug, der Schmuggelhandel blüht dicht unter den Fenstern der hohen Obrigkeit.

Um von der Technik, mit welcher sich diese Leute in die Hände arbeiten, nur einen kleinen Begriff zu geben, will ich einen Fall erzählen, der vor etwa zwei Jahren in den betheiligten Kreisen nicht unbedeutendes Aufsehen erregte.

Eine Dame von nicht ganz tadellosem Ruf, die sich aber in ihrem bewegten Leben eine große Fertigkeit in der Kunst, das Vertrauen anderer Menschen zu gewinnen, erworben hat, macht die Runde bei unseren Pianoforte-Fabrikanten, stellt sich denselben – versteht sich, in jedem Falle unter anderem Namen – als eine strebsame Clavierlehrerin vor und bittet, ihr gegen Unterschrift und Miethscontract, ein Pianino oder Clavier in die von ihr angegebene Wohnung zu verabfolgen. Bei etwa einem Dutzend unserer renommirtesten Instrumentenmacher gelingt ihr dies. Sie weiß die Leute derart für sich einzunehmen, daß auch nicht einer nur den geringsten Zweifel in die Reellität ihrer Absichten setzt. Sie bezahlt die erste Miethsrate im Betrage von einigen Thalern und unterschreibt die ihr vorgelegten Contractsformulare. Inzwischen hat sie sich zwölf verschiedene Quartiere gemiethet und in jedes dieser Quartiere wird eines der gemietheten Pianinos dirigirt. Dort bleibt es vielleicht einen halben oder ganzen Tag stehen und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen. Mit ihm die strebsame Musiklehrerin. Wenn nach einigen Wochen die Herren Verleiher kommen, um sich nach dem Befinden ihrer Instrumente zu erkundigen, schwimmen diese bereits auf dem atlantischen Ocean oder werden in einer musikliebenden Stadt Schwedens oder Norwegens bearbeitet, wohin stets ein lebhafter[1] Handel mit Instrumenten aller Art stattfindet.

Dieser Betrugsfall hat an und für sich nichts Außergewöhnliches; denn es ist die Regel, daß das Verleihen von Instrumenten ohne Caution stattfindet. Der Verleiher begnügt sich damit, das Quartier zu recognosciren, wohin das Instrument geschafft wird. Und unsere Dame hatte in dieser Beziehung dafür gesorgt, daß selbst strengere Ansprüche befriedigt wurden. Das Ungewöhnliche des Falles liegt in gewissen Nebenumständen. Die musikalische Spitzbübin war eine im letzten Stadium der Schwindsucht stehende Person; sie starb bald nach ihrer Einlieferung in das Gefängniß. Sie mußte sich also bei Ausführung ihrer Manipulationen, deren Schnelligkeit und Zweckmäßigkeit in die Augen springt, eines zahlreichen Hülfspersonals bedienen, ohne diese doch in ihren eigentlichen Plan einzuweihen. Und dann ist zu berücksichtigen, daß sie die Zeit eigentlich schlecht gewählt hatte – es herrschte damals gerade die größte Wohnungsnoth in Berlin, und es war die Blüthe der Wintersaison, wo bekanntlich die Pianoforte-Verleiher sich ihre Leute doppelt genau ansehen.

Dergleichen Hindernisse von einer Person bewältigt zu sehen, welche bei jedem Schritt, den sie macht, von einem convulsivischen Husten durch und durch geschüttelt ward, hätte unter anderen Umständen einen erhabenen Eindruck machen können. In unserm [49] Falle erhielt man einen Einblick in das Getreibe einer Gaunergenossenschaft, von denen nur der Hauptvertreter zur Anklage gezogen wurde, aber wegen Mangels eines Beweises freigesprochen werden mußte. In diese Wespennester mit gewaffneter Hand einzugreifen, nützt in der Regel Nichts; an der einen Stelle zerstört man sie, an einer andern versteckteren kommen sie wieder zum Vorschein. Aber ein wesentliches Organ fehlt unserer Criminalpolizei, das Organ der Vigilanz, oder mit anderen Worten: es fehlt an solchen Beamten, welche ein Gewerbe daraus machen, verdächtigen Personen auf Schritt und Tritt zu folgen und wenn nicht die Ausführung eines Verbrechens zu verhindern – was keineswegs immer im Interesse der öffentlichen Sicherheit liegt – so doch den Verbrecher auf der That zu ertappen und den Braten „noch warm“ an die Criminalbehörde abzuliefern.

Ich sagte oben: es bestände eine Theorie von der Epidemie bestimmter Verbrechen. Leider hat diese Theorie eine sehr praktische Seite. In einer großen Stadt, wie Berlin, wo die moralische Ansteckung mindestens ebenso große Verheerungen in den Gemüthern anrichtet, wie die physische in den Körpern, wo außerdem Mangel und Noth, in unmittelbarer Berührung mit Ausschweifung und Luxus, in Tausenden von menschlichen Gehirnen jene phosphorescirende Intelligenz erzeugen, welche nur nach den Grundsätzen des Egoismus und der Habsucht verfährt, ist es unausbleiblich, daß eine gewisse Kategorie halb verbrecherischer, halb ehrlicher Nahrungszweige jene problematischen Existenzen an sich zieht, die, von einer unwiderstehlichen Sucht, schnell reich zu werden, getrieben, mit einem weiten Gewissen einige Schlauheit und sehr viel pöbelhafte Frechheit verbinden. Zu dieser Sorte „eleganter Verbrecher“ gehörte vor Zeiten der Erfinder des „Kümmelblättchens“, auch Bauernfänger genannt, obgleich er weniger unter unsern braven Landsleuten, als unter Russen und Brasilianern seine ersprießlichsten Bekehrungsversuche bethätigte. Gegenwärtig ist die Glanzperiode des Kümmelblättchens und seiner Anhänger wohl vorüber. Die Helden der drei Räthselkarten sind entweder unter die kleinen Gründer gegangen oder haben ein anderes Gewerbe ergriffen, das seinen Mann nährt.

Als ein solches hatte vor Jahr und Tag der sogenannte Stellenvermittelungsschwindel ein gewisses Renommée erlangt. Es gehören zwei oder drei gute Freunde zu dieser bekannten Industrie-Branche,[2] welche viel Aehnlichkeit mit dem Bauernfang hat, vor diesem aber durch geringere Gefährlichkeit und größere Ergiebigkeit den Vorzug verdient. Es miethet Jemand in einer möglichst frequenten Stadtgegend ein trauliches Hinterstübchen, welches er mit einem Stehpult aus Fichtenholz und einigen birkenen Stühlen möblirt und das er „Bureau für Stellenvermittelungen“ oder auch „bureau de placement“ benennt. Der Betreffende ist selbstverständlich im Besitze einer ordentlichen polizeilichen Concession und überhaupt ein Mann, dessen äußere Erscheinung eine entschieden Vertrauen erweckende Wirkung hervorbringt. Eine künstliche Körperrundung, eine große Stahl- oder Hornbrille, eine nicht übertrieben altväterische Kleidung und eine schwere, wenn auch nicht immer echte Uhrkette vervollständigen sein solides Aeußere.

Dieser Mann besucht zu einer bestimmten Tageszeit, meistens kurz nach dem Erscheinen der Abendzeitungen, irgend ein seinem Bureau benachbartes Bierlocal oder eine nahe Conditorei, wo er sich auf das Angelegentlichste mit dem Studium der „Tante Voß“ und des „Intelligenzblattes“ beschäftigt. Als Resultat dieser Beschäftigung bringt er einen Zettel mit nach Hause, auf den er die in den beiden Blättern annoncirten Stellenvacanzen notirt hat. Den Zettel übergiebt er einem schäbig gekleideten Schreiber, der an dem fichtenen Stehpulte des Vormittags über Federn zugeschnitten hat und der sich jetzt mit Lust und Eifer darüber hermacht, die „Aufträge“ seines Principals in ein ungeheuer großes Buch mit kalligraphischer Ausführlichkeit zu übertragen.

Durch verführerische, aber vorsichtig abgefaßte Annoncen angelockt, erscheint nun das Heer der stellensuchenden Provinzialen, welche nach Berlin gekommen sind, um dort ihr Glück zu machen. Diese Leute sind meistens von einer wahrhaft polizeiwidrigen Unkenntniß der Dinge. Hätten sie nur eine entfernte Ahnung von den Schwierigkeiten, welche gegenwärtig mit der Erlangung einer auskömmlichen Stellung in der deutschen Metropole verbunden sind, so würden sie die Idee, daß Jemand ihnen für zwei Thaler „Einschreibegebühren“ eine vortreffliche Versorgung zu verschaffen im Stande sein soll, von vornherein auf den Kehrichthaufen der Illusionen werfen. Aber von Illusionen lebt ja bekanntlich der Mensch und der Stellenvermittler erst recht. Er schickt den heißhungrigen Provinzialen überall dorthin, wo vor zwei oder drei Tagen ein Hausdiener oder „ein zuverlässiger Mann, der zweihundert Thaler Caution bestellen kann“ oder ein dito Lagerverwalter gesucht wurde. Besonders die letztgedachte, vielbedeutende Stellung gehört zu den beliebtesten Lockspeisen. Die Vacanzen sind nun entweder inzwischen schon besetzt, oder Demjenigen, der die Stelle zu vergeben hat, paßt der neue Ankömmling schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil der Unglückliche als einzige Reverenz den Namen des übelberüchtigten Stellenvermittlers nennt. Ist der „Freier“ genug abgehetzt und fängt er an, ungeduldig zu werden, so wird ihm nunmehr die eigentliche Tarnkappe des Allewerdens über die Ohren gezogen.

Der Principal hat nämlich einen oder zwei gute Freunde, Besitzer sehr einträglicher Geschäfte in den besten Stadttheilen, welche zu jeder Zeit Jemand gebrauchen können, der als Einlage in das Geschäft einige hundert Thaler bezahlt und dafür die ausschweifendsten Rechte eines stillen Compagnons erlangt. Es wird also ein anderer Contract entworfen, in welchem einer der guten Freunde als der eine und der Sohn der Provinz als der andere Contrahent fungirt. Jeder der Contrahenten erhält ein Exemplar dieses Schriftstücks; die Baarschaft des rotwangigen Kindes der Unschuld wandert in die Taschen der beiden Biedermänner, welche natürlich auf gemeinsame Rechnung arbeiten, und, wenn die „Illusion“ auch vielleicht noch einige Tage anhält, die Wahrheit ist in der Regel so nüchtern und grob, daß sie sich auch dem unverbesserlichsten „Illusionär“ fühlbar macht. Im besten Falle ist zwar in einer Winkelgasse der City ein kleiner schmutziger Laden gemiethet, in welchem von dem Biedermann Nr. 2 ein kümmerlicher Kleinhandel mit Cigarren und Tabak betrieben wird. Aber selbst die mit vergoldender Tinctur reich begabte Phantasie unseres Neu-Engagirten vermag die betrübende Thatsache, daß sämmtliche Vorgänger seines Principals in dem Laden Bankerott gemacht haben, und daß die Leitung des Geschäfts wesentlich im Aufrauchen des geringen Cigarrenvorraths besteht, in keinem andern Lichte zu erblicken als dem der absolutesten Hoffnungslosigkeit. Da der Principal nie zu Hause ist – er hat vorläufig genug zu thun, um die Einlage seines jungen Mannes mit guten Freunden zu verjubeln – so tritt eines schönen Tages die Furie der Rache in das verlassene Local und treibt den betrogenen Jüngling auf das nächste Polizeibureau.

(Schluß folgt.)




Wie sichern wir unsere Briefe?

Im letzten Sommer besuchte ich auf einer Wanderung durch das herrliche Thüringen einen meiner älteren Freunde, der einige Jahre zuvor sich mit seiner Familie in dieser Gegend niedergelassen hatte. Man empfing mich freundlich, war aber bemüht, eine gewisse Gedrücktheit der Stimmung nicht aufkommen zu lassen, die namentlich dann merkbar hervortrat, wenn die Unterhaltung der jüngsten Vergangenheit sich zuwandte. Gleichzeitig auch fiel mir das gegen sonst veränderte stillere Wesen und oftmals umflorte Auge der ältesten Tochter meines Freundes auf. Diese Beobachtungen veranlaßten mich endlich, die Stunde nach dem Mittagessen, die ich allein mit Freund B. bei Kaffee und Cigarre unter der Veranda des Hauses zubrachte, zu einer directen Frage nach der Ursache dieser Veränderung zu benutzen.

Als ob es ihm eine Erleichterung gewährte, sich einmal offen aussprechen und dem gepreßten Herzen Luft machen zu können, theilte mir B. nun Folgendes mit. „Vor fast einem Jahre,“ erzählte er, „hielt sich hier ein junger Beamter auf; er wurde bei uns ein oft und gern gesehener Gast und gewann das Herz meiner Tochter Anna. Nach kurzer Zeit wurde er nach Berlin versetzt. Kaum war er indessen vierzehn Tage fort, als Anna [50] einen Brief von ihm aus Berlin erhielt, in dem er die Bitte aussprach, sie wolle gestatten, daß er sich bei uns, den Eltern, um ihre Hand bewerbe. Nach eingezogenen Erkundigungen über unseren zukünftigen Schwiegersohn gaben wir unserer Anna die Erlaubnis, zustimmend zu antworten. Der Brief wurde, wie sich leicht denken läßt, ohne allzu langes Zögern expedirt und wir erwarteten nun mit einer gewissen Spannung weitere Nachricht. Doch diese blieb aus. – Tag um Tag, Woche um Woche verrann. Aber Anna erhielt keine Antwort. Heute ist es schon über einen vollen Monat her, daß ihr Brief abgesandt wurde. Du wirst jetzt,“ so schloß mein Freund seine Mittheilungen, „die Verstimmung in unserm sonst so fröhlichen Familienkreise erklärlich finden.“

Meinen Versuch, das Stillschweigen des jungen Mannes dadurch zu erklären, daß der betreffende Brief vielleicht verloren gegangen sei, beantwortete Freund B. mit der resignirten Bemerkung: „Mir ist bei ziemlich ausgebreiteter Correspondenz noch niemals ein Brief auf der Post verloren gegangen.“ – Ein Vorschlag, den ich unter andern Umständen wohl gemacht haben würde, zur Aufklärung der Sache nämlich dem ersten Briefe einen zweiten folgen zu lassen, erschien bei dem delicaten Charakter der Angelegenheit unangemessen und ich schwieg daher. – –

Mein Aufenthalt in der Familie ging nach wenigen Tagen zu Ende. –

Kurz nach meiner Rückkehr in die Heimath trat der Briefträger bei mir ein und übergab mir, zu meiner Ueberraschung, einen wenige Tage zuvor von mir an einen Freund abgesandten Brief. Derselbe enthielt auf der Rückseite den Vermerk. „Welcher von zweien gleichen Namens?“ Der Vorsteher des Postamtes, einer meiner näheren Bekannten, hatte den Brief nach Handschrift und Siegel als von mir abgesandt erkannt und mir denselben zurückgeschickt.

In Folge natürlicher Ideencombination gedachte ich des Vorfalls in dem erst kürzlich von mir verlassenen befreundeten Kreise, und wieder, wie schon bei der ersten Mittheilung, stieg der Gedanke in mir auf: vielleicht ist Anna's Brief aus irgend einem Grunde unbestellbar gewesen und nach dem Aufgabeorte zurückgeschickt. Dieser Gedanke setzte sich bei mir fest; ich schrieb schon am nächsten Tage in diesem Sinne an Freund B., indem ich ihn bat, desfallsige Erkundigungen bei der Postverwaltung des Ortes einzuziehen. Etwa acht Tage später erhielt ich zu meiner größten Befriedigung eine Antwort, die meine Ansicht bestätigte. Ich entnahm derselben Folgendes. Der Postbeamte des Ortes hatte zwar unmittelbar keine Auskunft zu geben vermocht, da alle unanbringlichen Retourbriefe bestimmungsmäßig der Oberpostdirection eingesandt werden müssen, doch war von letzterer auf eine nunmehr erfolgende bezügliche Anfrage umgehend der vielbesprochene Brief zurückgesandt. Auf der Rückseite desselben befand sich der Vermerk des Berliner Briefträgers: „Adressat existirt in der angegebenen Hausnummer nicht.“

Die Erklärung, weshalb die Absenderin den Brief nicht zurückerhalten hatte, war die einfachste von der Welt. Der Postbeamte des Ortes hatte die Absenderin nach Handschrift und Siegel nicht zu erkennen vermocht und bei der Oberpostdirection hatte die amtliche Eröffnung desselben gleichfalls kein Resultat ergeben, weil Anna den Brief, wie es so häufig geschieht, nur mit ihrem Vornamen unterzeichnet hatte. Bei genauerer Prüfung der Adresse des zurückgekommenen Briefes hatte sich denn auch bald herausgestellt, weshalb der Adressat nicht aufzufinden gewesen war. Der Grund war einfach genug. Der Brief war statt nach …straße Nr. 24 nach Nr. 27 adressirt, und war der Briefträger mit seinem Unbestellbarkeitsvermerke somit völlig im Rechte gewesen.

Soweit die Mittheilungen von Freund B., denen nur noch hinzuzufügen bleibt, daß kurze Zeit, nachdem der Brief, mit berichtigter Adresse versehen und von einigen erklärenden Zeilen begleitet, zum zweiten Male abgesandt worden war, mir Anna selbst ihre Verlobung mit dem Manne ihres Herzens mittheilte.




Kurz nachher und nachdem ich inzwischen erfahren hatte, daß die Rücksendung des vorerwähnten Briefes an meinen Rechtsanwalt durch die mir unbekannt gewesene Niederlassung eines Namensvetters an demselben Orte veranlaßt worden war, kurz nachher also hatte ich Gelegenheit, mit einem Postbeamten eingehend über das Wesen und die Behandlung der unbestellbaren Briefe mich zu unterhalten. Da das, was ich erfuhr, trotz der allgemeinen Wichtigkeit der Sache, wie die gleich anzuführenden Zahlen beweisen werden, keineswegs genügend bekannt sein dürfte, so wird die nachfolgende Mittheilung, wie ich glaube, nicht ohne Interesse und hoffentlich auch nicht ohne Nutzen sein.

Im Jahre 1873 kamen im deutschen Reichspostgebiete – sonach mit Ausschluß von Baiern und Württemberg – rund vierhundertachtzig Millionen Briefe zur Auflieferung. Hiervon konnten über eine Million nicht nur nicht an die Adressaten bestellt werden, sondern es waren die Ausgabepostanstalten, an welche die Briefe zurückgeschickt wurden auch nicht im Stande, die ungenannten Absender an äußeren Merkmalen, Firmastempel, Siegelabdruck, Handschrift etc. zu erkennen und mußte daher jene erhebliche Zahl von Briefen an die den Postanstalten vorgesetzten Oberpostdirectionen behufs Eröffnung und Ermittelung der aus der Unterschrift etwa erkennbaren Absender eingeschickt werden.

Die Einsendungen der Postanstalten haben, insoweit das Bedürfniß keine kürzeren Termine erfordert, in der Regel zwei Mal wöchentlich zu erfolgen. Ebenso oft tritt auch die bei einer jeden der siebenunddreißig Oberpostdirectionen fungirende, zum Zwecke der gegenseitigen Controle aus je zwei besonders auf das Briefgeheimniß verpflichteten Beamten bestehende sogenannte Retourbrieferöffnungscommission zusammen. Diese Commission ist streng an den Wortlaut der ihr erteilten Instruction gebunden, und es ist ihr daher in erster Linie verboten, von dem eigentlichen Inhalte der zu eröffnenden Briefe Kenntniß zu nehmen. Die Commission beschränkt daher ihre Thätigkeit lediglich auf den Versuch, aus Ortsangabe und Unterschrift die Absender der Briefe zu ermitteln. Es bleibt somit das Briefgeheimniß selbst völlig gewahrt.

Unzweifelhaft würde die vorerwähnte Zahl von einer Million Retourbriefen künftig erheblich geringer ausfallen, wenn das correspondirende Publicum mehr als bisher sich dem in andern Ländern namentlich in den Vereinigten Staaten von Amerika längst eingebürgerten Gebrauche zuwenden und die Briefe zugleich mit der Adresse auch, und zwar am besten auf der Rückseite, mit Namen und Wohnung des Absenders versehen wollte.

Werfen wir nunmehr einen Blick auf eine der Commission übersandte größere Anzahl Retourbriefe, so werden wir daraus am besten erkennen, an wie mancher Klippe die Bestellung der Correspondenz scheitern kann.

Gleich der erste Brief eines stattlichen Bundes trägt den Vermerk: Wird unfrankirt nicht angenommen. Absender unbekannt. In weiterer Folge lesen wir, indem wir dabei Wiederholungen vermeiden: Welcher von zweien gleichen Namens? – Adressat ist gestorben – In der angegebenen Wohnung nicht bekannt – Abgereist, wohin unbekannt – Ist senior oder junior gemeint? – Adresse ist unleserlich – Bestimmungsort ist unbekannt; die Angabe der nächsten Postanstalt ist erforderlich – Von Ems abgereist, ohne jetzige Adresse zurückzulassen. – (Während der Badesaison kommt ein nicht unerheblicher Bruchtheil der Retourbriefe auf die Correspondenz nach den Badeorten.) Ein Brief nach Neukirchen ohne weiteren Zusatz, trägt den Postvermerk: Es giebt elf Postanstalten Neukirchen, welche ist gemeint? Es folgt ein Brief an Fräulein Lina M… in Dresden, Wilsdrufer Straße. Postvermerk: Ohne Angabe der Hausnummer nicht aufzufinden. – An den Soldat Dreier, vierte Compagnie, Berlin. Ohne Angabe des Regiments unbestellbar.

Ein unfrankirter Brief nach Valparaiso ist von der Aufgabepostanstalt überhaupt nicht abgeschickt, sondern der Commission zur Eröffnung eingesandt, weil die Correspondenz nach Chile, Peru sowie nach verschiedenen andern transatlantischen besonders südamerikanischen Ländern, allgemein dem Frankirungszwange unterliegt, unfrankirte oder auch nur ungenügend frankirte Briefe daher überhaupt nicht abgesandt werden dürfen. – Ein poste restante Brief trägt den Vermerk: Während der reglementsmäßigen dreimonatlichen Lagerfrist nicht abgefordert, daher retour.

Zum Schlusse folgen noch einige Retourbriefe aus den Vereinigten Staaten, dieselben sind, je nach der Verschiedenheit des Falles, mit den Stempeln versehen: „Removed (verzogen), Not called for (nicht abgefordert). Refused (verweigert), Cannot be found (nicht aufzufinden).“

Prüfen wir nun, welches Resultat die amtliche Eröffnung jener Million Retourbriefe geliefert hat, so ergiebt sich zwar [51] zunächst, daß von je hundert Briefen dreiundachtzig ihren respectiven Absendern zurückgegeben werden konnten, daß aber der Rest von siebenzehn Procent oder in Summa einhunderteinundachtzigtausend Briefe definitiv unanbringlich geblieben und daher bestimmungsmäßig nach Ablauf von drei Monaten durch Feuer vernichtet worden sind.

Es mag der Phantasie eines Jeden überlassen bleiben, sich zu vergegenwärtigen, welche Summe von getäuschter Hoffnung, Sorge und Kummer, ganz abgesehen von den in vielen Fällen sicher nicht unerheblichen materiellen Nachtheilen, diese Zahl in sich schließt. So groß dieselbe aber auch ist, erscheint sie dennoch völlig erklärlich, wenn wir berücksichtigen, daß beim Schreiben eines Briefes wohl nur in den seltensten Fällen an die Möglichkeit gedacht wird, der Brief könnte aus irgend einem Grunde nicht in die Hände des Adressaten, sondern statt dessen unter die postamtliche Scheere gelangen. Daher kommt es denn auch, daß in weiterer Folge bei der Eröffnung der Briefe sich zeigt, wie die Unterschrift derselben, statt den Namen und, was besonders bei Briefen aus größeren Orten oft eben so wichtig ist, die Wohnung des Absenders zu enthalten, in zahlreicher Fällen, wohl für den Empfänger, nicht aber für dritte Personen genügend verständlich ist, wie zum Beispiel: „Deine aufrichtige Freundin Anna – Ihr dankbarer alter Kriegskamerad – Dein Dich liebender Onkel, etc.“

Derartige Briefe, sobald sie nicht etwa aus kleinen Orten herrühren, in denen meistens die persönlichen Beziehungen des Einzelnen genau bekannt sind, haben, wie es in der Natur der Sache liegt, eine nur geringe Aussicht, in die Hände der Absender zurück zu gelangen. Ebenso aber auch die mit: Dein Vater, Deine Mutter, Schwester etc. und selbst die mit Schulze, Müller, Schmidt und andern weitverbreiteten Familiennamen unterzeichneten Briefe, die nicht zugleich die Wohnungsangabe des Absenders enthalten. Kann nämlich die Aufgabepostanstalt, welche die Briefe zurück erhält, nachdem dieselben von der Eröffnungscommission mit dem amtlichen Siegel wieder verschlossen und mit der, wie oben erwähnt, oft genug unzureichenden Bezeichnung des Absenders versehen worden sind, kann also die Postanstalt den Letzteren, beispielsweise den Herrn Schulze oder den Onkel August, nicht auffinden, so wird hierzu im Weiteren die Mitwirkung der Ortspolizeibehörde in Anspruch genommen. Führt nun aber, ein bei dem Mangel der Wohnungsangabe und der oft großen Zahl gleichnamiger Personen recht oft vorkommender Fall, auch dieses letzte Mittel nicht zum Ziel, so wird der vielgeplagte Brief, mit einem bezüglichen Polizeiatteste versehen und als definitiv unbestellbar, demnächst der Commission wieder übersandte um dann nach drei Monaten den Flammen geopfert zu werden, sofern nicht etwa, ein übrigens seltener Fall, der Absender den Brief inzwischen reclamiren sollte.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zahl der unanbringlichen Briefe sich in dem Maße erheblich vermindern wird, in dem die Kenntniß postalischer Einrichtungen in immer weitere Kreise des correspondirenden Publicums eindringt.

Zur Erreichung dieses Zweckes geschieht nun gegenwärtig schon Vieles und jedenfalls beträchtlich wehr als zu irgend einer früheren Zeit. Wir brauchen hier nur auf die in den öffentlichen Blättern erscheinenden Bekanntmachungen der obersten Postbehörde hinzuweisen, welche bestimmt sind, das Publicum über postalische Anordnungen der verschiedensten Art zu unterrichten. Einen weiteren Beweis, wenn es dessen bedürfte, liefert das periodische Erscheinen des Postblattes wie der „Nachrichten für das correspondirende Publicum“, die bei einer jeden Postanstalt, beziehentlich von einem jeden Orts- oder Landbriefträger sowie bei den amtlichen Verkaufsstellen für Postwerthzeichen für den Preis von zehn Pfennigen zu haben sind. Trotzdem nun steht es fest, daß gerade auf jenen Theil der Bevölkerung, welcher am meisten der Belehrung bedürftig ist, auf die unteren Volksclassen und namentlich auf den größeren Theil der Landbewohner unsere Tagespresse mit ihren Veröffentlichungen einen verhältnißmäßig nur unbedeutenden Einfluß auszuüben vermag, zum Theil wegen der geistigen Trägheit der großen Menge, besonders aber, weil in diesen Kreisen überhaupt keine Zeitungen gelesen werden.

Soll hier also Abhülfe geschaffen werden, so erübrigt nur, den Hebel etwas tiefer unten anzusetzen, nämlich – bei der Volksschule. Für einen überwiegend großen Bruchtheil der Bevölkerung ist hier allein der Ort, wo so manche Kenntnisse, die das bürgerliche Leben als vorhanden voraussetzen muß, ohne Schwierigkeit dem Kinde eingeprägt werden können. Schon hat der geniale Chef unserer Postverwaltung mehrfach in dieser Beziehung seinen Einfluß auf die oberen Leiter der Volksschulen, die Directoren der Lehrerseminare etc. geltend gemacht. In der Natur der Sache liegt es aber, daß der so gestreute Same nur allmählich, dafür allerdings um so sicherer reift. –

Fassen wir den Gesammtinhalt des soeben Gesagten dahin zusammen. Ein Jeder, der einen Brief, Geldbrief oder ein Packet zur Post liefert, denke an die Möglichkeit, daß der Brief etc. aus irgend einem Grunde, wie es deren verschiedenartige giebt, nicht bestellt werden könne und daher an den Aufgabeort zurückgelange. Enthält nun die Außenseite des Briefes nicht den Namen des Absenders, so erfolgt, falls nicht sonstige Merkmale denselben erkennen lassen, die Einsendung des Briefes an die Oberpostdirection. Ergiebt hier auch die amtliche Eröffnung kein genügendes Resultat, so wird der Brief drei Monate lang aufbewahrt und demnächst verbrannt. Eine etwaige Wertheinlage, sowie der Inhalt der unanbringlichen Packete, soweit derselbe nicht inzwischen verdorben ist (Früchte, Backwerk, Fleisch, Fisch etc.), wird, falls keine Reclamation erfolgt, nach drei Monaten und nach erfolgter bezüglicher Bekanntmachung durch die amtlichen Blätter auctionsmäßig verkauft und fällt der Erlös gesetzlich dem Postarmenfonds zu. Im Interesse eines Jeden liegt es daher, seine Correspondenz etc. am besten auf der Außenseite des Couverts, mindestens aber im Innern des Briefes mit voller, deutlicher Namens- und Wohnungsangabe zu versehen.

Der Zweck dieser Zeilen würde erfüllt sein, wenn die Statistik der Reichspostverwaltung pro 1875 eine Abnahme der als unanbringlich eingesandten und beziehentlich der verbrannten Briefe nachwiese.

Hannover.
Werner Persuhn.


Eine Muttergotteserscheinung auf dem Schlosse zu Heidelberg.
Von Wilh. H-m.

Ein gutes Stück der Erde habe ich gesehen – in drei Welttheilen. Ich habe im scharfen Kaïk den Bosporus durchkreuzt und bin auf baufälligem Dampfer von Neapel nach Capri gefahren, sah die Tajo-Mündung und den Mälarsee, bin gestanden auf den Syeniten der Nil-Katarakte und auf dem Kreidefelsen von Arcona, blickte herab vom Rigi und von der Akropolis – aber nirgends, an keinem dieser gefeierten Punkte, ist mir das Herz so aufgegangen, wie auf der Terrasse des Heidelberger Schlosses. Was da den Augen sich als Weide bietet, ist das Schönste aller Lande, denn es ist zugleich die Heimath, ist deutsch. Hier hat die Romantik ihren Wohnsitz aufgeschlagen für immer und läßt sich nicht vertreiben; sie sitzt als Zauberin Jetta am Wolfsbrunnen des Granithügels, irrt als Wildeweiblein in den dunklen Buchenhallen, taucht als Schwanjungfrau aus dem grünen Neckar, jagt nächtlich als Frau Holle im Gefolge des Rodensteiners über die gerundeten Berge des Odenwaldes oder läßt als Stromhüterin das Gold des Nibelungenhorts im Abendstrahl durch den Spiegel des fernen Rheines schimmern. So getränkt mit Märchen, Mythen und Poesie ist kaum noch eine andere Gegend der Erde; nur das sagenreiche Thüringen mit seiner wunderbaren, waldumrauschten Wartburg kann sich in dieser Hinsicht mit dem Heidelberge und seiner Pfalz messen. Und nicht minder blickt der sinnige Gast von dieser Höhe hinab auf ein großes Stück Geschichte, in welcher der Erbfeind deutschen Wesens und Strebens die schlimmste Rolle gespielt hat; auf die Frage, was er an uns verbrochen, geben die Ruinen des prachtvollsten Schlosses der Welt eine bittere Antworte denn hier reden in der That die Steine.

[52] Vielleicht ist es die Macht der Erinnerung an die schöne Jugendzeit, welche mir und vielen Anderen die Stätte vor Allen reizend und werth macht. Wohin der Blick sich richtet, steigt ein vergessenes Bild in frischem Ganze[WS 1] empor, neben der poetischen blauen Blume blüht die Rebe, rankt der Hopfen, sträubt sich der Bocksbart; auch die Realität des Genusses im Dasein und der Humor machen alte Rechte geltend, sei es, wenn das Auge auf das belobte Dach des „Herrn Vetters“, oder auf das berühmte der „Hirschgasse“ fällt, oder an hundert anderen Stellen haftet, wo dereinst jugendlicher Uebermuth Kraft verschwendete, ohne deren einzubüßen für den Ernst des Lebens. „O Heidelberg, du schöne Stadt!“ singt es in Jedem, der hier schöne Zeiten verlebt hat, und zwar auch ohne den Handwerksburschenzusatz: „Wenn es nicht darein geregnet hat.“

Als ich zum letzten Male dort oben stand, an einem goldenen Sommertage, schwerem Siechthum kaum entgangen, und mit der Wonne des Genesenden die würzige Luft aus Wald und Thal einsog, da traten plötzlich seltsame Ideenverbindungen vor meine Seele. Ein Blick auf die Trümmer der kunstvollen Wendeltreppe im Achteck des Ruprechtsbaues hatte sie angeregt. In diesen Tagen war durch die Blätter ein Gerücht gelaufen von dem Erscheinen der weißen Frau in der Kaiserburg zu Wien, und es hatten sich daran viele andere räthselhafte Geschichten aus alter Zeit knüpfen lassen, die alle sich auf dieselbe bewegende Ursache gründeten. Da kam zur Erzählung, wie der französische Ludwig der Vierzehnte, der Verwüster der Pfalz, „der das Recht auf der Spitze des Degens trug, den Gesetzen des Auslandes zum Hohne“, bewogen worden war, den Geist seines verstorbenen Ministers Louvois citiren zu lassen, der ihm das Versprechen abzwang, der Kirche Alles wiederzugeben, was er ihr in stärkeren Tagen genommen, wie Kaiser Joseph der Zweite durch ein Phantom geschreckt werden sollte, das, durch den Gardisten in den Schloßhof hinabgestürzt, sich in Fleisch und Bein eines Capuziners verwandelte, die Geschichten von den Erscheinungen, die dem König Friedrich Wilhelm dem Zweiten von Preußen vorgegaukelt wurden – und viele andere mehr, deren Opfer immer diejenigen waren, die auf Thronen saßen, während die Urheber entweder der Kirche oder dem Feudaladel angehörten oder beiden zusammen im hergebrachten Verbande. Auch die Steine jener zerfallenen Wendeltreppe könnten eine ähnliche Historie erzählen, wenn ein heiliger Beda ihnen Sprache verleihen möchte. Glücklicher Weise ist diese Geschichte aber auch ganz getreulich erhalten geblieben, und ich theile sie mit, wie ich dieselbe einem längst vergessenen Geschichtsbuche des vorigen Jahrhunderts entnehme. Sie dürfte auch für unsere Zeiten noch von Interesse und namentlich den zahlreichen Besuchern des Heidelberger Schlosses als Beitrag zu dessen Geheimgeschichte willkommen sein.

Auf Kurfürst Ludwig im Barte, den Kreuzfahrer, folgte sein Sohn Ludwig der Sanftmüthige im Jahre 1436. Der war ein weicher, frommer Herr, leicht lenkbar und den Einflüssen von außen mehr zugänglich, als gut erschien. Glücklicher Weise hatte er einen treuen Bruder von festem Charakter und heldischem Sinne zur Seite, den Pfalzgrafen Friedrich, später der Siegreiche, von seinen Gegnern „der böse Fritz“ genannt. Deren hatte er aber viele und mächtige; es konnte nicht anders sein. Den schwachen Bruder entriß er den schon fest um ihn gewundenen Bestrickungen der Pfaffen und verjagte den vordem allmächtigen Beichtvater; die Vasallen, welche hochmüthig der Lehnspflichten spotteten, wies er, und oft mit blutigen Köpfen, in ihre Schranken zurück. Unter ihnen waren die verwegensten die Grafen Wilhelm und Jacob von Lützelstein gewesen; Friedrich berannte und brach ihre feste Burg im Elsaß, eroberte ihr Land und zwang sie in schimpflicher Art zur Botmäßigkeit. Das brannte den Stolzen auf der Seele, und sie brüteten Rache. Tapfere, hochangesehene Ritter, besaßen sie großen Anhang, denn sie waren zugleich Häupter der heiligen Vehme, welche damals ihr Unwesen nach Süddeutschland verpflanzt hatte. Nichts destoweniger wagten sie nichts Offenes gegen den Kurfürsten, oder vielmehr gegen dessen rechte Hand. Sie fanden aber Verbündete zu heimlichen Thaten. Friedrich hatte mit Rücksichtslosigkeit die Uebergriffe der Kirche, namentlich die Ansprüche der Klöster, in aller Weise zu beschränken gewußt, denn er war für seine Zeit ein merkwürdig aufgeklärter, daneben völlig gottesfürchtiger Mann. Dadurch hatte er sich natürlich den tiefen Haß der Geistlichkeit und sogar den Bannspruch des Papstes zugezogen, kümmerte sich aber wenig darum. Die Lützelsteiner hingegen benutzten diesen Umstand, um sich Helfershelfer zu werben und mit diesen vereint einen Plan zu schmieden, zum Verderben des „bösen Fritz“, der ihren feudalen Herrschgelüsten allein im Wege stand.

Am kurfürstlichen Hofe in der Pfalz zu Heidelberg lebte seit längerer Zeit Eleonore, die Schwester der Grafen von Lützelstein. Ehedem eine blendende Schönheit, hatte sie eine große Rolle gespielt; der junge Pfalzgraf Friedrich war von ihren Reizen bestrickt gewesen, hatte sie aber verlassen, angeblich weil sie die Delila spielen und ihn ihren Brüdern ausliefern wollte. Doch schien ihr Verschulden nicht erwiesen, denn sie war unter den Frauen der Kurfürstin geblieben. Niemand kümmerte sich um sie, die doppelte Rache im Busen trug. Eines Tages erschienen mit stattlichem Gefolge zwei fremde Ritter aus Frankreich im Schlosse und ließen sich dem Kurfürsten vorstellen. Dieser fand an ihren adeligen Manieren Gefallen und bat sie um längeres Verweilen. Den ihnen zu Ehren angestellten Gastereien und Festen blieb Friedrich, der auch den Wissenschaften mit Eifer oblag, fern, allein Kemnath, sein Cancellar, faßte unbestimmten Verdacht, legte sich auf's Kundschaften und erlauerte bald, daß die Fremden mit der Gräfin Eleonore nächtlich verkehrten und daß auch der verbannte Beichtvater an diesen Zusammenkünften Theil nahm. Zwar lachte der Pfalzgraf, als ihm Warnung ward, allein der treue Kanzler ließ nicht nach mit Bitten, so daß er ihn endlich wenigstens bewog, zwei seiner besten und treuesten Ritter, einen Gemmingen und einen Geispitzheim, Tag und Nacht in seiner Nähe zu dulden.

Dem Kurfürsten waren mittlerweile von verschiedenen Seiten Zweifel eingeflößt worden gegen die Gerechtigkeit der Maßnahmen, welche er durch den Arm seines Bruders hatte vollziehen lassen, und somit auch gegen diesen selbst. Die hierdurch in ihm entstandene Gewissensunruhe erhielt Verstärkung durch manche sonderbare Erscheinungen. Die Diener berichteten von Spukgestalten; die Wachen in den Pfefferbüchsen auf den Bastionen hatten Feuerkugeln gesehen; eigenthümliche Laute wurden gehört, kurz, die Atmosphäre war mit Vorahnungen geschwängert. Im Ruprechts-Baue befand sich das Schlafgemach des Kurfürsten. Hier lag er einstmals Nachts in tiefer Ruhe, als ihn plötzlich ein Geräusch erweckte. Die Schloßglocke schlug in diesem Augenblicke die Mitternachtstunde. Plötzlich flog mit einem Krache die Thür auf; eine Wolke von wohlriechendem Qualme wälzte sich herein; als dieser sich verzogen hatte, erblickte der erschreckte Fürst beim schwachen Lichte des einzigen Lämpchens, das den hohen gothischen Raum erhellte, vor sich die Himmelskönigin, die Jungfrau Maria, mit einem funkelnden Strahlenkranze um’s Haupt, genau so, wie sie in der Schloßcapelle abgebildet war. Seine Haare sträubten sich; er stammelte Gebete, aber die hehre Erscheinung beruhigte ihn durch süße Worte, seinem Hause Heil und Segen verheißend. Allein auf den Honig folgte der Wermuth. Die fromme Mutter Gottes verlangte von dem Fürsten, daß er sofort seinen Bruder verstoße als Einen, der nach dem Kurhute, daher ihm nach dem Leben strebe, der ein Abtrünniger und Ausgestoßener der Kirche sei. Trotz der himmlischen Ueberredungskunst und trotz seiner Angst wollte aber Ludwig ein solches Versprechen nicht geben, es sei denn, die heilige Jungfrau liefere ihm Beweise von der Gottlosigkeit des Pfalzgrafen.

„Dem sei so!“ rief die Gottjungfrau. „Wisse, Schwachgläubiger, daß Dein verbrecherischer Bruder, Pfalzgraf Friedrich, Umgangs mit dem bösen Feinde pflegt und mit ihm Dein Verderben beräth. In diesem Augenblicke weilt der Höllenfürst in seinem Gemache. Mir aber ist die Macht verliehen, diesen zu bannen, daß er sich zu meinen Füßen krümmen und meinen Befehlen gehorchen muß. Wappne Dich mit Gottvertrauen, Ludwig, denn Du wirst das Uebel der Welt erschauen. Erscheine, Ewigverfluchter!“ Und unter entsetzlichem Lärme, Kettengerassel und Schwefeldampfe wälzte sich ein gräuliches Ungethüm in’s Gemach, wand sich im Staube vor der Mariengestalt, welche ihren Fuß auf das feuersprühende Drachenhaupt setzte. Der Kurfürst aber, voll von dem Aberglauben seiner Zeit, kränklich an Gemüth und Leib, vermochte den schauderhaften Auftritt nicht zu ertragen. Er war aus dem Bette geglitten und auf die

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Soll wohl „Glanze“ heißen.
[53]
Die Gartenlaube (1875) b 053.jpg

Im Ruprechtsbau des Heidelberger Schlosses.
Nach einer Photographie auf Holz übertragen.

Kniee gesunken. Jetzt stürzte er auf’s Angesicht nieder und war ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, fand er die beiden fremden Ritter in schwarzen Rüstungen an seiner Seite. Sie ließen ihm nicht Zeit, sich zu sammeln; ein Pergament vorzeigend, kündigten sie sich als Weibel der heiligen Vehme an und verlangten von ihm gebieterisch die sofortige Auslieferung seines Bruders. Der schwache, völlig mürbe gemachte Mann willigte ein. Mit schwankenden Schritten, halb bewußtlos, geleitete er die beiden Vehmboten auf einem nur ihm bekannten Geheimgange nach dem Gemach des Pfalzgrafen.

[54] Allein ein Anderer war ihnen schon zuvorgekommen. Auch die Jungfrau Maria kannte den geheimen Pfad und hatte den Meister Beelzebub auf demselben nach sich gezogen, als ihr Werk bei dem Kurfürsten beendet schien. Die Herrin des Himmels sammt dem Fürsten der Hölle wollten im Verstecke auf dem Vorplatze ohne Zweifel die weitere Entwickelung des Abenteuers abwarten. Allein durch die Eichenthür des Schlafgemachs drang so verlockend das Schnarchen eines Gerechten, daß die heißblütige Rache alle Vorsicht und Vorsätze überwog. Mit zitternder Hand riß die Gottesmutter einen Schlüssel aus dem Busen und zwang ihn ihrem Gesellen, dem Teufel, auf.

„Die Zeit ist günstig; er schläft. Was warten wir der Andern?“ flüsterte sie ihm zu. Der Schlüssel dreht sich im Schlosse; die Pforte öffnet sich; der böse Feind ist im Innern. Wenige Schritte entfernt zeigt ihm das matte Licht einer gedämpften Ampel den Pfalzgrafen auf seinem Lager im tiefsten Schlummer. Er zückt einen scharfen Dolch und schleicht dem Bette zu, da stößt sein Fuß auf einen Gegenstand, und gleichzeitig springt eine Hünengestalt vom Boden empor. Der wackere Gemmingen war’s, der hier zu Füßen seines Herrn im Schatten gelegen. Zwar fährt er entsetzt zurück, als er die grausenhafte Teufelsgestalt erblickt, doch zugleich kehrt sein Muth zurück, da er den Dolch auf sich gerichtet sieht. Mit furchtbarem Stoße der linken Faust wirft er das Ungethüm zurück, daß es auf die Kniee fällt; brüllend will es sich wieder heben, da pfeift ein scharfes Schwert, und mit gewaltigem Hiebe vom Rumpfe getrennt, kollert das gehörnte Teufelshaupt über den Boden. Der Pfalzgraf, von dem Getöse jäh erwacht, war emporgesprungen und hatte die neben dem Bette lehnende Streitaxt ergriffen. Geispitzheim stürzte mit gezückter Waffe heran; er warf ein Fenster auf, und: „Verrath, Mord, Hülfe!“ gellte es schreckbar über den Schloßhof.

In diesem Augenblicke trat der verstörte Kurfürst, unterstützt von den beiden Vehmrittern, in die Pforte des Gemachs seines Bruders. Den Vehmrittern ward die gefährliche Situation sofort klar; sie ließen ihre willenlose Beute im Stiche und entflohen in entgegengesetzter Richtung über die Wendeltreppe. Auf deren untersten Stufen traten sie mit Füßen einen wimmernden Leib, aber sie achteten dessen nicht; wohlbekannt mit den Irrgängen des Schlosses, entkamen sie den Verfolgern und wurden nicht mehr gesehen. Droben aber war Kurfürst Ludwig wiederum bewußtlos zusammengebrochen. Zwar gelang es den Aerzten und der Pflege seiner treuen Gattin Margarethe von Savoyen, ihn wieder in's Leben und zur Besinnung zu bringen, so daß er die Ereignisse der furchtbaren Nacht dem Cancellar Kemnath zu Protokoll geben konnte, aber dennoch erholte er sich nicht von dem Schlage, der ihn betroffen. Er wurde blöde an Geist und lebte nur noch ein paar Monate. Der Pfalzgraf forschte mit seinen Getreuen unablässig den Urhebern des Bubenstücks nach; sie waren bald gefunden. Den Teufel hatte der verbannte Beichtvater des Kurfürsten gespielt, die Himmelskönigin aber die Gräfin Eleonore von Lützelstein. Beide hatten ihren Lohn dahin. Denn als Letztere an der halbgeöffneten Thür den Kopf des Bösen fliegen sah, wandte sie sich zur eiligen Flucht nach der Wendeltreppe, verwickelte sich aber in ihrem langhinschleppenden Sternenmantel, stürzte hinab und brach den Fuß. Ueber sie hinweg setzten die fliehenden Ritter. Die Gräfin wurde bald gefunden und mit ihr der Faden der Verschwörung. In einem Kloster strengster Regel soll sie als hartgehaltene Gefangene noch ein paar Jahre lang ihr verkrüppeltes Dasein hingeschleppt haben. Dies Alles ist geschehen im Jahre des Herrn 1449 auf dem Schlosse zu Heidelberg im Ruprechtsbau, und heute noch mahnen daran die Trümmer der Wendeltreppe.

Pfalzgraf Friedrich aber, zum Regenten erhoben als Vormund von seines Bruders nur einjährigem Sohne Philipp, drückte sich den Kurhut auf die Stirn, schwur, dem jungen Thronerben ein treuer Vater zu sein, und faßte dann die Zügel der Regierung mit heldenfester Faust. Vor Allem ließ er seiner wohlberechtigten Rache gegen die Lützelsteiner freien Lauf. Er vertrieb dieses Geschlecht aus allen ihm noch gebliebenen Besitzungen und demüthigte es auf das Empfindlichste. Schon zwei Jahre nach dem geschilderten Ereignisse hatte er die blutigste Genugthuung genommen.

Wie Friedrich dann den Pfaffen trotzte und den Hochmuth der Bischöfe bändigte, die Blitze des Vaticans kraftlos an sich niedergleiten ließ und dem allgemeinen Aufgebote, das sich unter dem Bannerspruche: „Fluch, Verderben und Tod dem Verletzer der heiligen Hirtengewalt der Kirche!“ gegen ihn wandte, mannhaft die Spitze bot, wie er im Vereine mit den pfälzischen Städten die Burgen der Raubritter brach und ihr Gezücht aus seinen Landen trieb, wie er der zum schmählichsten Mißbrauche gediehenen heiligen Vehme den Garaus machte, bis er alle seine Feinde niedergeworfen oder in Freunde verwandelt und den ruhmreichen Beinamen „der Siegreiche“ erworben hatte, dies Alles ist in der Geschichte verzeichnet. Nicht ist dies der Fall mit dem prächtigen Liebesromane seines Lebens; in der holden Sängerin Clara von Detten, einer Augsburger Patriziertochter, hatte er ein wackeres Weib errungen, welches ihm eine beneidete Häuslichkeit schuf. Noch sind Lieder vorhanden, welche den Reiz und die Tugend dieser seltenen Frau preisen und sie den Stolz ihres Jahrhunderts nennen. Dem Neffen wahrte Friedrich treulich Land und Krone. Seine eigenen Nachkommen sind heute noch in den fürstlichen Häusern von Löwenstein vertreten. –

Den freundlichen Lesern die Moral aus der vorstehenden Mittheilung zu ziehen, darf mir wohl erlassen bleiben, kann sie doch kaum anders lauten, als: „Vor Jahrhunderten so wie heute.“ Möge nur allenthalben der schleichenden Intrigue des Schwarzen und seiner Verbündeten, die auf Aberglauben und Schwachheit der Menschen ihre Pläne richtet, ein ähnliches Ende bereitet werden, wie es vor mehr als vier Jahrhunderten schon sammt ihren Spießgesellen die Muttergottes auf dem Heidelberger Schlosse erfuhr!




Blätter und Blüthen.


Der Heimgang eines Unglücklichen. Wenige kennen wohl den Namen: Johannes Kugler, den einzig die Erzählung „Im Fegefeuer“, welche im „Salon“ erschien, in weitere Kreise getragen hat. Die Natur überschüttete den vor Kurzem Dahingegangenen in ebenso verschwenderischer Laune mit den reichsten Gaben des Geistes und Gemüthes, wie sein Lebensschicksal ihm in stiefmütterlicher Grausamkeit all diese köstlichen Gaben, noch ehe sie voll erblüht waren, schmählich verkümmerte. Sein erschütterndes Ende ist von einer so fürchterlichen Tragik, daß es ihm noch im Grabe die Herzen Aller gewinnen wird, welche die Geschichte seines Lebens und Leidens vernehmen. Diese entwirft uns Adolf Wilbrandt in der Einleitung zu jener soeben von ihm aus dem Nachlasse des Freundes herausgegebenen Erzählung „Im Fegefeuer“. – Johannes Kugler war der Sohn des bekannten Kunsthistorikers Franz Kugler und dessen Gattin, der Tochter des Criminalisten und Biographen Hitzig. Nach einer an nachhaltigen geistigen Eindrücken überaus reichen Kindheit wandte sich der geistvolle Jüngling zuerst dem Studium der Naturwissenschaften zu, vertauschte aber dann die akademischen Hörsäle mit den Ateliers bedeutender Künstler und warf sich endlich ganz der Malerei in die Arme. Von früher Jugend an durch ein immer wachsendes Nervenleiden in seinen geistigen Bestrebungen gehemmt, gestaltete sich sein Leben zu einem heldenhaften Kampfe seines von edlem Ehrgeize entflammten Geistes mit einem siechen Körper: in München, Weimar, Rom und wieder in München hat er diesen Kampf tapfer gekämpft, bis seine Kraft erschöpft war. Wilbrandt schildert sein Ende folgendermaßen:

„Als seine Krankheit hoffnungsloser und qualvoller wuchs, hielt ihn weniger seine Entsagungs-Philosophie, als die Liebe zu seiner Mutter auf der Erde zurück, zu dieser in Glück und Unglück hochgestellten Frau, in deren geräuschlosem Lebenslaufe sich alles Schönste und alles Schrecklichste dieser Welt erschöpfen sollte. Sie hatte zuerst im Hause ihres Vaters (des Biographen Hoffmann’s, Chamisso’s, Zacharias Werner’s), dann ihres Gatten, zuletzt ihres Schwiegersohns Paul Heyse, gleichsam drei Generationen von Dichtern, Künstlern, bedeutenden Menschen jeder Art erlebt, Huldigung, Verehrung, hingebende Liebe in jedem Lebensalter wie Lebenslust genossen; ihre Schönheit, ihre seelenvolle Anmuth, ihre ‚ewige Jugend‘ schlossen immer neue Zauberkreise um ihre zarte Gestalt. Dafür schonte sie auch das Schicksal nicht; sie, die nur in der Liebe und Treue der Ihren und in unerschöpflicher Opferfreudigkeit lebte, mußte Gatten, Tochter und Enkel sterben sehen, und diesen Sohn, ihren Benjamin, sah [55] sie in seinem endlosen Leiden dahinsinken. Enger und enger ward das Leben um sie her; es schloß sich endlich zu dieser Gemeinsamkeit von Mutter und Sohn zusammen, die – keinem anderen Verhältnisse dieser Art vergleichbar – fast wie ein geschwisterlicher Freundschaftsbund war, voll aller Offenheit, Wahrheit, Zartheit, die Menschen gegeben ist. Er hing an ihr mit leidenschaftlicher Liebe, wie sie an ihm. Er hatte den Rest seiner Gesundheit ihr geopfert, als er sie in schwerer Krankheit ruhelos bis zur Selbsterschöpfung pflegte; nun vergalt sie's ihm, opferte ihm ihre zarten Kräfte. Sollte er zu allen Schmerzen, die sein Schicksal ihr schon bereitet, ihr auch den noch zufügen, sie durch selbstgewählten Tod zu verlassen? – Jahre lang hatte er sich diese Frage auch in den fürchterlichsten Stunden verneint. Wie oft hat er mir schon in den Zeiten unseres Zusammenlebens bekannt, daß nur die Rücksicht auf die Mutter ihn hindere, sich zu erlösen. Ueber die Sache selber dachte er wie ich: daß nur ein bestimmter Jenseitsglaube, dem das Diesseits nur eine sittliche Vorschule ist, den freiwilligen Tod ein- für allemal verdammen kann; daß nach jeder andern Anschauung es des Menschen Recht ist, ein Leben, das übermäßige, am Leben hindernde Qual und keine Zukunft hat, mit freiem Entschlusse zu verlassen.

Er hatte keine Zukunft; seine Leiden konnten nur wachsen, bis sie ihn tödteten; – nach seinem Ende hat sich's vollends zweifellos ergeben. Doch noch lange Monate, noch Jahre unermeßlichen Elends konnten seiner warten. Sollte die Liebe zu einem andern lebenden Wesen, das ihn zu eigener Qual endlos leiden sah, ihn bis zur letzten Stunde an dieses Elend festschmieden? – Woche um Woche, Monat um Monat sah der Unglückliche dieser Frage unentschlossen in’s eherne Gesicht. Seine Phantasie, seine Künstlerfeder wandte sich mehr und mehr dem Abgrunde zu; in Zeichnungen von furchtbarer Gewalt oder grauenhaftem Humore schilderte er sich in allen Stadien seiner Leiden oder als Candidaten des Todes: der ‚Unterleibskrampf‘ windet sich in Gestalt einer riesenhaften, ihn angeifernden Schlange um seinen Leib, während das Gerippe ‚Tod‘, vor seinem Bette liegend, nach ihm greift; oder wie einen Bären führt man ihn am Stricke umher; der Tod geht trommelnd vorauf; das Gerippe eines Aeffchens, auf einem Hunde reitend, fiedelt dazu. Oder der von Pfeilen durchbohrte Märtyrer Sebastian bringt ihn, der – eine ungeheure Phantasie – sich selber trägt, zur himmlischen Dreieinigkeit hinauf: ‚wegen unbefugten Martyriums, wegen hartnäckiger Heiterkeit der Seele, wegen gottloser Schriftstellerei wird Inculpat per Schub über die Grenzen des himmlischen Reiches geschafft‘. Freundlicher ein anderes Bild, ‚Feierabend‘ betitelt: der Märtyrer sitzt erlöst, voll Behagen rauchend, den Bierkrug zur Seite, im Himmel neben Gott Vater, der, aus einer gewaltigen Pfeife dampfend, den Bierkrug in der Hand, David Strauß’, ‚der alte und der neue Glaube‘ im Arme, von Engeln umschwebt, auf der Weltkugel thront; sie plaudern und disputiren: ‚mit echt theologischer Hartnäckigkeit‘ (wie eine Beischrift sagt) ‚hielt Gott Vater an seiner eigenen Existenz fest, und konnte es David Strauß nicht verzeihen, daß er sie ihm beständig streitig machte‘. Doch dieser lindernde Humor hielt immer seltener Stand. Das Auge seines Geistes gewöhnte sich an den Tod. Elf Monate schon vor seinem Ende (zweiunddreißig Jahre war er damals alt) hatte er in sein poetisches Taschenbüchlein geschrieben:

     Ach, sterben müssen
Ist nicht das Schlimmste;
Weit schlimmer ist es,
Nicht leben können
Und leben müssen.

Leben müssen! – Eine plötzliche Steigerung seiner Krankheit, die auch seine Brust, seinen Hals mit so häufigen, unerträglichen Erstickungskrämpfen ergriff, daß er im Todeskampf zu vergehen meinte, entschied endlich über sein gefoltertes Herz. Er beschloß zu sterben. In der Stille der Nacht – nachdem er noch lange Tage und Nächte, wie es scheint, in heißer Noth mit diesem Entschluß gerungen – mischte er sich aus seinem Vorrath von Morphium und andern Schlafmitteln den letzten Trank, und schrieb am Schreibtisch der Mutter einen Abschiedsbrief, worin er mit Worten, die jedes Herz ergreifen müssen, sich ihre Verzeihung erbat, daß er sie, die über Alles Heißgeliebte, verlasse. Am Morgen fand sie ihn, in tiefster Betäubung, noch athmend, doch rettungslos, wie es schien. Ein energischer Versuch des herbeigeholten Arztes, ihn zu erwecken, hatte keinen Erfolg. Der Tag war gekommen, den sie, wer kann sagen wie lange schon, gefürchtet hatte. Der Tag, den vielleicht auch sie schon lange sich als ihren letzten gedacht hatte: die letzte hohe Aufgabe ihres Lebens war mit ihm zu Ende, und ein qualvolles, unheilbares körperliches Leiden, früher oder später sicherer schwerer Tod, lastete auch auf ihr. Als der letzte Gedanke an seine Rettung sie verlassen hatte, ging sie still und stumm in ihr Schlafgemach, trank das Gift, das sie als Schlaftrunk für ihn vorausbereitet, kam an sein Bett zurück, küßte ihn noch einmal, und setzte sich in ihren Lehnstuhl seinem Bett gegenüber, um so ihren letzten Blick auf ihn zu richten. Ihr Schwiegersohn hatte sie einen Augenblick das Zimmer verlassen sehn und kein Arg dabei gehabt; in unveränderter Haltung kam sie wieder herein; – so saßen sie beide, bis eine Veränderung in ihren Zügen Heyse erschreckte. Er denkt noch an eine Ohnmacht. Doch sie verliert das Bewußtsein, um nicht mehr zu erwachen.

Wäre diese ihre letzte Stunde auch die ihres Sohnes gewesen, und hätten wir die Beiden, die mit einander gelebt und geduldet hatten, mit einander begraben! – So einfach, so menschlich endete diese Tragödie nicht. Der Unglückliche, durch den langen, wachsenden Gebrauch dieser Schlafmittel gegen sie abgehärtet, sollte, gegen jede Erwartung, das Gift noch überwinden. Mit furchtbarem Entsetzen sehen seine Nächsten, wie gegen Abend das Leben in ihm sich rührt, während es in der bewußtlosen Mutter, mechanisch noch fortkämpfend, nach und nach erlöscht. Man schafft ihn in’s Krankenhaus, um ihm – der noch betäubt daliegt – einstweilen, wenn er erwacht, das Schicksal der Mutter zu verhehlen, ihm vorzuspiegeln, daß ein Nervenfieber, in das sie verfallen, die größte Ruhe in der eignen Wohnung nöthig mache. In der tiefen Nacht kommt er zu sich; doch noch immer schläft sein Gedächtniß, er weiß nicht, wer er ist, was er erlebt hat; der fremde, alterthümliche Raum neckt seine Phantasie; mit wundersamer Neugier wartet er auf die Lösung dieser Räthsel. Auch daß eine barmherzige Schwester hereintritt, daß er auf seine Frage hört, er sei im Krankenhaus, klärt ihn noch nicht auf, in welchem Jahrhundert und welches Ich er ist. Endlich fällt die letzte Wohlthat dieses Schleiers von ihm ab; er besinnt sich auf sein unglückliches Selbst. Er glaubt, seine Nächsten haben ihn hierher geschafft, um ihn mit Gewalt im Leben festzuhalten; er glaubt von aller Welt verurtheilt und verlassen zu sein. Da er sich in wilder Verzweiflung durch’s Fenster hinausstürzen will, hält der Krankenwärter ihn fest. Aus kleinen zufälligen Zeichen, mit dem Scharfsinn des Herzens erräth er bald, daß seine Mutter nicht krank, daß sie todt ist. Zwar weiß er nicht, daß sie sich selbst getödtet, aber er sagt sich, daß er sie getödtet hat. Er seine Mutter! Diese Mutter! Und er, er soll sie überleben!

Nein; sage mir – oder uns, seinem Bruder, Schwager, Freund, die wir ihn so wiederfanden, die wir alle fühlten wie er – sage uns der gemeine Lebenssinn der Menschen, was er will: diese Todte überleben konnte er nicht. Zwar – um kurz zu sein – nachdem er im Krankenhaus, dann in der eigenen Wohnung (in die wir ihn auf sein dringendes Verlangen zurückschafften) mit halber Kraft und unzulänglichen Mitteln noch zwei neue Fehlversuche, sich zu tödten, gemacht hatte, trieb ihn gleichsam ein Aberglaube, daß er nicht sterben solle, noch einmal in’s Leben zurück, und in meine Hand versprach er mir, sein Letztes zu versuchen, ob er sich in’s Dasein finden könne. Seine wundersame Genußkraft flackerte nochmals, herzerschütternd, auf; seine zärtliche, in Dankbarkeit schwelgende Liebe zu uns, den Freunden seiner Jugend, die wir nun, wie sich von selbst verstand, nur für ihn lebten, – sein aufglühendes Herz täuschte ihm noch eine Möglichkeit vor, die es nicht für ihn gab. Doch er zeigte uns noch einmal Alles, was wir an ihm verloren; er zeigte uns den liebenswerthesten Menschen, der noch am Abgrunde des Todes, in tief wühlendem Gram und in flüchtiger, genialer Heiterkeit, die duftendsten Blüthen seiner Seele für uns pflückte. Nie wird in mir das Bild dieser Tage verblassen, die ich nicht schildern kann, denen Aehnliches wohl selten ein Mensch erlebt. Der Traum, daß er noch leben könne, war bald ausgeträumt. Der Schatten seiner Todten zog ihn sich nach. Nach einem letzten unglücklichen Versuch (mit den Scheeren der Mutter), durch Oeffnen der Adern zu sterben, half er sich in der nächsten Nacht – vom 12. auf den 13. December 1873 in die schmerzlose Stille der Ewigkeit hinüber.

Ich ende hier. Wer nicht mit ihm fühlt, für den habe ich nicht geschrieben; wer mit ihm fühlt, dem hab' ich nichts mehr zu sagen.

Ist dieses Bild eines edlen Kämpfers und Dulders dem Leser an's Herz gedrungen, so wende er sich dem sonnigeren Bilde zu, das dieser Dulder selbst in seinem 'Fegefeuer' von sich aufgestellt, in dem er mit großem, thränenbefeuchtetem Humor sein Schicksal verklärt hat. Darin wüßte ich dieser Geschichte – so wenig in ihr die novellistische Form zu bedeuten hat – nichts in unserer Literatur zu vergleichen. Ihr Grundton erinnert hier und da an den 'Onkel Benjamin' des Claude Tillier, ein Buch, das er mit Vorliebe wieder und wieder las, weil er sich ihm im Ernst und Scherz blutsverwandt fühlte. Doch zuletzt singt er doch sein eigenes, singt sein deutsches Lied, und daß es sein erstes und sein letztes war, wird ihn, denk' ich, seines Zweigs im deutschen 'Dichterhain' nicht unwürdig machen.

Lebe fort, theurer Hans, in Deinem Humor, Deinem seelenvollen Gram, Du, der Du ein echter Mensch warst! Lebet fort, ihr geliebten Todten!




Ein Sylvesterabend im Sanct Bernhardshospiz. Im Hinblicke auf den erschütternden Unglücksfall, welchem in den letzten Tagen des Novembers vorigen Jahres eine Schaar von Reisenden, die den Paß des Großen Sanct Bernhard überschreiten wollte, zum Opfer fiel, darf ich wohl voraussetzen, daß die nachfolgende Schilderung des Sanct Bernhardshospizes bei den Lesern der Gartenlaube einiges Interesse erwecken werde.

Ich brachte den Winter eines der letzten Jahre in Vevey am Genfer See zu, wo ich in einer jener Pensionen wohnte, welche auch dem weniger Bemittelten einen längeren Aufenthalt in jener herrlichen Gegend als nicht so außerordentlich theuer erscheinen lassen, wie man wohl häufig annimmt. In den Unterhaltungen unserer Gesellschaft war natürlich häufig davon die Rede, wohin man beim Beginne der günstigeren Witterung Ausflüge machen solle, allein, da wir uns zu jener Zeit im December befanden, so schienen diese Ausflüge doch noch weit vor uns zu liegen.

Wiederholt dagegen hatte ich von geborenen Schweizern gehört, wie eigentlich von den Tausenden und aber Tausenden, welche alljährlich in den wenigen Sommermonaten die Schweiz durcheilen, keiner die ganze erhabene und majestätische Schönheit dieses Landes kennen lerne, denn dazu müsse man die Alpenwelt im Winter sehen. Da nun zu jener Zeit sich das Leben in unserer Pension etwas einförmig gestaltete, konnte ich dem Wunsche nicht widerstehen, auch im Winter einen Ausflug in die Hochalpen mitten hinein zu unternehmen, und bestimmte mir selbst den 31. December als den Tag, an welchem ich an die Pforten des Sanct Bernhardshospizes klopfen wollte. Ich wußte, daß nur der letzte Theil des Weges wirkliche Schwierigkeiten bieten konnte, und fuhr daher erst am 30. December früh sieben Uhr mit der Eisenbahn nach Martigny. Schon diese Fahrt durch das Rhonethal erwies sich als ungemein lohnend, denn ununterbrochen boten sich dem Auge die gewaltigsten und wechselndsten Gebirgsformationen in nächster Nähe dar.

Ueber Martigny und durch das Thal der Dranse gelangte ich nach dem vielgepriesenen Hospiz. Als es nach einer langen ermüdenden Wanderung durch das sogenannte Todtenthal mit meiner Fähigkeit zu steigen fast [56] vorbei war und jene Gleichgültigkeit bereits begann mich zu beherrschen, welche die größte Feindin des einsamen Wanderers in solchen Regionen ist, bogen mein Führer und ich um eine Felsecke, und in der beginnenden Abenddämmerung sahen wir das schmucklos einfache, aber geräumige und ungemein fest gebaute Hospiz vor uns liegen. Der Anblick verlieh neue Kräfte; noch eine gewaltige Anstrengung, und wir hatten die Höhe des Passes gewonnen. Laut erklang die Glocke, welche den Obdach suchenden Reisenden ankündigt. In der Pforte erschien die dunkle Gestalt eines der Mönche, welche das Kloster bewohnen und eine so segensreiche Thätigkeit in diesen verlassenen Regionen entfalten. Freundlich und herzlich hieß er mich willkommen, und während mein Führer vom Klostergesinde in die unteren Räume gebracht wurde, geleitete mich der „Bruder“ in ein geräumiges Zimmer im Hochparterre. Bald brannte ein lustiges Feuer in dem mächtigen Ofen, und vor mir dampfte eine brodelnde Theemaschine, deren Inhalt mein halberstarrtes Blut bald wieder in voller Lebendigkeit kreisen ließ. Nachdem ich mich ein wenig geruht und nothdürftige Toilette gemacht hatte, hörte ich wiederum das Läuten einer Glocke, und alsbald erschien jener Mönch, welcher mich bei meinem Eintreffen bewillkommt hatte, um mich zum Diner einzuladen, falls ich anders Lust hätte, dies mit sämmtlichen Brüdern gemeinsam im Refectorium einzunehmen.

Nichts konnte mir willkommener sein, und ich folgte dem Mönche dorthin. Ein eigenthümlicher Anblick erwartete mich. Als sich die Thür geöffnet hatte, trat ich in ein sehr geräumiges, durch mehrere Lampen gut erhelltes Gemach. Die Wände waren mit von der Zeit fast schwarz gewordener glänzender Eichentäfelung bekleidet; ein einziges, aber vorzügliches Gemälde, die heilige Jungfrau darstellend, schmückte dieselben. Auf der rechten Seite befand sich ein versenkbares Büffet, welches in die Küche herabgelassen, dort mit Speisen besetzt und dann wieder aufgewunden wurde. Die linke Seite der Wand nahm eine lange Tafel ein, und um dieselbe herum standen neunzehn Mönche des Klosters, oben, neben dem Ehrensitze, der Prior. Mit höflicher Verbeugung trat er mir entgegen und lud mich ein, an seiner Seite Platz zu nehmen; dann sprach er ein Tischgebet, in welches bei gewissen Worten Alle mit einstimmten, und dann setzte man sich. Ich gewann Muße, mich umzusehen und bemerkte zu meinem Erstaunen fast lauter junge Leute, etwa in der Mitte der zwanziger Jahre stehend. Ich werde später hierauf zurückkommen. Die Tracht Aller war die gleiche: ein langer schwarzer Rock mit Taille, schwarze Schnallenschuhe und eine barettartige Kopfbedeckung, welche im Sommer mit Hüten vertauscht wird. Sie trugen ferner schärpenartig ein schneeweißes Band, welches um den Hals geschlungen wird und bis zur Taille reicht.

Die Mahlzeit begann, und ich that ihr alle die Ehre an, welche man einer vortrefflichen Küche nach sechsstündigem Bergsteigen erweisen kann. Als Getränk war ein sehr guter Rothwein vorhanden, von dem jeder nach Belieben genoß. Wir führten ein höchst lebhaftes Gespräch, und ich fragte, ob man in irgend einer Weise den heutigen oder morgenden Tag, als Ende und Anfang eines Jahres, besonders feiere, erfuhr aber, daß dies nicht geschehe. Nachdem die jüngsten der Brüder nach Beendigung des Mahls die Tische geräumt hatten, wurde wiederum ein Dankgebet gesprochen, und dann begann die sogenannte Erholungsstunde, in welcher es gestattet ist, alle möglichen Spiele, außer Kartenspiel, vorzunehmen. Bald waren auch mehrere Partien Schach, Dame, Domino etc. in vollem Gange; ich spielte mit dem Prior und einem jüngeren Mönche eine Partie Domino. Allein die geistlichen Brüder waren Meister des Spiels und mir weit überlegen, so daß ich schmachvoll alle Partien verlor. Als es fast neun Uhr war, empfahl ich mich meinen gastfreien Wirthen und suchte meine Zelle auf. Eine behagliche Wärme strömte mir entgegen; der riesige Ofen meinte es gut.

Der gewaltigen Strapaze, welcher ich mich unterzogen hatte, war eine Uebermüdung gefolgt, und es widerstrebte mir, zu Bett zu gehen. Die vorsorglichen Mönche hatten mir eine Flasche Wein in mein Zimmer gestellt. So blieb ich denn beim fröhlich blinkenden Glase, wenn auch allein, nach guter deutscher Sitte wach, bis die Klosterglocke Mitternacht und den Beginn eines neuen Jahres verkündigte. Neujahr, mehr als achttausend Fuß über dem Meere trank ich dir mein „Willkommen!“ entgegen.

Mitternacht war vorüber, meine Flasche geleert. Ich eilte, mich zur Ruhe zu begeben. Mit Hülfe eines kunstgerechten Turnersprungs gelangte ich in das enorm große Bett, in welchem ich bald einem erquickenden Schlafe anheimfiel. Ich glaubte mich erst soeben eingeschlafen, als mich die lauten Töne einer Glocke weckten; gleich darauf vernahm ich Gesang und Orgelspiel. Ich machte Licht und sah, daß es eben fünf vorbei war; das Tagewerk der Brüder begann also ungemein früh. Um sieben Uhr stand ich auf, erhielt ein vortreffliches Frühstück und machte mich fertig, meinen Rückweg anzutreten. Ehe ich jedoch denselben begann, bat ich den Mönch, der mir bereits gestern zur Hand gegangen, mir sein Kloster zu zeigen. Gern kam er meinem Wunsche nach, und wir begaben uns zunächst in das Erdgeschoß. Ich betrachtete mir dort die Wohnungen der Klosterknechte, die vortreffliche Küche und mit besonderem Interesse die weltberühmten riesigen Hunde. Es waren ihrer etwa acht damals oben, sie lagen in allen möglichen bequemen Stellungen in der Gesindestube herum. Alle waren gelb und weiß gefleckt, dabei nicht eigentlich langhaarig. Der Mönch erzählte mir, daß die frühere Race, welche langhaarig war, ausgestorben sei, daß aber die jetzige im Schnee besser verwendbar sei, als die frühere. Dann begaben wir uns wieder nach oben. Ich drückte mein Erstaunen aus, lauter so junge Leute hier zu sehen, und erfuhr, daß nur drei der Brüder über dreißig Jahre alt seien, während keiner von ihnen bereits das vierzigste Jahr erreicht hatte. Mein Begleiter war am längsten von Allen oben, nämlich neun Jahre. Er erklärte mir, daß die Luft, verbunden mit der strengen Disciplin des Ordens, einen längeren Aufenthalt fast unmöglich mache. Von dieser strengen Disciplin kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, daß nur die Zellen der drei ältesten Mönche geheizt werden; die Capelle ist stets ungeheizt, und dabei ist eine Kälte von fünfundzwanzig Graden dort keine Seltenheit. Die jüngeren Mönche arbeiten gemeinschaftlich im Refectorium, und jedem ist sein besonderes Studium zugewiesen.

Wir nahmen nunmehr die Capelle in Augenschein; sie ist geräumig, nicht überladen und macht einen sehr wohlthuenden Eindruck. Es ist dort eine Büchse für Beiträge im Interesse des Klosters angebracht; gern spendete ich, was mir als Dank für die gastfreie Aufnahme gut erschien. Dann gingen wir in die Bibliothek; dieselbe ist äußerst reichhaltig und wohlgeordnet, ebenso die Sammlung aufgefundener römischer Alterthümer. In einem Nebenzimmer befindet sich eine Art Bildergalerie, größtentheils Stahlstiche und Portraits fürstlicher Personen, die ihre Bilder dem Kloster zum Geschenk gemacht haben, enthaltend.

Sodann verabschiedete ich mich und dankte meinem Begleiter herzlich für die so sehr freundliche Aufnahme, welche mir zu Theil geworden. Unten erwartete mich mein Führer, der nicht minder gut verpflegt worden, und mit einem herzlichen Wunsche des Mönches für einen guten Weg, traten wir den Rückmarsch an. Er war nicht weniger schwierig, als das Aufsteigen, und erst nach manchem Ausrutschen, Versinken und mühsamen Herausarbeiten aus dem Schnee erreichten wir glücklich St. Pierre. Mein Wagen war bald bereit, und im vollen Laufe meines Maulthieres ging es nun bergab nach Orsières. Hier wurde nun ein Pferd eingespannt, und schnell war auch Martigny erreicht. Ich konnte noch den letzten Zug nach Vevey benutzen, und wenige Stunden später befand ich mich wohlbehalten in meiner freundlichen Pension. Noch lange aber werde ich mit Freuden meines Sylvesterabends auf dem Bernhardshospiz gedenken.
H. v. K.



Kleiner Briefkasten.

M. v. M. in H. Ihren Zwecken dürfte am besten die jüngst gegründete Schule der Malerei für Damen von Professor Theodor Pixis in München entsprechen. Dieselbe füllt eine empfindliche Lücke aus, da die in München seit etwa sechs Jahren bestehende Privatkunstschule für Damen vor einem Jahre vom Staate übernommen und derart umgestaltet worden ist, daß nunmehr besonders der Theil der Schule cultivirt wird, der eine Ausbildung in kunstgewerblicher Beziehung zum Ziele hat. So entstand ein sehr fühlbarer Mangel an Unterrichts-Gelegenheit für Damen, welche nach München kommen, um sich in den übrigen Fächern der Malerei auszubilden. Zweck der Pixis'schen Schule ist daher, Damen, die mit wirklichem Talente begabt sind und schon technische Vorkenntnisse besitzen, Gelegenheit zu einer höheren Ausbildung bis zur selbstständigen Kunstausübung zu bieten, sei es nun im Gebiete der Oelmalerei oder des Cartonzeichnens, wobei besonders das figürliche Element berücksichtigt werden soll, ohne daß der architektonische oder landschaftliche Theil ausgeschlossen würde. Um befriedigende Resultate zu erzielen und zu selbstständigem Schaffen genügend vorzubereiten, ist ein längere Zeit fortgesetzter systematischer Unterricht erforderlich; es werden deshalb bei der Anmeldung vorzugsweise solche Schülerinnen berücksichtigt, welche mehrere Jahre zu ihrer Ausbildung verwenden können. Bezüglich des Preises sollen folgende Normen gelten:

  1. Für den Unterricht entrichtet jede Schülerin 30 Mark.
  2. Die Auslagen für Ateliermiethe, Heizung, Modell werden von den Schülerinnen gemeinschaftlich bestritten.

R. in Bruchsal. Ueber atmosphärischen Staub findet sich in dem großen und vollständigen Lehrbuche der Meteorologie von Professor E. E. Schmid (Leipzig, bei L. Voß 1860) ein besonderer Abschnitt, (S. 789 bis 797), in welchem alles Wesentliche über diesen Gegenstand sowie die Literatur darüber zusammengestellt ist. Zur Erklärung der Morgen- und Abenddämmerung wird der Staub nicht benutzt. Bezüglich dieser Erscheinungen schließen sich die Mehrzahl der Meteorologen und Physiker den Anschauungen von Professor Clausius an, der die fortwährend in unserer Atmosphäre schwebenden sehr kleinen Dampfbläschen und die Reflexion und Brechung des Sonnenlichts an denselben zur Erklärung jener Phänomene und gleichzeitig der blauen Farbe des Himmels benutzt hat. Am Schlusse seiner gründlichen mathematischen Untersuchungen (Poggendorff's Annalen, Band 76, S. 195) drückt sich Professor Clausius wörtlich wie folgt über diesen Gegenstand aus:

„Die Erklärung der blauen Farbe des Himmels und der Morgen- und Abendröthe ergiebt sich also aus der Annahme der Dampfbläschen so naturgemäß und einfach, daß ich glaube, schon blos deshalb könnte man diese Annahme als wahrscheinlich betrachten, wie es ja auch mehrere Physiker gethan haben.“

X. Y. 50 Rthlr. Obgleich Ihre traurige Lage unser herzlichstes Mitleid erweckt, bedauern wir doch, ihre Bitte nicht eher in Erwägung ziehen zu können, als bis Sie uns ihren vollen Namen mitgetheilt haben.

Ein Deutscher in Holland. Dr. Wilhelm Jordan lebt in Frankfurt am Main. Einer genaueren Adresse bedarf es nicht.

K. in E. Sie haben das Richtige getroffen: die in unserm Artikel (Nr. 35, 1874) über den „Alten von der Schmücke“ citirte Erzählung der Thüringischen Zeitschrift ist dem in Erfurt erscheinenden „Thüringer Hausfreund“ entnommen, auf den wir bei dieser Gelegenheit alle unsere Leser, welche das schöne Thüringen lieb gewonnen haben, aufmerksam machen wollen.




Nachtrag. Zu dem Bilde „Die letzten Augenblicke Kaiser Joseph's des Zweiten“ in unserer Nr. 1 haben wir noch zu bemerken, daß das Originalgemälde von Professor Conräder in München, nach welchem unser Holzschnitt angefertigt wurde, sich im Besitze des Kunsthändlers Herrn Menkel befindet, welcher sich augenblicklich mit dem Bilde in Wien aufhält, wo dasselbe großes Aufsehen erregt.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: "lehafter"
  2. Vorlage: „Industie-Branche“

Anmerkungen (Wikisource)