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Die Experimente mit dem sogenannten thierischem Magnetismus

Textdaten
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Autor: Richard Rühlmann
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Titel: Die Experimente mit dem sogenannten thierischem Magnetismus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8–9, S. 127–130, 142–144
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[127]
Die Experimente mit dem sogenannten thierischen Magnetismus.
Von Professor Dr. Richard Rühlmann.


Schon im Alterthum war es bekannt, daß man durch Auflegen der Hand, Bestreichen mit den Fingerspitzen gelegentlich die Schmerzen eines Leidenden lindern könne. Zu einem eigentlichen Zweige der Heilkunst suchte Mesmer (geboren 1733, gestorben 1815) dieses Verfahren auszubilden. Er errang zum Theil großartige Erfolge und gebrauchte für diese Art der Einwirkungen zuerst den Namen „thierischer Magnetismus“. Die französische Regierung setzte im Jahre 1784 eine wissenschaftliche Commission zur Prüfung dieser neuen Kraft und ihrer Wirkung ein, an deren Arbeiten sich sogar Franklin und Lavoisier betheiligten. Das Resultat der Untersuchung dieser Naturforscher und Aerzte war aber für Mesmer und seinen thierischen Magnetismus so ungünstig, daß jener bald darauf Paris verließ.

Außer den eigentlichen medicinischen Wirkungen waren indeß [128] von Mesmer und seinen zahlreichen Schülern bei von Magnetiseuren behandelten Personen noch eine Menge anderer Erscheinungen beobachtet worden, die durch ihre Fremdartigkeit und den Reiz des Mystischen, der ihnen anhaftete, die allgemeine Aufmerksamkeit erregten.

Es wurden geeignete Leute, besonders zu hysterischen Zufällen geneigte Mädchen und Frauen, mit ausgespreizten Händen derart gestrichen, daß die Streichbewegungen vom Kopfe anfingen und am Körper herabgingen, wobei nur eine leise oder gar keine Berührung stattfand. Gewöhnlich versanken die derart Behandelten nach Ablauf weniger Minuten in einen mehr oder minder tiefen Schlaf. Bei Einzelnen trat nach einiger Zeit noch ein eigenthümlicher traumartiger Zustand (Somnambulismus) ein, in welchem dieselben auf Fragen, die man an sie richtete, oft unerwartet treffende Antworten gaben; von Vielen wurde sogar behauptet, sie wären in diesem Zustande hellsehend gewesen, hätten also über Vorgänge, die sich in großer räumlicher Entfernung vollzogen hätten, Auskunft gegeben; es wäre ihnen möglich gewesen, zukünftige Dinge vorauszusehen, vor ihrer Zeit geschehener Dinge sich zu erinnern u. dergl. m.

Lange stritt man darüber, ob man es in solchen Fällen mit abgefeimten Betrügern oder mit Selbsttäuschung zu thun habe, oder ob wirklich etwas Wahres an den Berichten sei. Mehrmals gelang es thatsächlich, Betrügereien bei derartigen Erscheinungen nachzuweisen, in den meisten anderen Fällen ergaben Beobachtungen, welche vorurtheilsfreie Naturforscher und erfahrene Aerzte an solche in magnetischem Hochschlaf befindlichen Somnambulen anstellten, nichts Geheimnißvolles und Unerklärliches, was nicht auch sonst im Krankenzimmer bei Nervenleidenden wahrgenommen werden könnte. Allmählich verlor das ganze Gebiet in wissenschaftlichen Kreisen derart allen Credit, daß man glaubte, gegen die Wohlanständigkeit zu verstoßen, wenn man das heikle Feld berührte, und viele wissenschaftliche Genossenschaften verbannten sogar diesen Gegenstand durch besondere Beschlüsse aus ihren Discussionen, so z. B. die Pariser Akademie der Wissenschaften im Jahre 1830.

Gleichwohl gab es zu allen Zeiten gute Beobachter und wahrheitsliebende Gelehrte, welche für die Thatsächlichkeit der wunderbarsten Erscheinungen dieser Art eintraten. Noch heute finden sich in jeder größere Stadt eine Anzahl Leute, welche durch Streichen mit den Fingerspitzen Kranke curiren zu können meinen, und sehr viele „Gartenlauben“-Leser dürften von überraschenden Curerfolgen solcher Magnetiseure seitens durchaus glaubwürdig erscheinender Freunde und Bekannter berichten gehört haben.

Gerade das Geheimnißvolle, welches diesem Gebiete anhaftet, übt einen besonderen Reiz auf fast alle Kreise der menschlichen Gesellschaft. Jener wunderbare Zug nach dem Uebernatürlichen, welcher sonst im religiösen Glauben seine Befriedigung findet, sucht, wenn dieser Glaube durch eine materialistische Zeitstimmung erschüttert, oder wenn durch eine zelotische, buchstabengläubige Orthodoxie ein Widerwille gegen die Lehren und Formen der Kirche erzeugt worden ist, meist unbewußt auf anderen Gebieten die ersehnte Beruhigung.

Immer und immer wieder haben daher bis auf unsere Tage die Anhänger der Lehre Mesmer's Gläubige gefunden, und auch heute wird es noch Viele geben, die sich Angesichts der überraschenden Resultate, welche die Magnetiseure häufig erzielen, nicht von der Irrigkeit ihrer Meinung überzeugen lassen werden, auch wenn Gegenversuche unzweifelhaft beweisen, daß es sich bei allen sicher constatirten und oft wiederholten Experimenten mit dem sogenannten thierischen Magnetismus thatsächlich nicht um eine besondere, von Person zu Person wirkende Kraft, sondern lediglich um einen eigenthümlichen Zustand des Nervensystems solcher Personen handelt, mit welchen derartige Versuche vorgenommen werden können.

Doch will ich zunächst diese Versuche beschreiben, deren Zustandekommen man einer Wirkung des thierischen Magnetismus zuschreibt, und zwar werde ich vorzugsweise von Experimenten und Beobachtungen berichten, die ich selbst angestellt habe.

Den Anlaß zu diesen Untersuchungen, an welchen mehrere Naturforscher und Aerzte unserer Stadt (Chemnitz in Sachsen) theilnahmen, gab das Auftreten des dänischen Magnetiseurs Hansen. Bald überzeugten wir uns Alle, daß man es in den eigenthümlichen Productionen dieses Mannes keineswegs mit absichtlichen Täuschungen oder mit Selbsttäuschungen der den Versuchen Unterworfenen zu thun habe, vielmehr gelang es nach einigen Bemühungen nicht nur, die nämlichen Experimente, welche Hansen in seinen öffentlichen Vorstellungen anstellte, zu widerholen, sondern auch die Versuche beliebig abzuändern und die Ursache der zum Theil sehr überraschenden Erscheinungen zu erkennen.

Um festzustellen ob eine Person sich zu solchen Experimenten eignet, läßt man sie eine Zeit lang ein helles Licht von geringer Ausdehnung, meist einen hellbeleuchteten kleinen geschliffenen weißen Stein in mattschwarzer Fassung, in einem sonst wenig hellen Raume fest ansehen, so zwar, daß sie regungslos zu verharren und alle Aufmerksamkeit nur darauf zu richten hat, daß ihre Augen von diesem hellerleuchteten Punkte nicht abweichen, während alle anderen Gedanken thunlichst zu unterdrücken sind.

Der eigenthümliche Zustand, um den es sich handelt, tritt hierauf bei manchen Menschen schon nach einigen Secunden, bei anderen erst nach längerer Dauer ein. Ist die angewendete Lichtquelle nicht zu grell gewesen und gehört die behandelte Person nicht gerade zu den im höchsten Grade Empfindlichen, so ist zunächst nichts Besonderes an dem Betreffenden wahrzunehmen. Die Pupille ist jedoch meist etwas weiter als sonst geöffnet, ein Gefühl der Schläfrigkeit und Mattigkeit macht sich bemerklich.

Läßt man nunmehr die Augen schließen, überstreicht dann mit einer gewissen Feierlichkeit, die in dem Betreffenden die Ueberzeugung hervorruft, es geschehe etwas Außerordentliches mit ihm, dieselben einige Male mit den Fingerspitzen und sagt in bestimmtester, überzeugendster Weise, es sei nicht möglich, dieselben zu öffnen, so sind Empfindliche in der That, trotz der größten Muskelanstrengung, nicht fähig, die Augen zu öffnen; die Lider sind wie zusammengeklebt.

Hochgradig Empfindliche verlieren schon bei dieser ersten Operation, oft schon durch scharfes Ansehen des Experimentators, vollkommen das Bewußtsein und geraten in einen eigenthümlich traumartigen Zustand; andere verfallen sogar in einen tiefen, ohnmachtartigen Schlaf, in welchem sie vollkommen starr und steif sind. Die Glieder behalten zwar ihre ursprüngliche Geschmeidigkeit, verharren aber in dieser Starrsucht in jeder noch so gezwungenen Stellung, die ein Mensch im bewußten Zustande kaum anzunehmen im Stande wäre.

Plötzliches Anblasen, Anwedeln mit einem Tuche, ein rascher, lauter Ausruf: „Wach auf!“ genügt, um die Möglichkeit, die Augen zu öffnen, wieder zu geben. Bei Solchen, welche schon beim erstmaligen Augenschließen bewußtlos oder starrsüchtig geworden sind, ist meist längeres Zuwedeln kalter Luft oder gar das Benetzen der Stirn und des Nackens mit kaltem Wasser nöthig, um ein Erwachen und die vollständige Rückkehr eines normalen körperlichen und geistigen Zustandes herbeizuführen.

Bei sehr Vielen gelingt nichts weiter, als das Schließen der Augen. Bei Manchen jedoch kann man durch Nachahmung des magnetischen Streichens auch andere Muskelpartien: die Kaumuskeln, den Arm, die Hand, ein Bein, beide Beine, einzelne Finger, den ganzen Körper starr machen, ohne den Betreffenden wirklich das Bewußtsein zu rauben. Derartige Versuche gelingen jeder Zeit dann, wenn man die geeignete Person, welche dem Versuche unterworfen wird, die Augen offen halten läßt – denn sonst schwindet leicht das Bewußtsein – und ihr in bestimmtester Weise nach Vornahme der betreffenden Operation erklärt: „Jetzt geht die geballte Faust nicht auf,“ oder: „Der Finger ist vollständig steif“ u. dergl. m.

Bei vielen von Hansen und auch von uns untersuchten empfindlichen Leuten trat nach kurzer Zeit in den behandelten Gliedern ein heftiger, auch äußerlich sichtbarer Starrkrampf ein; dies ist der beste Beweis dafür, daß es sich bei diesen Experimenten nicht etwa blos um Selbsttäuschungen der Objecte über die Fähigkeit handelt, die Glieder willkürlich bewegen zu können.

Ist eine Person einmal so weit zu solchen Versuchen geeignet, so gelingt es fast immer, mit derselben weiter noch frappantere Resultate zu erzielen. Man kann nämlich dieselbe vollkommen steif machen, sei es im bewußten Zustande, also vorzugsweise bei geöffneten Augen, sei es im Zustande der Bewußtlosigkeit. Hansen legt z. B. solche Leute, die er völlig starr gemacht, mit dem Kopfe und mit den Füßen auf zwei Stühle (Fig. 2), sodaß der ganze Körper frei in der Luft schwebt, und setzt oder [129] stellt sich auf diese lebende Brücke.[1] Die Einbiegung, welche der Körper solcher Starrsüchtigen bei einer so bedeutenden Belastung erfährt, ist deutlich wahrnehmbar, aber nicht sehr erheblich. Ferner kann man sich auf die horizontal ausgestreckten Füße eines auf einem Stuhle Sitzenden und dort durch Niederdrücken Festgehaltenen stellen (Fig. 1), nachdem man Unterleib, Schenkel und Beine in diesen Zustand der Starre gebracht hat.


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Hansen’sche Experimente. (Fig. 1.)


Sind die, welche zu diesen Experimenten brauchbar sind, während des Versuches in leidlich zurechnungsfähigem Zustande geblieben, was, wie schon mehrfach erwähnt, durchaus nicht immer der Fall ist, so geben sie an, nur einen mäßigen Druck von der kolossalen Last zu empfinden, ungefähr den, welchen sonst einige Pfunde Gewicht ausüben würden.

Diese Versuche, durch welche der Magnetiseur Hansen in seinen öffentlichen Productionen stets stürmischen Beifall erregte, sind übrigens durchaus nicht so erstaunlich, wie sie dem Publicum erscheinen. Jeder kräftige Mann, zumal ein guter Turner, ist im Stande, ohne Weiteres genau dasselbe zu leisten, wie ich mich oft durch eigene Versuche und Anschauungen überzeugt habe. Der Unterschied ist nur der, daß solche in den Zustand der Starrsucht Versetzte keine wesentliche Anstrengung dabei empfinden oder eine solche wenigstens nicht äußerlich kund geben.

In den steif gemachten Muskeln wird Kneipen mit den Nägeln nicht mehr als Schmerz wahrgenommen, und ich habe selbst oft Nadeln ziemlich tief in sehr empfindliche Stellen des Körpers eingestochen, ohne daß man eine unangenehme Empfindung äußerlich an den Versuchspersonen bemerken konnte. Bei Manchen ging die Empfindungslosigkeit so weit, daß man die Nasenschleimhaut mit Federn kitzeln konnte, ohne daß die normale Reaction des Niesens oder sonst irgend eine Wirkung eintrat; selbst die Pupille, welche sonst bei momentanen Einwirkungen grellen Lichts sich jäh zusammenzieht, zeigte, kaum merkliche Verengungen, wenn plötzlich ein heller Lichtstrahl in das Auge geworfen wurde.


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Hansen’sche Experimente. (Fig. 2.)


Ich will jedoch nicht verschweigen, daß bei einigen Leuten, die sonst zu den meisten Versuchen brauchbar waren, es nie gelang, die Empfindsamkeit in ähnlicher Weise vollständig zu unterdrücken.

Neben diesen fast ausschließlich den Körper betreffenden immerhin sehr überraschenden Erscheinungen lassen sich jedoch mit vielen Personen noch weit auffallendere, vorzugsweise dem geistigen Gebiete angehörende Versuche anstellen. Zu denselben eignen sich keineswegs immer gerade die, mit welchen die Versuche der vorher beschriebenen Art gelungen waren, wie denn überhaupt unter den Empfindlichen eine überraschend reiche Mannigfaltigkeit der Abstufung und Qualifikation existirt.

Ich beschreibe zunächst eine Reihe von Versuchen, die ich mehrfach vor einer großen Zahl von Zeugen mit einem siebenzehnjährigen, gesunden und kräftigen Mädchen angestellt, mit anderen männlichen und weiblichen Personen unter zum Theil wesentlich abgeänderten Umständen öfters wiederholt habe. Jenes Mädchen erwies sich als zu allen für ihr Geschlecht sich eignenden Experimenten der theilweisen und totalen Körperstarre brauchbar, und es hatte sich bei ihr die volle Ueberzeugung festgesetzt, daß ich eine besondere, geheimnißvolle Einwirkung auf sie auszuüben im Stande sei; es genügte daher ein vorübergehendes festes Ansehen meinerseits, um sie vollständig jedes eignen Willens zu berauben und in einen lebenden, meinem Willen vollkommen unterworfenen Automaten zu verwandeln.

Zeigte ich in die Höhe und sagte ihr, über ihr hingen an einem Baume schöne, rothbackige Aepfel von besonderem Wohlgeschmack, so richtete sie ihre Blicke verlangend nach den Stuckverzierungen der Decke, und auf meine Aufforderung langte sie, wie ein moderner Tantalos, vergeblich darnach. Als ich ihr nunmehr eine rohe geschälte Kartoffel oder eine Zwiebel in die Hand gab und ihr sagte, es sei dies einer dieser delicaten Aepfel, sie möge ihn nur kosten, so aß sie mit allen Zeichen des Wohlgeschmacks von dieser Kartoffel oder Zwiebel, und die Geschmacksnerven straften die ihr eingeredete Ueberzeugung nicht Lügen.

Eine unter dem Nähtische der Hausfrau stehende vierbeinige Fußbank hielt sie für einen Hund, nachdem ich ihr gesagt, es sei ein schwarzer Pudel, und sie verrieth in ihren Mienen deutlich Furcht, als ich äußerte, der Hund wolle sie beißen. Hierauf trank sie mit größtem Behagen farbloses Salzwasser für Rothwein, einen scharfen Liqueur für Weißwein, nachdem ich ihr gesagt hatte, es sei dies oder jenes. Ein Glas reines, brunnenkaltes Wasser kostete sie mit größter Vorsicht und nahm ängstlich nur kleine Schlucke, weil ich ihr versichert hatte, es sei heißer Kaffee.

Als ich ihr hierauf befahl ihrem Bräutigam zu schreiben, der doch so lange schon vergeblich auf einen Brief warte, nahm sie ein ihr als Feder gereichtes Messer, tauchte dies in ein ihr als Tintenfaß vorgestelltes Wasserglas und schrieb mit Riesenlettern, aber immerhin deutlich erkennbar auf den Tisch, dessen schwarze Decke ich für weißes Briefpapier ausgegeben hatte: „Lieber Gustav“. Weiter setzte ich diesen Versuch nicht fort, um nicht widerrechtlich in die Geheimnisse des jungen Herzens einzudringen.

Ich ließ sie einstweilen stehen und versetzte ein zweites junges Mädchen, welches ebenfalls empfindlich und von meinen geheimnißvollen Kräften felsenfest überzeugt war, durch einige Secunden dauerndes scharfes Ansehen in denselben Zustand, worauf ich sie als den gleichfalls anwesenden Dr. X. begrüßte. Ich versicherte diesem Herrn Pseudo-X., der heutige Ballabend sei doch höchst amüsant, und fragte, ob er schon mit Frau M. getanzt habe? Nachdem ich ihn alsdann zu der andern Magnetisirten geführt, welche regungslos stehen geblieben war, und diese gefragt hatte, sie wisse doch, daß sie Frau M. sei, was sie bejahte, eröffnete ich der Pseudo-M., Herr Dr. X. wollte sie zum nächsten Tanze engagiren.

Inzwischen hatte ein mit anwesender Herr auf einem in der Nähe befindlichen Flügel leise und dann mit allmählich zunehmender Stärke begonnen, einen Walzer zu spielen. Auf [130] meinen Befehl machte der Pseudo-X. der Frau Pseudo-M. eine graziöse Verbeugung als Herr, so regelrecht, wie sie die Tanzstunde nicht besser lehren kann, und seine Tänzerin erwiderte das Compliment durch einen nicht minder zierlichen Knix. Das Paar begann nach der Melodie zu tanzen, gerieth allerdings vorübergehend aus dem Takte, jedenfalls weil das Mädchen nicht gewöhnt war, als Herr zu tanzen, hielt deshalb auch einen Augenblick an, genau wie man das im Ballsaal oft genug sieht, walzte aber schließlich einige Male flott im Zimmer umher.

Ein gebieterisches „Halt!“ ließ plötzlich die Musik verstummen, und das Paar stand, wie zum Tanz verschlungen, eine reizende Gruppe bildend, gebannt im Zimmer.

Als ich nunmehr durch den Ruf: „Auf!“ und heftiges Anblasen und Anwedeln beide Mädchen weckte, hatte keine von ihnen die mindeste Ahnung von dem, was geschehen war.

Versicherte ich solchen Traumwachen, sie könnten von meiner Hand nicht los, so folgten sie mir, als ob sie angeheftet wären, durch alle Zimmer. Ja, bei Vielen genügt der bloße Blick und die durch Bewegung und Mienenspiel gegebene Andeutung, sie sollten dem Experimentator folgen, um sie aus großen Entfernungen herbei zu citiren. Machte ich hierauf eine entgegengesetzte Bewegung, welche die Absicht einer Zurückstoßung erkennen ließ, so wichen die Versuchsobjecte ebenso geduldig zurück.

Sind solche Experimente eine Zeit lang fortgesetzt oder öfter wiederholt worden, so gewinnen die den Versuchen unterworfen gewesenen Personen eine solche felsenfeste Ueberzeugung von der Gewalt des mit ihnen Operirenden über sie und von der Erfolglosigkeit jeden Widerstandes gegen dessen Einwirkung und Willen, daß der bloße Verdacht, es solle etwas mit ihnen geschehen, sie sofort aus dem Zustande bewußten und selbstgewollten Handelns in einen Zustand versetzt, in welchem sie in der That mehr lebenden Marionetten, als vernünftigen Menschen ähneln. Um den Leser nicht zu ermüden, will ich nur noch ein selbsterlebtes Beispiel erzählen.

Eine dienende Person eines mir befreundeten Hauses, welche sich überaus empfindlich erwiesen hatte, war schon mehrmals von mir zu derartigen Experimenten verwendet worden, weil sie sehr rasch vollständig erweckt werden konnte und hinterher nicht die mindesten Unannehmlichkeiten empfand. Im Salon des Hauses war eine Gesellschaft versammelt, um meinen Experimenten beizuwohnen; im Nebenzimmer befand sich das Mädchen an einem Nähtische beschäftigt. Bei meinem Eintritte in dieses Nebenzimmer sah die Person auf Warnung ihrer Herrin, mich nicht anzusehen, starr auf ihre Arbeit, und ich begab mich durch die offen stehenden Thüren in den Salon. Unmittelbar, nachdem ich eingetreten war, sanken die fleißigen Hände des Mädchens in den Schooß, ihre Augenaxen begannen, wie gewöhnlich bei ihr in solchem Traumzustande, nach der Nasenwurzel hin zu convergiren; sie hatte, ohne daß ich sie sehen konnte, sich erhoben und kam geisterhaft leise und schwankenden Schrittes, wie eine Trunkene, durch die geöffnete Thür mir nach in den Salon.

Ich hatte nicht zu erkennen gegeben, daß sie mir folgen solle, aber das allgemeine schweigende Erwarten, was wohl geschehen, was sie thun werde, hatte genügt, sie in diesen eigenthümlichen Zustand der Befangenheit zu versetzen; jedenfalls hatte sie gemeint, einem unausgesprochenen Befehle, mir folgen zu sollen, gehorchen zu müssen.

Als ich sie nunmehr im Salon durch Anrufen und Anblasen aufweckte, war sie unendlich verblüfft und verlegen, sich dort einer großen Zahl von Herren und Damen gegenüber zu finden, und kehrte eiligst zu ihrer Beschäftigung zurück. –

So viel mir bekannt geworden, hat in Deutschland zuerst Dr. Fritz Schultze, Professor der Philosophie am Polytechnicum in Dresden, gelegentlich einer Production Hansen’s im ärztlichen Verein zu Dresden, darauf aufmerksam gemacht, daß man es bei diesen und ähnlichen Versuchen ebenso wenig mit absichtlichen oder unabsichtlichen Täuschungen, wie mit einer besonderen von Person zu Person wirkenden Kraft, also durchaus nicht mit thierischem Magnetismus oder etwas Aehnlichem zu thun habe.

Gestützt auf die hierauf bezüglichen Capitel in Carpenter’s trefflichem Werke „Principles of Mental Physiology“, welches in Deutschland überraschend wenig gekannt zu sein scheint, hatte er mitgetheilt, daß diese Zustände und Versuche unter dem Namen „elektrobiologischer“ bereits vor dreißig Jahren in England bekannt gewesen und oft als Gegenstand öffentlicher und privater Schaustellungen benutzt worden sind. Der englische Wundarzt Braid hatte schon am Anfange der vierziger Jahre gezeigt, daß die Möglichkeit, solche Versuche anzustellen, lediglich vom Versuchsobjecte abhängig sei, und daß bei geeigneten Personen die Disposition dazu durch vorherige Concentration der Aufmerksamkeit, insbesondere durch Fixiren eines leuchtenden Gegenstandes, herbeigeführt werde. Braid nannte diese Zustände hypnotische und hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß dieselben verwandt seien mit den längst bekannten Versuchen, daß man eine Henne, die man auf den Tisch niedergedrückt hat, durch Ziehen eines Kreidestriches über ihrem Schnabel in einen Zustand der Starre versetzen kann, daß Krebse, auf Kopf und Scheere gestellt und in diesem Zustande längere Zeit erhalten, schließlich steif und regungslos werden und in diesem Zustande verharren, bis sie gewaltsam in eine andere Stellung gebracht werden, daß Kaninchen vor dem aufgesperrten Rachen der Riesenschlange starr werden und alle Versuche zu entrinnen aufgeben u. dergl. m.[2] Ich erinnere hier an den lesenswerthen Artikel über derartige Versuche mit Thieren, welchen der viel zu früh der Wissenschaft entrissene Physiolog Czermak früher einmal in der „Gartenlaube“ publicirt hat (Jahrgang 1873, Nr. 7 und 9).

In England waren fast genau die nämlichen Versuche, durch welche jetzt Herr Hansen das deutsche Publicum in Staunen setzt, durch zwei Amerikaner für Wirkungen des Mesmerismus oder thierischen Magnetismus ausgegeben worden, bis Braid die richtige Erklärung gab und seine hypnotischen Versuche größeren Kreisen vorführte.

Für Diejenigen, welche geneigt sind, an eine besondere vom Experimentator zur Versuchsperson wirkende Kraft, an einen sogenannten magnetischen Rapport zu glauben, will ich kurz aus vielen ähnlichen Versuchen einige auswählen, welche von Professor Dr. Weinhold und mir, zumeist in Anwesenheit des Herrn Dr. med. Fränkel und noch einiger jüngeren Physiker, in den Räumen angestellt worden sind, die mir für gewöhnlich zur Vorbereitung der physikalischen Versuche für den Unterricht dienen.

[142] Einer meiner Schüler, ein intelligenter, höchst gewissenhafter junger Mann, der sich für Anstellung der Experimente über Starre einzelner Muskeln geeignet erwiesen hatte, glaubte, daß vorzugsweise ein magnetisches Streichen auf ihn einwirke und ihm die Fähigkeit raube, die behandelten Glieder zu bewegen. Bei geschlossenen, oder noch besser bei dicht verbundenen Augen trat jedoch die Muskelstarre mit heftigem Starrkrampfe in der ausgestreckten Hand nicht blos ein, wenn irgend ein Anderer der Anwesenden die Hand strich, sondern schließlich auch, wenn absolut gar nichts mit der Hand vorgenommen, sondern nur ein Geräusch hervorgebracht wurde, als führe einer von uns in der Nähe der Hand magnetische Striche mit den Fingerspitzen. Ja, schließlich trat die Muskelstarre und Unfähigkeit, Arm und Hand zu bewegen, und sogar Starrkrampf jedes Mal ein, wenn Dr. Fränkel hinter dem Rücken des jungen Mannes mit einem um ein Streichholzbüchschen geschlungenen Gummibande regelmäßig in einem gewissen Tacte schnippte.

Ein Anderer, ein Mann in den besten Jahren, der uns bei unseren Versuchen durch seine Willfährigkeit, sich Allem auszusetzen, und durch die Correctheit seiner Angaben sehr nützlich gewesen ist, glaubte, daß blos Professor Weinhold, nicht aber ich, merklich auf ihn einzuwirken im Stande sei. Wir hatten wiederholt Versuche über Muskelstarre mit ihm angestellt; da veranlaßten wir ihn, in das benachbarte physikalische Lehrzimmer einzutreten und von dort aus durch ein rundes in der Thür befindliches Loch, welches sonst zur Anstellung optischer Versuche diente und gerade der Hand bis zum halben Unterarm den Durchgang gestattete, die Hand zu uns in's Nachbarzimmer hereinzustrecken. Nunmehr, nachdem eine Unterscheidung der Person durch Gesicht, Gehör etc. ausgeschlossen war, versetzte mein Vorüberstreichen die Hand in den Zustand der Starre, während Professor Weinhold, vor dessen energischer Einwirkung er sich so sehr fürchtete, durch die gleiche Operation nichts erreichte.

Bei einer dritten Person trat sogar unter gleichen Umständen blos dadurch Muskelstarre ein, daß durch Zuruf die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf die Hand gelenkt und die lebhafte Vorstellung hervorgerufen worden war, es geschähe im andern Zimmer etwas Besonderes mit derselben.

Solche Personen, welche einmal an eine besondere magnetische Einwirkung meinerseits glaubten, habe ich wiederholt durch die geschlossene Thür hindurch in den eigenthümlichen Zustand der Starrsucht und Willenlosigkeit dadurch versetzt, daß ich ihnen zurief: „Ich magnetisire Sie, fühlen Sie etwas?“ Dasselbe Resultat wurde sogar häufig erzielt, ohne daß meinerseits eine Anrede erfolgte, falls die Betreffenden nur wußten, was geschehen sollte, nachdem ich das Zimmer verlassen hatte. Die bloße Ueberzeugung, ich wirke durch die Thür hindurch auf sie, genügte, um alles das hervorzurufen, was sonst durch die mit einer geheimnißvollen Feierlichkeit ausgeführten Proceduren erreicht wurde.

Solche, welche auch nach dem hier Erzählten noch immer geneigt sind, an einen magnetischen Rapport zwischen dem, der die Versuche anstellt, und seinem Versuchsobjecte zu glauben, lassen sich vielleicht durch die Mittheilung von ihrer Ansicht bekehren, daß der in solchen Zustand Versetzte, sofern er nicht bewußtlos ist, dem zuversichtlich scharf und laut ausgesprochen Befehle eines Jeden willig Folge leistet, nicht blos demjenigen des Experimentators, welcher ihn in diesen Zustand versetzte.

Man erkennt aus alledem deutlich, daß bei geeigneten Personen die gewünschte Erfolge erzielt werden, sobald das Versuchsobject im gegebenen Moment die feste Ueberzeugung hat, es geschieht etwas Außerordentliches mit ihm. Alle Versuche, welche ohne Wissen des Objectes oder bei abgelenkter Aufmerksamkeit gemacht werden, bleiben erfolglos.

Unsere Versuche, ebenso wie die, welche seiner Zeit Braid und ganz neuerdings Dr. Grützner und Professor Haidenhain in Breslau angestellt haben, beweisen unzweifelhaft, daß man keine [143] körperliche und psychische Fernwirkung vom Experimentator zum Versuchsobject als Ursache dieser Erscheinungen anzunehmen genöthigt ist; wohl aber zeigt sich bei manchen Menschen die Eigenthümlichkeit, daß dieselben nach vorhergehender Concentration aller Aufmerksamkeit auf eine monotone Erscheinung durch eine übermächtige Vorstellung – „du kannst dies oder jenes nicht thun“ – in einen dem Schlafe oder dem Traume ähnlichen Zustand versetzt werden und hierdurch zeitweise die Fähigkeit zum Theil oder ganz verlieren, Vorstellungen, Gedanken, Nerventhätigkeit willkürlich zu lenken oder Eindrücke, welche diese oder jene Sinne vermitteln, bewußt wahrzunehmen.[3]

Die Brücke, welche den geheimnißvollen Uebergang des menschlichen Willens in die Thätigkeit der Nerven und Muskeln einerseits und die bewußte Wahrnehmung der Sinneseindrücke andererseits vermittelt, wird durch ein derartiges Verfahren entweder gänzlich oder nach einzelnen Partien des Nervensystems vorübergehend abgebrochen. Im Zustande der Muskelstarre sind die Betreffenden bei scheinbar sonst ziemlich klarem Bewußtsein thatsächlich nicht im Stande, ihren Willen auf die betreffenden Bewegungsnerven, durch welche die entsprechenden Muskelbewegungen veranlaßt werden, in gewohnter Weise zu übertragen; sie fühlen aber auch nicht, wie sonst, Reizungen der dort gelegenen Empfindungsnerven als Schmerz. Gelingt es durch energische und zumal plötzliche Anregung, die Empfindungsnerven zu neuer Thätigkeit anzuregen, so wird meist auch alsbald die vollkommene Herrschaft des Willens über das Nervensystem und die Muskeln wieder hergestellt, der normale Zustand wieder herbeigeführt.

Ist die Brücke zwischen geistiger Thätigkeit und Nervensystem nach gewissen Sinnesorganen hin aber zum Theil abgebrochen, so kommen die Reizungen dieser Sinne im Geiste des Menschen nicht zum Bewußtsein. Redet man einem solchen Menschen, dessen Willenskraft durch eine übermächtige Vorstellung die Möglichkeit, den Verlauf seiner Gedanken zu steuern, verloren hat, nunmehr vor: „Dies ist ein Apfel; verzehre ihn!“ während man ihm eine rohe Kartoffel bietet, so werden mit der Vorstellung: „dies ist ein Apfel“ die Geschmacks- oder sonstigen Eigenschaften des Apfels im Geiste des Menschen erzeugt; nicht wie gewöhnlich, durch Eindrücke, welche die entsprechenden Sinne empfangen, sondern die gehörten Worte rufen im Geiste dieses Versuchsobjectes die betreffenden Vorstellungen hervor; es ist also der geistige, nicht der körperliche Eindruck, welcher die Vorstellung: Apfel, Apfelgeschmack im Bewußtsein hervorbringt; der gar nicht oder mangelhaft functionirende Gesichts- und Geschmackssinn sind nicht in der Lage, diese Vorstellung Lügen zu strafen.

Ist die Umnachtung, welche Geist und Sinne eines in diesem traumwachen Zustande befindlichen Menschen umfängt, so tief, daß alle Sinne, auch das Gehör, welches häufig noch am längsten functionirt, ihre Dienste versagen, so hört jede Möglichkeit, durch Befehle auf diese Menschen zu wirken, auf, und die Glieder bleiben in jeder noch so unnatürlichen Stellung stehen, bis Ermattung oder wirkliche Krampfzustände den Versuch zum Abschluß bringen.

Diese Unmöglichkeit, die Aufmerksamkeit des Geistes willkürlich von der einen Vorstellung auf eine andere zu lenken, nachdem dieselbe durch einen monotonen Sinneseindruck oder eine übermächtige Idee einmal brach gelegt ist, giebt den Schlüssel zur Erklärung all der so geheimnißvoll erscheinenden Versuche, die man mit den geeigneten Personen anstellen kann. Dies macht es erklärlich, warum solche Personen, auch wenn sie sonst ganz unbefangen erscheinen, nicht im Stande sind, ein Glied, welches sie beeinflußt glauben, durch ihren Willen zu bewegen. Sie können ihre geistige Aufmerksamkeit, ihren Willen eben nicht auf diese Nervenpartie lenken. Sie empfinden dann in diesem Gliede auch nicht.

Es ist z. B. eine in den medicinischen Kreisen bekannte Thatsache, daß Velpeau und Broca im Jahre 1860 an Solchen, welche nach dem Braid'schen Verfahren hypnotisirt worden waren, chirurgische Operationen vollzogen haben, ohne daß die Patienten Schmerz empfanden.

In diesem Zustande wissen solche Leute, wenn man ihnen dies versichert, nicht den ersten Buchstaben des Alphabets; sie können sich auf ihren eigenen Namen nicht besinnen; sie können nicht zählen etc., weil sie nicht im Stande sind, von dem Gedanken, von dem man sie eben beherrschen läßt, den Weg zu dem anderen Gedanken zu finden, auf den sie ihre geistige Aufmerksamkeit richten müßten, um A sagen, ihren Namen nennen, 1, 2, 3 zählen zu können.

Der Zustand ist, wenn auch unvergleichlich viel stärker entwickelt, derselbe, den wir alle gelegentlich so peinlich empfinden, wenn wir uns plötzlich auf den wohlbekannten Namen einer Person oder eines Gegenstandes trotz aller Anstrengung nicht besinnen können.

Deshalb kann man auch einer in solcher geistigen Befangenheit befindlichen Person die Ueberzeugung beibringen, sie sei Jemand anders, und kann sie auf Befehl gewissermaßen als diese Person handeln lassen; denn auch das Bewußtsein davon, wer man ist, beruht auf Gedächtniß, also willkürlicher Richtung der geistigen Aufmerksamkeit auf verschiedene Vorstellungen, und diese eben ist gehindert, wenn der energisch ausgesprochene Wille des Experimentators die feste Ueberzeugung hervorgerufen hat, daß es nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit nach dieser Richtung hin zu lenken.

Wenn die Einwirkung auf die Empfindungsnerven durch ihre Plötzlichkeit oder Heftigkeit so unwiderstehlich wird, daß das Hemmniß, welches den Uebergang des Eindruckes in das Bewußtsein verhinderte, dadurch überwunden und somit beseitigt wird, ist der Bann gelöst.

Man ersieht leicht, daß sich auf diese Weise alle sicher beobachteten Erscheinungen auf diesem Gebiete ungezwungen erklären lassen. Wie es freilich zugeht, daß bei manchen Menschen die Brücke, welche Geist und Körper, Wille, Vorstellung und Nerventhätigkeit verbindet, ganz oder nach gewissen Gebieten hin durch so geringfügige Ursachen abgebrochen werden kann, das wissen wir zur Zeit noch nicht.

Bis heute ist jeder Versuch, eine Naturgeschichte des Menschengeistes aufzustellen, vor dem Probleme hülflos stehen geblieben, die Umsetzung der geistigen Thätigkeit des Willens in die Nerventhätigkeit und die Ueberführung der materiellen Vorgänge des Reizes unserer Sinnesorgane in die geistige bewußte Wahrnehmung in einer irgendwie befriedigenden Weise zu erklären. Da diese von uns besprochenen Vorgänge, wie wir zeigten, gerade an dieser Uebergangsstelle ihren Sitz haben, bleibt das Wesentliche an denselben unerklärt.

Dr. Grützner ist der Ansicht, daß durch die monotonen Sinnesreize, seien diese nun: Fixiren, Streichen der Oberhaut oder Gehörseindrücke, gewisse Partien des Großhirns, in denen die klare bewußte Vorstellung und der Wille zu Stande kommen, außer Thätigkeit gesetzt würden. Ist dies richtig, so wäre es wahrscheinlich, daß diese in Betracht kommenden Theile vorzugsweise gewisse Partien der grauen Hirnrinde, nicht aber weiter nach hinten gelegene Theile des Gehirns sind, sonst müßte man Störungen des Körpergleichgewichtes an solchen Hypnotisirten beobachten, und auch die Pupille würde aufhören, in normaler Weise gegen Lichteindrücke zu reagiren. Gleichgewichtsstörungen habe ich jedoch niemals deutlich bemerkt, und schwache Zusammenziehungen der Pupille bei Einführung heller Lichtstrahlen konnten in den meisten Fällen erkannt werden.

Es würde falsch sein, wollte man nach der oben gegebenen Erklärung sagen: die Leute bilden sich also das, was sie auf Grund des Befehles oder des Einredens des Experimentators wahrzunehmen oder nicht thun zu können meinen, nur ein. Die Einbildung, daß etwas so beschaffen sei, wie es thatsächlich nicht beschaffen ist, bedingt immer eine gewisse Absichtlichkeit, einen gewissen Willen; das Charakteristische dieses traumwachen Zustandes beruht aber gerade darin, daß eine willkürliche Richtung des Willens aufgehoben ist. Man muß vielmehr annehmen, und die Ueberzeugungstreue, welche meist Miene und Haltung der Versuchspersonen zeigt, bestätigt dies, daß diese Leute in solchem Zustande thatsächlich wahrnehmen, was man ihnen vorredet; sie sehen, um mit Carpenter zu reden, gewissermaßen mit ihrem Geiste, nicht mit dem Auge; sie schmecken mit ihrem Geiste und nicht mit ihrer Zunge; sie fühlen Kälte, Wärme, Form und Größe mit ihrem Geiste, nicht mit ihrem Tastsinn.

Selbstverständlich gelingen derartige Versuche vorzugsweise mit solchen Menschen, welche mit lebhafter Phantasie begabt, zu Träumerei geneigt, oder großer Abstraction, also weitgehender Loslösung ihrer geistigen Thätigkeit von körperlichen Vorstellungen [144] fähig sind. Ueberhaupt werden Erfolge vorzugsweise bei solchen Leuten erzielt, denen es leicht wird, sich recht vollkommen in Verhältnisse und Umstände zu versetzen, die von denen verschieden sind, in welchen sie sich thatsächlich befinden.

Bei Männern scheinen sich ungefähr zehn Procent zu solchen Experimenten zu qualificiren; daß bei Frauen der Procentsatz ungleich größer ist, und daß die Jugend und zumal das Entwickelungsalter bei beiden Geschlechtern sich besonders gut zu diesen Versuchen eignet, wird nach dem oben Gesagten nicht überraschen.

Jedenfalls ist in Deutschland durch das Auftreten des Magnetiseur Hansen die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf ein dunkles Gebiet des körperlichen und geistigen Lebens gelenkt worden, dessen Betrachtung uns den Schlüssel zum Verständniß mancher früher constatirten Thatsache giebt.

Brauchen wir uns jetzt noch zu wundern, daß es den Yogi, Schamanen, Fakiren des Orients gelingt , sich in einen Zustand zu versetzen, in dem sie gefühllos sind und die tollsten Mißhandlungen ihres Körpers zur größeren Ehre ihrer Götter ohne jedes Zeichen von Schmerz ertragen? Muß man an übernatürliche Einwirkung oder jedesmal an Betrug denken, wenn ein durch Askese und monotone geistliche Exercitien systematisch mißhandelter Mönch oder Klosterschüler in eine den hier beschriebenen Zuständen ähnliche Verzückung geräth und in dieser thatsächlich Dinge sieht, hört und fühlt, die dem tollsten Wunderglauben Thür und Thor öffnen? Sind unsere Vorfahren immer so sehr zu verurtheilen, weil sie Einzelne, wegen zufällig oder absichtlich an Anderen hervorgerufener Wirkungen, welche den hier beschriebenen ähnlich sind, für Hexen und Zauberer hielten?

Bis heute war es selbst den meisten Aerzten und Psychologen von Fach unbekannt, daß die Zahl der zu solchen hypnotischen Versuchen geeigneten Personen so groß ist, daß Leute wie Hansen getrost öffentliche Vorstellungen daraufhin veranstalten können.

Nicht ohne Absicht habe ich übrigens manche für das Gelingen solcher hypnotischen Versuche erhebliche, für das Verständniß derselben jedoch unwesentliche Umstände unerwähnt gelassen, weil es überaus bedenklich wäre, wenn Unberufene derartige Experimente nach dieser Beschreibung nachmachen wollten. Es ist leicht verständlich, daß eine andauernde oder wiederholte Aufhebung der Fähigkeit, die Richtung seiner geistigen Aufmerksamkeit beliebig zu lenken, schließlich zu bleibenden oder wenigstens länger anhaltenden geistigen Störungen führen kann. Vielfach bleiben die, welche solchen Versuchen unterworfen wurden, tagelang geistig befangen, leiden hinterher noch lange an Kopfschmerz, Schlafsucht und allgemeiner Mattigkeit. Es erstrecken sich bei sehr Empfindlichen die Lähmungserscheinungen gelegentlich sogar bis auf die Athmungs- und Herzbewegungen, sodaß Blutandrang nach dem Kopf und Erstickungsanfälle eintreten, bei welchen die Gefahr des schlimmsten Ausganges nicht ausgeschlossen ist.

Da die zuversichtliche Erwartung des Resultates den Eintritt desselben rasch herbeiführt und die immer übermächtiger werdende Vorstellung, ganz unter dem Einflusse des Experimentators zu stehen, jeden Widerstand immer erfolgloser erscheinen läßt, so ist es auch nicht wunderbar, daß sich die Empfindlichkeit fast mit jedem neuen Versuche merklich steigert; selbst die, welche anfänglich kräftig, zumal gegen das Eintreten falscher Vorstellungen, sich wehrten, sanken bei neuen Versuchen bald ebenfalls zu willenlosen Automaten herab. Die Empfindlichkeit kann sich schließlich sogar zu einer solchen krankhaften Höhe steigern, daß derartige Zustände ohne jede äußere Veranlassung von selbst eintreten, in Krämpfe übergehen und damit diese Leute für die Arbeiten ihres Berufes längere Zeit hindurch, wenn nicht dauernd, unbrauchbar werden.

Selbst vor häufigem Betrachten solcher Experimente möchte ich leicht Erregbare, zumal Frauen und junge Leute, ernstlich warnen. Die Disposition zum Eintreten hypnotischer Zustände, die doch gewiß eine sehr fatale Zugabe zu den übrigen Unannehmlichkeiten des Lebens ist, kann durch eine Art von Ansteckung leicht auf Solche übertragen werden, die vorher vollkommen ungeeignet erschienen. Trotz allen Sträubens können sich dieselben des Eintrittes dieser Befangenheit nicht mehr erwehren, ähnlich wie Viele das Gähnen nicht mehr unterdrücken können, nachdem ihr Gegenüber ihnen dazu das böse Beispiel gegeben, und wie Lustigkeit, üble Laune, bei Frauen selbst hysterische Zufälle, und gelegentlich sogar Geistesstörungen notorisch ansteckend gewirkt haben.

Ein Glück ist es, daß die Meisten, welche empfindlich sind, dies nicht wissen, und Diejenigen, welche diese unangenehme Entdeckung einmal an sich gemacht haben, sich leicht vor Wiederholungen schützen können, wenn sie sich nur den nöthigen Vorbereitungen nicht unterwerfen und jeder Veranstaltung dazu sich sofort widersetzen.


  1. Daß dieses Experiment an sich nichts mit der vorausgegangenen Manipulation zu thun hat und keinerlei Vorbereitung erfordert, beweist der Umstand, daß es schon vor länger als einem halben Jahrhundert durch den „starken Mann“ Johann Karl von Eckeberg aus Harzgerode lediglich als Kraftproduction gezeigt wurde. Man findet es denn auch bereits in Brewster’s „Briefen über natürliche Magie“, deutsch von Wolf (Berlin, Enslin) abgebildet. Schon damals zeigte Dr. Desaguliers, daß dieses Kraftstück Jeder produciren könne.
    D. Red.
  2. Professor Preyer in Jena hat dagegen in einer 1878 erschienenen Broschüre sehr wahrscheinlich gemacht, daß es der Schrecken ist, welcher die Thiere in diesen Zustand von Starrsucht versetzt, weshalb er diese auch bei Menschen durch starkes Erschrecken eintretende Erscheinung als Schrecklähmung (Kataplexie) bezeichnet.
    D. Red.
  3. Auch Professor W. Wundt in seinem trefflichen Aufsatze: „Der Aberglaube in der Wissenschaft“ (Unsere Zeit, 1880, I) bezeichnet diese Erscheinungen als Willenshemmungen.