Der Minneberg

Textdaten
Autor: Auguste Pattberg
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Minneberg
Untertitel: Eine Volkssage
aus: Frau Auguste Pattberg geb. von Kettner. In: Neue Heidelberger Jahrbücher, Band 6, Seite 100–101
Herausgeber: Reinhold Steig
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Koester
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Heidelberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung:
Originaltextstelle: Badische Wochenschrift Nr. 5 vom 30. Januar 1807, Sp. 73–76
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[100]
Der Minneberg.[1]
Eine Volkssage.

Hugo von Habern hinterliess drei Söhne. Frühe wurden sie schon an ritterliche Übungen und an die Beschwerlichkeiten der Jagd gewöhnt. In den weitausgedehnten Forsten des Odenwaldes streiften sie bis zu den freundlichen Thälern des Neckars, und verfolgten Tage lang das Gewild. Ihr Begleiter war ein Windspiel von seltner Treue; nie wich es von ihrer Seite, war immer ihr Vorläufer und leitete sie stets auf die richtige Spur. Eines Tages führte sie der kundige Wegweiser auf den Gipfel eines steilen Berges am Neckar, vor den Eingang einer düstern Höhle. Die Jäger folgten auch diesmal dem klugen Führer, der sie nie irre geleitet hatte, hinab in die Tiefe der schauerlichen Kluft, in deren Hintergrunde sie zu ihrem grossen Erstaunen drei weibliche Gestalten erblickten, welche bethend auf den Knieen lagen. Die Jünglinge stutzten bei dem unerwarteten Anblick; sie wähnten drei Heilige im überirdischen Glanze geistiger Verklärung vor sich zu sehen, doch bald überzeugten sie sich, dass es Erdbewohnerinnen waren, die vom Schicksal verfolgt, hier eine Freistätte gefunden – und sich in diese Einöde geflüchtet hatten, um in stiller Verborgenheit, abgeschieden von der trüglichen Welt zu leben. Sie waren entsprossen aus dem berühmten Geschlechte der Ritter von Handschuchsheim, allein mit ihrem Vater war der alte Stamm dieses Namens erloschen, ihre Besitzungen fielen dem Lehensherrn heim. Die Mutter war längst schon gestorben, und das geringe Erbe, das den drei Schwestern noch übrig blieb, hatte ihnen die Raubsucht eigennütziger Menschen entrissen. Als verlassene Waisen, ohne Schutz, flüchteten sie sich vor den Nachstellungen arglistiger Verführer in diese einsame Klause, denn sie waren schön, und Schönheit droht nicht selten mit Gefahren. Ein alter Diener war den Jungfrauen gefolgt, und sorgte, als Einsiedler gekleidet, treulich für ihren Unterhalt: allein in der tiefsten Einsamkeit und in gänzlicher Abgeschiedenheit von den Menschen, waren ihre sanften weiblichen Gefühle nicht erstorben, und die edeln Jünglinge machten denselben Eindruck auf sie, den die Jungfrauen auf jene gemacht hatten. Das unauflösliche Band reiner Liebe schloss sich in der Folge unter ihnen, und knüpfte sich mit jedem Tage fester. Die drei Brüder erbauten auf jener Stelle eine stattliche Burg und nannten sie Minneberg. Lange lebten sie und ihre Gattinnen dort, in glücklichem Vereine, erst lange Jahre nachher verschwand auch ihr Name aus den Registern der edeln Geschlechter des Neckarthals. Zum ewigen Gedächtniss liessen die Ritter das Windspiel, welches sie zu den Einsiedlerinnen geleitet hatte, in Stein aushauen. Noch vor wenig Jahren behauptete dieses Denkmal der Erkenntlichkeit seine ehemalige Stelle auf dem hohen Portal über der Einfahrt zum Minneberg; allein unwissende Hände haben es nun entwürdigt, und an der Ziegelhütte unten im Thal bei dem Örtchen Guttenbach, über einer Stallthüre, in eine ärmliche Leimenwand eingemauert.

Überraschend und traurig war mir dieser Anblick, als ich im vorigen Sommer die Ruinen des Minnebergs besuchte, die ich lange nicht mehr gesehen hatte; oben auf dem Berge suchte ich vergebens den wohlbekannten Stein, und unten im Thale liess mich ihn der Zufall an einer Stelle finden, wo ich ihn nie gesucht haben würde. Verödet ist die Stätte der ehemaligen Pracht, und nur der Unglückliche verirrt sich noch zuweilen unter diese Ruinen und stellt Betrachtungen an über Vergangenheit, [101] Gegenwart und Zukunft! So hat jetzt ein vom Schicksal und den Menschen Verfolgter sich in die Gewölbe dieser zerfallenen Burg geflüchtet, und sich in einem derselben eine Wohnung bereitet. Die Eingange zu dem Gewölbe hat er mit Thüren von Binsen geflochten, versehen, und die Öffnungen, durch welche das Licht hereinfällt, mit geöltem Papier bekleidet; in dem einen Winkel steht sein hölzernes Bettgestell mit Laub und Moos gefüllt, und in dem andern eine Drehbank, die sein dürftiger Unterhalt ist. In einem der Nebengewölbe hat er sich eine Küche eingerichtet; seine ärmlichen Geräthschaften stehen in ärmlicher Ordnung umher, rund um die Ruinen hat er angefangen Schutt und verwildertes Strauchwerk hinweg zu räumen, um die besten Stellen urbar zu machen, und dankbar wird ihm die Erde darbringen, was er zu seinem Unterhalte bedarf. Er lebt in der Stille in seiner unterirdischen Wohnung, niemand zur Last; geht nur dann unter Menschen, wenn er von seinen Dreherarbeiten verkaufen will, um sich die nöthigsten Bedürfnisse dafür anzuschaffen. Sein Wesen zeigt nicht Menschenscheue, sondern vielmehr ein reines Bewusstseyn. Seit einiger Zeit haben sich einige Menschenfreunde thätig seiner angenommen, und ihm beim nahenden Winter Holz, einen Windofen und eine bessere Drehbank verschafft. Wie wenig bedarf dieser Abgeschiedene, der ferne von der menschlichen Gesellschaft die Wildnisse bewohnt. Noch einige Steine mit alten Inschriften, welche man sonst vor wildem Gesträuche nicht sah, sind durch den Fleiss des Einsiedlers sichtbar geworden, und bieten den Freunden des Alterthums einigen Stoff zu Nachforschungen dar.

A. v. P–g.     

  1. Badische Wochenschrift. Nr. 5. Freitags den 30. Januar 1807. Sp. 73–76. Vgl. oben S. 79. 80.