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Der Dichter des „Heinrich von Schwerin“ und des „Teuerdank“

Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Der Dichter des „Heinrich von Schwerin“ und des „Teuerdank“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192–196
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Dichter des „Heinrich von Schwerin“ und des „Teuerdank“.
Ein Lebensbild von Friedrich Hofmann.


Mit dem Genius, wenn er von der Erde scheidet, geht eine Fülle des Unerschaffenen zu Grunde, das zum Lichte drängt und die letzten Stunden jedes Hochbegabten erschwert, dem nicht ein bewußtloses Hinabschlummern den Abschied von den eigenen Geisteskindern erleichtert. Wer denkt nicht an Anastasius Grün’s erschütternde Klage vor dem sicheren Tode: „O Gott, ich darf ja noch nicht sterben!“

In ähnlicher, doch durch milden Hauch der Auflösung mit der Härte des Schicksals versöhnender Weise, ging der Dichter und Mann von hinnen, dessen Lebensbild wir heute aufstellen.

Gustav von Meyern-Hohenberg ist den Freunden der „Gartenlaube“ so wenig wie dem große Publicum, namentlich der Bühnen, ein Fremder. Unsere Leser lernten ihn zuerst als einen freisinnigen und vaterlandsbegeisterten Lyriker kennen, bis Ernst Keil ihnen denselben auch als Erzähler vorführte. Diese engere Verbindung beider Männer ist eine vom Beginn bis zur gewaltsamen Trennung derselben so seltsame, daß wir sie nicht stillschweigend übergehen dürfen. Ernst Keil befand sich im Juni 1877 in Karlsbad, als ich, in Teplitz der Cur pflegend, ein umfangreiches Manuscript aus Constanz von Gustav von Meyern empfing, mit dem ich seit einem Menschenalter in freundlichem brieflichem und persönlichem Verkehr gestanden. Es war: „Teuerdank’s Brautfahrt“. Das Werk packte mich mit ganz besonderer Kraft, sodaß ich es für meine Pflicht hielt, Ernst Keil darüber zu berichten und ihm, auf seinen Wunsch, das Manuscript nach Karlsbad zu senden. Wenige Tage darnach erhielt ich von ihm eine Postkarte folgenden Inhalts:

„Soeben habe ich die Lectüre des ‚Teuerdank’ beendet, auf einen Ritt, ohne aufzusehen oder aufzustehen. Keine Lectüre für Damen, aber – wenn auch vielfach an Hauff’s ‚Lichtenstein’ erinnernd – ein mächtiges Stück Poesie, dem der ganze Reiz mittelalterlicher Romantik anhängt. Ich habe lange nichts gelesen, was mich so sehr und anhaltend gefesselt hätte, wie diese Brautfahrt, von der man nicht weiß, ob man mehr die erquickende Frische oder das tiefe Studium des Autors bewundern soll. Es versteht sich von selbst, daß die ‚Gartenlaube’ den Roman bringen wird. Habe Sie besten Dank für Uebersendung des Manuscripts! – Mit Gruß Ihr E. K.“

Die Erzählung ist in der „Gartenlaube“ von 1877 erschienen und nach Verabredung dann, und zwar ohne die für die „Gartenlaube“ [193] nothwendig gewesenen Kürzungen, als Buch gedruckt worden.[1] Die Vollendung dieses Druckes sollten beide Männer nicht mehr erleben. Von einer Lungenentzündung ergriffen starb von Meyern am neunten März 1878. Am folgenden Tage brach Ernst Keil’s letzte Krankheit mit großer Heftigkeit aus. Noch einmal, am elften März Nachmittags, schleppte sich der Kranke aus seinen Wohn- zu den Geschäftsräumen herab – so schwer trennte er sich von seinem Arbeitspult. Sein erster Blick dort fiel auf die Anzeige von Meyern’s Tode, die dessen Gemahlin gesandt hatte. Tief erschüttert kam er mit dem schwarzgeränderten Brief in mein Arbeitszimmer. „So ist er auch todt, der Mann mit seiner geistigen Frische und Schaffenslust. Die „Gartenlaube“ darf ihn nicht vergessen. Sorgen Sie für ein Lebensbild Ihres Freundes und sein Portrait dazu.“ Das war Ernst Keil’s letzter geschäftlicher Auftrag. Zwölf Tage später stand das Haus der „Gartenlaube“ in seiner tiefsten Trauer.

Jetzt, wo zum ersten Male die Jahrestage jenes schweren Märzmonates kommen, sei der Erinnerung an unsere Todten dieses Blatt geweiht und dem ehrenden Vermächtniß des einen für den andern nach Kräften genügt!

Die Gartenlaube (1879) b 193.jpg

Gustav von Meyern-Hohenberg.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Das Lebensbild eines Mannes, der nicht die einfache Laufbahn eines Gelehrten durchmessen, sondern in Hof- und Staatsdiensten dem öffentlichen Leben und den höchsten Gesellschaftskreisen in den denkwürdigsten und wichtigsten Tagen unserer Zeitgeschichte nahe gestanden, in dem engen Rahmen eines Artikels wiederzugeben, ist eine nur unvollkommen zu bewältigende Aufgabe. Wenn ich das reiche Material zu dieser Arbeit übersehe, die vielen Briefe von der Hand des Dahingeschiedenen, von seinem neunten Jahre an bis kurz vor seinen letzten Tagen – welche Fülle von kleinen und großartigen, heiteren und tieftragischen Erlebnissen und Schilderungen, die vom engen Kreise der eigenen Existenz und Familie bis zu den weiten und weiteren des Staates und der hohen Welt sich ausbreiten! Dann die Briefe an ihn und ebenso viele über ihn, dazu die zum Theil angedeuteten, zum Theil beigelegten Berichte diplomatischer Natur aus seiner Feder, und endlich die Zahl seiner zerstreut erschienenen lyrischen und dramatischen Arbeiten – da muß ich wohl den Wunsch aussprechen, daß ein Anderer, den Muße und Geschick besser, als mich, dazu befähigen, dieses reiche Material dazu verwenden möge, an die Spitze einer Gesamtausgabe der Werke dieses Dichters eine ausführliche, farbenreiche Darstellung seines Lebens zu setzen; für sie möchte dann gern das Folgende als ein bescheidener Leitfaden dienen.

Gustav von Meyern wurde am 10. September 1820 in dem braunschweigischen Marktflecken Calvörde geboren, wo sein Vater sich, nach schweren Kriegsdiensten, die ihn als westfälischen Obristlieutenant auch nach Spanien geführt hatten, noch im hohen Mannesalter als Domänenpächter ein festes Heim gegründet. Derselbe konnte seiner zahlreichen Familie kein entsprechendes Vermögen hinterlassen, aber er gab seinen Kindern zwei Schätze mit: ein reiches Wissen und einen festen Willen zum Kampf mit dem Leben; auf Gustav ging dazu auch der gesunde Humor über, welcher dem Vater bis in das höchste Alter treu geblieben war. Neben dem Vater stand die ernste, gewissenhafte Mutter, die namentlich die größeren Kinder nicht durch Zärtlichkeitsbeweise verzog, wie das „überhaupt norddeutsche Art ist". Alle mußten sich in dem großen Familienkreise an bescheidene Verhältnisse gewöhnen, und aus dieser Schule hat Meyern das Beste für sein späteres Leben mitgeommen.

Die ersten Spuren seines Dichtergeistes finde ich in einem Briefe des neunjährigen Knaben, der seiner Schwester jubelnd verkündet. „In dem großen Garten sind schon einige Rosen aufgeblüht und schon eine Nelke!" Praktisch bewährte er ihn als Gymnasiast in Stendal, wo er bei einem Töpfer wohnte. Er verzierte die irdenen Teller und Schüsseln mit selbstgedichteten Reimsprüchen und verhalf damit dem Manne zu vermehrtem Absatz seiner Waare.

Seine juristische Studien begann Meyern in Berlin und setzte sie in Göttingen fort, um sie in Berlin, und zwar mit dem Staatsexamen zu beenden. Hier müssen wir eines Leidens gedenken, das Meyern von Kindheit an durch einen großen Theil seines Lebens viele qualvolle Stunden bereitete, namentlich seine spätere amtliche Pflichterfüllung erschwerte. Er hatte den Sprechfehler des Stotterns, und zwar in der unheimlichen Weise, daß in gewöhnlicher Unterhaltung und oft lange Zeit das Uebel verschwunden schien, aber plötzlich mit seiner peinigenden Gewalt wieder ausbrach, wenn er seelisch erregt war oder öffentlich reden sollte. Wie das Tückische dieses Leidens ein ganzes Mannesleben verbittern, ja vom Mitgenuß des öffentlichen Lebens zurückscheuchen kann, haben wir an Ernst Keil („Gartenlaube" 1878, S. 580) erfahren. Wie dieser hatte auch Meyern kein Mittel zur Heilung von dem Gebrechen unversucht gelassen, das gefährlichste noch in Berlin, wo er sich dem damals von dem berühmten Dieffenbach gegen das Stottern angewandten Zungenschnitt unterwarf. Kurz zuvor sollen zwei Studenten der Operation erlegen sein. Wagniß und Schmerzen waren für Meyern vergeblich. Dieffenbach rieth ihm zu einem zweiten Versuche, und so schwer drückte ihn sein Gebrechen, und mit solcher Energie war er gegen körperlichen Schmerz gerüstet, daß er darauf eingehen wollte, wenn der Professor ihm mit seinem Ehrenwort versichere, daß die zweite Operation nicht wieder vergeblich sei. Das wagte Dieffenbach nicht, und so schied Meyern von Berlin und nahm das unheimliche Gefühl seines Zustandes mit in den Staatsdienst hinüber, in welchen er im November 1842 zu Coburg trat. Er wurde erst im Justizamt, dann im Justizcollegium verwendet. Aber schon nach einem Jahre erkannte er die Unverträglichkeit seines Gebrechens mit seiner Stellung: während einer Eidesleistung, die er zu leiten hatte, kam es plötzlich so heftig über ihn, daß dadurch die feierliche Handlung gestört wurde.

Der meist innere Kampf mit der Wahl eines andere Lebensberufes trübte ihm die folgenden vier Jahre. Zunächst glaubte er als Officier von seinem geheimen Leiden am wenigsten belästigt zu werden. Auch sagte ihm, auf seine Bitte, sein Landesherr (Herzog [194] Ernst von Coburg-Gotha) eine Officierstelle zu, mahnte ihn jedoch zum Ausharren auf der einmal betretenen Bahn, versetzte ihn zur Secretarie der Landesregierung und ernannte ihn zum Kammerjunker. Dennoch quälte ihn die Angst vor seinem Gebrechen fort. Da zeigte sich ihm als eine zweite Berufsaussicht die Schriftstellerei, der er sich bis jetzt aus innerem Drange nur im Stillen ergeben hatte. Sein damaliges verlockendes Vorbild war Gustav von Heeringen, der seiner Zeit viel gelesene Novellist und Reiseschilderer, welcher als Regierungsrath und Kammerherr in Coburg lebte und dem die „Gartenlaube“ im Jahrgang von 1869 („Zwei Mönche einer protestantischen Hochschule. I. Banz und der Pater Roman“) ein Blatt der Erinnerung gewidmet hat. Durch ihn wurde ich schon damals mit Meyern bekannt, den ich mit seinem schönen Liede „Die Klage der Nachtigall“ in meinem „Weihnachtsbaum für 1844“ in der Literatur einführte.

Als endlich kurze Zeit darnach in Mainz sich der deutsche Adelsverein unter dem Prinzen von Solms-Braunfels zur Leitung der Auswanderung nach Amerika bildete, richteten auch Meyern’s hoffende Blicke sich dorthin; ja, so energisch ergriff er den Gedanken, daß er fortan jede freie Stunde abwechselnd bei einem Schreiner und einem Schmiede zubrachte, um in den für den Ansiedler notwendigsten Handwerken sich wenigstens einige Fertigkeit anzueignen. Auch von einer Reise zur See nach Petersburg (1847) kehrte er nicht beruhigter zurück, nur daß die damaligen kriegerischen Aussichten ihn bewogen, statt in den Schreiner- und Schmiedewerkstätten jetzt bei einem Unterofficier sich im Exerciren und Bajonnetfechten zu üben. Da brach die Revolution von 1848 aus, und eine der ersten Forderungen in den Kleinstaaten, und auch in Coburg, war bei der trostlosen politischen Unmündigkeit der Volksmassen die: sofort alle „Fremden“ aus dem Staatsdienst zu entlassen. Die Entrüstung über diese Ungeheuerlichkeit bestärkte ihn, obwohl er schon 1845 das coburgische Staatsbürgerrecht erworben, in dem Entschluß, seine Auswanderung nach Ost-Tennessee nun alles Ernstes vorzubereiten.

Aber gerade diese Revolution sollte Meyern zu einem Wendepunkte seines Lebens führen. Am fünften Mai erhielt er den Befehl, den herzoglichen Bundestagsgesandten, Geheimerath von Stockmar, als Secretär nach Frankfurt am Main zu begleiten. Auf diesem Posten, der ihn zu ausführlicher Berichterstattung über alle Ereignisse in der ersten deutschen Parlamentsstadt an seinen Hof und, im Auftrage des Prinzen Albert, auch nach England verpflichtete, verlebte er die ganze schicksalreiche und verhängnißvolle Zeit unmittelbar an der Quelle aller Bewegungen und in der nächsten Nähe der Hauptpersonen aller Parteien. Damals schrieb er an seine Mutter. „Dein junger Sohn ist in wenigen Wochen ein alter Mann an Erfahrung geworden.“ Man hatte den richtigen Mann gefunden, der keine Gefahr scheute, auch wenn sein Amt ihn an eine ausgesetzte Stelle rief. Bei dem Straßenkampfe am Tage nach Lichnowski’s Ermordung, den er vom Balcon des „Römischen Kaisers“ aus beobachtete, pfiff eine Kugel ihm so nahe am Munde hin, daß sie ihm die Cigarre zertrümmerte. – Als im Juli Baron Stockmar Frankfurt verließ, wurde Meyern als Legationssecretär mit der Vertretung der Gesandtschaft bei der Centralgewalt betraut. Er harrte in Frankfurt aus, bis das große Trauerspiel der Nation zu Ende war.

Briefe vom Prinzen Albert, von Stockmar und vom Minister von Stein in Gotha sprechen sich einstimmig in der Anerkennung von Meyern’s Frankfurter Berichten aus, und da er selbst äußert, daß nicht die ja ohnedies durch den Druck veröffentlichten Parlamentsverhandlungen, sondern das Treiben um das Parlament herum und für und gegen dasselbe der Hauptgegenstand seiner Beobachtungen gewesen sei, so ist über den geschichtlichen Werth dieser Actenstücke kein Zweifel, und ein gewissenhafter Geschichtsforscher über diese Zeit wird ihnen einst in den Archiven von Coburg und London nachzuspüren haben.

Die Frankfurter Thätigkeit zog allerdings Meyern mächtig zur diplomatischen Laufbahn, aber auch die Europamündigkeit und die Sorge wegen seines Gebrechens kehrte zurück. Er schrieb schon im November 1848 unter Anderem an seine Mutter: „Es ist wirklich da am besten, wo es keine Politik giebt. Es wird Einem wirr im Kopfe, wenn sich all die tausenderlei Wege darin kreuzen, in die alle man hier in Frankfurt hineinsieht – und doch laufen sie am Ende immer in einen einzigen großen, wenn auch am wenigsten begangenen Weg, den des einfachen, klaren, gesunden Verstandes und der einfachen, geraden Rechtlichkeit zusammen. Diese Politik endlich einmal in die Welt einzuführen ist die Aufgabe unserer neuen jungen, deutschen Diplomaten; das ist auch der Reiz, den diese Laufbahn für mich haben würde.“ – Er hatte damals für die Kaiserwahl einen geglückten diplomatischen Coup ausgeführt, und in Beziehung darauf schrieb er: „Nachdem ich mich auf diese Weise um das Vaterland verdient gemacht habe, kann ich mich mit gutem Gewissen zurückziehen und nach Amerika gehen. – Wer heutzutage nicht sprechen kann, aus dem kann im öffentlichen Leben nichts werden. Und in Deutschland nichts zu sein, dazu bin ich, glaube ich, zu ehrgeizig.“

Trotz der trostlosen Aussicht für Deutschlands nächste Zukunft, die er von Frankfurt nach Coburg zurückbrachte, hielt ihn doch schließlich seine Vaterlandsliebe am alten Boden fest. Auch nahm seine äußere Stellung eine angenehmere Gestalt an, indem der Herzog ihn näher zu sich zog; er ernannte ihn (1852) zu seinem geheimen Cabinetssecretär. Als solcher und zugleich in seiner Eigenschaft als Kammerjunker begleitete er mit zwei anderen Cavalieren im Frühjahre von 1854 den Herzog auf jener Reise nach Paris, die damals an den Höfen und in der Presse die verschiedenartigsten Beurtheilungen fand und doch nicht ohne Erfolg geblieben ist. Der russisch-türkische Krieg war ausgebrochen; die „Westmächte“ standen vor dem Kampf; die beide Großstaaten des deutschen Bundes hatten noch nicht Stellung genommen und hielten sich in ihrer altdynastischen Würde dem junge Kaiserthum des „Parvenu“ fern. Da unternahm es der Herzog, in seiner Eigenschaft als Souverain und durch seine verwandtschaftlichen Verbindungen besonders dazu geeignet, die Absichten der Betheiligten in Bezug auf Deutschland an der Quelle zu erforschen. Meyern’s Feder war bei alledem thätig, aber so streng beobachtete er das Amtsgeheimniß, daß aus seinen brieflichen Mittheilungen nur zu entziffern ist, daß die Möglichkeit der damaligen Neutralität Preußens des Herzogs Verdienst war.

Meyern’s Briefe aus Paris sind noch heute lehrreich für die Geschichte des zweiten französischen Kaiserhofs. Die beiden Hauptpersonen zeichnet er mit wenigen Strichen. Die Kaiserin, damals erst ein Jahr vermählt, gefiel ihm besonders, weil sie, ungezwungenen Wesens und doch aristokratisch fein, gern lachte und ungenirte Antworten liebte. Der Kaiser suchte die deutschen Cavaliere durch Eingehen in ihre Ideenkreise zu gewinnen. So versicherte er einmal Meyern im besten Deutsch: „Wenn ich ein Deutscher wäre, würde ich wie Sie für die Reichseinheit schwärmen.“ Mit besonders scharfem Auge musterte Meyern die Umgebung Beider, die bekanntlich viel zu wünschen übrig ließ. Es war dem Kaiser noch lange nicht gelungen, all den Ballast aus seiner eigenen politischen Schwindelperiode von sich zu stoßen. Das ging auf die Haltung der Hofkreise über. Es fehlte mit der inneren auch die äußere Würde. Das schien man den Deutschen gegenüber zu fühlen, „denn,“ sagt Meyern, „wir waren ja die ersten anständigen Leute, mit denen sie es hier zu thun gehabt.“ Gegen den Herzog sprach er seine Ansicht darüber mit gewohnter Offenheit aus, denn als derselbe ihn schon am Abend des ersten Tages in den Tuilerien fragte, was er von dem kaiserlichen Hofe halte, war Meyern’s unumwundene Antwort: „Hoheit, ich glaube, ich bin noch nie in schlechterer Gesellschaft gewesen.“

Auch im Palais Royal vom alte Onkel Jérôme wurden sie empfangen. „Ich bekam eine unheimliche patriotische Anwandlung, als ich ihn sah,“ schreibt Meyern, dessen Eltern unter dem Westfalenkönig schwer gelitten hatten; „ich habe ihm auch einen Streich gespielt, den ich leider nicht dem Papier anvertrauen darf.“ Wirklich haben die drei betheiligten Cavaliere ein Meisterstück im Schweigen ausgeführt, denn erst fünfzehn Jahre später erhielt der Herzog selbst die erste Kunde davon durch die „Gartenlaube“, Jahrgang 1869, S. 79 und zwar in poetischer Form. Und weil Meyern in jener „modernen Ballade“ den kecken Streich so gar anmuthig und ausführlich geschildert hat, so wollen wir ihn nicht noch einmal erzählen, sondern ihn in jener humoristischen Gestalt der Nachwelt überliefert sein lassen. Das Ende der Festlichkeit bildete eine Ordensvertheilung. „Wir,“ schrieb Meyern an seine Mutter, „haben natürlich die Ehrenlegion bekommen, die uns der Kaiser in Person brachte. Die meinige liegt als Curiosum bei meinen Nippsachen, da man mir doch nicht zumuthen kann, das Bild Napoleon’s des Ersten auf der Brust zu tragen.“

[195] Von Paris begleitete Meyern den Herzog direct nach Wien. Noch voll von den Tuilerien-Bildern, wurde er von selbst zu Vergleichungen geführt, von denen die interessantesten die beiden Kaiserinnen betreffen. Wir dürfen uns aber von dem verlockenden Material nicht zu weiteren Ausführungen verleiten lassen, damit wir den Mann, den wir im Dienst des Hofs und der Diplomatie nun wohl genügend kennen gelernt, endlich auch als Dichter betrachten können.

Zum Theil eine Frucht der Frankfurter Erlebnisse ist seine erste Gedichtsammlung: „Monatsmärchen, Bilder und politische Gedichte“ (Leipzig, 1850), letztere besonders frischen, kernigen Inhalts. Noch vor der Pariser Reise war „Das Welfenlied“ (Berlin, 1854) vollendet, eine an poetischen Schönheiten reiche epische Verherrlichung der Helden des Welfenstammes von Welf Eticho bis zu dem Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig, der bei Quatrebras auf dem Felde der Ehre fiel.

Meyern’s Poesie ist, so lange man in Deutschland nach einem Vaterlande rang, nicht von der Politik des Tages zu trennen; hat er doch oft versichert, daß er das Lesen der Zeitungen jeder andern Lectüre vorziehe. Unsere schlimmste Zeit begann, nachdem Oesterreich wieder im alten Bundespalast „seine Kukukseier in’s deutsche Nest legen konnte“, wie Meyern zürnte. Damals baute Jeder sich sein Zukunftsbild „des Reichs“, und Meyern that dies in einem politisch-dramatischen Stücke in vier Aufzügen: „Ein Kaiser“ (Gotha, 1857). – Blieb dieses Drama auf den Bücherbrettern liegen, so eroberte er mit seinem nächsten Stücke in einem wahren Siegessturm alle deutschen Bühnen. Schleswig-Holstein, von den Bundesgroßmächten schutzlos und gefesselt der Rache der Dänen preisgegeben, war das Schmerzenskind aller Patrioten, das Klagelied „Schleswig-Holstein stammverwandt“ war Nationallied geworden. Da brachte Meyern sein fünfactiges Schauspiel aus dänisch-deutscher Geschichte: „Heinrich von Schwerin“ auf die Bretter und erzielte einen unvergleichlichen Erfolg. In Hamburg neunzig Male bei immer vollem Hause aufgeführt, machte es die Runde in ganz Deutschland und hielt sich, bis das Land von der Dänenherrschaft befreit war. Die Kritik hob besonders hervor, daß nicht blos die Tendenz, sondern auch der dramatische Werth den großen Erfolg des Stückes rechtfertige. Dieser Vorzug verschaffte auch Meyern’s nächsten Stücken, dem Trauerspiel „Die Braut Conradin’s“ und dem historischen Schauspiel „Prinz Eugen“ Eingang auf den ersten deutschen Bühnen.

Offenbar waren es diese Erfolge, welche den Herzog veranlaßten, Meyern, der 1855 zum Cabinetsrath und vier Jahre später zum Geheimen Cabinetsrath ernannt worden war, am vierten April 1860 die Intendantur des Hoftheaters (von Coburg und Gotha) zu übergeben. Hier war er endlich in seinem Element und leistete mit verhältnißmäßig bescheidenen Mitteln das Beste, was je an dieser Bühne geleistet worden ist. Es ist dort noch unvergessen, wie er den vielen Schwierigkeiten, die ihm nach der Sachlage im Wege standen, mit Klugheit, aber auch mit großer Festigkeit zu begegnen wußte und sich die Verehrung und Anhänglichkeit seiner nicht immer leicht zu behandelnden Untergebenen durch Unparteilichkeit und, wenn nöthig, eifriges Vertheidigen ihrer Rechte in hohem Maße gewann. Besonders kam ihm für sein neues Amt eine geheime Errungenschaft zu statten: die Beherrschung seines alten Gebrechens, die ihn befähigt hatte, sein Talent im lesenden Vortrag zu wahrer Meisterschaft auszubilden. Ich finde unter meinem Material aus jener Zeit nur zwei Notizen, die auf Curen gegen das Stottern hinweisen: einmal ist von einer gut anschlagenden homöopathischen Behandlung die Rede, ein andermal wird ein Landgeistlicher bei Harzgerode genannt, der Meyern durch „Uebung im richtigen Athemholen und bestimmte Regeln beim Sprechen“ so weit von seinem Uebel erlöste, daß es seiner Selbstbeherrschung leicht war, den Rest zu bewältigen.

Meyern’s dramatische Schaffenslust wurde in dieser Zeit von der heiteren Muse geleitet. Es entstanden, rasch nach einander, die dreiactigen Lustspiele „Hol’s der Kukuk!“ und „Einer nach dem Andern“, die einactigen Scherze und Schwänke: „Wie man zu einem Lustspiel kommt“, „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“, „Die erste Schnepfe“, ferner: „Des Sängers Fluch“, Oper in drei Acten (Musik von A. Langert) und „Die Fabier“, dramatische Oper in vier Acten, nach Gustav Freytag.

Das Jahr 1866 riß ihn aus seinem Musentempel noch einmal auf die diplomatische Bahn. Kurz vor dem Ausbruch des deutschen Kriegs übernahm er einen Auftrag des Herzogs, eine Mission, über deren Verhandlungen, wenn sie auch mit zwei seitdem verstorbenen Staatsmännern stattfanden, wir leider schweigen müssen – leider: denn gerade sie sind ein sprechendes Zeugniß für seinen politischen Scharfblick, wie für seine immer schlagfertige Dialektik, namentlich dem unpraktischen Doctrinarismus gegenüber. War das ihm aufgetragene Bestreben, den Krieg vermeidlich zu machen, auch vergeblich, dennoch konnte er behaupten: „Eindruck hat es doch gemacht.“

In demselben Jahre wurde er zum Generalintendanten des Hoftheaters erhoben. Meyern’s dramatische Fruchtbarkeit wuchs. Sein fünfactiges Schauspiel „Die Cavaliere“, eine Episode aus Cromwell’s englischer Herrschaft, kam zuerst aus dem königlichen Hoftheater in Berlin, dann in Köln (Friedrich Haase als Cromwell), Königsberg etc. zur Aufführung. Denselben Erfolg hatte sein dreiactiges Lustspiel „Die gute alte Zeit“, in welchem der feine Kenner fürstlicher Höfe die Widerhaarigkeit eines kleinstaatlichen Hofs gegen den Eintritt in den Norddeutschen Bund schildert, ein Zeitgemälde, das seinen Werth behält, weil in ihm ein edler patriotischer Ernst den Faden des Stückes nicht aus der Hand läßt. Ihnen folgte das dreiactige Lustspiel „ Moderne Rivalen“, welches das Münchener Hoftheater zuerst aufführte, und diesem das fünfactige Schauspiel „Das Ehrenwort“. – Meyern hatte indeß (am ersten October 1868), aus Gesundheitsrücksichten, sich in den Ruhestand zurückgezogen, fortan vollkommen frei dem dichterischen Schaffen und seiner Häuslichkeit lebend, die ein prächtiger Kranz von Kindern schmückte. Und aus diesem Kranze fiel in jener Zeit Meyern’s liebste Blume. Sein jüngstes Kind, Gretchen, hatte sich seinem Herzen so tief eingeschmeichelt, daß der Tod des sechsjährigen Lieblings seinem Gemüthsleben eine tiefe Wunde schlug. Ein rührendes Zeugniß seiner Seelenstimmung ist ein mit dem Bildniß des todten Kindes geschmücktes Album, das die einfache Widmung an seine Gattin trägt: „Zu ihrem Gedächtniß meiner Clara. Februar 1869. Gustav.“ In ergreifenden Liedern weint er darin seinen und der Mutter Schmerz aus, nicht für die Welt – das Album ist ein stilles Familienheiligthum. Eine Reise nach Holland sollte ihn zerstreuen; aber erst, als ihm wieder ein Töchterchen geboren war, gewann er die alte Lebensfreudigkeit zurück; er übertrug nun alle Liebe zum verlorenen auf dieses jüngste. Das war Clärchen.

Die großen Tage der Jahre und 1870 und 1871 packten und erhoben ihn, wie jeden Patrioten. Oeffentliche Zeugnisse dafür sind seine Gedichte in der „Gartenlaube“ (1870, Nr. 33 und 35) und sein Bändchen „Zeitgedichte“ in Franz Lipperheide’s Sammlung: „Für Straßburgs Kinder! Eine Weihnachtsbescheerung von Deutschlands Dichtern“ (Berlin, 1870). Eine Auswahl seiner lyrischen Dichtungen erschien (Leipzig, Günther, 1872) unter dem Titel „Altes und Neues“. Aus diesem Buche tritt uns der ganze Gustav von Meyern, der gute Mensch und wahre Mann mit seinem innersten geistigen und gemüthlichen Leben entgegen, die fünf Abteilungen der Sammlung: „Philosophisches“, „Episches“, „Politisches“, „Satirisches“ und „Vermischtes“, bieten einen Gedankenreichthum, eine Fülle warmen Empfindens und zeugen von einer Tüchtigkeit des inneren Menschen, daß man Buch und Dichter zugleich lieb gewinnen muß.

Wiederum der Gegenwart, den Nachwehen des großen Krieges im neuen „Reichslande“, entnommen ist sein dreiactiges Drama: „Ein Kind des Elsaß“, das zum ersten Male, im Verein mit meinem Festspiel: „Drei Kämpfer“, zur Feier des 2. September 1874 im Stadttheater zu Leipzig mit großem Erfolge über die Bühne ging. Eine bedeutende Arbeit ist: „Das Haus der Posa. Historisches Schauspiel in fünf Aufzügen“ (Leipzig, J. J. Weber, 1874). Meyern stellte sich die Frage: Ist der Marquis von Posa Schiller’s eine historische Person? Geschichtsforschung und historische Wahrscheinlichkeitsrechnung leiteten ihn auf eine Spur, die er als poetische Wahrheit dramatisch ausbeutete. Die Familie Roxas hatte das Marquisat von Posa erhalten und war unter Ferdinand dem Zweiten der Inquisition zum Opfer gefallen, theils vernichtet, theils verbannt worden. Rodrigo ist der gerettete Erbe des Namens. Daher einer der Verbannten das Schauspiel mit den Versen schließt:

[196]

„Der Roxas stolzes Haus, es sank dahin;
Nichts blieb von ihm als eine letzte Hoffnung:
Rodrigo, Gott mit Dir! Sei Du bestimmt,
Den Namen Posa durch die Welt zu tragen!“

Wir haben hier also eine Art Vorspiel zu Schiller’s „Don Carlos“, aber doch ein vollkommen selbstständiges Stück, das auf der Bühne großartige Wirkung erzielte. In Prag hatte die Polizeidirection die Aufführung des Schauspiels 1873 verboten, weil in demselben zum Oefteren betont sei: „Man könne ein ganz guter Katholik sein, ohne die göttliche Mission der Inquisition anzuerkennen.“ (!!) Ein Jahr später wurde das Verbot zurückgenommen, doch mußten mehrere Stellen, in denen das Crucifix vorkam, wegbleiben.

Im August 1874 verlebte ich in Coburg zum letzten Male mit Meyern frohe Stunden im Kreise seiner reizenden Familie; im Herbste siedelte er nach Constanz über, wo er sich in herrlicher Lage am See eine Villa baute, die, wie er mir schrieb, General Werder einweihete. Hier gewann auch sein poetisches Schaffen neuen Schwung. Zunächst erschien von ihm „Ein Märchen aus unseren Tagen“ (Constanz, 1875), eine allegorische Verherrlichung der „Königin Zeit“. Diesem folgten, abermals ein Werk ernster Studien, „Die Malteser. Geschichtliches Schauspiel in fünf Aufzügen“, wieder zuerst und diesmal ohne polizeiliche Bedenken auf dem deutschen Landestheater in Prag mit großem Erfolge aufgeführt. – Die Nähe des Elsaß erzeugte seine „ Ballade vom Elsaß“ (Stuttgart, Cotta, 1876). Seine patriotische Absicht dabei hat am besten der Herzog von Coburg erkannt, der „seinem alten Freund“ schrieb: „Ich habe Ihr Buch mit aufrichtigem Interesse gelesen, mich namentlich darüber gefreut, wie Sie den anziehenden Stoff in so einfacher und volksthümlicher Form zum praktischen Ausdrucke gebracht haben – und wünsche von Herzen, daß es durch die Macht treuherziger Dichtung im neuen Reichsland Propaganda für das Reich mache.“

Ein kleines Lustspiel „Die Gänseleber-Pastete“ entsprang derselben Quelle. Eines der gelungensten dramatischen Feste, bei dessen Aufführung Kaiser Wilhelm und Großherzog Friedrich von Baden selbst unbewußt mitspielte, war das „Kaiserfestspiel auf Mainau“ am Abend des 14. Juli 1876, über welches die „Gartenlaube“ (Nr. 33) ausführlich berichtet hat. Neben einem vieractigen romantischen Schauspiel „Teuerdank“ entstand dann das romantische Zeitbild „Teuerdank’s Brautfahrt“, mit dessen Schicksal wir dieses Lebensbild begonnen haben.

Wenn Gustav von Meyern im Volke und in der Literatur weniger genannt und bekannt war, als viele Andere, die weder an Bedeutung ihrer Person noch ihrer Leistungen ihm gleich standen, so trägt die Schuld zum Theil er selbst oder vielmehr seine Selbstlosigkeit und Anspruchslosigkeit, die als eine seiner hervorragendsten Charaktereigenthümlichkeiten wir halb preisen, halb aber beklagen müssen. Wie viele, besonders von unseren jüngeren Autoren, hätten es über sich vermocht, die ihm so vielfach gebotene Gelegenheit des Einblicks in die höchsten Fürstenhöfe Europas, des näheren Umgangs mit den einflußreichsten Männer und Frauen nicht in Zeitungsberichten, Erinnerungen, Essays und dergleichen zu ihrer persönlichen Glorification auszubeuten? Meyern war nie zu dergleichen Mittheilungen zu bewegen, wie oft ich auch selbst ihn darum bat. Ebenso wenig benutzte er seine Stellung als Hoftheater-Intendant zur Beeinflussung seiner Collegen zu Gunsten seiner eigenen dramatischen Arbeiten. „Meine Anspruchslosigkeit,“ schrieb er mir einmal, „ist zu einer Art Lebensweisheit ausgebildet, und ihr unterwerfe ich auch das, was ich schreibe. Ist es vom Stapel gelaufen, betrachte ich es, wie ein Vogel sein flügges Junge. Das Nest zu bauen und das Ausbrüten und Nähren hat mir Vergnügen gemacht, war eine Befriedigung des Naturbedürfnisses. Ist das Junge aus dem Nest, so füttere ich es noch eine Zeitlang, indem ich ihm einen Verleger suche, bei dem es sich künftig selbst sein Futter verschafft, und dann – sage ich mich los. Alles Uebrige würde auf Eitelkeit, Ehrgeiz oder Gelderwerb hinauslaufen, drei Dinge, denen, wo nicht etwa das dritte ein zwingendes ist, Lebenserfahrung und etwas Stoicismus entsagen lehrt.“ Solche Grundsätze vertragen sich mit keinerlei Cliquen- und Reclamenwesen. Aber um so höher achten wir den Mann und waren dem Dichter es schuldig, ein möglichst vollständiges Bild wenigstens seines geistigen Schaffens zu geben.

Wir schließen mit einem tragischen Nachspiel. Meyern war, wie wir wissen, kein Gesellschaftsmensch, sondern suchte seine Erholung und seine schönsten Freuden im Kreise der Seinen. „Er war ein Hohepriester seiner Familie und pflegte den Altar des Hauses mit wahrhaft geweihter, reiner Hand“. Das sind Worte seiner Gattin. Das reizendste Verhältniß hatte sich mit Gretchen’s Nachfolgerin in seinem Herzen, mit Clärchen, angesponnen. Das achtjährige Töchterchen war „der Sonnenstrahl des Vaters“. Kind und Vater waren unzertrennlich und verstanden sich mit den Augen. Clärchen besaß ausgezeichnete Begabung für Musik und machte unter der Mutter Leitung, noch mehr aber durch eigenen Eifer große Fortschritte; wie andere Mädchen zur Puppe eilen, so eilte sie zum Flügel. In Meyern’s letzter Krankheit war sie die unversiechliche Quelle seiner Heiterkeit. Denn diese hielt er fest mit aller Kraft. Noch seinen letzten Brief an mich, vom 24. Februar, in welchem er seine gezwungene Unthätigkeit beklagt, die Arbeiten aufzählt, die nunmehr fertig sein könnten und auf deren Vollendung er sich freut, und eben deshalb auf die Genesung und den Frühling „wie das Kind auf Weihnachten“ – selbst da schließt er: „Seien Sie mit den Ihrigen gegrüßt vom Lazarus, sonst aber, wenn er auch keinerlei Emotion vertragen kann, immer noch gutgelaunten Freund G. v. M.“ – In dieser Zeit spielte einmal Clärchen dem Papa Mendelssohn’s Melodie zu „Wer hat dich, du schöner Wald“ vor. Tief bewegt äußerte Meyern: „Dieses Lied müßte ein Abschiedslied, ein Lied am Grabe werden.“ Einen Tag nach seinem Tode fand man den Entwurf des Liedes, noch im Brouillon, in seinem Schreibtisch – „es war der Schwanengesang für Vater und Kind geworden“ (vergl. „Gartenlaube“ 1878, Seite 289). Vier Wochen nach des Vaters Tode lag auch Clärchen auf der Bahre. In der Familie ging das Wort. „Papa hat sie gerufen; da mußte sie ja folgen.“

  1. Teuerdank’s Brautfahrt. Romantisches Zeitbild aus dem fünfzehnten Jahrhundert von Gustav v. Meyern. Leipzig, Ernst Keil, 1878.