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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der Cyniker
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Fünfzehntes Bändchen, Seite 1800–1813
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1832
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Κυνικός
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[1800]
Der Cyniker.
Der Cyniker und Lycinus.

1. Lycinus. Was willst Du denn damit, mein Freund, daß Du Haare und Bart wachsen lässest, ohne Unterkleid und Schuhe in der Welt umhergehest, ein unstetes, ungeselliges, bestiales Leben führest, und statt Deinen Leib zu pflegen, wie andere Leute thun, ihn kasteyest und die Nächte auf der harten Erde zubringst, wie man an dem vielen Schmutze Deines rauhen, groben und mißfarbigen Mantels sieht?

Cyniker. Ich brauche keinen anderen Mantel. Ein solcher ist am leichtesten zu haben, und für seinen Besitzer am wenigsten unbequem. Er genügt mir also. Sage mir doch in aller Welt, glaubst Du denn nicht, daß eine üppige Lebensweise eine fehlerhafte ist?

2. Lycinus. Allerdings glaube ich es.

Cyniker. Daß hingegen eine genügsame löblich ist?

Lycinus. Auch dieß.

Cyniker. Nun denn, da Du siehst, daß ich genügsamer lebe, als die Anderen, Diese hingegen üppiger, warum tadelst Du mich, und nicht diese?

Lycinus. Weil ich glaube, daß Du nicht genügsamer, sondern dürftiger als die Andern, oder vielmehr recht armselig und elend lebst. Denn Du unterscheidest Dich in Nichts vor dem Bettler, der um sein tägliches Brod bittet.

[1801] 3. Cyniker. Willst Du nicht etwa, weil wir nun doch auf diesen Punkt zu sprechen gekommen sind, daß wir etwas genauer darnach fragen, was man unter dürftig und genügend versteht?

Lycinus. Wie Du willst.

Cyniker. Was für eines Jeden Bedürfniß hinreicht, das ist für ihn genügend: nicht wahr?

Lycinus. So ist es.

Cyniker. Und dürftig ist, Wer weniger hat, als er braucht, oder zu dessen Bedarf das nicht hinreicht, was er hat?

Lycinus. Allerdings.

Cyniker. So bin ich also in keiner Hinsicht dürftig. Denn Was ich habe, ist gerade so viel, um mein Bedürfniß auszufüllen.

4. Lycinus. Wie habe ich Das zu verstehen?

Cyniker. So frage Dich einmal, wozu eine jede Sache, deren wir bedürfen, da ist. Zum Beispiel, eine Wohnung: nicht wahr, zur Bedeckung?

Lycinus. Versteht sich.

Cyniker. Und wozu die Kleider? wohl ebenfalls zur Bedeckung?

Lycinus. Nicht anders.

Cyniker. Und diese Bedeckung selbst, wozu haben wir sie denn vonnöthen? Wohl nur, damit sich das Bedeckte desto besser befinde?

Lycinus. So denke ich.

Cyniker. Befinden sich nun aber meine Füße schlimmer, als die anderer Leute?

[1802] Lycinus. Das kann ich nicht wissen.

Cyniker. So laß Dich fragen: was ist das Geschäft der Füße?

Lycinus. Das Gehen.

Cyniker. Scheint Dir nun, daß die meinigen schlechter gehen, als andere?

Lycinus. Das nun wohl nicht.

Cyniker. Also befinden sie sich auch nicht schlechter, wenn sie ihr Geschäft nicht schlechter verrichten.

Lycinus. Ich sollt’ es meinen.

Cyniker. So bin ich also, was die Füße betrifft, nicht übler daran, als andere Leute.

Lycinus. Allerdings nicht, wie es scheint.

Cyniker. Oder ist etwa mein ganzer Körper schlechter, als andere Körper? Wenn er schlechter wäre, müßte er schwächer seyn. Denn die Güte des Körpers ist seine Kraft. Ist nun der meinige schwächer?

Lycinus. Auch dieß scheint nicht der Fall zu seyn.

Cyniker. So folgt, daß weder meine Füße, noch mein ganzer Leib hinsichtlich der Bedeckung, bedürftig sind: denn wenn sie bedürftig wären, so würden sie sich übel befinden. Die Bedürftigkeit ist immer ein Uebel, und versetzt Dasjenige, was mit ihr behaftet ist, in einen schlimmeren Zustand. Auch hinsichtlich der Nahrung ist mein Leib darum nicht schlimmer daran, weil er sich mit dem Nächsten Besten sättigt.

Lycinus. Das zeigt der Augenschein.

Cyniker. Er wäre nicht stark, wenn er sich schlecht nährte: denn schlimme Nahrung verdirbt den Körper.

[1803] Lycinus. Nicht anders.

5. Cyniker. So sage mit also, wir kannst Du unter diesen Umständen mich tadeln, und meine Lebensweise schlecht und elend nennen?

Lycinus. Deßwegen, weil, während die Natur, die Du doch so hoch hältst, und die Götter diese ganze Erde uns zum Eigenthum eingeräumt haben und aus derselben allerlei Gutes in solcher Fülle hervorkommen lassen, daß wir dessen nicht nur zur Nothdurft, sondern auch zum Vergnügen uns bedienen sollen, Du der Einzige seyn willst, der an allem diesem oder wenigstens an dem Meisten eben so wenig Theil nimmt, als ein unvernünftiges Thier. Denn Du trinkst Wasser, wie alle anderen Thiere; Du issest, was Du eben findest, wie die Hunde, und hast auch kein besseres Nachtlager als diese, indem auch Dir, wie ihnen, ein Bündelchen Heu genügt. Das Kleid, das Du trägst, ist eben so schlecht, als der Mantel des ärmsten Bettlers. Wenn Du nun recht daran thust, Dich so kümmerlich zu behelfen, so hat die Gottheit nicht recht gethan, daß sie die Schafe so reichlich mit Wolle versah, daß sie die Weinrebe mit ihrer lieblichen Frucht, den Oehlbaum, die honigbereitenden Bienen, kurz die ganze wundervolle Mannigfaltigkeit von Dingen schuf, damit wir Speisen und Getränke in angenehmer Abwechselung, ein weiches Lager, schöne Wohnungen und Mittel hätten, alle übrigen Einrichtungen zur Lebensbequemlichkeit uns zu verschaffen. Denn auch die Werke der Kunst sind Geschenke der Götter. Ein Leben, das aller dieser Dinge entbehrt, ist ein elendes Leben. Schlimm genug, ihrer von Andern beraubt zu werden, wie Die, welche in den [1804] Gefängnissen liegen: aber ungleich schlimmer, wenn Einer sich selbst alles Guten beraubt. Denn dieß ist doch wohl offenbare Tollheit!

6. Cyniker. Man wird Dir vielleicht Recht geben. Aber sage mir doch – wenn ein reicher und menschenfreundlicher Mann in seines Herzens Güte eine Menge Menschen der verschiedensten Art, Gesunde und Kränkliche auf das Freigebigste bewirthete, und ihnen die mannigfaltigsten Schüsseln in großer Anzahl vorsetzte, und einer der Gäste wollte Alles an sich raffen und Alles verzehren, und nicht nur das ihm zunächst Liegende, sondern auch das Entferntere und das für die Kranken bestimmte, obwohl er selbst gesund ist, zu sich nehmen, während doch der Mann nur Einen Magen hat, der zur Ernährung nur Weniges bedarf, und von dem Vielen nothwendig zerrüttet werden muß – sage mir, wie würde Dir ein solcher Mann vorkommen? Etwa vernünftig und weise?

Lycinus. Gewiß nicht.

7. Cyniker. Wenn dagegen ein Anderer, der an der nämlichen Tafel säße, unbekümmert um die vielen und mannigfaltigen Schüsseln, nur Eine der ihm zunächst stehenden, die für sein Bedürfniß hinreichte, sich wählte, ehrbar äße und sich an ihr genügen ließe, alles Uebrige aber nicht einmal ansähe, erschiene Dir dieser Mann nicht weiser und besser als Jener?

Lycinus. Unstreitig.

Cyniker. Wie nun, verstehst Du mich? Oder soll ich mich noch deutlicher erklären?

Lycinus. Was meinst Du denn?

[1805] Cyniker. Mit jenem gastfreien Wirth meine ich die Gottheit, welche uns so viel und so vielerlei, entsprechend den mannigfaltigsten Bedürfnissen, vorsetzt, das Eine für Gesunde, das Andere für Kranke, das Eine für Starke, das Andere für Schwache, nicht aber, damit wir Alle von Allem genießen sollen, sondern damit Jeder Dasjenige zunächst hätte und genöße, was seinem Bedürfnisse am meisten zusagt.

8. Ihr Anderen aber gleichet jenem Unmäßigen und Unersättlichen, der Alles an sich rafft. Indem ihr Alles genießen wollet, nicht nur, was in eurer Nähe ist, sondern was irgend sich findet, genügt euch weder euer Land noch euer Meer; sondern aus der fernsten Gegend erhandelt ihr eure Genüsse, und gebet jederzeit dem Ausländischen den Vorzug vor dem Einheimischen, dem Kostbaren vor dem Wohlfeilen, dem schwer zu bekommenden vor Dem, was leicht zu haben ist. Kurz, ihr wollet lieber Mühen und Ungemächlichkeiten haben, als leben ohne Ungemach. Denn alle diese vielfältigen und kostspieligen Zubereitungen zu eurem Wohlleben, womit ihr euch so viel wisset, wie viele Mühen und Verdrüßlichkeiten kosten sie euch? Betrachte dieses von aller Welt so emsig gesuchte Gold und Silber, diese prächtigen Palläste, diese reichen und künstlich gearbeiteten Gewänder; betrachte all dieses kostbare Geräthe der Ueppigkeit: mit wie vielem Ungemach muß es erkauft, wie viele Mühen und Gefahren müssen deßwegen bestanden, wie viel Blut vergossen, wie viele Menschenleben aufgeopfert werden? Nicht genug, daß so Manche auf Seefahrten zu Grunde gehen, oder über dem Aufsuchen und Bearbeiten dieser Dinge Beschwerden [1806] aller Art erdulden müssen; sind sie nicht Gegenstand beständigen Haders, trachtet um ihretwillen nicht der Freund dem Freunde, der Sohn dem Vater, die Gattin dem Gatten nach dem Leben? Um ein goldenes Halsband hat Eriphyle ihren Gemahl verrathen.

9. Und bei allem Diesem, gilt ein buntgesticktes Gewand wärmer als ein anderes? verwahrt Dich ein Haus mit vergoldetem Dache besser? schmeckt der Wein angenehmer aus Pokalen von Gold und Silber? schläft sich’s süßer auf einem Bettgestelle von Elfenbein? Oder sehen wir nicht oft genug, wie gerade diese Glücklichen auf ihren elfenbeinernen Lagerstellen und ihren köstlichen Polstern am wenigsten schlafen können? Und jene mannigfaltigen und gekünstelten Speisen, nähren sie etwa besser, oder zerrütten sie nicht vielmehr den Körper und führen ihm Krankheiten zu?

10. Brauche ich noch zu erwähnen, was Alles die Menschen um des aphrodisischen Vergnügens willen thun und leiden, während es doch so leicht ist, dieser Begierde sich zu entledigen, wem es nicht um üppige Genüsse zu thun ist? Doch dabei bleibt der Unsinn und die Verdorbenheit der Menschen nicht stehen. Sie verkehren den natürlichen Gebrauch noch von tausend anderen Dingen, und bedienen sich ihrer nicht, zu was sie gemacht sind; wie wenn z. B. Einer sich statt eines Wagens seines Bettes so bedient, als ob es ein Wagen wäre.

Lycinus. Wer thut denn dieß?

Cyniker. Ihr, indem ihr Menschen wie Lastthiere gebraucht, und ihnen eure Tragbetten auf den Nacken legt, während ihr selbst in wollüstiger Behaglichkeit oben lieget, [1807] und mit den Zügeln in den Händen Menschen, wie Maulesel, nach dieser oder jener Seite hin regiert. Und indem ihr dieß thut, werdet ihr von den Leuten glücklich gepriesen!

11. Wer ferner ein Thier, welches da ist, um gegessen zu werden, nicht bloß zur Nahrung, sondern künstlicher Weise auch zum Färben gebraucht, wie z. B. mit der Purpurschnecke geschieht, macht nicht auch Dieser von der göttlichen Einrichtung einen naturwidrigen Gebrauch?

Lycinus. Er thut recht daran: denn das Fleisch der Purpurschnecke kann eben so gut zum Färben als zur Speise dienen.

Cyniker. Aber sie ist nun einmal nicht dazu da. Denn so könnte Einer auch seinem Becher Gewalt anthun, und ihn statt eines Topfes brauchen, wiewohl der Becher nur dazu gemacht ist, ein Becher zu seyn. – Mit Einem Wort, die Zahl der Verkehrtheiten und Ungemächlichkeiten, welche sich die Menschen selbst geschaffen haben, ist zu groß, als daß wir alle namhaft machen könnten. Und Du willst mir noch Vorwürfe darüber machen, daß ich nicht Lust habe, daran Theil zu nehmen? Mein Leben ist gleich dem Benehmen jenes ehrbaren Gastes; ich esse, was vor mir liegt, was für mich paßt, was einfach und wohlfeil zu haben ist: nach jenem bunten und künstlichen Vielerlei gelüstet mich nicht.

12. Ich scheine Dir ein thierisches Leben zu führen, weil ich wenig bedarf und wenig genieße. Allein nach dieser Deiner Ansicht müßten ja die Götter noch übler daran seyn, als selbst die Thiere: denn sie bedürfen gar nichts. Du wirst am besten darüber ins Klare kommen, was es mit [1808] dem mehr oder weniger Bedürfen für eine Bewandtniß hat, wenn Du Dich erinnern willst, daß die Kinder mehr bedürfen als die Erwachsenen, die Weiber mehr als die Männer, die Kranken mehr als die Gesunden, und daß überhaupt in allen Verhältnissen das Schwächere mehr Bedürfnisse hat, als das Stärkere. Dieß ist der Grund, warum die Götter gar Nichts, und Diejenigen, die ihnen am nächsten sind, am wenigsten bedürfen.

13. Oder bildest Du Dir etwa ein, Herkules, der herrlichste aller Menschen, der göttliche Mann, der mit Recht für einen Gott gehaltene Herkules sey aus Noth mit einer Löwenhaut auf dem nackten Leibe umhergezogen, und habe sich alle eure Bedürfnisse aus Armuth versagt? Noth konnte Den nicht bedrängen, der Andere aus ihren Nöthen gerissen hat: auch Armuth nicht, da ihm alle Länder und Meere unterthan waren. Denn wohin er kam in seinem Thatendrang, überwand er Alles, und bis zu seinem Abschiede aus der Welt fand er Keinen, der ihm gleich, geschweige überlegen gewesen wäre. Und er soll in dieser Tracht umhergegangen seyn, weil er nicht im Stande war, sich Kleider und Schuhe zu verschaffen? Nein, freiwillige Entbehrung und Strenge gegen sich selbst war’s; er wollte stark seyn und alles Wohlleben verachten. Und Theseus, sein Jünger, war er nicht König aller Athener und Sohn des Neptun, wie die Sage lautet, und der vornehmste Mann seiner Zeit?

14. Und gleichwohl zog es auch Dieser vor, unbeschuht und unbekleidet einherzugehen, und gefiel sich darin, Haar und Bart wachsen zu lassen. Und nicht nur ihm, sondern allen Helden des Alterthums gefiel es so: denn sie waren [1809] alle besser denn ihr. So wenig als ein Löwe sich scheeren ließe, so wenig hätten sie sich ihre Barte abschneiden lassen. Eine weiche, glatte Haut ziemt den Weibern, meinten sie. Sie waren Männer, und wollten auch wie Männer aussehen. Den Bart hielten sie für des Mannes Zierde, wie die Natur dem Pferd und dem Löwen die Mähne zum Stolz und Schmuck gegeben. Diese Alten sind mir die Vorbilder, denen ich nacheifern will. Die Jetztlebenden beneide ich nicht um ihre gepriesene Glückseligkeit, um ihre Tafeln und ihre schönen Kleider. Mögen sie immer ihre Haut glätten und alle Härchen austilgen am ganzen Leibe, und auch die geheimsten Partien nicht lassen, wie sie gewachsen sind!

15. Ich wünsche mir Nichts, als daß meine Füße so hart werden möchten als der Pferdehuf eines Centauren; daß ich eben so wenig je eine Decke nöthig haben möge, als ein Löwe; und daß ich nie eine kostbarere Nahrung bedürfen möge, als ein Hund. Möge ich nie ein besseres Lager, als die bloße Erde, nie ein anderes Obdach als den freien Himmel, nie eine andere Kost wünschen, als die sich mir am nächsten darbietet! Gold und Silber möge nie weder mir, noch irgend einem meiner Freunde zum Bedürfniß werden! Denn alles Elend, was die Menschen drückt, Zwietracht, Krieg, Meuterei und Todtschlag ist aus dieser Begierde erwachsen. Die Quelle alles dieses Unheils ist das Verlangen nach immer Mehrerem. Ferne sey also von mir dieses Verlangen; stark dagegen die Kraft und der Wille, mich mit immer Wenigerem zu begnügen!

[1810] 16. Hier hast Du meine Grundsätze; sie sind allerdings ganz und gar verschieden von den Neigungen der Mehrzahl. Und es ist nicht zu verwundern, wenn auch mein Aeußeres in demselben Grade von ihr absticht, als meine Denkungsart der ihrigen unähnlich ist. Aber wundern muß ich mich über Dich, wie Du, während Du es nicht befremdend finden kannst, daß ein Citherspieler, ein Flötenbläser, ein Schauspieler seine eigene Tracht und sein eigenes Benehmen hat, gleichwohl der Meinung bist, ein Weiser dürfe nichts Besonderes in seinem äußeren Aufzuge haben, sondern müsse sich tragen und benehmen, wie die Menschen aus der Menge, die doch zum größten Theile sehr schlechte Menschen sind. Wenn es aber unvermeidlich ist, daß der Weise auch in seiner äußeren Erscheinung etwas Eigenthümliches habe, welcher Aufzug paßt besser für ihn, als ein solcher, der zu abstoßend ist, als daß verdorbene Schwelger ihn nachzumachen Lust bekämen?

17. Und dieß ist, denke ich, mit dem meinigen der Fall, mit meinem schmutzigen, struppigten Aussehen, meinem groben Mantel, meinen ungeschorenen Haaren und bloßen Füßen. Wer könnte dagegen einen Unterschied angeben zwischen euerem Aufzug und dem eines Cinäden? Farbe der Kleidung, Feinheit des Stoffes, Menge der Unterkleider und Umwürfe, Fußbekleidung, Haarputz, Wohlgerüche, Alles ist bei euch wie bei jenen männlichen H.…; denn in der That duftet ihr schon ganz so, zumal die Hochbeglückten unter euch. Was möchte man aber wohl um einen Mann geben, der wie ein Cinäde riecht? Arbeiten und Entbehrungen scheuet ihr nicht minder als sie; den Wollüsten aber seyd ihr eben so [1811] sehr ergeben. Ihr esset wie sie, schlafet wie sie, gehet wie sie; oder vielmehr, ihr verschmähet es, zu gehen, sondern wollet getragen seyn, wie Waaarenballen, bald von Menschen, bald von Maulthieren, während mich meine eigenen Füße tragen, wohin ich will. Ich bin stark genug, Kälte und Hitze zu ertragen, ohne über die göttliche Einrichtung zu murren, als ob ich unglücklich wäre. Ihr aber seyd vor lauter Glückseligkeit mit Nichts zufrieden, tadelt Alles, lasset euch nie gefallen, was da ist, sondern sehnet euch nach Dem, was ihr nicht habt. Im Winter wünschet ihr den Sommer herbei, im Sommer den Winter, in der Hitze die Kälte und umgekehrt: kurz ihr fühlet ganz das Mißbehagen des Kranken; und wie man Diesem, eben weil er krank ist, Nichts recht machen kann, so auch euch, weil ihr Thoren seyd.

18. Und ihr wollet von uns verlangen, daß wir unsere Lebensweise umändern und verbessern sollen, als ob wir unser Thun nicht vernünftig zu überlegen pflegten, während doch ihr es seyd, die in ihren Angelegenheiten kein Nachdenken zeigen, und ohne Urtheil und Gründe, sondern lediglich nach Gewohnheit und Gelüsten handeln. Und so müßt ihr gleich Denen, welche in einem reißenden Flusse treiben, von der Strömung eurer Leidenschaften euch willenlos fortwälzen lassen. Es ergeht euch nicht anders, als jenem Menschen, der auf ein kolleriges Pferd gerathen war, und, da es in reißendem Laufe mit ihm davon rannte, nicht herabspringen konnte. „Wo hinaus?“ rief ihm ein Begegnender zu“. „Wohin Der will,“ war seine Antwort, indem er auf seinen Gaul wies. So müßtet auch ihr auf die [1812] Frage: „wohin so hastig?“ wenn ihr die Wahrheit sagen wolltet, antworten: „wohin unsere Leidenschaften wollen;“ oder, im Einzelnen: „wohin die Wollust, die Ehrsucht, die Gewinnsucht will.“ Ein andermal ist es der Zorn, die Furcht, oder irgend ein anderer Affekt, der euch mit sich fortreißt. Denn ihr lasset euch nicht von einem und demselben, sondern zu verschiedenen Zeiten von sehr verschiedenen Pferden dahingetragen: aber da sie alle den Koller haben, so rennen sie mit euch über jähe Höhen in tiefe Gründe, und ihr stürzt, eh’ euch ahnte, daß ihr stürzen werdet.

19. Aber dieses mein Mäntelchen, worüber ihr euch lustig machet, mein ungeschorenes Haar, mein ganzes Aussehen, hat die große Kraft in sich, daß ich ruhig und sorgenfrei leben, und thun kann, was ich will, und umgehen, mit Wem ich will. Denn eben wegen dieses Aufzuges haben die Unweisen und Ungebildeten keine Lust, mir zu nahe zu kommen: und vollends die Weichlinge gehen mir schon von ferne aus dem Wege. Mir nähern sich nur die Vernünftigsten, die Rechtschaffensten, die Liebhaber der Tugend: sie suchen meinen Umgang, und mit ihnen allein bin ich gerne zusammen. An den Thüren Derer hingegen, die ihr glücklich nennt, warte ich nicht auf. Ihre goldenen Kränze, und ihren Purpur halte ich für eitlen Tand, und sie selbst verlache und verachte ich.

20. Damit Du aber doch wissest, daß Du Dich über ein Aeußeres belustigest, welches nicht nur weisen Sterblichen, sondern auch den Göttern angehört, so betrachte einmal die Bilder der Götter. Wem sind sie ähnlicher, euch, oder mir? Gehe umher und beschaue die Tempel – nicht nur [1813] der Griechischen, sondern auch der ausländischen Gottheiten: scheinen diese nicht unbeschoren an Haupt und Bart wie ich, oder werden sie etwa von den Bildern und Malern geschoren dargestellt? Ja Du wirst finden, daß sie meist auch ohne Unterkleider sind, wie ich. Wie willst Du Dir nun herausnehmen, von diesem Aufzug verächtlich zu sprechen, da man ihn sogar an den Göttern anständig findet?