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Titel: Das Schillerfest in Leipzig
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 681–685
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[681]
Das Schillerfest in Leipzig


am 11. November 1855.


Es war am Abend des gedachten Tages, als ein langer, hagerer Mann, mit einer Physiognomie, die Dannecker’s classischer Schillerbüste bis in’s kleinste Detail abgelauscht schien, durch den Vorhang einer kleinen Bühne hinaus in eine Versammlung sah, die bereits Stunden lang den Augenblick ersehnte, der die „lebenden Bilder“ enthüllen sollte, die den Hauptakt dieses festlichen Abends repräsentirten. Die lange, hagere Erscheinung gehörte einem der Darsteller Schiller’s, und der glänzende Saal, wo eine Zuschauermenge von nahe an vierzehnhundert Köpfen harrte, war der, einer unserer elegantesten Gasthäuser, das Hotel de Pologne.

[682] Unser Pseudo-Schiller war zugleich Leiter und Arrangeur der Tableaux. In dieser Eigenschaft war er sich der Schwierigkeit einer Aufgabe vollkommen bewußt, deren würdige Lösung, wie jede künstlerische Production, die vor die Oeffentlichkeit tritt, so vielen Zu- und Unfällen unterworfen ist. Er hatte zwar seine kleine auserlesene Schaar, die ihm ihre Mitwirkung bei den Bildern zugesagt hatte, auf den Proben tüchtig eingeübt, hatte sich dann jeden Kopf, jedes Costüm so portrait-ähnlich wie möglich hergerichtet, doch waren seine Bilder einfacher, stiller Natur, entsprechend dem Leben des großen Dichters; und er fürchtete nicht ohne Grund, diese Einfachheit könnte von einem Publikum mißverstanden werden, das, wie fast jedes Publikum heutiger Zeit, des Prunkes und äußerlichen Aufwands nur zu sehr bedarf, um sich noch anregen oder fesseln zu lassen. Mit dieser Besorgniß erfüllt, ging er eilig in das Zimmer, wo die mitwirkenden Damen und Herren (sämmtlich dem Privatstande angehörend), schon im Costüm und ihres Auftretens gewärtig, in den verschiedensten Gruppen der Spannung und dem Gefühle eines leisen „Lampenfiebers“ versammelt waren.

„Meine Verehrten,“ sprach er hier mit erhobener und zugleich gepreßter Stimme, „der Augenblick naht, der uns entweder die Sonne von Austerlitz zeigt, oder die gewitterschweren Wolken von

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Lebende Bilder des leipziger Schillerfestes.*[1]

Waterloo – hoffen wir Ersteres. Ich sah so eben durch den Vorhang – der Saal ist so furchtbar gedrängt voll, wie ihn die Räume dieses Hotels noch nicht gesehen haben. Bei einer solchen Menschenmenge ist für den Darsteller Alles zu erwarten – ein Mittelding von Erfolg giebt’s da nicht – entweder vollständiger Sieg – oder eine vollständige Niederlage. Lassen Sie sich indessen durch nichts abhalten und irritiren, was, während Sie auf der Bühne stehen, sich etwa Störendes in dem Zuschauerraume ereignen könnte. Ertönt da oder dort ein Schrei von einem Gepreßten, lassen Sie ihn ruhig schreien, denn helfen können Sie ihm ja doch nicht – fallen Zehn in Ohnmacht, lassen Sie sie fallen – stehen Sie wie Statuen von Erz oder von Marmor, meine Herrschaften, seien Sie der großen Geister, die Sie repräsentiren, eingedenk, die sich durch dergleichen Vorkommnisse gewiß auch nicht so leicht außer Fassung hätten bringen lassen.“

So schloß dieser Impresario seine Standrede und musterte noch zu einem letzten Male seine Genossen. Einem Knaben von acht Jahren ordnete er das goldblonde, lange Haar so schlicht, so frei als möglich, und zupfte da und dort an der Hemdkrause. Dies ist das Kind: Schiller, mit dem frommen, sanften Antlitz, der feinen, durchsichtigen Gesichtsfarbe, dem träumerischen Auge. Diesem Kinde entsprechend, sehen wir in der „Mutter Schiller’s“ eine Frau voller Güte und Wohlwollen, voller Religiosität und treuer Liebe. Strengeren Ausdrucks hingegen ist der Kopf des Vaters, der schon als Werbeoffizier, welchen Posten er damals begleitete, nicht mild aussehen kann. Die Biographen beschreiben ihn uns als einen ernsten, kurzangebundenen Mann, der ein blindgehorsamer Diener seiner gestrengen Herren war. Eine hohe Jünglingsgestalt mit einem Ausdrucke im Gesicht, als sähe man den Dichter der „Räuber“ vor sich, ist eben im Gespräch mit der Adoptivtochter des Herzogs von Würtemberg, einem schönen Mädchen mit braunem Auge und leicht brünettem Teint, wozu der Puder so schön kleidet. In stolzer Haltung und mit dem Fächer tändelnd, steht ihr zur Seite Gräfin Franziska von Hohenheim, die Favorite des Herzogs, während dieser, schon im Charakter seiner Rolle, finstern Blicks den jungen Regimentsmedikus Schiller mißt. Ein junger Mensch, in einfach bürgerlicher Tracht, lehnt still für sich an einem Fenster, sein großes, dunkles Auge auf seinen besten Freund gerichtet – es ist dies ein zweiter Blondel, der treue Streicher. Jener imposante Mann dort mit dem Alles gewinnenden Blick, mit einer Stirn, die „Jovis Thron“ zu sein scheint – ist Goethe, zu jener Zeit noch ein Funfziger. Stolz, vornehm und seines Werths nicht minder bewußt, steht neben ihm Herder mit dem Feuerauge und der Adlernase – aber gebückt sitzt dort in seinem Lehnstuhl, das schwarze Sammetkäppchen auf dem Silberhaar, ein Greis voll Menschenliebe und unvergänglichem Humor – es ist Wieland – der herrliche, unvergeßliche Sänger des Oberon. Mitten unter ihnen befindet sich Karl August von Weimar mit dem großen klaren Auge, das ein treuer Spiegel seiner großen Seele – in markiger gedrungener Gestalt. Die beiden Philosophen, Fichte und Reinhold, stehen vereinzelt da; der Eine fest, mit derben Zügen, der Andere mit feinem Wesen und gewinnendem Ausdruck.

Viele unserer Leser werden bereits aus den Zeitungen wissen, daß der geistvolle Künstler Herb. König der Leiter und Arrangeur dieser lebenden Bilder war, die den Glanzpunkt diesjährigen Schillerfestes bildeten. Von ihm rühren auch die beiden Skizzen her, die wir diesem Artikel beigeben.

Mit dem Schlage sieben betrat Dr. Gustav Kühne, der Festredner des Abends, die Rednerbühne, und begann mit der Anzeige der Ernennung neuer Mitglieder. Wie am 9. Mai d. J. Ludwig, so ward jetzt König Maximilian von Baiern das Diplom

[683]
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Schiller’s Apotheose.

überreicht, und zu Ehrenmitglieder ernannt: zwei Uebersetzer Schiller’scher Gedichte, in England Bulwer, in Portugal Herculano (Alessandro Herculano Carvalho); von Männern des Vaterlands: Hammer-Burgstall, Professor W. Wachsmuth, Dr. Ad. Stahr. Der Redner gedachte der dresdener Schillerstiftung und empfahl sie der Schwesterstadt Dresdens. Ob und wie weit die Literatur ihrer großen Ahnen würdig, war dann das Thema, das der Redner unter dem Titel: „Schiller und die Gegenwart,“ behandelte. Er beleuchtete die Kluft zwischen dem Heute des Materialismus und dem Damals, als Schiller’s dichterisches Evangelium dem freien Geist sich ankündete. Er hielt eine Rundschau auf den Feldern der Poesie und der Wissenschaft, beleuchtete den Contrast zwischen dem, was die Schaubühne nach Schiller sein sollte und was sie ist; er warf dann kurze Schlaglichter auf die Lyrik von heute, die, gegen die Schiller’sche gehalten, „reich an Musik,“ aber „arm an Gedankengehalt und Gestaltenkraft“ geworden. Vielleicht sei es aber gar nicht mehr der Vers, sondern die tausendarmige, in alle Schichten der Wirklichkeit dringende Prosa, welche den Kern der Interessen von heute erfasse. Der Redner entwickelt die Nothwendigkeit des Durchbruchs einer realen Poesie; aber er geißelte die bloßen Copisten der Wirklichkeit, warnte vor der „gemeinen Deutlichkeit der Dinge.“ Was die Gemeinheit der Stoffe ästhetisch rechtfertige, sei der Witz, „Schiller“ sagte er, „war nie witzig;“ seine idealen Gestalten wandelten in ewigem Sonnenglanz, und der Witz beleuchte die Dinge nur auf Momente. Ein Zeitalter, das nur Witz producire, sei für die hohen Aufgaben des Lebens unfähig, wie eine Nation, die keine Tragödien mehr ertrage, auch in ihrem Schooße keine Helden mehr erzeuge. Was der Redner dann über den Stand und Werth der Naturwissenschaften einfließen ließ, war jedenfalls der schwächste Theil seiner Rede, die wir deshalb auch nicht weiter berühren wollen. Daran knüpfte sich schließlich ein Abweis des kürzlich von Weimar [684] aus (siehe Weimar. Sonntagsblatt Nr. 39) erhobenen Vorwurfs, in dem bekannten „Gedenkbuch“ des Schillervereins sei „Mißbrauch“ mit dem Namen des großen Dichters getrieben. Der Redner nannte den Goethe-Kultus als den Kreis, aus welchem dieser Vorwurf hervorgehe, einen Kreis, den die Bildungswelt Deutschlands noch immer dem Volksthum Deutschlands gegenüberstelle. Und doch würden, schloß der Redner, beide Dichter auf demselben Postament in Weimar stehen, zwei brüderliche Apostel, die vereint dem Deutschen das Evangelium der Freiheit und Schönheit verkündeten.

Der Festrede Kühne’s folgten mehrere Gesangstücke und Declamationen, und diesen eine Reihe lebender Bilder aus Schiller’s Leben, wozu E. Büchner die Musik componirt und Theodor Apel ein Gedicht verfaßt hatte, welches von Wenzel, Mitglied des hiesigen Stadttheaters mit erhebendem Ausdruck gesprochen wurde. Sieben Tableaux führten nun, im Verein mit dem Apel’schen Gedicht, das wir, um der tiefempfundenen Begeisterung willen, die es in sich trägt, unsern Lesern nicht vorenthalten können, folgende Momente aus Schiller’s Lebens- und Verklärungsgeschichte vor:


Ⅰ. Gruppe.


Der achtjährige Schiller erhält von seiner Mutter den ersten Unterricht in der Bibel. Der Vater, damals Werbeoffizier, betrachtet theilnehmend die Gruppe. (Ort: das schwäbische Grenzstädtchen Lorch, Zeit: 1766.)


Er kam zur Welt – gesegnet war der Tag
Und wird gesegnet sein zu allen Zeiten!
So lange noch das Wort der Menschen Schmuck,
Das freie Wort des Mannes Zierde bleibt,
Strahlt sonnenkräftig vor am deutschen Himmel
Des Deutschen Stolz, der Name: Friedrich Schiller!
Wen aber Gott zur großen That erwählt,
Dem weckt er früh den Funken im Gemüth,
Deß Feuerkraft von Jahr zu Jahr sich mehrt,
Daß aus des Jünglings Thun und kräft’gem Handeln
Sich wetterleuchtend schon die Flamme kündet,
Die dann als Feuerstrahl, als Blitz des Himmels,
Wie in des Gottes Hand der Donnerkeil
Des Mannes That hinschleudert in die Welt,
Daß staunenswerth sie allen Zeiten leuchte!
Die Himmelskraft in Schiller’s großer Seele,
Sie leuchtet uns im Strahle seines Wortes:
Im Strahle, der vernichtend niederbrennt,
Was ungediegen nicht des Lebens werth –
Im Strahle, der als Gruß von Gottes Sonne
Befruchtend, segnend neues Leben schafft.
Des Wortes Held muß früh dem Wort sich weihen:
Dem Knaben schon muß sich die Macht erschließen,
Die ihn als Jüngling drängt zur raschen That,
Die er als Mann, als Meister kräftig nutzt –
D’rum Heil dem Dichter, dem in früher Kindheit
Sich Gotteswort in reiner Brust erschließt!
Heil ihm, der mit der Mutterliebe Gruß
Das Buch des Herrn die junge Brust erwärmt,
Der mit des Kindes klarem, treuen Auge
Der Mutter Bild untrennbar sieht verwebt,
In erster Ahnung unsers Weltenschöpfers,
Den betend sich die Millionen neigen!
Des Vaters Ernst, der Mutter milder Blick
Schau’n segnend, wie des Kindes helles Auge
Vertrauensvoll nach oben auf sich hebt,
Den Gott zu schauen, den die Mutter ihm
Im Evangelium lesend ahnen läßt!
Den guten Vater über’m Sternenzelt,
Der dort vom Himmel seine Menschen segnet!


Ⅱ. Gruppe.


Der Regimentsmedicus Schiller erhält vom Herzog Karl von Würtemberg nach dem Erscheinen der „Räuber“ den strengsten Verweis und den Befehl, bei Strafe der Festung allen weitern Druck seiner Schriften, wenn sie nicht medicinische sind, zu unterlassen. Zunächst dem Herzog: Gräfin von Hohenheim und deren Adoptivtochter. (Ort: Stuttgart, Zeit: 1782.)


Wem Gottes Wort des Lichtes Segen gab,
Des klares Auge spät der Wahrheit nach!
Wo er die Himmlische nur ahnet, strebt
Sein Feuergeist sie stark sich zu erobern,
Der Menschheit sie zu ihrem Heil zu schenken.
Wohl irrt sein Blick, denn irren muß der Mensch
Erlernen, der sich schweren Pfad erwählt;
Wer nie vom falschen Weg sich frei gekämpft,
Um mühevoll den rechten zu erringen,
Geht selten zweifelsfrei den rechten Weg.
Ist dann die Wahrheit nur des Strebens Ziel,
Ist echt das Streben, frei von eitlem Stolz:
Dann hilft ein Gott, und führt den muth’gen Kämpfer
Früh oder spät doch endlich an das Ziel.
Ein herbes Loos fiel unserm Dichter zu:
Das Wort des Herrn ließ ihn sein Ziel erkennen,
Sein ganzes Herz gehörte diesem Ziel –
Doch andrer Pfad ward ihm von mächt’ger Hand,
Und andres Ziel nach Vorschrift angewiesen.
Es scherzt so leicht sich mit Bequemlichkeit
Vom sichern Standpunkt angeerbter Größe,
Und sieht sich gut dem wirren Treiben zu,
Wie seltsam oft auf ganz verkehrtem Weg
Die Wand’rer unten nach der Höhe streben.
Der Eichbaum duldet gern, daß sich die Rebe
Gefügig leicht an ihn zur Höhe schmiegt;
Drum fügt Euch nur, und aufwärts sollt Ihr klimmen!
Doch dieses Klettern an dem andern Stamm
Vermag die Rebe, nicht der Lorbeerbaum –
Er trägt sein eignes Haupt; eh’ er sich beugt
Wird er zersplitternd, todt zu Boden fallen.
Und unser Dichter steht vor seinem Herrn,
Er hört die Worte, die der Mächt’ge spricht,
Um freundlich ernst ihm seine Bahn zu zeigen –
Es ist die Bahn nicht, die sein Gott ihm zeigte;
Doch mächtig sind die Banden dieser Welt,
Unlösbar oft, sind sie der Heimath Bande.
So schaut der Adler, dessen Fuß gefesselt,
Der Sonne nach, die ihn zum Fluge lockt –
Stark sind die Schwingen und er regt sie frei,
Doch zieht die Fessel ihn zum Boden nieder!
Er fühlt die Kraft zum Flug und sieht sein Ziel
Ihm unerreichbar weiter sich entfernen!


Ⅲ. Gruppe.


Schiller nimmt vor seiner Flucht von Stuttgart nach Mannheim von seiner Mutter Abschied. Sein treuer Freund und Reisegefährte, Musiker Streicher, mahnt zur Eile. (Ort: Solitude bei Stuttgart, Zeit: 16. Sept. 1782.)


Frei oder Tod – der Würfel ist gefallen,
Die Fessel hält nicht länger mich zurück!
Ich sprenge sie, und wär’ sie mir zu stark,
Mag sie mich tödtend, mir die Freiheit geben!
Der Mensch ist frei, geboren selbst in Ketten
Ist frei der Geist; wohlan, ich wag’ es drauf,
Sei’s in Gefahr, das Letzte zu verlieren!
Der Aeltern Haus, der Heimath theuren Boden,
Ich fliehe sie, mir neue Heimath suchend.
Denn Heimath ist allein auf dieser Erde,
Wo frei der Geist die eigne Bahn verfolgt,
Wo fremdem Zwange nicht die Kraft erliegt.
Ein Lebewohl, gedacht nur, nicht gesprochen,
Mit ernstem Blick dem Vater zugebracht,
Der sonder Ahnung, daß der Sohn entflieht,
Von Lustbarkeiten sorglos ihm erzählt,
Die höchsten Orts das Fest verschönern sollen –
Und dann sich arglos an’s Geschäft begiebt.
Ein Lebewohl, der Mutter heiß gesagt,
Die Mutter konnt’ er schweigend nicht verlassen –
Ihr mußt’ er sagen von der schnellen Flucht.
Denn Muttersegen stärkt das Herz, den Geist,
Und hält uns aufrecht auch im schwersten Leiden.
Zeit wird’s zu gehen, zur Eile drängt der Freund,
Der willig Glück und Unglück mit ihm theilt.
O Mutter, Lebewohl! Und durch die Nacht
Rollt mit den Freunden rasch der kleine Wagen;
Nach Manheim führt die Bahn – o Manheim! Manheim!
Mögst freundlich du dem Manne Heimath werden!


Ⅳ. Gruppe.


Der Professor der Geschichte Schiller im Gespräch mit den beiden Philosophen Fichte und Reinhold. (Ort: Jena, Zeit: 1796)


Und Er entrann der Heimath schweren Banden –
Und athmete der Freiheit Himmelsluft!
Doch weigert nur zu oft des Glückes Göttin
Dem ihre Gaben, der die Freiheit liebt!
Von Schritt zu Schritt lockt sie den Schwärmer weiter,
Zeigt ihm so nah ihr reizend Angesicht,
Und greift er zu, dann flieht sie lächelnd fort,
Und er umarmt statt Glück nur leere Hoffnung!
So unser Dichter; sorgenschwer durchirrt
Sein Fuß die Gauen deutschen Vaterlands.
Wohl zeigt sich Ihm zu kurzer Rast ein Ort,
Der Zeit Ihm bietet, daß sein Schöpferdrang,
Im glüh’nden Lied der Menschen Herz erobere;
Doch nirgends winkt der Heimath Friedensheerd,
Der Ihm des Hauses dauernd Glück verkündet. –
Da endlich dringt der Zauber seiner Dichtung
In Weimars Musentempel ein, und bald
Winkt Ihm der Fürst mit seinen Meistersängern.
In Jena, von der Saale Fluth umrauscht,
Ward unserm Dichter ein Asyl geboten.
Hier soll Er wirken, soll dem Hörerkreis
Lerngier’ger Jugend durch des Wortes Macht
Aufrollen das Gebild der Weltgeschichte,
Und hier gelang es Ihm durch eigne Kraft
Des langersehnten Hauses Grund zu legen.
Im stillen Garten sehn wir Ihn erfreut

[685]

Mit geistig Nahverwandten Worte tauschen,
Bei heiterm Streit, in Wissenschaft und Kunst,
Und lesen jetzt der neusten Dichtung Werke. –
Da war bei Ihm das Glück auch heimgekehrt,
Da hielt die Freude, die sein Lied besang,
Mit ihren Götterarmen Ihn umschlungen,
Das Pfeifchen dampft, kein Zwang bedroht Ihn hier,
Und fröhlich bläst Er Wolken in die Luft,
Kaum ahnend: daß der blauen Wolken Dünste
Als Weihrauchwolken einst zurückekehren,
Die segnend Ihm im Herzen hoch begeistert
Die späten Enkel voller Jubel weih’n,
Den deutschen Dichter hoch in Ihm verehrend.


Ⅴ. Gruppe.


Herzog Karl August im Gespräch mit Goethe, Herder, Wieland und Schiller. (Ort: Weimar, Zeit: 1799.)


Die Zeit war groß! Gesegnet strahlt der Name
Karl August in den Büchern der Geschichte.
Von Frankreich drangen, Schrecken rings verbreitend,
Die Kunden her, vom wild empörten Volk!
Krieg, Mord und Tod! die Marseillaise raste
Bluttriefend durch die schreckensstarren Länder;
Schon hob der Corse stolz sein Haupt empor
Mit Heeresmacht und der Kanonen Donner
In feste Bande neu das Volk zu schmieden.
Nach Frankreich schauen Deutschlands Völkerstämme
Entsetzt und bang in Ahnung schwerer Zeiten.
Da blühte friedlich um Karl August’s Thron
Die Kunst, die Wissenschaft, da klang das Lied
Der deutschen Dichter tröstend an das Ohr
Der vor Entsetzen bangbewegten Bürger.
Das waren Lieder, guter, kräft’ger Art;
Das waren Werke, deren Ruhm nicht schwindet!
Verklungen ist die Zeit, die sie gebar;
Der Kaiser Frankreichs führte seine Schaaren
Verheerend durch das weite deutsche Land.
Der Zaar von Rußland führte seine Völker,
Die Franken jagend durch Germaniens Au’n –
Das alte deutsche Reich, es brach zusammen,
Die neuen Reiche zitterten im Kampf
Der neuen Satzung mit ererbtem Recht.
Doch ewig jung das Herz, den Geist belebend,
ertönten uns’rer deutschen Dichter Worte!
Und Friedrich Schiller’s Lied ward zum Panier
Der deutschen Jugend und der deutschen Männer,
Und Frau’n und Jungfrau’n lieben ihn als Freund.
Die Züge Schiller’s, Goethe’s hohes Bild
Sie sind in jedes Deutschen Herz gegraben,
Wie eines Freundes, eines Vaters Antlitz!
Heil Dir, Karl August, der mit Fürstenmacht
Der deutschen Dichter Sternenbild berufen,
Im ew’gen Glanz strahlt Deines Thrones Macht!
Des Sieges Lorbeer schmückte Vieler Haupt,
Der große Kaiser und sein Heldenkreis
Und seiner Sieger weit berühmte Namen
Nennt unvergeßlich laut die Weltgeschichte –
Doch segnend weilt der späten Enkel Blick
Auf Weimars Thron, auf den geliebten Sängern,
Und jubelnd grüßen wir das Bild der Männer,
Die uns der deutschen Dichtung Reich erschlossen.

     (Das Bild entschleiert sich, der Redner spricht fort.)

Schaut hin: Karl August in der Freunde Kreis
Zu Goethe, dem Vertrauten hingeneigt,
Indeß der Sänger Oberons beredt
Des Schönen Reiz erhebt. Der ernste Herder
Lauscht Wieland’s Wort, doch Schiller’s Dichtergeist
Strebt nach Gestaltung Albrecht Wallenstein’s,
Wenn nicht prophetisch schon sein Schöpferauge
Der Jungfrau angehört, die Frankreich rettet –
In Ahnung, daß gar bald sein Vaterland
Der Heldenjungfrau Ruf bedürfen wird,
Um Frankreichs Ketten siegend zu zerbrechen!


Ⅵ. Gruppe.


Die letzten Tage Schiller’s. (Ort: das Schillerzimmer in Weimar, Zeit: 1804.)


Wo allzu stark der Geist die Schwinge regt,
Bricht nur zu oft des Körpers Kraft zusammen!
Zum Schaffen drängt der übermächt’ge Trieb;
Und der Gedanke, der im Busen keimt
Verlangt gebieterisch die eigne Form,
Um festgestaltet durch die Welt zu fliegen.
Und ist erwacht nur des Gedankens Keim,
Und steht gestaltet vor des Dichters Geist
Das hohe Werk, dem seine Seele glüht,
Dann zwingt zur That die Schöpfung ihren Schöpfer;
Sie muß entstehen, er muß das Werk gestalten,
Gleichviel ob seine Kraft dem Werk entspricht,
Ob die Geburt er mit dem Leben zahlt.
Wohl krönt den Dichter seines Volkes Dank,
Sein Name prangt gepriesen von der Welt
Und seinem Liede lauscht der Hörer Kreis –
Doch hat sein Mund viel Herrliches verkündet;
Noch Größ’res schlummert in der Dichterbrust
Und mehr zu schaffen, immer Mehr zu geben,
Spornt ihn der Beifall, spornt die inn’re Gluth,
Die Liebe seines Volkes zu verdienen.
Sein trübes Auge mahnt zum Schlummer ihn,
Umsonst, der Schöpferdrang kennt keinen Schlaf,
Und Er, der für der Wachen Freude sorgt
Muß selbst die Stärkung süßen Schlafs entbehren!
Der Lorbeer ziert den Sänger wie den Helden!
Und wie Achill durch frühen Heldentod
Unsterblichkeit errang im Lied Homer’s;
So naht der Todesengel Friedrich Schiller,
Unsterblichkeit im frühen Grab zu bieten!


Ⅶ. Gruppe.


Schiller’s Apotheose. Der Genius der Unsterblichkeit entführt den Verklärten der Erde.


Gabst den Leib der Erde wieder,
     Gingest ein zur ew’gen Ruh’,
Doch der Zauber Deiner Lieder
     Ruft Dir heut’ noch Grüße zu!
Und das Mädchen und der Knabe,
     Frau und Mann und schwacher Greis,
Rufen wach Dich aus dem Grabe,
     Singen Deiner Werke Preis!

Ja, Dein Werk, Dir soll es lohnen!
     Schiller, wo Dein Lied erklingt,
Hallen Grüße lustbeschwingt
     Himmelan von Millionen!

Freude sangst Du feuertrunken,
     Freude singt im vollen Chor!
Steig’ als schöner Götterfunken
     Uns zur Freude selbst empor!
Auf des Glaubens Sonnenberge
     Seh’n wir Freudenfahnen weh’n,
Durch den Riß gesprengter Särge
     Dich im Chor der Engel steh’n!

Sei gegrüßt von Millionen,
     Du, den unsre Liebe preist!
Ja, Du mußt beim guten Geist,
     Dort beim lieben Vater wohnen!

Mit dem letzten Niederrauschen des Vorhangs floß manche Thräne ungeheuchelter Empfindung, mancher Seufzer entschlüpfte dem gepreßten Herzen. – Es sind dies wohl die schönsten Beifallszeichen gewesen für eine Vorstellung, welche mit Ehrfurcht für den erhabenen Gegenstand erfunden und in gleichem Sinne ausgeführt wurde.

Zur Festtafel blieben gegen 500 Personen, unter denen manche eigens zu diesem Feste hierher gekommene bemerkt wurden, wie Justizrath Eberwein aus Rudolstadt, Assessor Schulze von Delitzsch und Andere. Unter dreizehn Trinksprüchen wurden auch drei humoristische ausgebracht, welchen die ernsten folgten. Professor Wuttke begann den seinen mit dem Hinweis darauf, daß lebenswarme Bilder einer erhebenden Vergangenheit, in der die Kraft des Geistes geleuchtet hat, uns rascher der gedrückten Stimmung des Augenblicks entreißen, und führte dann aus, wie die Natur in ewigem Einerlei kreist, im unwandelbaren Gesetz, während der strebende Menschengeist Neues schafft, den todten Stoff prägt, bis er seine Spur und Bewegung kündet und aus sich ein ein Reich baut, in dem er sich höher und höher emporhebt im endlosen Fortschritt. Dies wendete der Redner zum Preise Schiller’s an. Es folgte die „Erinnerung an das Vaterland“ durch Dr. Heyner und das „Lob der Frauen,“ durch Theodor Apel.

Gegen Morgen entfernten sich die letzten Gäste dieses Festes, und wir sprechen nur noch den aufrichtigen Wunsch aus, daß die Begeisterung, die Aller Herzen für den unsterblichen Dichter der Deutschen an diesem Abende erfüllte, eine nachhaltige, eine dauernde sein möge!




  1. * Von den sieben Gruppen, die im Gedicht näher bezeichnet sind, finden wir in obigem Bilde nur 1 bis 5 und 7. Schiller’s Zimmer dürfte schon bekannt sein.     D. Redakt.