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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Czar und Czarewitsch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40 und 42, S. 632-634, 664-666
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[632]
Czar und Czarewitsch.
Eine russische Haus-, Hof- und Staatstragödie.
Von Johannes Scherr.
1. „Glücklich wie eine Prinzeß!“

„Quält mich doch nicht so mit den nutzlosen Arzneien und laßt mich ruhig sterben, da ich nicht länger leben mag. Das Dasein liegt zu schwer auf mir!“

Die das sprach am 1. November 1715 im Czarenpalast von Moskau, war eine deutsche Prinzessin, Charlotte Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, und schwer fürwahr hatte das Dasein auf ihr gelegen und gelastet, seit jenem 25. October von 1711, wo sie zu Torgau dem Czarewitsch Alexei, des großen Peter’s erstgeborenem Sohn, angetraut worden war.

Damals, zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, sind russische Heirathen noch nicht der höchste Ehrgeiz und heißeste Wunsch deutscher Fürstenhäuser gewesen. Man wußte in Mittel-, West- und Südeuropa noch wenig von Rußland. Was man aber erfuhr, war der Art, die Leute mit einem aus Verwunderung, Schrecken und Abscheu gemischten Gefühle auf ein Volk blicken zu machen, welches aus dem physischen und moralischen Morast asiatischer Barbarei herauszureißen das gewaltige Kraftgenie Peter’s des Ersten soeben unternommen und begonnen hatte. Er war allerdings in seiner Art ein großer, ein größter Mann, dieser Peter. Eine welthistorische Charakterfigur ersten Ranges, in seinem Walten und Thun als Herrscher ein tüchtiger Arbeiter am Werke menschheitlicher Civilisation, geradezu ein, nein, der russische Culturheros, obzwar für seine Person sein Leben lang ein gräulicher Barbar, am hellen Tage und vor Aller Augen zügellosen Gelüsten und Leidenschaften fröhnend, deren Befriedigung selbst schamloseste Wüstlinge in Nacht und Einsamkeit zu bergen sich bemühen. Derselbe Mann aber, welcher eine Lust darin suchte und fand, allerhöchsteigenhändig den Knutenmeister und Kopfabhacker zu machen, hat mit genialem Blicke die Zukunft Rußlands erschaut und mit riesenstarkem Arme geschaffen. Er drängte, stieß, peitschte sein Volk auf die Großmachtsbahn; er pflanzte die Fahne russischer Eroberung an drei Meeren auf, an der Ostsee, am schwarzen und kaspischen Meere; er ließ den von ihm geschaffenen Koloß des Czarismus den einen Fuß auf Europa, den andern auf Asien setzen, während des Riesen lange Arme unersättlich ausgriffen, da schwedische und polnische, dort türkische, persische und chinesische Provinzen raffend und einheimsend.

Und keineswegs war Peter nur ein asiatischer Eroberer nach der Weise der Timur und Nadir. Rein, er war auch ein europäischer Organisator und Civilisator. In diesem wundersam gebauten Menschen arbeitete, selbst während er sich im Pfuhl unmeldbarer Ausschweifungen wälzte, der ruhelose Gedanke, Etwas zuwege zu zimmern und zurecht zu schmieden auf Erden, arbeitete ein rastloser Schöpfungstrieb, eine frohlockende Kraft, die gewaltige Schulter an die Völkerlawine Rußland zu stemmen und sie vorwärts zu rollen auf der weltgeschichtlichen Bahn. Auch war vom Geiste seines Jahrhunderts ein Funke in dieses Mannes Seele gefallen. Dies erhellt nicht nur daraus, daß der Czar, „frei von allen Vorurtheilen“ – wie ein zu jener Zeit häufig umgehendes Wort lautete – nicht anstand, die Bastardtochter einer esthnischen Leibeigenen, die gewesene Sclavin verschiedener russischer Generale, welche nachmals, eine gekrönte Kaiserin, als Katharina die Erste über Rußland geherrscht hat, als seine Gemahlin neben sich auf den Thron zu setzen, weil sie seine Gedanken verstand und seine Entwürfe fördern half, sondern es erhellt auch und noch deutlicher daraus, daß in diesem Kraftmenschen, in diesem Ungethüm von Wütherich und Tyrannen schon eine nicht minder starke Ader vom Staatsdienerbewußtsein pulsirte, als sie später in den zwei aufgeklärten Musterdespoten, in Friedrich dem Zweiten und Joseph dem Zweiten, sich regte. In Wahrheit, es war etwas von echter Größe in der Art und Weise, wie Peter zu verschiedenen Malen es aussprach und bethätigte, daß ihm die Größe Rußlands unendlich viel mehr galt, als die seines Hauses. Unter der Gehirndecke dieses Czarenschädels, wie weit immer sie gewölbt war, hatte ein so kleinlich Ding wie dynastische Selbstsucht dennoch keinen Platz…

Allein gesetzt auch, die Prinzessin Charlotte von Braunschweig hätte politischen Sinn und Ehrgeiz genug besessen, um das Loos, Peter’s des Großen Schwiegertochter und voraussichtlich dermaleinst Czarin aller Reußen zu werden, willkommen zu heißen, so mußten jungfräulicher Instinct und gebildetes Frauengefühl doch schon sich angewidert fühlen von dem Gedanken, in ein Land zu gehen, wo die Barbarei der Sitten oder vielmehr Unsitten auch in den vornehmsten, höchsten und allerhöchsten Kreisen noch in voller und toller Wüstheit rumorte. Wahrscheinlich jedoch hatte die arme Charlotte gar keine Vorstellung, daß sie, das wohlerzogene, sittsame und feinfühlende deutsche Mädchen, an einen Hof versetzt werden solle, allwo weibliche Tugend und frauliche Würde schlechterdings unbekannte Dinge waren, wo ein jedes der Hof- und Ehrenfräulein des Morgens eine Kanne Branntwein erhielt „um sich den Mund auszuspülen“, weshalb „sie auch den ganzen Tag über sehr guter Laune waren“, sagt unser berichterstattender Augenzeuge; an einen Hof, wo der Soff in des gemeinen Wortes gemeinster Bedeutung Herren und Knechte, die Pfaffen inbegriffen, tagtäglich, Frauen und Mägde sehr häufig unter das Vieh erniedrigte und wo es bei großen czarischen Festen für einen Hauptspaß galt, auf der Tafel der Herren eine nackte Zwergin und auf der Tafel der Damen einen nackten Zwerg aus einer Pastete schlüpfen und auf dem Tische Grimassen schneiden zu sehen.

Und nun vollends der Bräutigam, welchem hingegeben zu werden die Prinzessin das „Glück“ hatte! Alexei Petrowitsch war im Jahre 1690 dem Czaren von seiner ersten Frau geboren worden, von jener Awdotja (Eudoxia) Lapuchin, welche Peter im Jahre 1698 verstieß und zwang, im Kloster Ssusdal als Nonne sich einkleiden zu lassen, was die Verstoßene jedoch nicht hinderte, mit allerhand Weltlichem, unter Anderem auch mit ihrem Liebhaber Stephan Glebow, sich zu befassen. Denn Awdotja ist keineswegs der fleckenlose Tugendspiegel gewesen, zu welchem gemüthliche Poeten das Bild der Verstoßenen zugeschliffen haben. Sehr begreiflich zwar, daß sie den Czaren von ganzer Seele haßte, nicht weniger begreiflich aber auch, daß Peter die rastlosen Ränke und Zettelungen, welche die Ex-Czarin von Ssusdal aus spann, um das Werk seines Lebens, die Europäisirung und Machtentfaltung Rußlands, zu hindern, zu hemmen oder wieder zu zerstören, mit eisernem Fuße zertrat.

Der Knabe Alexei wurde der Erbe des mütterlichen Hasses gegen den Vater, der seinerseits in dem Kinde von früh auf eben auch nur oder wenigstens allzusehr blos den Sprößling der verhaßten Awdotja gesehen zu haben scheint. Es war ein schlimmes Verhältniß von Anfang an. Die Erziehung des körperschwachen und geistesarmen, trägen, dabei frühzeitig auf den Abweg geschlechtlicher Sünden gerathenen Prinzen ist arg vernachlässigt worden. Die oberste Aufsicht darüber führte oder sollte führen der Emporkömmling und Günstling Mentschikow, welcher seine Sclavin Katharina an den Czaren abgetreten hatte. In dem Grade nun, in welchem diese immer bedeutender und mächtiger wurde, und ganz im Verhältniß zu der Raschheit und Entschiedenheit, womit sie dazu gelangte, von Peter erst zur Gossudarina, dann zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erklärt zu werden – welche „Rechtmäßigkeit“ übrigens niemals actenmäßig hat festgestellt werden können – in demselben Grade und Verhältniß vernachlässigte Mentschikow seine Pflicht in Betreff des Czarewitsch, und dieser fiel gerade in der gefährlichen Epoche des Uebergangs vom Knaben- zum Jünglingsalter Leuten von altrussischer Anschauung anheim, stupiden Popen und sonstigem Hofungeziefer der dümmsten und schlimmsten Sorte.

Dieses Gesinde stopfte die enge Gehirnhöhle des Prinzen mit orthodoxem Wust voll, bildete ihm ein, er sei berufen, dereinst die „gottlosen Neuerungen“ seines Vaters zunichte zu machen, das altgläubige Czaren- und Russenthum der guten, alten, frommen Zeit wieder herzustellen und die Nachkommenschaft der Czarin Katharina auszutilgen. Selbstverständlich beeiferte das Ungeziefer sich auch, den Prinzen im Laster zu steifen und insbesondere seinen Hang zur Trunksucht zu stacheln, auf daß der also Herangezogene dereinst ein Czar wäre, wie ihn derartige treue Diener des Thrones und Altars wollten und wünschten. Den Augen Peter’s, obgleich [633] sie unendlich viel Anderes zu überwachen hatten, konnte es nicht entgehen, daß in dem eigenen Sohn ihm ein Zerstörer seines Riesenwerkes heranwuchs. Wenn sein bitterer Unmuth über die körperliche und geistige Nullität Alexei’s, über des Prinzen totalen Mangel an politischem Verständniß und kriegerischem Sinn, über dessen Trägheit und Verpfaffung zum Explodiren kam, wetterte er von Zeit zu Zeit in seiner wilden Weise darein, fuhr auch wohl mit Stock und Kantschu dazwischen, schien sich dann aber wieder Jahre lang gar nicht um den Sohn zu kümmern und verdarb natürlich mit sothaner Pädagogik vollends, was überhaupt noch zu verderben war.

Daß jedoch der Czar seiner väterlichen Pflicht keineswegs uneingedenk gewesen, beweist sein Versuch, den rohen und lüderlichen Jungen mittelst einer gebildeten, sittsamen und liebenswürdigen Frau zu bessern. Die arme Charlotte von Braunschweig wurde das Opfer dieses Experiments. Ihre Ehe mit dem Czarewitsch war vom Anfang an bis zuletzt nur ein Martyrium. Der bildungslose Schwachkopf Alexei haßte seine junge Frau schon darum, daß sie eine Lutheranerin war, denn man hatte die Prinzessin bei ihrem väterlichen Glauben gelassen, weil die Politik damals noch nicht das Wunder zu wirken wußte, deutsche Prinzessinnen im Handumdrehen von der lutherischen „Ketzerei“ zur griechisch-katholischen Rechtgläubigkeit zu bekehren. Der Czarewitsch lebte auch nach seiner Verheirathung mit seiner Magd Affraßja, einer hörigen Finnin, und das mochte für seine Frau mehr eine Erleichterung, als ein Leid, sein. Denn das Zusammensein mit dem wüsten Trunkenbold war für Charlotte eine Qual. Der Elende soll auch, was sehr glaubhaft ist, die Arme gelegentlich mit Schlägen und Fußtritten mißhandelt haben. Sie gebar ihm eine Tochter, Natalia, im Juli 1714 und am 23. Oktober 1715 einen Sohn, den nachmaligen Czaren Peter den Zweiten, welcher seiner Stiefgroßmutter Katharina auf dem Throne folgte, aber nur als ein kurzathmiger Schemen über die russische Staatsbühne ging. Dann legte sich die Unglückliche hin, sagte noch: „Das Dasein liegt zu schwer auf mir!“ und wurde von dem Allerbarmer und Allerlöser Tod zur Ruhe gebracht. Der Czar, welcher sich seiner Schwiegertochter stets rechtschaffen gegen den verwilderten Sohn angenommen hatte, war an ihrem Sterbebette gestanden und hatte der darum Flehenden versprochen, ihrer Kinder väterlich sich anzunehmen. Er traf auch persönlich die Anordnungen zum Leichenbegängniß, welches am 7. November mit feierlichem Gepränge stattgefunden hat.

Aber aus dem Grabe, in welchem dieses junge, so vorzeitig gebrochene Leben verschwunden war, ließ die Dichtung, welche es ja allzeit geliebt hat, über die herben Thatsachen der Geschichte mildernde Schatten zu breiten oder auch erklärende Lichter hinzustreuen, ein wunderlich Sagengebilde herauswachsen, an welches viele Menschen lange geglaubt haben als an eine Wahrheit. Der Tod der armen Charlotte – so lautete die Sage – sei nur ein Scheintod gewesen und es sei statt ihrer ein Holzblock begraben worden. Die Todtgeglaubte aber sei von treuen Freunden und Freundinnen, unter welchen wunderlicher Weise die berühmte Liebeskünstlerin Aurora von Königsmark eine vortretende Stelle eingenommen, aus Rußland nach Paris und von dort nach Louisiana in Amerika gerettet worden. Da habe ihr ein ritterlicher Franzos, der Chevalier d’Aubant, viele Freundschaftsdienste zu erweisen Gelegenheit gehabt und derselbe habe sich auch erboten, die Prinzessin, welche sich ihm entdeckte, nach Eintreffen der Nachricht von dem Untergang und Tod ihres Gemahls nach Rußland zurück zu geleiten. Sie jedoch, nach dem Glanz und der Barbarei des czarischen Hofes keineswegs sehnsüchtig zurückblickend, zog es vor, zu bleiben, wo sie war, gab eine Weile später der Werbung des wackern Chevalier Gehör, reichte ihm ihre Hand und lebte lange Jahre mit ihm in Glück und Zufriedenheit.… Man sieht, die Poesie hat sich bemüht, das arme Opfer der Politik für die am Ufer der Newa erduldeten Leiden am Ufer des Mississippi zu entschädigen. Schade nur, daß die Poesie in diesem Falle, wie in unzähligen anderen, nur ein schöner Traum war, die Geschichte dagegen eine wüste Wirklichkeit! –


2. Vater und Sohn.

Es hat heiß in dem Czaren gekocht, während er am schon genannten 7. November 1715 dem Sarge, welcher die erlöste Charlotte barg, zur Gruft nachschritt. Mit der Trauer um die todte Schwiegertochter rang der Zorn über den lebenden Sohn; aber die weiche Stimmung war doch so vorwiegend, daß keine der gewohnten Peter’schen Vulcansexplosionen statthatte. Er gab nur dem Bedürfnisse nach, zwischen sich und dem Sohn einmal reine Bahn zu schaffen, und so hat er sich unmittelbar nach der Bestattungsceremonie hingesetzt und an den Czarewitsch einen Brief geschrieben, worin da und dort ein nicht verhaltener Zorn grollt, im Ganzen aber aus den Vorwürfen, Ermahnungen und Warnungen des Herrschers die Stimme des Vaters deutlich heraustönt. Zu wahrhafter Ehre gereicht es dem Czaren, daß er seine Epistel mit den Worten beschloß: „Ich will noch einige Zeit warten, ob Du Dich nicht aufrichtig bessern werdest. Sollte dies aber nicht geschehen, so sei hiermit versichert, daß ich Dich als ein brandiges Glied von der Nachfolge trenne. Denke nicht, daß ich Solches blos zum Schrecken schreibe, und steife Dich nicht darauf, daß ich ja keinen andern Sohn habe. Es soll wahrlich, so Gott will, erfüllt werden! Da ich mein Leben für Vaterland und Volk nicht geschont habe und noch nicht schone, wie sollte ich Dich als Unwürdigen schonen? Lieber ein würdiger Fremder als ein unwürdiger Eigener“ – (soll, wollte der Czar sagen, mein Thronnachfolger sein).

Der Czarewitsch beantwortete diese Zuschrift noch an demselben Tage, unter demüthigen Selbstanklagen seinen Trotz, dem Vater zu Willen zu sein, nur schlecht oder gar nicht verbergend. „Wofern ich nicht fähig sein sollte, die russische Krone zu tragen, so möge mir geschehen nach Deinem Willen. Ich bitte dringend darum, indem ich mich zu solchen Geschäften ungeschickt und untauglich fühle, auch mein Gedächtniß fast hin ist und ich, an geistigen und körperlichen Kräften durch mancherlei Krankheiten geschwächt, untüchtig bin, ein solches Volk zu beherrschen, das keinen so verfaulten Menschen verlangt, wie ich bin. Ich mache daher keine Ansprüche auf die Thronfolge.“ Der Czar hatte guten Grund, mit einer in diesem Tone gehaltenen Antwort des Sohnes unzufrieden zu sein, und schrieb daher zurück, er fürchte sehr, die „Bartleute“ (die altrussisch Gesinnten) möchten, so er todt, den Czarewitsch leicht dahin bringen, sein ganzes Werk wieder zu vernichten. Er sagte daher schließlich kategorisch: „Bessere Dich, bereite Dich vor, ein würdiger Nachfolger zu werden, oder aber geh’ in’s Kloster!“

Gerade an diesem Tage gebar Katharina dem Czaren einen Sohn, welcher jedoch nur wenige Jahre am Leben blieb. Man thut der Czarin wohl kaum Unrecht, wenn man annimmt, daß sie von der Geburt dieses Prinzen an darauf hingearbeitet habe, demselben auf Kosten ihres Stiefsohns die Thronfolge zuzuwenden. Allein es ist mit Bestimmtheit zu behaupten, daß ihre derartigen Bemühungen ohne die Verkehrtheit und Verbohrtheit des Alexei fruchtlos gewesen sein würden. Denn der Czar war überhaupt über dynastische Engherzigkeit so erhaben, daß er zu derselben Zeit zu einem der fremden Gesandten an seinem Hofe sagte: „Man nennt es Grausamkeit, wenn ein Fürst, um sein Reich, das ihm lieber sein soll als alles Blut seiner Adern, zu erretten und zu erhalten, die Erbfolge der Blutsverwandtschaft ändert. Ich dagegen nenne es die größte aller Grausamkeiten, das Wohl des Staates dem bloßen Rechte einer herkömmlichen Erbfolge zu opfern.“

Der Czarewitsch nahm die Geburt seines Stiefbruders zur Veranlassung, seinem Vater abermals zu erklären, daß er sich zur Thronnachfolge für untüchtig halte und demnach derselben entsage. Worauf der Czar in einem Schreiben vom 19. Januar 1716: „Ueber die Thronfolge habe ich allein zu entscheiden. Aber warum gehst Du nicht in Dich? Bessere Dich und werde thätig und tüchtig! In Nichts stehst Du meinen Bemühungen und Sorgen bei. Statt dessen verleumdest und verfluchst Du Alles, was ich aus Liebe zu meinen Unterthanen Gutes gestiftet, und ich habe große Ursache, zu glauben, daß Du, so Du mich überlebst, Alles wieder über den Haufen werfen werdest. Ich darf Dich fürder nicht so nach Deinem Gefallen hinleben lassen, als ob Du weder Fisch noch Fleisch wärest. Bemühe Dich entweder, der Thronfolge würdig zu werden, oder geh’ in ein Kloster.“ … Jeder unbefangene Urtheiler wird zugeben müssen, daß Peter bislang gegenüber dem Czarewitsch ganz verständig und pflichtgemäß gehandelt habe. Er gab den widerspenstigen Sohn auch jetzt noch nicht auf; aber Alexei rannte thöricht und blind in sein Verderben.

Im Begriffe, zur Badecur nach Pyrmont und von da zur Betreibung des schwedischen Krieges nach Kopenhagen zu gehen (1716), wollte der Czar den Czarewitsch noch besuchen, um ihm persönlich Ermahnungen zu geben; allein Alexei stellte sich krank, um den [634] Vater nicht sehen zu müssen. Kaum war dieser abgereist, so stand der Czarewitsch von seinem angeblichen Krankenlager auf und wohnte einem Zechgelage im altrussischen Styl an. Im August des genannten Jahres schrieb der Czar noch einmal mahnend und warnend an den Sohn. Er wolle ihm sechs Monate Bedenkzeit geben, um den Entschluß einer anderen Lebensführung zu fassen. In dem bisherigen Gleise der Aftergläubigkeit, Unwissenheit und Faulheit dürfe er nicht sich fortschleppen. So er dereinst den Thron besteigen wollte, müßte er dem Vater einen thatsächlichen Beweis der Sinnesänderung geben, und es bestände dieser darin, daß Alexei sich sofort aufmachte und zum Heere käme.

In der That, der Czarewitsch machte sofort sich auf, aber nicht in’s Feldlager, sondern in’s Weite. Des Vaters Rath und Wunsch war ihm Nichts. Er hörte auf Rathgeber wie Alexander Kikin und Nikiphon Wäsemski, welche der Hoffnung lebten, sie würden sich eines Tages des Czaren Alexei als eines leicht handlichen Werkzeugs bedienen können, um das Bartrussenthum und die Bojarenbarbarei wieder herzustellen im heiligen Rußland. Sie riethen dem Bethörten Schlimmstes. –


3. Flucht und Rückkehr.

In welche Wuth der Czar ausbarst, als ihm aus St. Petersburg die Kunde zuging, der Czarewitsch sei mit seiner Concubine Affraßja geheimnißvoll aus der Hauptstadt verschwunden, kann man sich unschwer vorstellen. Oder vielmehr, besser gesagt, nur sehr schwer. Denn wir gebildeten Leute der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts haben sicherlich Mühe, uns so eine echt Peter’sche Grimm- und Grollentladung dieses Ungethüms von Kraftmenschen zu veraugenscheinlichen. In jener Stunde, als der Courier aus Petersburg anlangte, hat sich im Zelt oder Cabinet des Czaren gewiß ein furchtbares Donnerwetter mit Gebrüll und Flüchen, Stockschlägen und Fußtritten entladen. In solchen Augenblicken superlativischen Zorns war der große Czar nur noch eine rasende Bestie, die den Erdball, so sie es vermocht hätte, wüthend in Stücke gestampft haben würde.

Es ist mit Grund zu vermuthen, daß seine Günstlinge dem Czarewitsch eingebildet hatten, der Czar habe ihn blos deshalb zu sich in’s Feldlager berufen, um sich mittelst einer feindlichen oder auch wohl mittelst einer absichtlich irregehenden russischen Kugel seiner zu entledigen, damit die Thronfolge dem Sprößlinge Katharina’s zugewendet werden könnte. Daß der einfältige Prinz einer solchen Einflüsterung Glauben schenkte, war ganz in der Ordnung, und da er eben so feig als albern, läßt sich seine Flucht leicht begreifen. Wir haben aber gesehen, daß Peter der Mann war und offen erklärte, der Mann zu sein, welcher das Recht habe und sich des Rechtes bewußt sei, über die Rachfolge im Reich souverain zu verfügen. Er hat auch nachher gezeigt, daß er der Mann, Angesichts aller Welt, das „brandige Glied“, so es nöthig, abzuhauen, und darum ist es nur thörichter Schwatz und Klatsch gewesen, wenn man nach Art der Kikin und Consorten dem Czaren meuchelmörderische Absichten gegen dem Sohn unterschieben wollte. Es ist wahr, im Dienst und Bann der großen Idee, für welche er lebte, hat Peter, wenn diese Idee, die Größe Rußlands, es forderte oder zu fordern schien, nie gezaudert, zu tödten, nach Umständen Einzelne oder auch ganze Massen; aber ihn zum Meuchler stempeln zu wollen, heißt dem Unhold von großem Czaren Unrecht anthun.

Der Czarewitsch war mit seiner Affraßja – die den Unglücklichen nachmals verrieth, vorgebend, sie sei zum „commerce d’amour“ mit ihm stets nur durch Androhung des Todes gezwungen worden – über Königsberg nach Wien entflohen. Dem letzten Habsburger, dem vorsichtigen Kaiser Carl dem Sechsten, kam der moskowitische Gast nicht sehr gelegen. Indessen weigerte er demselben das erbetene Asyl nicht und wies dem Flüchtling, welcher selbstverständlich in Verborgenheit zu leben wünschte, zuerst das Schloß Ehrenberg in Tirol und dann das Castell San Elmo in Neapel zum Aufenthalt an. Aber schon waren die Verfolger, welche der Czar ausgesandt hatte, der Diplomat Peter Tolstoi und der Gardehauptmann Alexei Romanzow, auf der Fährte des Prinzen. Sie spürten seinen Zufluchtsort auf, und der letzte Habsburger war keineswegs der Mann, welcher nöthigenfalls einen Bruch mit dem wüthenden Czaren riskirt hätte, um die Heiligkeit des Gastrechts unverletzt zu erhalten. Tolstoi und Romanzow sollten, so bestimmte Kaiser Carl, versuchen dürfen, den flüchtigen Prinzen zur Heimkehr zu bewegen.

Die Beiden erhielten demnach Zutritt in San Elmo und überbrachten dem Czarewitsch einen vom 10. Juli 1717 datirten Brief seines Vaters, worin dieser dem Sohne Verzeihung zusicherte, falls er zurückkehren und sich gehorsam erweisen würde. Sein ferneres Schicksal würde ganz von ihm selber, von seiner Führung und seinem Gebahren abhängen. Alexei, der sich in Folge seiner Unwissenheit, Unbehülflichkeit und Trägheit in der Fremde ganz unbehaglich und unglücklich fühlen mochte und mußte, schrieb am 15. October an den Czaren, daß er die angebotene Verzeihung dankbar annähme und unzögerlich heimkehren würde.

So geschah es in der That, und am 3. Februar 1718 langte der Czarewitsch, von Tolstoi und Romanzow begleitet, d. h. bewacht, in Moskau an. Allein hier hatten sich inzwischen mancherlei Fäden zu dem Gewebe der großen russiscken Haus-, Hof- und Staatstragödie durch einander geschlungen, deren Held Peter und deren Opfer Alexei war. Die Flucht des Sohnes und was damit zusammenhing, hatte dem Czaren die traurige Ueberzeugung beigebracht, daß Alexei nicht zur Regierung gelangen dürfe, falls nicht Peter’s Schöpfung wieder zu Grunde gehen sollte. Und das sollte sie nicht. Der Entschluß des Czaren war unwiderruflich gefaßt: der Czarewitsch mußte von der Thronfolge ausgeschlossen werden.

[664]
4. Die Entsagung.

Am Morgen des 4. Februar 1718 ging im Kreml, dem alten Nationalheiligthum Rußlands, allwo vierundneunzig Jahre später der Glück- und Glanzstern Napoleon’s in Brandrauchwolken versank, eine Haupt- und Staatsaction vor sich.

Im Innern des bunten Durcheinanders von Palästen, Tempeln, Arsenalen, Hallen und Höfen stand die preobraschenskische Garde unter den Waffen. Andere Regimenter hielten die Umgebungen und Zugänge der weiten Czarenburg besetzt. Die höchsten Würdenträger des Reiches, Senatoren, Prälaten, Generale und Admirale waren im Conferenzsaale versammelt. Umgeben von einer Wolke von Hofbeamten, erschien der Czar. Die Flügelthüren des Prunkaudienzsaales sprangen auf. Peter schritt, von der ganzen Versammlnng gefolgt, hinein und setzte sich auf den Thron. Es verdient Erwähnung, daß in dem glänzenden Kreise von Reichsmagnaten, welcher ihn umgab, auch eine Abordnung der Bürgerschaft von Moskau in ihren langen, dunkeln Röcken Platz gefunden hatte.

Auf einen Wink des Herrschers trat der Czarewitsch ein, gefolgt von Peter Tolstoi. Der Prinz ging zum Throne, kniete auf die Stufen desselben nieder und überreichte seinem Vater ein Papier, dessen Inhalt der Czar durch einen Staatsschreiber vor der Versammlung verlesen ließ. Es enthielt das Bekenntniß der Verfehlungen Alexei’s und dessen Bitte um Gnade.

Der Czar, auf dessen Stirn eine schwere Zornwolke lag, entlud seinen Kummer und Groll in einer langen Strafrede, deren Schluß der Ausruf bildete, daß die Verschuldungen eines so unkindlichen Sohnes eigentlich von Rechtswegen durch die Todesstrafe gesühnt werden müßten.

Der Czarewitsch warf sich dem Vater zu Füßen. „Ich flehe um keine andere Gnade, als nur um das Leben.“

„Das sei Dir gesichert. Aber es ist nothwendig und es ist mein unabänderlicher Wille, daß Du dem Throne entsagest. Willst Du?“

„Ja.“

„So sei es, und ich weise Dir von heut ab ein Jahreseinkommen von vierzigtausend Rubeln an.“

Dies gesprochen, erhob sich der Czar und begab sich an der Spitze der ganzen Versammlung in feierlicher Procession nach der uspenskischen Kirche. Hier mußte der Czarewitsch die geschehene Verzichtleistnng mit einem Eidschwur bekräftigen und wurde hierüber eine Urkunde aufgesetzt, welche die sämmtlichen zur Versammlung Geladenen mit unterfertigten. –

5. Das Strafgericht.

Was bis dahin der Czar in dieser Sache gethan hatte, mag und muß sogar ein unbefangenes Urtheil vom Gesichtspunkt begründeter Sorge um das Staatswohl aus begreiflich und gerechtfertigt finden. Nun aber nahm die mißliche Angelegenheit eine Wendung, vor welcher europäische Nerven zurückbeben, weil diese Wendung alle Gräuel asiatischer Despotie mit sich brachte.

Es untersteht keinem Zweifel, daß während der Fluchtreise des Czarewitsch schlimme Zettelungen den Czaren umsponnen hatten, Zettelungen, welche darauf hinausliefen, den unglücklichen Prinzen nicht allein um die Thronfolge, sondern auch um das Leben zu bringen. Der Mittelpunkt dieses Ränkespiels, dessen Betreiber sehr geschickt auf die wilde Leidenschaftlichkeit Peter’s speculirten, ist sicherlich die Czarin Katharina gewesen, obzwar ihre direct persönliche Betheiligung an dem gräßlichen Spiele nicht mit völliger Sicherheit aufgedeckt werden kann. Es handelte sich darum, auch nach dem Tode des Czaren Rußland auf der Bahn, auf welche es Peter geworfen hatte, festzuhalten; denn nur in diesem Falle sahen alle die Werkzeuge und Günstlinge des Czaren, Katharina voran, ihre Zukunft gesichert. So lange aber der legitime Thronnachfolger lebte, war der dereinstige Wiederhereinbruch des Altrussenthums und somit ein über alle Förderer und Anhänger von Peter’s Reformwerk ergehendes Rachegericht nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Wahrscheinlichkeit, ja eine Gewißheit. Demgemäß mischten die, welche schon um ihrer eigenen künftigen Sicherheit willen den Czarewitsch gänzlich beseitigen und der Katharina die Thronfolge zuwenden wollten, die Karten, von welchen sie dem Czaren eben nur solche sehen ließen, die er ihren Absichten gemäß sehen sollte. Das ganze Spiel hat er nicht durchschaut oder wenigstens erst dann, als es zu spät war. Denn es muß ihm zugestanden werden, daß er es mit der gewährten Begnadigung des Sohnes ernstlich gemeint hatte. Aber umgarnt, wie er war, ließ er sich von den Ränklern weiter und weiter fortziehen, und seine zügellosen Leidenschaften thaten das Uebrige.

Der Hauptkartenmischer scheint Allem nach der Senator und Staatsrath Tolstoi gewesen zu sein. Auch ein Fürst Dolgoruki tritt unter der Regisseuren des Trauerspiels zeitweilig in den Vordergrund und zwar zweideutig genug. Er soll dem Czarewitsch aus Auftrag des Czaren zugeredet haben, die Mönchskutte zu nehmen, aber mit dem Beifügen: „Sie brauchen sich darob keine grauen Haare wachsen zu lassen. Nach dem Tod Ihres Vaters verlassen Sie das Kloster und besteigen den Thron.“ Für die Hände solcher Intriguenkünstler mußte der Körper- und Geistesschwächling Alexei ein leicht herzurichtendes Opfer sein. Dieses eine Opfer genügte aber der neurussisch-katharinaischen Partei nicht, es galt vielmehr, mit dem Schlage, womit der unbequeme Czarewitsch getroffen werden sollte, zugleich auch die altrussische Partei, wenigstens in ihren Spitzen, niederzuschmettern und wegzusäubern.

Noch am Tage der Haupt- und Staatsaction vom 4. Februar wurde der Prinz einem Verhör unterzogen, damit seine Mitschuldigen, d. h. alle diejenigen, welche ihn zu seinen Verkehrtheiten ermuntert und angeleitet hätten, bekannt würden. Wir müssen annehmen, daß sich der geängstigte, arg in die Enge getriebene Unglückliche Aussagen entpressen ließ, wie man sie wünschte, Aussagen, welche für eine Menge von Personen sehr beschwerend waren. Daß Alexei schon jetzt mittels der Knute oder sonstiger Qualwerkzeuge gefoltert worden, ist unerwiesen und auch unwahrscheinlich. Seine [665] Angst war wohl eine ausreichende Folter, der Kern seiner Geständnisse aber dieser, daß ihm von Seite der altrussischen Partei der Rath zugekommen sei, sich zu verstellen, Alles stillschweigend geschehen zu lassen, nöthigenfalls auch in ein Kloster zu gehen, aber nach dem Tode des Vaters die Maske abzuthun und die altmoskowitische Herrlichkeit wieder aufzurichten.

Darauf hin wurden in Moskau allein siebenzig Verhaftungen vorgenommen, und Fahndungsbefehle gingen in alle Theile des Reiches, so daß die Procedur rasch ganz monströse Verhältnisse annahm. An die Klosterpforte von Ssusdal klopften ebenfalls Haftboten: die verstoßene Czarin Awdotja wurde als Gefangene nach Moskau abgeführt. Auch des Czaren ränkesüchtige Schwester Maria wurde verhaftet, sowie die Fürstin Galizyn, eine abgefeimte Creatur, welche ihre alten Tage zwischen Ausschweifungen und Verschwörungsversuchen theilte. Hinter den verschworenen Frauen stand als Antreiber ein Pfaffe, der Erzbischof Dosithei von Rostow, – was ganz in der Ordnung; denn wo und wann hätten in lichtscheuen Geschäften die „Diener des Herrn“ nicht mitagirt? Czar Peter war freilich der Mann, auch sothane Diener des Herrn sehr nachdrucksam bei ihren höchst ehrwürdigen Bärten zu packen. Nicht als Mann aber, sondern als Unmensch und rechter Gräuelpeter erwies er sich, als er seiner Wuth so sehr Zaum und Zügel schießen ließ, daß er nicht nur der alten Galizyn, sondern auch der Mutter seines Sohnes, der verstoßenen Awdotja, eigenhändig die Knute gab. Allerdings war die Ex-Czarin schwer compromittirt, wenigstens in den Augen des Czaren wirklich und schwer compromittirt. Unter ihren Papieren hatte man die Beweise ihrer unlauteren Vertraulichkeit mit Stephan Glebow aufgefunden, sowie einen förmlichen Plan, den Czaren vom Throne zu stoßen. Waren aber diese Documente echt? Oder waren sie von der Sorte, wie sie zu unseren Zeiten in verschiedenen Ländern aus gesellschaftsretterlichen Fabriken hervorgegangen sind? Dame Historia muß mit verlegenem Augenniederschlag der Wahrheit gemäß eingestehen, daß sie bis zur Stunde außer Stande sei, die eine oder die andere dieser Fragen mit Bestimmtheit zu bejahen oder zu verneinen.

Das Blut begann zu strömen. Schon am 25. März 1718 wurde über Dosithei, Kikin, Wäsemski und Glebow das Todesurtheil gefällt. Die drei Ersteren wurden gerädert, der Letzte asiatisch-barbarisch gepfählt. Glebow ist wie ein Held gestorben. Die raffinirteste Folterpein hatte ihn nicht dazu bringen können, gegen die Czarin Awdotja zu zeugen, und selbst auf dem schrecklichen Pfahle behauptete er bis zum letzten Athemzug seine Standhaftigkeit. Dieser muß es gedankt werden, daß gegen Awdotja nicht weiter verfahren werden konnte. Im Uebrigen aber war das Unheil einmal im Schwung und Zug und mußte seinen Fortgang haben. Nachdem noch in Moskau eine große Anzahl von Beschuldigten, darunter an fünfzig Popen und Mönche, hingerichtet worden, befahl der Czar, daß die Fortführung der Procedur in St. Petersburg statthaben sollte, wohin er selber ging und wohin er auch den gefangenen Czarewitsch bringen ließ.

Zum Unheil für Alexei kehrte die Finnin Affraßja, welche er in’s Ausland mitgenommen hatte, gerade jetzt von dort zurück, und sei es, daß sie wirklich nur gezwungen mit dem Prinzen gelebt hatte und ihm deshalb Haß trug, sei es, was wahrscheinlicher, daß Alexei’s Feinde in ihr ein förderndes Werkzeug erkannten und zu gewinnen wußten: genug, dieses Weib, welches der unglückliche Czarewitsch wirklich geliebt hat – denn er bat nach seiner Verurtheilung seine Wächter weinend, sie möchten ihm die Erlaubniß auswirken, Affraßja nur noch einmal zu umarmen – dieses Weib ward an ihm zur Verrätherin und Anklägerin. Sie gab an, der Prinz habe allezeit den entschiedensten Widerwillen gegen das ganze Wesen und Walten seines Vaters gehegt und geäußert. Er habe kein Hehl daraus gemacht, daß er dereinst, sofort nach seiner Thronbesteigung, dem Peter’schen System sein Ende bereiten würde, und er habe mit der altrussischen Partei in engen Beziehungen gestanden, mit der Partei, welche geplant, daß nach Peter’s Tod seine Haupthelfer und Günstlinge, wie Mentschikow, Jaguschinky, Scheremetew, Schaffirow und Andere, gespießt und sämmtliche Deutsche im Reiche niedergehauen werden sollten. Dann wollte man Petersburg zerstören, das stehende Heer auflösen und im Kreml zu Moskau unter Czar Alexei auf gut Altmoskowitisch residiren und regieren.

Niemand hat in des Czaren Seele geblickt und uns gesagt, was Alles in derselben durcheinander und übereinander wogte und wallte, als er erkennen mußte oder erkennen zu müssen glaubte, daß er zwischen dem Sohn und der Zukunft Rußlands zu wählen habe. Ueber das Vatergefühl hinauszukommen, gehört ohne Frage zu dem Schwersten, was einem Menschen auferlegt werden kann, und nichts berechtigt uns, anzunehmen, daß dieses Schwere und Schwerste zu vollbringen dem schrecklichen Czaren nicht harten Kampf und bitteres Leid gekostet habe. Den Kampf zu enden, mag dann die weitere Anklage, daß die um den Czarewitsch her thätigen, obzwar bislang nur mit Worten thätigen, Umtriebler auch im Sinne gehabt, ihr Reactionswerk dadurch zu beschleunigen, daß sie dem Czaren nach dem Leben trachteten, bedeutend mitgewirkt haben. Peter war jetzt entschlossen, zum Aeußersten zu schreiten.

Am 6. Juni berief er eine Versammlung von zwanzig Prälaten und einhundert vierundzwanzig hohen Staatsbeamten. Jene sollten begutachten, ob es auf Grund der Bibel zulässig, den Czarewitsch zu strafen; diese sollten sich als Tribunal constituiren, um den Prinzen und seine Mitschuldigen zu richten. Die Priester sagten nicht Ja und nicht Nein, sondern wickelten salbungsvoll ihr Gutachten, das weder warm noch kalt, in ein Convolut von Bibelstellen, aus welchen der Czar entnehmen konnte, was ihm beliebte. Der Gerichtshof constituirte sich, allein seine Zusammensetzung war so, daß das ganze Verfahren nur eine düstere Komödie sein konnte. Die Richter nannten sich selbst die „Sclaven“ des Czaren und sie sind in Wahrheit nichts gewesen, als Ja sagende Marionetten an den Drähten, welche die Matadore der katharinischen Partei in Händen hielten. Es war ein politischer Parteiproceß und die Besiegten wurden von den Siegern gerichtet, damit ist Alles gesagt.

Wir besitzen keine völlig verläßliche Berichterstattung weder über die Einzelheiten der Procedur noch über die der Katastrophe, welche dieselbe beschloß. Die vorhandenen Relationen widersprechen sich, sogar in Hauptsachen. Die Trübheit vollends der officiellen Quellen ist ganz augenscheinlich, wie ja das in solchen Fällen naturgemäß. Aber auch in den nicht officiell-russischen, in den Berichten, welche die auswärtigen Gesandten an ihre Höfe abstatteten, ist Alles voll Dunkel, Verworrenheit und Widerspruch. So wußte der sächsische Geschäftsträger zu berichten, Alexei habe sich vor seinen Richtern keineswegs als Schwächling und Feigling benommen, sondern sei vielmehr sehr mannhaft und kühn aufgetreten, seinem Vater in’s Angesicht trotzend. „Er wisse sehr wohl,“ habe er geäußert, „daß der Czar ihn nicht liebe, und deshalb hätte auch er sich von der Liebespflicht, welche gegenseitig sein müsse, entbunden geglaubt. Er hätte es also für kein Unrecht gehalten, seinen Haß gegen die Neuerungen und Günstlinge seines Valerö kundzugeben, unter deren Druck das gequälte russische Volk seufze.“ Das stimmt nun aber gar nicht mit dem ganzen Wesen und Gebahren des Prinzen. Wahr mag sein, daß er, das Wenige, was von Kraft noch in ihm war, zusammenraffend, anfänglich versuchte, seinen Richtern stolz gegenüber zu treten; aber nicht minder wahr mag sein, daß er, wie der preußische Gesandte Mardefeld (?) heimschrieb, zuletzt „zu Allem sich bekannte, was er wußte, und wohl auch zu Solchem, was er nicht wußte.“ Daraufhin habe der Gerichtshof über den Unglücklichen das Todesurtheil gesprochen, und dieses wurde ihm am 7. Juli 1718 in feierlicher Sitzung des Senats kundgemacht. Diese Verkündigung des Todesspruchs am genannten Tage steht unzweifelhaft fest.

Nun aber läßt sich ein österreichischer Berichterstatter aus Petersburg vernehmen, der von einem Eingeständniß und Sündenbekenntniß des Czarewitsch Nichts, dagegen folgendes Schreckliche zu melden weiß: „Die Todessentenz konnte vermöge der russischen Gesetze nicht zur Execution gebracht werden, bevor der Prinz durch sein eigenes Geständniß seines Verbrechens überzeuget worden wäre, und weil er Alles leugnete und sich Niemand wollte finden lassen, der die Hand an seinen Kronprinzen, um solchen zu torquiren, hätte legen wollen, so nahm der Czar solches Amt selbsten über sich. Da er aber dieses Amt noch nicht so meisterlich als der ordinäre Büttelknecht verstehen mochte, versetzte er seinem Sohn mit der Knutpeirsche einen solchen unglücklichen Streich, daß Alexei gleich sprachlos zur Erde sank und die anwesenden Ministri nicht anders meinten, als daß der Prinz sogleich verscheiden würde. Der Vater hörete zwar auf zu schlagen, ließ aber im Weggehen diese häßlichen Worte verlauten: ‚Der Teufel wird ihn noch nicht holen!‘“

Falls diese Scene geschichtlich-wahr, so würde sie uns den Czaren als einen Wilden, als einen rasenden Barbaren und [666] vollendeten Tyrannen vorführen. Und unmöglich ist der Gräuel keineswegs; erinnern wir uns, daß Peter auch seine rechtmäßige Frau Awdotja allerhöchsteigenhändig geknutet hat. Der Jähzorn dieses Mannes hat häufig genug seine menschlichen Züge in’s Bestialische verzerrt. Mag er aber auch von der Beschuldigung, des Sohnes Knutung selber vollzogen zu haben, vielleicht freizusprechen sein: daß der Prinz nach über ihn gefälltem Todesspruch wirklich noch „torquirt“, d. h. geknutet wurde, ist nicht zu bestreiten. Der bis zur Raserei erhitzte Argwohn des Czaren war mit den erlangten Resultaten der Procedur nicht zufrieden, und es sollten dem unglücklichen Alexei noch mehr Geständnisse, noch mehr Namen von Mitschuldigen entrissen, d. h. entknutet werden.

Am Abend des 8. Juli, also einen Tag nach Fällung des Todesurtheils verstarb der Czarewitsch an einem – Schlagfluß, der ja, wie weltbekannt, in russischen Czarenpalästen als ein gar häufig angerufener und allzeit dienstgefälliger Nothhelfer zu erscheinen pflegt. Die amtliche Hofchronik läßt dem Tode des Prinzen noch eine rührende Scene vollständiger Aussöhnung mit seinem Vater vorangehen, wie das nur einer wohlbeflissenen Hofhistoriographie Pflicht und Schuldigkeit. Die nichtamtlichen Berichte über Alexei’s Tod geben von dem „Schlagfluß“ verschiedene Definitionen. Eine derselben sagt aus, ein Schlagfluß habe allerdings stattgehabt, aber in Folge eines von dem Apotheker Bär bereiteten und dem Prinzen gewaltsam eingenöthigten Gifttranks. Eine zweite will, der Schlagfluß sei eigentlich ein Beil gewesen, das Beil, womit der General Adam Weide auf Befehl und im Beisein des Czaren dem Czarewitsch im Gefängniß heimlich den Kopf abgeschlagen habe. Eine dritte vergräßlicht das Gräßliche, indem sie das Richtbeil dem Vater des damit Gerichteten in die eigenen Hände legt.

Es ist aber zur Ehre der menschlichen Natur und zur Steuer geschichtlicher Wahrheit zu sagen, daß eine heimliche Hinrichtung des Prinzen gar nicht stattgefunden hat und daß eine öffentliche – welche zu veranstalten Peter, der ja den Sohn auch öffentlich hatte richten und verurtheilen lassen, wohl der Mann gewesen wäre – nicht stattzufinden brauchte, weil Alexei, schon durch den über ihn ergangenen Todesspruch furchtbar erschüttert, an der am 8. Juli drei Mal an ihm vollzogenen Knutungstortur gestorben ist. Mit diesem Ergebniß einer vorsichtigen Ausschöpfung aller zugänglichen Quellen stimmt auch die Ansicht solcher Russen überein, welche, wie z. B. der Fürst Peter Dolgorukow, von der nichtofficiellen, d. h. wirklichen, Geschichte ihres Landes am meisten wissen. –

6. „O Absalom! Mein Sohn Absalom!“

Schon am 9. Juli war der Leichnam des Czarewitsch in der Dreifaltigkeitskirche öffentlich ausgestellt. Zwei Tage darauf ging mit gebührendem Pomp die Bestattung vor sich. Der Czar wohnte als erster Leidtragender der Ceremonie an. Die gehaltene Grabrede hatte zum Text die Stelle aus dem zweiten Buch Samuels: „Da ward der König David traurig und ging hinauf in den Saal über dem Thore und weinete und sprach im Gehen: ‚O Absalom, mein Sohn Absalom, wäre ich doch statt Deiner gestorben!‘“ Als diese Worte verlesen wurden, brach der Czar in Schluchzen aus und sein Antlitz schwamm in Thränen.

Wer wird den Muth, wer die Frechheit haben, diese Thränen erheuchelte zu schelten? Der Orkan hatte ausgetobt, das Gewitter sich entladen und aus dem in Berserkerwuth rasenden Czaren war ein armer, schwacher, leidender Mensch geworden, dem sich wie ein glühendes Eisen das Gefühl in die Seele bohrte: Der dem Verderben Geweihte war doch Dein Kind, war doch Blut von Deinem Blute und Fleisch von Deinem Fleische! … Es giebt Ewig-Menschliches, an welchem als an einem Felsen von Diamant alle scheinbaren nicht nur, sondern auch alle wirklichen Gründe und Nöthigungen der „Staatsraison“ wie Glas zersplittern.

Fast sollte man meinen, Peter habe seinen Vaterschmerz in Blut ertränken wollen. Denn auch nach dem Tode des Czarewitsch ging das Strafgericht fort. Als Mitschuldige Alexei’s wurden enthauptet sein Haushofmeister Iwan Affanaßjew, ferner Fedor Dubrowski, Jakow Pustinoi und Abraham Lapuchin, der Bruder Awdotja’s. Der Fürst Scherbatow erhielt die Knute und wurden ihm Nase und Zunge ab- und ausgeschnitten. Andere Verurtheilte gingen in die Verbannung. Nie hat Peter zugestanden, daß er dem Sohn Unrecht gethan. Noch im Jahre 1722 sprach er in einem öffentlichen Erlasse von „der absalomischen Bosheit seines Sohnes Alexei“. In demselben Edict that er in Beziehung auf die Thronnachfolge die sehr richtige Aeußerung: „Das Erstgeburtsrecht ist eine absurde Gewohnheit.“ Seinem Enkel Peter war er zugethan; aber er wagte nicht recht, diese Zuneigung sehen zu lassen, sei es aus Besorgniß für das Kind, sei es aus Besorgniß für sich selber.

Denn die letzten Jahre des gewaltigen Mannes waren durch finsteres und nicht grundloses Mißtrauen gegen die Menschen verdüstert, auf welche er sich doch hauptsächlich stützen und verlassen mußte, gegen Katharina und ihren Anhang. Zwar ließ er im Mai 1724 Katharina feierlich zu Moskau als Czarin krönen; allein er argwohnte doch, und zwar nicht ohne Grund, daß die also von der niedersten Sprosse der socialen Leiter durch ihn zur höchsten Erhobene ihm nicht einmal als Frau getreu sei. Freilich, seine eigene brutale und unzählige Male wiederholte Untreue konnte die ihrige wohl herausfordern, und, seltsam zu sagen, der grimme Czar scheint zuletzt die ehemalige Leibeigene ordentlich gefürchtet oder wenigstens für ganz unentbehrlich gehalten zu haben. Sonst ließe sich sein Verhalten und Verfahren in der Mons’schen Sache kaum erklären.

Das war auch wieder so eine echtrussische Hof- und Staatsaction von damals. Es ging ein sehr hörbares Geraune und Gezischel um, daß Herr Mons de la Croix, erster Kammerherr Katharina’s, seiner Herrin etwas näher gekommen sei, als der Respect vor einer gekrönten Czarin gestattete, und seine Schwester, die verwittwete Generalin von Balk, sei die Gelegenheitsmacherin. Peter soll dann seine Frau mit Herrn Mons Nachts in einer Laube überrascht und die Czarin auf der Stelle abgestraft, d. h. tüchtig durchgeprügelt haben. Wahrscheinlicher ist, daß er, wie erzählt wird, als Katharina, die natürlich Alles leugnete, für Mons und dessen Schwester eine Fürbitte einlegte, die Czarin vor einen prachtvollen venetianischen Spiegel führte und bedeutsam sagte: „Sieh, das war früher nur ein verächtlicher Stoff. Das Feuer hat ihn veredelt und jetzt ist er ein Schmuck des Palastes; aber ein Schlag meiner Hand kann ihn seinem ursprünglichen Zustande wieder nahe bringen.“ Damit zerschlug er den Spiegel. Aber Katharina sagte gefaßt und ruhig: „War diese Zerstörung eine Ihrer würdige That und ist Ihr Palast dadurch schöner geworden?“ Der Kammerherr und seine Schwester wurden verhaftet und „wegen Bestechlichkeit und Veruntreuung czarischer Gelder“ processirt. Die Generalin erhielt die Knute und wurde nach Tobolsk verbannt, Mons aber ward enthauptet und sein Leichnam auf’s Rad geflochten. Etliche Tage nach der Hinrichtung sei der Czar mit der Czarin absichtlich dicht am Hochgerichte vorübergefahren. Katharina habe die grausen Ueberreste des hingerichteten Lieblings angesehen und mit vollkommener Selbstbeherrschung gesagt: „Es ist doch ein Jammer, daß unter den Hofleuten so viele Bestechlichkeit herrscht!“

Sie hatte nach dieser schrecklichen Probe nicht mehr lange zu warten, bis sie regierende Czarin und Selbstherrscherin wurde. Am 8. Februar 1725 starb der große Czar und zwar, wie nicht vertuscht werden soll, in Folge seiner unbezähmbaren Sinnlichkeit eines unsauberen Todes… Carl Immermann, der einzige Dichter, welcher dem Manne poetisch gerecht zu werden verstand, weil er denselben (in seiner Trilogie „Alexis“) mit Shakespeare’schem Maßstab zu messen wußte, hat der Bitterkeit, welche Peter’s letzte Tage und Stunden erfüllte, kräftigen Ausdruck verliehen, indem er dem Sterbenden die Worte in den Mund legte:

„Nicht sterben können! Endige! Schon klingt Geräusch
Arbeitenden Verwesens. Bei dem Werke sind
Geschäftig-laut die Würmer. Meine Zunge quält
Ein salzig-fauliger Geschmack, als läge drauf
Der Welt Gemeinheit…“