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Textdaten
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Autor: Hugo Rosenthal-Bonin
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Titel: Caligula und Tito
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, 12, S. 176–179, 192–195
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[176]
Caligula und Tito.
Novelle von H. Rosenthal-Bonin.

Nach einer Woche dämmerig trüben milden Winterwetters war jetzt die Sonne wieder durch das Gewölk gebrochen und schien lieblich und warm auf die steil emporsteigenden Citronen- und Orangengärten, übergoß mit hellstem Gold die von Olivenbäumen umgebenen Landhäuser der Berge, die schwärzlichgrauen Felsen und das blaue Meer der Küste von Nervi, der bekannten herrlichen südlich von Genua gelegenen Winterstation. Die Rosen entfalteten wieder ihre üppigen Kelche und dufteten um die Wette mit den Veilchen; der Strand belebte sich mit Fremden und Einheimischen und die Kinder spielten wieder schreiend auf der Straße.

Am Strande fehlte jedoch eine dort bekannte Figur, nämlich der stets sauber und kokett gekleidete Maultiertreiber Oreste Lavigni, der hier immer bei schönem Wetter zu finden war und den Fremden seine Dienste anbot.

Oreste saß heute vor seinem sehr baufälligen Mauleselstalle im Dorfe Bogliasco, einer Häusergruppe hinter Nervi, und putzte seinen Somaro, seinen Maulesel.

Der Stall war dicht am Strande gelegen und bot eine prächtige freie Aussicht aus das Meer. Jedoch Oreste war heute so eifrig bei der Arbeit, sein Tier sauber zu machen – er benutzte diesmal hierzu sogar Schwamm und Bürste – daß er unter dieser Beschäftigung keinen Blick auf das Meer warf. Es schien ihm ganz gleichgültig zu sein, was für Dampfer in der Ferne zogen und welche Fischer draußen auf der blitzenden Flut an der Arbeit waren. Das hatte etwas zu bedeuten, es mußte ein wichtiges Ereignis bevorstehen, bei welchem sein Maulesel eine Rolle spielte. Und in der That verhielt es sich auch so – der folgende Tag war der siebzehnte Januar, das Fest des Heiligen Antonius, und an diesem Tage wurden die Tiere geweiht, das heißt, sie empfingen von der Kirche den Segen, auf daß sie für die Dauer des nächsten Jahres gesund blieben und der von ihnen gewünschte und erhoffte Nutzen durch keinen bösen Zwischenfall beeinträchtigt würde. Das war für Oreste auch eine höchst notwendige Sache, denn der Maulesel war sein einziger Besitz, sein Geschäft, sein Gewerbe, ja, das Tier war sein Ernährer. Zwar hatte der junge Mann die Schreinerei erlernt, er übte jedoch diesen Beruf schon lange nicht mehr aus. Erst war es ihm angenehmer erschienen, seinem Vater, der Gartenarbeit in den Villen Nervis besorgte, zu helfen, als Hobel und Säge zu führen. Dann starb der Vater plötzlich und hinterließ seinem Sohne nichts als das Maultier. Der junge Mann besann sich nicht lange. Die Gartenarbeit war ihm immer etwas langweilig gewesen, auch war er zu bequem, sein eigentliches Gewerbe, die Schreinerei, wieder aufzunehmen; so klopfte er denn seinen Maulesel liebevoll auf den Hals und ließ ihn Citronen und Orangen, Gemüse und Mehl nach Genua tragen, von wo er Holzkohlen und andere Waren zurückbrachte. Sein Hauptgeschäft jedoch, das erträglichste nämlich, war, die Fremden auf seinem Maultier in die Berge zu führen, und da sein Somaro gut genährt und gut erzogen war und Oreste sich einer bestechend hübschen Erscheinung erfreute, die er durch allerhand nationalen Schmuck noch besonders wirkungsvoll hervorzukehren verstand, so hatten er und sein Maulesel stets genug zu thun, und Oreste verdiente manche Lira mehr als alle seine Kollegen.

Morgen war nun Antoniustag; in dem Festzuge, den man für diesmal geplant, sollte sein Maulesel mitgehen, und es schien Oreste aus mancherlei Gründen wichtig, seinen Somaro zu putzen und zu schmücken; erstens, weil die Tiere zu der Segnung überhaupt reinlich erscheinen mußten, zweitens, weil die Tierbesitzer untereinander wetteiferten, die schönsten Tiere zu haben, und drittens wollte Oreste der Fremden wegen mit seinem Somaro Staat machen und diesen als den schönsten und prächtigsten zeigen! Daher dieser große Eifer heute, der ungewöhnliche Ernst und die Vertiefung, mit welcher der junge Mann die Toilette Caligulas – so hieß der Maulesel, wurde aber in der Abkürzung „Gula“ genannt – besorgte. In ganz Nervi war gleichfalls große Tierwäsche, in den Bauerngehöften auf den Bergen, wie in den Ställen [178] unten in der Stadt wurden Ziegen, Kühe, Pferde abgeschwemmt, gestriegelt und sogar gekämmt, Kränze geflochten, Wollschnüre gedreht und Reit- und Fahrgeschirre mit Kreide und Oel schön gemacht.

Unter den Eifrigen in Nervi legte bei diesem Geschäft besondere Sorgfalt an den Tag Signora Beatrice Foscetta. Beatrice wohnte in dem steil aufzeigenden Thal oberhalb des schönen Rathauses, sie besaß dort ein kleines rosa und hellblau angestrichenes Steinhaus, hinter welchem eine Terrasse mit etlichen fünfzig alten Citronenbäumen emporstieg, und höher in den Bergen ein Stückchen Grasland. Der Stall an dem Hause beherbergte zwei schöne Kühe und einen stattlichen Maulesel. Das war Beatricens Besitztum außer fünftausend Lire Kapital, die für sie auf der Bank in Genua lagen. Ihr Gütchen bewirtschaftete Beatrice ganz allein, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie die Zinsen ihres Kapitals nicht anzugreifen brauchte. Als vor zwei Jahren ihr Vater, der Lokführer in Genua war, im Meer ertrank und die Mutter bald darauf an der Cholera starb, übernahm das zwanzigjährige Mädchen entschlossen und mutig ihr Erbe und brachte es durch Fleiß und Klugheit dahin, daß sie von dem Ertrag ihres Besitztums in dem engen steilen Thale ganz gut ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Sie war ein großgewachsenes, rotwangiges, starkes Mädchen, dem tüchtige emsige Arbeit eine Lust und Freude dünkte. Da Beatrice außerdem noch ein schönes fröhliches Gesicht hatte mit rotem Munde und leuchtenden dunklen Augen, so stellte sich damals ein halbes Hundert Freier bei ihr ein – aus Nervi und Umgegend, die ganze Küste entlang von Genua bis nach S. Margherita – welche der begüterten Vereinsamten eine Stütze sein und ihr Vater und Mutter ersetzen wollten. Beatrice jedoch schlug alle Anerbieten aus. Sie wollte allein bleiben, erklärte sie, sie sei noch jung und möchte versuchen, wie weit sie ohne die gütige Hilfe der jungen Leute aus der Nachbarschaft käme. Alles glaubte damals, ihre abweisende Selbständigkeit stammte daher, daß sie auf Oreste Lavigni wartete, für den sie schon immer eine entschiedene Neigung gezeigt hatte, die der junge Mann mit Eifer erwiderte. Seltsamerweise jedoch herrschte von diesem Zeitpunkt an eine Art Feindschaft zwischen den beiden jungen Leuten. Oreste ward melancholisch und verdrossen und zeigte sich zornig gegen die Jugendfreundin und Erbin, und Beatrice trug Verachtung gegen Oreste Lavigni zur Schau.

Das war so gekommen:

Die Leute hatten ganz recht, welche annahmen, daß der hübsche Oreste Absichten auf die begüterte, schöne Beatrice hatte. Oreste stellte sich auch als Freier bei der Jugendgespielin ein. Sein Vater war fast zu gleicher Zeit wie der Beatricens gestorben und der junge Mann sagte zu dem Mädchen „Wir sind jetzt beide Waisen und stehen allein in der Welt; du, du weißt, daß ich dich gern habe, und du hast mir gezeigt, daß ich dir nicht gleichgültig bin, also laß uns unser Heil zusammen versuchen.

Beatrice hatte darauf ihre sehr starken hochgewölbten dunklen Augenbrauen zusammengezogen und dem Freier geantwortet. „Was bist du, Oreste, und was hast du? Du hast schreinern gelernt und arbeitest nicht, du besitzest einen Somaro und läßt dich von diesem ernähren. Ist das eine Art für einen jungen, gesunden Menschen? Du bist faul, Oreste, und eitel, ein Geck – du putzest dich heraus für die Engländerinnen und machst ihnen freundliche Gesichter und läßt dir von den blonden Katzen Geld schenken. Es ist wahr, ich liebe dich – aber einen solchen Mann mag ich nicht! Nimm deine Schreinerei wieder auf, und wenn du darin dich tüchtig gezeigt hast, dann komme wieder!

Oreste hat darauf zornig auf den Boden gestampft und ist bleich vor Wut davongelaufen – er ist aber nicht Schreiner geworden, sondern hat sich noch mehr herausgeputzt und den fremden Damen, die er auf seinem Maultier in die Berge führte, noch liebenswürdigere Gesichter gemacht, im übrigen jedoch so träge wie bisher weitergelebt. Das war jetzt zwei Jahre her und in dieser Zeit haben die beiden stets von einander weggesehen, wenn sie sich begegneten. Heute saß also Beatrice wie Oreste vor dem Stalle und wusch ihre Kühe und putzte ihren Maulesel Dito zu dem morgen bevorstehenden Feste der Weihe.

Der Ort der Tiersegnung war die Kirche Sant Ilario, hoch über Nervi auf einer Stufe des gewaltigen Monte Giugo gelegen. Aus dem verschleierten Graugrün der Oliven und dem tiefen Schwarzgrün der Cypressen schauten schon von fern die weißen Mauern und der Glockenturm der Kirche, die auch ein sehr besuchter Ausflugspunkt der Fremden war, hernieder auf eine Unzahl von Villen und Bauernhäusern welche inmitten der üppigsten Citronen- und Orangengärten gelegen waren, meist überragt von hochaufstrebenden bräunlich-grünen Dattelpalmen. Zwischen den Gärten führte die breite Landstraße hinauf zur Kirche. Diesen Weg mußte auch der Zug der Tiere nehmen.

Der siebzehnte Januar brach an – kein Wintertag wie im deutschen Norden, nein, einer jener Tage, wie sie in dieser Jahreszeit nur die Riviera kennt, ein sonnenheller Tag, an dem „ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.“ Still lag auch das blaue Meer in schimmerndem Glanz und all die vielen Buchten und Felsenvorsprünge der Küste waren, so weit das Auge reichte, in zart violetten Duft getaucht. Die Gärten aber spendeten berauschende Wohlgerüche, da die Orangenbäume neben der reifenden Frucht schneeweiße Blüten trugen. Es schien, als ob dieser herrliche Fleck Erde zu der Feier auch ein Festtagsantlitz zeigen wollte.

In Nervi, in Bogliasco, in Quinto war es sehr lebhaft. Die Fremden mit ihren Sonnenschirmen wanderten den Weg zur Kirche hinauf und die Landleute in Feiertagskleidern tummelten sich auf den Straßen und führten ihre geschmückten Tiere.

Nicht jedes Jahr waren die Teilnehmer an dem Feste der Weihe gleich zahlreich. Diesmal hatte eine außergewöhnlich große Zahl von Tierbesitzern mit ihren Tieren sich eingestellt, es war ein kirchliches Jubiläumsfest, die Ceremonie versprach besonders glänzend zu werden. Die Schafe hatten rote und blaue Bänder um den Hals, an denen Glöckchen klingelten, die Ziegen und Kühe trugen Blumenkränze um die Hörner. Die Pferde, deren Geschirre ebenfalls mit Blumen besteckt waren, hatte man überdies mit bunten Decken verziert, und vor allem machten die Maulesel, die beliebtesten Zug-, Reit- und Lasttiere Italiens, Staat. Neben Rosen-, Lilien- und Veilchensträußen, die an ihnen angebracht waren, wo es nur irgend ging, trugen die Köpfe dieser Langohren rote weitmaschige Wollnetze, aus denen oberhalb der Stirn seltsame Messingstäbe ragten, die sich kelchartig öffneten und von einer buntfarbigen Wolltroddel gekrönt wurden. Auf der Stirn selbst war ein Palmbüschel befestigt und auf diesem hing, neben dem Messingbildchen des Heiligen Antonius, ein Spiegelchen. Dieser Spiegel mußte etwas zu bedeuten haben, denn man sah keinen Maulesel ohne dieses glänzende Schmuckstück zwischen den Augen, ja die Bauern und Treiber gaben sichtlich auf das Spiegelchen besonders acht und sorgten eifrig dafür, daß es immer hübsch in der Mitte hing.

Es knüpft sich an diesen Schmuck der Aberglaube, daß, wenn der segnende Priester und die Kirche in dem Glase sich spiegeln, die Weihe doppelt kräftig wirke. Die Italiener aller Klassen sind abergläubisch, besonders die Landleute, und es dürfte keinen Bauern, Kutscher, Eseltreiber jenseit der Alpen geben, der nicht felsenfest an diese Eigenschaft des Spiegelchens bei der Segnung glaubte.

Vor Nervi sammelte sich der Zug. Es waren wohl mehr als hundert Kühe, Ziegen und Schafe und gut hundert ’Maulesel’, Eselchen und Pferde, alle mit Geschmack und so buntfarbig wie möglich verziert. Unter allen aber zeigte sich der Caligula Oreste’s wirklich als der prächtigste. Trug er doch sogar zwei Spiegelchen an der Stirn, einen kleinen runden Taschenspiegel und einen etwas größeren altertümlichen der ein schönes, ciseliertes Messingrähmchen hatte.

Die meisten Landleute und Kutscher saßen auf ihrem Pferde oder Esel und ebenso Oreste, der eine braune Sammetjacke anhatte und um den Leib einen seidenen roten Shawl trug. Sein spitzer grüner Hut war mit silbernen Knöpfen geschmückt, er hatte den kleinen schwarzen Schnurrbart herausfordernd aufgedreht, sein lockiges Haar quoll unter dem Hut hervor, keine Frage – der junge Mann sah wirklich bildhübsch ans.

Einige Schritte hinter ihm – es waren nur drei Paar Pferde dazwischen – ritt auf ihrem „Tito“ Beatrice in blauem ’Seidenmieder’ und schneeweißen Hemdärmeln. Sie sah stolz aus und blickte beharrlich vor sich nieder. Der Zug war begleitet von der gesamten Gassenjugend der Gegend einige Stunden im Umkreis und einer großen Zahl von Schaulustigen, wie solche nur südlichen Lande in solcher Menge aufzuweisen pflegen.

Als die Straße zur Kirche steiler wurde, stiegen einzelne Reiter ab, unter diesen auch Beatrice, die nun neben ihrem Maulthier einherging. Man mochte wohl drei Viertel des Weges zurückgelegt haben, schon breitete sich vor den Dahinziehenden die [179] unendliche Fernsicht über das schimmernde Meer aus und oben ganz nahe winkte die Kirche, von welcher in hellem Klang die Glocken tönten. In wenigen Minuten war das Ziel erreicht, da gewahrte Beatrice zu ihrem Schrecken, daß ihr Dito sein Spiegelchen nicht mehr hatte! Sie schaute den Weg zurück – so weit sie konnte – vergeblich! Es war nichts zu sehen! Wie sollte dies auch möglich sein, mußte die Erschrockene nach einigem Besinnen sich sagen, hinter ihr folgte ja ein großer Teil des Zuges und der kleine Spiegel war, selbst wenn er erst wenige Augenblicke zuvor zur Erde gefallen war, sicherlich längst zertreten und in den Boden gestampft. Bei genauerer Betrachtung der Schnur, an welcher der Spiegel gehangen, bemerkte Beatrice auch, daß sie kürzer war und Schnittspuren aufwies, das Spiegelchen war ihr demnach wohl von einem der nichtsnutzigen Gassenbuben gestohlen worden. Dieser Verlust verursachte dem Mädchen einen heftigen Kummer und Aerger. Eine Weihe ihres Dito ohne Spiegel schien ihr so gut wie gar keine! Sie überlegte, ob sie nicht lieber umkehren und ihren Esel gar nicht weihen lassen sollte – aber das hätte Aufsehen unter ihren Neidern erregt, deren sie, wie sie das wohl wußte, viele hatte, und namentlich den abgewiesenen Freiern eine rechte Schadenfreude bereitet. Diesen Triumph wollte sie ihnen nicht gönnen; sie blieb also im Zuge und schaute zornig und verdrossen zur Erde. Da, was war das? – Geschah da ein Wunder –? Vor ihr lag plötzlich ein Spiegel, ein schöner Spiegel im Messingrahmen – den hatte wohl der Himmel ihr gesendet, der Heilige Antonius für sie auf den Weg gelegt! Beatrice bückte sich schnell, hob den Spiegel auf und befestigte ihn im Laufen gut und fest an dem Schnurstück, das leer zwischen den Ohren ihres Dito herunterhing. Es hatte wohl niemand diesen Vorgang gemerkt, denn jeder hatte genug mit seinen Tieren zu thun.

Jetzt war man oben aus dem freien Platz vor der Kirche – der Zug stand, man wartete aus den Schluß der Messe, nach welcher die Weihe stattfand. Oreste sprang von seinem Maultier, ging einige Schritte zur Seite und plauderte mit einem Bekannten. Dann kehrte er – da das Glöcklein der beendigten Messe ertönte, zu seinem Esel zurück und schaute diesen noch einmal prüfend an. Sah er wirklich recht oder trogen ihn seine Augen? – Sein Somaro hatte den schönen Messingspiegel nicht mehr vor der Stirn. Oreste blickte zu Boden blickte zurück – da blitzte etwas stark in der Sonne und zu seinem maßlosen Erstaunen entdeckte er, daß Beatricens Maulesel seinen Spiegel und sonst keinen andern vor dem Kopf hatte! Das versetzte Oreste, der ja seit langem sich in gereizter Stimmung gegen Beatrice befand und heute schon einige Gläser Wein getrunken hatte, in eine namenlose Wut. „Sie hat ihren Spiegel vergessen und, während ich da sprach, ohne weiteres den meinen genommen!“ zischte er, sprang auf Beatrice zu und schrie. „Nicht einmal fragen thust du mich, das bin ich dir nicht wert! Du nimmst mir einfach den Spiegel? Du stiehlst ihn mir! – Gieb mir sofort meinen Spiegel wieder!“ Da das Mädchen ihn nicht sogleich verstand, so antwortete sie nicht, sondern schaute den furchtbar Aufgeregten, der kirschrot im Gesicht aussah und welchen sie für betrunken hielt, mit verächtlichem Ausdruck groß an. Das brachte Oreste noch mehr auf. Er riß Beatricens Esel den Spiegel von der Stirn und begann, auf das arme Tier unbarmherzig mit dem Stiel seiner Peitsche loszuschlagen – dabei tobte er wie ein Unsinniger. Es entstand ein Auflauf – die Umstehenden schrieen und lärmten auch, und zwei fremde Zuschauer, welche die Mißhandlung des unschuldigen Tieres nicht mehr mit ansehen konnten, rissen den Wütenden von ihm fort und entwanden ihm die Peitsche. Oreste schien hierdurch den letzten Rest seiner Ueberlegung und Vernunft zu verlieren – er zog sein Messer und drang auf die Fremden ein. Nun stürzten sich die Umstehenden auf den Rasenden, entwaffneten ihn und hielten ihn fest. Währenddessen war der Priester mit den beiden Chorknaben auf die Stufe vor der Kirche getreten und hatte, die Gebetformel sprechend und den Weihwedel gegen die vorüberziehenden Tiere schwingend, die Segnung begonnen. Der Lärm unterbrach die heilige Handlung – der Geistliche schaute scharf hin und nahm den sich abspielenden Vorgang wahr.

So schnell Oreste in Wut geraten so schnell war er, unterstützt durch die derbe Püffe, welche er von den Umstehenden erhalten, wieder zu sich gekommen, schnaufend und höchst niedergeschlagen schlich er jetzt neben seinem Gula einher zur Kirchenpforte. Dort winkte ihm jedoch der Priester mit der Hand ab, trat einen Schritt zurück und ließ den Weihwedel sinken – er zeigte dadurch an, daß er dem Lärmmacher, der die heilige Handlung durch sein schmähliches Betragen gestört hatte, den Segen für sein Tier verweigerte.

Dagegen gab es keinen Widerspruch, der Priester war nicht umzustimmen, etwa nachträglich noch die Weihe zu erteilen. Oreste hatte dieses Jahr durch seinen unbändigen Jähzorn und seine Dummheit, wie er sich selbst sagte, die Segnung verscherzt! Sein Gula war schutzlos allen Fährlichkeiten ausgesetzt – das war schlimm, sehr schlimm, aber zu machen war dagegen nichts! Oreste kamen die Thränen in die Augen, ganz niedergeschmettert zog er seinen Maulesel an der Kirche vorbei und ritt nach Nervi hinunter. Unterwegs bemächtigte sich seiner wieder der Zorn gegen die Anstifterin dieses Unheils, gegen Beatrice. „Sie hat schuld daran, nur sie allein – während ich schwatzte, hat sie mir meinen Spiegel genommen, weil zwei an meinem Somaro waren. Segen für ihren Dito und ich nicht!“ Oreste wurde abwechselnd bleich und rot und biß die Zähne zusammen. Er ballte die Fäuste, rollte die Augen und ritt im Galopp nach Bogliasco zurück. Dort angekommen, siegte wieder der Schmerz und die Angst wegen der nicht erhaltenen Weihe über seinen Zorn, er sprang vom Esel und umschlang den Hals des Tieres mit den Arme. „Bleib gesund, Gula,“ flüsterte er „bleib heil und gesund, mein Tierchen!“ Und er küßte den Maulesel auf die geschmückte Stirn.

In sehr übler Laune war auch Beatrice mit ihrem Tiere in ihre Behausung zurückgekehrt. Sie hatte jetzt begriffen, warum Oreste in solch einen Zorn geraten war, und es war ihr im höchsten Grade peinlich, daß es gerade Orestes Spiegel gewesen, den sie gefunden gern hätte sie hundert Lire gegeben, wenn sie die Sache damit hätte rückgängig machen können! Erst dachte sie, sich bei Oreste zu entschuldigen und ihm zu erklären, wie sie zu denn Spiegel gekommen wäre – dann aber siegte der Stolz über diese Regung. So hätte er sich nicht zu benehmen brauchen, so wie ein Wahnsinniger – das war zu arg! Vor allen Leuten brauchte er sie nicht zu schimpfen – er verlor eben immer gleich den Kopf. Wenn sie ihn heiratete, bekäme sie bei dem geringsten Anlaß Prügel, da war es doch wahrlich ein Glück, daß sie ihn abgewiesen hatte! Mit solchen Gedanken suchte sich Beatrice zu beruhige. Der Vorfall war ihr jedoch sehr ärgerlich, sie empfand Kummer darüber, daß dem einstigen Spielkameraden dies geschehen, durch sie geschehen war – dieses Gefühl ließ sich nicht verscheuchen, und bedrückt und verdrossen verrichtete das Mädchen von da ab seine Arbeit.

[192] Es giebt im Leben oft höchst seltsame Verkettungen der Dinge – drei Jahre lang hatte jetzt der Somaro Gula regelmäßig wie ein Uhrwerk und gesund wie ein Stein seine Arbeit gethan. Acht Tage etwa nach dem Antoniusfest ließ Gula sein Futter unberührt; betrübt, mit nach vorn herabhängenden Ohren und halb geschlossenen Augen stand er vor der Krippe; die Beine schienen ihm schwach, er legte sich. Oreste geriet in gewaltige Angst; sein Caligula war krank, darüber gab es keinen Zweifel. Er schüttete dem Tier ein halbes Liter Oel ein – das half nichts; er rannte zum Tierarzt – der kam und schüttelte den Kopf und verordnete noch mehr Oel. Als zwei Tage später Oreste frühmorgens in den Stall kam, hatte Gula die vier Beine von sich gestreckt und war tot. Orestes Verzweiflung kannte keine Grenzen. Er schloß sich in sein Stübchen ein und aß und trank nicht. Die unterlassene Segnung war an dem Tode seines Mulos schuld – das stand bei ihm außer Zweifel. Sein unsinniges Betragen hatte allerdings das Unglück herbeigeführt, aber ohne Beatricens Hinzuthun hätte er den Zorn des Priesters nicht auf sich gezogen. Freilich hatte sie ihren Spiegel verloren und den seinen gefunden, wie er nachher erfahren hatte. So war sie eigentlich doch nicht schuldig und er hatte sie grundlos beschimpft und an ihrem Tier seinen Zorn ausgelassen. Oreste weinte und schlug sich mit den Fäusten an die Stirn. Das half jedoch alles nichts, davon wurde der Esel nicht wieder lebendig. Oreste hatte seinen Beruf, sein Gewerbe, seinen Ernährer verloren! Was sollte er jetzt anfangen? Seine Tischlerei hatte er fast verlernt – wer würde auch einen so gänzlich ungeübten Gesellen annehmen. Er konnte jetzt als Tagelöhner arbeiten gehen, Steine tragen, Erde karren – Oreste rang die Hände und verließ sein Zimmer nicht. Endlich schritt die Behörde ein; sie schaffte den toten Maulesel fort, erbrach Orestes Zimmerthür, zog den jungen Mann heraus und nötigte ihn gewaltsam, Brot und Wein zu sich zu nehmen. Denn man wollte es schon der Fremden wegen in Nervi nicht haben, daß es heißen könnte, eines der Gemeindemitglieder wäre Hungers gestorben!

Um diese Zeit sandte eine Bewohnerin des Hotels d’Inglese, eine Amerikanerin, nach Bogliasco in Orestes Wohnung, um ihn und sein Maultier zu einem Ausflug zu bestellen. Diese Fremde war die beste Kundin Orestes. Fast jeden zweiten Tag bediente sie sich seines Tieres zum Ausreiten und er selbst mußte sie stets begleiten. Sie zahlte für den Ausflug jedesmal die doppelte Taxe. Die Leute hatten darüber schon zu reden begonnen – daraus machte sich jedoch die Amerikanerin nichts; sie genierte sich gar nicht, zu zeigen, daß ihr der schöne Italiener gefiel. Es schien fast, als ob nicht nur ihr Schönheitssinn durch Orestes specifisch italienische Erscheinung angezogen würde, sondern als ob ihr Herz dabei im Spiele wäre und sie eine wirkliche Leidenschaft für den schönen jungen Mann empfände. Oreste schmeichelten die Beweise von Freundlichkeit seitens der reichen Fremden, sie gab ihm guten Verdienst, persönlich fand er jedoch die nicht mehr junge Dame mit dem fahlbleichen Gesicht, den hellgrünen Augen und den aschblonden krausen Haaren abscheulich. Das hinderte ihn jedoch nicht, die freundlichen Blicke der Signora Grantly mit feurigem Aufschauen seiner schwarzen Augen zu erwidern.

Miß Grantly erhielt hinsichtlich ihres Antrages die Antwort, daß Orestes Maulesel tot sei, der junge Mann zu arm wäre, ein anderes Maultier sich anzuschaffen, und die Dame einen anderen Eselbesitzer bestellen möge. Die Amerikanerin zog es unter diesen Umständen vor, heute auf den Ausflug zu verzichten. Sie ging auf ihr Zimmer zurück und blieb dort wohl eine Stunde lang mit ihren Gedanken allein, dann kam sie wieder die Treppe herunter und hatte mit dem Gärtner des Hotels eine kurze Besprechung.

„Ich habe erfahren,“ begann Miß Grantly, welche gut italienisch sprach, die Unterredung, „daß dem armen Fremdenführer Oreste Lavigni in Bogliasco sein Maultier eingegangen ist und daß der junge Mann zu arm, ein neues zu kaufen. Der Mann thut mir leid, er ist ein intelligenter guter Führer, der dazu beigetragen hat, daß ich die Umgegend hier vortrefflich kennenlernte. Ich wünsche dem Manne ein neues Maultier zu schenken, jedoch auf solche Weise, daß er nicht erfährt, von wem er das Tier erhalten hat. Können Sie schnell ein Maultier beschaffen und es dem Manne womöglich heute nacht noch in seinen Stall führen, ohne daß er und andere es merken?“

Miß Grantly zog nach diesen Worten ein kleines wohlgefülltes Portefeuille aus ihrem rotsammetnen Ridicül.

Der Gärtner sann einen Augenblick nach und kraulte sich hinter dem Ohr.

„Sie erhalten fünfzig Lire Provision,“ fügte aufmunternd die Amerikanerin hinzu.

„Ja, das kann ich, Eccellenza,“ beeilte sich der Gärtner jetzt zu versichern.

„Gut, thun Sie es und machen Sie kein Aufhebens von der Sache,“ entschied Miß Grantly. „Hier sind fünfzig Lire für Sie und zwölfhundert für den Somaro, so viel kostet ja wohl ein gutes Tier – und entledigen Sie sich geschickt des Auftrags.“

Darauf nickte die amerikanische Dame dem Gärtner wohlwollend zu, spannte ihren Sonnenschirm auf und ging hinaus auf die Straße.

Der Gärtner lächelte verständnisvoll und steckte vorsichtig [194] und bedächtig die Scheine ein. Er wußte, wo er für tausend Lire ein Prachtexemplar von Mulo sogleich erhalten konnte, nämlich bei Beatrice Foscetta. Das Mädchen hatte seit gestern bekannt werden lassen, daß sie ihr Anwesen in Nervi verkaufen und nach Genua zur Schwester ihrer Mutter ziehen wolle. Zu diesem plötzlichen Entschluß hatte sie das Gerede der Leute hinsichtlich des Vorfalls mit Oreste veranlaßt. Man hatte ihr direkt gesagt, daß eigentlich sie an der verweigerten Segnung Caligulas und dem darauf erfolgten Unglück Orestes schuld sei, weil sie den jungen Menschen durch ihren Stolz und ihr Benehmen halb verrückt gemacht habe. Und sie begegnete überall unfreundlichen Mienen. Die Leute nahmen ihr nicht die Milch ihrer Kühe, kein Gemüse, keine Citronen mehr ab. Das hatte sie gegen das ganze Städtchen aufgebracht; sie brauchte die Menschen hier nicht – das wollte sie zeigen! Schnell, wie das ihre Art war, hatte sie sich entschlossen, den Staub dieses Ortes, in welchem sie nichts als Unannehmlichkeiten und Trübsal erfuhr, von den Füßen zu schütteln. In Genua konnte sie auch arbeiten, ihre Tante polierte Silberwaren und verdiente damit zwei Lire jeden Tag – das war nicht schwer, das würde sie bald lernen. Sie hatte an die Verwandte geschrieben und die Antwort erhalten, daß diese sie aufnehmen wollte und ihr Arbeit verschaffen könnte. Oreste that ihr leid, aber weshalb hatte er seinen schönen Beruf vernachlässigt? Er war zu bequem dazu gewesen, ihn zu betreiben und jetzt hatte er die Folgen seiner Trägheit zu tragen! Sie fühlte sich völlig ohne Schuld bei diesen Vorfällen. „Oreste und immer Oreste!“ murmelte sie verdrossen. „O, wenn er ein anderer Mensch wäre! Er ist so schön und gescheiter und klüger als alle andern. Aber so – fort von hier, fort muß ich!“

Dem Gärtner war das Gerücht von Beatricens Absicht zu Ohren gekommen. Er ging jetzt zu dem Anwesen des Mädchens, und es gelang ihm nach einer Stunde Handelns, von der in Geschäften sehr kühlen und sehr zähen Beatrice ihren Dito für elfhundert Lire zu erwerben. Er machte mit ihr aus, das Tier am Abend abzuholen.

Während dieser Tage befand sich Oreste in einer sehr traurigen Lage. Essen mußte er wieder, das sah er ein, erspart hatte er in der guten Zeit nichts, da er die Neigung besaß, behaglich zu leben. Um nicht zu verhungern, übernahm der junge Mann Taglöhnerarbeit, jedoch nach einigen Tagen gab er das auf. Er mußte wie ein Pferd schaffen und verdiente kaum so viel, um satt zu werden! Oreste kam jetzt auf eine recht bittere Weise zu der Einsicht, daß es sehr thöricht von ihm gewesen war, seine ganze Existenz auf den Besitz des Maulesels zu gründen, und sehr unklug, seinen Beruf aufzugeben. Er faßte den Entschluß, sein Gewerbe wieder zu ergreifen und vorerst bescheiden in demselben wieder anzufangen, um sich allmählich darin hinaufzuarbeiten. Er wandte sich an einen kleinen Meister in dem Nachbarstädtchen Quinto, bei dem er früher, als er eben ausgelernt, schon einmal gearbeitet hatte, jedoch wollte dieser ihn nicht haben. Dann lief er drei Tage in Genua herum, ohne auch nur unter den bescheidensten Bedingungen Aufnahme bei irgend einem Meister zu finden. So kehrte er denn enttäuscht nach Nervi zurück, um dort, von der Not gedrängt, in den Schluchten von neuem Steine zu karren und Kies auf die Bergwege zu werfen, eine schwere Arbeit, die ihn gerade vor dem Verhungern schützte. Voll Reue und in bitterem Leid verbrachte Oreste diese beiden Wochen nach dem Tode seines Caligula. Eines Morgens jedoch – Oreste hatte sehr lange geschlafen, da er heute ohne Arbeit war – weckte den jungen Mann ein seltsames Scharren und Stampfen, das aus dem leeren Stalle kam, für den er zu seinem Unglück noch die Miete zu bezahlen hatte. Erregt sprang er von seinem dürftigen Lager auf und stürzte aus dem Zimmer zum Stalle. Jetzt vernahm er von dorther auch das Klirren einer Kette. Was konnte das zu bedeuten haben – wer mochte in dem Stalle sein? Geister lärmten doch nicht am hellen Tage! Der junge Mann riß die Stallthür auf und erblickte die wohlgenährte Rückseite eines schwarzgrauen Maulesels. Oreste trat an das Tier heran – sonderbar – es kam ihm bekannt vor. „Tito!“ rief er und der Maulesel wandte auf den Ruf ihm freundlich den Kopf zu.

„Tito, Tito, du bist es ja!“ stieß Oreste schluchzend hervor. „Ja, du bist es,“ und Oreste sank auf die Knie. „Sie hat dich hier hereingeführt, Beatrice, o Beatrice!“ rief der junge Mann unter Thränen der Rührung und der Glückseligkeit. „Sie will mich nicht im Unglück lassen! Sie hat mir den Maulesel geschenkt, sie liebt mich, trotz meiner Faulheit und Dummheit, trotzdem ich sie beleidigt habe und damals so grob war. O, geliebter Tito, sie liebt mich! Ja, sie ist lieb. Das beste Mädchen auf der Welt! Nun wird alles gut werden!“

Oreste sprang auf, kleidete sich in Hast an und eilte auf die Straße nach Nervi, Beatricens kleinem Gütchen zu. Als er, nur noch einige Häuser von dem Anlegeplatz am Municipio entfernt, die Hauptstraße entlang lief, fiel sein Blick in ein hohes halbdunkles Gewölbe, dessen Wände von zwei Reihen großer schwärzlicher Fässer eingesäumt waren; die Mitte des Raumes nahmen Tische ein, an denen Leute saßen und tranken. Es war dies die größte Weinhandlung und der besuchteste Weinschank für die Einwohner Nervis, und hier stand in ruhiger Unterhaltung mit dem Besitzer Beatrice. Oreste war wie in einem Rausche von Glückseligkeit. Er stürzte auf Beatrice zu, schloß sie in die Arme und rief. „O Dank, Geliebte, Dank! Du hast mich gerettet, du richtest mich wieder auf! Du hast ein großes Herz! Mein Zorn gegen dich war ja nur Liebe, nichts als Liebe!“

Beatrice war bei diesem plötzlichen Vorfall sprachlos vor Schreck und Ueberraschung, sie glaubte, der junge Mann sei wahnsinnig geworden. Schon öffnete sie den Mund zum Schreien und wollte Oreste zurückstoßen und sich flüchten, da sah sie seine Augen, die vor Glück und Seligkeit strahlten – das waren nicht die Augen eines Verrückten! Sie bemerkte weiter, daß Orestes Gesicht bleich und mager war und der Kummer in den wenigen Tagen eine tiefe Furche in die vor kurzem noch so blühenden Wangen gegraben hatte, und es ergriff sie ein schmerzliches Mitleid mit dem Manne, den sie nie aufgehört hatte zu lieben, und der sie so sichtlich so aus vollem Herzen wiederliebte. Es mußte etwas Außerordentliches sich ereignet haben! Vor allem kam es jetzt darauf an, diese absonderliche Scene zu beenden und die Sache vor den Leuten ins Heitere zu ziehen. „Geh,“ flüsterte sie dem jungen Manne hastig zu, „geh voraus zu meiner Wohnung, wir wollen dort sprechen!“ Und während Oreste diesem Wunsche folgte und fast taumelnd wie ein Traumwandler das Gewölbe verließ, sprach Beatrice lachend zu dem Besitzer: „Er ist, glaube ich, närrisch geworden, ich muß ihm den Kopf zurecht setzen.“ Sie lachte wieder auf eigene Weise und der Besitzer lachte auch und die anwesenden Gäste gleichfalls. Unter dieser allgemeinen Fröhlichkeit schied Beatrice aus der Cantina.

Eilig legte sie die kurze Strecke bis zu ihrer Behausung zurück. Dort stand schon Oreste an dem kleinen Ziehbrunnen unter dem großen Feigenbaum. Als er sie kommen sah, eilte er ihr mit einem Ausruf des Entzückens entgegen. Sie wehrte seine Umarmung ab, reichte dem jungen Mann die Hand, behielt sie in der ihren und begann schweratmend: „Jetzt sag’ mir aber, Oreste, was das nun wieder zu bedeuten hat und wofür du dich bei mir so unsinnig bedankst!“

„Was das zu bedeuten hat?“ wiederholte Oreste. „Und du fragst noch? Willst du leugnen, daß du mich wiederliebst, Beatrice? Hast du es mir denn nicht eben in großmütigster Weise gezeigt, Beatrice?“

„Daß ich dich gern habe, Oreste, ja, das ist ja kein Geheimnis, aber wodurch soll ich dies dir denn jetzt gezeigt haben?“ erkundigte sich das Mädchen, entschieden sehr wißbegierig.

„Hast du mir denn nicht deinen Tito in den Stall gestellt?“

„Ich?“ staunte Beatrice.

„Du nicht? Du nicht? Ach, leugne nicht! Wer hätte es denn sonst gethan?“

„Wie kann ich das wissen!“ erwiderte Beatrice stirnrunzelnd.

„Er kommt nicht von dir, Beatrice? Aber es ist ja doch dein Tito, und ich fand ihn heut’ morgen in meinem Stalle! Wer außer dir könnte ihn mir gesandt haben?“

„Ich habe ihn verkauft.“

„Du hast ihn verkauft?“ staunte Oreste – „an wen denn?“

„An den Gärtner vom Albergo Inglese.“

„An den Gärtner – vom Albergo Inglese – Ah, maledetto! So hat die alte gelbe Amerikanerin mir das Tier geschenkt!“ Und Oreste ward bleich und sein Gesicht verlängerte sich bedenklich.

„Ja, nun weißt du’s. Es ist die vornehme, häßliche Signora, die du immer so galant geführt hast – du wirst dich jetzt [195] bei ihr bedanken und aufs neue deine Promenaden mit ihr machen,“ rief nun Beatrice mit finsterem Blick und ihr Mund zog sich fest zusammen.

„Nein – ich werde ihr den Esel wiedergeben,“ sprach düster und entschlossen Oreste.

„Nein? Wirklich nein? Du willst ihren Esel nicht? Nun, dann, Oreste – dann wollen wir ihr den Esel zusammen zurückgeben,“ versetzte darauf Beatrice mit seltsamem Lächeln.

„Wir? Zusammen!“ rief Oreste jauchzend.

„Ja,“ erwiderte Beatrice ruhig. „Ich weiß, daß du mich liebst, und ich liebe dich ja auch und wenn du mir zuliebe früher deinem faulen Leben und dem Herausputzen für die Amerikanerinnen hättest entsagen können, wäre es schon längst anders.“

„Ich bin jetzt kuriert, Beatrice – ich bin jetzt kuriert,“ versicherte Oreste. „Ich habe ja einen halben Monat wie in der Hölle leiden müssen!“

„Nun, ich will’s glauben,“ sprach Beatrice. „Du wirst dir eine Werkstatt einrichten – das mußt du mir schwören bei dem heiligen Antonio, der uns so sichtlich in seinen Schutz genommen, und fleißig arbeiten!“

„Das will ich schwören,“ versicherte Oreste eifrig und Beatrice reichte ihm herzlich beide Hände und hatte nun nichts mehr dagegen, daß er sie in seine Arme schloß und küßte.

„Nun wollen wir aber der Amerikanerin ihren Esel bringen, jetzt gleich – ohne Verzug!“ erklärte Beatrice mit einem eigensinnigen Zug um den Mund.

„Ja, laß uns gehen!“ stimmte Oreste willig zu, und die beiden begaben sich wie Verlobte, eines den andern bei der Hand führend, nach der Hauptstraße hinunter und gingen so vereint nach Bogliasco.

Während dies geschah, hatte sich merkwürdigerweise das Gerücht von der sicheren Verlobung Orestes mit Beatrice wie ein Lauffeuer in ganz Nervi verbreitet. Ueberall erzählte man sich die sonderbare Mär, daß Oreste in die Cantina gestürzt sei und das Mädchen vor allen Leuten als seine Verlobte geküßt, Beatrice ihn aber keineswegs von sich gestoßen, sondern dazu fröhlich gelacht habe, ebenso die erstaunliche Nachricht, daß irgend jemand, der nicht bekannt werden wollte, durch den Gärtner vom Albergo Inglese Beatricens Maulesel gekauft und das Tier heimlich bei Nacht in Orestes Stall gebracht hätte.

Das Gerücht kam auch Miß Grantly zu Ohren. Die amerikanische Dame sah darauf einen Augenblick starr hinaus in die Ferne, dann verlangte sie ihre Rechnung, trat an das Plakat der Eisenbahnzüge im Hotelflur und bestellte zur sofortigen Abreise den Hotelwagen. Darauf ging die Miß in ihr Zimmer, packte mit ihrer Zofe schnell die Koffer und saß gerade in dem Schnellzuge nach Rom, als Oreste und Beatrice mit dem Esel vor dem Albergo anlangten. Auf ihre Frage nach der amerikanischen Dame erfuhren sie, daß dieselbe soeben überraschend schnell abgereist sei.

Beatrice sah Oreste an – dann lachte sie und sprach: „Nun denn – so behalten wir den Esel. Es wäre ja eigentlich auch dumm gewesen, der reichen Signora elfhundert Lire zu schenken. Wir können sie besser brauchen. Es sei unsere Mitgift, welche sie uns gegeben!“

Und Oreste beeilte sich, obwohl er noch nicht der Ehemann Beatricens war, auch hierzu „Ja“ zu sagen.