Beiträge zur Geschichte der Nordischen Frage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Textdaten
Autor: Fritz Arnheim
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Titel: Beiträge zur Geschichte der Nordischen Frage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Untertitel:
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 2 (1889), S. 410–443; Bd. 5, S. 301-360; Bd. 8, S. 73-143.
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1889-1892
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Königin Ulrike
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Beiträge zur Geschichte der nordischen Frage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Von
Fritz Arnheim.

„Während des ganzen 18. Jahrhunderts hat es in der europäischen Politik eine nordische Frage gegeben“: so beginnt ein vor Kurzem veröffentlichtes, treffliches Werk über die nordische Frage[1]. Umso mehr müssen wir es bedauern, dass der Verfasser in das Bereich seiner ebenso geistvollen wie ergebnissreichen Betrachtungen nur die Jahre 1746—51 gezogen, welche freilich als ein bestimmter Abschnitt der nordischen Frage zu gelten vermögen.

Hier soll es nun versucht werden, von der Politik Friedrich’s des Grossen in der nordischen Frage in ihrem späteren Verlaufe ein Bild zu entwerfen, d. h. eine Epoche zu schildern, in welcher die Verwicklungen zwischen Schweden und den fremden Mächten häufig einen grossen europäischen Krieg zu entfesseln drohten, eine Epoche, in der sich nicht minder denn zuvor der geniale politische Scharfblick des grossen preussischen Königs in dem glänzendsten Lichte zeigte[2].

[411]
I.

Die nordische Politik Friedrich’s des Grossen bis zum Jahre 1762.
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Bereits im Sommer 1744, während der Vermählungsverhandlungen zwischen dem schwedischen Thronfolger Adolf Friedrich[WS 1] und der Prinzessin Luise Ulrike[WS 2], der Schwester Friedrich’s des Grossen, war preussischerseits eine schwedisch-russisch-preussische Tripelallianz in Anregung gebracht worden; doch hinderte damals der Widerspruch der Kaiserin Elisabeth von Russland ein weiteres Eingehen auf diesen Plan. Auch der Versuch des preussischen Monarchen, nach Abschluss eines schwedisch-russischen Bündnisses (6. Juli 1745) durch seinen Gesandten Finckenstein[WS 3] in Stockholm auf Wiederaufnahme der Verhandlungen hinzuwirken, begegnete den grössten Schwierigkeiten. Denn wie sehr die leitenden politischen Kreise Schwedens auch geneigt sein mochten, zu dem Bruder ihrer dereinstigen Herrscherin in ein Freundschaftsverbältniss zu treten und das russische Joch abzuschütteln, — noch weit mehr fürchteten sie die Rache der russischen Kaiserin und ihrer Verbündeten. Wiewohl aber der erste Appell Friedrich’s an „die Dignité des Königreichs Schweden“, seine Verwunderung darüber, „dass die dortigen Ministres sich so servilement gegen die Russen betrügen“ [3], ungehört verhallte, gab er seine Sache noch nicht verloren und fuhr aufs eifrigste fort, an dem Zustandekommen eines Bündnisses zu arbeiten; weniger weil er von Schweden in einem Kriege gegen Russland oder andere Mächte eine hervorragende Hilfsleistung gewärtigte, als „um den Namen und den Bruit, so es machte“ [4]. Die interessanten Vorgänge auf dem schwedischen Reichstage 1746—47, die heissen Kämpfe zwischen „Hüten“[WS 4] und „Mützen“[WS 5], die energische Politik der jungen schwedischen Kronprinzessin Luise Ulrike, bei deren Anblick allein schon die nordischen Herzen höher schlugen, die verrätherischen Umtriebe der fremden Gesandten, namentlich des russischen Freiherrn von Korff[WS 6], der im Einverständniss mit seiner Regierung die üblichen Rücksichten [412] auf Mässigung und Anstand bei Seite setzte, um „das schädliche und Frankreich zugethane“[5] Ministerium und das Thronfolgerpaar auf verstecktem wie offenem Wege zu bekämpfen, — alles dies hat in dem obengenannten Werke über die nordische Frage eine ebenso eingehende wie anziehende Darstellung gefunden[6].

Hier mag wenigstens das glänzende Resultat der vereinten Bemühungen Frankreichs, Preussens und der schwedischen Kronprinzessin wie ihrer Genossen hervorgehoben werden, welches in den beiden Defensivallianzen vom 29. Mai und 6. Juni 1747 mit Preussen und Frankreich gipfelte. Wichtig war vor Allem die Bestimmung, dass der preussische König die Garantie für die Thronfolge seines Schwagers in Schweden und dessen Descendenten übernahm und sich zu gleicher Zeit anheischig machte, diese Thronfolge gegen jeden Angriff nach Kräften zu vertheidigen. Hatte doch Schweden hiermit einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan und sich wenigstens theilweise aus der russischen Abhängigkeit befreit, in welcher es sich seit dem Frieden von Abo 1743 befunden. Mit gutem Grunde konnte daher auch der schwedische Gesandte Karl Rudenschöld in Berlin diese Allianz, deren Zustandekommen nicht zum wenigsten gerade ihm zu verdanken[7], als „ein Werk“ bezeichnen, „welches, wie ich hoffe, nicht minder zu unserer Sicherheit als zur Constatirung unserer Unabhängigkeit gereichen wird“[8].

Und in der That machten sich die Folgen der beiden Bündnisse rasch genug bemerkbar. Die schwedische Reichstagssession 1746—47, die mit einem glänzenden Siege der russenfreundlichen Mützen begonnen, endete für dieselben mit einer Niederlage, von der sie erst nach langen Jahren sich zu erholen vermochten. Kühner denn zuvor erhoben die Hüte unter ihrem Führer Karl [413] Gustav Tessin das Haupt, durch gemeinsame Interessen eng an den „jungen Hof“ gekettet, in zuversichtlichem Vertrauen auf die national gesinnte Majorität des schwedischen Volkes.

Alles schien den Hoffnungen Ulrikens zu schmeicheln, die im Einverständniss mit ihrem Bruder in Preussen[9] eifrig auf eine Erweiterung der königlichen Machtbefugnisse bei dem Tode des regierenden Königs Friedrich von Schweden hinarbeitete. Denn abgesehen davon, dass dieser im Schlepptau der Mützen befindliche, alte, weibische und weibersüchtige Monarch zu Beginn des Jahres 1748 (März und Mai) von heftigen Schlaganfällen heimgesucht wurde, die seinen Tod in nahe Aussicht zu stellen schienen, — weit günstiger noch war es für die Revolutionspläne der schwedischen Kronprinzessin, dass die Russen, die bisher drohend an der Grenze Finnlands gestanden, einem Uebereinkommen mit den Seemächten zufolge nach dem niederländischen Kriegsschauplatze zogen.

Wenn es gleichwohl damals zu einer Revolution nicht kam, so lag dies namentlich an dem plötzlichen Umschwung der politischen Verhältnisse des Jahres 1748. Der Aachener Friede war nämlich für Schweden ein Blitzschlag, wie er kaum verheerender gedacht werden kann. England, Dänemark und vor Allem Russland intriguirten mit erlaubten wie unerlaubten Mitteln gegen die herrschende Hutpartei und deren Bundesgenossen, das schwedische Thronfolgerpaar. Eine Zeit lang gingen die Wogen der Erregung so hoch, dass man allgemein befürchtete, die nordische Frage werde sich zu einer europäischen Krisis zuspitzen; wie denn beispielsweise der preussische König in dieser bewegten Zeit einmal bitter ironisch äusserte: „Meine Schwester in Schweden erwartet für dieses Frühjahr einen Besuch (1749), der ihr nicht sehr angenehm sein wird“[10].

Doch soweit sollte es nicht kommen. Das energische, zielbewusste Vorgehen Frankreichs und Preussens, die hierdurch veranlasste zögernde Haltung Englands und Dänemarks, die kluge Proclamation des schwedischen Thronfolgers (vom 23. Juli 1749), [414] in welcher er die ihm zugeschriebene Absicht, die Souveränität einzuführen, in klaren Worten dementirte und somit Russland des Vorwandes beraubte, sich als Hüter der bestehenden Regierungsform aufzuspielen und Finnland militärisch zu besetzen, die Beilegung der holsteinischen Differenzen mit Dänemark, — alles dies wirkte abkühlend auf den Eifer der Petersburger Kriegspartei, und der geplante russische Angriff unterblieb.

Als am 5. April 1751 der König Friedrich von Schweden starb, erregte dieses Ereigniss, welches wahrscheinlich noch vor Kurzem einen grossen europäischen Krieg entfesselt haben würde, nur bescheidene Aufmerksamkeit. Ja noch mehr; als Adolf Friedrich durch seine „Königliche Versicherung“ vom folgenden Tage sich voll und ganz auf den Boden der alten Verfassung stellte, verstand sich die russische Kaiserin freiwillig zu der Erklärung, sie werde fortan mit Schweden in dem besten Einvernehmen leben, da ihre Befürchtungen als grundlos sich herausgestellt[11]. Mit anderen Worten: ein bestimmter Abschnitt der nordischen Frage war beendet. Sie war aus dem Stadium der unmittelbaren Krisis herausgetreten; freilich nur um während der folgenden Jahre im Verborgenen fortzuwuchern.

Es hatte sich nämlich schon im Verlaufe des Jahres 1750 aufs Deutlichste herausgestellt, dass der angebliche Royalismus der Hüte in Wahrheit nichts anderes als eine geschickt aufgeführte Komödie gewesen, dass dieselben keineswegs gewillt waren, auch nur ein Titelchen von ihren Privilegien und Vorrechten zu Gunsten des „jungen Hofes“ aufzuopfern. Ihr wenig edelmännisches Vorgehen erregte den lebhaften Unwillen der leidenschaftlichen Kronprinzessin, in deren Adern heisses, stolzes Hohenzollernblut rollte[12]. Es kam zu den heftigsten Auftritten [415] und Conflicten, so dass bereits bei dem Thronwechsel 1751 Königin und Hüte aufs Schroffste einander gegenüber standen. Der Umschwung in den Parteiverhältnissen, welcher zur Bildung einer „Hofpartei“[WS 7] und einer nach unumschränkter Adelsherrschaft strebenden „Freiheitspartei“ führte, vergrösserte nur das Uebel. Die beiden Reichstage 1751—52 und 1755—50 boten ein Schauspiel, wie es trauriger und kläglicher kaum gedacht werden kann. Die verfassungsmässigen Rechte und Freiheiten des Königs wurden rücksichtslos verletzt, so dass „die monarchisch-aristokratisch-demokratische Verfassung“ bald in ein widerliches, „unhaltbares Gemisch von Aristokratie und Demokratie“[13] entartete. Die Königin wurde als Fürstin wie als Mutter Kränkungen und Demüthigungen ausgesetzt, die einen jeden, der nicht in blinder Parteileidenschaft befangen, mit tiefstem Mitleid erfüllen mussten. Mochte man ihr auch in jener bewegten Zeit mit gutem Grunde ihr stolzes, hochfahrendes Wesen und manchen unklugen politischen Schritt zum Vorwurf machen, — die erbärmliche Brutalität ihrer Gegner wurde hierdurch durchaus nicht gerechtfertigt[14].

Eine gewaltsame Katastrophe stand bevor, denn ein Weib von dem Schlage Ulrikens, eine Schwester Friedrich’s des Grossen, konnte und wollte derartige Kränkungen nicht ruhig hinnehmen. Mit der ganzen Kraft ihrer persönlichen Beredsamkeit suchte sie ihre Freunde zu bestimmen, durch einen Staatsstreich sich der lästigen Vormundschaft des Reichsrathes und der Stände zu entziehen und das souveräne Königthum in neuem Glanze erstarken zu lassen.

Wie aber stellte sich der preussische König zu diesen Plänen seiner Schwester ?

Bereits früher haben wir gesehen, wie Preussen und Frankreich gemeinsam und in gutem Einvernehmen die Hüte gegen die Mützen und deren englisch-russischen Anhang unterstützten. [416] Der Umschwung in den Parteiverhältnissen änderte hierin nichts. Vielmehr hielt sich der französische Botschafter Marquis d’Havrincourt auf Befehl seiner Regierung noch enger als zuvor zu den früheren Freunden, welche sich grösstenteils der Freiheitspartei angeschlossen hatten, und auch Friedrich der Grosse ertheilte seinem Gesandten Rohd in Stockholm den strengsten Befehl, sich „ni en blanc ni en noir“[15] in die inneren Parteistreitigkeiten zu mischen. Zwar trat er aus seiner Reserve bald heraus, um im Namen seiner Schwester die Abberufung des französischen Botschafters in Schweden zu verlangen; aber auf seine Anklagen antwortete das französische Ministerium mit Anschuldigungen gegen den preussischen Gesandten in Stockholm; Anschuldigungen, deren Wahrheit keinem Zweifel unterliegt[16]. Genug, der eifrige Notenwechsel zwischen Berlin und Paris führte zu keinem Resultat, ebenso wenig wie der Versuch Friedrich’s, durch seinen neuen Gesandten am schwedischen Hofe, Maltzahn, 1755 eine Versöhnung zwischen seiner Schwester und d’Havrincourt zu Werke zu bringen. Die Befürchtung, Ulrike werde sich in die Arme Russlands werfen, um die dem „bon système“ zugethane Partei zu Falle zu bringen, schien sich bewahrheiten zu wollen; denn mehr und mehr näherte sie sich den „antisenatorialen“ Mützen und dem russischen Gesandten Panin[WS 8], „der“, wie sie selbst in ihren Memoiren äussert, „sich für den Hof sehr interessirte“[17].

Friedrich der Grosse musste eine Entscheidung treffen, ob er Frankreich sich entfremden oder ob er die Rücksicht auf ein Familienmitglied den Interessen des preussischen Vaterlandes zum Opfer bringen wollte. Natürlich wählte er das letztere und demgemäss hiess es in der Instruction an den neuen preussischen Gesandten Solms[WS 9] in Stockholm (20. Mai 1755), dass „nichts anders übrig bleibe, als dass Ew. Excellenz (Podewils) den Minister Graf Solms instruireten, den schwedischen Senat bei kommendem Reichstage gegen die Hofpartie mit zu souteniren“[18]. [417] Gleichwohl sehen wir ihn während des Reichstages 1755—56 anfangs eine mehr passive Rolle spielen. Die „Politische Correspondenz Friedrich’s des Grossen“ liefert uns Dutzende von Beispielen dafür, wie er „zu gedachter Frau Schwester beständighin alle Moderation, Beruhigung, Complaisance und Abstellung alles Aigreurs, Mépris gegen andere und Vermeidung aller Violences geprediget und auf das Höchste darum gebeten“[19]. Ueber das Begehren Ulrikens nach grossen Geldsummen — natürlich zur Ausführung ihrer Revolutionspläne — ging er mit Stillschweigen hinweg. Der schwedischen Regierung liess er sein Interesse an der Erhaltung der bestehenden Verfassung in klaren Worten versichern[20]. Erst das unwürdige Vorgehen der Reichsstände gegen ihre Königin in der sogenannten Juwelenaffaires[21] (April-Juni 1756) entfachte seinen Zorn[22]. Es kam zu langwierigen Verhandlungen zwischen Berlin und Stockholm, die das ohnehin schon gespannte beiderseitige Verhältniss nur noch verschlechterten, ohne dass preussischerseits ein greifbares, positives Resultat erzielt worden wäre. Denn einerseits vermochte Friedrich nicht rückhaltslos für seine Schwester einzutreten, wie er gern gewünscht hätte, da er sich ja am Vorabend eines Krieges befand und die beträchtliche Anzahl seiner offenen Feinde nicht noch vermehren durfte; andererseits kannte die schwedische Regierung den Umschwung in der französischen Politik und die kritische Lage Preussens recht gut und verbat sich daher energisch jeden „Discours über Dinge, welche bloss die innere Reichsverfassung berühren und allein der Beurtheilung der Reichsstände und Niemand anderes unterliegen“[23]. [418] Unter solchen Umständen wird man es verstehen können, wenn Friedrich bei der Nachricht von dem missglückten Stockholmer Staatsstreich (21./22. Juni 1756), „der funeste cannibalique, so dorten von Neuem passiret“[24], von lebhaftem Zorn gegen seine Schwester ergriffen wurde, der er wenigstens die indirecte Schuld an der Verschwörung beimass. Die Briefe an Wilhelmine von Baireuth[25] und die Berichte Wulfwenstiernas[26] geben uns ein klares Bild von seiner Stimmung. Zunächst scheint er die verzweiflungsvollen Schreiben Ulrikens völlig mit Stillschweigen übergangen zu haben. Erst bei den Nachrichten seines Gesandten über das brutale Benehmen der „machthabenden“ Reichsstände gegen die Königin[27] regte sich in seinem Herzen von Neuem die Geschwisterliebe. In einem Briefe vom 31. Juli beschwor er sie in flehentlichen Worten, ihre Gegner durch mildes, freundliches Wesen zu entwaffnen; er selbst vermöge ihr keinen Beistand zu leisten, da seine Lage eine äusserst kritische sei[28]. Rückhaltsloser und unumwundener vermochte er seine Situation nicht zu schildern, wie die Ereignisse der nächsten Wochen beweisen sollten.

Friedrich hatte gehofft, Schweden werde eine, wenn nicht preussenfreundliche, so doch wenigstens streng neutrale Haltung beobachten und sich von der im Reichsrathe dominirenden „clique autrichienne“ nicht umgarnen lassen[29], eine Hoffnung, in welcher ihn die Berichte seines Gesandten über die friedliche, in Wahrheit [419] aber verrätherische Haltung des Baron Höpken[30][WS 10], des Leiters der auswärtigen schwedischen Politik, noch bestärken mussten. Aber er hatte sich verrechnet!

Im Schosse des Reichsrathes, der nach Schluss des Reichstages (21. October 1756) die Regierungsgeschäfte allein erledigte, herrschte nämlich eine ungemein kriegerische Stimmung. Das enge Freundschaftsverhältniss zwischen Frankreich und der schwedischen Senatspartei schloss bei dem Umschwung in der französischen Politik eine Stellungnahme für Preussen von vornherein aus. Andererseits hielt man — freilich ohne jeden Grund — den preussischen König für den Mitwisser der Revolutionspläne seiner Schwester und hoffte, bei einem Angriff auf ihren Bruder dieselbe tief im Herzen zu verwunden. Und schrankenloser Haas war es ja, der jene Männer beseelte!

Genug, nur kurze Zeit vermochte die schwedische Regierung den lockenden Anerbietungen Frankreichs und Oesterreichs[31] zu widerstehen. Am 21. März 1757 kam es in Stockholm zu einer Convention, der zu Folge Frankreich und Schweden auf dem Regensburger Reichstage erklärten, sie wollten den westfälischen Friedenstractat vor jeder Verletzung schützen. Nach weiteren Zusicherungen seitens der Alliirten und zeitraubenden, heftigen Debatten wurde endlich am 22. Juni einstimmig im Reichsrathe der Beschluss gefasst, dass 20,000 Mann zur Garantie des westfälischen Friedens nach Schwedisch-Pommern entsandt werden sollten.

Am 22. Juli schrieb der Senator K. Fr. Scheffer[WS 11] — derselbe, [420] dem im späteren Verlaufe der nordischen Frage eine so hervorragende Rolle beschieden —: „Wofern man sich nicht ungeheuerliche Fehler zu Schulden kommen lässt, oder wofern der liebe Gott nicht zu Gunsten des preussischen Königs Wunder thut, müssen wir schon in diesem Winter den Frieden haben[32].“ Der Optimismus, welcher in solchen Worten zu Tage tritt, erscheint begreiflich, wenn man in Erwägung zieht, dass wenige Tage zuvor in Stockholm die Nachricht von der Niederlage Friedrich’s bei Kolin eingetroffen war. Voller Siegeszuversicht überschritten daher auch die schwedischen Abtheilungen am 13. September 1757 die preussische Grenze. Aber die erhofften Erfolge blieben aus. Schon der glänzende Sieg des preussischen Königs bei Rossbach[33] (5. November) nöthigte den unfähigen schwedischen Befehlshaber Ungern-Sternberg, Preussisch-Pommern zu räumen und vor seinen Angreifern hinter den Wällen der Festung Stralsund Schutz zu suchen. Krankheit und Hunger, vor Allem aber die strenge Kälte, decimirten die Vertheidiger[34]. Erst das [421] Nahen eines russischen Hilfscorps zwang (18. Juni 1758) die Preussen zur Aufhebung der Blokade. Die schwedischen Feldzüge 1758—62 boten ein klägliches Schauspiel von Zerfahrenheit und Unkenntniss der elementarsten militärischen Erfordernisse. Die schwedische Armee, noch unter Karl XII. der Schrecken von ganz Europa, war zu einer Zielscheibe des Spottes geworden. Voll treffender Ironie bezeichnete eine französische Denkschrift aus dem Jahre 1760 als die einzige Thätigkeit des schwedischen Heeres, „von Stralsund bis an die Peene und von der Peene nach Stralsund zu marschiren“[35]. Zwar fehlte es nicht an Männern, die sich den grossen Feldherren aus der Zeit Gustav Adolf’s würdig an die Seite stellen lassen und in der Geschichte Schwedens den ihnen gebührenden Ruhmesplatz einnehmen[36]; aber was vermochten sie, die Einzelnen, gegen den Krebsschaden, an welchem Armee, Staat und Gesellschaft in Schweden krankten?

Im Juni 1757 hatte Höpken geschrieben: „Wenn der Krieg uns zum Glücke ausschlägt, wird der Senat dadurch gewinnen; ist er aber von schlechtem Erfolge begleitet, was wird alsdann das Resultat sein? — Der Umsturz der inneren Verfassung und des französischen Systems“[37][WS 12]! Wie prophetisch diese Worte gewesen, sollte sich zur Genüge erweisen, als am 15. October 1760 der neue Reichstag in Stockholm zusammentrat. Das schwedische Volk war 1757 in seiner Majorität friedliebend gewesen und nur widerwillig in den Kampf gegen den preussischen König gezogen[38], dessen Schicksal man allenthalben in Schweden mit regem Antheil verfolgte. Die Hoffnung der Regierungspartei, durch glänzende Siege im Auslande die Opposition im Inlande zum Schweigen zu bringen, war an der Kühnheit der Bellingschen [422] Husaren und Pommerschen Milizen zu Schanden geworden. Bei Beginn des Reichstages herrschte daher auch in den Kreisen der Franzosenfreunde die grösste Verwirrung und Zerfahrenheit, während die numerisch wie geistig bedeutende Opposition unter der Führung der schwedischen Königin klar und zielbewusst den parlamentarischen Kampfplatz betrat.

Leider müssen wir es uns hier versagen, auf die Debatten, Intriguen und Wechselfälle des äusserst interessanten Reichstages 1760—1762 näher einzugehen[39]. Lange schwankte das Zünglein der Wage hin und her. Siege wechselten mit Niederlagen. Endlich, am 24. August 1761, fiel die Entscheidung, indem der ränkevolle Graf Pechlin, ein parlamentarischer Condottiere ersten Ranges, von dem noch später häufig die Rede sein wird, mit einer Stimme Majorität von den Anhängern Ulrikens aus dem Ritterhause ausgeschlossen wurde. Hiermit war der Sturz der Freiheitspartei besiegelt. Bei jeder Abstimmung mehrte sich die Zahl der Friedensfreunde, wobei preussisches Geld eine nicht unwesentliche Rolle spielte[40]. Mit jedem Tage machte sich bei den Anhängern des französischen Systems eine Spaltung mehr und mehr bemerkbar. Schliesslich sahen sich dieselben genöthigt, der schwedischen Königin die Hand zur Versöhnung darzubieten, um nicht ein ähnliches Schicksal für sich heraufzubeschwören, wie sie selbst es 1756 den Freunden des Königthums bereitet. Am 13. März 1762 stellte der Landmarschall Graf Axel Fersen[41] im „Geheimen Ausschuss“ die formelle Anfrage, ob es sich nicht empfehle, auch ohne vorherige Befragung der Alliirten eine Friedensconvention mit Preussen abzuschliessen. Den grössten Triumph aber feierte Ulrike, als sich der Reichsrath an sie mit der Bitte wandte, die Friedensverhandlungen mit ihrem Bruder Friedrich brieflich einleiten und vermitteln zu wollen. Bekannt ist die Antwort des preussischen Königs, er sei aus Liebe zu seiner Schwester bereit, jeglichen Groll über [423] das ungerechte, sonderbare Vorgehen der schwedischen Nation zu vergessen und den Feindseligkeiten ein Ende zu machen[42].

Am 22. Mai 1762 wurde zu Hamburg der Friede zwischen Schweden und Preussen unterzeichnet, der für beide Länder den „Status quo ante“ festsetzte.

II.

Die russisch-preussische Allianz vom 11. April 1764 und ihre Vorgeschichte.
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Die dänische Regierung war in ihrer schwedischen Politik den früheren Traditionen treu geblieben, d. h. sie erachtete diejenige Partei für ihre Freunde, die das Gleichgewicht zwischen der königlichen Autorität und der Senatsgewalt und die bestehende Regierungsform aufrecht erhalten wissen wollte. In ihrem Auftrage hielten sich die dänischen Bevollmächtigten in Stockholm seit 1751 stets zu der Freiheitspartei, und sogar die Abneigung des Grafen Höpken gegen Dänemark[43] vermochte der Politik des Grafen Bernstorff[WS 13] keine andere Richtung zu geben. [424] Unter solchen Umständen musste „eine geheime Liga zwischen dem Könige von Preussen, dem König oder vielmehr der Königin von Schweden und den Erben des russischen Thrones“ — und an ihr Vorhandensein glaubte die dänische Regierung schon Ende August 1759[44] — äusserst gefahrdrohend erscheinen, und zwar nicht nur für Dänemark, sondern namentlich auch für Frankreich. Denn wenn es der Königin Ulrike gelang, mit fremder Hilfe die Zügel der Herrschaft wieder zu ergreifen, so waren alle Errungenschaften, welche die französische Politik nach jahrzehntelanger mühevoller Arbeit in Schweden aufzuweisen vermochte, mit einem Schlage über den Haufen geworfen, waren die zahlreichen Millionen, die man zur Aufrechterhaltung des französischen Systems in Stockholm aufgewendet, völlig wirkungslos verpufft und verschleudert worden.

Der Herzog von Choiseul[WS 14] hatte die drohende Gewitterwolke wohl bemerkt, die im Norden des europäischen Horizontes heraufzog[45], und befürwortete desshalb bei den Höfen von Schweden und Dänemark angelegentlich den Abschluss einer französisch-dänisch-schwedischen Tripelallianz. Aber von einem Aufgeben der persönlichen Rücksichten und Interessen zu Gunsten der allgemeinen Sache konnte bei den skandinavischen Brudervölkern damals um so weniger die Rede sein, als das Bewusstsein der engen Zusammengehörigkeit, der Grundsatz: „Einigkeit macht stark“, ihnen noch gar nicht geläufig geworden. Genug, Bernstorff wie Höpken verhielten sich dem französischen Vorschlage gegenüber durchaus ablehnend[46], und wenn auch die dänische Regierung später auf dem Reichstage 1760—1762 die [425] schwedische Senatspartei unterstützte, so liess sie doch gänzlich die warme Theilnahme vermissen, ohne welche selbst die grösste Geldsumme nur wenig auszurichten vermag[47]. Die bösen Folgen einer derartigen Handlungsweise machten sich bald genug geltend. Wie schon früher erwähnt, endete der Kampf der Parteien mit einem glänzenden Siege der Königin Ulrike. Der Tag schien nahe, an welchem dieselbe ihre Rachepläne gegen den feindlichen Nachbarstaat verwirklichen und ihre Todfeinde, die Dänen, den wilden Grimm ihres Zornes empfinden lassen würde! Und gerade in diesem kritischen Augenblick sank die erbitterte Gegnerin Friedrich’s des Grossen, die russische Kaiserin Elisabeth, ins Grab, bestieg Peter III., „der unversöhnliche Todfeind“[48] Dänemarks, den Herrscherthron!

Schon bald nach der Wahl Peter’s zum russischen Thronfolger (1742) hatte es sich herausgestellt, dass derselbe den glühenden Hass seiner gottorpischen Vorfahren[WS 15] gegen Dänemark in vollstem Masse geerbt. Ein Versuch der dänischen Regierung (1749—1750), die Beilegung des uralten schleswig-holsteinischen Zwistes durch einen Ausgleich herbeizuführen, scheiterte in kläglichster Weise, indem selbst die hohe diplomatische Befähigung des Grafen Lynar es nicht vermochte, den kindischen Trotz des Grossfürsten zu überwinden[49]. Eine drohende Wolke lagerte mithin über Dänemark, als Graf Bernstorff im Jahre 1751 das Ruder ergriff, um das dänische Staatsschiff zunächst an zahllosen Klippen und Untiefen geschickt vorüberzusteuern. Er hätte kein so meisterhafter, scharfdenkender Politiker sein müssen, um nicht dem Wohl seines Landes die eigenen Sympathien und Antipathien aufzuopfern. Unbekümmert um Lob und Tadel des Auslandes bewahrte er während des siebenjährigen Krieges die Neutralität[50], obwohl zwischen ihm und dem preussischen König [426] zweifelsohne eine persönliche Abneigung bestanden[51]. Freilich war es nicht Gerechtigkeitsliebe, welche Bernstorff zu einer solchen Haltung bestimmte. Vielmehr handelte es sich für den dänischen Staat um Sein oder Nichtsein und galt es vor Allem, eine Annäherung Russlands nach Möglichkeit zu verhindern[52].

Während der Thronwechsel in Petersburg bei den Dänen die grösste Bestürzung und die schlimmsten Befürchtungen hervorrief, begrüsste Friedrich der Grosse diese Botschaft mit unverhohlener Freude, zumal Peter III. bereits als Grossfürst seine Vorliebe für alles Preussische wiederholentlich bekundet hatte. „Die russische Kaiserin ist todt; der neue Kaiser ist uns sehr wohlgesinnt“: so schrieb er am 11. Februar an seine Schwester in Stockholm[53]; und er war nicht der Mann, der sich die unverhofft günstige Conjunctur entgehen liess, in ein freundschaftliches Verhältniss zu Russland zu treten. Sogleich entsandte er den Obersten von der Goltz[WS 16] in einer ausserordentlichen Mission nach Petersburg und ermächtigte ihn, die Garantie Preussens für die Besitznahme Holsteins durch Peter und die Neutralität für den Fall eines dänisch-russischen Krieges anzubieten. Mit offenen Armen wurde von der Goltz am kaiserlich-russischen Hofe empfangen. Die Verhandlungen nahmen einen ebenso glatten wie schnellen Verlauf, und schon am 5. Mai wurde zu Petersburg der Friede, am 19. Juni ein Allianzvertrag unterzeichnet, von denen namentlich der letztere hier besonders hervorgehoben zu [427] werden verdient, da sich der preussische König durch verschiedene Separatartikel ausdrücklich verpflichtete, auch das Recht Peter’s auf Schleswig durch nachdrückliche Vorstellungen und erforderlichenfalls durch militärische Hilfe zur Anerkennung zu bringen.

In Dänemark sah man, nachdem der Thronwechsel in Petersburg erfolgt, den kommenden Ereignissen völlig fassungslos entgegen. Nur Graf Bernstorff bewahrte in diesem kritischen Augenblick den gewohnten Gleichmuth und erfasste mit klarem Blick die Sachlage. Auf sein Geheiss wurde einerseits nichts verabsäumt, was der Eitelkeit des neuen Zaren schmeicheln, wurde alles vermieden, was der persönlichen Gereiztheit desselben gegen das dänische Königshaus neue Nahrung zuführen konnte. Andererseits aber traf er gleichzeitig die energischsten Massnahmen, erschöpfte er die Wehrkraft des kleinen Insellandes fast bis auf das äusserste Mass, um einem etwaigen Angriff seitens Russlands energischen und erfolgreichen Widerstand leisten zu können. Wenngleich die Wintermonate verflossen, ohne dass es zu einem offenen Bruch zwischen jenen beiden Staaten gekommen wäre[54], so konnte man es sich doch in Kopenhagen nicht verhehlen, dass die Hoffnung auf einen längeren Bestand des Friedens, die Aussicht auf eine friedliche Lösung des schleswig-holsteinischen Conflictes schwächer war als je zuvor; denn abgesehen davon, dass der tief eingewurzelte Hass des russischen Regenten gegen Dänemark früher oder später eine gewaltsame Waffenentscheidung herbeiführen musste, so schien gerade jetzt die Befürchtung einer russisch-schwedisch-preussischen Liga sich zu verwirklichen.

Die preussische Diplomatie hatte sich zu Petersburg im Auftrage Friedrich’s des Grossen eifrig zu Gunsten der königlichen Interessen in Schweden bemüht, und zwar allem Anschein nach mit dem günstigsten Erfolge. Konnte von der Goltz doch bereits am 5. März, d. h. am Tage nach seiner Ankunft, nach Berlin berichten, Peter III. habe im Verlaufe der Audienz geäussert, der russische Gesandte in Stockholm, Ostermann[WS 17], sei angewiesen [428] worden, „die Situation des Königs von Schweden angenehmer zu gestalten“ und „ihm die Souveränität zu verschaffen“. Unter solchen Umständen verabsäumte es der preussische König nicht, seine Schwester wiederholentlich zu ermahnen, „den Moment zu benutzen“ und sich mit dem Kaiser zu verständigen, „der von Dänemark alles zurückzufordern gedenkt, was das Haus Gottorp in Schleswig verloren“[55] und mit dessen Hilfe es ihrem Gemahl ein Leichtes sein werde, über die französische Partei zu triumphiren und die frühere Gewalt über den schwedischen Senat wiederzugewinnen[56]. Immer günstiger lauteten die Nachrichten aus Petersburg, so dass er bald „positiv sagen zu können“ glaubte, der neue russische Kaiser sei „von den besten Absichten gegen den schwedischen König beseelt“ und „alles werde nach ihren Wünschen ausschlagen“, wofern man sich mit jenem „durch eine Vertrauensperson“ (par quelque homme de confiance) in näheres Einvernehmen setze, wozu die Thronbesteigung einen willkommenen Vorwand böte[57].

Die Königin säumte nicht, die Rathschläge ihres Bruders zu befolgen und beorderte den Kammerherrn Baron Düben[WS 18] an den russischen Hof zur Begrüssung ihres kaiserlichen Neffen[58] in seiner neuen Würde, während gleichzeitig Graf Buturlin[WS 19] aus Petersburg eintraf, um die Thronbesteigung Peter’s officiell zu notificiren, die besten Freundschaftsversicherungen mündlich zu geben und vor Allem sich der Unterstützung Schwedens in dem bevorstehenden dänisch-russischen Kriege zu versichern[59]. Zwar äusserte Ulrike wegen einer zu befürchtenden feindseligen Haltung des Kopenhagener Hofes anfangs Bedenken; doch wurden [429] dieselben durch die Versicherung beschwichtigt, Dänemark sei durch die schleswig-holsteinische Angelegenheit völlig in Anspruch genommen und werde keinen Einspruch erheben, wofern König Adolf Friedrich „die ihm nach den Gesetzen und der bestehenden Regierungsform zukommende königliche Autorität wieder herstellen wolle“[60]; und hierzu wollte Peter, wie er in einem Handschreiben an den preussischen König erklärte, gern seinen Beistand leihen, unter der Bedingung, dass die Schweden „ihn in den gerechten Ansprüchen seines herzoglichen Hauses gegen die Dänen mit ihrer Flotte unterstützten, wenn er sich gezwungen sähe, zu den Waffen seine Zuflucht zu nehmen“[61]. Ja, es verlautete sogar gerüchtweise, Peter habe dem schwedischen Gesandten Posse[WS 20] in einem mündlichen Gespräch den Besitz von ganz Norwegen als Lohn für eine Betheiligung am Kriege versprochen[62].

Graf Bernstorff war sich der Gefahren wohl bewusst, die ein Bündniss zwischen der Königin Ulrike und ihrem kaiserlichen Neffen für Dänemark heraufbeschwören musste[63]. Er bemühte sich daher angelegentlich, der „guten Partei“ in Schweden, d. h. den Anhängern des französischen Systems, Muth einzuflössen, ihnen die Kriegsgefahren im schlimmsten Lichte zu zeigen und sie so zu einem beschleunigten Reichstagsschlusse zu bestimmen[64]. Alles dies geschah seinen Wünschen gemäss; am [430] 21. Juni fand die letzte Reichstagssitzung statt und am 28. erklärte die schwedische Regierung officiell dem Grafen Ostermann, Schweden sei entschlossen, sich während eines russisch-dänischen Krieges durchaus neutral zu verhalten und könne daher weder den russischen Schiffen freie Fahrt auf der Swine und den Aufenthalt in schwedischen Häfen, noch dem russischen Heere den Durchmarsch durch Pommern und die Versorgung mit Lebensmitteln daselbst gestatten.

Hätte die Königin Ulrike, wie sie in ihren Memoiren behauptet[65], über die „Propositionen“ Peter’s „oft mit dem Grafen Ekeblad discutirt“ (dem Leiter der auswärtigen schwedischen Politik nach dem Rücktritt Höpken’s im Jahre 1761)[WS 21]; hätte sie ihren Einfluss zu Gunsten der russischen Vorschläge in die Wagschale geworfen, — sicherlich würden Hüte wie Mützen, wenngleich mit Widerstreben, ihren Insinuationen Gehör geschenkt haben, um sich in ihrer Gunst zu erhalten. Aber es war Ulrike damals nicht sowohl um einen Krieg als vielmehr um die friedliche Durchführung ihrer Machterweiterungspläne zu thun, wozu sie grosser Geldsummen bedurfte. Der abschlägige Bescheid, den sie von ihrem kaiserlichen Neffen erhielt, an den sie sich dieserhalb gewendet[66], wirkte natürlich auf ihren Kriegseifer ausserordentlich abkühlend, und völlig wirkungslos verhallten die Ermahnungen Friedrich’s des Grossen, sich die Freundschaft des Kaisers zu bewahren, seine Worte: „Der Kaiser wird sicherlich Dänemark den Krieg erklären. Du musst Dich darauf gefasst machen[67].“

Am 12. April hatte Bernstorff der russischen Regierung eine Conferenz zur Schlichtung der beiderseitigen Streitigkeiten vorgeschlagen, und es war auch schliesslich den Vorstellungen des [431] preussischen Königs, der einen Krieg unter allen Umständen vermieden zu sehen wünschte, wie den Anstrengungen der Petersburger Friedenspartei gelungen, den Trotz des Kaisers zu brechen und seine Einwilligung zur Abhaltung einer Conferenz in Berlin zu erlangen. Gleichwohl gab sich die dänische Regierung von vornherein bezüglich dieser Conferenz keinen Illusionen hin. Man wusste in Kopenhagen, dass Peter die Verhandlungen nur als ein diplomatisches Komödienspiel betrachtete, dass er gewillt war, durch seine Delegirten Baron von Korff und K. von Saldern[WS 22] die härtesten, unannehmbaren Bedingungen stellen zu lassen[68]. Genug, jedenfalls war es das Beste, den ohnehin unvermeidlichen Krieg mit der kampfbereiten dänischen Armee und der Flotte so schnell als möglich zu beginnen. Auf die Nachricht hin, die Russen hätten auf ihrem Zuge nach Holstein die schwedisch-pommersche Grenze berührt und in der Nähe von Anklam ein grosses Lager aufgeschlagen, überschritten am 9. Juli die Dänen die mecklenburgische Grenze.

Aber am Tage vor dem Einmarsch des dänischen Heeres hatte sich zu Petersburg ein welterschütterndes Ereigniss vollzogen: der Sturz Peter’s III. Seine geniale Gemahlin Katharina war an die Spitze der zahlreichen Unzufriedenen getreten[69]. Die Verschwörung gelang vollkommen und innerhalb weniger Stunden war die anhaltinische Prinzessin Alleinherrscherin geworden.

Schon am 31. Juli konnte Bernstorff den Gesandtschaften in einem Rundschreiben melden, die Kriegsgefahr sei überstanden, und wenige Wochen später (13. August) erklärte Baron von Korff feierlich in Kopenhagen, Ihre kaiserliche Hoheit betrachte [432] Alles als ungeschehen, was in der letzten Zeit bezüglich des holsteinischen Zwistes gesagt und gethan worden, und hoffe auf eine Erneuerung und weitere Entwicklung der alten, innerlichen Freundschaft, die Jahrhunderte hindurch zwischen den beiden Höfen bestanden.

Der Sturz Peter’s III. und seine Ermordung wenige Tage später (17. Juli) war für Friedrich den Grossen, wie er in seinen Memoiren sagt, „ein schmerzlicher, fühlbarer Schlag“. Denn wie konnte er hoffen, bei der Kaiserin Katharina die wohlwollende Gesinnung ihres Gemahls wiederzufinden, wenn die ersten Nachrichten aus Preussen und Pommern meldeten, dass die Russen sich zum Wiederbeginn der Feindseligkeiten anschickten, wenn am 9. Juli in Petersburg ein kaiserlicher Ukas erschien, in welchem der preussische König als der unversöhnliche Erbfeind Russlands gebrandmarkt wurde. Kurzum, alle Anzeichen schienen darauf hinzudeuten, dass Preussen sich am Vorabend eines neuen Krieges mit seinem mächtigen östlichen Nachbarn befände[70].

Glücklicherweise bestätigten sich aber diese Befürchtungen keineswegs. Vielmehr entschuldigte sich die Kaiserin schon am 24. Juli wegen der „durch ein Uebermass des Eifers in Preussen hervorgerufenen Missverständnisse“, die sie auf einen angeblichen Uebersetzungsfehler zurückgeführt wissen wollte[71]; und wenn sie auch den preussisch-russischen Allianzvertrag vom 19. Juni nicht ratificirte, so bestätigte sie wenigstens den zwischen Friedrich und ihrem Gemahl abgeschlossenen Friedenstractat vom 6. Mai. So konnte denn auch der preussische König in einem Schreiben vom 20. August an seine Schwester Ulrike die Hauptgefahr als überstanden erklären, indem er ihr versicherte: „Für jetzt glaube ich nichts von Russland befürchten zu müssen. Der kürzlich zwischen mir und ihm abgeschlossene Friede ist bestätigt worden und die Truppen ziehen sich aus meinen Staaten zurück. Freilich gibt es auch nichts von jenem Hofe zu erhoffen[72].“ [433] Mit diesen Worten war die Situation Preussens deutlich gekennzeichnet. Friedrich wünschte sehnlichst den Frieden; denn welchen Vortheil konnte er sich von einer Fortsetzung des Krieges versprechen? Das Verhalten der russischen Kaiserin ihm gegenüber war zum mindesten ein zweifelhaftes, dasjenige Englands ein „unwürdiges, perfides“; denn der Nachfolger Pitt’s, John Stuart Bute[WS 23], schloss mit Frankreich einen Separatfrieden, näherte sich dem Wiener Hofe und intriguirte eifrig in Petersburg gegen den preussischen König, der somit „neue Zerwürfnisse mit Russland befürchten musste“. Der preussische Staat glich Ende 1762 einem Mann — so sagt Friedrich in seinen Memoiren —, „der, mit Wunden bedeckt, vom Blutverlust geschwächt, nahe daran ist, dem Uebermass seiner Leiden zu erliegen“. Fast allein hatte er die Kriegslast getragen; um so dringender bedurfte er der Ruhe. Völlig isolirt, von seinen englischen Alliirten treulos verlassen, ohne auf die Hilfe einer europäischen Macht zählen zu können, stand er beim Abschluss des Hubertusburger Friedens (15. Februar 1763) da[73].

Aber diese kritische Situation war nicht von langer Dauer. Denn Friedrich der Grosse verhehlte sich nicht, dass er sich an eine Macht näher anschliessen müsse, um eine sichere Gewähr für den Fortbestand des Friedens zu erhalten. Ein Staat zweiten Ranges, wie z. B. Schweden, konnte hierbei für ihn um so weniger in Betracht kommen, als er die ganze Nichtigkeit und Erbärmlichkeit der dortigen Parteiwirthschaft im Verlaufe des siebenjährigen Krieges zur Genüge kennen gelernt. Unter den europäischen Grossmächten aber war die Wahl nicht schwer. England hatte durch seine „schamlose Infamie“ für immer die Sympathien Preussens sich verscherzt, Oesterreich eine direct entgegengesetzte Interessensphäre, während an eine Annäherung an Frankreich, wenigstens während des Regimes des Herzogs von Choiseul, kaum gedacht werden konnte. Friedrich sah sich mithin geradezu auf eine Allianz mit Russland hingewiesen, wo er auch bald ein freundliches Entgegenkommen fand; und zwar [434] war es nicht zum wenigsten die „nordische Frage“, die das Bindeglied bildete, durch welches die beiden östlichen Nachbarstaaten in der Folgezeit so fest aneinander gekettet werden sollten[74].

Auch in Stockholm war man anfangs über den Sturz Peter’s III. ungemein ungehalten gewesen. Die Königin Ulrike befahl nach dem Hinscheiden des Zaren eine längere Hoftrauer und scheute sich nicht, ihre kaiserliche Nichte mit bitteren Worten als Mörderin zu tadeln. Bald jedoch siegte die politische Berechnung über das Rechtsgefühl und den moralischen Unwillen, und so sehen wir denn schon Ende 1762 einen der geschicktesten Parteigänger des Hofes auf dem letzten Reichstage, den Obersten Duriez, auf dem Wege nach Petersburg, um im Namen des schwedischen Königspaares Katharina zu ihrer neuen Würde zu beglückwünschen. Der zuvorkommende Empfang, die freundlichen Auszeichnungen, die ihm zu Theil wurden, erregten natürlich die Aufmerksamkeit der in Russland beglaubigten Diplomatie[75]. Bald hiess es, die Sendung des Obersten bezwecke den Abschluss eines schwedisch-russischen Vertrages zur Wiedereinführung der Souveränität in Schweden, bald wiederum, der Prinz Karl von Schweden solle der eventuelle Nachfolger des Grossfürsten Paul werden, bezw. dieser sich mit der einzigen Tochter Ulrikens, der damals kaum zehnjährigen Sophia Albertina, vermählen[76]. Auch der Umstand, dass der russische Graf Panin [435] während seines Aufenthaltes in Stockholm durch Beziehungen von verschiedener Natur mit der schwedischen Königin und namentlich der Mützenpartei verbunden gewesen, wurde nunmehr von der geschäftigen Fama gehörig verwerthet und ausgebeutet, und es verbreitete sich das Gerücht, Panin und sein früherer Stockholmer College, der nunmehrige preussische Gesandte in Petersburg, Graf Solms, befürworteten angelegentlich eine Vereinbarung zwischen Katharina, Ulrike und Friedrich, der zu Folge Schweden sich in den Besitz von Norwegen setzen und dafür Schwedisch-Pommern an Preussen abgeben sollte[77]. Diese wenn auch nicht gänzlich erfundenen[78], so doch zum [436] mindesten stark übertriebenen Gerüchte verfehlten nicht ihre Wirkung, namentlich bei der dänischen Regierung, welche bei der russischen Kaiserin eine besondere Vorliebe für diejenige Partei in Schweden wahrgenommen zu haben glaubte, die sich dem Grafen Bernstorff zu Folge bestrebte, „unter der Führung und den Auspicien der Königin Ulrike die von Russland garantirten Grundgesetze in Schweden umzustürzen und daselbst die Souveränität wieder herzustellen“. Diese „geheime Liaison“ zwischen Katharina und Ulrike, der „unversöhnlichen Feindin“ Dänemarks, erschien dem Leiter der dänischen auswärtigen Politik um so gefährlicher, als er wusste, dass die russische Kaiserin sich in Allem den preussischen König zum Modell genommen, sowohl in dem Ton ihrer Briefe, wie in ihrem „Geschmack für die Gelehrten oder vielmehr für die Schöngeister“, in ihrem „philosophischen Jargon“ und besonders in der Politik[79]. Mussten unter solchen Umständen nicht die nahen Beziehungen zwischen Friedrich und Ulrike auch die früheren russischen Gefahren heraufbeschwören ?

In dieser Zeit zeigte sich wiederum der glänzende politische Scharfblick des Grafen Bernstorff in hellstem Lichte. Nach Petersburg entsandte er den Grafen von der Osten[WS 24], der während seines früheren Aufenthaltes in Russland bei der damaligen „Grossfürstin“ Katharina persona gratissima gewesen. Der französischen Regierung suchte er zu beweisen, wie wichtig es sei, „dass Schweden nicht unter dem Joch einer ehrgeizigen, von den Gegnern und Rivalen des Hauses Bourbon abhängigen Fürstin zusammenbreche“ oder sich gezwungen sähe, der „russischen Herrschaft“ und „den gebieterischen Rathschlägen des preussischen Königs, des einzigen Orakels seiner königlichen Schwester“, zu gehorchen[80]. Besonders charakteristisch ist aber die Instruction vom 2. September 1763, welche er an den nach Berlin designirten Gesandten Dede von Fürstenstein[WS 25] richtete, und in welcher er diesem dringend ans Herz legte, auf die zwischen Ulrike und Friedrich bestehenden Beziehungen genaue Obacht zu geben. [437] Alle Welt wisse, dass die Wünsche der schwedischen Königin auf Wiederherstellung der früheren Souveränität hinzielten, und dass ihr zur Erreichung dieser Absicht kein Mittel zu schlecht oder verwerflich erscheine. Es handle sich daher einzig darum, den Grad der geschwisterlichen Neigung und Liebe des preussischen Königs festzustellen, ob derselbe sich bereit finden lassen werde, die dem Ruhebedürfnisse seines Staates und den Interessen seines Hauses zuwiderlaufenden Pläne seiner Schwester zu fördern[81].

Die preussischen Minister Finckenstein und Hertzberg versicherten auf eine diesbezügliche Anfrage der dänischen Regierung, „ihr königlicher Herr denke nicht anders als seine Vorfahren und kenne seine eigenen Interessen zu gut, um die Wiederherstellung einer Gewalt zu wünschen, die jenen so gefährlich gewesen“. Trüber lauteten die Nachrichten aus Petersburg. Die Kaiserin Katharina sei „in der That wohlgeneigt, der schwedischen Königin ihren Beistand zu leihen und ihren Ehrgeiz zu begünstigen“. Zwar erfahre sie hierin seitens der treuen Rathgeber und Minister energische Opposition; doch erscheine es zum mindesten noch sehr zweifelhaft, ob deren Vorstellungen auf den „kühnen, entschlossenen, zu allem fähigen Geist“ der Kaiserin Eindruck machen würden[82]. Genug, Graf Bernstorff blickte nicht ohne Sorge in die nächste Zukunft. Das Jahr 1764 schien ein für Dänemark unheilvolles werden zu wollen. „Niemals,“ so schreibt er am 15. November 1763, „ist der Norden von einer schrecklicheren Gefahr bedroht gewesen, als er es heutzutage ist, und zwar in Folge des Ehrgeizes und der Vereinigung zweier Fürstinnen und eines Fürsten, die (sagen wir es gerade heraus!) nur dazu geschaffen, das Glück des Nordens zu stören“[83].

Der thatsächliche Stand der nordischen Frage war zu dieser Zeit folgender: Schon während der Regierung Peter’s III. hatte sich eine lebhafte antibourbonische Richtung seitens des Petersburger Hofes gezeigt, die sich bald nach der Revolution vom [438] 8. Juli in Folge kleinlicher Etiquettefragen[84], namentlich aber der den russischen Interessen feindlichen Haltung Frankreichs in der „polnischen“ und „nordischen“ Frage in bedenklicher Weise verschärfte. Die persönliche Abneigung des französischen Monarchen gegen die russische Kaiserin kann kaum besser charakterisirt werden, als durch seine Worte an den Gesandten Breteuil[WS 26] in Petersburg, er erachte „als das Hauptziel seiner russischen Politik, dieses Land so weit als möglich von den Angelegenheiten Europas fern zu halten“, ein Bestreben, in welchem er sogar auf den thätigen Beistand seines verhassten Gegners, des preussischen Königs, rechnen zu können glaubte. Der Versuch Breteuil’s, der ihm von Ludwig XV. ertheilten Weisung gemäss sich der Freundschaft der Günstlinge Katharina’s, eines Orloff und Bestuchew, zu versichern und mit ihrer Hilfe den russischen Hof den französischen Interessen dienstbar zu machen[85], musste nothgedrungen scheitern. Denn der Stern dieser beiden Männer war stark im Niedergange begriffen, während sich von Tag zu Tag das Ansehen des preussenfreundlichen Grafen Panin hob, was natürlich den Annäherungsversuchen Friedrich’s sehr zu gute kam.

Das Uebergewicht Frankreichs in Schweden war den Russen von jeher ein Dorn im Auge gewesen. Mit unverhohlener Freude hatten sie daher auch die Niederlage der Freiheitspartei auf dem Reichstage 1760—62 begrüsst und das energische Vorgehen der Königin Ulrike mit lebhafter Sympathie verfolgt; ja, es steht nach dem früher Gesagten ausser allem Zweifel, dass Peter III. den Machterweiterungsplänen seiner schwedischen Verwandten gegenüber eine wohlwollende, geradezu ermunternde Haltung eingenommen. Wollte man indessen seiner Gemahlin gleiche oder auch nur ähnliche Tendenzen zutrauen, so würde man völlig fehlgehen, wie dies ein namhafter schwedischer Historiker vor mehreren Jahren scharf und richtig betont hat[86]. Das Ziel, auf welches die russische Kaiserin hinarbeitete, war einzig und allein [439] die Vernichtung des französischen Einflusses in Schweden. Sie suchte nach einem Bundesgenossen und fand ihn in dem preussischen Könige, dem es ja nur erwünscht sein konnte, durch einen Freundschaftsdienst seine gefürchtete Nachbarin im Osten enger an seine Seite zu fesseln. Wenn Katharina im Jahre 1763 geflissentlich die schwedischen Gesandten am Petersburger Hofe auszeichnete, wenn sie für die Absichten der schwedischen Königin warme Theilnahme an den Tag legte und es vermied, die russisch-schwedischen Allianzgerüchte zu dementiren, so war dies nur Mittel zum Zweck, oder vielmehr eine geschickt gespielte Komödie, wie die preussisch-russischen Verhandlungen bezüglich Schwedens zur Evidenz erweisen. In demselben Augenblick, wo das Gerücht von russischen Truppenansammlungen an der Grenze Finnlands, angeblich zur Wiedereinführung der Souveränität in Schweden, ganz Europa in Aufregung versetzte, sprach die russische Regierung dem Grafen Solms gegenüber nur den Wunsch aus, Preussen möge bei der Schaffung einer schwedischen Partei mitwirken, „welche fähig sei, mit Hilfe der beiden Höfe der französischen Partei das Gleichgewicht zu bieten, und zu diesem Behufe den neuen nach Stockholm bestimmten Gesandten dabin instruiren“, „de communiquer et de se concerter avec celui de Russie en tout ce qui regarde cette affaire“[87]. Man sieht: von einer Unterstützung der Pläne Ulrikens ist hier mit keinem Worte die Rede; ebenso wenig in der Antwort Friedrich’s des Grossen, der nur betonte, er habe „in dieser Beziehung dieselben Interessen wie der russische Hof“ und ihm liege „nicht weniger als diesem am Herzen, dass Frankreich nicht nach Belieben über Schweden verfügen und dessen Waffen bald gegen den einen, bald gegen den andern seiner Nachbarn wen- den könne“[88]

Der entscheidende Wendepunkt in der Politik Russlands [440] trat im September des Jahres 1763 ein. Zu Beginn dieses Monats fanden nämlich in Petersburg Staatsrathssitzungen statt, in denen der alte Bestuchew mit grosser Schärfe betonte, wie sehr es den russischen Interessen widerspräche, wollte man eine Regierungsveränderung in Schweden unterstützen[89]. Auf wie fruchtbaren Boden seine Reden gefallen, zeigte der Wortlaut des russisch-preussischen Bündnisses von 1764, bezw. des auf Schweden bezüglichen zweiten Geheimartikels. In einer Unterredung mit dem Grafen Solms erklärte Panin, und zwar unmittelbar nach dem energischen Auftreten Bestuchew’s, es genüge wohl, sich bezüglich dieses Geheimartikels „in allgemeinen, einigermassen (assez) klaren Ausdrücken zu bewegen“. Dagegen müsse man im Einverständniss handeln, um die Intentionen der beiden Höfe bekannt zu geben, und den schwedischen Hof wie seine Anhänger unterstützen (relever), um der in Schweden dominirenden Partei Hindernisse in den Weg legen und das Gleichgewicht bieten zu können. Bezüglich der Art und Weise, in welcher man dieses Ziel verwirklichen könne, äusserte er sich vorläufig noch unentschieden. Man müsse alles den Zeiten und Umständen anheimgeben. Besonders wichtig erscheint aber seine Schlusserklärung; Russland beabsichtige durchaus nicht, „aus Schweden eine Macht zu machen, von der die beiden Höfe im Falle eines Krieges einen wirklichen Nutzen (utilite reelle) ziehen könnten, sondern nur der Möglichkeit vorzubeugen, dass in einem solchen Falle die augenblicklich dominirende Partei Schweden zu einer Action gegen uns fortreissen möchte, mit einem Wort, dass Schweden Eurer Majestät (Friedrich dem Grossen) und Russland gegenüber dastände, wie Dänemark gegenüber Frankreich, d. h. bezahlt, um in Unthätigkeit zu verharren“[90]. [441] Diese Ideen Panin’s fanden umso eher die Zustimmung Friedrich’s des Grossen, als wenige Tage später (8. October) durch den Tod des Königs August III. von Polen die polnische Frage wieder in den Vordergrund trat, um bald fast ausschliesslich das Interesse der Nachbarn Polens zu beanspruchen. Die Annäherung Preussens an Russland, welche bereits durch die nordische Frage inaugurirt worden, machte nunmehr schnelle Fortschritte. Denn Friedrich verstand es ganz ausgezeichnet, die Dienste, welche er in Warschau den Plänen und Absichten der russischen Kaiserin angedeihen liess, in das günstigste Licht zu stellen. Die Schwierigkeiten, welche sich bisher dem Abschluss eines Bündnisses in den Weg gestellt hatten, verschwanden wie mit einem Zauberschlage, und am 11. April 1764 kam die bekannte auf Polen bezügliche russisch-preussische Allianz zu Stande[91].

Es ist für die beiden Contrahenten recht bezeichnend, dass sie bei dieser Gelegenheit die nordischen Angelegenheiten nicht ausser Acht liessen. In einem Geheimartikel verpflichteten sie sich nämlich, in Ansehung der feindseligen[WS 27] Haltung der französischen Partei in Schweden[92] und „um den bösen Folgen [442] vorzubeugen, die etwa hieraus entstehen könnten“, sie wollten ihre zu Stockholm residirenden Gesandten anweisen, hinfort in gutem Einvernehmen „durch geeignete, am besten an Ort und Stelle selbst zu treffende Massregeln“ an der Schwächung dieser „turbulenten“ Partei gemeinsam zu arbeiten und denjenigen Schweden beizustehen, die „in Selbsterkenntniss der Wucht ihres Joches“ es wagten, Widerstand zu leisten und den Versuch zur Wiederherstellung der alten Ordnung zu machen. Sollte gleichwohl die Cooperation der beiden Gesandten nicht „zur Erreichung des gewünschten Zieles“ genügen, so behielten sich die beiden Mächte vor, „besonders für den Fall, dass ein totaler Umsturz der schwedischen Verfassung zu befürchten“, Mittel zu vereinbaren, die geeignet wären, „ein so gefährliches Ereigniss abzuwenden und die genannte Verfassung unverletzt zu bewahren, um so die allgemeine Ruhe, besonders aber die des Nordens aufrecht zu erhalten“[93].

Wir sehen: Von einer Erweiterung der königlichen Machtbefugnisse ist hier nichts gesagt! Und doch wäre es gänzlich ungerechtfertigt, wollte man behaupten, Friedrich der Grosse habe seine Schwester schmählich verrathen. Für ihn war Schweden ein in Folge der schlechten Parteiwirthschaft in unaufhaltsamem Niedergange begriffener Staat, der sich in der letzten Zeit durch seine in den Bahnen Frankreichs wandelnde Politik oft genug seinen Provinzen unliebsam bemerkbar gemacht hatte. Die Annäherung seiner Schwester an die Führer der französisch gesinnten Freiheitspartei, wovon im folgenden Kapitel ausführlicher die Rede sein soll, musste seine geschwisterlichen Sympathien ungünstig beeinflussen. Der Weg der preussischen Politik war klar vorgezeichnet. Denn eine durch französischen Einfluss begründete königliche Allgewalt in Schweden war den Interessen Preussens weit gefährlicher als ein schwaches Schweden, welches den dänischen, russischen und englischen Intriguen als Spielball diente. Was Russland angeht, so zeigte sich in diesem Artikel klar und deutlich die Politik, welche im Allgemeinen [443] für die Folgezeit dieser Macht als Richtschnur diente. Die Russen waren die geborenen Feinde der Schweden und ihre geheime Absicht war — wie dies Graf Bernstorff, ohne den Gang der preussisch-russischen Verhandlungen zu kennen, bereits Ende 1763 so trefflich ausgedrückt hat —. „in Schweden unter dem Vorwand und Namen der königlichen Autorität die moskowitische Herrschaft einzuführen und aus den schwedischen Königen, wie ihnen dies bei den polnischen beinahe gelungen, in Zukunft nichts anderes zu machen, als von Russland abhängige Vicekönige“[94].


[301]
Beiträge zur Geschichte der Nordischen Frage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Von
Fritz Arnheim.
(Fortsetzung.)
III.

Das Russische Project einer Nordischen Allianz und die Parteien in Schweden[95].
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Die Annäherung der Freiheitspartei an die Königin Ulrike im späteren Verlaufe des Stockholmer Reichstages 1760—62 hatte den lebhaftesten Unwillen der Französischen Regierung erregt, welche ihre ehemaligen Anhänger laut des Verraths und des Abfalls von den ehemaligen Principien beschuldigte und von jeder Rücksichtnahme auf die früher mit Schweden eingegangenen feierlichen Verpflichtungen und Verträge sich frei und ledig erachtete. Zwar war der langjährige Vertreter Frankreichs zu Stockholm, Marquis d’Havrincourt, uneigennützig genug, die Wiederversöhnung seiner Freunde mit der Schwedischen Königin nach Kräften zu fördern[96]. Aber ein Augenzeuge der völligen [302] Vernichtung des von ihm zur Blüthe gebrachten Französischen Systems wollte er nicht sein, bat um seine Abberufung und verliess schon Oktober 17(52 die Schwedische Hauptstadt. An die Stelle der früheren Intimität zwischen dem Versailler Hofe und der Schwedischen Regierung trat darauf eine gleichgültige, fast feindselige Kühle[97]. Der Botschafterposten in Stockholm blieb unbesetzt und die vertragsmässige Subsidienzahlung wurde von Frankreich gänzlich eingestellt[98].

Ein fühlbarerer Schlag konnte die Schwedische Regierungspartei kaum treffen. Denn der mit Preussen leichtfertig begonnene Krieg hatte das ohnehin arme Land in eine so beträchtliche Schuldenlast verwickelt, dass ein Staatsbankerott fast unvermeidlich erschien. Desshalb liess der Schwedische Botschafter am Pariser Hofe, Ulr. Scheffer, es auch nicht an Vorstellungen und Bitten fehlen, um die Auszahlung der rückständigen Subsidiensummen zu erwirken. Aber der Herzog v. Praslin (Choiseul) wollte sich nur zu einem neuen zehnjährigen, von 1764 an gerechneten Bündniss verstehen, laut welchem Frankreich sich zur Zahlung von einer Million Livres für 1763 und von anderthalb Millionen für die folgenden zehn Jahre verpflichten, Schweden hingegen für den Kriegsfall zwölf Kriegsschiffe der Französischen Regierung zur Verfügung stellen sollte. Dieser Französische Vorschlag erregte in Schweden überall den lebhaftesten Unwillen. Er wurde Sept. 1763 von dem Reichsrath verworfen, und man beschloss einstimmig, an den alten Forderungen festzuhalten und [303] einen ausserordentlichen Reichstag einzuberufen, wofern der nach Paris abgesandte Kurier mit einer abschlägigen oder unbefriedigenden Antwort des Herzogs zurückkehren würde[99].

Wenn man erwägt, dass Panin, der allmächtige Günstling der Kaiserin Katharina, bereits als Gesandter am Stockholmer Hofe den Hass gegen das Französische System in vollen Zügen eingesogen hatte, dass sein ganzes politisches Glaubensbekenntniss in der Abneigung gegen Frankreich und in der Ueberzeugung gipfelte, ein Kampf gegen dieses Reich sei geradezu unvermeidlich, so erscheint es begreiflich, dass die im Sept. 1763 auftauchenden Schwedisch-Französischen Allianzgerüchte in der Russischen Hauptstadt nicht geringe Bestürzung hervorriefen[100], um so mehr, als gleichzeitig auch aus Stockholm eine Depesche eintraf, in welcher Graf Osterman auf Grund einer Unterredung mit dem Reichsrath Löwenhjelm die Einberufung eines ausserordentlichen Schwedischen Reichstages als eine Angelegenheit „von sehr delikater Natur“ bezeichnete[101].

Am 13. Oct. 1763 fand in Petersburg unter dem Vorsitze der Kaiserin eine Conferenz statt, an welcher u. a. Bestuchew-Rjumin, Panin und der Vicekanzler Galitzin theilnahmen, und in welcher nach Verlesung einer Anzahl von Stockholmer Gesandtschaftsberichten sowie nach langer, lebhafter Diskussion schliesslich einstimmig verschiedene Beschlüsse gefasst wurden[102], welche der nordischen Politik Russlands ein gänzlich verändertes Aussehen gaben, was am deutlichsten in den Rescripten zu Tage tritt, die gleichzeitig (2. Nov.) an die Russischen Bevollmächtigten in Stockholm, Kopenhagen und London abgingen. [304] Mit Hinweis auf die Französischen Intriguen in Schweden und die drohende Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages hiess es in dem Erlasse an Osterman, er solle zur Ermunterung der „wohlgesinnten Patrioten“ sowie zum Beweise der aufrichtigen Freundschaft des Russischen Hofes die Bereitwilligkeit der Kaiserin betonen, die seit 1746 rückständigen Subsidiengelder im Betrage von 300 000 Rubeln ratenweise abzuzahlen, und die „Patrioten“ des kräftigsten Beistandes versichern, wenn sie sich bestreben wollten, auf einem etwaigen ausserordentlichen Reichstage das Gleichgewicht zwischen König, Reichsrath und Reichsständen den alten Fundamentalgesetzen gemäss aufrecht zu erhalten. Auch wurden ihm zur „Aufmunterung seiner Freunde 30 000, an Tischgeldern monatlich 500, zur Reichstagszeit 1000 Rubel zugesichert, damit er „durch häufige Gastmähler und andere Lockmittel“ neue Freunde gewinnen und den Plänen Russlands geneigt machen könne[103].

Vorsichtiger musste man in Dänemark zu Werke gehen, da Frankreich dort noch immer über zahlreiche Freunde verfügte. Desshalb begnügte sich die Russische Regierung auch zunächst damit, dem durch sein brutales Benehmen in Stockholm uns schon bekannten Freiherrn v. Korff den Befehl zu übermitteln, er solle beim Kopenhagener Hofe in diskreter Weise insinuiren, dass die vereinten Bemühungen Russlands und Dänemarks am ehesten die von Dänemark so sehr gefürchtete Wiederherstellung der Souveränität in Schweden verhindern könnten, und dass die beiden Länder infolge ihrer übereinstimmenden Interessen in gleicher Weise auf Erreichung dieses Zieles kräftig hinarbeiten müssten[104].

Die allerschwierigste Aufgabe harrte der Russischen Diplomatie aber in England, wo, wie schon im zweiten Kapitel erwähnt, noch wenige Wochen zuvor ein Bündniss mit Russland hauptsächlich an dem auf Schweden bezüglichen Geheimartikel gescheitert war, so dass man kaum hoffen durfte, das Londoner Ministerium werde sich zu einem einträchtigen Zusammenwirken mit Russland behufs Aufrechterhaltung der Schwedischen Regierungsform von 1720 und zur Aufwendung von Geldern zu [305] diesem Zwecke verstehen. Gleichwohl liess die Kaiserin Katharina nichts unversucht, was eine lebhaftere Betheiligung Englands an den Schwedischen Angelegenheiten herbeifuhren konnte, und ertheilte ihrem Gesandten A. Woronzow den Befehl, die Aufmerksamkeit des Grossbritannischen Hofes auf die verzweifelte Lage Schwedens und die für England so nachtheiligen Französischen Allianzvorschläge zu lenken, um, wenn möglich, durch solche Insinuationen die Englische Regierung wenigstens zur Absendung eines Bevollmächtigten nach Stockholm zu veranlassen[105]. Die Nachrichten Woronzow’s lauteten freilich wenig tröstlich. Ein Englischer Gesandter ohne Subsidien werde kaum den Abschluss einer Französisch-Schwedischen Allianz verhindern können, und auf Subsidien Englischerseits sei um so weniger zu rechnen, als das Londoner Ministerium vom Parlamente keinen Credit zu fordern wage[106]. Auch persönliche Interventionen in Petersburg bei dem Gesandten Buckingham[WS 28] hatten wenig Erfolg[107], und es hatte den Anschein, als werde Russland bei seinen Bestrebungen zur Aufrechterhaltung der Schwedischen Verfassung auf Englische Hilfe gänzlich verzichten müssen. Aber wider Erwarten erstand den Russen in ihren Todfeinden, den Franzosen, ein unfreiwilliger, aber wirksamer Helfer.

Die energische Antwort der Schwedischen Regierung auf die Französischen Bündnissvorschläge machte nämlich in Paris einen nachhaltigen Eindruck, da ein ausserordentlicher Reichstag in Stockholm unter den obwaltenden Umständen nichts anderes als den völligen Sturz des Französischen Systems in Schweden bedeutete. Der Herzog v. Praslin sah sich desshalb zur Nachgiebigkeit den Schwedischen Forderungen gegenüber genöthigt [306] und erbot sich, auch ohne Abschluss einer Allianz, zur Bezahlung von einer Million Livres für 1763 und von zwei Millionen für das folgende Jahr, unter der einzigen Bedingung, dass die Einberufung eines Reichstages um jeden Preis vermieden würde. Ja, bevor es den Anhängern Frankreichs gelungen, einen den Wünschen des Herzogs entsprechenden Beschluss im Reichsrath zu erzielen, wurde der Stockholmer Botschafterposten von neuem besetzt, und zwar mit dem ehemaligen Bevollmächtigten am Petersburger Hofe, Baron Breteuil, einer Persönlichkeit, welche zur Genüge bewies, dass der Versailler Hof sein ungeteiltes Interesse den Schwedischen Angelegenheiten wieder zu widmen gewillt war[108].

Die Nachricht von der Ahsendung Breteuil’s rüttelte das Englische Ministerium aus seiner Untätigkeit auf. Denn man erkannte in London, wie sehr es bei der täglich sich vergrössernden Spannung zwischen England und den Kontrahenten des Bourbonischen Familientractats notwendig war, von den Machinationen Frankreichs in Stockholm durch an Ort und Stelle abgefasste Berichte authentische Kunde zu erhalten. Nachdem daher auf Veranlassung Osterman’s und durch Vermittlung der „Patrioten“ die Ernennung des Freiherrn v. Nolcken zum Schwedischen Gesandten am Londoner Hofe erfolgt war (Nov. 1763), säumte das Grossbritannische Ministerium nicht länger, zum Vertreter für den seit 1748 verwaisten Stockholmer Gesandtschaftsposten den Chevalier Goodricke[WS 29] zu ernennen, der bereits 1758 für diesen Posten in Aussicht genommen war, und, nachdem die Versuche zur Wiederanknüpfung der alten Beziehungen gescheitert, in Kopenhagen sich aufhielt[109]. [307] Die Absendung Breteuil’s und Goodricke’s musste um so eher allgemein die Vermuthung erwecken, dass in Schweden eine grosse Aktion der Europäischen Mächte sich vorbereite, als man gleichzeitig vernahm, auch der Preussische König beabsichtige, wieder einen Bevollmächtigten nach Stockholm zu entsenden.

Seit dem Sommer 1757 hatte eine diplomatische Vertretung Preussens in Schweden nicht bestanden, und noch im August 1702 erklärte Friedrich der Grosse auf eine diesbezügliche Anfrage seiner Schwester das Halten einer ständigen Gesandtschaft am Stockholmer Hofe als für die Preussischen Finanzen vorläufig zu kostspielig[110]Das Verlangen Ulrikens wäre daher auch sicherlich noch längere Zeit unerfüllt geblieben, hätte nicht, wie im vorigen Capitel gezeigt worden, die Mitwirkung Preussens in Schweden bei den Allianzverhandlungen mit Russland eine so hervorragende Rolle gespielt, und hätte König Friedrich sich nicht so bereitwillig den Wünschen der Russischen Regierung gefügt[111], um die Kaiserin Katharina möglichst eng an seine Seite zu fesseln. Besonders charakteristisch für die Haltung, weiche er in Schweden zu beobachten gedachte, erscheint seine Instruktion für den nach Stockholm als Gesandten beorderten Generallieutenant Baron Cocceiji[WS 30], in welcher er diesen davor warnte, die persönlichen Absichten des Schwedischen Königshofes bezüglich der Wiedereinführung der Souveränität zu begünstigen, während er ihm gleichzeitig einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Grafen Osterman anempfahl, wie dies dem [308] guten Einvernehmen zwischen Preussen und Russland entspräche[112].

Bei der Ankunft Cocceiji’s (22. Febr. 1764) hatte die Verwirrung der Parteien in Schweden ihren Höhepunkt erreicht. Hüte und Mützen befehdeten einander heftiger denn je zuvor, und die Zersplitterung innerhalb der einzelnen Parteien machte täglich reissende Fortschritte. Um die Gunst der Königin Ulrike buhlten sie alle, theils aus Furcht vor ihren Intriguen, theils in der Hoffnung, durch Entgegenkommen und Nachgiebigkeit sie den eigenen Interessen dienstbar zu machen. Aber sie fanden in der Königin ihre Meisterin. Denn sie vor allen verstand es, alle Wege sich offen zu erhalten, indem sie Versprechungen und Zusicherungen freigebig nach allen Seiten hin ertheilte, gegen jeden Vertraulichkeit erheuchelte und sogar ihre früheren Gegner mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit behandelte[113]. Vergebens warnte Panin die [309] Mützen vor der „Dissimulation“ Ulrikens und der Unwahrhaftigkeit „ihrer Sentiments“. Seine „getreuen Patrioten“ liessen sich dennoch anfangs von ihr täuschen und priesen ihr Lob in allen Tonarten[114].

Da der ungewisse Ausgang der Polnischen Frage die Aufmerksamkeit Russlands noch in vollstem Masse beanspruchte, hatte der Grosskanzler Panin am 21. März 1764 den Grafen Osterman angewiesen, hinsichtlich des von den „Patrioten“ häufig ausgesprochenen Wunsches nach Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages wie „ein guter Hausvater“ zu verfahren, d. h. nicht ohne „die äusserst« Nothwendigkeit“ „entschiedene Massregeln zu ergreifen“, sondern, wenn möglich, durch weise Vermittlung zwischen den Parteien die Einberufung eines solchen Reichstages zu hintertreiben[115]. Osterman handelte demgemäss; aber er erwarb sich hiermit bei seinen Freunden wenig Dank, weil sie von einem ausserordentlichen Reichstage grosse Vortheile für sich erhofften; und sicherlich wäre das geschehen, was Panin unter allen Umständen vermieden zu sehen wünschte, wären nicht die Anhänger Frankreichs nochmals als Helfer in der Noth erschienen, indem die Französisch gesinnte Mehrheit im Schwedischen Reichsrath am 1. Mai mit einer Stimme Majorität den Beschluss durchsetzte, die Reichstagsfrage bis zum Herbst gänzlich ruhen zu lassen, womit die Gefahr vorläufig beseitigt war[116].

Freilich hatte Russland nur wenig durch diesen Beschluss gewonnen. Ja, der Umstand, dass König Adolf Friedrich mit der Minderheit, d. h. den Mützen, stimmte, zeigte die bedenkliche Schaukelpolitik des Schwedischen Hofes in klarstem Lichte. Denn gleichzeitig sah man seine Gemahlin die Freunde Frankreichs und den Baron Breteuil durch liebenswürdiges Entgegenkommen und Gunstbezeugungen aller Art besonders auszeichnen[117]. [310] Wie wir früher gesehen, hatte Frankreich in Schweden stets die Gegner einer Vermehrung der königlichen Machtbefugnisse unterstützt, indem es von dem Grundsatze ausging, dass eine Schwächung der königlichen Gewalt ihm weit bessere Gelegenheit zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten Schwedens und zur Erhöhung seines dortigen Einflusses gewähre. Aber die letzten Jahre hatten mit vernichtender Klarheit die Fehlerhaftigkeit dieses Princips erwiesen. Grosse Geldsummen waren an die Freiheitspartei verschwendet worden, ohne ein anderes Resultat, als dass das Schwedische Königthum, nur wenig geschwächt, mit Russland liebäugelte, der Französische Einfluss aber mit jedem Tage mehr an Bedeutung verlor. Man musste sich daher nothgedrungen in Frankreich die Frage vorlegen, ob nicht vielleicht mit Hilfe des Königthums besser und schneller das zu erreichen sei, was doch unbedingt als die Hauptaufgabe Frankreichs in Schweden zu betrachten war: Die Vernichtung des täglich wachsenden Russischen Einflusses.

In der That sehen wir den Herzog v. Praslin bald zu Breteuil äussern, er solle, da die Vermehrung der Königsmacht in Schweden „nützlich und nothwendig“ erscheine, „unmerklich und mit weisester Umsicht“ die Gemüther hierzu bearbeiten, und auch die Anhänger des Französischen Systems in Schweden erachteten es für „unerlässlich“, „einige Veränderungen zu treffen, welche gewissermassen dem Hofe zum Vortheil gereichen“[118] Demgemäss suchte sich Breteuil der Königin zu nähern, freilich nur mit der grössten Vorsicht, da er von vornherein ihren Zusicherungen und Versprechungen[119] nicht recht traute, und ihr [311] vertraulicher Umgang mit dem Englischen Gesandten Goodricke, ihre eifrige Befürwortung eines ausserordentlichen Reichstages (Frühjahr 1764)[120] seine Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit noch erheblich vermehren musste. Aber gerade dieses zurückhaltende Benehmen des Französischen Gesandten gegenüber der Schwedischen Königin verdoppelte den Argwohn der fremden Regierungen, namentlich der Dänischen[121] und der Russischen, welch’ letztere der Ansicht Osterman’s, die Zurückhaltung Breteuil’s sei nur Verstellung, völlig beipflichtete und seine Besorgniss theilte, Frankreich werde durch seine scheinbare Unthätigkeit alle „einschläfern“, dann aber plötzlich sein eigenes System mit demjenigen der Hofpartei in Einklang bringen und so der Königin „unmerklich“ die Mittel zur Habhaftwerdung der Souveränität in die Hand legen; wesshalb man ihm aufs dringendste anbefahl, mit Hilfe seines Credits bei der Hofpartei Ulrike davon abzubringen, in die von Breteuil und seinen Freunden gestellte Falle zu gehen, den „wohlgesinnten Patrioten“ aber davon abzurathen, ihrem etwaigen Groll gegen den Hof schon jetzt freien Lauf zu lassen[122]. Beides gelang ihm scheinbar mit leichter Mühe. Denn Mitte Juli versicherte ihm die Königin in einer Unterredung „unter den kräftigsten Ausdrücken“ ihre unbegrenzte Verehrung für Katharina und ihren sehnlichen Wunsch, sich die werthvolle Freundschaft derselben zu sichern, und auch die

[312] Mützen erklärten ihm feierlich, sie setzten volles Vertrauen in Ulrike, welche in den früheren Jahren hinreichend die Unzuverlässigkeit der Französischen Verführungskünste erprobt habe und desshalb ihre Hoffnungen stets allein auf die Russische Kaiserin setzen werde, wie sehr man sie auch Französischerseits zu einer Meinungsänderung zu bestimmen suche[123]. Gleichwohl konnte man sich am Petersburger Hofe nicht länger verhehlen, dass die Dinge in Schweden mehr und mehr einer schweren Krisis entgegentrieben, die für Russland um so gefährlicher erschien, als gleichzeitig auch die Frage der Polnischen Königswahl noch immer ihrer Lösung entgegensah.

Am 7. Sept. 1764 fiel in Polen die Entscheidung, indem der Russische Candidat, Fürst Stanislaus Poniatowski, zum König erwählt wurde, ein Ereigniss, dessen Rückwirkung auf Schweden nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Denn jetzt hatte die Russische Regierung wieder freie Hände, jetzt konnte sie von neuem eine active Politik in Stockholm beginnen und die alten Pläne zur Bildung einer „Nordischen Allianz“ mit verstärktem Eifer und erneuter Kraft in Angriff nehmen.

Der erste Gedanke einer „Nordischen Allianz“ wird Russischerseits dem Gesandten Baron von Korff in Kopenhagen zugeschrieben, der in seiner Depesche vom 7. März 1764 — wie er selbst sagt, nach mehr als zweijährigem Nachdenken — die Frage aufwarf, ob man nicht gegen den Bourbonischen Familientraktat, welcher wahrscheinlich binnen kurzem durch den Beitritt Oesterreichs noch einen weiteren Zuwachs erhalten werde, ein grosses Bündniss aller Nordischen Mächte unter den Auspicien der Kaiserin Katharina zu Stande bringen könne[124]. Wir selbst glauben freilich, dass nicht Korff, sondern Panin der Vater des „Nordischen Systems“ gewesen. Denn gleichzeitig mit dem steigenden Einflüsse des letzteren sind die ersten Anzeichen eines [313] bestimmt formulirten Nordischen Programms bei der Russischen Regierung wahrzunehmen.

Schon gelegentlich der Preussisch-Russischen Allianzverhandlungen im Herbst 1763 hatte Panin dem Grafen Solms vorgestellt, ob man nicht England in dieses Bündniss hineinziehen und eine Tripelallianz schliessen könne[125]. Aber König Friedrich war keineswegs geneigt, mit einem Ministerium neue Verbindungen einzugehen, dessen „Infamie“ er noch vor kurzem zur Genüge kennen gelernt hatte, und er liess daher erwidern, er wünsche keine Allianz mit England; wenigstens, solange dort nicht ein Ministerwechsel eingetreten oder die Europäische Lage mehr geklärt sei[126].

Aber Panin liess sich durch die Zurückhaltung Preussens nicht entmuthigen, die er um so leichter zu überwinden hoffte, als er der festen Ueberzeugung lebte, England, Schweden, die protestantischen Fürsten Deutschlands und Dänemark würden nach Abschluss der Preussisch-Russischen Allianz freiwillig Schritte unternehmen, um dem Doppelbunde beizutreten. Genug, nach wie vor arbeitete er aufs eifrigste an dem Zustandekommen des Vertrages mit Preussen, der den anderen gewissermassen als „Modell und Muster“ dienen sollte, und suchte zu gleicher Zeit an den verschiedenen Europäischen Fürstenhöfen für seine Nordischen Pläne Propaganda zu machen[127].

In Uebereinstimmung mit dem früher erwähnten Rescript vom 2. Nov. 1763 hatte Korff (Anfang Dec.) dem Grafen Bernstorff in einer Unterredung die Erneuerung des Dänisch-Russischen Traktats von 1746 und ein gemeinsames Vorgehen [314] in Schweden vorgeschlagen. Wenn man erwägt, dass diese Insinuation zu einer Zeit geschah, wo die Gerüchte von einem geheimen Einverständniss zwischen Ulrike und Katharina, einer Preussisch-Russisch-Schwedischen Tripelallianz u. s. w., wie wir im vorigen Capitel ausgeführt haben, allgemein geglaubt wurden[128], so kann es nicht befremden, dass Bernstorff anfangs die Aufrichtigkeit der Russischen Vorschläge bezweifelte. Doch gelang es Korff, im Verlaufe ihres Gespräches[129] alle Bedenken zu beseitigen, und am 7. Jan. 1764 erhielt der Dänische Gesandte Osten die Weisung, bei der Russischen Regierung die Erneuerung des früheren Defensivbündnisses zu beantragen und über das Zusammenwirken in Schweden Näheres zu vereinbaren. Natürlich war Panin über das unverhofft günstige Ergebniss der Bemühungen Korffs hocherfreut, überschüttete ihn mit Lobesworten und versprach bei Erneuerung der Allianz auf die Dänischen Wünsche möglichste Rücksicht nehmen zu wollen[130].

Seine Freude war indessen nur von kurzer Dauer. Denn schon nach wenigen Tagen stellte es sich heraus, wie sehr man die Macht der Anhänger Frankreichs am Dänischen Königshofe unterschätzt hatte. Man erfuhr nämlich, dass der Oberhofmarschall Graf Moltke von dem Inhalt der Unterredung zwischen Korff und Bernstorff dem Französischen Gesandten Ogier in Kopenhagen Mittheilung gemacht hatte, welcher sofort den Baron Breteuil hievon benachrichtigte, so dass man befürchten musste, letzterer werde die günstige Gelegenheit benutzen, um der Königin Ulrike Misstrauen gegen die Absichten Russlands einzuflössen und in Schweden allgemeine Beunruhigung zu erregen.

Natürlich war man in Petersburg über diesen Vertrauensbruch tief empört. Sogleich wurde Korff angewiesen, in scharfen Worten bei Bernstorff über das zum mindesten unüberlegte Verfahren Moltke’s Klage zu führen und darauf hinzuweisen, dass eine so frühzeitige Offenbarung der beiderseitigen Unterhandlungen [315] dem Abschluss einer Allianz zweifelsohne schwere Hindernisse in den Weg legen, das Misstrauen des Schwedischen Hofes gegen die Russische Kaiserin noch steigern und vielleicht sogar den Anhängern Frankreichs in Schweden die beste Gelegenheit zur Ausführung ihrer schändlichen und schädlichen Absichten gewähren werde. Gleichzeitig aber — um nach Möglichkeit den etwaigen üblen Folgen dieser Indiscretion vorzubeugen — erhielt Osterman die Weisung, nötigenfalls indirect durch einen seiner Freunde in der Hofpartei oder direct in einer Audienz dem Schwedischen Königspaar zu erklären, dass überhaupt keine Allianzverhandlungen zwischen den Höfen von Petersburg und Kopenhagen stattgefunden, sondern einzig die Gerüchte von der Einberufung eines ausserordentlichen Reichstags zu jener Unterredung Veranlassung gegeben hätten[131].

Die Befürchtungen Panin’s erwiesen sich in der Folge als nicht unbegründet[132]. Sie genügten, um auf die Verhandlungen zwischen den Höfen von Petersburg und Kopenhagen zunächst lähmend einzuwirken, und erst nach Abschluss des Bündnisses mit Preussen sehen wir das Russische Project einer Nordischen Allianz von neuem auftauchen.

Ende April 1764 hatte nämlich Panin eine Unterredung mit Solms, in welcher er die Nordische Allianz als eine „Idee“ bezeichnete, „die von ihm allein herrühre“, und deren Hauptzweck „die Bewahrung der Ruhe und des Friedens im Norden“ sein sollte. Nach seiner Ansicht unterliege die Nützlichkeit eines [316] derartigen „Systems“ keinem Zweifel und handele es sich nur um eine nähere Prüfung der Höfe, welche bei der Bildung dieser Allianz in erster Linie zu berücksichtigen seien[133]. Besonders viel verspräche er sich von einer Mitwirkung Dänemarks, mit dessen Beistand es ein Leichtes sein werde, den Französischen Einfluss in Schweden zu brechen und ein System zu begründen, welches dieses Land zu „einem der wichtigsten Glieder“ der grossen Nordischen Allianz machen könne. Und zwar hoffe er um so eher auf den Anschluss des Kopenhagener Hofes, als Verhandlungen mit demselben bereits eingeleitet seien und Russland ausserdem in Gestalt der Holsteinischen Frage ein vorzügliches Mittel in Händen habe, um die Dänische Regierung gefügig zu machen. Schwieriger stehe es mit Schweden, in Folge des Uebergewichts der Freunde Frankreichs, die sicherlich mit aller Kraft einer Nordischen Allianz sich widersetzen würden. Jedoch glaube er, auch diesen Widerstand mit Dänischer Hilfe überwinden zu können, wofern es nur erst gelungen sei, in Uebereinstimmung mit dem soeben zwischen Preussen und Russland vereinbarten, auf Schweden bezüglichen Geheimartikel eine Antifranzösische Partei daselbst zu gründen. Am wenigsten rechne er auf England. Gleichwohl sei es immerhin möglich, dass auch diese Nation schliesslich die Augen öffnen, die Gefahr ihrer Isolirung bemerken und freiwillig Schritte zum Anschluss an die Nordische Allianz unternehmen werde, für welche sie „nicht nur durch ihre thatsächlichen Kräfte, sondern auch durch ihr Geld“ „ein nützliches Mitglied“ werden könne[134].

Die Hauptschwierigkeit, welche sich der Ausführung dieser „Idee“ entgegenstellte, war die schon früher erwähnte heftige Abneigung Friedrich’s des Grossen gegen ein Bündniss mit England und seine kühle Zurückhaltung gegen Dänemark[135]. Denn ohne Preussen war eine „Nordische Allianz“ nur ein Phantasiegebilde. [317] Mithin galt es vor allem, den Widerstand und die Bedenken des Preussischen Königs zu beseitigen, indem man unter sorgfaltiger Schonung seiner Empfindlichkeit ihm die Geneigtheit der übrigen Mächte für ein Nordisches System in allerrosigstem Lichte zeigte.

Dies geschah in einer zweiten Unterredung mit Solms (Ende Juli), in welcher Panin zunächst erklärte, England sei, nachdem das Bündniss zwischen Frankreich, Oesterreich und Spanien bekannt geworden, weit mehr geneigt, sich mit Russland zu verbünden und seine guten Dienste sowie Gelder zur Unterstützung der Antifranzösischen Partei in Schweden anzubieten. Buckingham habe Vorschläge gemacht und Erklärungen verlangt, welche deutlich bewiesen, dass man in London zur Begründung eines „guten Systems“ in Schweden und sogar zur Verschaffung von Vortheilen für den dortigen Hof beitragen wolle. Trotz aller dieser „Avancen“ sei er jedoch gleich dem Preussischen König der Meinung, dass man sich hiermit nicht zu übereilen brauche, zumal das Englische Ministerium zur Zeit selbst das Bedürfniss fühle, „sich auf gute Allianzen im Norden zu stützen“, und er gäbe die feierliche Versicherung, dass Russland niemals mit England sich verbünden werde, bevor dieses nicht 500 000 Rubel dem Chevalier Goodricke zur Beförderung der gemeinsamen Interessen in Schweden übersandt habe. Nachdem das Gespräch auf die Verhandlungen mit Dänemark gekommen, äusserte Solms voller Besorgniss, ob Russland sich nicht der Gefahr aussetze, allzusehr „den Hochherzigen gegen den Kopenhagener Hof zu spielen“, der eine ersichtliche Vorliebe für Frankreich zu bekunden scheine, — worauf Panin entgegnete, er werde sofort alle Unterhandlungen abbrechen, wenn das Dänische Ministerium bezüglich der Schwedischen Angelegenheiten Ausflüchte zu machen suche. Völlig einverstanden erklärte er sich mit dem Preussischen Vorschlage, in ein Russisch-Dänisches Bündniss eventuell einen Geheimartikel einzufügen, laut welchem Dänemark sich verpflichten sollte, auf dem zukünftigen Schwedischen Reichstage im Einverständniss mit Russland die Regierungsform von 1720 wiederherzustellen, indem er gleichzeitig zur Beschwichtigung von angeblichen Besorgnissen des Dänischen Ministeriums eine Erklärung befürwortete, dass weder Russland noch Preussen noch England zur Einführung der Souveränität in Schweden [318] jemals die Hand bieten würden, sondern nur „gemäss den alten Gesetzen und Gewohnheiten dieses Landes“ „ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen der königlichen und der reichsräthlichen Gewalt zu schaffen beabsichtigten“[136].

Gleichzeitig mit seinem Bericht über diese Unterredung übersandte Solms auf Wunsch der Preussischen Regierung ein von ihm ausgearbeitetes Promemoria, in welchem er die Nordische Politik Panin’s in knappen, treffenden Zügen zeichnete. Der Grosskanzler — so führte er aus — glaube, die Verhütung einer Wiedereinführung der Souveränität in Schweden liege um so mehr im Interesse der beiden Alliirten, als zu befürchten sei, dass die Französische Regierung eine solche Wiedereinführung sogar begünstigen werde, da sie durch die Erfahrung belehrt worden, wie wenig die Anhänger Frankreichs der Hofpartei gewachsen seien. Demnach käme es zur Zeit vor allem darauf an, Dänemark von den redlichen Absichten der Alliirten zu überzeugen und auf dem nächsten Schwedischen Reichstage zur Mitwirkung behufs Wiederherstellung der Regierungsform von 1720 und Annäherung Schwedens an das Preussisch- Russische System zu bestimmen, um dieses Reich „zu einem interessirten und nützlichen Mitglied“ der Nordischen Allianz zu machen. Hinsichtlich des ersten Punktes habe Panin vorgeschlagen, auf dem kommenden Reichstage die Verfassungsbestimmung, welche den Reichsständen das Recht zur gänzlichen Umwandlung und Umwälzung der Regierungsform verleihe, dahin abzuändern, dass diese Clausel in Zukunft nur für formelle Bestimmungen, nicht aber für solche Paragraphen gelten solle, „die recht eigentlich die Machtvertheilung zwischen König und Reichsrath festsetzen“ und daher „als ewiges, unabänderliches Gesetz“ bestehen bleiben mussten, sowie alles das rückgängig zu machen, was auf dem Reichstage 1755—56 von den Ständen gegen den König beschlossen und veröffentlicht worden. Denn nur hierdurch könne man sich die Zuneigung des Hofes erwerben und eine Partei in Schweden schaffen, welche den Freunden Frankreichs das Gleichgewicht zu bieten und schliesslich auch auf dem Reichstage das Uebergewicht zu erlangen [319] vermöge. Schwieriger gestalte sich die Ausführung des zweiten Punktes, die auf der Geschicklichkeit und dem harmonischen Zusammenwirken der Gesandten Preussens, Russlands und Englands, besonders aber auf einer jährlichen Subsidienzahlung des Londoner Hofes an Schweden beruhe. Denn ohne Subsidien werde Schweden niemals auf die Vortheile verzichten, welche eine Allianz mit Frankreich ihm gewähre. Russland und England trügen sich daher mit der Absicht, zunächst ihre Bevollmächtigten am Stockholmer Hofe mit Geldern zur Bestechung solcher hervorragenden Persönlichkeiten zu versehen, „die aus dem Verkauf ihrer Stimmen ein Gewerbe machen“, während man von der „Güte“ des Preussischen Königs erhoffe, er werde durch wiederholentliche, freundschaftliche Rathschläge und Vorstellungen [137]seine Schwester Ulrike von der Notwendigkeit zu überzeugen wissen, von dem Parteigetriebe fern zu bleiben und alle Thätigkeit ihren Freunden und den Gesandten der drei Höfe zu überlassen, die mit gleichem Eifer und besserem Erfolge an der Vollendung des geplanten Werkes arbeiten würden[138].

So ungefähr lauteten die Vorschläge, welche Panin durch Vermittlung des Preussischen Gesandten Friedrich dem Grossen unterbreiten liess. Dieser war mit der dem ersten Punkte zu Grunde liegenden Idee völlig einverstanden, weil sie dem Inhalt des Geheimartikels in dem Preussisch-Russischen Bündniss von 1764 durchaus entsprach, und weil er mit gutem Grunde hoffen durfte, seine Schwester werde die Vortheile zu würdigen wissen, welche die Abschaffung der Reichstagsbeschlüsse 1755—56 für die Erweiterung der königlichen Machtbefugnisse in sich schloss. Für eine Annäherung Schwedens an das „Nordische System“ oder für eine grosse Nordische Allianz vermochte er hingegen [320] sich ebensowenig wie früher zu erwärmen. Da aber Panin zu Solms im Verlaufe der zweiten Unterredung selbst kleinlaut geäussert hatte, jene Allianz werde wohl „Jahre“ bis zu ihrer Vollendung erfordern, so hütete der Preussische König sich wohlweislich, seine wahre Gesinnung schon jetzt kund zu thun. Im Gegentheil liess er in seinen Schreiben nach Petersburg den Wunsch durchblicken, England möge zu den Kosten des Wahlfeldzuges in Schweden freigebig beisteuern und in treuer Gemeinschaft mit Russland dem Französischen Einfluss ein Ziel setzen[139]. und erschöpfte sich in Liebenswürdigkeiten gegen Panin, indem er ihm die Berichte Cocceiji’s abschriftlich übersandte[140] und diesem nochmals einschärfte, mit Osterman einen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen und, wofern Frankreich in der That den Schwedischen Hof mit gutem Erfolg durch „chimärische Hoffnungen“ zu „ködern“ versuche, mit den Majestäten vertraulich zu reden und sie „auf gute Weise“ von „Projecten“ abzubringen, „die, anstatt ihre Lage zu bessern, ihnen nur die ärgerlichsten Ungelegenheiten zuziehen könnten“[141].

Dieses Vorgehen des Preussischen Monarchen erregte in Petersburg, wo es Anfang September bekannt wurde[142], allenthalben lebhafteste Befriedigung, zumal schon wenige Tage später aus Stockholm die Kunde eintraf, dass der Zusammentritt eines ausserordentlichen Reichstages vom Reichsrath endgültig auf den 15. Jan. 1765 anberaumt worden war[143]. Denn jetzt galt es [321] für Russland, schnell den gesammten diplomatischen Apparat in Bewegung zu setzen und unter Berufung auf die Bereitwilligkeit Preussens auch Dänemark und England zu thätigem Beistand auf dem neuen Reichstage zu veranlassen, um, wennmöglich, dem Französischen System in Schweden den Todesstreich zu versetzen.

Anfang September richtete Korff an die Dänische Regierung unter der Hand die Anfrage, ob sie mit Russland, Preussen und England in nähere Verbindung zu treten geneigt sei, um auf dem neuen Schwedischen Reichstage die Verfassungszusätze von 1756 abzuschaffen und „das wahre Schwedische Grundgesetz“ von 1720 wiederherzustellen. Zunächst verhielt Bernstorff sich dem Vorschlage Panin’s gegenüber kühl und misstrauisch, da er aus demselben schliessen zu müssen glaubte, es sei der Königin Ulrike gelungen, nicht nur Preussen und Russland zu täuschen und zur Beförderung ihrer Interessen und „Passionen“ zu bestimmen, sondern auch „die Führer der guten Partei“ völlig einzuschläfern, um sie alsdann in dem Augenblick, wo sie sich am sichersten fühlten, aufs schmählichste zu verrathen[144]. Wie weit seine Befürchtungen gingen, erhellt aus dem Umstand, dass er es nicht verabsäumte, seine Freunde in Schweden eindringlich vor den Ränken und Schlichen ihrer Königin zu warnen und sie gleichzeitig seines Beistandes gegen die Einführung der Souveränität zu vergewissern. Als aber Adolf Friedrich und seine Gemahlin feierlich ihre Unschuld betonten und durch ihre lebhafte Unruhe bekundeten, dass sie von den Plänen ihrer kaiserlichen Nichte zum mindesten eine nur unvollkommene Kenntniss besassen[145], als der mit Bernstorff innig befreundete Reichsrath [322] K. Scheffer zu Gunsten des Schwedischen Königspaares in die Schranken trat[146], und als auch der Dänische Gesandte v. d. Osten in seinen Petersburger Berichten[147] fortwährend betonte, dass die Vorschläge der Russischen Regierung ernst und ehrlich gemeint seien, — da musste der Leiter der Dänischen Politik die Grundlosigkeit seiner Befürchtungen einsehen. Er gab daher seine Zurückhaltung auf, indem er in einem Schreiben an Osten (Ende Oct.) die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen König und Reichsrath als das Hauptziel der Dänischen Politik in Schweden hinstellte[148]. Schlagender konnte kaum bewiesen werden, dass Russland und Dänemark, im Grunde genommen, in Schweden gleiche Interessen verfochten, Genug, es kam bald in Petersburg zwischen den beiden Mächten zu Besprechungen und Verhandlungen, deren erstes Ergebniss ein Russisches Contraproject[149] zu dem Dänischen Allianzvorschlag bildete, welches einen von Katharina eigenhändig verfassten, auf die Schwedische Regierungsform bezüglichen Geheimartikel enthielt und am 3. Dec. von Panin dem Dänischen Gesandten überreicht wurde. Auch erhielt Korff wenige Tage später die Weisung, den Kopenhagener Hof von seinen „trügerischen Illusionen“ bezüglich Prankreichs abzubringen und zu versichern, Russland wünsche nicht minder, dass in Schweden weder König noch Reichsrath noch einer der vier Reichsstände das Uebergewicht erhielten, sondern dass alle „das Gleichgewicht gegen einander behaupten und so alle Versuche des einen oder anderen zur Verletzung der Regierungsform verhüten und zunichte machen“ könnten[150].

Gleichzeitig sehen wir die Russische Diplomatie auch in eifrigster Thätigkeit, um England zu einem energischen Eingreifen in Schweden zu veranlassen.

In einer Unterredung mit Buckingham (Anfang Sept.) [323] bezeichnete Panin das Gleichgewicht zwischen König und Reichsrath in Schweden und demzufolge die Wiederherstellung der Regierungsform von 1720, ohne die Zusätze von 1756, als ein gemeinsames Interesse Russlands und Englands. Als er aber weiter insinuirte, England solle behufs Errichtung eines festen Systems im Norden die Subsidienzahlung auf sich nehmen, welche Frankreich bisher an Schweden geleistet, erklärte der Gesandte freimüthig, die Englischen Finanzen seien derart „erschöpft“, dass man „ohne die dringendste Nothwendigkeit“ sich niemals zu einer derartigen Subsidienzahlung verstehen werde[151].

Unterdessen waren aber Depeschen[152] des seit Ende April in Stockholm residirenden Englischen Gesandten Goodricke in London eingetroffen, welche die nachtheiligen Folgen eines Französisch-Schwedischen[WS 31] Bündnisses für England in grellen Farben schilderten und in Folge der Käuflichkeit der Parteien eine Vereitelung dieses Projects ohne Vertheilung beträchtlicher Geldsummen als ganz unmöglich bezeichneten. Wenn man erwägt, dass das Hauptziel der Englischen Politik in Schweden in der Vernichtung des dortigen Französischen Einflusses bestand und dass der Französische Allianzvorschlag von 1763 mit seiner Forderung von Schwedischen Schiffen für den Fall eines Krieges eine indirecte Drohung gegen den Grossbritannischen Hof enthielt, so erscheint es begreiflich, dass die Allarmnachrichten Goodricke’s keineswegs in den Wind gesprochen waren, sondern dass der Staatssecretär Sandwich[WS 32] schon Mitte September dem Russischen Gesandten Gross die Bereitwilligkeit Englands erklärte, die Hälfte der Ausgaben übernehmen zu wollen, welche die Hintertreibung der Absichten des Versailler Hofes erfordere[153], während zugleich ausführliche Instructionen in ähnlichem Sinne an Buckingham ergingen, der am 15. Oct. in einer längeren Conferenz ihren Inhalt zur Kenntniss des Russischen Vicekanzlers Galitzin brachte. Dieser äusserte sich freilich bezüglich der [324] Englischen Vorschläge in ziemlich zurückhaltender Weise, indem er dieselben zwar nicht als unannehmbar bezeichnete, aber sehr energisch betonte, dass der Londoner Hof weit mehr als der Petersburger ein Interesse an der Verhinderung der Französisch- Schwedischen Allianz besitze, was sich wohl kaum ohne eine bedeutende Subsidienzahlung Englands an Schweden bewerkstelligen liesse[154].

Die Zurückhaltung Galitzin’s erklärt sich leicht daraus, dass die Russische Regierung sich der „Krämerpolitik“ [155] des Londoner Ministeriums wohl bewusst war, welches nicht nur mit möglichst geringem Kostenaufwand ein Bündniss zwischen Frankreich und Schweden zu vereiteln, sondern namentlich auch einen Handelsvertrag mit Russland abzuschliessen beabsichtigte, um dort das Erbe der Holländer anzutreten, die bis zur grossen Amsterdamer Handelskrise von 1763 den Russischen Handel fast ausschliesslich beherrscht hatten. Man suchte daher in Petersburg seinen Beistand möglichst theuer zu verkaufen, zumal man von der Erwartung ausging, die seit Herbst 1764 von den Engländern regelmässig aufgefangenen Französischen Gesandtschaftsberichte aus Stockholm und Petersburg mit ihrem für die Grossbritannischen Interessen ungünstigen Inhalt würden den Londoner Hof zu weiteren Concessionen bewegen[156]. Und in der That erwiesen die neuen Verhaltungsbefehle an Buckingham[157] auf Grund seiner Schilderung der Conferenz mit Galitzin, wie richtig die Berechnung der Russischen Regierung gewesen. Denn nunmehr äusserte sich Sandwich bezüglich der Subsidienfrage noch entgegenkommender als früher und sprach sogar von einer gemeinsamen Englisch-Russischen Action auf dem kommenden Schwedischen Reichstage, als deren Hauptpunkte er die [325] Landmarschallswahl, die Schaffung einer Antifranzösischen Majorität im Geheimen Ausschuss und die Hintertreibung einer Französisch-Schwedischen Allianz bezeichnete.

Während diese Verhandlungen sich abspielten, waren die fremden Gesandten in der Schwedischen Hauptstadt geschäftig, sich der Unterstützung der Königin Ulrike und ihrer Freunde zu vergewissern, um mit deren Beistand einen den Wünschen ihrer Regierungen möglichst entsprechenden Reichstag zu Stande zu bringen[158]. Einen günstigen Ausgang versprachen anfangs die Bemühungen Goodricke’s, der von seinem Kopenhagener Aufenthalt her bei Ulrike persona gratissima war[159]. Anfang Juli hatte derselbe durch Vermittlung Cocceiji’s auf dem Schlosse Karlberg eine lange geheime Unterredung mit der Königin, die über ihre Stellung zu den Parteien und über ihre Zukunftspläne sich in so massvoller Weise äusserte, dass Goodricke später hochbefriedigt dem Preussischen Gesandten erklärte, er werde sofort bei dem Londoner Ministerium die Nothwendigkeit einer wirksamen Unterstützung des Schwedischen Königspaares energisch betonen[160]. Aber in London war man anderer Meinung[161], und zwar mit Recht. Denn schon nach wenigen Wochen stellte es sich heraus, dass die friedlichen Versicherungen Ulrikens nichts weiter als eitles Blendwerk gewesen. Auf Befragen Osterman’s musste nämlich ein hervorragender Führer der Hofpartei, [326] Reichsrath Graf Löwenhjelm, eingestehen, dass er mit seinem Vorschlage, den Hof bei den bevorstehenden Reichtagswahlen zu strenger Neutralität zu veranlassen, bei Ulrike nur wenig Anklang gefunden und sogar wahrgenommen habe, dass dieselbe mehr denn je zuvor den Einflüsterungen der Anhänger Frankreichs, insbesondere des Grafen Fersen, Gehör schenke[162], eine Wahrnehmung, die bald auch von anderen Seiten bestätigt wurde[163].

In der That hatte die Französische Regierung der Königin eine grosse Geldsumme für den Fall angeboten, dass sie und ihre Anhänger Frankreich ihren Beistand leihen wollten, und es war um so mehr zu befürchten, der Hof werde seiner beträchtlichen Schulden wegen auf dieses Anerbieten eingehen[164], als Ulrike in jener Zeit einmal zu Löwenhjelm äusserte, sie könne in der Russischerseits versprochenen Wiederherstellung der Regierungsform von 1720 allein keine wesentlichen Vortheile für sich erblicken und werde daher vorzugsweise alle die unterstützen, welche weit mehr als Russland zum Vortheil des Hofes beitragen zu wollen versprächen[165].

Vornehmlich war die Missstimmung Ulrikens wohl durch das Betragen Goodricke’s hervorgerufen worden, der seit Anfang September seinen Instructionen gemäss[166] im Einvernehmen mit Osterman häufig ihren persönlichen Interessen entgegenarbeitete. In heftigen Worten beklagte sie sich bei Cocceiji über den Englischen Gesandten, weil er ohne ihre Genehmigung mit der Nation [327] verhandle und Geld unter ihre Gegner vertheile, sowie nicht minder aber die Mützen, „die nach einander Engländer, Russen, Nationalpartei und Hofpartei gewesen wären, aber trotz aller dieser Veränderungen stets nur den eigenen Nutzen im Auge gehabt hätten“, und sie schloss ihre Rede mit einer Drohung: Bisher habe sie noch nichts Bindendes mit der Französischen Regierung abgeschlossen und werde dies auch nur ungern thun. Wenn sie sich aber einmal genöthigt sähe, einen entscheidenden Entschluss zu fassen, so werde sie sich auf die Seite stellen, wo sie die grösste Sicherheit fände. Vergebens betheuerte der Preussische Gesandte die Unschuld der Mützen und Goodricke’s, vergebens versicherte dieser, „der einzige Zweck seiner Mission sei die Vernichtung des Französischen Systems“ und er werde getreulich zu des Hofes Gunsten wirken, „wofern derselbe sich nicht auf die Seite der Französischen Partei schlage“, — die „Wärme“, mit welcher Ulrike wiederholentlich erklärte, man werde sie zu einem entscheidenden Schritte zwingen, liess nur allzu deutlich ihre Geneigtheit zur endgültigen Annahme der Französischen Propositionen erkennen[167].

Kaum waren freilich die von der Russischen Regierung „zur Förderung der Operationen“ bestimmten 50 000 Rubel in Stockholm angelangt[168], als (23. Nov.) der Oberst Sinklaire[WS 33], der beste Vertraute Ulrikens und das einflussreichste Mitglied der Hofpartei[169], sich bei Osterman einfand, dem er im Namen des Königspaares eidlich versicherte, dasselbe traue keineswegs den Einflüsterungen der Freunde Frankreichs, werde mit ihnen binnen kurzem gänzlich brechen und alle späteren Schritte mit den Forderungen und Wünschen der Russischen Kaiserin in Einklang bringen. Da er gleichzeitig darauf hinwies, dass man Französischerseits unverzüglich mit Bestechungsversuchen beim Adel beginnen werde, wesshalb der Hof ein gleiches Mittel in Bereitschaft [328] halten müsse, so erachtete der Russische Gesandte es für angemessen, dem Abgesandten der Königin 24 000 Thaler (Kupfermünze) für diesen Zweck mitzugeben, indem er ausserdem in Gemeinschaft mit Goodricke[170] am Anfang der folgenden Woche die doppelte Summe auszahlen zu wollen versprach, was denn auch in der That geschah[171].

Zuerst hatte es den Anschein, als seien die Versicherungen Sinklaire’s wahrheitsgetreu gewesen, und als sei das Königspaar wirklich gesonnen, den Anhängern des Französischen Systems für immer den Rücken zu kehren. Denn als der Reichsrath Ende November nach heftigen Kämpfen und Debatten mit einer Mehrheit von nur einer Stimme die Verlängerung des 1768 ablaufenden Schwedisch-Französischen Allianzvertrages bis zum Jahre 1772 gegen die Verpflichtung Frankreichs zur Zahlung von 12 Millionen Livres in jährlichen Raten genehmigte[172] , befand sich König Adolf Friedrich mit seinen beiden Stimmen unter der Minderheit, und als Goodricke[173], Osterman und die Mützen mit den Bestechungsversuchen für die Reichstagswahlen begannen, fanden sie in Sinklaire[174] einen scheinbar aufrichtigen Förderer ihrer Absichten. Wir sagen: scheinbar; denn dem Baron Breteuil erklärte er, die Russischen Gelder nur desshalb angenommen zu haben, um die Intriguen Osterman’s und die gefährlichen Projecte der Russischen Kaiserin vereiteln zu können. [329] Den Hüten aber, die sich durch das Verhalten des Königs schwer gekrankt fühlten, betheuerte Ulrike, die Abstimmung ihres Gemahls sei gegen ihren persönlichen Willen erfolgt, und sie selbst werde die Sache der Französischen Partei völlig zu der ihrigen machen[175].

Freilich konnte diese Zweideutigkeit nicht lange unbemerkt bleiben. Die nach wie vor von den Engländern aufgefangenen Berichte Breteuil’s, welche ausführliche Nachrichten über seine Verhandlungen mit der Königin und Sinklaire enthielten, waren keineswegs geeignet, dem Londoner und Petersburger Ministerium Zutrauen hinsichtlich der Aufrichtigkeit des Stockholmer Hofes einzuflössen, und es erscheint daher auch völlig begreiflich, wenn Osterman und Goodricke, weit entfernt davon, dem Wunsche Ulrikens nach „absolut freier Verfügung“ über die Bestechungskasse Statt zu geben, sich Anfang Jan. 1765 sogar veranlasst sahen, Sinklaire von der Verwaltung der Russisch- Englischen Gelder gänzlich auszuschliessen[176].

Ungefähr zu gleicher Zeit trafen endlich aus Petersburg die von Osterman langersehnten Verhaltungsbefehle für den nahe bevorstehenden Reichstag ein, in denen „die unverbrüchliche Aufrechterhaltung der gesetzlich festgestellten freien Regierungsform von 1720“, der „Widerstand gegen die Einführung der Souveränität“ sowie 1755—56 die Abschaffung der Reichstagsbeschlüsse von 1756 als das Hauptinteresse Russlands bezeichnet, „jede weitere Verbesserung der Regierungsform“ hingegen „bei der gegenwärtigen verwickelten Lage Schwedens nicht nur für unnütz, sondern sogar für die nationale Freiheit schädlich“ erachtet wurde. Ferner enthielt die Instruction den Befehl für Osterman, mit Goodricke und Cocceiji gute Freundschaft zu pflegen, die Schritte des ersteren zu unterstützen und das Vertrauen des letzteren zu erlangen, „der den Befehl erhalten hat, mit Euch in allem übereinstimmend zu handeln und der Euch besonders bei der Beruhigung und Zurückhaltung der Schwedischen Königin dienlich sein kann“. Eine derartige Zurückhaltung [330] erscheine nämlich äusserst nothwendig, da jede directe Thätigkeit des Hofes bei der Nation Verdacht errege, und schon der Name „Hofpartei“ dazu geführt habe, verschiedene „unabhängige“ Patrioten den königlichen Interessen abtrünnig zu machen. Um so mehr erfordere daher die aufrichtige Freundschaft der Russischen Kaiserin, den Schwedischen Majestäten von jeder Einmischung in das Parteigetriebe und von jeglichem Misstrauen gegen die Absichten der „wahren und wohlgesinnten Patrioten“ abzurathen. Letztere, so hiess es schliesslich, solle Osterman „nicht nur durch Rathschläge, sondern auch durch Geld“ auf alle Weise unterstützen und zu einer besonderen, mächtigen Partei vereinigen, deren Führung dem Grafen Löwenhjelm, als dem „klügsten und am meisten erfahrenen“ der „Patrioten“, übertragen werden solle und mit deren Beistand er sich bemühen müsse, „den Uebermuth der Hofpartei, besonders ihres Chefs, des Obersten Sinklaire, zu zügeln“, den Geheimen Ausschuss mit „redlichen und erfahrenen Männern“ zu besetzen und so dem Französischen System in Schweden den Todesstoss zu versetzen[177].

Wenn wir uns den Charakter und die Bestrebungen Ulrikens vergegenwärtigen, so werden wir es verstehen können, dass die [331] in dieser Instruction ausgesprochenen Grundsätze, welche ja die Königin u. a. von jeder Theilnahme an den Reichstagsangelegenheiten ausschlossen, ihren Beifall nicht finden konnten und früher oder später eine Krisis herbeiführen mussten. Zeigte sich doch gerade damals, wie sehr es den Hetzreden Sinklaire’s, der über seinen Ausschluss von der Parteikasse der Mützen tiefen Unwillen empfand, und den Intriguen eines Fersen und Hermansson, der treuen Freunde Frankreichs[178], gelungen war, der Königin unüberwindliches Misstrauen gegen England, Russland und die Mützen einzuflössen und sie zur Annäherung an das Französische System zu bestimmen. In einer Unterredung mit Cocceiji (Anfang Jan.) erneuerte sie mit grosser Heftigkeit ihre früheren Klagen gegen Goodricke, den sie sogar der Falschheit bezichtigte, gab lebhaften Argwohn gegen die Pläne Panin’s und Osterman’s zu erkennen, bezeichnete die Mützen mit Ausnahme weniger als „ein Gemisch (rassemblage) von Leuten ohne Verstand (tête), ohne Benehmen, ohne Plan und ohne System“, „dass mit ihnen verhandeln nichts Anderes hiesse, als sich an die Spitze von Narren und Aufrührern stellen“, und dem wolle sie sich keineswegs aussetzen, und schloss mit der Drohung: „in drei Tagen werde ich mit den Mützen brechen“[179], eine Drohung, die sie buchstäblich wahr machte, indem sie am 11. Januar dem Baron Breteuil gelobte, auf dem neuen Reichstage die Französische Partei unterstützen und dem Russischen System entgegenarbeiten zu wollen[180].

So standen die Dinge bei Eröffnung des Stockholmer Reichstages. Ohne einer Uebertreibuug sich schuldig zu machen, darf man sagen, dass die Blicke von ganz Europa am 15. Januar 1765 auf die Schwedische Hauptstadt gerichtet wareu. Denn dort [332] sollte jetzt der grosse Kampf zwischen Frankreich und Russland- England zum Austrag gebracht werden. Mit anderen Worten: der Sieg des Französischen oder Russisch-Englischen Systems in Schweden hatte eine weit mehr als locale, eine Europäische Bedeutung.

IV.

Der Stockholmer Reichstag 1765—66 und die Europäischen Mächte.
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Mit einem glänzenden Erfolge der Russen begann die Reichstagssession. Denn bei den Sprecherwahlen siegten ihre Candidaten in allen vier Ständen mit grosser Mehrheit, und die wenigen Anhänger Frankreichs, die — wie z. B. der bei der Landmarschallswahl unterlegene Graf Fersen — in den Geheimen Ausschuss Eingang fanden, verdankten Sitz und Stimme einzig der Gnade ihrer Gegner, welche hierdurch erweisen woUten, dass bei ihnen nicht „der Geist der Verfolgung und persönlichen Hasses“, sondern „die wahre patriotische Richtung“ vorherrschend sei[181].

Dieser Sieg des Antifranzösischen Systems in Schweden wurde für die Haltung Dänemarks zum Petersburger Hofe entscheidend. Bereits Ende Januar versicherte Graf Bernstorff in klarer Erkenntniss der neuen Sachlage, er sei jetzt der Sorge völlig überhoben, dass Russland in Schweden die Souveränität wiederherzustellen beabsichtige[182], und die beiderseitigen Verhandlungen gingen glatt von statten, da die Dänische Regierung an dem Russischen Contraproject vom 3. Dezember 1764 nur wenig auszusetzen fand[183].

Am 11. März wurde zu Petersburg der Allianztractat unterzeichnet, welcher einen für die Geschichte der „Nordischen Frage“ hochbedeutsamen Geheimartikel enthielt. In Anbetracht der Störung nämlich, „welche das gesetzmässige Gleichgewicht zwischen den drei Hauptständen“ in Schweden „durch die seit einiger Zeit in sothanem Reiche eingerissene fremde Influenz in dessen Geschäften“ erfahren, und mit Rücksicht auf die Gefahr [333] einer völligen Zerrüttung“ der „in Betracht der Nationalfreiheit und der Reichsimmunitäten ebenso heiligen als für die Nachbarn wichtigen und unveränderlichen Constitution“ verbanden sich die beiden Contrahenten „einstimmig und einmüthig, darauf bedacht zu sein, dass eine solche der unwandelbaren Fundamentalconstitution des Schwedischen Reichs bevorstehende Zerrüttung nach dem wahren Sinn und den Grundsätzen solcher Legislation in die gehörige Ordnung gebracht werde“[184]

Mit Recht ist dieser Vertrag als „der zweite Schritt Katharina’s auf dem Wege zur Herrschaft im Norden“ bezeichnet worden, „auf welchem die Preussisch-Russische Allianz der erste Schritt gewesen“[185]. Denn durch ihn war der „fremden Influenz“ Frankreichs ein zweiter Riegel vorgeschoben worden, durch ihn hatten die Bestrebungen der Russischen Kaiserin — „sich so viel als möglich mit den Nordischen Mächten durch unmittelbare Bündnisse zu vereinigen und hierdurch mit Uebergehung der Höfe von Bourbon und Oesterreich ein festes Gleichgewicht in den Europäischen Angelegenheiten zu begründen“[186] — einen neuen glänzenden Sieg erfochten.

Inzwischen hatten freilich die Dinge in Schweden eine bedrohliche Wendung genommen. Anstatt sich nämlich mit den Siegern auszusöhnen, die früher grösstentheils zu den eifrigsten Anhängern des Hofes gezählt und, wie der neugewählte „würdige“[187] Landmarschall Rudbeck, bei der Verschwörung von 1756 in entscheidender Weise mitgewirkt hatten, begegnete die Königin am Tage nach der Landmarschallswahl dem Obersten Rudbeck bei seiner Antrittsaudienz mit ausgesuchter Schroffheit[188], erklärte kurz darauf „ganz trocken“, sie verlange die Anwesenheit von sechs Mitgliedern der Französischen Partei im Geheimen [334] Ausschuss oder sie werde sofort Stockholm verlassen, und fertigte die Einwände Cocceiji’s durch die beissende Antwort ab, sie habe ja jederzeit das Unglück gehabt, die Gesandten ihres königlichen Bruders eine von der ihrigen abweichende Meinung vertreten zu sehen[189].

Vergebens bemühte sich der Preussische Gesandte wiederholentlich auf Befehl seiner Regierung und auf Wunsch des Petersburger Hofes, durch geschickte Insinuationen die Vorstellungen Osterman’s und Goodricke’s bei der Königin zu unterstützen und dieselbe von der Nothwendigkeit einer besonnenen, massvollen Haltung zu überzeugen[190]. Vergebens suchte König Friedrich in zahlreichen Schreiben seiner Schwester die Lauterkeit der Absichten Russlands und Englands und ihren ehrlichen Wunsch nach Wiederherstellung der Privilegien des Schwedisches Königs zu beweisen[191]. Vergebens endlich bemühten sich verschiedene ehemalige Anhänger Ulrikens, wie die Grafen Bielke und Horn, zwischen den beiden feindlichen Parteien zu vermitteln[192]. Die zwischen dem Hofe und der Russisch-Englischen Partei bestehende Kluft erweiterte sich trotz alledem mit jedem Tage, und Anfang März begaben sich König und Königin, wie sie früher angedroht hatten, nach dem Lustschlosse Ulriksdal, angeblich, um „die grossen Fasten“ dort zu verbringen und den Prinzen Karl in aller Stille zur Coinmunion vorbereiten zu lassen, in Wahrheit jedoch, um dem Stockholmer Publicum ihr Missvergnügen über die Erfolge der Mützen zu bekunden[193].

In Petersburg war man über das Benehmen Ulrikens und den Aufbruch des Hofes nach Ulriksdal im höchsten Grade ungehalten[194], [335] wie namentlich aus einem eigenhändigen Billet Katharina’s[195] an Panin hervorgeht, in welchem sie diesen beauftragte, „durch dritte Hand“ den Schwedischen Majestäten zu eröffnen, sie habe wegen der „inconsequenten Reise“ derselben nach Ulriksdal den Grafen Osterman angewiesen, in Zukunft nicht mehr zu Gunsten der königlichen Interessen „einen unnützen oder compromittirenden Schritt zu unternehmen“[196]. Ja noch mehr! Wenige Wochen später beschwerte sie sich bei König Friedrich über die „Intriguen“ Sinklaire’s „gegen ihre guten und aufrichtigen Intentionen“ für den Schwedischen Hof, beklagte die „Irrungen“ des Königspaares, sprach die Befürchtung aus, das perfide Benehmen Sinklaire’s werde „die gute Partei“ gegen die Majestäten vollends „aufbringen“, sie selbst aber ausser Stand setzen, denselben nützlich zu sein, und ersuchte daher den Preussischen Monarchen, bei seiner Schwester die Entfernung eines Mannes durchzusetzen, der sie und ihren Gemahl noch ins Verderben stürzen werde[197].

Friedrich der Grosse, welcher von der Verstimmung des Petersburger Hofes durch die Depeschen des Grafen Solms bereits wohl unterrichtet war[198], gerieth bei Ankunft des Schreibens [336] seiner kaiserlichen Bundesgenossin in lebhafte Unruhe, betonte in seiner Antwort seinen „tödtlichen Schmerz“ über das Benehmen Ulrikens, welche „infolge einer Art von momentaner Geistesverwirrung“ (par je ne sais quel esprit de vertige) sich den heilsamen Absichten Russlands widersetze, sprach von seinen zahlreichen Ermahnungsbriefen, deren Fruchtlosigkeit ihm die Wahrheit des alten Satzes gezeigt, „dass die Abwesenden Unrecht haben“, versprach, wenn irgend möglich, den „Zauberbann“ brechen zu wollen, welcher den Hof seinen eigenen Feinden in die Arme treibe, und schloss mit der Bitte, die Kaiserin möge wenigstens vorläufig ihre Gunst noch nicht seiner Schwester entziehen, die er durch Vorstellungen und Ermahnungen von ihrer „verhängnissvollen Verblendung“ zu erretten hoffe[199].

Dass diese Versprechungen ernst und ehrlich gemeint waren, bewies der Brief, den er schon am folgenden Tage zusammen mit einem Auszug des kaiserlichen Schreibens der Königin übersandte, und in welchem er ihr in herzbewegenden Worten die Gefahren vorstellte, welche ihr und ihrer Familie bevorständen, wenn sie noch weiter den Plänen Russlands entgegenarbeite. Ihre Verbindungen mit der Französischen Partei seien durch die aufgefangenen Depeschen Breteuil’s überall bekannt geworden, und er selbst habe aus denselben zu seinem Bedauern ersehen, dass sie ihr Vertrauen Leuten schenke, die nur ein frivoles Spiel mit ihr trieben[200]. Um alles in der Welt beschwöre er sie, den Russischen Hof nicht noch mehr zu erzürnen, denn ein drohendes Unwetter sei gegen sie im Anzuge, welches nur dadurch beschworen werden könne, dass sie fortan jeden bösen [337] Schein meide und einen Unterschied zwischen denen mache, die ernstlich in ihrem Interesse arbeiten wollten, und denen, die durch eine perfide Sprache sie zu hintergehen trachteten[201].

Am 14. Juni Nachmittags 4 Uhr traf das Schreiben des Königs per Courier in der Schwedischen Hauptstadt ein und wurde noch am Abend von Cocceiji dem Oberkammerherrn Grafen Gyldenstolpe übergeben, einem von Ulrike häufig zu vertraulichen Aufträgen benutzten Führer der nach Beginn des Reichstags reorganisirten Hofpartei. Die Schwedische Königin war sich des Ernstes der Situation völlig bewusst, liess dem Preussischen Gesandten sagen, er möge sich ein wenig gedulden, da der Brief ihres Bruders „Dinge enthalte, welche Nachdenken erforderten“, und entbot, da Gyldenstolpe inzwischen erkrankt, ihre Vertrauten Sinklaire und Schwerin zu sich, um mit ihnen über weitere Schritte zu berathen[202]. Schlechter konnte sie freilich bei der Wahl ihrer Rathgeber kaum verfahren; denn gerade Sinklaire war es ja, dessen Beseitigung Katharina vor allem verlangt hatte, und der desshalb natürlich eine Wiederversöhnung zwischen Kaiserin und Königin unter allen Umständen zu hintertreiben suchte; und zwar mit gutem Erfolge. Denn in ihrem Antwortschreiben an Friedrich schlug Ulrike einen hochfahrenden, anklägerischen Ton an, bestritt die Echtheit der aufgefangenen Depeschen Breteuil’s, bezeichnete ihre angeblichen Unterhandlungen mit demselben als leeres Gerede und erklärte schliesslich, sie sei nur Gott und ihrem Gemahl, nicht aber auch der Russischen Kaiserin über ihr Benehmen Rechenschaft schuldig und werde niemals einen Eingriff in ihre königlichen Rechte dulden, welche ihr völlige Freiheit in der Wahl ihrer Vertrauten gewährten[203]. [338] Die Gründe, welche ausser der Rücksicht auf Sinklaire das Verhalten Ulrikens in jenen Tagen bestimmten, waren ihr Unwille über den gleichsam in der Luft schwebenden Angriff der Freunde Russlands auf die Französisch gesinnte Mehrheit im Reichsrath und ihre Besorgniss vor der Verwirklichung des Heirathsprojects zwischen ihrem Sohne Gustav[WS 34] und der Dänischen Prinzessin Sophia Magdalena[WS 35].

Bereits Ende April tauchte in der Schwedischen Hauptstadt das Gerücht auf, die Führer der Mützen hätten in einer Conferenz auf Veranlassung Osterman’s die Absetzung von sechs Franzosenfreundlich gesinnten Reichsräthen beschlossen, ein Gerücht, welches sich bald bestätigte, obwohl der Russische Gesandte die ihm zugeschriebenen Absichten feierlich dementirte[204]. In der ersten Erregung erklärte die Königin, sie werde unter keinen Umständen dulden, dass die etwa für schuldig befundenen Reichsräthe Männer zu Nachfolgern erhielten, die dem Russischen System geneigt seien[205]. Aber bald erkannte sie, dass durch Gewalt nichts, durch List vielleicht alles zu erreichen sei. und ersann daher einen anderen Plan. Anstatt sich nämlich an Osterman persönlich zu wenden, befahl sie den seit Anfang Februar zu Stockholm befindlichen Ministerresidenten A. Stachiew, der in Schweden als Gesandtschaftssecretär bereits unter Panin thätig gewesen und mit diesem innig befreundet war, am 21. Juni zu sich nach Drottningholm und bat ihn in einer Unterredung, an welcher auch ihr Gemahl Theil nahm, unter Ableugnung jeglichen Wunsches nach Wiedererlangung der Souveränität und jeden Einverständnisses mit den Hüten, unter lebhafter Betreuerung ihrer Ergebenheit gegen Katharina, sowie unter heftigen Ausfällen gegen Osterman um seine Vermittlung bei letzterem, damit derselbe den „fanatischen Jähzorn“ der Mützen bändige und die Ausstossung der Anhänger Frankreichs aus dem Senat verhindere[206].

Zwar hatte Ulrike die Genugthuung, dass Stachiew bei seinem [339] Collegen und bei Panin sich zu ihren Gunsten verwenden zu wollen versprach. Aber sie hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. War Osterman schon über die ersten Zornesworte der Königin „sehr pikirt“ gewesen[207], so wurde er von noch viel heftigerem Unwillen erfasst, als er vernahm, dass sie mit Uebergehung seiner Person sich an seinen „Subdelegirten“ gewandt, beklagte sich bei Cocceiji bitter über Stachiew, „der mit verdächtigen Personen liirt sei“ und ihn bei dem Königspaar „auszustechen“ (supplanter) suche, wies die von Ulrike vorgeschlagenen Vermittler Schwerin und Gyldenstolpe wegen ihrer Zugehörigkeit zur Französischen Partei zurück, und erklärte „kurz und bündig“ (nettement), er werde in Anbetracht der „gegenwärtigen Disposition“ des Hofes keinesfalls vor Abschluss der Reichsrathsangelegenheit einen Schritt zu Gunsten der königlichen Interessen unternehmen[208]; eine Erklärung, die er um so eher abgeben durfte, als er vor kurzem ein in noch viel schärferer Tonart abgefasstes Rescript aus Petersburg erhalten hatte[209].

So erhob sich denn ein erbitterter Streit zwischen den Mützen, welche schonungslos gegen die Franzosenfreunde im Senat vorzugehen beabsichtigten, und den Hüten, welche den Kampf energisch aufzunehmen gewillt waren und von mehreren Seiten kräftigen Beistand erhielten, so von der Dänischen Regierung, welche trotz des wenige Monate zuvor mit Russland [340] abgeschlossenen Traktats 400 000 Thaler (Kupfermünze) aus alter Anhänglichkeit zur Rettung der Reichsräthe Scheffer, Ekeblad und Fleming heimlich dem Französischen Botschafter übermitteln liess[210], so von diesem selbst, welcher die ihm vom Versailler Hofe übersandten Gelder mit vollen Händen ausstreute, um die Mehrheit in den vier Reichsständen den Mützen abtrünnig zu machen[211], so endlich von der Königin, die schon Mitte Juni sich durch einen förmlichen Vertrag mit Breteuil zur Aufrechterhaltung des Französischen Systems verpflichtet hatte[212] und nicht nur den Obersten Sinklaire anwies, mit der einige 70 Stimmen zählenden Hofpartei für die bedrohten Reichsräthe zu stimmen, sondern auch durch persönliche Intervention bei dem Landmarschall Rudbeck und seiner Gemahlin — freilich vergebens — das Loos jener zu mildern suchte[213].

Nur an einem Haar hing die schliessliche Entscheidung, da die von den Freunden der Reichsräthe vertheilten Geldsummen eine so beträchtliche Anzahl von Mützen ins eigene Lager hinüberzulocken vermocht hatten, dass am 17. August bei der Abstimmung des Adels die Französische Partei mit grosser Mehrheit siegte, im Bürgerstand nur zwei Stimmen weniger als die Gegner aufwies, während bei den Priestern sich Stimmengleichheit herausstellte und bei den Bauern überhaupt kein Beschluss erzielt wurde. Der folgende Tag aber war ein Sonntag, und in diesen 24 Stunden setzten die Mützen Himmel und Hölle in Bewegung, um den früheren Beschluss wieder rückgängig zu machen. Mit welchen Mitteln sie arbeiteten, das erwiesen die triumphirenden Worte Goodricke’s vom 19. August, die Priester seien von Neuem gewonnen[214]; mit welchem Erfolge, das zeigte die neue Abstimmung am Montag, wo die Mützen in den drei unteren Ständen einen so glänzenden Sieg davontrugen, dass die Reichsräthe Rosen, Seth, Hamilton und Fleming sich bald (27. Aug.) veranlasst sahen, dem Beispiel Ekeblad’s und [341] Scheffer’s zu folgen, die schon am 5. August ihre Entlassung genommen[215].

Nachdem der Sturz des Französischen Systems somit endgültig besiegelt, säumten die Mützen auch nicht länger, von ihrer Uebermacht Gebrauch zu machen, erkoren einen der Ihrigen, den klugen und energischen, seit langer Zeit in Russischem Solde stehenden Reichsrath Grafen Löwenhjelm[216] zum Canzleipräsidenten, d. h. zum Leiter der auswärtigen Politik Schwedens (2. Sept.) und zwangen Adolf Friedrich, die leergewordenen Reichsrathssitze mit Angehörigen der Russischen Partei zu besetzen.

Gleichzeitig mit diesen Kämpfen spielte sich in Schweden ein Vorgang ab, der mit dem Parteienstreit zwar in keinem Zusammenhang stand, aber nichtsdestoweniger viel Staub aufwirbelte, [342] da es sich um die persönlichsten Interessen und Wünsche Ulrikens handelte.

Schon im Winter 1750—51 war nach langem, vergeblichem Widerstande des damaligen Thronfolgerpaares die Verlobung des Schwedischen Erbprinzen Gustav mit der Dänischen Prinzessin Sophia Magdalena zwischen den Höfen von Stockholm und Kopenhagen rechtskräftig verabredet worden. Je näher indessen der Zeitpunkt heranrückte, wo entweder eine officielle Verlobung oder eine endgültige Absage erfolgen musste, desto heftigeren Widerwillen äusserten Adolf Friedrich, Ulrike und vor allem Kronprinz Gustav gegen die geplante Ehe[217], und im Sommer 1764 wandte sich die Königin unter bitteren Klagen über die ihr so verhasste Dänische Heirath an ihren Bruder Friedrich, um durch seine Vermittlung die Verlobung Gustav’s mit einer Preussischen Prinzessin herbeizuführen, entweder der damals dreizehnjährigen Wilhelmine, Tochter ihres Bruders August Wilhelm, oder ihrer Nichte Philippine von Schwedt. Aus der Antwort des Preussischen Königs scheint hervorzugehen, dass er einer Verbindung des Schwedischen Kronprinzen mit Philippine nicht abgeneigt war, und dass deren Mutter Sophie eine solche Heirath sogar sehnlichst wünschte[218]. Ein energisches Eingreifen seinerseits war aber um so weniger zu erwarten, als sich täglich die Anzeichen dafür mehrten, dass der Kopenhagener Hof ihn des geheimen Einverständnisses mit seiner Schwester beschuldigte und die Heirath nötigenfalls mit Gewalt zu erzwingen gedachte[219].

In heftigen Klagen erging sich Bernstorff über Ulrike wie über das Schwedische Ministerium, welches aus niedriger Schmeichelei die Vermählung Gustav’s mit einer nach Preussischen [343] Grundsätzen erzogenen und von den Decreten des Berliner Hofes abhängigen Prinzessin begünstige; und da er der Meinung war, dass man, es koste, was es woUe, „einen so unbilligen und für die Ruhe im Norden so gefährlichen Plan“ vereiteln müsse, „der augenscheinlich nur die Befestigung und andauernde Erhaltung der Preussischen Vorherrschaft in Schweden bezwecke“[220], ersuchte er Anfang März durch Osten die Russische Regierung mit „grösster Offenherzigkeit“, sie möge aus „Gerechtigkeitsliebe“, „Grossmuth“ und mit Rücksicht auf die Bewahrung der Ruhe im Norden den Grafen Osterman mit „hinreichenden“ Instructionen versehen, damit derselbe die Intriguen der Königin im Geheimen Ausschuss hintertreiben und dessen Mitglieder veranlassen könne, die Verwirkhchung des Heirathsprojects bei dem Königspaar aufs dringendste zu befürworten[221].

In Petersburg war man anfangs über diese Insinuation wenig erfreut, und Panin äusserte vertraulich zu Solms, seine Monarchin wolle „in jener Affaire völlig neutral bleiben“[222]. Bald aber machte sich die Erwägung geltend, ob man nicht aus Dankbarkeit und zur Belohnung für den Abschluss des Traktats vom 11. März wenigstens zur moralischen Unterstützung des Kopenhagener Hofes verpflichtet sei, und so liess man dem Grafen Osterman die Weisung zukommen, er möge seinen Freunden im Geheimen Ausschuss „in Form eines vertraulichen Raths“ erklären, die Russische Regierung wünsche dringend die Vollziehung der früher festgesetzten Ehe, wofern der Kronprinz nicht einen natürlichen Widerwillen dagegen bekunde[223]. [344] Kaum hatte indessen diese Instruction den Boden Russlands verlassen, als aus Stockholm eine Depesche eintraf, des Inhalts, Gustav sei nach wie vor zur Vermählung mit Sophia Magdalena wenig geneigt und wünsche weit mehr eine eheliche Verbindung mit einer Brandenburgischen, Braunschweigischen oder Englischen Prinzessin. Mit dieser Nachricht trat die Heirathsfrage für den Petersburger Hof in ein völlig neues Stadium. Die Kaiserin schrieb an den Rand der Depesche: „Die beste der drei Bräute ist anscheinend die Englische. Das ist den Intentionen Frankreichs diametral entgegengesetzt“ [224], und in ähnlichem Sinne äusserte Panin zu Osterman, er solle, „wofern die Dänischen Bemühungen nicht schliesslich die Abneigung Barer Schwedischen Majestäten überwinden“, „insgeheim“ bei Goodricke insinuiren, „ob der Londoner Hof nicht Lust habe, aus einem solchen Umstände Nutzen zu ziehen und den Schwedischen Kronprinzen mit einer der eigenen königlichen Prinzessinnen zu verheirathen“, worüber man sich in Dänemark um so eher zu trösten wissen werde, als Kronprinz Christian ja mit einer Englischen Prinzessin verlobt sei, und man ausserdem dann nicht mehr in Kopenhagen die Verbindung Gustav’s mit einer Hohenzollern-Prinzessin zu befürchten brauche[225].

Sicherlich würde Panin einen viel schärferen Ton angeschlagen haben, hätte er etwas von dem schweren Vertragsbruch geahnt, den, wie früher erwähnt, gerade in jenen Tagen Bernstorff sich zu Schulden kommen liess, indem er eine grosse Geldsumme heimlich dem Französischen Botschafter zur Rettung Ekeblad’s und Scheffer’s anwies. Denn als man Anfang August durch den Umweg über England von jener Geldsendung am Petersburger Hofe Kunde erhielt, erhob sich in Russland ein wahrer Sturm der Entrüstung. Panin, welcher das Benehmen der Dänischen Regierung um so weniger entschuldbar erachtete, als Russland dieselbe in der Heirathsangelegenheit jederzeit „auf alle mögliche Art und Weise“ unterstützt habe, sprach grollend davon, in Zukunft „auf den Dänischen Hof nicht weiter zu [345] rechnen“, da man ja jetzt gesehen, „dass weder auf sein Bejahen noch Leugnen ein sicherer Fond zu machen sei“, und erklärte, „dass gewiss kein ander Mittel sei, diese Scharte auszuwetzen, als dass der [Dänische] König ... wenigstens 40—50 000 Thaler Banko nach denen Absichten des hiesigen Hofes gleichfalls in Schweden verwenden müsse, um den Schaden, welchen das Dänische Geld dem hiesigen Hofe verursachet, dadurch wiederum zu vergüten“[226]. Zwar entfaltete Bernstorff seine ganze diplomatische Begabung, um sein Vorgehen zu rechtfertigen, erging sich in versteckten Anklagen gegen Osterman, dem die Hauptschuld an dem gespannten, wenig vertraulichen Verhältniss der beiderseitigen Gesandten in Stockholm zuzuschreiben sei, und betonte ausserdem das Demüthigende der Russischen Forderung für seinen Monarchen[227]. Aber Panin beharrte bei seiner Forderung und versicherte kurz und bündig, „dass dem Dänischen Hofe, es mag derselbe so viel Winkelzüge machen, wie er wolle, und ebenso viel weit hergesuchte Ausflüchte ersinnen, um sein schändliches Betragen zu beschönigen, dennoch kein anderes Mittel übrig bleibet, das Vergangene wieder gut zu machen“. Nur hinsichtlich der Form wollte er sich zu Concessionen herbeilassen, da es ja gleichgültig sei, „unter was für einer Rubrik“ die Dänische Regierung „Unserm Verlangen ein Genüge leisten wolle“[228].

Den Bemühungen des Holsteinischen Günstlings der Kaiserin, K. v. Saldem, und des neuen Dänischen Gesandten am Petersburger Hofe, Graf Asseburg, gelang es jedoch bald, den Sturm zu beschwichtigen, und schon Ende October zog Panin in einem Erlasse, der dem Kopenhagener Hofe zur Kenntnissnahme unterbreitet werden sollte, weit mildere Saiten auf. Er gab nämlich die Versicherung, an dem dritten Geheimartikel des Traktats vom 11. März unverbrüchlich festhalten zu wollen, welcher ja Tor allem die Zerstörung des fremden, d. h. Französischen Einflusses in Schweden bezwecke, wies nicht ohne Ironie darauf hin, dass die dem Baron Breteuil zur Rettung der drei Reichsräthe [346] zur Verfügung gestellte Summe wohl kaum zum Vortheil der Antifranzösisch gesinnten Mützen beigetragen habe, hob wahrheitsgemäss hervor, dass Osterman erst vor wenigen Tages mit „noch viel positiveren Instructionen“ zur Förderung des Dänischen Heirathsprojects versehen worden sei[229] da man in Erfahrung gebracht habe, dass Gustav trotz aller Intriguen und Bemühungen seiner Eltern die Zustimmung zu der geplanten Ehe nicht mehr versagen wolle, und verlangte schliesslich die Auszahlung der 50 000 Thaler als des besten Mittels zur schnellen und wirksamen Durchführung des dritten Geheimartikels und zur Consolidirung des guten Einverständnisses zwischen der Dänischen und Russischen Regierung[230].

Diese massvollen Worte übten auf Bernstorff die günstigste Wirkung. Er zögerte nicht länger, die Forderung Panin’s zu befriedigen[231], und das Endergebniss des Zwischenfalls war eine noch festere Verbindung, eine noch innigere Harmonie zwischen den Höfen von Petersburg und Kopenhagen in der Heirathsfrage[232].

Unter solchen Umständen wäre es sicherlich für Ulrike das Beste gewesen, dem Beispiel ihres Sohnes Gustav zu folgen, welcher Ende September endlich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und seine Zustimmung zu der beabsichtigten Ehe gegeben hatte[233]. [347] Aber der Unwille der Königin war stärker als ihre Selbstbeherrschung. Der Abneigung gegen Sophia Magdalena lieh sie nach wie vor in ungeschminkten Worten Ausdruck, und in ihrem Auftrage musste sich Gyldenstolpe zu Cocceiji und Stachiew begeben, um über die Absichten Preussens und Russlands in der Heirathsaffaire nähere Kunde einzuholen. Freilich konnte jener über das Resultat seiner Nachforschungen nur wenig Erfreuliches berichten. Denn der Preussische Gesandte erklärte ihm trocken, die Königin sei vermuthlich durch die Privatbriefe ihres Bruders über dessen Absichten weit besser als er selbst unterrichtet, und Stachiew versicherte zwar, Katharina habe ihm noch kurz vor seiner Abreise erklärt, sie beabsichtige „in keiner Weise dem Geschmack des Prinzen einen Zwang anzuthun“, und sprach die Hoffnung aus, seine Monarchin werde bald „von den Vorurtheilen zurückkommen“, welche die „stark aufgetragenen“ Berichte Osterman’s ihr eingeflösst hätten, betonte aber gleichzeitig die Nothwendigkeit weiterer Auseinandersetzungen mit letzterem, da er selbst nur wenig auszurichten vermöge[234].

Die mehrfachen Unterredungen freilich, welche, wie Stachiew angerathen, zwischen dem Russischen Gesandten und verschiedenen Persönlichkeiten des Hofes im Verlaufe des October stattfanden[235], verliefen sämmtlich resultatlos, da das Königspaar unter keinen Umständen das Verlangen der Kaiserin nach sofortiger Entfernung des Obersten Sinklaire erfüllen wollte, während die Schwedische Forderung, die Russische Regierung solle öffentlich erklären, dass sie niemals die Vermählung Gustav’s mit einer [348] Dänischen Prinzessin gestatten werde, naturgemäss in Petersburg auf den heftigsten Widerstand stiess[236]. Genug, seit Mitte November sehen wir den Grafen Osterman in treuer Gemeinschaft mit Schack und den Mützen das Dänische Heirathsproject auf dem Stockholmer Reichstage betreiben, und der Widerstand Ulrikens musste um so schneller erlahmen, als binnen kurzer Zeit es sich deutlich herausstellte, dass sogar ihre eigenen Freunde eine Heirathsverbindung mit Dänemark für Schweden vortheilhaft erachteten, und dass Friedrich der Grosse keineswegs gewillt war, aus der bisher von ihm beobachteten Zurückhaltung zu Gunsten seiner Schwester herauszutreten[237]. Kein Wunder daher auch, dass die von Russland kräftig unterstützten[238] Wünsche Dänemarks eine schnelle und günstige Erledigung fanden. Am 4. Februar 1766 erklärte der Geheime Ausschuss die von dem Königspaar 1750—51 eingegangenen Verpflichtungen für bindend und rechtskräftig, und am 3. April wurde die Verlobung in der Schwedischen und Dänischen Hauptstadt feierlich verkündet[239].

Es ist eine eigentümliche Fügung des Schicksals, dass unmittelbar, nachdem durch das Eingreifen des Geheimen Ausschusses die Heirathsfrage in Dänischem Sinne entschieden worden, sich in der Schwedischen Hauptstadt ein anderer für die Entwicklung der Nordischen Frage hochbedeutsamer Act vollzog, der Abschluss eines Englisch-Schwedischen Bündnisses, mit dessen [349] Vorgeschichte wir uns um so eingehender zu beschäftigen haben, als dieselbe einen vorzüglichen Einblick in die so mannigfaltigen Nordischen Interessen der Europäischen Mächte gewährt.

Wie früher erwähnt, waren England und Russland schon vor Beginn des Reichstages darin einig gewesen, dass man unter jeder Bedingung dem Franzosischen Einfluss in Schweden Schranken setzen müsse. Aber hinsichtlich der Massregeln zur Erreichung des gemeinsamen Zieles herrschte die grösste Meinungsverschiedenheit. Denn weder in Petersburg noch in London war man geneigt, die Subsidienzahlung zu übernehmen, welche Frankreich bisher an Schweden geleistet, und ohne welche dieses Reich für die Alliirten nur einen unnützen, ja gefährlichen Ballast bildete; und während das Grossbritannische Ministerium erklärte, es wolle in der Subsidienfrage gern dem Petersburger Hofe den Vorrang überlassen, behauptete dieser, der Londoner Hof habe an einer Systemsänderung in Schweden ein weit bedeutenderes Interesse als Russland und sei daher auch zu grösseren Geldopfern verpflichtet[240]. Wie wenig die Vorstellungen Panin’s bei dem Englischen Ministerium anfangs fruchteten, das erweisen die Vorgänge bei Beginn des Reichstages. Denn wenn Goodricke seinen Russischen Collegen auch durch Rathschläge und durch Mittheilung der aufgefangenen Berichte Breteuil’s in dankenswerther Weise unterstützte, so vermochte er doch nicht eben Pfennig in die gemeinsame Bestechungskasse abzuliefern, da er seit der Sendung von 4000 Pf. St. im November 1764 von seinem Ministerium trotz wiederholter Bitten nichts erhalten hatte und sich daher seit Anfang Februar 1765 selbst völlig „auf dem Trockenen“ befand[241]. Ja, die Indolenz des Grossbritannischen [350] Ministeriums ging so weit, dass Lord Sandwich Mitte Januar dem Russischen Gesandten in London erklärte, es sei ihm völlig gleichgültig, ob die Französisch-Schwedische Allianz zu Stande käme, da er jederzeit in der Lage sei, die von Schweden den Franzosen versprochene Hilfe zur See durch die Englische Flotte unwirksam zu machen[242]; wesshalb Panin sich bereits mit dem Gedanken einer Erneuerung der Schwedisch-Französischen Allianz vertraut machte und für diesen „äussersten Fall“ den Grafen Osterman anwies, bei den „Wohlgesinnten“ dahin zu wirken, dass der neue Vertrag Schweden nur zum Beistand zur See verpflichten solle, da eine solche Verpflichtung sich „weniger direct“ auf Russland beziehe und ausserdem der Englischen Regierung einen heilsamen Schrecken einflössen könne[243].

Die glänzenden Erfolge indessen, welche Russland in den ersten Wochen der Reichtagssession davontrug, machten den Londoner Hof bald gefügiger, und Mitte März erkundigte sich der neue Gesandte in Petersburg, Macartney, im Auftrage seiner Regierung, eine wie grosse Summe wohl jährlich nothwendig sei, wenn England behufs Aufrechterhaltung des Nordischen Systems ein Bündniss nebst Subsidienvertrag mit Schweden abschliessen wolle; worauf Panin ihm erwiderte, ausser den Einzelpensionen würden wohl 200—250 000 Rubel genügen[244].

Es hatte in der That den Anschein, als sei man in London ernstlich gesonnen, den früheren Fehler wieder gut zu machen und das Versäumte nachzuholen, zumal Anfang April ein Rescript nach Petersburg abging, in welchem Sandwich mittheilte, dass Goodricke „mit Vollmachten und Instructionen“ versehen worden sei, um „unverzüglich“ „unter Beiseitelassen aller unnöthigen und heiklen (embarassing) Punkte“ eine solche Defensivallianz mit Schweden abzuschliessen, wie sie am besten sich mit der Absicht einer Vereinigung mit Russland und einer „respectablen Nordischen Allianz“ vertrüge[245]. [351] Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn in Petersburg anfangs heller Jubel herrschte, wenn Panin seinen Lieblingstraum einer Nordischen Allianz der Verwirklichung nahe wähnte und daher dem Grafen Osterman befahl, bei den Wohlgesinnten auf sofortige Annahme der Englischen Bündnisspropositionen hinzuwirken[246]. Nur die Preussische Regierung bezweifelte in Anbetracht der „Indolenz“ des Londoner Ministeriums in der auswärtigen Politik und mit Rücksicht auf die starke parlamentarische Opposition in England von vornherein die Aufrichtigkeit der Englischen Vorschläge[247], und zwar mit Recht. Denn es stellte sich bald heraus, dass Goodricke von seiner Regierung nur 2000 Pf. St. sowie den ausdrücklichen Befehl erhalten hatte, den Schweden keine Aussicht auf Bewilligung von Subsidien zu geben[248], und dass es dem Grossbritannischen Ministerium weit mehr um den Abschluss des Handelsvertrages mit Russland, als der Defensivallianz mit Schweden zu thun war.

Erst nachdem zu London ein Ministerwechsel erfolgt und Herzog Grafton[WS 36] als Staatssecretär an die Spitze des Nordischen Departements getreten war, schien sich ein etwas frischerer Zug in der Englischen auswärtigen Politik geltend zu machen. Denn abgesehen davon, dass schon im August eine — freilich geringe — Geldsendung aus England nach Stockholm abging, und dass Grafton in Bälde „neue Mittel zur Förderung der Schwedischen Angelegenheiten“ an Goodricke senden zu wollen versprach[249], so kam endlich auch (Mitte Aug.), namentlich in Folge der Bemühungen des Russenfreundlichen Gesandten Macartney[250], in Petersburg ein Handelsvertrag zwischen England [352] und Russland zu Stande, und Panin, welcher nunmehr alle Schwierigkeiten für gehoben erachtete, ertheilte Gross die Weisung, bei Grafton zu insinuiren, „dass jetzt die beste Zeit zur Erneuerung des Englisch-Russischen Bündnisses gekommen sei, und dass der Londoner Hof behufs eines schnelleren Abschlusses der Defensivallianz mit Schweden seinen Gesandten in Stockholm mit wenigstens 40000 Pf. St. versehen müsse“[251].

Aber wiederum war die Freude in Petersburg nur von kurzer Dauer. Denn der neue Staatssecretär lobte und billigte zwar den Russischen Vorschlag einer Nordischen Allianz in überschwenglichen Worten, bezeichnete aber gleichzeitig die von Panin gemäss den früheren Verträgen mit Preussen und Dänemark geforderte Subsidienzahlung an Russland im Falle eines Türkischen Angriffskrieges als für den Londoner Hof unannehmbar, da sie die Englischen Handelsinteressen schädige[252], und befahl dem Gesandten Goodricke, entgegen seinen früheren Versprechungen, mit Eröffnung der Allianzverhandlungen so lange zu zögern, bis er von Macartney „die Nachricht von dem wirklichen Austausch der auf den neuen Handelsvertrag bezüglichen Ratificationen“ erhalten, ein deutlicher Beweis, wie geringen Werth er einem Englisch-Schwedischen Defensivbündniss beimass[253].

Natürlich war man am Petersburger Hofe über diese neue Verzögerung sehr ungehalten, und die Russische Kaiserin lieh ihrem Unwillen in scharfen Worten Ausdruck, indem sie an Panin schrieb, er solle sich bemühen, dass Goodricke endlich „angemessene Instructionen“ empfinge, und ausserdem Macartney sagen, dass die Engländer „alles Gute, was Wir auch immer anfangen, mit ihren Krämerseelen verderben“[254]. Gleichwohl erhielt Goodricke erst Anfang December endlich die Erlaubniss zur[255][353] Eröffnung der Unterhandlungen und ausserdem eine Summe von 2000 Pf. St., jedoch mit dem ausdrücklichen Befehl, dieselbe erst nach Unterzeichnung des Vertrages auszutheilen[256]. Was das Englische Allianzproject selbst angeht, so war es ungemein farblos gehalten und entsprach so am besten den Wünschen der Schwedischen Regierung, welche, wenn irgend möglich, einen Bruch mit Frankreich vermeiden wollte. Desshalb nahmen auch die Verhandlungen einen schnellen Verlauf, und schon am 5. Februar 1766 wurde das Defensivbündniss unterzeichnet, in welchem die beiden Contrahenten sich lediglich zur eventuellen Leistung der „bona officia“ verpflichteten, und in welchem von einer Subsidienzahlung Englischerseits gar nicht die Rede war[257].

Die Kunde von dem Abschluss der Schwedisch-Englischen Defensivallianz erregte am Petersburger Hofe lebhafte Befriedigung, und sogar die übermüthige Antwort Grafton’s auf die Glückwünsche des Russischen Gesandten[258] vermochte dieser Freude nur geringen Abbruch zu thun, da man der Meinung war, dass jenes Bündniss immerhin einen nicht unwichtigen Schritt auf dem Wege zur grossen „Nordischen Allianz“ bedeute, einer Meinung, welche durch andere günstige Umstände, wie die Thronbesteigung des mit einer Englischen Prinzessin verlobten Dänischen Kronprinzen Christian und die bevorstehende Verlobung Gustav’s mit Sofia Magdalena, noch neue Nahrung erhielt. Kein Wunder daher auch, dass Panin seine alten Lieblingspläne, welche durch die Vorgänge auf dem Schwedischen Reichstage einstweilen in den Hintergrund zurückgedrängt waren, nunmehr mit frischen Kräften wieder aufnahm und für die „Nordische Allianz“ überall Stimmung zu machen suchte.

Das Haupthinderniss, welches sich bisher einer Verwirklichung [354] seiner Idee eines Nordischen Systems entgegengestellt hatte, war, wie schon früher erwähnt, die andauernd heftige Spannung zwischen den Höfen von Berlin und London gewesen. Ja, der Hass gegen Preussen bildete einen so wichtigen Factor der damaligen Englischen Politik, dass eine Versöhnung der beiden Gegner als eine Herkulesarbeit, wenn nicht als gänzlich ausgeschlossen erscheinen musste.

In der That erwiesen sich die Russischen Vermittelungsversuche im Jahre 1765 als wenig wirksam. Denn das Grossbritannische Ministerium suchte, freilich vergebens, dem Grafen Panin zu beweisen, wie wenig Verlass auf den Preussischen König und wie nothwendig es daher für Russland sei, sich durch ein Bündniss mit England „zu stärken“[259], während Friedrich der Grosse eine solche Allianz unter allen Umständen vermieden zu sehen wünschte und beispielsweise nach Bekanntwerden des Russisch-Englischen Handelsvertrages dem Grafen Solms schrieb, es sei nicht im geringsten daran zu denken, dass er seinerseits neue Verbindungen mit England eingehen werde, bevor sich nicht ein „solider Ministerwechsel“ in London vollzogen habe[260].

Aber je mehr sich Graf Panin von der Abneigung des Preussischen Königs gegen England und überhaupt gegen ein „Nordisches System“ überzeugen musste, desto eifriger bemühte er sich, demselben die Notwendigkeit und Nützlichkeit eines solchen Systems begreiflich zu machen. So äusserte er Anfang Februar 1766 zu Solms, nach seiner Ansicht müsse man in die Preussisch-Russische Allianz alle Mächte und Fürsten aufnehmen, welche zu Gegenmassregeln gegen die Pläne der Häuser Bourbon und Oesterreich ihre Hand bieten wollten[261], und wenige Wochen später erhielt der Günstling Katharina’s, der uns schon bekannte Kaspar v. Saldern, den Befehl, bei seiner Reise über Polen nach Dänemark in Berlin Halt zu machen, um dort König Friedrich zu den Ideen der Russischen Regierung zu bekehren, eine Aufgabe, die um so schwieriger erschien, als schon wenige [355] Tage nach seiner Abreise ein umfangreiches Schriftstück in Petersburg eintraf, in welchem der Preussische Monarch auf Grund der Unterredung zwischen Panin und Solms im Anfang Februar die einzelnen Fürsten und Mächte Revue passiren liess, mit denen Preussen-Russland eventuell eine gegen den Bourbonischen Familientractat gerichtete Allianz eingehen könne, und in welchem er zu dem betrübenden Resultat gelangte, dass ausser Polen keine Macht in Europa gegenwärtig für einen engeren Anschlugt an das Preussisch-Russische Bündniss geeignet sei[262]. Aber der Optimismus war nun einmal am Petersburger Hofe unausrottbar, und die Russische Kaiserin hoffte ihren Bundesgenossen durch eigenhändige „Méditations“ zu dessen „Observation“ eines Besseren belehren zu können, die sie am 29. April nebst dem Original dem Grafen Solms zur Weiterbeförderung übermitteln und an demselben Tage ihrem Bevollmächtigten Saldern als Richtschnur für seine Konferenzen mit Friedrich dem Grossen abschriftlich zustellen liess[263].

Am 19. Mai hatte Saldern in Charlottenburg seine erste Audienz bei dem Preussischen Könige, welcher ihn zunächst über die Zustände in Polen ausforschte und dann eingehend erörterte, dass Russland und Preussen keiner weiteren Allianz bedürften, während der Russische Abgesandte mit Hinweis auf die Verbindung der Häuser Bourbon und Oesterreich energisch die entgegengesetzte Meinung vertrat und in längerer Rede die Notwendigkeit und Nützlichkeit einer Nordischen Allianz darzulegen suchte. Als er aber u. a. Preussen, Russland und England als die „drei aktiven Mächte“ des Nordens bezeichnete, rief Friedrich lachend, der Englische König sei „der schwächste Mensch von der Welt“, „wechsle seine Minister, wie er seine [356] Hemden wechsle“, und auf das Grossbritannische Ministerium sei erst recht kein Verlass. Vergebens versicherte Saldern, es könne eine Zeit kommen, wo England anderen Ansichten huldigen werde, und lenkte die Aufmerksamkeit des Königs auf Schweden. Dänemark, Hessen, Braunschweig und Sachsen, die man als „passive Kräfte“ für ein Nordisches System bezeichnen dürfe. Kaum hatte Friedrich den Namen Sachsens vernommen, als er unwillig auffuhr und „mit blitzenden Augen“ erklärte, der Dresdener Hof stehe mit Oesterreich und den Bourbonen in so enger Verbindung, dass ein solcher Plan als „Chimäre“ bezeichnet werden müsse. Genug, die Unterredung verlief in ihrem letzten Theile äusserst gereizt und völlig resultatlos[264].

Noch geringeren Erfolg erzielte eine zweite Audienz am 24. Mai, deren Gedankengang völlig dem Schriftstück entsprach, welches, wie oben erwähnt, Friedrich im März an Katharina übersandt hatte. Wiederum erklärte der Preussische König, dass von Oesterreich und seinen Verbündeten wenig zu befürchten und eine Erweiterung der Russisch-Preussischen Allianz daher unnöthig sei. Wiederum bezweifelte er den Anschluss Dänemarks wegen seiner kläglichen Finanzlage und eine Theilnahme der Deutschen Fürsten aus gleichem Grunde, denn „kein Geld, keine Deutschen“. Ja, er nannte die „Krämerrepublik“ England und ihre Bewohner „miserabel“ und sagte höhnisch, als die Rede auf die Schweden kam, man dürfe denselben nicht die Ehre anthun, sie überhaupt als „Nation“ zu rechnen; so tief seien sie gesunken. Vergebens suchte Saldern durch seine Einwendungen die Vorurtheile Friedrich’s zu besiegen. Hartnäckig beharrte derselbe bei seinen Ansichten, und, als der Abgesandte gar die Ungeschicklichkeit beging, im Namen Katharina’s ihm „gute Nachbarschaft“ mit dem Dresdener Hofe zu empfehlen, da kannte der Zorn des Königs keine Grenzen. In den heftigsten Worten äusserte er seinen Groll gegen Sachsen und verabschiedete Saldern mit den Worten: „Mein Herr, ich glaube, Sie haben es eilig, und wünsche Ihnen daher eine glückliche Reise[265]!“ [357] Höflicher, aber gleichfalls durchaus ablehnend waren die Worte des Schreibens, welches er noch am Tage dieser Unterredung an die Russische Kaiserin richtete[266]. Und konnten seine Worte etwa anders lauten, wenn wir in seinen Memoiren lesen, dass er eine Nordische Allianz für unvereinbar mit den Interessen Preussens, einen Anschluss Schwedens, Dänemarks und Sachsens an das Preussisch-Russische Bündniss ohne eine Subsidienbeihilfe für „nichtig“ erachtete, dass er mit dem „perfiden“ England keinesfalls eine engere Verbindung eingehen und seinen Einfluss auf Katharina mit Niemandem theilen wollte[267]?

So scheiterte denn die Mission Saldern’s in kläglicher Weise.

Auch zu Stockholm hatten gerade in jenen Tagen die Dinge eine für Russland ungünstigere Wendung genommen. Es machte sich eben die alte Erfahrung geltend, dass die siegreiche Partei in Schweden nur so lange fest und treu zusammenhielt, als sie sich einer starken parlamentarischen Opposition gegenüber befand. Genug, schon im Herbst 1765 gewannen persönliche Interessen bei den Mützen die Oberhand, und die Hüte sowie Ulrike hatten leichtes Spiel, die Uneinigkeit bei den Gegnern kräftig zu schüren und zu heller Flamme zu entfachen. Zwar vertheilte der Russische Gesandte nach wie vor beträchtliche Geldsummen[268], um seine Freunde bei guter Laune zu erhalten; aber dennoch konnte er es nicht verhindern, dass viele derselben im Laufe der nächsten Monate ins Lager des Hofes übergingen, so dass beispielsweise die Absetzung K. Rudenschölds, der letzten Stütze der Französischen Partei im Reichsrath, erst nach den heftigsten Kämpfen und mit knapper Mehrheit erfolgte (13. Mai 1766). [358] Unter solchen Umständen kann es nicht befremden, dass die Russische Partei und Osterman von panischem Schrecken ergriffen wurden, als am 16. Mai die Kunde vom Ausbruch eines Bauernaufruhrs in Westergötland nach Stockholm gelangte. Obwohl der Aufstand durchaus ungefährlich und schon nach vier Tagen unterdrückt war, glaubte der Russische Gesandte in demselben das erste Anzeichen einer grossen Revolution in Schweden erblicken zu müssen und versicherte seiner Regierung, das einzige Mittel zum Schutze der bestehenden Verfassung sei die Uebergabe einer gemeinsamen Declaration Russlands, Preussens, Englands und Dänemarks[269], während die drei unteren Stände in der ersten Bestürzung die Einsetzung einer ausserordentlichen Ständecommission zur Aburtheilung der Empörer beschlossen. Dieser gesetzwidrige Beschluss beschwor die heftigsten Scenen im Reichstage herauf. Denn das in seiner Mehrheit nunmehr aus Anhängern Frankreichs bestehende Ritterhaus versagte hartnäckig seine Zustimmung, da es in jener Commission mit Recht nichts Anderes als eine gegen die eigene Partei gerichtete Waffe erblickte.

Binnen kurzem gewann jedoch bei den Führern der beiden feindlichen Parteien eine versöhnlichere Stimmung die Oberhand, theils infolge der allgemeinen Reichstagsmüdigkeit, theils infolge der Erkenntniss, wie nothwendig die friedliche Beilegung eines Zwistes war, der zu den schärfsten Verfassungsconflicten und vielleicht sogar zur Einmischung des Auslandes führen konnte. So kam denn ein Compromiss zu Stande, indem die Hüte ihren Widerstand fallen liessen, die Mützen dagegen den Wirkungskreis der Commission eng begrenzten; und als aus London und Kopenhagen die Erlaubniss für Goodricke[270] und Schack[271] eintraf, [359] im Einvernehmen mit Osterman die zum Schutze der Schwedischen Regierungsform notwendigen Massregeln zu ergreifen, als dieser aus Petersburg endlich den Wortlaut der Declaration nebst weiteren Verhaltungsbefehlen erhielt[272], herrschte auf dem Reichstage bei den Verhandlungen eine derartige Ruhe, dass die Ueberlieferung der Declaration als gänzlich überflüssig erscheinen musste und daher bis auf weiteres unterblieb[273].

Dies war das letzte Aufflackern des Parteikampfes während des Reichstages. Denn die in den folgenden Monaten von den Mützen vorgeschlagenen Verfassungsänderungen, „welche das Insiegel auf die Bedeutungslosigkeit der Königsherrschaft in Schweden drückten“[274], wurden nach kurzer Debatte in allen vier Ständen zum Beschlüsse erhoben[275], und am 15. Okt. erfolgte endlich der von der Russischen Regierung so sehnlich begehrte Schluss der Reichstagssession.[276][360] Aber die Zurückhaltung, welche die Hofpartei in jenen Tagen zur Schau trug, war nicht eine Grabesruhe, sondern eine Gewitterschwüle, und schon standen am fernen Horizont die drohenden Wolken eines festgefügten Bündnisses zwischen dem Schwedischen Königspaar und der Französischen Regierung, welche sich langsam näherten, um sich endlich in wuchtigen Schlägen über den Anhängern Russlands zu entladen.

(Schluss folgt.)

[073]
Beiträge zur Geschichte der Nordischen Frage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Von
Fritz Arnheim.
(Schluss.)
V.

Die Nordische Politik der Europäischen Mächte in den Jahren 1767-1769.
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Im April 1766 übernahm der Herzog von Choiseul von Neuem die Leitung des Französischen Auswärtigen Ministeriums; ein Ereigniss, dessen Bedeutung für die spätere Gestaltung der Nordischen Frage nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Denn eine der ersten Amtshandlungen des neuen Ministers war die Absendung einer Instruction an den Baron Breteuil in Stockholm, welche einen radicalen Umschwung in der Schwedischen Politik Frankreichs bezeichnete. In diesem Erlasse[277] räumte der Herzog nämlich unumwunden ein, dass der Versailler Hof einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, indem er die Freiheitspartei in ihren Bestrebungen zur Unterdrückung der königlichen Gewalt unterstützte, bewies er an der Hand der politischen Vorgänge in Schweden während der letzten Jahrzehnte, dass nur ein monarchisches Schweden für Frankreich ein werthvoller Bundesgenosse sein könne, und ertheilte schliesslich im Aufträge Ludwig’s XV., der mit den früheren „Vorurtheilen“ völlig gebrochen habe, dem Gesandten die Weisung, fortan mit aller [074] Kraft auf eine „solide“ Wiederherstellung der monarchischen Gewalt vermittelst einer Revolution hinzuwirken, und sich zu diesem Behufe mit dem Königspaar und dessen Vertrauten, wenn möglich aber auch mit den früheren Anhängern Frankreichs, in Verbindung zu setzen.

Nach den Antecedentien der Freiheitspartei konnte es nicht Wunder nehmen, dass der neue Französische Operationsplan in ihren Kreisen auf heftigen Widerstand stiess, und dass ihre Führer, Graf Fersen und K. Scheffer, dem Herzog schriftlich erklärten, eine Verfassungsänderung könne wegen der Unbeliebtheit des Schwedischen Königspaares nur auf legalem Wege durch Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages erfolgen. Aber gerade dies war nach Choiseul’s Ueberzeugung ein durchaus verfehltes Mittel und er beschloss, Schweden zunächst seinem Schicksal zu überlassen, um dadurch den Schweden den Werth der Französischen Freundschaft noch klarer vor Augen zu stellen, die nordischen Gegner Frankreichs aber durch gut gespielten Indifferentismus in vollständige Sicherheit einzuwiegen. Breteuil musste Frühjahr 1767 auf Geheiss seiner Regierung um einen längeren Urlaub nachsuchen, und wenige Wochen nach seiner Abreise erhielt man in Stockholm die Kunde von seiner Abberufung[278].

Die Systemsänderung des Versailler Hofes blieb nicht lange ein Geheimniss. Denn der englische Nachrichtenapparat aus Paris fungirte auch diesmal vortrefflich, so dass Osterman und Cocceiji schon im Juli 1766 auf Grund der vertraulichen Mittheilungen Goodricke’s ihren Regierungen über die allgemeinen Umrisse des Französischen Operationsplans genauen Bericht erstatten konnten[279]. Gleichwohl vermochte die Besorgniss vor einer etwaigen gewaltsamen Verfassungsänderung in Schweden bei den franzosenfeindlichen Mächten nicht feste Wurzel zu fassen, da [075] die letzten Abstimmungen vor Schluss des Reichstages das felsenfeste Uebergewicht der Russenfreunde über ihre Gegner erhärteten. Ja, zu Beginn des Jahres 1767 sehen wir sogar den Grafen Panin von Neuem mit Versuchen beschäftigt, welche die Erreichung einer sicheren Grundlage für ein später zu errichtendes Nordisches System bezweckten.

Noch fehlte viel an der Verwirklichung seiner Projecte. Aber aussichtslos erschienen dieselben keineswegs, wofern es nur gelang, die zwischen den einzelnen Verbündeten und Freunden Russlands noch bestehenden Misshelligkeiten auszugleichen. Denn schon bestand eine Allianz Russlands mit Preussen und Dänemark; schon war der Londoner Hof durch einen Handelsvertrag in engere Beziehungen zu der Petersburger Regierung getreten, und auch die Vermählung des Schwedischen Kronprinzen mit einer Dänischen, des Dänischen Königs mit einer Englischen Prinzessin, sowie der Abschluss eines freilich ziemlich bedeutungslosen Englisch-Schwedischen Bündnisses konnten immerhin als die ersten Maschen eines die Nordischen Mächte umschliessenden, grossen Netzes gedeutet werden.

Vor allem aber hatte es anfangs den Anschein, als würde die auswärtige Politik Grossbritanniens nach der Ernennung von Lord Chatham (W. Pitt) zum Premierminister eine bestimmtere Färbung im Sinne der Nordischen Allianzidee erhalten.

Nur in Kopenhagen fanden jedoch die Englischen Annäherungsversuche einigermassen Anklang, indem der vorsichtige Graf Bernstorff zwar die von dem Londoner Hofe angebotene Vermittelung in der Holsteinischen Angelegenheit September 1766 höflich ausschlug und einige Wochen später einen Allianzvorschlag der Grossbritannischen Regierung gleichfalls ausweichend beantwortete, andererseits aber nichts verabsäumte, was das durch dynastische Familienbande neugeschaffene Freundschaftsverhältniss zwischen den beiden Staaten zu kräftigen und zu befestigen vermochte[280].

Hingegen misslangen die Bemühungen Chatham’s, auch mit der Preussischen Regierung intimere Beziehungen anzuknüpfen. [076] Er hatte A. Mitchell nach Berlin entsandt, welcher bereits vor einem Jahrzehnt und während des grösseren Theils des siebenjährigen Krieges der Vertreter Englands bei Friedrich d. Gr. gewesen und einer beissenden Bemerkung K. v. Saldern’s an Panin zufolge seit dieser Zeit „dem Preussischen Könige grenzenlos ergeben und in die Nothwendigkeit eines sehr engen Bündnisses zwischen England und Preussen vernarrt“ war[281]. Mitchell that auch in der That sein Bestes, um die ihm gestellte, schwierige Aufgabe zu lösen. Aber die Abneigung Friedrich’s gegen ein Bündniss mit England war unüberwindlich, und das beiderseitige Verhältniss blieb wie früher ein geschäftsmässig kühles.

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen der Englische Premierminister enttäuscht und missmuthig vorläufig auf alle weiteren Allianzgedanken verzichtete, und dass die Versuche Panin’s, Grossbritannien zu einem wirksameren Werkzeug für seine Pläne zu machen, in London auf heftigen Widerstand stiessen.

Die Russische Regierung wünschte eine Allianz mit England aufs Lebhafteste. Aber den Preis, den man hierfür forderte, d. h. die Verzichtleistung auf den Türkischen Artikel, ohne welche Chatham sich unter keiner Bedingung zu der von Russland geforderten Subsidienzahlung an Schweden verstehen wollte, mochte und konnte man in Petersburg wegen der früher mit Preussen und Dänemark eingegangenen Verträge nicht zahlen. In einer Unterredung mit dem Englischen Gesandten Macartney äusserte Panin seinen lebhaften Unwillen über die „Knickerei“ (parsimony) der Engländer und erklärte, er werde sich nicht weiter um die Grossbritannische Regierung kümmern, sondern sein Nordisches System unabhängig von derselben so gut als möglich einzurichten suchen, wofern England noch länger bei seiner Weigerung beharre und dadurch ihn selber zur Subsidienzahlung an Schweden nöthige[282]. Allein auch diese Drohung verfehlte ihre Wirkung. Denn, anstatt sich einschüchtern zu lassen, versicherte das Englische Ministerium mit gut gespielter Entrüstung, Grossbritannien habe seine Uneigennützigkeit vollauf durch den Vertrag mit [077] Schweden vom 5. Februar 1766 bewiesen, welcher den Russen freies Feld in Schweden verschafft habe und für die dortigen Interessen Frankreichs ein „tödtlicher Schlag“ gewesen sei. Gern wolle man in London die Verbindung mit dem Petersburger Hofe noch herzlicher und freundschaftlicher gestalten, aber nicht um den Preis weiterer Zugeständnisse und Subsidienzahlungen[283].

Natürlich waren solche Worte keineswegs dazu angethan, die Situation zu verbessern. Die Verhandlungen zwischen England und Russland kamen nicht vom Flecke, und die beiderseitigen Beziehungen wurden eher kühler, denn herzlicher; wozu nicht am Wenigsten die geschickten Einflüsterungen des Preussischen Cabinets und der persönliche Einfluss König Friedrich’s auf die Kaiserin Katharina beitrugen[284].

Während demnach die Versuche Panin’s, die finanziellen Kräfte Grossbritanniens den Zwecken der Nordischen Allianzidee dienstbar zu machen, als im wesentlichen gescheitert angesehen werden mussten, erzielte die Russische Diplomatie in jenen Tagen zu Kopenhagen und Warschau nicht unbedeutende Erfolge.

Ende November 1766 war K. v. Saldern, dem die Russische Kaiserin die Verhandlungen in der Holsteinischen Angelegenheit anvertraut hatte, in der Dänischen Hauptstadt eingetroffen, und wenige Tage später folgte ihm der nach dem Tode Korff’s (7. April) neuernannte Russische Gesandte, Generalmajor Filosofov. Zieht man in Betracht, dass Saldern seit seinem Berliner Aufenthalt von schrankenlosem Hasse gegen Friedrich d. Gr. erfüllt war und nichts lebhafter begehrte, als zwischen dem Berliner und Petersburger Hofe Unfrieden zu stiften und durch eine möglichst enge Verbindung Russlands mit Dänemark den Preussischen König misstrauisch oder gar der Russischen Allianz abwendig zu machen, dass ferner Filosofov nicht minder als Saldern [078] die Nothwendigkeifc einer endgültigen Beseitigung der letzten Dänisch-Russischen Missverständnisse empfand, und dass beider Bestrebungen von Bernstorff wie Panin durchaus gebilligt wurden. — so kann es kaum befremden, dass die Dänisch-Russischen Verhandlungen in Kopenhagen einen glatten Verlauf nahmen und schon am 22. April 1767 zur Unterzeichnung eines provisorischen Tractats in der Holsteinischen Frage führten, trotz der Gegenbemühungen der Grossbritannischen Diplomatie und der Intriguen des Preussischen Gesandten v. Borcke, welcher damals im Aufträge seines Königs auf den Sturz des Dänischen Premierministers und dessen Ersetzung durch den preussenfreundlichen Grafen Asseburg eifrig hinarbeitete[285].

In Polen war der durch Russische und Preussische Hilfe (September 1764) zum König erwählte, ehemalige Liebhaber Katharina’s, Stanislaus Poniatowski, aus einem gefügigen Werkzeug seiner Beschützer ein Herrscher geworden, der nur den Eingebungen seiner Oheime, der Fürsten Czartoryski, folgte und sich ernstlich mit Reformgedanken trug. Aber die Polnische Politik der Alliirten ging keineswegs darauf aus, ihren Schützling selbständiger oder das von ihm regierte Land gegen auswärtige Einflüsse widerstandsfähiger zu machen; weshalb die Bevollmächtigten Russlands und Preussens sich auf den Warschauer Reichstagen 1766 und 1767 allen Reformversuchen energisch widersetzten; bekanntlich mit bestem Erfolge, zumal sie durch geschickte Hineinziehung der Dissidentenfrage auch die Unterstützung der protestantischen Mächte England, Schweden und Dänemark erlangten[286].

Nirgends fanden die Vorgänge in Polen stärkeren Widerhall als in Schweden. Denn dort musste sich jedem unbefangenen Beobachter die Aehnlichkeit zwischen dem Vorgehen Russlands in Warschau und in Stockholm unabweisbar aufdrängen. Gerade in den Tagen, wo der allmächtige Fürst Repnin dem Polnischen [079] Adel unter dem Druck der Russischen Kanonen und Bajonette die weitestgehenden Zugeständnisse an die Dissidenten abnöthigte, — in jenen Tagen schrieb der Schwedische Kronprinz Gustav an seinen Freund K. Scheffer: „Das Beispiel Polens macht auf Viele einen tiefen Eindruck, und ich muss gestehen, dass auch ich davon ausserordentlich ergriffen bin ---. Russland zeigt zur Genüge, mit welch’ despotischen Grundsätzen es über seine Nachbarn regiert und wie weit es das Recht der Nachbarschaft ausdehnt“[287]. Und wie jener königliche Jüngling fühlten damals Hunderttausende in seinem Vaterlande, die mit Schrecken sahen, wie der im Schlepptau Russlands befindliche Senat ihre Heimath einem wirthschaftlichen Ruin immer näher brachte.

Die sanguinischen Hoffnungen, die man in Schweden 1765 an die Uebernahme der Staatsleitung durch die Mützenpartei geknüpft hatte, verwirklichten sich nämlich keineswegs. Der in- und ausländische Handel erfuhr eine sehr beträchtliche Einbusse, die Fabriken standen still, die wohlhabenden Bürger verloren ihr Vermögen, der Wechselkurs sank in geradezu erschreckender Weise; kurz, eine Wirthschaftskrise schlimmster Art stand vor der Thür[288]. Kein Wunder also, dass es in allen Schichten der Bevölkerung gährte, dass man zu dem Königspaar, welches in kluger Berechnung sich der wirthschaftlich Bedrängten freundlich annahm, wie zu einem rettenden Heiland emporblickte, und dass bereits Stimmen laut wurden, welche stürmisch die Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages forderten[289].

Natürlich unterliess der Stockholmer Hof es nicht, die allgemeine Unzufriedenheit nach Kräften zu schüren. Oefter denn zuvor musste die Mützenregierung zur Anwendung des königlichen Namensstempels schreiten; öfter denn zuvor protestirte Adolf Friedrich gegen die Verordnungen, welche von den Reichsräthen trotz seiner Unterschriftsverweigerung in seinem Namen ausgefertigfc wurden. Ja, am 9. Februar 1708 gab der Schwedische [080] Monarch auf Anrathen seiner Freunde ganz unerwartet vor versammeltem Senat eine Beschwerdeschrift zu Protokoll, in welcher er die sofortige Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages verlangte, da dies nach seiner Ueberzeugung das einzige Mittel zur Beseitigung des täglich wachsenden Elends sei. Es geschah, was die Anhänger des Hofes erwartet und erhofft hatten: die Forderung des Königs wurde von den Reichsräthen abschlägig beschieden, die Aufregung aber, welche ohnehin schon allenthalben in Schweden herrschte, noch um ein Beträchtliches gesteigert[290].

Unter diesen Umständen bat Osterman, der nach seiner eigenen Aussage seit einem halben Jahre von seiner Regierung keine Instruction erhalten hatte[291], Januar 1768 um schleunige Zusendung von 26 000 Rubeln „behufs Ermunterung und Verstärkung der Wohlgesinnten“, eine Forderung, die er damit begründete, dass die Parteigänger Frankreichs und des Stockholmer Königshofes sich wider Erwarten schnell von ihrer letzten Niederlage erholt hätten und „frecher als zuvor“ die Unzufriedenheit der grossen Menge durch Lügengewebe aller Art zu heller Flamme anzufachen suchten[292]. Noch schwärzer sah sein Dänischer College Juel, der sogar zu berichten wusste, die Königin Ulrike und ihre Freunde beabsichtigten „effectiv“ die Bevölkerung der Schwedischen Hauptstadt „zur Erneute aufzuwiegeln“, einen Theil der Reichsräthe ermorden zu lassen und die allgemeine Verwirrung zur Wiederherstellung des absoluten Königthums zu benutzen[293], und wenig hoffnungsvoller lauteten die Depeschen des Preussischen Gesandten, der unter Anderem erklärte, „die Dinge könnten sich unmöglich bis zum Jahre 1770 in dem gegenwärtigen Zustand halten“ (soutenir) und die Einberufung eines [081] ausserordentlichen Reichstages sei nur noch eine Frage der Zeit[294].

Natürlich riefen diese Nachrichten an den Höfen von Petersburg, Kopenhagen und Berlin nicht geringe Bestürzung hervor. Sofort erhielt Osterman den Befehl, er solle den Freunden Russlands „die positive Versicherung geben“, dass Katharina ihnen stets Schutz und Beistand gewähren werde[295], und auch Juel wurde von seiner Regierung angewiesen, auf die Umtriebe der Hofpartei ein wachsames Auge zu haben, im Verein mit seinem Russischen Kollegen alles zur Hintertreibung eines ausserordentlichen Reichstages aufzubieten und „den Freunden der guten Sache“ mit Rath und That beizustehen[296].

Einen anderen Weg wählte der Preussische König. In klarer Erkenntniss der Fruchtlosigkeit seiner bisherigen Taktik hatte er seit dem Sommer 1766 nicht mehr wie früher einen zornig gereizten Ton in den Briefen an seine Schwester Ulrike Angeschlagen, sondern derselben in schonender Weise zu verstehen gegeben, wie wenig sie mit ihrer „Animosität“ und ihrem „offenen Hasse“ gegen Russland ausgerichtet habe, und wie viel vernünftiger es daher sei, die Empfindlichkeit der Kaiserin Katharina zu schonen und durch geschickte Verstellung ihren Argwohn zu mindern[297], zumal er selbst mit Rücksicht auf ihm „unentbehrliche Alliirte“ sich nicht in der Lage befinde, seinen "geschwisterlichen Sympathien nachgeben und seiner Schwester einen grösseren [082] Dienst leisten zu können[298]. Wie wenig diese milden und ermahnenden Worte gefruchtet hatten, das erwiesen Anfang 1768 die Meldungen Cocceiji’s von den Umtrieben der Anhänger Frankreichs und von den Vorgängen in der Reichsrathssitzung vom 9. Februar. Genug, es blieb dem Preussischen Könige nichts Anderes übrig, als nochmals seiner Schwester die Gefahren eines Bruches mit Russland vor Augen zu führen; weshalb er ihr denn auch zu bedenken gab, dass die Kaiserin nur auf die Einberufung eines ausserordentlichen Reichstages warte, um sofort 20 000 Mann in Finland einrücken zu lassen, mit denen sich ausser den Mützen auch ein Dänisches Heer vereinigen würde, also eine geradezu erdrückende Uebermacht gegen das von Geldern und Truppen entblösste Schwedische Reich[299].

Den ermahnenden Worten Friedrich’s und den vereinten Bemühungen Russlands und Dänemarks, welche auf gemeinschaftliche Kosten in der Schwedischen Hauptstadt ein Bestechungs- und Nachrichtenbureau errichtet und Flugschriften wie Emissäre zur Beschwichtigung der Gemüther in die Schwedischen Provinzen entsandt hatten[300], gelang es, den drohenden Brand noch einmal zu begrenzen, freilich nicht zu löschen. Denn unter der Asche verborgen glimmte der Funke der Unzufriedenheit immer lebhafter, so dass es nur noch eines leisen Windeshauches bedurfte, um jenen Funken zur rasenden, alles verheerenden Flamme zu entfachen.

Wie wir wissen, hatte der Versailler Hof im Sommer 1767 zunächst Schweden seinem Schicksal überlassen und nur die persönlichen Beziehungen zu der Schwedischen Königsfamilie aufrecht erhalten, deren Dankbarkeit er sich durch Tilgung der sehr beträchtlichen Schulden des Königspaares für immer erworben[301]. Aber im Geheimen folgte Choiseul wie bisher den Vorgängen in Schweden mit dem lebhaftesten Interesse und [083] suchte namentlich den Kronprinzen Gustav an die Seite Frankreichs zu fesseln, da die Berichte des Französischen chargé d’affaires Duprat aus Stockholm immer deutlicher erkennen liessen, dass man in jenem Prinzen das geeignete Werkzeug zur Ausführung des Französischen Operationsplans gefunden habe. Und in dieser Erwartung täuschte man sich nicht. Denn niemand in Schweden empfand die Demüthigung seines Vaterlandes tiefer und schmerzlicher; niemand wurde von heisserem Wunsche beseelt, die Schwedische Nation durch einen kühnen Handstreich von ihren Russischen Peinigern zu erlösen, so dass es nur noch der Meldung vom Abschlüsse der Confédération zu Bar (29. Februar 1768) bedurfte, um jenen kaum zweiundzwanzigjährigen Jüngling von der Ueberzeugung zu durchdringen, der Tag der Abrechnung mit den Russen sei gekommen, und jetzt oder nie könne eine Revolution siegreich in Schweden zur Durchführung gelangen.

Natürlich musste man sich vor allem die moralische wie finanzielle Unterstützung des Versailler Hofes sichern. Denn ohne dieselbe erschien das ganze Unternehmen von vornherein aussichtslos. Es war für Gustav und seinen Freund K. Scheffer wahrlich keine leichte Aufgabe, die Zaghaftigkeit des Schwedischen Königs zu überwinden. Doch gelang es Mitte Mai (?)[302] ihren vereinten Ueberredungskünsten, Adolf Friedrich zur Absendung eines eigenhändigen Schreibens zu bestimmen, in welchem er Choiseul dringend ersuchte, unverzüglich einen gewandten Diplomaten nach Stockholm zu beordern und denselben mit weitgehenden, der Sachlage angemessenen Vollmachten zu versehen.

Die Hoffnungen, welche man in Stockholm an diesen Schritt des Königs geknüpft hatte, erfüllten sich in reichstem Masse. Sofort nach Empfang des Schreibens liess Choiseul durch Duprat dem Königspaar versichern, dass „die Wiederherstellung der Schwedischen Monarchie“ nach wie vor den Grundpfeiler des Französischen Systems bilde, und dass er persönlich den Herbst [084] des laufenden Jahres, wo die Russen hinreichend in Polen beschäftigt sein würden, als den „wahren Moment zur Abhaltung eines ausserordentlichen Reichstages“ erachte, „auf welchem das Revolutionsproject zu Gunsten der königlichen Autorität zur Ausführung kommen (éclater) müsse“; ein Project, welches die Französische Regierung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln fördern wolle[303]. Ja, wenige Wochen später äusserte sich der Herzog im Hoflager zu Compiègne noch weit rückhaltsloser zu dem Schwedischen Gesandten Grafen Creutz, indem er die „Willkür und Zügellosigkeit einer anarchischen Freiheit“ als Quelle alles Uebels in Schweden und die Abschaffung der Regierungsform von 1720 als einziges Mittel zur Beseitigung dieses Uebels bezeichnete[304]. Auch erhielt fast gleichzeitig der für Stockholm als Gesandter designirte Graf Modène in Hamburg eine Instruction, welche ebenfalls in scharfen Worten betonte, dass die in Schweden am Ruder befindliche Regierung eine „wahre Anarchie“ sei, und dass der Versailler Hof, um eine Allianz mit Schweden wirksam zu gestalten, vor allem vermittelst einer Revolution energisch auf Wiederherstellung der Zustände vor 1720 hinarbeiten müsse[305].

Da vorauszusehen war, dass die Russische Kaiserin Alles aufbieten würde, um die Ausführung des zwischen der Französischen Regierung und dem Schwedischen Königshofe vereinbarten Revolutionsplans zu hintertreiben, erschien es unbedingt erforderlich, die Russischen Heere nicht nur in Polen, sondern auch noch weiter von den Grenzen Russlands entfernt nach Möglichkeit zu beschäftigen; weshalb der Französische Bevollmächtigte Vergennes in jenen Tagen unermüdlich am Bosporus thätig war, um die Pforte gegen Russland aufzuhetzen und zu einem bewaffneten Einschreiten zu Gunsten Polens zu bewegen; anfangs mit nur geringem Erfolge, da Preussen und Russland, namentlich letzteres, es weder an „Geld“, noch an „Niederträchtigkeiten“ (bassesses), noch endlich an Drohungen und falschen Vorspiegelungen fehlen liessen, um den Französischen Schachzug unwirksam zu machen. Schliesslich nahmen jedoch die Dinge in Konstantinopel eine für die Französischen Bestrebungen [085] günstigere Wendung, und October 1768 erklärte die Türkische Regierung der Russischen den Krieg[306].

Dieser Krieg im äussersten Süden Europas wurde für den Norden von eminenter Bedeutung. Denn dadurch, dass er den Petersburger Hof und seine Verbündeten nöthigte, ihre Aufmerksamkeit ausschliesslich auf den Südwesten des Russischen Reichs zu concentriren, gab er in Schweden das Signal zum Angriff auf den von Russland beschützten Senat.

In der Nacht des 8. November traf Modène in Stockholm ein und hatte sofort eine geheime Conferenz mit dem Kronprinzen, dem er den Inhalt der letzten Instructionen Choiseul’s vom 16. October mittheilte. Gern hätten Gustav und seine Freunde den Wünschen der Französischen Regierung gemäss sofort nach Eintreffen der Botschaft vom Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges „eine gewaltsame Revolution“ in Scene gesetzt und so der „Anarchie“ in Schweden ein Ende gemacht. Aber die Königin und die Führer der Hüte, welche noch vor wenigen Wochen am eifrigsten auf den Weg der Gewalt hingewiesen hatten, verfochten jetzt plötzlich ebenso hartnäckig die Ansicht, dass nur der Weg der Milde und der Unterhandlung mit den Gegnern zum Ziele führen könne, und so musste man schweren Herzens das seit einigen Wochen gänzlich über Bord geworfene Project der Erzwingung eines ausserordentlichen Reichstages wieder aufhehmen[307].

Am 12. December erschien Adolf Friedrich ganz unerwartet im Senat in Begleitung des Kronprinzen, forderte von neuem dringend die sofortige Einberufung eines Reichstages und fügte hinzu, er erwarte binnen drei Tagen einen definitiven Bescheid, widrigenfalls er die Regierung niederlegen werde. Die Reichsräthe baten nach Ablauf dieser Frist um eine weitere Bedenkzeit. Aber der König blieb unerbittlich, erklärte mit wenigen Worten, dass er den Senatsbeschluss als eine abschlägige Antwort ansehen müsse, dass demnach sein Thronentsagungsbeschluss perfect geworden sei, und — verliess mit schnellen Schritten den Sitzungssaal. [086] Die günstigen Folgen dieser energischen Handlungsweise des Königs zeigten sich unverzüglich. Schon am 17. December erklärten die wichtigsten Landesbehörden, sie könnten, da kein König vorhanden, bis auf weiteres, d. h. bis zur Einberufung eines Reichstages, ihre Functionen verfassungsmässig nicht weiter ausüben, und ihrem Beispiel folgte am 19. die Mehrzahl der anderen Collegien. Mit anderen Worten, es drohte ein Stillstand der Schwedischen Staatsmaschine, welcher um so gefährlicher erscheinen musste, als die Stockholmer Bevölkerung ihren Sympathien für das Königshaus und ihrem Unwillen über das brutale Vorgehen der Reichsräthe gegen den Landesherrscher unzweideutigen Ausdruck verlieh. Unter solchen Umständen sah sich der Senat zur Nachgiebigkeit den königlichen Forderungen gegenüber genöthigt und ertheilte am 19. seine Zustimmung zur Reichstagseinberufung. Zwei Tage später erschien Adolf Friedrich wieder im Senat und nahm seine Thronentsagung feierlich zurück[308].

Alle diese Vorgänge vollzogen sich mit Blitzesschnelle, so dass die fremden Gesandten, auch wenn sie mit den erforderlichen Geldern versehen gewesen wären, wohl kaum das für sie so peinliche Schauspiel hätten verhindern können. Aber es hatte sich alles so günstig wie nur möglich für die Bestrebungen des Hofes und der Hüte gefügt. Die Nachrichtenquelle, welche den Alliirten auf dem Stockholmer Reichstage 1765—1766 so werthvolle Dienste geleistet hatte, war seit Anfang 1768 versiegt, da die Londoner Regierung in Folge der scheinbar im Norden eingetretenen Ruhe die weitere Auszahlung einer beträchtlichen Pension an ihren Vertrauensmann in Paris für überflüssig erachtete[309]; die Aufmerksamkeit des Petersburger Cabinets wurde durch die bedrohlichen Bewegungen an der Polnischen und Türkischen Grenze vollständig absorbirt, so dass Osterman — bezeichnend genug — noch Ende November keine Nachricht aus Petersburg vom Ausbruch des Krieges mit der Pforte erhalten hatte[310]; die Dänische Regierung hatte den schriftlichen Verkehr mit ihrem Vertreter in Stockholm auf das allergeringste Mass [087] eingeschränkt, da König Christian und Bernstorff sich ins Ausland begeben hatten[311]; und auch in Preussen war man weit davon entfernt, von den geheimen Umtrieben der Französischen Regierung in der Schwedischen Hauptstadt etwas zu ahnen, da Cocceiji sich durch das reservirte Benehmen Modène’s täuschen liess und seine ganze Aufmerksamkeit auf die im Umlauf befindlichen Gerüchte richtete, welche eine Requisition Schwedischer Hilfe durch die Pforte in nahe Aussicht stellten[312].

So konnte es geschehen, dass die Gesandten von den Vorgängen am 12. und 15. December völlig überrascht wurden. Zwar befanden sich die Vertreter Russlands, Dänemarks und Englands noch im Besitze der Declarationen, welche ihnen im Sommer 1766 von ihren Höfen für den Fall der äussersten Gefahr überwiesen worden waren. Aber ihre eigenen Schützlinge, die Reichsräthe, verbaten sich eine jede derartige Unterstützung, um in den Augen der Nation nicht in falschem Lichte zu erscheinen[313]. Auch würde ein solcher Schritt wohl kaum auf den Gang der Ereignisse Einfluss ausgeübt haben. Denn Worte ohne Geld pflegten in Schweden nur wenig auszurichten, ganz abgesehen davon, dass man nicht die Mitwirkung des Preussischen Collegen zu erlangen vermochte, wodurch die innere Uneinigkeit der Verbündeten nur noch schärfer hervorgetreten wäre[314].

Am Berliner Hofe war man mit der Zurückhaltung Cocceiji’s durchaus einverstanden. Denn König Friedrich wusste aus alter Erfahrung, dass jeder etwaige Sieg der Hofpartei bei Beginn des [088] Reichstages sich wegen der persönlichen Nebeninteressen der Hüte schon nach wenigen Monaten in eine Niederlage verwandeln würde, und nach seiner Ansicht drohte nur dann eine Gefahr für den Europäischen Frieden, wenn die Mützen den Beistand Russlands gegen die Anhänger Frankreichs anrufen, oder wenn diese, in blindem Vertrauen auf die Ohnmacht Russlands[315], jede Rücksicht auf die Kaiserin Katharina ausser Acht lassen und dieselbe dadurch zum äussersten, d. h. zur Entthronung Adolf Friedrich’s und zur Einsetzung eines anderen Königs, treiben würden[316].

Um dieser Gefahr vorzubeugen, hatte Friedrich d. Gr. sofort dem Baron Cocceiji anbefohlen, in Stockholm geschickt zu insinuiren, dass Schweden, wolle es etwas den Russischen Interessen Schädliches unternehmen, sich unfehlbar früher oder später die Rache Russlands „auf den Hals laden“ werde, da der Petersburger Hof trotz des Krieges mit der Pforte noch über ein Corps von 20 000 Mann an der Finländischen Grenze verfüge[317]. Auch gab er wenige Tage darauf — als zugleich mit einem die friedlichsten Versicherungen enthaltenden Schreiben der Königin Ulrike recht bedrohliche Nachrichten aus Stockholm nach Berlin gelangten , welche eine Kriegserklärung Schwedens an Russland befürchten liessen[318] — seiner Schwester in klaren Worten zu verstehen, dass Preussen und Dänemark „nach dem Wortlaut der Verträge“ sich bei einem Bruche zwischen dem Stockholmer und Petersburger Hofe zu einer bewaffneten Intervention in Vorpommern bezw. Norwegen genöthigt sehen würden[319].

Besonders ernst aber nahm man die Dinge in der Russischen [089] Hauptstadt[320], zumal Ostermän, welcher die Reichstagseinberufung als einen ihm persönlich zugefügten Schimpf betrachtete, in den grellsten Farben die „heillose Lage“ der „Wohlgesinnten“ und die Frechheit der Französischen „verruchten Bande“ (šlaja zajka) schilderte, die alles aufs Spiel setze, um ihre nichtswürdigen Absichten zu erreichen[321]. Sofort erhielt derselbe nämlich nebst einer Geldsumme zur Beeinflussung der Reichstagswahlen die strenge Weisung, die Freunde Russlands zur kräftigen Vertheidigung der Verfassung anzufeuern, und sich mit seinen Stockholmer Collegen behufs gemeinsamer Schritte zum Schutze der schwer gefährdeten Schwedischen Freiheit in Einvernehmen zu setzen[322]. Auch eröffnete Panin einen diplomatischen Feldzug, um die Höfe von London, Kopenhagen und Berlin für eine finanzielle Unterstützung der Mützenpartei zu erwärmen.

Schon October 1768 hatte er in Folge der Intriguen Frankreichs in der Türkei und in Schweden, sowie wegen der Vorgänge in Polen seine früheren Versuche zur Annäherung Grossbritanniens an ein grosses Nordisches System wieder aufgenommen und bei dem Londoner Ministerium den Abschluss eines Englisch-Russischen und Englisch-Dänischen Bündnisses, sowie die Umwandlung des bereits bestehenden Englisch-Schwedischen Freundschaftsvertrages in einen Subsidientractat in Anregung gebracht, indem er einen festeren Zusammenschluss zwischen Grossbritannien und den Nordischen Mächten als das geeignetste Mittel zur [090] andauernden Bewahrung der Ruhe im Norden und zur vollständigen Ausrottung des Französischen Einflusses in Schweden bezeichnete[323]. Aber obwohl er seine Propositionen dem Grossbritannischen Cabinet möglichst mundgerecht zu machen suchte und beispielsweise nicht mehr wie früher eine Englische Subsidienzahlung an Russland bei einem Türkisch-Russischen Kriege, sondern nur den vorherigen Abschluss eines Englisch-Schwedischen Subsidientractats als Preis für eine Englisch-Russische Allianz forderte, erhielt er aus London doch nur die bekannte ausweichende Antwort, man könne keine Friedenssubsidien bewilligen, wolle man nicht früheren Parlamentsbeschlüssen zuwiderhandeln und sich den gerechten Angriffen der Opposition aussetzen[324].

Nachdem die Kunde von den Stockholmer Vorgängen im December 1768 nach Petersburg gelangt war, unternahm Panin einen neuen Vorstoss, indem er in einer Conferenz mit dem Gesandten Cathcart eindringlich betonte, dass die Interessen Englands nicht minder als diejenigen Russlands die Erschütterung des Französischen Systems in Schweden, die Sicherung Russlands gegen einen Schwedischen Angriff und die Aufrechterhaltung der Regierungsform von 1720 erforderten; ein Ziel, welches sich freilich unter den obwaltenden Umständen nicht mehr durch einfache „Corruption“, sondern einzig durch eine Englische Subsidienzahlung an Schweden ermöglichen lasse[325]. Aber auch diesmal wurde Panin abschlägig beschieden, und sogar sein [091] Vorschlag, man möge „zur Verbesserung der Schwedischen Angelegenheiten“ wenigstens 40—50 000 Pf. St. nach Stockholm senden, stiess anfangs in den Londoner Hofkreisen auf Widerstand, obwohl man sich nicht verhehlen konnte, dass man die eigenen Interessen schädigte, wenn man der Französischen Regierung gestattete, Schweden als Angriffsinstrument gegen das Russische Reich zu benutzen und die Ruhe im Norden zu gefährden[326]. Erst Anfang Februar 1769 erhielt Goodricke eine unbedeutende Summe, die man nöthigenfalls zu erhöhen versprach, nebst dem Befehl, „in allen Dingen in Uebereinstimmung mit dem Grafen Osterman zu handeln“, während gleichzeitig - es ist dies für die Grossbritannische Politik im hohen Grade bezeichnend - Lord Cathcart in Petersburg erklären musste, dieser Schritt geschehe einzig mit Rücksicht auf Russland, welches weit mehr als England in Schweden „unmittelbar interessirt“ sei[327].

Viel günstiger lagen für Russland die Verhältnisse in Dänemark, nicht nur wegen des den beiden Ländern gemeinsamen Interesses an der Aufrechterhaltung der Schwedischen Verfassung und wegen der Geneigtheit Bernstorff’s, auf alle Wünsche der Russischen Kaiserin einzugehen, um sich für seine Freundschaftsdienste durch eine möglichst baldige, endgültige Lösung der Holsteinischen Frage belohnt zu sehen, sondern namentlich auch wegen der damals bestehenden heftigen Spannung zwischen dem Kopenhagener und Versailler Hofe. Zugleich mit der Kunde von Vorgängen in Stockholm war nämlich eine Pariser Depesche [092] des Gesandten Gleichen in der Dänischen Hauptstadt eingetroffen, welcher meldete, Choiseul habe ihm erklärt, sein Monarch werde in Anbetracht seines lebhaften Interesses für Schweden jeden feindseligen Schritt Dänemarks daselbst als Friedensbruch ansehen[328]. Allein Bernstorff liess sich keineswegs einschüchtern, sondern gab in Versailles ziemlich unverhüllt seiner Verwunderung über das unwürdige Vorgehen Frankreichs in Schweden Ausdruck und gewährte, unbekümmert um die Französischen Drohungen, dem Gesandten Juel in Stockholm einen Kredit von 40 000 Thalem, den er später bis auf 150 000 Thaler ausdehnte, um in getreuer Gemeinschaft mit Osterman vermittelst dieser Summe geeignete Massnahmen zum Schutze der Schwedischen Freiheit zu treffen[329]. Auch trat er, in der Ueberzeugung, dass nur das „engste Concert“ zwischen dem Kopenhagener und Petersburger Hofe eine Krisis im Norden zu verhüten vermöge[330], unverzüglich mit dem Russischen Gesandten Filosofov in Unterhandlungen, deren Ergebniss zwei Allianzentwürfe bildeten, von denen besonders der eine unser Interesse beansprucht, da die beiden Contrahenten in ihm zur Vertheidigung der Mützen und der Regierungsform von 1720, sowie zur sofortigen Ausrüstung einer Flotte von je 8 bis 10 Schiffen und einer Landarmee von mindestens je 20 000 Mann sich verpflichteten[331].

Sofort wurden auf beiden Seiten die ersten Vorbereitungen zur Instandsetzung von Armee und Flotte getroffen. Aber während die Russischen Rüstungen in Kronstadt, vermuthlich wegen der verrätberischen Haltung des Schwedischen Gesandten Ribbing in Petersburg[332], ein strenges Geheimniss blieben, gelangte die [093] Kunde von den kriegerischen Demonstrationen Dänemarks bereits Anfang März, durch Vermittlung des Schwedischen Bevollmächtigten Sprengtporten in Kopenhagen, nach der Schwedischen Hauptstadt und erregte dort in den Kreisen der Hofpartei eine derartige Bestürzung, dass Adolf Friedrich sich wiederholentlich (9. und 23. März) veranlasst sah, im Senat die Verlegung des Reichstages, welcher nach einer Verfügung der Reichsstände von 1766 in Norrköping sich versammeln sollte, nach Stockholm zu fordern, da nach seiner Ueberzeugung das unbefestigte Norrköping gegen den etwaigen Angriff einer feindlichen Flotte nicht hinreichenden Schutz gewähre. Zwar versagten die Reichsräthe ihre Zustimmung unter dem Vorwand, Schweden werde sich den Spott von ganz Europa zuziehen, wenn es wegen der Armirung von zehn Dänischen Schiffen sich zu Schritten fortreissen lasse, die nur in der äussersten Gefahr und bei einer plötzlichen Invasion des Feindes gerechtfertigt seien. Aber die Worte des Königs waren gleichwohl nicht gänzlich in den Wind gesprochen. Denn am 28. März musste der Senat dem Druck der öffentlichen Meinung nachgeben und den Befehl zur Ausrüstung eines dem Dänischen entsprechenden Geschwaders ertheilen[333].

Durch diese Massregel allein würde sich freilich Bernstorff wohl kaum in seinen Entschliessungen haben beeinflussen lassen. Indessen fügte es sich, dass er gerade in jenen Tagen von lebhaftem Misstrauen gegen die Aufrichtigkeit der Petersburger Regierung erfasst wurde, von deren Rüstungen weder etwas zu hören noch zu sehen war[334], und dass ausserdem Frankreich jetzt energisch zu Gunsten Schwedens in die Schranken trat ; in Kopenhagen durch die Erklärung des Gesandten Blosset, seine Regierung werde im Hinblick auf die Schwedischen Angelegenheiten jede Rüstung Dänemarks zur See als eine gegen Frankreich gerichtete Kriegserklärung auffassen, in Paris durch eine drohende Note Choiseul’s an Gleichen, welche in runden Worten dem Dänischen Könige wie allen anderen fremden Mächten jedes Interventionsrecht bei einer Verfassungsänderung in Schweden absprach[335]. [094] Unter diesen Umständen hielt das Dänische Ministerium es doch für gerathen, den Bogen nicht noch straffer zu spannen. Die Rüstungen wurden erheblich langsamer als vordem betrieben, Gleichen empfing den Befehl, die Französische Note dahin zu beantworten, dass die bescheidenen Rüstungen in Kopenhagen keineswegs eine Beunruhigung Schwedens bezweckten, sondern rein defensiver Natur seien, und auch in Stockholm liess Bernstorff durch Juel feierlich die friedliche Gesinnung Dänemarks und dessen lebhaftes Interesse an der Freiheit und Unabhängigkeit des Nordischen Nachbarreichs betonen[336].

Den relativ besten Erfolg erzielten die Russischen Bestrebungen am Preussischen Königshofe. Schon Mitte Januar hatte Katharina, unter offenherziger Bekundung ihres Unwillens über die Schwedische Königsfamilie, die blindlings den Eingebungen Frankreichs gehorche, den Preussischen König aufgefordert, mit ihr „gemeinsame Sache“ zu machen, um die gefahrdrohende Nordische Krisis im ersten Keime zu ersticken und wenigstens das schlimmste Unheil von den „armen Schweden“ abzuwehren[337]. Natürlich entging es dem Scharfblick Friedrich’s nicht, dass die Gefahren, welche den Europäischen Mächten angeblich von Schweden her drohten, in Wahrheit nur „chimärische und unausführbare Projecte“ der Französischen Partei waren[338], und er beantwortete daher das kaiserliche Handschreiben in ausweichender Weise, indem er einerseits geschickt durchblicken liess, wie sehr es ihn schmerze, dass seine Schwester Ulrike, seiner wiederholten Ermahnungen ungeachtet, sich mit den Feinden Russlands verbündet habe, andererseits aber darzulegen suchte, dass Schweden, als „der am meisten derangirte und schwächste Europäische Staat“, durch blosse Drohungen und ohne jeden Geldaufwand von Preussen und Dänemark völlig im Schach gehalten werden könne[339]. Sicherlich hätte dieser Brief die von Friedrich erhoffte Wirkung auch ausgeübt, wäre er rechtzeitig nach Petersburg gelangt. Aber schon [095] vor seiner Ankunft hatte die Russische Regierung auf Grund des Allianzvertrages vom 11. April 1764, welcher Preussen zur Auszahlung von 400 000 Rubeln bei einem Russisch-Türkischen Kriege verpflichtete, das Ansuchen nach Berlin gerichtet, dem Grafen Osterman die Hälfte der vertragsmässigen Summe zu übermitteln, und der Preussische König musste demnach mit Rücksicht auf seine hohe Bundesgenossin gute Miene zum bösen Spiel machen[340]. Genug, die verlangten Gelder wurden Anfang April durch Vermittlung der Berliner Bank an Cocceiji gesandt und von diesem unter Beobachtung der grössten Vorsicht[341] sofort dem Russischen Gesandten zur Verfügung gestellt[342].

Freilich kam diese Summe, deren Wichtigkeit Friedrich genügend in Petersburg hervorzuheben wusste[343], zu spät, um schon bei Eröffnung des Reichstags (19. April) von Nutzen sein zu können. Vielmehr begann die Session mit einem entscheidenden Siege der Anhänger Frankreichs bei den Sprecher- und Ausschusswahlen, so dass Osterman und seine Stockholmer Collegen sich die Frage vorlegen mussten, ob nicht die gemeinsame Uebergabe einer drohenden Note an die Schwedische Regierung das einzige Mittel zur Verhütung des Schlimmsten sei.

Wie wir wissen, hatte die ausweichende Antwort Cocceiji’s [096] December 1768) auf die Anfrage Osterman’s, ob er nicht mit den Vertretern der anderen Mächte der Stockholmer Staatsleiturig eine Note überreichen wolle, die Zustimmung des Preussischen Königs gefunden. Doch sah man sich schon nach wenigen Wochen in Berlin genöthigt, dem Drängen des Petersburger Hofes nachzugeben und Cocceiji zur eventuellen Uebergabe einer Declaration im Verein mit dem Gesandten Juel zu ermächtigen[344]. Da inzwischen auch das Londoner Cabinet seinen ursprünglichen Widerstand gegen einen derartigen Schritt aufgegeben und Goodricke angewiesen hatte, sich den diesbezüglichen Wünschen Osterman’s zu fügen[345], ersuchte der Preussische Gesandte sofort seinen Russischen Collegen, ein Concept für die von Russland, Preussen, England und Dänemark gemeinsam zu überreichende Note aufzusetzen. Dies geschah. Aber der Entwurf Osterman’s wurde von den Uebrigen als „durchaus unstatthaft“ verworfen und man einigte sich dahin, dass jeder für sich ein Concept entwerfen und seiner Regierung zur Begutachtung überweisen sollte[346]. Natürlich ergab diese Begutachtung an den verschiedenen Höfen ein verschiedenes Resultat, d. h. die Entwürfe Goodricke’s[347] und Osterman’s[348] wurden en bloc angenommen, [097] während die Entwürfe Juel’s[349] und Cocceiji’s[350] eine Veränderung in milderndem bezw. verschärfendem Sinne erfuhren.

Ursprünglich hatte Osterman gehofft, sofort nach der Landsmarschallswahl die Declarationen überreichen und hierdurch den Dingen auf dem Reichstage eine günstigere Wendung geben zu können. Aber als er sich (16. April) nach Norrköping begab, hatten sich diese Hoffnungen bereits in erheblichem Grade gemindert. Denn nur Cocceiji zeigte das gewünschte Entgegenkommen[351], während Dänemark seine Zustimmung von dem Ergebniss der Ausschusswahlen und von einem ausdrücklichen Bittgesuch der Mützen abhängig machte. Auch war das ganze Project durch Englische und Preussische Indiscrétion[352] inzwischen zur Kenntniss der weitesten Kreise in Schweden gekommen, so dass der neugewählte „Geheime Ausschuss“ sich veranlasst sah, den fremden Gesandten am 6. Mai eine beruhigende Note zu überreichen, in welcher erklärt wurde, dass die Einberufung des ausserordentlichen Reichstages nur aus Gründen der inneren Politik erfolgt sei, und dass der Schwedische König, weit davon entfernt, „die öffentliche Ruhe stören oder seine Nachbarn beunruhigen“ [098] zu wollen, vielmehr kräftig zur Aufrechterhaltung der Freundschaft zwischen Schweden und den übrigen Mächten Europas beitragen werde[353].

Unter solchen Umständen musste Osterman auf die Ausführung seines Planes verzichten, zumal die eigenen Freunde ihm versicherten, dass die Uebergabe der Declarationen ihre Lage nur noch verschlimmern würde. Erst Ende Juni unternahm er von Neuem einen Vorstoss, indem er nach Verlesung der Russischen Erwiderung auf die Schwedische Note vom 6. Mai im Namen Panin’s den Baron Cocceiji ersuchte, derselbe möge sich zur Uebergabe einer gleichlautenden Erklärung verstehen. Aber diesmal äusserte sich der Preussische Gesandte den ihm von Berlin aus inzwischen ertheilten Verhaltungsbefehlen gemäss in ausweichender Weise, und wenig ermuthigender lauteten die Antworten seiner übrigen Stockholmer Collegen[354].

Sicherlich würde der Petersburger Hof die Versumpfung der „Declarationsangelegenheit“ nicht so ruhig hingenommen haben, wäre nicht gerade in jenen Tagen eine für die Bestrebungen Russlands äusserst vortheilhafte Spaltung innerhalb der Schwedischen Reichstagsmajorität eingetreten, indem der Oberst Pechlin, welcher bei Beginn des Reichstags der eifrigste Vorkämpfer des Hofes und der Hüte gewesen war, sich plötzlich ins Lager der Opposition begab. Was dieser Uebergang bedeutete, das konnten am besten seine ehemaligen Parteigenossen ermessen, die nur durch seine Beredsamkeit und Geschicklichkeit die Entfernung der Russenfreunde aus dem Senat (23. Mai) und die Verlegung des Reichstages von Norrköping nach Stockholm (29. Mai) durchgesetzt hatten[355]. Es fehlte daher auch nicht an Versuchen des Hofes und seiner Anhänger, Pechlin, wie im Jahre 1762, durch Ausstossung aus dem Ritterhause für längere Zeit unschädlich zu machen. Allein dieser fand in den Vertretern [099] Russlands, Dänemarks und Englands, denen gegenüber er sich Ende Juli durch einen förmlichen Vertrag zur Aufrechterhaltung der bestehenden Schwedischen Staatsverfassung, sowie zur Rehabilitirung eines Theils der abgesetzten Reichsräthe verpflichtet hatte, wirksame Vertheidiger und Bundesgenossen, so dass alle Bemühungen der Gegner, seine Stellung zu unterminiren, sich als völlig fruchtlos erwiesen[356].

Wie wir wissen, hatte der Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges den ersten Anstoss zu den Vorgängen in Stockholm vom December 1768 gegeben. Sofort tauchten denn auch Gerüchte auf, welche eine Requisition Schwedischer Hilfe durch die Pforte auf Grund des Allianzvertrages vom 2. December 1739 in nahe Aussicht stellten[357]. Ob diese Gerüchte den Thatsachen entsprachen, können wir mit Bestimmtheit nicht sagen. Hingegen unterliegt es keinem Zweifel, dass der Türkische Reis Effendi einige Monate später in einer Unterredung mit dem Schwedischen Gesandten Celsing die Absicht verlauten liess, die vertragsmässige Kriegsbeihilfe von Schweden zu fordern[358], und dass die Hüte den Wünschen der Pforte gern gewillfahrt haben würden, hätten sie nicht gerade in jenen Tagen in lebhaftester Besorgniss vor einem feindlichen Angriffe der Russen geschwebt, welche ein grosses, angeblich für die Griechischen Gewässer bestimmtes Geschwader in der Ostsee kreuzen und im Verein mit der Dänischen Flotte längere Zeit auf der Kopenhagener Rhede vor Anker liegen liessen[359]; ganz abgesehen davon, dass zudem bald darauf [100] auch die ersten Nachrichten von den Russischen Waffenerfolgen nach der Schwedischen Hauptstadt gelangten[360]; wodurch der frühere Kriegseifer der Hüte natürlich erheblich abgekühlt wurde, so dass die Antwort der Schwedischen Regierung auf die Türkischen Insinuationen, wenn nicht unfreundlich, so doch ausweichend lautete[361].

Vorsichtiger hätte man in Stockholm kaum verfahren können. Hat doch der Preussische König damals offen ausgesprochen, dass Schweden mit einer unwiderstehlichen, aus Preussen, Russland und Dänemark gebildeten Phalanx zu kämpfen haben würde, wolle es auch fernerhin bei seinen „ersten Irrungen“ verharren und trotz der Russischen Siege der Pforte seinen Beistand leihen[362].

Anfang 1769 hatte nämlich König Friedrich in Petersburg die Erneuerung des Preussisch-Russischen Tractates von 1764 beantragt und einen theilweise veränderten Allianzentwurf dorthin übersandt, welcher unter Anderm die Garantie Russlands für Ansbach und Baireuth forderte, sobald diese beiden Länder nach Aussterben der regierenden Linien dem Königlich Preussischen Hohenzollernhause zufallen würden. Allein so sehr auch die Kaiserin Katharina in Anbetracht der Kriegswirren im Norden und Süden Europas die Beziehungen zwischen Russland und Preussen noch herzlicher und inniger als vordem zu gestalten wünschte, so wollte sie sich doch zu der von Friedrich geforderten [101] Garantie nur bei Preussischen Gegenleistungen verstehen und beauftragte den Grafen Panin mit der Ausarbeitung eines Contraprojects, in welchem das frühere Uebereinkommen bezüglich Schwedens dahin ergänzt wurde, dass, wofern „die gewalttätige und durch Corruption einer fremden Macht unterhaltene Partei in Schweden die bestehende Regierungsform zu Grunde richtet (bouleverse) oder die Grenzen des Russischen Reichs angreift“, der Preussische König auf Requisition der Kaiserin zu einer bewaffneten Diversion in Schwedisch-Pommern verpflichtet sein sollte[363]. Diese Vorschläge des Petersburger Hofes fanden nun freilich in Berlin durchaus nicht unbedingte Zustimmung. Denn wenn König Friedrich auch einen Schwedischen Angriff auf Russland bereitwillig als Casus foederis anerkennen wollte, so war er doch andererseits wenig geneigt, sich gleich Russland einer geringfügigen Aenderung der Schwedischen Constitution mit offener Waffengewalt zu widersetzen[364], und erklärte demgemäss, bezüglich Schwedens keine weiteren Verpflichtungen als 1764 übernehmen zu können; besonders, da ein bewaffnetes Einschreiten in Pommern den Bestimmungen des Westfälischen Friedens zuwiderlaufen und sicherlich einen Angriff Frankreichs und Oesterreichs auf Preussen herbeiführen würde. Jedenfalls stand diese ziemlich abweisende Antwort in engem Zusammenhange mit der damaligen Absicht des Preussischen Königs, die Allianz mit Russland eventuell durch eine solche mit Oesterreich zu ersetzen[365]. Allein die Neisser Zusammenkunft (25. August) mit Joseph II. ergab bekanntlich ein negatives Resultat. Auch liess sich Katharina zu weiteren wichtigen Zugeständnissen herbei[366]. Genug, am 12. October wurde in Petersburg der neue Preussisch-Russische Allianzvertrag unterzeichnet, in welchem das frühere Uebereinkommen [102] bezüglich Schwedens vom 11. April 1764 erneuert[367], sowie ausserdem ausdrücklich festgesetzt wurde, dass ein Angriff Schwedens auf Russland oder ein totaler Umsturz der bestehenden Verfassung[368] als casus foederis gelten, und Friedrich in diesen beiden Fällen verpflichtet sein sollte, auf Begehren Katharina’s Schwedisch-Pommem mit einem „hinreichenden“ (convenable) Truppencorps zu besetzen[369].

Was ferner die Russisch-Dänischen Verhandlungen angeht, so hatte Bernstorff, wie schon erwähnt, am 23. Februar nach verschiedenen Berathungen mit Filosofov zwei Allianzentwürfe nach Petersburg gesandt, welche die Verwandlung des Allianzvertrages von 1765 in einen ewigen Holsteinischen Familientractat und die Ergreifung gemeinsamer Massnahmen zum Schutze der Schwedischen Verfassung befürworteten. Allein am kaiserlich Russischen Hofe war man mit einer gleichzeitigen Erledigung zweier so verschiedener Angelegenheiten keineswegs einverstanden, und die Kaiserin Katharina erklärte dem zufolge, dass sie zwar im Hinblick auf die gefährlichen Umtriebe Frankreichs und seiner Anhänger eine noch engere, vertragsmässige Verbindung zwischen Russland und Dänemark herzlich gern sähe und den Grafen Panin sofort mit der Ausarbeitung eines den Dänischen Interessen vollauf Rechnung tragenden Gegenentwurfs betrauen wolle, dass ihr aber eine endgültige Lösung der Holsteinischen Angelegenheit erst nach der Mündigkeitserklärung des Grossfürsten Paul empfehlenswerth erscheine<ref><Katharina an Christian VII., 31. März. Corr. minist. II, 409—15./ref>. Nach diesem schriftlichen Meinungsaustausch [103] trat in den beiderseitigen Verhandlungen eine lange Pause ein. Erst Anfang September, als die Europäische Lage sich ein wenig geklärt hatte, suchte man von Kopenhagen aus, wo man inzwischen vergebens auf das Eintreffen des von Katharina angekündigten Russischen Contraprojects gewartet, die Bündnissfrage von Neuem in Fluss zu bringen, indem König Christian in einer eigenhändigen Erwiderung auf das kaiserliche Handschreiben vom 31. März seine Forderungen in der Holsteinischen Angelegenheit erheblich einschränkte und nochmals die Nothwendigkeit eines gemeinschaftlichen Vorgehens in Schweden eindringlich hervorhob[370]. Wie klug berechnet dieser entgegenkommende Schritt des Dänischen Königs gewesen war, zeigte sich schon binnen kurzem. Denn Anfang December traf endlich der langersehnte Russische Gegenentwurf ein, welcher sich in den auf Schweden bezüglichen Punkten fast wörtlich an das Dänische Allianzproject anlehnte, so dass er sofort von Bernstorff und dessen Collegen en bloc acceptirt, und der neue Allianzvertrag schon am 13. December unterzeichnet wurde.

Die Bestimmungen dieses Vertrages bezüglich Schwedens sind wohl geeignet, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, da die aggressiven Tendenzen hier viel schärfer und unverhüllter als in dem wenige Wochen zuvor abgeschlossenen Russisch-Preussischen Bündniss zu Tage treten. Zwar heisst es auch in dem Russisch-Dänischen Tractat, man wolle alle in dem Vertrage von 1765 genannten friedlichen Mittel zur Anwendung bringen. Aber damit steht in geringem Einklang, wenn die beiden Contrahenten im Hinblick auf den Casus foederis, d. h. einen Angriff Schwedens oder einen vollständigen bezw. theilweisen Umsturz der Regierungsform von 1720[371], sich gleichzeitig verpflichteten, auf alle Fälle „von jetzt an“ (dès à présent) eine Landarmee von je 20 000 Mann und eine entsprechende Anzahl von Kriegsschiffen in steter Bereitschaft zu halten, und wenn die Kaiserin Katharina dem Dänischen Könige bei einem Kriege mit Schweden den ungestörten Besitz aller etwaigen Norwegischen Eroberungen, [104] sowie beim Friedensschlusse eine weitere angemessene Kriegsentschädigung in Land oder Geld garantirte[372].

Aber wenn sich der Grosskanzler auch rühmen durfte, die alten Freunde Russlands noch fester an dessen Seite gekettet zu haben, so glückte es ihm doch nicht, die anderen Mächte für sein Nordisches System mehr zu erwärmen und zum Anschluss an die bereits bestehende Preussisch-Russische und Russisch-Dänische Allianz zu bewegen.

Wie wir wissen, beschränkten sich die Englischen Bestrebungen in Schweden darauf, die Ruhe im Norden vor jeder muthwilligen Störung zu bewahren und dem Einfluss Frankreichs daselbst entgegenzuarbeiten. Soweit es daher galt, die Erfolge der Hutpartei rückgängig zu machen, war man in London gern bereit, durch Corruption — wenn auch in geringem Massstabe[373] — mit Russland und Dänemark zusammenzuwirken. Allen weitergehenden Absichten des Petersburger Hofes stand man hingegen kühl gegenüber; nicht nur, weil man die Erhaltung der Schwedischen Regierungsform als eine Nebensache für die Englischen Interessen ansah, sondern namentlich auch, weil das am Ruder befindliche Ministerium nur auf schwachen Füssen stand und durch innerpolitische Kämpfe vollauf beschäftigt war[374]. Genug, der Plan Panin’s, ein unabhängiges Grossherzogthum „All Finland“ [105] zum Schutze gegen Schweden zu errichten[375], fand in London ebenso wenig Anklang, wie seine Bemühungen, Grossbritannien zum Abschlüsse eines Vertrages mit Russland oder wenigstens zur Annäherung an Preussen und Dänemark zu bestimmen[376].

Da auch die Insinuationen Osterman’s wegen Erneuerung des Russisch-Schwedischen Defensivbündnisses auf unbesiegbaren Widerstand in Stockholm stiessen[377], richtete Panin seine letzten Hoffnungen darauf, das bisher so kühle Verhältniss zwischen Preussen und Dänemark herzlicher zu gestalten und, wenn möglich, zwischen jenen beiden, mit Russland eng befreundeten Staaten sogar ein Bündniss zu Stande zu bringen, welches den dritten Schritt auf dem Wege zur „Nordischen Allianz“ bezeichnen sollte. Anfangs hatte es in der That den Anschein, als ob sich endlich die Hoffnungen des Grosskanzlers verwirklichen würden. Denn Bernstorff verhielt sich seinen Bitten gegenüber nicht ablehnend und machte die Eröffnung von Unterhandlungen mit Preussen nur davon abhängig, dass die geplante Allianz sich einzig auf die Nordischen Angelegenheiten erstrecken, und ausserdem sofort die Ersetzung des seit 1768 in der Dänischen Hauptstadt beglaubigten Preussischen Legationssecretärs Gieseler durch einen ministre plénipotentiaire erfolgen sollte[378]. Aber ehrlich [106] gemeint war das Entgegenkommen des Kopenhagener Hofes keineswegs, sondern nur darauf berechnet, der Russischen Kaiserin Sand in die Augen zu streuen. Erklärte Bernstorff doch in jenen Tagen wiederholentlich ganz offen dem Dänischen Gesandten in Petersburg, eine nähere Verbindung zwischen Preussen und Dänemark sei ein Ding der Unmöglichkeit, da Friedrich d. Gr. seit 1765 den Dänischen Staat als einen unbequemen, ja gefährlichen Mitbewerber um die Gunst Katharina’s betrachte und mehr als je darauf bedacht sei, Russland von allen übrigen Mächten zu isoliren und dadurch von der Unentbehrlichkeit der Preussischen Freundschaft zu überzeugen[379]. Wie richtig der Dänische Premierminister gerechnet hatte, das bewies das Schicksal des Dänisch-Preussischen Allianzprojects, welches in Folge des hartnäckigen Widerstandes des Preussischen Königs ebenso schnell, wie es gekommen war, wieder von der Bildfläche verschwand[380].

Am 30. Januar 1770 schloss die Schwedische Reichstagssession. Was Friedrich d. Gr. vorausgesagt hatte, war Wort für Wort in Erfüllung gegangen. Die kühnen Hoffnungen und Zukunftsträume des Stockholmer Königshofes waren in Folge der persönlichen Nebenabsichten der Hüte wie Seifenblasen zerstoben, und wenige Monate hatten genügt, um den glänzenden Sieg über die Mützen in eine schwere Niederlage zu verwandeln. Sicherer denn je zuvor fühlte sich die auf der Regierungsform von 1720 aufgebaute Adelsherrschaft, von Russland, Preussen und Dänemark vertragsmässig behütet und beschützt. Und doch wurde dieser Reichstag von unermesslichem Werthe für die Bestrebungen [107] des Schwedischen Königshauses. Denn auf ihm trat der junge Kronprinz zuerst in die Oeffentlichkeit, auf ihm kam derselbe zu der Erkenntniss, dass ein von den Launen der Hüte oder Mützen abhängiges Schweden nichts anderes als einen wehrlosen Spielball in den Händen feindlicher oder gleichgültiger Nachbarreiche bildete, und dass nur ein starkes, unabhängiges Königthum sein Vaterland aus dessen erniedrigenden Lage zu befreien vermochte.

VI.

Friedrich der Grosse und Gustav III. vor und nach dem Stockholmer Staatsstreiche vom 19. August 1772.
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In seiner frühesten Jugend war der Schwedische Kronprinz Gustav ein begeisterter Bewunderer seines königlichen Oheims Friedrich gewesen, und noch 1762 hatte er es tief schmerzlich empfunden, dass der Reichsrath und die Reichsstände seiner Bitte, unter den ruhmreichen Fahnen Preussens seine militärischen Kenntnisse vervollkommnen zu dürfen, ihre Zustimmung versagten[381]. Im Verlaufe der nächsten Jahre, namentlich nach dem Uebergang ins Lager der Hüte, kam er jedoch immer mehr zu der Ueberzeugung, dass seine eigenen Bestrebungen und Ziele mit denen des Preussischen Königs nur wenig harmonirten, und die unausbleibliche Folge davon war, dass das früher so freundschaftliche Verhältniss zwischen beiden ein kühles, ja feindselig gereiztes wurde.

Im Januar 1770 hatten die Schwedischen Reichsstände für eine Reise Gustav’s nach Deutschland und Frankreich eine nicht unbeträchtliche Geldsumme bewilligt. Friedrich, dem die Sympathien seines Neffen für Frankreich kein Geheimniss geblieben waren, erkannte sofort klaren Blickes, dass dieses Reiseproject nur politische Zwecke verfolgen und dazu dienen sollte, die seit einiger Zeit stark gelockerten Bande der Schwedisch-Französischen Freundschaft wieder fester zu knüpfen und den Versailler Hof für die weitumfassenden Pläne des Schwedischen Thronerben zu gewinnen, und dass es demnach nur allzu sehr geeignet war, das kaum eingeschlummerte Misstrauen der Petersburger Regierungskreise [108] hinsichtlich eines Schwedischen Verfassungsumsturzes zu neuem Leben zu erwecken und Scenen heraufzubeschwören, welche leicht eine Anwendung des Preussisch-Russischen Allianzvertrages vom 12. October 1769, d. h. eine bewaffnete Diversion Preussens in Schwedisch-Pommern herbeiführen konnten. Um so weniger war er natürlich gewillt, die Hände müssig in den Schooss zu legen. Vielmehr brachte er einen von ihm schon vor längerer Zeit ersonnenen Plan zur Ausführung, indem er (August 1770) seinen Bruder Heinrich in einer hochpolitischen Mission nach Schweden entsandte, um durch dessen Vermittlung den Boden für eine Versöhnung zwischen seiner Schwester Ulrike und der Kaiserin Katharina zu ebnen und durch den Hinweis auf das vor kurzem abgeschlossene Preussisch-Russische Bündniss, welches jeden Versuch zur Erweiterung der königlichen Machtbefugnisse in Schweden von vornherein als aussichtslos erscheinen lasse, den Stockholmer Hof zur Nachgiebigkeit gegen Russland, sowie zur Aufgabe der Französischen Sympathien zu bestimmen[382]. Bei der Schwedischen Königin scheinen die „Insinuationen“ des Prinzen nicht ohne jeden Erfolg geblieben zu sein. Wenigstens trug sie fortan gegen den Grafen Osterman ein zuvorkommenderes Wesen zur Schau und äusserte sich über ihre kaiserliche Nichte weit günstiger als vordem[383]. Auch hören wir bald von einem regen Briefwechsel zwischen Ulrike und ihrem seit Anfang October bekanntlich in Petersburg weilenden prinzlichen Bruder; einem Briefwechsel, dessen Thema jedenfalls das von dem Preussischen Könige so warm befürwortete Versöhnungsproject zwischen seiner Schwester in Schweden und seiner hohen Russischen Bundesgenossin gebildet hat[384]. Hingegen scheiterte [109] der Versuch Heinrich’s, auch den Kronprinzen Gustav von seiner Vorliebe für den Versailler Hof zu bekehren und auf die Seite der russenfreundlichen Mützen hinüberzuziehen.

Unter solchen Umständen wird man wohl annehmen dürfen, dass König Friedrich sich ausschliesslich von politischen Beweggründen leiten liess, wenn er seinen Neffen Karl von Schweden, einen jüngeren Bruder Gustav’s, gelegentlich eines Besuches in Berlin (Ende October 1770) nicht nur mit ausgesuchter Zuvorkommenheit empfing und mit den schmeichelhaftesten Auszeichnungen überhäufte, sondern auch in mehreren Unterredungen mit demselben eine seinen sonstigen Gepflogenheiten wenig entsprechende, joviale Vertraulichkeit zur Schau trug[385]. Freilich scheinen weder die geflissentlichen Ehrenbezeugungen, die er an seinen jugendlichen Neffen verschwendete, noch auch die offenherzigen Ermahnungen, die er durch dessen Mund der Stockholmer Königsfamilie übermitteln liess, etwas gefruchtet zu haben. Denn schon nach einigen Wochen musste der in der Schwedischen Hauptstadt beglaubigte, interimistische Preussische Geschäftsträger Behnisch melden, es sei ihm von den verschiedensten Seiten hinterbracht worden, dass der Kronprinz während seines Pariser Aufenthaltes mit dem dortigen Hofe im Namen seiner Eltern wegen der Ueberlassung einer grösseren Summe „zur alleinigen Disposition“ derselben verhandeln solle[386].

Am 5. November hatte Gustav Stockholm verlassen und sich [110] zunächst nach Kopenhagen begeben, wo er aus der durch den Sturz Bernstorffs (15. September) völlig veränderten Lage für seine eigenen hochfliegenden Pläne Nutzen zu ziehen hoffte[387]. Indessen fand er nur den Grafen Rantzau, „den geschworenen Feind Russlands“, zur Annäherung an Schweden geneigt, während Struensee und Osten zwar das Verhältniss Dänemarks zu Russland weniger innerlich als früher zu gestalten wünschten, hingegen einem völligen Bruch mit der Kaiserin Katharina, welche die Entlassung Bernstorff’s als einen ihr persönlich zugefügten Schimpf betrachtete, um jeden Preis aus dem Wege gehen wollten. Es wurde daher auch während der Anwesenheit des Schwedischen Kronprinzen aufs Sorgfältigste alles vermieden, was der Empfindlichkeit der Petersburger Regierungskreise frischen Nahrungsstoff zu bieten vermochte, und um eine Hoffnung ärmer, musste Gustav nach einigen Tagen die Residenz seines Dänischen Schwagers verlassen[388].

Auch bei seiner Ankunft in Paris (4. Februar 1771) wartete seiner eine neue bittere Enttäuschung. Denn während er gehofft hatte, denjenigen Staatsmann noch im Amte zu finden, der seit 1766 die Interessen des Stockholmer Königshofes mit grossem Geschick bei Ludwig XV. vertreten, sah er sich in Folge des plötzlichen Sturzes seines Freundes Choiseul (24. December 1770) einer gänzlich veränderten Situation gegenüber, welche alle seine früheren Berechnungen mit einem Schlage über den Haufen warf. Ja, er musste befürchten, sein Aufenthalt in Frankreich werde trotz des wohlwollenden Empfangs am Versailler Hofe in politischer Beziehung resultatlos bleiben.

So standen die Dinge, als ein Ereigniss eintrat, welches niemand vorausahnte, niemand hatte vorausahnen können: der plötzliche Tod des Schwedischen Königs Adolf Friedrich (12. Februar). Scheinbar konnte die Thronbesteigung Gustav’s an den Beziehungen zwischen Preussen und Schweden nichts oder doch nur sehr wenig verändern. Denn Friedrich war, wie wir wissen, bei den inneren [111] Parteistreitigkeiten zwischen Hüten und Mützen stets ein stiller Zuschauer geblieben, und die einzige Angelegenheit, welche ihn nach dem Tode seines Schwagers näher berührte, war eine Frage von durchaus untergeordneter Natur: die Regelung des Witthums seiner Schwester Ulrike[389]. Erst dadurch wurde der Nordische Thronwechsel auch für Preussen von der höchsten Bedeutung, dass Gustav damals gerade an dem Orte weilte, von welchem er die erste Anregung zu Plänen empfangen hatte, die mit einer Wiederaufrollung der „Nordischen Frage“ gleichbedeutend waren und seitens des Petersburger Hofes die schärfsten Gegenmassregeln hervorrufen, vielleicht sogar einen grossen Europäischen Völkerkrieg entfachen konnten, in den dann natürlich auch der mit Russland eng verbündete Preussische Staat nothwendig hineingezogen werden musste.

Die unter diesen Umständen am Berliner Hofe herrschende Stimmung spiegelte sich vortrefflich in der Instruction wieder, welche der zum Preussischen Gesandten in Stockholm neuernannte Gesandte Graf Dönhoff in jenen Tagen empfing. Zwar hiess es, wie in den früheren Erlassen an Cocceiji, so auch hier, der Graf solle einen besonders freundschaftlichen Verkehr mit Osterman pflegen; aber gleichzeitig wurde er davor gewarnt, den Ein- gebungen desselben, „der sich gewissermassen an der Spitze der Gegner des Hofes befindet,“ blindlings zu folgen, da der Preussi- sche König zwar auf Grund seines Vertrages mit Russland eine Wiederherstellung der Souveränität in Schweden nicht dulden könne, aus verwandtschaftlichen Rücksichten aber den übrigen Bestrebungen seines Neffen nicht offen entgegenarbeiten wolle[390]. Mit anderen Worten: Friedrich wollte bei dem Parteienkampf in Schweden sich streng neutral verhalten; wenigstens so lange er hoffen durfte, dass sein Neffe auf dem Rückwege Berlin berühren und ihm Gelegenheit verschaffen werde, sich offenherzig über die Europäische Lage auszusprechen und nochmals die Nothwendigkeit einer Schonung Russlands darzuthun[391]. [112] Gustav war einem Besuche bei seinem Oheim keineswegs abgeneigt. Viele Gründe sprachen dafür, so die nahe Verwandtschaft, ein früheres Versprechen und die auf der Heimreise fast unvermeidliche Berührung Preussischen Gebiets. Da er jedoch ohne Zustimmung der Schwedischen Regierung einen so folgenschweren Schritt nicht wagen wollte, ertheilte er dem Kanzleipräsidenten Cl. Ekeblad den Befehl, die Reiseangelegenheit unverzüglich im Reichsrath vorzubringen und ihn von dem Resultat der Berathung dann so schnell als möglich in Kenntniss zu setzen[392]. Dass man auch in Stockholm die Nothwendigkeit eines solchen Besuches nicht minder lebhaft empfand, bewies ein Schreiben Sinklaire’s, welches noch in Paris in die Hände des Königs gelangte, und welches im Namen zahlreicher Freunde der Hoffnung Ausdruck gab, Gustav werde den Rückweg über Berlin nehmen und bei dieser Gelegenheit seinem Oheim, „diesem argwöhnischen Löwen“, vorstellen, dass Schweden keineswegs mit Russland „Streit suchen“ (chercher noise), sondern sich einzig um seine inneren Angelegenheiten bekümmern und niemand seiner Nachbarn „stören“ (troubler) wolle[393]. Trotzdem verliess der Schwedische König die Französische Hauptstadt, ohne einen bestimmten Entschluss bezüglich der Reise nach Berlin gefasst zu [113] haben[394], und seine letzten Bedenken schwanden erst, als er in Braunschweig ausser den dringenden Ermahnungen seiner Mutter[395] und einer freundschaftlichen Einladung seines Oheims[396] auch seitens des Reichsraths endlich eine zustimmende Antwort empfing[397].

Am 22. April traf er in der Preussischen Hauptstadt ein, wo er mit so schmeichelhaften und glänzenden Ehrenbezeugungen empfangen wurde, dass er, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, sein Incognito ablegte[398]. In mehreren Unterredungen kam es zu einer gründlichen Aussprache zwischen Oheim und Neffen. Ersterer skizzirte zunächst in flüchtigen Umrissen die von Preussen, Russland und Dänemark zum Schutze der Schwedischen Verfassung eingegangenen Verpflichtungen und hob hervor, dass diese Verpflichtungen ihn beim Umsturz der Regierungsform von 1720 zu einem offensiven Vorgehen gegen Gustav nöthigen würden; worauf dieser, da er richtig herausfühlte, sein Oheim glaube an das Bestehen geheimer Französisch-Schwedischer Abmachungen, mit glänzender Beredsamkeit darzuthun sich bemühte, dass er sich mit dem Versailler Hofe weder durch einen Subsidientractat [114] noch auf andere Weise „liirt“ habe, noch auch einen Umsturz der bestehenden Landesgesetze oder eine Wiederherstellung der Souveränität erstrebe, sondern einzig solche „Modificationen“ herbeizuführen beabsichtige, „die, ohne das Wesen (l’essentiel) der Verfassung zu alteriren, dazu dienen könnten, ihm wieder den Besitz der ihm zustehenden Vorrechte zu verschaffen“. Diese „Moderation“ Gustav’s machte auf den Preussischen Monarchen den günstigsten Eindruck, und er versprach seinem Neffen, einer geringfügigen Verfassungsänderung, wie z. B. einer Abschaffung der Reichstagsbeschlüsse von 1756, sich nicht widersetzen, sondern seinen Stockholmer Vertreter unverzüglich anweisen zu wollen, derselbe möge sich reservirt und ablehnend gegen alle Insinuationen Osterman’s verhalten, der „vielleicht die Sturmglocke läuten“ und jene Modificationen „als den ersten Schritt (acheminement) zur Souveränität ansehen“ werde. Die letztere Bemerkung führte zu einem eingehenden Gedankenaustausch über die Schwedisch-Russischen Beziehungen und endigte zu beiderseitiger Zufriedenheit, da Gustav seinen festen Entschluss bekundete, „mit seinen Nachbarn nach Möglichkeit gute Freundschaft zu pflegen“, und das Anerbieten seines Oheims, sich bei der Kaiserin Katharina für ihn verwenden zu wollen, dankbar annahm. Ein nicht minder günstiges Ergebniss erzielte schliesslich eine längere Erörterung über die Schwedischen Parteiverhältnisse. Denn der Schwedische König ergriff den von seinem Oheim im Verlaufe des Gespräches flüchtig hingeworfenen Gedanken einer „Composition“ zwischen Hüten und Mützen mit lebhaftem Eifer und entwickelte sofort die Umrisse eines diesbezüglichen Operationsplans, der in allen seinen Theilen den uneingeschränkten Beifall des Preussischen Herrschers fand[399]. [115] Genug, beide schieden von einander in bestem Einvernehmen[400] und bemühten sich zunächst auch redlich, ihre Zusicherungen buchstäblich zu erfüllen; Gustav, indem er sofort nach seiner Ankunft in Stockholm (30. Mai) die zur Durchführung des „Compositionsplans“ erforderlichen Schritte unternahm, Friedrich, indem er Katharina von der friedlichen Gesinnung ihres Vetters zu überzeugen suchte[401] und seinem Bevollmächtigten in der Schwedischen Hauptstadt nochmals dringend ans Herz legte, bei einer geringfügigen Modification der Schwedischen Verfassung zu Gunsten seines Neffen ein „völlig neutraler Zuschauer“ zu bleiben und „weder direct noch indirect“ einen Schritt zu unternehmen, der den Glauben erwecken könne, dass Preussen einem solchen Vorhaben „entgegenarbeiten“ (contrecarrer) wolle.

In der That gelang es den Bemühungen des Schwedischen Königs, zwischen Hüten und Mützen zunächst ein Compromiss zu Stande zu bringen. Als es aber galt, die Worte in die That umzusetzen, zeigte es sich bald, dass die von Russland früher in leichtfertiger Weise entfesselten Geister der Unbotmässigkeit gegen die Gesetze und des Hasses gegen das Königthum sich nicht wieder bannen liessen. Trotz des Einspruches Osterman’s und seiner Freunde, trotz der eindringlichen Versöhnungsworte Gustav’s wurden die Bestimmungen des Compromisses von den auf dem Reichstage in den drei unteren Ständen zur unumschränkten Herrschaft gelangten Mützen rücksichtslos verletzt, und am 25. April 1772 kam es gar dahin, dass entgegen den früheren Abmachungen die dem König ergebenen Reichsräthe für abgesetzt erklärt und seine erbittertsten Gegner neugewählt wurden. Mit anderen Worten: es hatte den Anschein, als werde das Königthum in Schweden zu einem wesenlosen Schatten, einem willenlosen Spielball in den Händen einer landesverrätherischen Partei herabsinken.

Hätte Adolf Friedrich sich noch an der Spitze der Regierung [116] befunden, so wäre den Augen Europas das traurige Schauspiel eines von Russischen Creaturen regirten Königthums Schweden vielleicht nicht erspart geblieben. Allein sein Nachfolger, in dessen Adern das feurige Blut der Hohenzollem und Wasa pulsirte[402], war von einem anderen Schlage, wie er durch den kühnen Staatsstreich vom 19. August 1772 deutlich bewies.

Es ist nicht unsere Aufgabe, wie anziehend es auch erscheinen möchte, hier des Weiteren auszuführen, wie der Revolutionsplan allmählich eine feste Gestalt gewann, wie er fast bis zur letzten Minute den gefährlichsten Wechselfällen unterworfen war, wie er schliesslich in glänzendster Weise ohne einen Schwertstreich, ohne Blutvergiessen gelang[403]. Wohl aber müssen wir uns die Frage vorlegen: Wie war es möglich, dass Preussen, Russland und Dänemark, die Hüter der Regierungsform von 1720, den kläglichen Zusammenbruch ihres Systems nicht verhindern konnten, sondern es ruhig mitansehen mussten, dass die anscheinend so felsenfest gefügte Adelsherrschaft in Schweden unter dem Jubel der Stockholmer Bevölkerung ruhmlos zu Grabe getragen wurde?

Nach der Rückkehr Gustav’s in seine Schwedische Heimath hatte sich zwischen ihm und seinem Oheim eine lebhafte Correspondenz entsponnen, theils über die täglich wachsenden Reibereien zwischen dem Schwedischen Monarchen und seiner Mutter, der verwitweten Königin, theils über die Hindernisse, welche Osterman und die Mützen der geplanten Beseitigung des Schwedischen Parteihaders in den Weg legten. Zweifelsohne bewährte sich der Preussische König in jenen Tagen als ein aufrichtiger Freund der Schwedischen Königsfamilie. Redlich bemühte er sich, die Eintracht im Schoosse derselben wieder herzustellen, anfangs durch schriftliche Ermahnungen, später, während des vorübergehenden Aufenthalts seiner Schwester in Berlin (Anfang December 1771 bis Anfang August 1772), auch durch mündliche Vorstellungen[404]. Sorgfältig vermied er jede Einmischung in die [117] inneren Angelegenheiten Schwedens, soweit sie nicht die Regelung des Witthums Ulrikens betrafen[405]. Erst, als er die bedauerliche Entdeckung machen musste, dass die Russisch-Schwedischen Beziehungen von Neuem ein drohendes Aussehen zu erhalten begannen, gab er seine Zurückhaltung auf und nahm — in der festen Ueberzeugung, dass ein Besuch seines Neffen bei Katharina das einzige Mittel zur Wiederanknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Nordischen Nachbarn sei — die Vermittlung seiner Schwester Ulrike in Anspruch (Mitte März 1772), um ihren Sohn zur Ausdehnung der von demselben geplanten Finländischen Reise bis nach Petersburg zu bestimmen[406].

Anscheinend hatte er nur ausgesprochen, was Gustav selber nicht minder lebhaft empfand. Denn gerade in jenen Tagen äusserte auch dieser zu dem Grafen Dönhoff in Stockholm, er werde sich von seinem Vorsatze, „eine entzweite Nation wieder zu einigen“, durch seine bisherigen Misserfolge nicht abschrecken lassen, und gab unmittelbar darauf seinem Oheim den Wunsch zu erkennen, die seit langer Zeit geplante Petersburger Reise endlich bewerkstelligen zu können[407]. Dieses rein zufällige Zusammentreffen berührte natürlich den Preussischen Monarchen höchst sympathisch; [118] um so mehr, als sein Neffe auch in den folgenden Wochen nichts verabsäumte, was den günstigen Eindruck seines ersten Schreibens noch zu verstärken vermochte. So dankte er dem Oheim in überschwenglichen Worten für die durch Ulrike übermittelten freundschaftlichen Rathschläge, richtete er an ihn die Bitte, die Ausführung des Reiseprojects, welches er in allgemeinen Umrissen skizzirte, durch geeignete Vorstellungen bei Katharina zu unterstützen[408], äusserte er sich überhaupt in einer Weise, die zwar Kummer und Resignation wegen der letzten, für das Königthum demtithigenden Vorgänge auf dem Schwedischen Reichstage zu bekunden, jeden Gedanken an einen gewaltsamen Umsturz hingegen völlig von der Hand zu weisen schien[409].

Genug, es kann nicht befremden, dass auch Friedrich einen herzlichen, vertraulichen Ton anschlug und seine ungetheilte Freude über das Petersburger Reiseproject ausdrückte, welches ebenso sehr den eigenen Intentionen wie den wahren Interessen des Stockholmer Hofes entspräche, dass er mit schmeichlerischen Worten versicherte, ganz Europa blicke mit Erstaunen und Bewunderung auf die andauernden, ehrlichen Bemühungen seines Neffen, „Schweden mit Schweden zu versöhnen“, und dass er schliesslich der Hoffnung Ausdruck gab, „Zeit und Geduld“ würden bald eine Wendung zum Besseren in den Angelegenheiten Schwedens herbeiführen[410].

Was würde er wohl geäussert haben, hätte er geahnt, dass die schönen Reden des Schwedischen Königs nichts als eitel Lug und Trug waren, und dass derselbe damals bereits fest entschlossen war, der allmächtigen Ständeherrschaft in Schweden ein gewaltsames [119] Ende zu bereiten[411]! Allein nichts vermochte sein felsenfestes Vertrauen auf die Ehrlichkeit seines Neffen zu erschüttern, nicht einmal die Stockholmer Berichte des Französischen Botschafters Vergennes, welche ausführliche Angaben über dessen Conferenzen mit dem Schwedischen Könige wie über die hierbei vereinbarten Revolutionspläne enthielten und auf dem uns schon von früher her bekannten Londoner Umwege auch zur Kenntniss Dönhoffs gelangten[412]. Dies um so weniger, als Gustav noch am 2. August, also wenige Tage vor dem Staatsstreiche, in einer Unterredung mit Osterman anscheinend die friedlichsten Neigungen und das lebhafteste Verlangen nach der Ermöglichung eines Besuches am Petersburger Hofe bekundete[413].

Von desto heftigerem Unwillen wurde der Preussische König natürlich ergriffen, als er (30. August) auf einer Reise in Schlesien die erste Kunde von den Vorgängen in Schweden empfing. Musste er es doch nicht nur als eine politische Niederlage, sondern auch als eine persönliche Kränkung ansehen, dass sein eigener Neffe, ein in den Künsten der Diplomatie noch wenig erfahrener Neuling, ihn, den allgemein anerkannten und bisher unerreichten Meister, durch einen Machiavellismus sonder Gleichen in schnödester Weise überlistet hatte[414]. [120] Auch in Petersburg war man, wie in Berlin, von dem Stockholmer Staatsstreiche völlig unvorbereitet überrascht worden, obwohl Osterman gleich seinem Collegen Dönhoff es nicht an den eindringlichsten Warnungen hatte fehlen lassen[415]. Aber während es in Preussen nur eines Federzuges König Friedrich’s bedurft hätte, um sofort eine Armee in Schwedisch-Pommern einrücken zu lassen, sah man sich in Russland genöthigt, zunächst wenigstens gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Denn um eine energische Politik gegen Schweden verfolgen zu können, musste man erst den Ausgang der Russisch-Türkischen Friedensverhandlungen zu Fokschani abwarten, musste man ferner erst durch Wiederinstandsetzung der Finländischen Festungen die infolge des Türkenkrieges von Truppen ganz entblösste Russische Hauptstadt gegen einen Schwedischen Handstreich sichern[416], musste man endlich sich erst Klarheit darüber zu verschaffen suchen, ob man auch auf den Beistand der Alliirten, namentlich des Preussischen Königs, rechnen könne, den das Gerücht allgemein als Mitwisser der Pläne seines Neffen bezeichnete[417]. Dass freilich [121] aufgeschoben in diesem Falle wenigstens keineswegs auch aufgehoben bedeutete, das bewies der am 3. September im Beisein und mit Zustimmung Katharina’s gefasste Beschluss des Petersburger Senats, „unter den gegenwärtigen Umständen, da die Revolution in Schweden bereits definitiv vollzogen sei und die Russischen Heere an entfernten Orten beschäftigt seien“, also nur vorläufig auf möglichst auffällige Truppendemonstrationen an der Finländischen Grenze und auf Ausrüstung einiger Kriegsschiffe sich zu beschränken[418]; das bewies noch deutlicher eine gleichzeitige Aeusserung Panin’s zu dem Grafen Solms, Preussen und Russland müssten, da „ein totaler Umsturz“ der von ihnen feierlich garantirten Schwedischen Regierungsform eingetreten sei, auf Grund ihrer Allianz von 1769 nunmehr in treuer Gemeinschaft die zur Erhaltung der „Ruhe im Norden“, sowie zur Bewahrung „ihres auf diesem Princip basirten Systems“ am besten geeigneten „Massregeln“ treffen[419].

Wenn Panin in jener Unterredung im Namen seiner Monarchin auch die Bitte aussprach, der Preussische König möge sich zu einer Ermahnung an seinen Neffen verstehen, damit derselbe nichts unternähme, „was zur Störung der Ruhe und des Friedens im Norden beitragen könnte“, so hätte es einer solchen Aufforderung überhaupt nicht erst bedurft, da Friedrich inzwischen den Russischen Wünschen bereits zuvorgekommen war; nicht etwa aus persönlichem Wohlwollen für den Herrscher Schwedens[420], sondern weil es die Rücksicht auf das Wohl des eigenen Landes gebieterisch so erheischte. Lag es doch vor allem im Interesse des Preussischen Staates, sich von der lästigen Verpflichtung befreit zu sehen, das Vorhandensein des in dem Bündniss von 1769 vorgesehenen casus foederis anerkennen und [122] auf Requisition des Petersburger Hofes zu einer bewaffneten Diversion in Schwedisch-Pommern schreiten zu müssen. Dies um so mehr, als die Worte des Polnischen Theilungsvertrags vom 5. August bisher nur auf dem Papier standen, und die Ausführung des Vertrages bei einer kriegerischen Verwicklung im Norden sicherlich auf unbestimmte Zeit vertagt, vielleicht sogar für immer unmöglich gemacht wurde.

Am 21. August hatte Gustav in wenigen Worten über das Gelingen des Staatsstreiches nach Berlin berichtet und am Schlusse seiner „Beichte“ um die „Approbation“ des Oheims gebeten. Diese Hoffnung verwirklichte sich nun freilich nicht. Allein andererseits lautete die Antwort des Preussischen Königs wenigstens nicht völlig hoffnungslos. Denn wenn derselbe auch unter Berufung auf die beiderseitigen Unterredungen im April 1771 nochmals die Verpflichtungen betonte, die er vor längerer Zeit Russland gegenüber behufs Aufrechterhaltung der Schwedischen Regierungsform übernommen habe, und die ihn bedauerlicherweise zur Parteinahme gegen seinen Neffen nöthigten, so versicherte er doch gleichzeitig, dass er denjenigen Tag „als den schönsten seines Lebens“ betrachten werde, an welchem es ihm gelänge, „das Geschehene wieder gut zu machen“[421].

Auf welchem Wege dieses „Wiedergutmachen“ vor sich gehen sollte, das setzte er denn auch seiner Schwester Ulrike damals in zahlreichen Briefen auseinander, auf die er seinen Neffen verwies[422], und in denen er besonders nachdrücklich die Nothwendigkeit einer sofortigen Wiederherstellung der „Regierungsform des Grafen Horn“ hervorhob, da ohne eine derartige Concession nicht nur sein mittlerweile in Petersburg unternommener Versuch, „die Affaire zur Négociation zu bringen“, nothgedrungen scheitern müsse, sondern namentlich auch unmittelbar nach dem nahe bevorstehenden Russisch-Türkischen Friedensschlüsse eine Kriegserklärung Katharina’s an Gustav zu gewärtigen sei, und zwar eine Kriegserklärung, welche bestimmt auch [123] ein bewaffnetes Einschreiten Preussens und Dänemarks auf Grund der Verträge von 1769 nach sich ziehen und mit dem Bombardement Stockholms, einem von den Anhängern Russlands angezettelten Bürgerkriege, der Abtretung werthvoller Provinzen an Dänemark, der Verwandlung Schwedisch-Finlands in ein von Russland abhängiges Herzogthum, vielleicht sogar mit der Vertreibung der Schwedischen Königsfamilie endigen werde[423].

Allein nichts vermochte den Trotz des Schwedischen Königs zu brechen, weder die in diesen Briefen enthaltenen Ermahnungen und Drohungen, noch die spätere Sendung einer Abschrift des auf Schweden bezüglichen Geheimartikels der Preussisch-Russischen Allianz vom 12. October 1769, dessen Bestimmungen die Preussische Regierung schon in ihrem eigenen Interesse getreulich erfüllen werde[424], noch endlich die wiederholten Vorstellungen des Prinzen Heinrich, dass das „Heil“ seines Neffen von dessen „Mässigung“, d. h. von der Wiederherstellung der früheren Regierungsform abhänge[425]. Vielmehr verfocht Gustav, obwohl seine Mutter zu scheinbarem Eingehen auf die Wünsche und Forderungen ihres königlichen Bruders rieth[426], nach wie vor hartnäckig die Ansicht, dass der Stockholmer Staatsstreich eine innere Schwedische Angelegenheit sei, in die sich keiner der Nachbarn einzumischen habe[427], und beantwortete, unter Benutzung der Vorschläge seines alten Freundes, des ehemaligen Kanzleipräsidenten [124] A. v. Höpken, das Schreiben seines Oheims vom 6. September mit den trotzigen Worten, er unterwerfe sich der „göttlichen Vorsehung“, die alle seine bisherigen Unternehmungen zu einem glücklichen Ende geführt habe, und baue auf die „Gerechtigkeit“ seiner Sache wie auf die „Liebe und Anhänglichkeit“ seines Volkes[428].

Während der Preussische König auf diese Weise in Stockholm das Terrain für seine, auf eine friedliche Beilegung der Nordischen Kriegsgefahr abzielenden Pläne zu ebnen suchte, wartete er mit ängstlicher Ungeduld auf Nachrichten aus Petersburg. Mussten ihm dieselben doch Klarheit darüber verschaffen, ob der dortige Hof sich zu einem sofortigen Angriff auf Schweden fortreissen lassen und die vertragsmässige Hilfe von Preussen begehren, oder aber ob derselbe geneigt sein würde, einen Vermittlungsvorschlag in nähere Erwägung zu ziehen, den er bereits Anfang September nach Russland gesandt hatte, und dem zu Folge die Bevollmächtigten Preussens, Russlands und Dänemarks in Stockholm zunächst nur in einer gemeinsamen Audienz bei Gustav die sofortige Wiederherstellung der Regierungsform von 1720 fordern sollten, widrigenfalls die drei Höfe, ohne Rücksicht auf ihre nahe Verwandtschaft mit dem Schwedischen Könige[429], zu Massregeln ihre Zuflucht nehmen würden, welche für Gustav nur von „traurigen Folgen“ begleitet sein könnten[430].

Von allen Besorgnissen wurde Friedrich endlich (Mitte Sept.) durch die Kunde von dem Scheitern der Russisch-Türkischen Friedensverhandlungen und durch Ankunft einer Petersburger Depesche befreit, in welcher Solms von den in der Reichsrathssitzung vom 3. September gefassten Beschlüssen und von einer Aeusserung Panin’s berichtete, seine Monarchin wolle in Erwartung der Vorschläge ihres hohen Preussischen Bundesgenossen vorläufig „alle offensiven Anstalten vermeiden“ und nur diejenigen „passiven Demonstrationen“ vornehmen, welche durch die Klugheit [125] geboten und auf den Schutz der eigenen Länder berechnet seien[431]. Ja es sah so aus, als sollten die kühnsten Hoffnungen des Preussischen Königs noch durch die Wirklichkeit weit übertroffen werden. Denn wenige Wochen später (Anfang October) empfing er eine zweite Depesche seines Petersburger Gesandten, in welcher dieser ihm auf Grund einer neuen Unterredung mit Panin davon Mittheilung machte, dass man in den Russischen Regierungskreisen über die „energischen Vorschläge“ Friedrichs des Grossen vom 4. September und über dessen „würdiges Schreiben“ an Gustav[432] die lebhafteste Freude geäussert habe, die Execution der vom Berliner Hofe vorgeschlagenen Declaration indessen wegen innerer und äusserer Schwierigkeiten bis zum Spätwinter hinauszuschieben wünsche[433].

Je mehr König Friedrich die von Russland gewünschte Verzögerung der „Demonstrationen“ gegen Schweden als eine hochwillkommene Förderung seiner Nordischen Friedenspolitik betrachten durfte[434], desto weniger verabsäumte er es natürlich, aus dieser unverhofft günstigen Conjunctur auf alle Weise Kapital zu schlagen. So liess er unablässig in Petersburg insinuiren, dass das Russische Ministerium seinen „Groll“ über die Revolution in Schweden unbesorgt verbergen könne, bis man in „confidentiellem Concert“ die „für die Ruhe im Norden und für die Erhaltung unseres Systems“ nothwendigen „Arrangements“ getroffen habe, da Schweden wegen seiner militärischen und finanziellen Schwäche vorläufig zu jedem „Gewaltschritt“ (démarche de vigueur) oder „offensivem“ Angriff unfähig sei[435]. So liess er [126] seinem Neffen in Schweden, damit ihm dessen kühner Thatendrang nicht etwa wieder, wie am 19. August, einen bösen Streich spielen könnte, auf dem uns schon bekannten indirecten Wege die vertrauliche Warnung zugehen, dass das Geschick Schwedens, obwohl Katharina wegen der ungünstigen Nachrichten aus Fokschani[436] die Botschaft von den Stockholmer Vorgängen anscheinend »ziemlich ruhig“ aufgenommen habe, nach wie vor von der Laune seiner nordischen Nachbarin abhängig sei, und dass man daher aufs Sorgfältigste ihre Empfindlichkeit schonen und namentlich alles auf bieten müsse, um den Verdacht eines Schwedischen Angriffskrieges nicht auf kommen zu lassen[437]; eine Warnung, die er nach dem Bekanntwerden von der Wiederaufnahme der Russisch-Türkischen Friedensunterhandlungen in Bukarest in verstärktem Masse sowohl auf directem wie indirectem Wege wiederholte[438]. So suchte er endlich den Wiener Hof dazu zu bewegen, derselbe möge als Hemmschuh für die kriegerischen Gelüste des Petersburger Cabinets auftreten und auf dessen Entschliessungen durch geeignete freundschaftliche Insinuationen einen wohlthätigen Druck im Sinne einer friedlichen „Négociation“ ausilben [439]. [127] Allein, während der Preussische König sich redlich bemühte, die von seinem Neffen begangene „Dummheit wieder gut zu machen“[440], war man an den meisten Europäischen Fürstenhöfen weit davon entfernt, seiner vermittelnden Thätigkeit die gebührende Anerkennung zu zollen. Im Gegentheil. In London, wo man seit langer Zeit Preussen als die wahre Ursache des Scheiterns eines Englisch-Russischen Allianztractats zu betrachten gewohnt war[441] und dem Berliner Hofe ausserdem wegen der jüngst erfolgten Annexion Polnischer Gebiete und der dem Britischen Handel mit Danzig dadurch zugefügten empfindlichen Verluste schweren Groll nachtrug[442], erblickte man in dem Vorschlag des Petersburger Cabinets (Ende September), England möge gemeinsam mit Russland, Preussen und Dänemark in Stockholm eine drohende Declaration überreichen und sich im nächsten Frühjahr an einem allgemeinen Angriff auf Schweden durch Gelder und eine Flotte betheiligen, nichts weiter als einen „Preussischen Plan“, auf den man keinenfalls eingehen dürfe, wolle man nicht Schwedisch-Pommern als eine leichte Beute dem verhassten Preussenkönige in die Hände spielen[443]. Und nicht viel [128] anders empfand man in Versailles, wo man die warnenden Schreiben der verschiedenen Mitglieder der Preussischen Königsfamilie an Gustav[444] dadurch unwirksam zu machen suchte, dass man diesem dringend empfahl, er solle sich durch die „unziemlichen (oanständiga) Ausdrücke“ seines Oheims nicht „imponiren“ lassen, sondern dessen „Unverschämtheit“ durch „Festigkeit“ und „stillschweigende Verachtung“ strafen; um so mehr, als die Französische Regierung bei einem Einmarsch Preussischer Truppen in Vorpommern nicht eine „müssige Zuschauerin“ bleiben, sondern den Schweden „totis viribus envers et contre tous“ beistehen werde[445].

Diese Einflüsterungen fielen auf um so fruchtbareren Boden, als der Schwedische König, in der Ueberzeugung, dass es jedenfalls besser sei, selber zuvorzukommen als sich zuvorkommen zu lassen, ohnehin fest entschlossen war, wenigstens den schwächsten seiner drei Gegner, den Dänischen Erbfeind, durch einen schnellen Vorstoss auf Norwegen, wo die Missstimmung gegen die Dänische Herrschaft angeblich mit jedem Tage mehr um sich greifen sollte, auf längere Zeit unschädlich zu machen. Anstatt den mahnenden Worten seiner Preussischen Oheime Gehör zu schenken, beantwortete er daher auch die kriegerischen Vorbereitungen, welche die Dänische Regierung nach dem 19. August [129] an der Grenze Norwegens vomahm, durch Gegenleistungen in noch erheblich grösserem Massstabe, sandte nach deren Beendigung (1. November) eine Note nach Kopenhagen, in welcher er unter Betheuerung seiner Friedensliebe über den Zweck der Dänischen Demonstrationen sofortigen Aufschluss begehrte, und brach kurz darauf (7. November) nach der Norwegischen Grenze auf, angeblich um die althergebrachte „Eriksgata“ durch die Provinzen seines Reiches zu unternehmen[446]. Allein kaum war er in Karlstad angelangt, als er schon die Antwort des Dänischen Königs (vom i). November) empfing, welcher „in der feierlichsten und aufrichtigsten Weise“ versicherte, „dass alle seine militärischen Massnahmen, besonders die in Norwegen“, einzig „die Sicherheit seiner eigenen Staaten“ bezweckt hätten, bezw. in Zukunft bezwecken würden. Nichts konnte dem nach kriegerischen Lorbeeren lüsternen Herrscher Schwedens unwillkommener sein, als diese zaghafte Erklärung seines Schwagers. Denn sie nöthigte ihn, allen weiteren Angriffsplänen zu entsagen, um sich nicht den Vorwurf eines leichtfertigen Friedensstörers zuzuziehen. Genug, die Rüstungen wurden Schwedischerseits eingestellt, und beide Monarchen versicherten wieder einander ihrer „aufrichtigsten“ Freundschaft[447].

Die mit unheimlicher Schnelle auf einander folgenden Meldungen von den Rüstungen Gustav’s gegen Christian und von seinem Aufbruch nach der Norwegischen Grenze riefen am Berliner Hofe eine geradezu niederschmetternde Wirkung hervor. Lag doch die Befürchtung nur zu nahe, dass Russland ein feindseliges Vorgehen des Schwedischen Königs gegen dessen Dänischen Schwager keineswegs kaltblütig hinnehmen, sondern den [130] Abschluss des Friedens mit der Pforte möglichst beschleunigen und dann sofort mit gesammelten Kräften sich auf Finland werfen werde; was bei der Gruppirung der Europäischen Mächte in zwei feindliche Heerlager aller Wahrscheinlichkeit nach einen allgemeinen Völkerkrieg herbeifuhren musste. „Der Krieg ist unvermeidlich und ich werde in ihn verflochten werden, ohne dass ich die geringste Möglichkeit erblicke, mich aus diesem Labyrinth herauszufinden“: so schrieb der Preussische König damals voller Verzweiflung an seinen alten Freund und treuen Rathgeber, den Staatsminister Finckenstein[448], den er seit dessen Stockholmer Legation (1744—1746) als Autorität in Schwedischen Angelegenheiten betrachtete; und wahrlich, die Europäische Lage war ernst genug, um solche Worte zu rechtfertigen.

Am 8. November ertheilte er dem Grafen Dönhoff in Stockholm die Weisung, derselbe solle bei der Nachricht vom Einmarsch der Schweden in Norwegen sofort im Namen des Berliner Hofes der Verwunderung über den Bruch der wiederholten Friedensversicherungen Gustav’s „ganz freimüthig“ Ausdruck verleihen und hinzufügen, dass kein Europäischer Staat „dergleichen Schritte mit gleichgültigen Augen ansehen“ könne, am allerwenigsten Russland, welches im nächsten Frühjahr unzweifelhaft den Feldzug in Finland eröffnen, die gesammte Schwedische Heeresmacht dort festhalten und dadurch den Dänen die Möglichkeit zur Wiedereroberung der inzwischen etwa an Schweden verlorenen Theile Norwegens verschaffen werde. Indessen — so hiess es zum Schlüsse des Schreibens — nur im Einverständniss mit seinem Russischen Collegen Osterman dürfe der Gesandte in dieser Weise vorgehen, und, wenn jener wegen fehlender Autorisation seitens seiner Regierung vorderhand noch „stumm und ruhig“ bleiben wolle, müsse auch er sich „zugeknöpft“ verhalten[449]. Mit einem Worte: das Bestreben der Preussischen Staatsleitung war ersichtlich darauf gerichtet, wenigstens vorläufig jede Parteinahme für oder gegen Schweden aufs Sorgfältigste zu vermeiden.

Natürlich fehlte es nicht an Versuchen, den Preussischen König von seiner neutralen Friedenspolitik abtrünnig zu machen, [131] und namentlich Dänischerseits wurde privatim wie officiell Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Friedrich zur Uebergabe einer drohenden Note an seinen Neffen zu vermögen. Allein der Preussische König blieb seinem Nordischen Programm unwandelbar treu und erklärte in ungemein höflichen, aber durchaus ablehnenden Worten, unter den obwaltenden Umständen müsse er eine Declaration von vornherein für „ungenügend“ und „unnütz“ erachten, ganz abgesehen davon, dass er einen derartigen Schritt ohne vorherige Verständigung mit seiner Russischen Bundesgenossin nicht unternehmen könne, eine Verständigung aber jedenfalls eine ziemlich geraume Zeit erfordern werde[450]. Ueberhaupt scheint die Rücksicht auf Russland ihn damals bei allen seinen Entschliessungen sehr wesentlich beeinflusst zu haben[451]; wie er denn auch in Petersburg mit der Versicherung seiner Bundestreue und seiner Bereitwilligkeit zur Leistung der vertragsmässig stipulirten Beihilfe wahrlich nicht geizte[452].

Freilich hielt ihn dies keineswegs davon ab, den Revanchetendenzen der Russischen Kriegspartei im Geheimen entgegenzuarbeiten; so z. B. durch den Befehl an Solms, die Lage in Petersburg nicht noch zu „verschärfen (aigrir)“, sondern „den simplen Beobachter zu spielen“ und, wenn man über die Dänisch-Schwedische Affaire Stillschweigen beobachte, „gleichfalls reinen Mund zu halten“[453]; so ferner durch erneute Versuche, den drohenden Schwedisch-Russischen Conflict durch eine friedliche Intervention des Wiener Hofes beizulegen[454]. [132] Nachdem mehrere bange Wochen verstrichen, in denen man zu Berlin stündlich die Kunde vom Ausbruch einer Schwedenfreundlichen Revolution in Norwegen und von einem Angriff Gustav’s gegen seinen Dänischen Schwager zu vernehmen befürchtete[455], empfing man (seit Ende November) aus Kopenhagen und Stockholm endlich beruhigendere Nachrichten, welche deutlich erkennen liessen, dass die drohenden Rüstungen des Schwedischen Königs nichts weiter als „Aufwallungen seiner Eitelkeit“ und „eine simple kleine Windbeutelei (fanfaronnade)“ gewesen[456]. Natürlich war Friedrich der Grosse weit davon entfernt, die Gefahren eines Schwedisch-Russischen Conflicts nunmehr als völlig beseitigt anzusehen. Denn er wusste nur zu gut, dass die Schwedisch-Dänische Affaire viel böses Blut in Petersburg erregen und die in den dortigen Hof kreisen gegen Schweden ohnehin herrschende Erbitterung noch beträchtlich steigern würde, während es andererseits nach den Vorgängen der letzten Monate von vornherein als ausgeschlossen gelten musste, dass sein „ebenso unruhiger, wie unbeständiger und unbesonnener“ Neffe sich gutwillig der Errungenschaften des Staatsstreichs, d. h. der Souveränität, wieder entäussern werde. Aber so lebhafte Besorgnisse [133] den Preussischen König auch zeitweilig beschleichen mochten, wenn er an das kommende Jahr mit seinen anscheinend unvermeidlichen Kriegswirren dachte, so überwand er doch diese pessimistischen Anwandlungen in Folge der ihm innewohnenden geistigen Elasticität und nahm zu dem von ihm schon früher angewandten letzten Auskunftsmittel seine Zuflucht, indem er seinen Neffen auf directem wie indirectem Wege zur Nachgiebigkeit gegen die Forderungen der Russischen Kaiserin zu bestimmen suchte.

Den erwünschten Vorwand bot ihm ein von Dönhoff bei dessen Rückkehr (29. November) überbrachtes Schreiben des Schwedischen Königs, in welchem dieser hoch und heilig versicherte, dass ihm nichts mehr am Herzen läge, als mit seinen Nachbarn „einen festen, dauerhaften Frieden zu bewahren“, und dass seine Massnahmen stets von seiner „natürlichen Neigung zur Ruhe“ dictirt worden seien[457]. Da Friedrich der Grosse zunächst abwarten wollte, ob Gustav nicht etwa durch spätere Schritte seine „feierlichen Versprechungen“ Lügen strafen würde, zögerte er einige Tage mit der Beantwortung jenes Briefes[458]. Nachdem er jedoch die sichere Ueberzeugung gewonnen, dass die am Norwegischen Horizont hochaufgethürmten Wolken sich „effectiv“ zu zerstreuen begannen, glaubte er sein Stillschweigen wenigstens theilweise brechen zu dürfen und übersandte seinem Neffen ein Handschreiben, in welchem er seinen „Befürchtungen bezüglich der Zukunft“ in etwas mystischen Worten Ausdruck verlieh[459]. Aber er sorgte dafür, dass man trotzdem in Stockholm über die am Berliner Hofe herrschenden Ansichten nicht im Unklaren blieb. Denn was er selbst verschwieg, das musste in seinem Aufträge Prinz Heinrich rückhaltslos offenbaren. [134] Mit unverkennbarem Geschick ging dieser an die Lösung der ihm gewordenen Aufgabe. Er suchte seinem Neffen, der an ihn ebenfalls einen hochpolitischen Brief gerichtet hatte[460], zu beweisen, dass Schweden sich militärisch wie politisch in der bedenklichsten Lage befände, da es höchstens 80 000 Mann aufzubieten vermöge, eine Truppenmacht, welche, in mehrere Armeen getheilt, zu jeder kräftigen Offensive unfähig sein, zu einem Heere vereinigt, aber den übermächtigen Gegnern die beste Gelegenheit zur Ueberschwemmung der von Truppen entblössten Provinzen darbieten würde, während andererseits noch immer im Innern des Landes eine nicht kleine Partei vorhanden sei, welche nur auf ein Signal seitens der Gegner Schwedens warte, um sich auf gewaltsamem Wege von den ihr durch den Stockholmer Staatsstreich auferlegten lästigen Schranken wieder zu befreien. Um alles in der Welt beschwöre er daher den König, sich nicht gegen ein „Arrangement“ zu sträuben, welches ihn zwar der Souveränität berauben, das Mass seiner Vorrechte und Privilegien gegen früher aber immerhin nicht unbeträchtlich vermehren werde. Denn nur durch Nachgiebigkeit könne er sich und seine Familie vor dem schlimmsten Unheil bewahren[461]. Noch kräftigerer Argumente endlich bediente sich der Prinz in einem späteren Schreiben an seine Schwester Ulrike, der er in nicht misszuverstehenden Worten mit einer „Arrondirung“ Preussens durch Schwedisch-Pommem drohte, wofern ihr Sohn sich nach wie vor gegen jede „Négociation“ ablehnend verhalte, und der er warnend zurief, man solle sich in Stockholm nicht etwa auf die Türkei verlassen, da eine Vereinbarung zwischen Russland und der Pforte nahe bevorstehe, und auch die höchst unwahrscheinliche Verzögerung des Friedensschlusses „auf die Schwedischen Affairen auch nicht den geringsten Einfluss ausüben werde“[462]. [135] Je mehr man sich in Berlin der Hoffnung hingab, durch das geschriebene Wort den Trotz des Schwedischen Königs überwinden zu können, desto grösser war natürlich die Enttäuschung, als man die vollgültigsten Beweise von der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen empfing. Anstatt sich einschüchtern zu lassen, erklärte nämlich Gustav nunmehr in ebenfalls ziemlich gereiztem Ton, die von ihm bewerkstelligte Veränderung der Regierungsform sei eine innere Landesangelegenheit, in die sich einzumischen keiner das Recht besitze. Mit Zuversicht hoffe er, dass niemand die Unabhängigkeit seines Reiches anzutasten sich erdreisten werde; wie er denn auch von den Nachbarstaaten „die nachdrücklichsten Bürgschaften für ihre Freundschaft und ihren Wunsch, mit ihm in guter und vollständiger Harmonie leben zu wollen“, empfangen habe. Sollte sich aber sein Glaube an die Loyalität der Nachbarn als ein beklagenswerther Irrthum erweisen, und die Fackel des Krieges sich im Norden entzünden, so sehe er dennoch, im Vertrauen auf die Gerechtigkeit seiner Sache und auf den Beistand seiner Alliirten, hoffnungsvoll in die Zukunft, welche ja manche Ueberraschung in ihrem Schoosse bergen könne[463]. Diese trotzigen Worte erregten in Berlin viel böses Blut und veranlassten einen sehr gereizten Briefwechsel zwischen den beiden Höfen. Höhnisch wies König Friedrich darauf hin, dass die „guten Freunde“ Schwedens in der Stunde der Gefahr wohl zu weit entfernt sein würden, um ihrem Bundesgenossen wirksamen Beistand leisten zu können. Auch vermöge er die Sorglosigkeit seines Neffen hinsichtlich der Zukunft keineswegs zu theilen, sondern müsse denselben an die Worte des Sehers erinnern, welcher Julius Cäsar zugerufen habe, dass die Iden des März noch nicht vorüber seien[464]. Nicht weniger schroff [136] lauteten ferner die Worte des Prinzen Heinrich, der u. a. die Behauptung aufstellte, dass, wenn mehrere, unter einander verbündete Grossmächte sich durch eine in einem kleineren Nachbarstaat erfolgte Veränderung beeinträchtigt oder beleidigt fühlten, „ein Accommodement der einzige dem schwächsten Theil offen stehende Ausweg sei“[465]. Aber Gustav blieb die Antwort hierauf nicht schuldig. Keiner seiner Nachbarn — so betonte er von Neuem — habe von ihm etwas zu befürchten. Allein auch er wolle in seiner Ruhe nicht gestört werden und werde niemals „Insulten“ ruhig hinnehmen oder sich ungerechten Bedingungen freiwillig unterwerfen, sondern bis zum letzten Blutstropfen für die Ehre und Unabhängigkeit seiner Unterthanen kämpfen, die in der Stunde der Gefahr alle inneren Zwistigkeiten vergessen und sich in treuer Anhänglichkeit um ihren Herrscher schaaren würden[466].

Sicherlich würde der briefliche Gedankenaustausch zwischen dem Schwedischen Könige und seinen Preussischen Oheimen einen weit weniger schroffen Charakter angenommen haben, hätte sich nicht die Aussicht auf Bewahrung des Friedens in Folge der feindseligen Haltung der beiden Hauptgegner, Schweden und Russland, von Tag zu Tag mehr und mehr verringert.

Wie lebhaften Verdruss die Schwedisch-Dänische Affaire in den Russischen Regierungskreisen hervorgerufen hatte, das sollte Gustav bald genug zu seinem Schaden erfahren. Der erste Schlag, den er von dorther empfing, war die höfliche, aber bestimmte [137] Ablehnung der von ihm geplanten Sendung eines ausserordentlichen Botschafters nach Petersburg (Anfang December)[467]. Unmittelbar darauf erfolgte ein neuer Schlag. Am 18. December überreichte Osterman nämlich eine Note, in welcher es hiess, dass die Russische Kaiserin jedes feindselige Unternehmen des Schwedischen Königs gegen Dänemark als einen gegen sie selbst gerichteten Angriff betrachten würde, eine Erklärung, welche eine um so tiefer gehende Wirkung ausüben musste, als sich an demselben Tage auch der Preussische Geschäftsträger Behnisch einfand und in Folge einer missverständlichen Auffassung des von uns früher schon erwähnten Immediaterlasses vom 9. November ebenfalls erklärte, sein Monarch habe mit lebhafter Besorgniss und Verwunderung von den „kriegerischen Vorbereitungen“ Schwedens vernommen, die so wenig den früheren feierlichen Friedensversicherungen entsprächen, und wolle daher auch seinem „von ihm aufrichtig geliebten“ Neffen in allem Vertrauen mittheilen, dass ein Angriff desselben auf Dänemark einen „offenen Bruch“ zwischen Schweden und verschiedenen Europäischen Grossmächten, namentlich Russland, früher oder später unfehlbar zur Folge haben und schliesslich sogar einen furchtbaren Krieg herauf beschwören müsse, dem sich dann auch Preussen in Folge langjähriger Verpflichtungen nicht werde entziehen können[468]. Zwar wusste die Schwedische Regierung ganz vortrefflich die Rolle des Unschuldigen zu spielen und den diplomatischen Vorstoss der beiden Gesandten durch eine „ebenso geschickte, wie [138] weise und massvolle“ Gegenerklärung zu pariren[469]. Aber die ruhige und vertrauensvolle Miene, welche man in Stockholm gegen Russland und Preussen zur Schau trug, war nur Verstellung. Denn in Wahrheit sah man den Ereignissen des kommenden Jahres mit lebhafter Unruhe entgegen, zumal die fortgesetzten kategorischen Friedensversicherungen des Petersburger Hofes durch dessen gleichzeitige energische Rüstungen zur See und zu Lande Lügen gestraft wurden.

Nur Gustav und sein Freund Ulrich Scheffer bewahrten in jenen kritischen Tagen den gewohnten Gleichmuth. Während man sich in Petersburg bereits eifrig um den Beistand Englands bei der für das Frühjahr 1773 geplanten kriegerischen Demonstration bezw. Action gegen Schweden bemühte, von einem nach Abschluss des Friedens mit der Pforte vorzunehmenden Einfall Russlands in Finland, Dänemarks in Schonen, Dalekarlien und Vermland, Preussens in Pommern träumte und die Wiedereinführung der Regierungsform von 1720 nur noch für eine Frage der Zeit ansah[470], während man in Kopenhagen die noch sehr im Rückstand befindlichen kriegerischen Vorbereitungen mit fieberhafter Eile nachzuholen trachtete und die schwärzesten Revanchepläne ausheckte, während man in Berlin gleichfalls mit der Mobilisirung einiger Regimenter begann, da man jede Hoffnung auf Erhaltung des Friedens verloren[471], — zu eben dieser Zeit sehen wir die Schwedische Diplomatie unermüdlich thätig, um die alten Bundesgenossen noch fester denn zuvor an die Seite Schwedens zu ketten, die Schachzüge der Gegner aber durch geschickte Gegenzüge zu vereiteln, und zwar theilweise nicht ohne Erfolg. So kam am 27. Februar eine Französisch-Schwedische Subsidienconvention zu Stande, laut welcher Frankreich drei Jahre hindurch, vom 1. Januar 1773 an gerechnet, je 800 000 Livres an [139] Schweden zahlen, dieses hingegen bis zum 1. Januar 1776 eine Kriegsmacht von 47 456 Mann, 21 Linienschiffen und 8 Fregatten in steter Bereitschaft halten zu wollen sich verpflichtete. So suchte man ferner dem Grafen Osterman Argwohn hinsichtlich der Ehrlichkeit Preussens einzuflössen und das ohnehin gegen König Friedrich im Schoosse des Grossbritannischen Ministeriums herrschende Uebelwollen durch geschickte Insinuationen in einer Weise zu schüren, welche den lebhaftesten Unwillen am Berliner Hofe erregen musste[472]. So wurde endlich in Constantinopel alles aufgeboten, um „unter der Hand und insgeheim“ den Bukarester Friedenscongress zum Scheitern zu bringen oder wenigstens der Schwedischen Regierung den Anspruch auf Unterstützung seitens der Pforte bei einem etwaigen Schwedisch-Russischen Kriege zu sichern[473].

So kam das gefürchtete Frühjahr 1773 heran. In zwei gewaltige Heerlager getheilt, stand ganz Europa unter Waffen und spähte erregt nach Südosten, wo am grünen Tisch über das Geschick Schwedens entschieden werden sollte. Am 19. März fiel endlich in Bukarest die Entscheidung, indem an diesem denkwürdigen Tage die letzte, fruchtlose Conferenz zwischen den Russischen und Türkischen Unterhändlern stattfand. Schweden war gerettet. Am 18. April gelangte die Kunde vom Scheitern des Congresses über Petersburg nach Stockholm, von dem dortigen Hofe mit wahrhaft frenetischem Jubel begrüsst. Denn jetzt durfte man zum mindesten sich der Hoffnung hingeben, dass die seit Anfang März stündlich befürchtete Russische Kriegserklärung einen längeren Aufschub erleiden würde. [140] Bald musste auch der letzte Zweifel schwinden. Mitte März hatte Gustav der Kaiserin Katharina nochmals die Hand zur Versöhnung dargeboten, indem er ihr den Vorschlag zur Erneuerung der 1770 abgelaufenen Schwedisch-Russischen Defensivallianz unterbreiten und gleichzeitig die Versicherung abgeben liess, die von ihm getroffenen Vertheidigungsmassregeln würden sofort wieder eingestellt werden, wofern er nur die absolute Gewissheit erhielte, dass man auch Russischerseits keinen Angriff gegen Schweden plane. Mit ängstlicher Spannung sah man in der Schwedischen Hauptstadt der Russischen Antwort entgegen, welche unter den obwaltenden Umständen das beste Barometer für die Stimmung der Petersburger Hofkreise abgeben musste. Am 24. April überreichte Osterman eine Note, deren Wortlaut die kühnsten Erwartungen und Hoffnungen des Schwedischen Königs noch weit übertraf. Hiess es doch darin, die Russische Monarchin habe mit aufrichtiger Befriedigung von den friedlichen Aeusserungen ihres Schwedischen Vetters vernommen und wolle daher nunmehr auch gern ihrerseits erklären, dass die Rüstungen an der Finländischen Grenze lediglich Ausflüsse ihrer Besorgniss vor einem Angriff Schwedens auf die Dänischen und Russischen Grenzprovinzen gewesen. Dem Plan einer Erneuerung des Russisch-Schwedischen Defensivbündnisses stehe sie keineswegs principiell feindlich gegenüber; doch sei sie der Meinung, dass alle weiteren Erwägungen darüber auf ruhigere Zeiten zu verschieben seien. Mit anderen Worten: Russland sah sich in Folge des Wiederausbruchs des Krieges mit der Pforte genöthigt, bis auf Weiteres gute Miene zum bösen Spiel zu machen und den durch den Stockholmer Staatsstreich vom 19. August 1772 in Schweden neugeschaffenen Zustand als zu Recht bestehend anzuerkennen[474].

Dass man in Petersburg freilich keineswegs dem inneren Triebe, sondern nur der äusseren Nothwendigkeit gehorchte, das bewies die Haltung, welche man gegen die beiden Mitverbündeten, Preussen und Dänemark, beobachtete. [141] Friedrich der Grosse war, obwohl er, wie wir wissen, Ende Januar 1773 den brieflichen Verkehr mit Gustav abgebrochen[475], dennoch ein aufmerksamer Beobachter der Vorgänge im Norden geblieben. Mit lebhafter Besorgniss hatte er die täglich zwischen Schweden und Russland sich vergrössernde Spannung bemerkt, zumal sie in ihm die Befürchtung wachrief, sein Neffe werde schliesslich den Lockungen der Pforte unterliegen und nach Abschluss eines Schwedisch-Türkischen Subsidienvertrages die Offensive gegen Russland ergreifen[476]. Ja, als Mitte April in schneller Folge die Meldungen von den energischen Rüstungen Schwedens und vom Scheitern des Bukarester Friedenscongresses in Berlin eintrafen, hielt er einen Friedensbruch von Seiten Gustav’s für so nahe bevorstehend, dass er sich zu einem letzten Verzweiflungsversuch entschloss und dem Petersburger Hofe seine persönliche Vermittlung behufs Zurückhaltung Schwedens anbot, während er gleichzeitig nochmals die Oesterreichische Regierung zur Intervention im Norden zu bestimmen suchte[477]. Desto aufrichtiger war natürlich seine Freude, als er von dem Inhalt der Russischen Friedensdeclaration vom 24. April Kenntniss erhielt, durch welche jede weitere Friedensvermittlung völlig gegenstandslos gemacht wurde[478]. Dies erkannte denn auch das Russische Ministerium und lehnte den Preussischen Mediationsvorschlag mit verbindlichstem [142] Danke ab. Allein die Art und Weise, in welcher seitens des Grafen Panin diese Ablehnung begründet wurde, liess klar genug erkennen, dass man in Petersburg den in dem Russisch-Preussischen Vertrage von 1769 vorgesehenen casus belli in Folge der Schritte des Schwedischen Königs allerdings für gekommen erachtete und nur aus äusseren Gründen vorläufig noch auf eine „Rectificirung“ des in Stockholm Geschehenen verzichten wollte, dass man hingegen durchaus nicht geneigt war, den Preussischen Monarchen auch in der späteren Zukunft von seinen Russland gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu entbinden[479].

Noch unverhüllter traten die Russischen Revanchetendenzen wenige Wochen später (12. Aug.) bei Erneuerung der Defensivallianz mit Dänemark zu Tage. Dieselbe enthielt nämlich einen besonderen Geheimartikel, in welchem die beiden Contrahenten sich zur Fortführung ihrer gegen Schweden gerichteten Rüstungen verpflichteten, um zu gelegeneren Zeiten auf dem Wege der Milde oder der Gewalt durch geeignete Massnahmen und mit Beistand des Berliner wie Londoner Hofes „die Dinge zur Wiederherstellung der Regierungsform von 1720 zu bringen“[480].

Hiermit sind wir am Schlusse unserer Betrachtung angelangt.

Ein neuer Abschnitt der Nordischen Frage war vollendet. Neugekräftigt war der kleine Schwedische Staat aus der drohenden [143] Krisis hervorgegangen. Das Scheitern des Bukarester Congresses, die kraftvolle Haltung und unerschütterliche Festigkeit des jugendlichen Schwedischen Monarchen, die energische Unterstützung Schwedens durch den Versailler Hof, die Abneigung Englands gegen einen Krieg im Norden, die kühle, leidenschaftslose Politik Preussens, welche in den ersten Wochen nach dem Stockholmer Staatsstreiche die erregte Stimmung der Petersburger Hofkreise geschickt zu beschwichtigen wusste, — alle diese Momente trugen mehr oder weniger zu dem unerwartet glücklichen Ausgange bei. Anfangs hatte es den Anschein, als sei die Nordische Frage endgültig zu Schwedens Gunsten entschieden worden. Siegreich hatte es seine Unabhängigkeit gegen alle Anfechtungen von Osten und von Westen gewahrt, mit Glück und Entschiedenheit die Occupations- und Interventionsgelüste der neidischen Nachbarn zurückgewiesen. „Aber“ — so bemerkt zutreffend ein neuerer Historiker — „die Wurzeln des Uebels lagen zu tief, um durch die eine kühne That vom 19. August 1772 dauernd ausgerodet werden zu können“[481]. Bald brachen die alten Wunden wieder auf, bald erhob die Opposition im Innern des Landes von neuem kräftig ihr Haupt, und als man endlich den alten Krebsschaden bemerkte, der an dem Herzen Schwedens frass und dessen Kräfte untergrub, war es zur Rettung schon allzu spät, war die Nordische Frage aus dem Stadium der chronischen Krankheit bereits in das der unheilbaren acuten Krisis getreten. Der Verlauf der Krisis ist bekannt: Finland, durch Gustav III. dem Schwedischen Vaterlande ruhmreich erhalten, ging unter seinem Sohne und Nachfolger Gustav IV. Adolf ruhmlos für immer verloren.

Nur eine der grossen Errungenschaften des Jahres 1772, die Regierungsform vom 21. August, hat den Wechsel der Zeiten siegreich überdauert. Einstmals, wie wir wissen, ein Stein des Anstosses für den Petersburger Hof und nur mit Mühe gegen dessen Machinationen und Intriguen vertheidigt, bildet jene Regierungsform noch heute einen wichtigen Bestandtheil des Finländischen Grundgesetzes und erhält in uns das Andenken an den kühnen Staatsstreich Gustav’s III. bis auf den heutigen Tag frisch und lebendig.

Anmerkungen

    la réponse de ce devin qui avait pronostiqué des malheurs qui menaçaient César, ce grand homme, aux ides de Mars. César lui dit en le rencontrant: ,Eh bien, ces ides de mars sont venues’. Le devin lui répondit: ,Elles ne sont pas encore passées’. V. M. sait le reste, mais le cas n’est pas exactement pareil. La catastrophe de César n’est point à craindre pour V. M., et si des présages de l’avenir Lui font de la peine, je peux comme un autre couvrir de fleurs les précipices pour les cacher à Ses yeux“. Hjelt S. 116 nennt diesen Brief „cynisch“.

    1751—70. S. 305—308. Kopenhagen 1887; Solovjev XXVIII, 93 u. Corr. minist. II, 381 Anm.

    à leur [Chapeaux] égard par la fougue de la jeunesse, qui L’avait emportée, par la vivacité de Son caractère et par les préjuges qu’on Lui avait inspires, et promettant de redresser le tout par la conduite qu’Elle tiendrait à l’avenir, qui serait entièrement conforme aux principes qu’on désirait qu’Elle suivit, et de la vérité et de la justice desquels Elle ne pouvait que convenir“. Corr. minist. II, 162 Anm. 1.

  1. R. Danielson, Die nordische Frage in den Jahren 1746—51. Helsingfors 1888.
  2. Als Grundlage dienen bei diesen Untersuchungen vorzugsweise gedruckte Quellenschriften, von denen die schwedischen, da sie theilweise auf deutschen Bibliotheken nicht befindlich, in Stockholm von mir durchgesehen wurden. Auch habe ich einige von den Excerpten verwerthen können, die ich — freilich zu anderem Zweck — während meines Aufenthaltes in Schweden im Stockholmer Reichsarchiv, in der dortigen königlichen Bibliothek, in der Universitätsbibliothek zu Upsala und im Privatarchiv des Oberkammerherrn Grafen A. Lewenhaupt auf Schloss Sjöholm (Södermanland) gesammelt. — Die Daten gebe ich alle nach neuem Stil!
  3. Politische Correspondenz Friedrich’s des Grossen V, 43.
  4. Pol. Corr. V, 58.
  5. Rescript an Korff 3. Juli (a. St.) 1746, s. Danielson, l. c. S. 102.
  6. Vergl. Danielson, 1. c. S. 101—220.
  7. Vergl. die Depeschen R.’s im Stockholmer ReichBarchiv. Bekanntlich war R. persona gratissima am Berliner Hofe, und als er Ende 1747 diese Stadt verliess, schrieb ihm Graf Podewils (19. October 1747): „L’idée de vous perdre y répand pour moi une amertume que je partage ... avec la cour et le public, mais que je ressents plus vivement encore, si j’ose le dire, q’un autre par l’amitié qui a subsisté entre nous et dont je vous demande la contirmation.“ Stockh. Reichsarch.
  8. Rudenschöld an Tessin. Berlin 19./30. Mai 1747. Tessinska samlingen. Stockh. Reichsarch.
  9. Vergl. Danielson, l. c. S. 230—46, und meine Darstellung in: „Die Memoiren der Königin v. Schweden Ulrike Luise, Schwester Friedrich’s des Grossen.“ Halle 1888, S. 17 ff. (Hallesche Abhandl. z. neueren Gesch. Heft 22).
  10. Polit. Corr. VI, 431.
  11. Ausführlicher bei Danielson, 1. c. S. 223—417, und Koser, Friedrich d. Gr. im Jahrzehnt vor dem siebenjährigen Kriege. Leipzig 1888. S. 210—25 (Hist. Taschenbuch, hrsg. v. Maurenbrecher VI, 2).
  12. In dem zu Sjöholm befindlichen „Mémoire relativement à la guerre d’Allemagne de 1756 etc.“, dessen Durchsicht Oberkammerherr Graf A. Lewenhaupt mir in liebenswürdigster Weise gestattete, äussert Graf Höpken, damals (Juni 1757) Leiter der auswärtigen schwedischen Politik, über Ulrike u. a.: „C’est le caractère de la Reine qui donne le branle et le mouvement [au royaume]. Esprit audacieux, hautain, impérieux, formé dans une cour des plus despotiques, Elle ne connaît point ... le sens et le terrae de „bien de l’Etat“, mais croit ... que tout consiste dans la gloire personnelle du Roi, dans ses [Ulrique] volontés et dans son bon plaisir. Ces maximes mises en oeuvre au moyen de la violence d’un tempérament qui ne se trouve point retenu ni modéré par l’autorité de l’épouse, causent dans l’État des agitations continuelles, redoublées et extrêmes.“
  13. Bericht an das engl. Ministerium v. 23. März 1756, s. Raumer, Beiträge zur neueren Geschichte. Leipzig 1836. II, 355 u. 356.
  14. Parteiisch gefärbt ist neuerdings die Darstellung Fryxell’s in den „Berättelser ur Svenska historien“. Bd. XXXIX. Wie wohlthuend berührt uns dagegen Malmström in seiner „Sveriges politiska historia frůn Karl XII’s död till statshoälfningen 1772“. Stockh. 1874. Bd. IV!
  15. Polit. Corr. VIII, 478.
  16. Vergl. meine Darstellung 1. c. S. 42, Anm. 2 und für die später folgende Schilderung S. 48—97.
  17. Abgedr. in „Fersen’s Historiska Skrifter, utg. g. Klinckowström“. Stockh. 1867. II, 165. [Bilaga Nr. 1].
  18. Polit. Corr. XI, 156.
  19. Polit. Corr. XIII, 27.
  20. Der schwedische Gesandte Wulfwenstiema schreibt aus Berlin am 27. April an seine Regierung, es werde von den inneren Angelegenheiten Schwedens wenig gesprochen, „et, si le ministère m’en a entretenu encore, ce n’a été que pour me témoigner l’intérêt qu’on prend au maintien de notre constitution“. Stockh. Reichsarch.
  21. Vergl. die ausführliche Darstellung Malmström’s 1. c. IV, 182 ff.
  22. Graf Podewils erklärte, sein Monarch erscheine ihm „extrêmement sensible à l’affront qu’il prétendait avoir été fait à la Reine Sa Soeur“. Bericht Wulfwenstierna’s v. 4. Mai. Stockh. Reichsarch.
  23. Vergl. die Instructionen des Canzleipräsidenten Höpken vom 21. und 28. Mai an Wulfwenstiema und den Bericht W.’s vom 5. Juni, dem obiges Citat entnommen. Stockh. Reichsarch.
  24. Polit. Corr. XIII, 26.
  25. Oeuvres de Frédéric le Grand. XXVII, 1, S. 288—89.
  26. W. meldet aus Berlin 10. Juli, Podewils habe von der Befürchtung gesprochen, „welche diese Nachricht hier verursacht und wie sein königlicher Herr nichts sehnlicher wünsche, als die schwedischen Reichsgrundgesetze befestigt und die Freiheit der Nation trotz aller gegnerischen Versuche aufrecht erhalten zu sehen“ (d. Original in schwed. Sprache). Ferner heisst es Berlin 13. Juli, Friedrich habe in Gegenwart des Marschalls Schwerin und einiger anderer Persönlichkeiten sich in ähnlicher Weise geäussert. Beide Berichte im Stockh. Reichsarch.
  27. Vergl. Polit. Corr. XIII passim u. meine Darstellung l. c. S. 72—97.
  28. Polit. Corr. XIII, 154 u. 155.
  29. Friedrich an Solms 13. Febr. 1757: „Pour ce qui conceme la Suède, je ne crois pas avoir lieu d’en rien apprehender ni d’en rien espérer, la situation actuelle des affaires de ce royaume ne lui permettant guère de rien faire ni contre moi ni en ma faveur.“ Polit. Corr. XIV, 270; vergl. S. 372.
  30. Vergl. die Berichte von Solms Polit. Corr. XIII u. XIV, passim. Die Papiere des Canzleipräsidenten Höpken, von denen ein grosser Theil im Besitz des Grafen A. Lewenhaupt auf Sjöholm befindlich und dort von mir durchgesehen worden, zeigen seine wahre, hasserfüllte Gesinnung gegen Friedrich. Das schon früher erwähnte „Mémoire relativement etc.“ strotzt beispielsweise von den heftigsten Anschuldigungen gegen den preussischen König, „son ingratitude, ses façons d’agir obliques et peu nettes .. . Elles ne sont point à justifier; elles renversent tous les liens des grandes et petites sociétés.“ Das Urtheil, welches der schwed. Akademiker Freiherr L. de Geer kürzlich über Höpken gefällt, ist zweifellos allzu günstig! Vergl. Svenska Akademiens Handlingar. Bd. 57, Stockh. 1882, S. 243— 454.
  31. Vergl. meine Mittheilung „Das Urteil eines schwedischen Diplomaten über den Wiener Hof im Jahre 1756“ in: Mittheilungen des Instituts für österr. Geschichtsforschung X, 288-94.
  32. Scheffer an Tessin. Drottningholm 22. Juli 1757. Tessinska samlingen. Stockh. Reichsarch.
  33. Es sei mir gestattet, einige schwedische Urtheile Aber diese Schlacht hier anzuführen. Am 9. Dec. schreibt der Senator N. Palmstierna, ein eifriger Anhänger des französischen Systems, an Tessin: „C’est là où le Roi de Prusse a vérifié votre axiome que l’esprit vaut mieux que 20 000 hommes.“ — Lieutenant A. Sparre, Theilnehmer an der Schlacht im Regiment „Royale Pologne“, schreibt am 10. Nov. aus „Neierode près de Nordhausen“ an seinen Verwandten Tessin u. a. Folgendes: „Le 5., jour dont les Français ne devaient jamais parier ... L’ennemi ... fit un feu terrible. Dès les premiers coups une terreur aussi panique que déshonorante s’empara tellement de nos troupes que sans avoir lâché que très peu de coups, pour ne pas dire un seul, ils se mirent à courir taut qu’ils avaient des forces. Les Français dans ce moment étaient absolument indignes du nom qu’i[ls] portent. On compte la perte des Français tant tués que blessés et pris entre 6000 à 7000 hommes et celle des Prussiens tout-au-plus à 300 ... Depuis cela nous avons marché tous les jours dans des fort mauvais chemins et les nuits dans les bois sans avoir un seul morceau à manger. La misere était si grande qu’un jour j’ai payé un petit écu pour un morceau de pain grand comme ma main.“ Beide Briefe in Tessinska saml. Stockh. Reichsarch.
  34. A. Fersen an Cl. Ekeblad, Stralsund 15. Jan. 1758: „La ville manque de bois, les maladies augmentent dans l’armée et cela n’est point surprenant, attendu les fatigues qu’elle a essuyées depuis quelque temps et le froid excessif qu’il a fait depuis un mois; la cavallerie est dans un état pitoyable, les chevaux d’équipage crevés, la caisse militaire dans les plus grands embarras.“ Königl. Bibl. z. Stockholm.
  35. Vergl. Arneth, Geschichte Maria Theresia’s. Wien, 1875. VI, 198.
  36. z. B. Lantingshausen. Nicht genug kann bei dieser Gelegenheit auf den trefflichen Aufsatz des schwed. Akademikers Malmström über Lantingshausen hingewiesen werden: in Svenska Akademiens Handlingar LXII, 85 ff. Stockh. 1886.
  37. „Mémoire rélativement à la guerre d’Allemagne de 1756 etc.“ Archiv des Grafen A. Lewenhaupt. Sjöholm.
  38. Mémoire etc. (s. oben): „Le peuple de Stockholm et de la campagne où je vis, est prévenu pour le Roi de Prasse et considère sa cause comme celle de Dieu et de la religion ... Le penchant de la nation va vers le repos.“
  39. Vergl. meine Darstellung l. c. S. 125—40.
  40. Vergl. meine Darstellung l. c. S. 111 ff. und die Briefe Friedrich’s an Ulrike, abgedr. als Beilagen zu Fersen’s Hist. Skrifter III, 319—23.
  41. Noch am 9. Aug. 1760 äussert Fersen zu Ekeblad seine „indécision ... de quitter l’armée pour aller présider au malheur de l’État“. Kgl. Biblioth. Stockholm.
  42. Vergl. Oeuvres de Frédéric le Grand V, 161. Am 18. Mai 1762 schreibt der spätere Reichskanzler K. Sparre aus Stockholm an seinen Verwandten K. G. Tessin: „Man erwartet täglich die Veröffentlichung [des Friedens] und es wird viel von einem Briefe des preussischen Königs gesprochen, der beweisen soll, dass die Königin allein es sei, der hierbei die Ehre zukomme. Seine preuss. Maj. haben nicht ohne die grösste Unruhe den für Sie peinlichen Gedanken ertragen können, Sich im Kriege mit einer Nation zu befinden, die Sie [Friedrich] ehren und hochschätzen,... und über die eine Schwester regiert, die Sie so sehr lieben.“ — Wenige Tage später (4. Juni) heisst es: „In der Plenarsitzung des Tages wurde durch einen Protokollsauszug des Geheimen Ausschusses der Friede publicirt. Die Nachricht wurde mit einem Freudensturm begrüsst, den zu beschreiben mir Schwierigkeiten verursachen würde. Der Geheime Ausschuss hatte gelegentlich des Friedensabschlusses eine Danksagungsadresse der Stände an den König vorgeschlagen, die auch eine Fülle von Artigkeiten für die Königin ... enthält. Die Adresse ist in den pomphaftesten Ausdrücken abgefasst und wird in der Reichstagszeitung gedruckt...“ Diese Briefe finden sich mitgetheilt bei Crusenstolpe, Portefeuille. Stockh. 1837, I, 83—89.
  43. Bernstorff an den Herzog v. Choiseul. Kopenh. 22. Aug. 1759: Höpken sei ein Mann, „qui hait les Danois par habitude et par principe et qui souhaiterait avec passion que tout Français en fit autant.“ Correspondance entre le Cte. J. H. E. Bernstorff et le Duc de Choiseul 1758-66 [p. p. P. Vedel]. Kopenh. 1871, S. 155. Vergl. Correspondance Ministérielle du Cte J. H. E. Bernstorff, p. p. P. Vedel. Kopenh. 1882. .1, 158; 374 —76; 381 u. s. w.
  44. B. an Ch., 22. Aug. 1759. Correspondance etc. S. 52.
  45. Ch. an B., 29. Juli 1759: „Dans l’état où sont les choses actuellement, si l’Impératrice de Russie mourrait et que le Grand-Duc lui succédat, il n’y a pas de doute que ce Prince s’unirait au Roi de Prusse et que le Roi et la Reine de Suède deviendraient nécessairement despotiques dans leur royaume.“ Corresp. S. 42.
  46. Vergl. Vedel, Den aeldre Grev Bernstorffs Ministerium. Kopenh. 1882, S. 125-27 und 185 ff.; Corresp. S. 20-91 u. L. de Geer. in Svenska Akademiens Handlingar. Bd. 57, S. 323 ff. u. 828 ff. (sehr parteiisch zu Gunsten Höpken’s). Stockh. 1882.
  47. Vergl. Malmström, Sveriges politiska historia. Bd. V, Stockh. 1877, und namentlich Vedel, a. a. O. S. 178—89 (freilich von nationaldänischem Parteistandpunkt).
  48. Corresp. S. 141; vergl. 143.
  49. Ausführlicher bei P. Vedel, Grev R. F. Lynar in: Dansk Historisk Tidskrift Abth. IV, Bd. IV, S. 568-86 und die Berichte Lynar’s abgedruckt in: Des weiland Grafen R. Lynar hinterlassene Staatsschriften. Hamburg 1793. I, 293—584.
  50. Bernstorff an Baron Bachoff in Wien (Kopenh. 25. Aug. u. 26. Sept. 1758): „Le Roi ne se laissera ébranler dans son système et entraîner hors de sa route ni par les reproches qu’on lui témoigne ni par les espérances si vagues et si incertaines qu’on lui présente et par lesquelles il est trop sage pour se laisser leurrer.“ Ferner: „Sa Maj. s’est résolue à la neutralité“ par amour pour la justice et par amour pour Ses peuples“. Correspondance Ministérielle etc. Kopenh. 1882. I, 264 u. 266.
  51. Zahlreiche Beispiele bei Vedel, S. 22— 24. Bernstorff an Graf Asseburg in Stockholm (Kopenh. 15. Aug. 1757): „Le roi de Prusse n’a rien fait contre le Danemarck; de quel droit participerions-nous donc à une guerre qui ne nous regarde pas et pourquoi prendrions-nous les armes contre un prince qui ne nous a point attaqués ...?“ Corr. Minist I, 143.
  52. Vergl. [Vedel]: Grev v. d. Ostens Gesandtskaber, in Dansk Historiak Tidskrift. Abth. IV, Bd. 1, S. 521 ff; Vedel, a. a. O. S. 131-77. — Bernstorff an Choiseul, Kopenh. 23. April 1760: „Depuis que la Russie s’est fait connaître aux nations policées de l’Europe, elle est l’objet de la terreur de toutes celles dont elle s’approche.“ Corresp. S. 138, vergl. 141 u. 143.
  53. Dieser Brief ist nach dem Original von Klinckowström in den Beilagen zu Fersen’s Historiska Skrifter III, 323 abgedruckt worden.
  54. Es ist dies vornehmlich das Verdienst der nächsten Umgebung des neuen Kaisers, die ihren hervorragenden Einfluss zu Gunsten des Friedens in die Wagschale warf, so z. B. der englische Gesandte Keith, der Holsteiner K. v. Saldern und der Prinz Georg Ludwig v. Holstein-Gottorp. Vergl. Vedel, S. 196 - 204.
  55. Friedrich an Ulrike, 4. April 1762; abgedr. in Fersen’s Hist. Skrift. III, 327.
  56. Friedrich an Ulrike, Breslau 27. Marz 1762: „Ce que vous voulez gagner d’ailleurs, comptez que vous l’obtiendrez par l’assistance de rEmpereur de Russie qui est zélé pour sa maison, et que vous triompherez du parti français.“ Fersen’s Hist. Skrift. HI, 326, vergl. 325 u. 327.
  57. Friedrich an Ulrike, 11. April 1762. Fersen’s Hist. Skrift. VIII, 296. Stockh. 1872.
  58. Peter’s Gemahlin, Katharina, war die Tochter der verwittweten Prinzessin v. Anhalt-Zerbst, der Schwester des Königs Adolf Friedrich von Schweden. Peter selbst war gleichfalls mit Adolf Friedrich nahe verwandt.
  59. Siehe die Bemerkungen Ulrikens in ihren Memoiren; abgedr. in Fersen’s Hist. Skrift. III, 315.
  60. Friedrich an Ulrike, 14. Mai 1762. Fersen’s Hist. Skrift. III, 328. — Bernstorff schreibt an den dän. Gesandten in Stockholm, Schack (Kopenh. 1. Febr. 1762): „Il [Peter III.] donnera un si grand poids à la balance en faveur des Suédois royalistes et de la Reine, amie de ce parti, que cette princesse pourra parvenir à ce but depuis si longtemps désiré d’écraser ses adversaires et avec eux la liberté de la Suède" ... Dans ce funeste moment il importe moins au Roi [de Danemarck] qui domine en Suède ...; il lui importe seulement que la Suède reste libre et pour vous dire tout en un mot, que la Reine ne puisse pas joindre les forces de ce royaume à celles de la Russie pour L’attaquer Lui-même." Corresp. Minist. II, 3—5.
  61. Friedrich an Ulrike, den 21. Mai 1762. Fersen’s Hist. Skrift. III, 329.
  62. Schack an Bernstorff, 21. Mai 1762, citirt bei Vedel a. a. O. S. 226.
  63. B. an Sch., Kopenh. 19. Febr. 1762: „De tous les projets ... celui que le nouveau czar paraît avoir concerté avec la Reine de Suède, est le plus funeste." Corresp. Minist. II, 7.
  64. B. an Sch., Travendahl 14. Juli 1762: „Vous ne laisserez pas de faire observer aux amis de la Suède et de sa liberté ce qu’ils ont à attendre de lui [Peter], ou ses liaisons avec la Reine et sa passion aveugle.“ Corresp. Minist. II, 78; vergl. S. 46 [an v. Wedel-Frijs in Paris (Kopenh. 22. Mai 1762)].
  65. Abgedr. in Fersen’s Hist. Skrift. III, 318.
  66. Friedrich an Ulrike, 25. Mai 1762: „Il ne conviendra pas que vous fassiez solliciter la cour de Russie pour en tirer du secours en argent. Je sais qu’elle en est dépourvue à présent et une teile demande ne saurait que nuire à vos autres intérêts essentiels.“ Fersen’s Hist. Skrift. VIII, 293.
  67. Friedrich an Ulrike, 12. Juni 1762: „Il me semble que votre politique devrait être de tirer tout le parti que vous pourrez de l’amitié de l’Empereur de Russie pour regagner toutes les branchea du pouvoir Royal qu’on a élaguées peu à peu.“ Fersen’s Hist. Skrift. VIII, 296 u. 297.
  68. Ueber Saldern vergl. E. Holm, Caspar v. Saldern og den dansknorske regering, in Dansk Hist. Tidskr. Abth. IV, Bd. 3, S. 73 ff. Die Berliner Conferenz trat in Folge der Ereignisse am 8. Juli überhaupt nicht zusammen. In Berlin weilte bereits seit einiger Zeit im Auftrage Bernstorffs der Graf v. d. Asseburg, dem es gelang, den preuss. Minister des Auswärtigen, Graf Finckenstein, und dessen Monarchen für die friedliche Vermittlung günstig zu stimmen. Vergl. Denkwürdigkeiten des Freiherrn von d. Asseburg, hrsg. v. Varnhagen v. Ense, Berlin 1842, S. 111 ff. u. Vedel a. a. O. S. 220-24.
  69. Der französische Gesandte Breteuil schreibt schon am 18. Juni 1762 aus Petersburg: „L’impératrice a du courage dans l’âme et dans l’esprit; eile est aimée et respectée aussi généralement que le Czar est haï et méprisé.“ La cour de Russie, il y a cent ans, 1725—83. Berlin 1860, S. 190.
  70. Oeuvres de Frédéric le Grand V, 191.
  71. Katharina an Friedrich, Petersb. 24. Juli 1762; abgedr. in Sbornik russkago istoritjeskago. Petersb. 1877. XX, 152. Vergl. auch Hermann, Geschichte des russ. Staates. Hamburg 1853. V, 288 u. 289.
  72. Friedrich an Ulrike, 20. Aug. 1762, abgedr. in Fersen’s Hist. Skrift. VIII, 297 u. 298.
  73. Oeuvres de Frédéric le Grand V, 159; 219; 221. VI, 4 u. 5. Friedrich hebt V, 158 besonders die „infamie“ Bute’s hervor, weil „des actions infâmes doivent être peintes dans l’histoire avec les traits difformes et affreux qui leur conviennent“.
  74. Vergl. die Worte K. v. Schlözer’s in: Friedrich d. Gr. u. Katharina II. Berlin 1859. S. 116 u. 117.
  75. Der engl. Gesandte Buckingham schreibt an den Earl of Halifax, Moskau, 2. Dec. 1762: „There is at present a Swede here, whose name is Colonel Durietz, who was sent with compliments upon the Empress’s accession; he is very well received by Her Imp. Majesty and She has given him leave to come to court every day ... This has occasioned many speculations; and as the Queen of Sweden is known to be a woman of ah active, intriguing disposition, it has been supposed that he is negociating some private treaty“. Abgedr. in Sbornik. Petersb. 1873. XII, 56.
  76. Vergl. die Abhandlung: Grev v. d. Ostens Gesandtskaber, in Dansk Hist. Tidskrift IV, 1, S. 558 u. 559; ferner Correspondance Ministérielle. II, 109 ff.; Malmström, Sveriges Politiska Historia V, 250 ff.; Fryxell, Berättelser ur Svenska Historien XLI, 3 u. 4. Stockh. 1872. Bisweilen waren diese Gerüchte geradezu kindisch und ungeheuerlich; so z. B. schreibt der dänische Gesandte Schack am 4. Jan. 1763 aus Stockholm an Bernstorff, es sei von einer Einberufung des schwed. Reichstages für nächstes Frühjahr die Rede. „Si ce projet est vrai ... il n’y a presque plus de doute que ce ne soit un mariage entre la Czarine et le Prince Gustave qu’on médite.“ Abgedr. bei O. Nilsson, Blad ur Konuog Gustaf III’s och Drottning Sofia Magdalenas giftermålshistoria. Svenskt Hist. Bibliotek, utg. af. C. Silfverstolpe V, 120, Anm. Stockh. 1879.
  77. B. an Schack, 12. Oct. 1762: „Mr. de Panin est ... par le pouvoir que certaine liaison à Stockholm a eu sur son coeur, attache à la reine de Suède.“ Corr. Minist. II, 113, Anm. Ueber diese „liaison“ Panin’s erhalten wir in den „Mémoires sur la politique étrangère, remis par Mr. de Broglie à Louis XV, du 16 avril à la fin d’août 1773“ folgenden interessanten Aufschluss : „Un séjour à Stockholm de 10 ou 12 années [1749—59] l’avait presque naturalisé en Suède, mais tout aussi contribué à faire de ce ministre le prosélyte et l’instrument d’un parti. Sa cour soutenait celui des bonnets ... L’intrigue, la vénalité et la flatterie entouraient Mr. de Panin; les femmes s’en mélèrent; il fut subjugué par celle d’un sénateur [Löwenhielm]. Elle sut tirer parti de cet amant diplomatique et pour sa cabale et pour ellemême, pendant que le ministre russe croyait avoir trouvé dans cet attachement un grand ressort de sa politique et faire un coup d’état toutes les fois qu’il se livrait à un penchant naturel.“ Correspondance Secrète inédite de Louis XV p. p. Boutarie II, 25 u. 26. Paris 1866.
  78. Graf Solms spricht in einem Schreiben an Friedrich d. Gr., Moskau 10./21. März 1763 von der Sendung des Obersten Duriez, „qui devait avoir pour objet l’établissement d’un prince Suédois en Russie ou le mariage de la princesse de Suède avec le Grand-Duc Paul. Le hasard m’a fait apprendre dernièrement la confirmation de cet avis.“ Abgedr. in: Sbornik. Petersb. 1878. XXII, 39. Friedrich selbst schreibt an Ulrike, Potsdam 19. Februar 1767: „On ne m’a rien dit de Petersbourg du projet d’y marier votre fille; mais (ceci soit dit sous le sceau du plus inviolable secret) on parle bien, en cae de mort du Grand-Duc, de vous demander votre second fils pour lui donner cette place.“ Fersen’s Hist. Skrift. III, 365 - 66. Dass Katharina im Jahre 1767 an eine solche Möglichkeit gedacht haben sollte, erscheint gleichwohl nach den damaligen gespannten russisch-schwedischen Beziehungen völlig ausgeschlossen.
  79. Die Citate aus Bernstorff’s Instruction für v. d. Osten, Kopenhagen, 7. April 1763, Corr. Minist. II, 126 u. 127.
  80. Instruction B.’s an den dän. Gesandten in Paris, Baron Gleichen, Kopenh., 10. Juni 1768, Corr. Minist. II, 135 ff.
  81. Corr. Minist. II, 149—53.
  82. Bernstorff an Schack, 5. November 1768, Corr. Minist. II, 154, Anm. 2.
  83. B. an Sch., Corr. Minist. II, 156.
  84. Ausführlicher bei Flassan, Histoire générale et raisonnée de la diplomatie française. 2. Aufl. Paris 1811. VI, 332—39 u. 352—64.
  85. Ludwig XV. an Breteuil, 10. Sept 1762. Broglie, Le secret du Roi. Paris 1878. II, 26, vergl. Boutaric: Correspondance inédite etc. I, 283.
  86. Vergl. Malmström, Sveriges politiska historia V, 252 u. 253.
  87. Solms an Friedrich d. Gr. Petersb. 12. 23. Aug. 1763, abgedr. in Sbornik XXII, 104 u. 105, sowie Forschungen zur deutschen Geschichte IX, 81 (Mittheilungen aus dem Nachlasse Ludwig Häusser’s von Mendelssohn Bartholdy). Ueber die Stellung Friedrich’s zu Katharina s. N. Tengberg, Om Kejsarinnan Catharina II’s åsyftade stora Nordiska Alliance. Lund 1863. S. 14; 20 u. 21.
  88. Friedrich an Solms, Berlin, 9. Sept. 1763. Forschungen z. deutschen Gesch. IX, 83.
  89. Grev v. d. Osten’s Gesandtskaber, in: Dansk Hist. Tidskrift IV. 1. S. 564 ff.
  90. Solms an Friedrich, Petersburg, 29. Aug./9. Sept. 1763. Sbornik XXII, 115. Es ist bezeichnend, dass bei den Allianzverhandlungen zwischen Russland und England ein auf Schweden bezüglicher Geheimartikel von Panin beantragt wurde. Derselbe wurde am 22. August von dem engl. Gesandten Buckingham nach London gesandt und hatte den Wortlaut: „... Comme l’expérience de beaucoup d’années a fait voir que quelques autres Puissances s’attachent à entretenir en Suède un parti qui inspire continuellement à cette nation l’envie et le désir de troubler le Nord, et employent divers moyens à cette fin: C’est pourquoi Sa. Maj. Imp. de toutes les Rnssies et Sa. Maj. Britt. pour obvier à ces efforts nuisibles à leurs sujets respectifs, lesquels sont employés par d’autres Puissances, sont convenues et s’engagent par le présent article secret de pourvoir leur ministre à la cour de Suède d’instructions suffisantes afin qu’ils fassent cause commune, tant pour abaisser le dit parti, entretenu par d’autres Puissances, que pour maintenir l’équilibre entre le dit parti et celui qui lui est opposé, afin que le premier ne puiaae pas l’emporter sur le second et venir à bout de aes desseins, lesquels tendent à causer du préjudice aux sujets des hautee parties contractantes ...“ Freilich kam der Vertrag nicht zu Stande, weil Sandwich in einem Schreiben an Buckingham, Whitehall, 23. Sept., denselben, besonders den zweiten Artikel, als „utterly inadmissible“ bezeichnete. S. Sbornik XII, 123; 124; 131.
  91. Einen guten Ueberblick hierüber gibt K. Tengberg, a. a. O. S. 8—14. Vergl. Sbornik XXII, 117 (Rescript von Finckenstein und Hertzberg an Solms Berlin, 30. Sept. 1763).
  92. Wörtlich: „... Comme la dite faction a été formée et entretenue par certaines puissances étrangères et s’est acquise au moyen de leur appui une grande supériorité dans les affaires de sa patrie, en travaillant principalement et sans cesse suivant leur convenance mutuelle à tenir ses concitoyens dans une agitation continuelle et à les animer à se mêler dans tous les troubles du dehors ainsi que cela ne prouve par une expérience de plusieurs années, et se mettant fort peu en peine des véritables intérêts de la Suède, qui lui rendent le répos nécessaire. ...“
  93. Der ganze Artikel abgedr. bei Tengberg, S. I u II. [Beilage A.]
  94. Bernstorff an Schack, Kopenh., 15. Nov. 1763, Corr. Min. II, 155.
  95. Für die folgenden Capitel habe ich mein Material beträchtlich vermehren können, theils durch Benutzung verschiedener Publicationen in Russischer Sprache, theils durch Verwerthung der im Berliner Geheimen Staatsarchiv befindlichen Depeschen der Preussischen Gesandten in Stockholm, sowie der an dieselben gerichteten Mediat- und Immediaterlasse Friedrichs d. Grossen, deren Durchsicht Herr Wirkl. Geh. Oberregierungsrath Prof. H. v. Sybel gütigst mir gestattet hat. Cap. I u. II s. Bd. II p. 410 ff.
  96. Am 16. August 1762 schreibt d’Havr. an den Schwedischen Kanzleipräsidenten Cl. Ekeblad: „V. Exc. - - - sait que l’abandon, la trahison de quelques gens regardés longtemps comme amis, l’indifférence de quelques autres, si peu analogue à mes sentiments pour eux, n’ont pas été les moins sensibles de mes chagrins". Stockh. Reichsarch.
  97. Graf Bernstorff schreibt am 19. Februar 1763 dem Dänischen Gesandten Schack zu Stockholm: „Depuis quelque temps déjà le Roi s’aperçoit ou croit s’apercevoir que le Ministère de France - - - se lasse de la Suède ou au moins du parti qu’il y a eu jusqu’ici et qu’il juge que la forme du Gouvernement, telle qu’elle est étalie aujourd’hui dans ce Royaume, lui rend son alliance peu utile“. Correspondance ministérielle du Comte I. H. E. Bernstorff 1751—1770, p. p. P. Vedel II, 114 (Kopenhagen 1882).
  98. Den Depeschen Schack’s (18. Januar u. 1. März 1763) zufolge sollte der Herzog v. Praslin geäussert haben, „dass es sich nicht lohne, an Schweden Subsidien zu zahlen, so lange dieses Land seine jetzige unbrauchbare Regierungsform behalte“. Grev v. d. Ostens Gesandtskaber in: Dansk Hist. Tidskr. Raekke IV, Bind 1, 613—14 (Kopenhagen 1869—70).
  99. Vgl. Malmström, Sveriges politiska historia etc. V, 239—47 (Stockholm 1877).
  100. Am 4./15. October 1763 schreibt der Preussische Gesandte Graf Solms aus Petersburg, Panin habe ihm von den Französischen Allianzvorschlägen an Schweden Mittheilung gemacht und hinzugefügt: „qu’il sera tres nécessaire de prendre un concert pour prévenir ce coup“. Sbornik imperatorskago russkago istoritscheskago obschtschestwa XXII, 127 (Petersburg 1878).
  101. Depesche Osterman’s, Stockholm, 26. August/6. September 1763; abgedruckt bei Solowjew, Istorija Rossiji sdrewnjäischich wremjen. XXV, 330-31 [Russ.] (Moskau 1881, 2. Aufl.).
  102. Das Conferenzprotokoll vom 2./13. October findet sich abgedruckt im Sbornik etc. LI, 1-3 [Russ.] (Petersburg 1886).
  103. Petersburg 22. October/2. November [Russ.], Sbornik LI, 44-49.
  104. Petersburg 22. October/2. November [Russ.], Sbornik LI, 49-50.
  105. Rescript vom 22. October/2. November [Russ.], Sbornik LI, 50—51.
  106. Solowjew XXV, 340—341.
  107. Am 4. November schreibt B. an den Staatssecretär Sandwich, Bestuchew habe ihm erklärt, „that the Empress is determined to oppose the views of the French in Sweden and hoped for the concurrence of England. He also confirmed, what I had already heard from another quarter, that She is sending remittances to that Country“. Am 23. November berichtet derselbe von einer Unterredung mit Panin, der ihn fragte, „if I thought my Court migbt be induced to assist Her Imp. Maj. with some sums of money“ und in Folge der ablehnenden Haltung B.’s bemerkte, „that surely it was an object to prevent Sweden from becoming an absolute Monarchy“. Sbornik XII, 141 u. 145 (Petersburg 1873).
  108. Vgl. Malmström V, 247 u. 248. Die Instruction für Breteuil vom 8. October 1763 ist neuerdings abgedr. in: Recueil des instructions, données aux Ambassadeurs et Ministres de France etc. II. Suède, p. p. A. Geffroy S. 402—6 (Paris 1885).
  109. Vgl. Malmström IV, 347 u. V, 248. — In dem Rescript an Osterman vom 24. October/4. November [Russ.] heisst es, er solle in Stockholm die sofortige Absendung eines Bevollmächtigten nach London anregen, da „die Anwesenheit eines Englischen Gesandten in Stockholm durchaus Unsern Absichten und Interessen entspricht“. Sbornik LI, 56. — Aus Anlass der Ernennung Goodricke’s schreibt Sandwich an Buckingham: „You will take the earliest opportunity of acquainting the Czarina with the fresh mark of His Majestys friendship and His attention to what She judges so essential to the interests of Her Crown“. Sbornik XII, 149.
  110. Friedrich an Ulrike, 20. August 1762: „Je sens bien qu’il serait bon d’envoyer de ma part un Ministre en Suède, mais dans ce temps-ci cela ne ferait qu’une grande dépense et nous ne sommes pas assez riches pour y subvenir“. Abgedr. in Fersen’s Historiska Skrifter, utg. af Klinckowström VIII, 298 (Stockholm 1872).
  111. Solms schreibt am 12./23. September 1763 aus Petersburg: „Pour ce qui regarde les affaires de Suède, le Comte Panin se trouve flatté que S. M. [Prussienne] approuve ses idées par rapport à l’établissement d’un parti oppose à celui de France. Il est persuadé qu’il prendra bientôt de la considération dès qu'on verra les deux Ministres agir de concert, tenir le même langage et fréquenter les mêmes personnes“. Sbornik XXII, 120.
  112. In dieser Instruction (Concept vom 7. November 1763) heisst es u. A.: Cocceiji solle versuchen „de gagner la contiance de la Reine Ma Soeur“; denn hierdurch werde es ihm leicht gelingen „d’apprendre ce qui se passe à la Cour de Stockholm et ce sera même là le meilleur moyen d’y ménager Mes intérêts avec succès“. Doch solle er es vermeiden „d’entrer dans les vues particulières que la Cour pourrait avoir relativement à la Souveraineté ou à d’autres arrangements intérieurs du Royaume“ und sich zu keinem Schritte fortreissen lassen „qui pourrait indisposer la Nation contre Moi ou Me commettre avec les Puissances voisines, intéressées au maintien des constitutions de la Suède“. Mit allen Gesandten solle er einen „commerce de politesse et de société“ unterhalten, aber mit keinem „d’une manière particuliere“ sich liiren „à l’exception du Ministre de Russie - - -, auquel il [Cocc.] fera bien de dire dans sa première visite, qu’il avait ordre d’entretenir les liaisons les plus étroites avec lui et de lui marquer une confiance conforme aux sentiments d’amitié et à l’heureuse intelligence entre les deux Cours“.
  113. Schon am 27. December 1763 schreibt Schack an Bernstorff, Ulrike gäbe den Hüten fortdauernd „mille démonstrations de bienveillance - - - Il est naturel de juger qu’il s’agira d’accorder de certains avantages à la Cour, car pourquoi changerait-Elle de principes, si Elle n’avait [pas] cette espérance?“ O. Nilsson, Blad ur Konung Gustaf III’s och Drottning Sofia Magdalenas giftermålshistoria in: Svenskt Historiskt Bibliotek, utg. af C. Silfverstolpe V, 124—25 (Stockholm 1879). — Auch der Preussische Gesandte schreibt am 13. März 1764: „La modération avec laquelle S. M. la Reine pense présentement, ne peut faire qu’un très bon effet sur la Nation. Bien loin de traiter durement ceux dont Elle a sujet de n’être pas contente - - -, Elle use d’une politesse générale qui ne peut que Lui gagner les coeurs“.
  114. Solowjew XXVI, 94—95 (Moskau, 1883; 2. Aufl.).
  115. Rescript vom 10/21. März 1764 [Russ.], Sbornik LI, 231 f. Vgl. auch Solowjew XXVI, 95 f.
  116. Malmström V, 249.
  117. Es ist an dieser Stelle geradezu unmöglich, die verschiedenen hochinteressanten Phasen des sog. „Parteiwirrwarrs 1763 u. 1764“ im einzelnen zu verfolgen. Schon am 11. Februar 1764 schreibt Bernstorff an Schack über die Schaukelpolitik Adolf Friedrich’s und Ulrikens: „La préendue mésintelligence ou division de principes entre le Roi Son époux et Elle m’est un nouveau motif de soupçon. Cette division n’est pas naturelle pour qui connaît l’ascendant pris d’une part et la différence de genie de l’autre, et ne me paraît par conséquent qu’un jeu concerté entre Eux pour essayer de S’acquérir par là du crédit dans les deux partis et d’en réunir le bénéfice en faveur de l’autorite Royale“. Corr. minist. II, 162.
  118. Depesche Breteuil’s vom 12. Februar 1764; citirt bei Malmström V, 257 Anm. 3 und bei Raumer, Beiträge zur neueren Geschichte III, 214 Anm. (Leipzig 1839).
  119. Anfang Januar 1764 äusserte er zu Schack: „Que la Reine tenait en toutes occasions des propos très convenables, excusant Sa conduite passée
  120. Cocceiji berichtet am 13. März 1764 über „la future diète“ folgendermassen: „La Cour travaille - - - à la faire ouvrir dès le printemps [1765] et elle se promet de grands avantages de cette anticipation. Le grand but que S. M. [Ulrike] Se propose, est la réunion des esprits“.
  121. Bernstorff an Schack, 11. Februar 1764: Er befürchte „que la Reine, en flattant d’abord les amis de la France et puis la France elle-même, ne parvienne enfin à persuader à cette Puissance qu’il est de son intérêt réel d’augmenter le pouvoir Royal en Suède.“ Man müsse daher Breteuil beobachten und versuchen „de découvrir jusqu’où les avances et les cajoleries de la Reine feront impression sur lui“. Corr. minist. II, 163.
  122. Rescript vom 3./14. Mai [Russ.]. (Antwort auf O.’s Depesche vom B./30. März), Sbornik LI, 332-35. Vgl. auch Solowjew XXVI, 96.
  123. Solowjew XXVI, 96 u. 97.
  124. Depesche Korff’s vom 25. Februar/7. März 1764. Solowjew XXVI, 105. — Prof. Hiärne in „Öfversigt af Sveriges ställning till främmande makter vid tiden för 1772 års statshvälfning“ (Upsala 1884) S. 9 Anm. 1 citirt eine Depesche Korff’s vom 28. Februar 1763 nach Solowjew XXVI, 110. Vermuthlich hat Hiärne die erste Auflage benutzt, während uns bereits die zweite, verbesserte zu Gebote stand. Alle Schlussfolgerungen Hiärne’s aus der Depesche vom 23. Februar 1763 sind natürlich hinfällig.
  125. Solms an Friedrich, 25. November/6. December 1768. Sbornik XXII, 168.
  126. Friedrich an Solms, 23. December 1763: Im Hinblick auf die Englischen Parteikämpfe, die zurückhaltende auswärtige Politik des dortigen Ministeriums und „la grande ligue qui sembleêetre formée contre l’Angleterre par les liaisons des différentes branches de la Maison de Bourbon avec celle d’Autriche“ erachte er für das Beste „d’attendre à voix plus claire dans la tournure que prendra le système de l’Europe avant que de renouveler Mes liaisons avec l’Angleterre“. Sbornik XXII, 174.
  127. Solms an Friedrich, 2./13. März 1764: „L’ambition du Cte. Panin est de rendre sa Cour le mobile de la balance entre les Puissances Européennes; il souhaiterait de pouvoir opposer à cette ligue du Sud une union des Puissances du Nord“. Sbornik XXII, 221.
  128. Noch am 5. November 1763 schreibt Bernstorff: „Le Roi souhaite vivement l’amitié et l’alliance de l’Impératrice, mais c’est la réalité qu’Il en souhaite et non l’apparence“. Corr. minist. II, 164 Anm.
  129. Ueber dieses Gespräch vgl. Solowjew XXV, 333.
  130. Rescript an Korff vom 27. Januar/7. Februar [Russ.]. Sbornik LI, 494 ff.
  131. Ueber diesen Zwischenfall vgl. die Rescripte an Korff und Osterman vom 24. Februar/6. März [Russ.]. Sbornik LI, 220—22.
  132. In einem undatirten, ganz neuerdings im Stockholmer Reichsarchiv aufgefundenen Schreiben (Ende Februar oder Anfang März 1764) des Petersburger Specialgesandten Ulrikens, C. W. v. Düben, an den Grafen N. Gyldenstolpe heisst es nämlich, Panin habe versucht, die Nachricht Ogier’s an Breteuil hinsichtlich eines Dänisch-Russischen Einverständnisses als „nouvelle fausse“ hinzustellen. „Il [Panin] réitéra à cette occasion les assurances les plus fortes sur l’intention où était l’Impératrice de concourir avec le Ro en tont ce qui pourra rendre sa Situation plus favorable et mettre nos affaires sur un pied solide et durable. Je le remerciais beaucoup de la confidence qu’il m’avait faite - - - Mr. Panin protesta que rien n’était plus réel que l’intention où était l’Impératrice de rétablir l’autorité du Roi et de rémédier aux inconvénients de notre Constitution qu’il convint être vicieuse de toute façon“.
  133. Bezüglich dieser Allianz heisst es u. a.: „L’alliance conclue déjà entre V. M. et la Russie servirait de fondement à cet édifice. Celles qui se feront à l’avenir avec les autres Cours, seraient réglées sur le même pied“.
  134. Die obige Schilderung gründet sich auf die Depesche von Solms an Friedrich vom 28. April. Sbornik XXII, 241—46.
  135. Friedrich an Solms, 18. April 1764: „Une alliance de la Russie avec le Danemarc ne saura nuire, mais ne pas aussi procurer grand bien“. Sbornik XXII, 224.
  136. Ueber dieses Gespräch handelt der Bericht Solms’ vom 13J24. Juli Sbornik XXII, 271-75.
  137. Wörtlich: „En Lui représentant la nécessité absolue de Se tenir tranquille, de ne point paraître ouvertement dans les manigances qu’on sera oblige de faire, de ne point outrer Ses prétensions, de ne pas Se former an parti séparé qu’Elle prétend gouverner seule, de ne pas donner par la sujet à des scissions dans le parti général, de ne pas faire à Sa Cour des distinctions trop marquées entre les personnes des factions différentes et, en un mot, de Se tenir entièrement hors du jeu“.
  138. „Mémoire sur les affaires de Suède“ (Beilage zur Depesche vom 13, 24. Juli, auf Grund der Preussischen Mediaterlasse vom 23. Juni und. 3. Juli), abgedr. in: Sbornik XXII, 277—81.
  139. Preussische Ministerialnote, 24 September (über „les affaires de Suède“): „Il n’est pas douteux qu’elles ne soyent d’une bien plus grande importance pour l’Angleterre que pour la Russie et qu’il ne serait pas juste que celle-ci y mit seule les fraís qui devaient bien plus naturellement retomber sur la premiere.“ Forschungen zur Deutschen Gesch. IX. 123. — Friedrich an Solms, 9. September: „Je suis charmé de la façon de penser du Cte. Panin sur les affaires de la Suède, par l’intérêt que j’y prends à cause de la Reine Ma Soeur, et il serait à Bouhaiter que l’Angleterre pur en être mêlée“. Sbornik XXII, 311.
  140. Bernstorff an Schack, 22. September. Corr. minist. II, 181.
  141. Preussische Ministerialnote vom 19. October an Cocceiji.
  142. Vgl. den Gesandtschaftsbericht aus Petersburg vom 4. September bei Raumer III, 386.
  143. Der Reichstag 1760—62 hatte die Eröffnung des Reichstages erst für Mitte October 1765 festgesetzt, und die Hüte versuchten alles, um seine „Anticipation“ zu verhindern. Aber die Finanznoth Schwedens zwang auch sie schliesslich, einer verfrühten Einberufung zuzustimmen, so dass der Beschluss einstämmig erfolgte. Vgl. N. Tengberg, Om kejsarinnan Catharina II’s åsyftade stora nordiska Alliance. S. 29 (Lund, 1863).
  144. Bernstorff an Schack, 22. September. Corr. minist. II, 179—81.
  145. Tengberg a. a. O. S. 30 behauptet, dass Adolf Friedrich und Ulrike „von dem ganzen Plan überhaupt keine Kenntniss besassen“. Dies geht wohl allzu weit. Wenigstens berichtet Cocceiji am 2. November: „S. M. la Reine dans un des premiers entretiens - - - me demanda jusqu’à quel point de vue je croyais que Y. M. fut bien aise de voir l’autorité Royale remise en Suède. Je ne balançai pas à Lui répondre que Vous regardiez, Sire, le réglément de l’année 20 comme la base fondamentale du Gouvernement“. Ferner geht uns aus den Depeschen Cocceiji’s vom 29. Mai und 4 September sowie dem Berichte Osterman’s vom 24. August/4. September (Solowjew XXVI, 97) hervor, dass Ulrike von dem Inhalt des auf Schweden bezüglichen Geheimartikels in dem Preussisch-Russischen Bündniss Kenntniss erhalten hat.
  146. Vgl. v. d. Osten’s Gesandtskaber in: Dansk Hist. Tidskr. IV, 1 p. 626.
  147. Dieselben sind bei Tengberg S. 30 citirt.
  148. Vom 27. October. Corr. minist. II, 184.
  149. Abgedr. in: Sbornik LVII, 109—12.
  150. Rescript vom 28. November/9. December [Russ.], Sbornik LVII, 116-18.
  151. Bericht Buckingham’s vom 8. September. Sbornik XII, 180–82. – Uebrigens heisst es bereits in dem Immediaterlass Friedrich’s an Cocceiji rom 8. Juli: „J’avoue que J’ai pen d’espérance que l’Angleterre voudrait làcher de l’argent aux Suèdois“.
  152. Vom 31. August u. 28. September; abgedr. bei Raumer III, 209.
  153. Vgl. Solowjew XXVI, 111.
  154. Vgl. Solowjew XXVI, 108. — In Bezug auf diese Conferenz heisst es in der Preussischen Ministerialnote an Cocceiji vom 10. November: „Panin pense d’ailleurs que ce n’est pas tant à la Russie qu’à l’Angleterre à faire des efforts pour l’établissement d’un système en Suède, dont celle-là tirerait seule le plus d’utilité“, eine Reflexion, die durchaus „juste“ erscheine. Vgl. auch Ministerialnote vom 18. November.
  155. Bezüglich des Englischen Vorschlags einer Kostentheilung zwischen Russland und England bemerkt Panin beissend: „C’est ce qu’on dit négocier en vrai marchand“. Solowjew XXVI, 112.
  156. Vgl. die ausführliche Darstellung bei Malmström V, 266 u. 267.
  157. Vom 12. October. Sbornik XII, 183—87.
  158. Wenige Wochen, nachdem wir die obigen Zeilen niedergeschrieben, ist dem Stockholmer Reichsarchiv eine grössere Anzahl von bisher unbekannten, höchst werthvollen Actenstücken überwiesen worden, aus denen u. a. zur Evidenz hervorgeht, dass zwischen der Königin Ulrike und der Kaiserin Katharina 1764 und 1765 geheime Unterhandlungen behufs Erweiterung der königlichen Machtbefugnisse in Schweden stattgefunden haben. Als Vermittler fungirte anfangs der Russe Stachiew, später der Schwedische Gesandte, Graf C. W. Düben in Petersburg, welcher mit dem Vertrauensmann Ulrikens, dem Kammerherrn N. Ph. Gyldenstolpe, einen eifrigen Briefwechsel in Chiffern unterhielt.
  159. Friedrich an Cocceiji, 28. April: Goodricke habe zu dem Preussischen Gesandten Borcke in Kopenhagen geäussert, er glaube sich „autorisirt“ „à rechercher autant qu’il est possible, les bonnes grâces de Ma Soeur“.
  160. Bericht Cocceiji’s vom 6. Juli. Vgl. auch die Ausführungen Malmström’s V, 256—57 auf Grund der Depeschen Goodricke’s.
  161. Friedrich an Cocceiji, 9. August: „Le Gouvernement présent de l’Angleterre n’a du tout envie de lâcher de l’argent à la Cour de Suéde, de sorte que vous ne laisserez pas d’en prévenir convenablement Ma Soeur“.
  162. Vgl. Solowjew XXVI, 98.
  163. Beispielsweise berichtet Cocceiji am 26. October: „Le General Fersen - - - est rentré en ville. Il conserve les dehors avec la Cour et ses fréquentes allées et venues à Drottningholm me font soupçonner qu’il s’est chargé de faire des propositions. C’est un homme fin et ambitieux, su fond du coeur le partisan le plus zélé de la France; on ne saurait être assez en garde“.
  164. Vgl. Raumer III, 211 und die Depesche Cocceiji’s vom 2. November.
  165. Vgl. Solowjew XXVI, 100 u. 101.
  166. Sandwich an Macartney in Petersburg (26. Februar 1765): „The Orders which have been from time to time sent to that Minister [Goodr.] have been uniformly and steadily the same, always tending to cooperate with the Court of Russia, to proceed with them pari passu in every plan of Operations, for the common good“. Sbornik XII, 196; vgl. 187 (Sandwich an Buckingham, 12. October 1764). Das Datum der veränderten Haltung G.’s ergiebt sich aus der Depesche Cocceiji’s vom 4. September.
  167. Vgl. die Depesche Cocceiji’s vom 18. November und den Bericht Goodricke’s gleichen Datums bei Raumer III, 211 u. 212.
  168. Vgl. das Rescript vom 28. October/8. November [Russ.], Sbornik LVII, 51. - Ueber das Datum der Ankunft s. Malmström V, 265 Anm. 3.
  169. Cocceiji berichtet am 28. Februar, schon bei der ersten Audienz habe Ulrike ihm gesagt, „que le Colonel Sinklaire était un homme de confiance à qui je pourrais m’adresser toutes les fois que j’aurais quelque chose à Lui faire parvenir“.
  170. 4000 Pf. St. waren ihm von London aus designirt worden.
  171. Nach Solowjew XXVI, 101 u. 102 soll Osterman zuerst 20 000, dann 24 000 Thaler (6000 Platten) gegeben haben. Die letztere, auch von Cocceiji in seinen Berichten vom 11. u. 18. December genannte Summe ist wohl die richtige. Ob Goodrike, wie Cocceiji am 11. December meldet schon das erste Mal 24 000 Thaler gegeben, muss dahingestellt bleiben. Nach Solowjew XXVI, 101 wenigstens hat er das Verlangen Sinklaire’s damals mit der Begründung abgewiesen, er dürfe ohne vorherige Verabredung mit Osterman nichts auszahlen.
  172. Ausführlicher bei Malmström V, 261—64.
  173. Cocceiji schildert ihn am 4. September folgendermassen: „C’est un homme très capable. Comme il s’est beaucop mêlé des élections en Angleterre, les menés et les tracasseries de ce pays-ci [Suède] ne lui sont pas étrangères et, si on lui fournit de l’argent, ce qui n’est pas incroyable, et qu’il se trouve épaulé par la Cour et par le Ministre de Russie, je ne doute pas qu’il ne taille de la besogne à l’Ambassadeur [Breteuil].“
  174. Am 23. Marz sagt Cocceiji, Sinklaire besitze „une grande connaissance du manège des diètes“.
  175. Vgl. den Immediatbericht Cocceiji’s vom 22. Februar 1765 auf Grund der von Goodricke ihm vorgelegten Copien von Breteuil’s Depeschen an den Herzog v. Praslin.
  176. Cocceiji, 8. Januar 1765.
  177. Diese Instruction vom 29. November/10. December 1764 (ausgefertigt am 9./20. December) [Russ.] findet sich abgedr. in: Sbornik LVII. 126—32, auszüglich bei Solowjew XXVI, 98—100. — Wenn Malmström V, 268 sagt, dass diese Instruction „dem Englischen Cabinet mitgetheilt wurde“, so erscheint mir dies nicht zutreffend. Denn das Rescript Panin’s an Gross vom 13./24. November ([Russ.], Sbornik LVII, 90—93), welches zur Kenntniss des Londoner Ministeriums gelangen sollte, enthält nur einen, theilweise sogar abweichenden Auszug aus der einige Wochen später an Osterman übersandten Instruction. Viel schärfer ist in der Depesche an Gross die Stellung des Petersburger Hofes zu Ulrike präcisirt. Es heisst (S. 91): „Da das Temperament Ihrer Majestät der Königin und Ihre bekannten Projecte zur Erlangung der Souveränität - - - mit Recht befürchten lassen, dass diese Fürstin - - - alle Ihre Kräfte und die Ihrer Anhänger zur Erweiterung der königlichen Gewalt über die festgestellten Grenzen der Regierungsform hinaus verwenden wird“, so solle Osterman zwar für den Vortheil des Hofes wirken, „aber unabhängig von der Königin und zusammen mit den aufrichtigen Schwedischen Patrioten, welche weder eine Vergrösserung noch Verringerung der Königsgewalt über jene Grenzen hinaus wünschen und desshalb den Hof und seine Partei gewissennassen im Zaume halten wollen“.
  178. Friedrich an Cocceiji, 5. Januar 1765: „Les amis damnés de la France.“
  179. Die letzten Worte nach dem Immediatbericht Cocceiji’s vom 18. Januar, der übrige Inhalt der Unterredung nach seiner Depesche vom 8. Januar 1765.
  180. Das Datum ergibt sich aus Breteuil’s Depesche vom 11. Januar (Malmström V, 268 Anm. 6) und aus einer Preussischen Ministerialnote vom 18. Mai 1765 an Cocceiji, in welcher es heisst: „On pretend - - - à Pétersbourg que la Reine Ma Soeur s’est engagée quatre jours avant la diète envers l’Ambassadeur de France à y favoriser de Son mieux le parti de sa Cour et à agir d’une manière très contraire au Système adopté par la Russie. On en a été informé par une piece interceptée [Breteuil’s]“.
  181. Rescript an Osterman vom 17./28. März 1765 [Russ.], Sbornik LVR, 202.
  182. Bernstorff an Schack, 29. Januar, Corr. minist. II, 191.
  183. Ueber diese Einwände vgl. die Russische Note an den Dänischen Hof vom 21. Februar/4. März [Franz.], Sbornik LVII, 184—86.
  184. Der Wortlaut des dritten Geheimartikels bei Tengberg (Beilage C).
  185. Tengberg S. 35.
  186. So heisst es in einem Rescript Panin’s vom 10./21. November 1764 [Bass.], Sbornik LVII, 63.
  187. Rescript an Osterman vom 7./18. Februar 1765 [Russ.], Sbornik LVII, 172. Die Berechtigung dieses Ehrentitels erweisen die Worte Goodricke’s vom 11. Mai 1764 (Malmström V, 280 Anm.) und die Aeusserung Cocceiji’s vom 6. November 1764: „Quelqu’un en me parlant de lui [Rudbeck], me dit que le Roi de France n’était pas assez riche pour l’acheter.“
  188. Vgl. Solowjew XXVI, 182.
  189. Cocceiji, 22. Januar, vgl. Solowjew XXVI, 182.
  190. Friedrich an Cocceiji, 5. und 29. Januar, 2. Februar; Preussische Ministerialnote an Cocceiji, 22. Januar; vgl. Solms an Friedrich 15./26. Januar, Sbornik XXII, 358, sowie Rescript an Osterman vom 7./18. Februar [Russ.], Sbornik LVII, 422 (Antwort auf O.’s Depesche vom 14./25. Januar).
  191. Vgl. die neuerdings im Stockholmer Reichsarchiv aufgefundenen Briefe des Preussischen Königs an Ulrike vom 27. December 1764, 26. Januar und 3. März 1765. Der in Fersen’s Hist. Skrift. III, 380—31 (Stockholm 1869) abgedruckte Brief ist derjenige vom 3. März 1765.
  192. Cocceiji, 11. u. 29. Januar, l.März; Preussische Ministerialnote vom 9. März an Cocceiji.
  193. Bericht Osterman’s, citirt bei Solowjew XXVI, 184.
  194. Depesche Osterman’s vom 24. Februar/7. März: Die Insinuationen, die er auf Grund des Rescripts vom 26. Januar/6. Februar über die Unzuverlässigkeit der Französischen Versprechungen gemacht, seien vom Königspaar sehr kalt und misstrauisch aufgenommen worden. Sbornik LVII, 231, vgl auch Solowjew XXVI, 182—83, sowie Cocceiji, 22. Februar u. 1. März.
  195. Abgedr. in Französischer Sprache in: Sbornik LVII, 232.
  196. Das Billet schloss mit den Worten: „Si vous désapprouvez cela, déchirez ce billet!“ Panin zerriss das Billet jedoch nicht, sondern sandte am 8./19. April ein Rescript [Russ.] an Osterman, in welchem er, mit Rücksicht darauf, dass „die Schwedischen Majestäten“ niemals aufhören würden, „sich durch die trügerischen Versprechungen der Creaturen der Französischen Partei fangen zu lassen“, die Gründung einer der Französischen überlegenen „patriotischen“ Partei auf dem Reichstage und die Erlangung der Stimmenmehrheit im Reichsrath behufs Bewahrung des Uebergewichts auch nach Reichstagsschluss als die Hauptziele der Russischen Politik in Schweden bezeichnete und erklärte, es den Mützen völlig anheim zu stellen, ob sie trotz der feindseligen Haltung des Königs noch jetzt um Wiedererlangung der ihm zustehenden Rechte und Privilegien sich bemühen wollten. Sbornik LVII, 232—35.
  197. Katharina an Friedrich, 4. Mai, Sbornik XX, 218-19 (Petersburg 1877).
  198. Am 16. April meldete Solms, Panin habe bei ihm über das Betragen Ulrikens Klage geführt, die nach wie vor in Schweden eine besondere dritte Partei unterhalten wolle, bei keiner Gelegenheit ihr Missvergnügen über ihre Ausschliessung von der Parteikasse verhehle und mit der Französischen Partei noch immer Verbindungen unterhalte. Er werde sich daher genöthigt sehen „pour ne pas perdre les avantages qu’il esperait d’obtenir - - - de laisser le Roi dans les bornes où la diète de 1756 L’avait mis“. Am 4 Mai übersandte Friedrich einen „extrait sommaire“ dieses Berichts an Cocceiji zur Uebergabe an Ulrike „afin qu’Elle y réfléchisse à Son gré“. Dieser von der Depesche Solms’ ein wenig abweichende Extrait ist kürzlich im Stockholmer Reichsarchiv aufgefunden worden.
  199. Friedrich an Katharina, 1. Juni, Sbornik XX, 228—24.
  200. Der Immediatbericht Cocceiji’s vom 22. Februar und die Preussische Ministerialnote an Cocceiji vom 18. Mai ergeben, dass Friedrich in der That von dem Inhalt der Depeschen Breteuil’s Kenntniss erhalten.
  201. Friedrich an Ulrike, 2. Juni. Fersen’s Hist Skrift. III, 331—33. Recht interessant ist auch das Schreiben Friedrich’s an seine Schwester vom 25. April 1765 (Fersen’s Hist. Skrift. III, 324—25), welches nach Ansicht Klinckowström’s vom Jahre 1762 (!) datirt sein soll. Dieser Brief, sowie Briefconcepte Ulrikens an ihren Bruder vom 12. Februar, 12. April und 23. Mai 1765 befinden sich unter den dem Stockholmer Reichsarchiv neuerdings überwiesenen Acten.
  202. Cocceiji, 14. Juni, und ein undatirtes Billet Ulrikens an Gyldenstolpe, in welchem es zum Schlüsse heisst: „Dieu sait où tout cela nous menera!“ Stockholmer königl. Bibl.
  203. Das Concept abgedr. in Fersen’s Hist. Skrift. III, 333—35. - Malmström V, 317 Anm. deutet mit Recht an, dass das Original vom 20. Juni eine weniger schroffe Fassung erhielt. Das Datum des Briefes ergibt sich aus der Depesche Cocceiji’s vom 21. Juni, vgl. auch Osterman’s Bericht vom 10./21. Juni [Russ.], Sbornik LVII, 429—30.
  204. Cocceiji, 3. Mai.
  205. Cocceiji, 14. Juni.
  206. Vgl. Solowjew XXVI, 188—90 und Cocceiji, 25. Juni.
  207. So sagt Cocceiji in der Depesche vom 14. Juni.
  208. Cocceiji, 25. Juni, 2., 5. und 16. Juli.
  209. In dem Rescript vom 28. Mai/8. Juni [Russ.] heisst es: „In gleicher Weise sehen Wir einen nicht geringen Nutzen für die Zukunft auch darin, dass die Hauptstützen Frankreichs, die Senatoren Ekeblad und Scheffer, aus dem Senat ausgeschlossen und andere aus der Zahl der Wohlgesinnten an ihrer Stelle gewählt würden. Durch eine solche Operation und den freiwilligen Abgang gewisser anderer aus der Französischen Partei werden die Wohlgesinnten überall das Uebergewicht behalten.“ Sbornik LVII, 269—70. — In einem späteren Erlass (30. Juli/10. August [Russ.]) wird zwar „die kluge Antwort“ Stachiew’s auf die Aeusserungen des Königspaares gebilligt, gleichzeitig aber bezweifelt, „dass diese Worte eine Wendung zum Bessern in den Ideen und dem Benehmen Ihrer Majestäten herbeiführen werden“. O. erhält daher die Weisung, dieselben ihrem Loose zu überlassen und sich einzig um die Aufrechterhaltung des Uebergewichts der „wohlgesinnten Partei“ zu bemühen, wozu namentlich die Stimmenmehrheit im Reichsrath beitragen könne. Sbornik LVII, 430.
  210. Vgl. P. Vedel, Den äldre Grev Bernstorffs Ministerium, S. 269-71 (Kopenhagen 1882).
  211. Malmström V, 320 Anm. und Solowjew XXVI, 186—87.
  212. Ausführlicher bei Malmström V, 317—18.
  213. Cocceiji, 26. u. 30. Juli, 2. August, vgl. Solowjew XXVI, 185-86.
  214. Vgl. Malmström V, 330 Anm.
  215. Eine eingehende Darstellung bei Malmström V, 320—34.
  216. Malmström V, 335 glaubt nicht an die Bestechlichkeit L.’s, nennt dieses Gerücht „sicherlich übertrieben“ und sucht V, 336 Anm. 9 zu beweisen, dass er „viele Beschuldigungen gegen L., aber wenige Beweise in den Acten gefunden“. Aus den neuerdings im Sbornik veröffentlichten Acten ergibt sich indessen zur Evidenz, dass L. in Russischem Solde gestanden. Auf Grund einer Relation O.’s vom 19./30. März 1764 spricht nämlich Panin von der Nothwendigkeit, L. in Abhängigkeit von der Russischen Regierung zu erhalten. „Er ist unter den Frankreich nicht Ergebenen der Einzige mit geradem Verstand, hervorragenden Eigenschaften und ein gediegener Mensch. Aber es ist unmöglich, ihn anders als durch eine jährliche Pension an Uns zu fesseln“, worauf Katharina vom 12./23. April eigenhändig bemerkt: „Ich willige stets in alles, was das Landesinteresse bedingt“. [Russ.], Sbornik LI, 296. In dem Rescript an O. vom 3./14. Mai [Russ] wird der „patriotischen Sentiments“ L.’s rühmend gedacht und der Wunsch ausgesprochen, „diesen klugen Senator in Abhängigkeit von Uns zu erhalten“. O. solle desshalb sondiren, „mit welcher Pension er zufriedengestellt werden könne“, abgesehen von einer „genügenden Unterstützung“ zu Tafelgeldern während des Reichstages. Sbornik LI, 335. Nach der Instruction für O. vom 29. November/10. December [Russ.] belief sich die Pension L’s anfangs auf 6000 Platten = 3000 (?) Rubel. Sbornik LVII, 132. Ein halbes Jahr später hebt O. die Notwendigkeit hervor, die Pension von „Nr. 1“ (Chiffre für L.) auf 5000 Rubel zu erhöhen, was Panin un 15-/26. October 1765 mit dem Zusatz genehmigt, L. könne „weitere Beweise Unserer Milde und Unserer Protection erwarten“. Sbornik LVII, 382 vgl. 419. Zur Ergänzung der Notiz bei Malmström V. 489 Anm. sei schliesslich noch bemerkt dass auch Reichsrath Friesendorff eine Russische Pension erhalten hat. Sbornik LVII, 382 u. 419.
  217. So berichtet Cocceiji am 20. Juli 1764.
  218. Ulrike an Friedrich, 12. August 1764 (Concept), Stockholmer Reichsarchiv, erst neuerdings aufgefunden. Antwort Friedrich’s vom 7. September [1764]. Fersen’s Hist. Skrift. III, 350—51. Die von Ulrike später hinzugefügte Jahreszahl 1766 und die von Malmström V, 373 Anm. ausgesprochene Vermuthung, es müsse 1765 heissen, sind demnach in gleicher Weise irrig. Das richtige Datum erhellt übrigens schon aus dem Inhalt des Schreibens selbst und aus der Depesche Cocceiji’s vom 28. September 1764.
  219. Preussische Ministerialnoten an Cocceiji vom 3. Juli, 31. October u. 3. November 1764, auf Grund der Preussischen Gesandtschaftsberichte aus Kopenhagen.
  220. Bernstorff an Schack, 9. März 1765. Corr. minist. II, 197—204.
  221. Rescript an Osterman vom 30. März/10. April [Russ.], Sbornik LVII, 228.
  222. Friedrich an Cocceiji, 8. April, auf Grund d. Mittheilungen von Solms. Vgl. Preussische Ministerialnote an Cocceiji vom 9. April. — Am 23. April meldet Cocceiji, welcher den Befehl erhalten, die Aeusserungen Katharina’s der Königin mündlich oder schriftlich mitzutheilen, er habe Ulrike schriftlich hiervon in Kenntniss gesetzt, ohne jedoch seine Quelle zu verrathen.
  223. Rescript vom 30. März/10. April [Russ.], Sbornik LVII, 229, vgl. 425. - Am 24. April/5. Mai ging ein Erlass [Deutsch] an Korff: Es sei auch schon Graf Osterman „mit denen gemessensten Verhaltungsbefehlen versehen worden, und es wird selbiger in Gefolge dessen es an seiner sorgfaltigen Bestrebung, so viel es in einer so delicaten Sache mit Anständigkeit — nur immer thunlich sein wird, gewiss nicht ermangeln lassen“. Sbornik LVII, 243.
  224. Ein Auszug aus O.’s Relation vom 8./19. April und die halb Russische, halb Französische Randbemerkung Katharina’s abgedr. in: Sbornik LVII. 271-72.
  225. Rescript vom 28. Mai/8. Juni [Russ.], Sbornik LVII. 267—68.
  226. Panin an Korff, 5./16. August [Deutsch], Sbornik LVII. 302-10.
  227. B. an Dreyer in Petersburg, 31. August und 21. September, Corr. minist. II, 230—34, 238—45.
  228. Depesche an Korff (October?) [Deutsch], Sbornik LVII, 373-77.
  229. Rescript an O. vom 15./26. October [Russ.]: Er solle die Dänische Werbung unterstützen, damit der Versailler Hof nicht nach Schluss des Reichstages die Heirathsaffaire benutzen könne, „um zwischen Schweden und Dänemark unangenehme Scherereien herbeizuführen, aus denen für beide Seiten schlimme Folgen, für Uns aber neue Sorgen entstehen könnten“. Sbornik LVII, 379—881. In einem Privatschreiben Panin’s an O. gleichen Datums [Russ.] heisst es: O. solle den „Majestäten“ zeigen, dass, hätten Sie nicht durch Ihr Benehmen die freundschaftliche Mitwirkung der Kaiserin verscherzt, sicherlich nichts zu einer Heirath Sie hätte nöthigen können, die Ihnen so zuwider sei. Sbornik LVII, 881, vgl. Solowjew XXVI, 191.
  230. Panin an Korff, 20./31. October [Franz.], Sbornik LVII 386—97.
  231. Panin an Korff, 15./26. Januar 1766 [Deutsch]: Die Dänischen Gelder seien „würklich nach Stockholm remittiret“. Sbornik LVII, 436.
  232. Bernstorff an Schack, 3. December: „Cette tracasserie, en nous engageant à des explications avec la Russie, nous a uni plus fortement avec elle.“ Corr. minist. H, 253 Anm., vgl. P. Vedel a. a. O. S. 271—73.
  233. Gustav an Bielke, 20. September, Gustavianska Sämlingen. Upsalenser Universitätsbibliothek. — Auszüglich bei E. G. Geijer, Des Königs Gustaf III. nachgelassene - - - Papiere, I, 40—42 (Hamburg 1843).
  234. Gyldenstolpe an Ulrike, 25. September, Fersen’s Hist. Skrift. III 340—43, vgl. Cocceiji, 24. September.
  235. Am 15. November 1765 schreibt Düben aus Petersburg hierüber an Gyldenstolpe: Mit grossem Bedauern habe er von diesem „Schritte“ vernommen, „qui non seulement est inutile, mais qui ne fera que compromettre LL. MM. d’une manière désagréable, puisque cette Cour, loin de vouloir s’opposer à une affaire qu’Elle regarde comme avantageuse à la Suede et propre à consolider la tranquillité du Nord, tâchera au contraire d’y contribuer et de s'en faire un mérite auprès de la Cour du Danemarc, qui d’un autre côté, instruite de cette tentative, ne pourra qu’en être fort irritée“. Die Antwort Gyldenstolpe’s vom 28. Januar 1766 ist in sehr heftigem Tone gehalten. Beide Schreiben finden sich in der oft genannten, die geheimen Verhandlungen zwischen dem Stockholmer und Petersburger Hofe betreuenden Actensammlung im Stockholmer Reichsarchiv.
  236. Gyldenstolpe an Ulrike, 4. October, Fersen’s Hist. Skrift. III, 343-45. vgl. Cocceiji, 4., 18., 25. u. 29. October.
  237. Friedrich an Cocceiji, 31. October: „Vous devez bien observer à rester tout-à-fait neutre dans tout ce dont il s’agit entre le Cte. Osterman avec le Sr. Gyldenstolpe et sur ce qui regarde les insinuations qu’on vous fait relativement au mariage du Prince Royal de Suède.“ Vgl. Friedrich an Cocceji, 80. November; Cocceiji, 22. October, 12. u. 15. November.
  238. Vgl. z. B. das Schreiben an Osterman vom 6./17. Januar 1766 [Russ.]. Sbornik LVII, 432—33. Auszüglich bei Solowjew, Istorija Rossii [Russ] XXVII, 204 (2. Au6. Moskau 1884).
  239. Es hätte an dieser Stelle zu weit geführt, die verschiedenen hochinteressanten Phasen der Heirathsangelegenheit bis ins Einzelne zu verfolgen. In einer grösseren Monographie über die Königin Ulrike hoffe ich bald das Versäumte nachholen zu können. Einen trefflichen Ueberblick über die ganze Frage auf Grund Dänischer Archivalien gibt O. Nilsson, Blad ur Konung Gustaf III’s och Drottning Sofia Magdalenas giftermålshistoria, in: Svensk Historiskt Bibliotek, utg. af C. Silfverstolpe, Bd. V und VI (Stockholm 1879).
  240. Preussische Ministerialnote an Cocceiji vom 18. December 1764. Rescripte an Gross vom 13./24. November und an Osterman vom 5./16. December [Russ.}, Sbornik LVII, 91—93, 125. Buckingham schreibt am 6. November an Sandwich: „It is evident from all my conversations with Mr. Panin, that, though he is very desirous of uniting the Powers of the North to awe the House of Bourbon, yet he is determined to throw as much of the expense as possible upon England“. Sbornik XII, 188.
  241. Cocceiji, 5. Februar 1765: Der letzte Courier für Goodrike „au lieu de lui porter de l’argent, n’a apporté que de nouvelles difficultés sur le plan proposé par la Russie. Le Chev. G. se trouve à sec - - -. Le Cte. Osterman reste seul chargé de la depense - - -“.
  242. Rescript an Osterman vom 7./18. Februar [Russ.], Depesche Galitzin’s an Gross, 8./19. Februar [Franz.], Sbornik LVII, 173—77.
  243. Brief Panin’s an Osterman, 7./18. Februar [Russ.], Sbornik LVII, 421-22.
  244. Rescript an Osterman, 17./28. Marz und Depesche Galitzin’s an Gross, 19./30. März [Russ.], Sbornik LVII, 206—8, 217.
  245. S. an Mac., 9. April, Sbornik XII, 197—98.
  246. Rescript vom 8./19. April [Russ.], Sbornik LVII, 235—37.
  247. Preussische Ministerialnote an Cocceiji vom 6. April.
  248. Relation Osterman’s vom 8./14. März [Russ.], Sbornik LVII, 232. Auch Cocceiji schreibt am 19. April: „Le langage que le Chev. Goodricke me tient et toutes ses démarches ne me donnent pas le moindre lieu de croire que sa Cour veuille aecorder des subsides à la Suède. Tout au contraire c’est lui qui souhaite que cette Couronne prenne la résolution de s’en passer entièrement“.
  249. Cocceiji, 27. August, und Brief Panin's an Osterman, 2./13. October [Russ.], auf Grund der Mittheilungen von Gross, Sbornik, LVII, 372.
  250. Panin an Gross, 24. August/4. September [Russ.]: Macartney sei „ein Minister mit ganz vortrefflichen Eigenschaften, erfüllt von patriotischen Gefühlen für beide Höfe und von rühmenswerthem Eifer für die Bewahrung
  251. Panin an Gross, 9./20. August [Russ.], Sbornik LVII, 314.
  252. Vgl. Solowjew XXVI, 193 und Tengberg a. a. O. S. 51-52.
  253. Rescripte an Gross und Osterman, 4./15. u. 15./26. November [Russ.]. Sbornik LVII, 404—9.
  254. Eigenhändige Russische Randbemerkung auf der Depesche Osterman’s vom 18./29. November, Sbornik LVII, 412—13.
  255. ihrer beiderseitigen Freundschaft und Allianz. Ich persönlich kann mich seines Vertrauens rühmen - - - und freue mich übrigens, dass ich es mit einem so redlichen und aufgeklärten Manne zu thun habe“. Sbornik LVII, 331, vgl. 314 u. 344.
  256. Cocceiji, 17. Januar 1766. Vgl. die sehr interessante Depesche Osterman’s vom 1./12. December 1765 [Russ.], Sbornik LVII, 414—15.
  257. Ausführlicheres über die Englisch-Schwedischen Verhandlungen bei Malmström V, 378-79.
  258. Depesche von Gross, 17./28. Februar 1766 [Franz.]: Grafton habe ihm „franchement“ erklärt, „que la nouvelle de la signature du traité en question leur était des plus indifférentes“. Katharina schrieb an den Rand: „Tout cela est fier et rodomont.“ Sbornik LVII, 472, vgl. auch die scharfe Antwort Panin’s vom 27. März/7. April [Russ.], Sbornik LVII, 491.
  259. Englischer Gesandtschaftsbericht, Petersburg, 20. September: bei Raumer a. a. O. III, 408.
  260. Friedrich an Solms, 5. September, Sbornik XXII, 408, vgl. Macartney an Grafton, 23. August/3. September, Sbornik XII, 219—20.
  261. Solms an Friedrich, 26. Januar/6. Februar 1766, Sbornik XXII, 429—30.
  262. Dieses bekannte Actenstück ist abgedr. in Forschungen z. Deutschen Geschichte IX, 169—71 und in: Sbornik XXII, 489-44. Noch weit schärfer äussert sich Friedrich in seinem Erlasse an Solms vom 25. März über die Nordische Allianz, indem er u. a. sagt: „Celle des Russes me suffit; car - - -, si je reste uni avec la Russie, tout le monde me laissera intact et je conserve la paix.“ Forschungen z. Deutschen Geschichte IX, 185 und Schlözer, Friedrich d. Gr. und Katharina II, 185—86 (Berlin 1859).
  263. Die Absendung einer Copie der „Observations“ Friedrich’s und der „Méditations“ Katharina’s ergibt sich aus dem Französischen Postscriptum Panin’s an Saldern vom 18./29. April. Sbornik LVII, 509.
  264. Vgl. den Bericht Saldern’s [Russ.] bei Solowjew XXVII, 191—94.
  265. Depesche Saldern’s bei Solowjew XXVII, 194—99. Dieselbe wurde später dem Dänischen Kabinetssecretär Schuhmacher in Petersburg vorgelegt und von diesem, mit einigen gehässigen Ausschmückungen und Veränderungen versehen, nach Kopenhagen abgesandt. Der Bericht Sch.’s in Französischer Sprache findet sich abgedr. als Beilage zu dem Aufsatz von E. Holm, Caspar v. Saldern och den dansk-norske regering, in: Dansk Historisk Tidskrift, Raekke IV Bind 3. S. 188—90 (Kopenhagen 1872—73).
  266. Begleitschreiben Katharina’s für Saldern, 12. April, und Antwort des Königs vom 24. Mai, Sbornik XX, 280—83.
  267. Oeuvres de Frédéric le Grand VI, 14. Von Saldern heisst es, er sei ein Mann gewesen „qui n’avait ni manières ni souplesse dans l’esprit“.
  268. Nach den Reskripten an Osterman beliefen sich die Ausgaben Russlands (ausser den Pensionen) während des Reichstages bis Ende Mai 1766 auf 325 000 Rubel.
  269. Depesche O.’s vom 8./19. Mai [Russ.], Sbornik LVII, 537—38.
  270. Cocceiji, 8. Juli: „Le dernier Courier arrivé au Chev. Goodr. doit lui avoir porté l’ordre d’appuyer la déclaration que le Cte. Osterman était intentionné de faire, en cas que les états se fussent portes à commettre des violences les uns contre les autres“.
  271. Schack hatte schon am 8. Marz und 24. Mai die Weisung erhalten, „à concerter avec le bon parti - - - et avec le Cte. Osterman les mesures qu’il serait nécessaire de prendre“, für den Fall „que la Cour et ses adhérents - - - méditent de porter, surtout à l’aide de quelque émeute populaire, du changement à la Constitution de l’État et à la forme du Gouvernement“.
  272. Vgl. Depesche Panin’s vom 19./30. Mai [Russ.], Sbornik LVII, 539-41. In der Declaration selbst (S. 542) heisst es u. a.: „Que S. M. Imp. — ne peut voir avec indifférence qu’il soit arrivé chez une nation voisine et alliée des troubles qui attaquent la forme légale et la Constitution du Gouvernement et qui ébranlent immanquablement le repos géneéral et le bonheur de tout le Nord. Qu’enfin, si - - - les esprits turbulents continuent et poursuivent leurs tu es et leurs entreprises pernicieuses, S. M. Imp. - - - Se croira absolument obligée d’employer tous les moyens que Dieu Lui a donnés, à défendre les vrais patriotes et à rétablir en leur faveur les lois, le droit et la liberté, afin de détourner par là le danger qui menace tout le Nord“. Friedrich d. Gr. scheint eine Betheiligung Preussens an dieser Declaration nur im äussersten Nothfalle gewünscht zu haben; vgl. die Relation O.’s vom 8./19. Mai [Russ.] mit der Französischen Randbemerkung Katharina’s (Sbornik LVII, 536), die obengenannte Depesche Panin’s, den Bericht Coeceiji’s vom 10. Juni und die Preussische Ministerialnote an Cocceiji vom 21. Juni.
  273. Ausführlichere Angaben bei Malmström V, 396—406 und Tengberg S. 42-43.
  274. So heisst es bei Tengberg S. 49.
  275. Vgl. die Darstellung bei Malmström V, 441—46. Friedrich an Cocceiji, 12. September: „On dérangera et avilira en sorte le Gouvernement et la dignité du Roi que la Nation naura plus aucune consideration dans toute l’Europe“.
  276. Am 28. Juni wird dieser Befehl von Bernstorff erneuert. Corr. minist. II, 273-74, 280.
  277. Vom 28. April. Abgedr. bei A. Geffroy, Recueil des instructions --- (Suède). S. 407—13. Paris 1885. — Die in den früheren Capiteln bereits erwähnten Arbeiten citire ich mit abgekürztem Titel. — Cap. I u. II s. Bd. II p. 410 ff. ; Cap. III u. IV s. Bd. V p. 301 ff.
  278. Vgl. Malmström VI, 10 ff.
  279. Solovjev XXVII, 206 ff. Das dort abgedruckte Depeschenfragment O.’s an Panin zeigt deutlich, dass O. den Wortlaut der Französischen Instruction vom 23. April genau gekannt hat. — Cocceiji meldet am 18. Juli: Goodr. habe ihm die soeben aus London eingelaufene Nachricht überbracht „qu’on est instruit de très bon lieu que la France, lassée d’avoir à faire aux différents partis qui dominent tour à tour en Suède, est entrée dans les vues de la Cour et promet de contribuer autant qu’il sera en son pouvoir à faire tomber l’autorité souveraine entre les mains du Roi.“
  280. .1
  281. Behnisch, 8. Januar 1771.
  282. Behnisch, 12. October: „La chute du baron de Bemstorff est un sujet de satisfaction pour le parti français“. Behnisch, 20. November: „Le parti dominant se promet de grands avantages du voyage du Pr. R. en Danemark.“
  283. Vgl. Holm, Styrelsen af Danmark-Norges Udenrigspolitik under Struensee; in: Dansk hist. Tidskr. Raekke IV, Bd. II p. 345—81.
  284. Friedrich an Behnisch, 20. März: „Il n’y a que le réglément du douaire de la Reine auquel je m’intéresse et qui me tient à coeur. Les autres [affaires] ne m’importent guère pour le présent et les chipoteries des différents partis entre eux me sont tout-à-fait indifférentes“.
  285. Instruction vom 23. März. Auszüglich auch bei N. Tengberg, Konung Gustaf III’s första regeringstid. S. 24 (Lund, 1871).
  286. Friedrich an Ulrike, 5. April: „S’il [Gustave] passe ici et que j’aie la satisfaction de le voir, je lui parlerai sûrement - - - selon ma conscience et le prierai instamment de ménager de certains voisins, avec lesquels il ne faut pas tirer à la courte paille“. Fersen III, 398 f.
  287. Am 1. März (Nachts) erhielt Gustav die Nachricht vom Tode seines Vaters. Schon am 2. März schrieb K. Scheffer in seinem Aufträge an Ekeblad. D’Albedyhll, Skrifter af blandadt innehåll II, 164 f. (Nyköping, 1810). Vgl. Gustav an Ulrike, 10. März: „Je souhaiterais fort de voir le Roi de Prusse; j’en ai déjà écrit au Sénat pour savoir son avis, et c’est après ce qu’il me répondra que je me réglerai“. Fersen III, 397.
  288. Es heisst in diesem Schreiben (Undatirt, Upsala Bibl.; nach einer Randbemerkung Gustav’s noch in Paris eingetroffen): „Par ce moyen nous aurions à V. M. ce surcroît d’obligation qu’Elle eût conjuré l’orage dans son origine et qu’Elle eût amadoué ce lion ombrageux, avant qu’il eût formé son plan pour se jeter à travers de nos opérations pour la diète prochaine. Si, au contraire, V. M. passe sans le voir, ce Prince, sur qui l’humeur a beaucoup de pouvoir, pourrait regarder cet oubli comme une marque d’indifférence, dont sa fierté naturelle se croirait offensée, au lieu qu’une visite de V. M. dans les circonstances présentes ne pourrait que le flatter sensiblement“. Der Brief auszüglich auch bei Geijer I, 109 f.
  289. Gustav an Friedrich [Wesel, Anfang April]: Er könne erst von Braunschweig aus mittheilen, ob er Berlin berühren werde. Vgl. Heinrich an Gustav, 11. April: „La lettre que vous m’écrivez de Wesel - - - me met encore en doute si j’aurai le bonheur de voir Votre Majesté“. Beide Schreiben in der Upsalaer Bibl.
  290. Ulrike an Gustav, 22. März: „J’ai bonne raison pour désirer que vous passiez par Berlin“. Anfang April schrieb sie an ihn: Sie wünsche die Reise „fortement. Vous êtes dans le cas de chercher partout des amis et je suis sûre que votre présence vous acquerra celle [sc. amitié] du Roi mon Frère, qui peut beaucoup empêcher les mauvaises impressions que la Russie pourrait opérer à cette diète“. Beide Schreiben in der Ups. Bibl. — Behnisch meldet, 2. April: Der König beabsichtige nach Berlin zu kommen, und zwar habe Ulrike „pressé l’exécution dans la première lettre qu’Elle a écrite à Paris après le décès du Roi Son époux“. Letzteres ist ein Irrthum, wie aus Ulrikens Briefen an Gustav (Ups. Bibl.) hervorgeht.
  291. Friedrich an Gustav, 11. April. Oeuvres XXVII, 2; S. 73.
  292. Das Schreiben Ekeblad’s vom 27. März (Antwort auf K. Scheffer’s Brief vom 2. März) gelangte erst in Braunschweig in die Hände Gustav’s. D’Albedyhll II, 180 f.
  293. Ueber die Aufnahme Gustav’s in Berlin vgl. verschiedene Briefe Scheffer’s bei Albedyhll II, 181—90; sowie Schinkel I, 28—30 (Stockh. 1852).
  294. Der Inhalt jener Unterredungen ergibt sich indirect aus den Briefen Friedrich’s an Ulrike, 5. April (Fersen III, 399); an Gustav, 28. Juni (Oeuvres XXVII, 2; S. 76); an Behnisch, 23. u. 80. April; der Preussischen Ministerialnote an Behnisch, 30. April; der Supplementinstruction für Dönhoff. 1. Mai; den Briefconcepten Gustav’s an Friedrich, 8. Juni 1771 u. 20. März 1772 (Upsala Bibl.). — Odhner, Sveriges politiska historia under K. Gustaf III’s regering I, 12 (Stockh., 1885) berichtet, die Compositionsfrage sei zuerst von Gustav zur Sprache gebracht worden. Dem widersprechen jedoch die eigenen Worte des Königs an Friedrich, 20. März 1772: „Cette idée que V. M. Elle-même m’avait donnée dans une conversation que j’eus avec Elle à Potsdam“.
  295. Vgl. z. B. den Brief Friedrich’s an Gustav, 5. Mai (Oeuvres XXVII, 2; S. 74) u. dessen Schreiben [Ende April (?)] (Upsala Bibl.).
  296. Der Inhalt seines Schreibens an Katharina ist uns nur indirect durch seinen Brief an Gustav, 28. Juni (Oeuvres XXVII, 2; S. 75) und durch die Dankesbetheuerungen des Letzteren vom 8. Juni (Upsala Bibl.) bekannt. Es heisst nämlich: „Je ressents de jour en jour les heureux effets — des bonnes impressions que V. M. a données de moi à ma voisine“.
  297. Am 10. Juli 1770 schreibt Gustav an K. Scheffer (Upsala Bibl.): „Le sang de Brandebourg que j’ai reçu de la Reine, est vif; et pour celui de Wasa, on doit le connaître“.
  298. Eine ausführliche Darstellung bei Malmström VI, 249—454 und Odhner I, 22-160.
  299. Gustav an Friedrich, 2., 8. u. 14. Juni; Friedrich an Gustav, 30. September u. 19. November (Upsala Bibi.). Am 30. September heisst es u. a.: „Les partis qui déchirent la Suède et les Puissances qui mettent leurs intrigues aux factions existantes, ne demanderaient pas mieux que de voir désunis ceux qui pour leur intérêt et leur conservation devraient être inséparables“. Das Schreiben vom 19. November in Schwedischer Uebersetzung bei Schinkel, Bihang I, 13.
  300. Preussischer Mediaterlaas an Behnisch, 1. Juni: Wenn Gustav nur dem Wortlaut der Regierungsform von 1720 entsprechende Verfassungsänderungen vornehmen wolle, „personne n'aurait un droit légitime de s'y opposer“. — Friedrich an Dönhoff, 21. Juni: Er solle sich „mêler aucunement des affaires de la Cour où vous êtes, hors celles qui concernent l'arrangement du douaire de la Reine ma Soeur, à l’égard desquelles vous vous dirigerez selon les intentions que cette Princesse vous fera connaître“.
  301. Friedrich an Dönhoff, 17. Mürz; Ulrike an Gustav, 17. März (Upsala Bibi.): „Après m’avoir parlé de la mauvaise réussite de vos affaires, il [Frédéric] me dit que jamais vous ne réussiriez à moins d’avoir la Russie; que pour cet effet il vous conseillait de voir, si vous pouviez sous quelque prétexte, quand vous seriez en Finlande, aller sous le nom d’un comte jusqu’à Pétersbourg pour l’entretenir et trouver les moyens de la faire entrer dans vos projets“.
  302. Dönhoff, 17. März; Gustav an Friedrich, 20. März (Upsala Bibl.).
  303. Dönhoff hatte auf Grund des Immediaterlasses vom 17. März seinen Russischen Collegen bereits gebeten, dafür zu sorgen, dass dem Schwedischen König bei einer etwaigen Reise Russischerseite keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden. Osterman berichtet darüber in der Depesche vom 23. März/3. April. Solovjev XXVIII, 381.
  304. Drei Briefconcepte Gustav’s an Friedrich (Upsala Bibi.), das erste vom 20. März, das zweite Ende März oder Anfang April, das dritte Ende April oder Anfang Mai datirt. In letzterem heisst es: „L’impartialité et la modération sont les deux seuls points dans lesquels je ne varierai pas. Votre Majesté me les a recommandées et c’est par là qu’elles me paraissent encore plus nécessaires“.
  305. Friedrich an Gustav, 3. u. 14. April (Upsala Bibl.; in Schwedischer Uebersetzung bei Schinkel, Bihang I, 14—16).
  306. Ende Januar 1772 trat der Plan einer Revolution zuerst in bestimmterer Form auf. Malmström VI, 300 ff. — Am 11. Februar schreibt Gustav an Ulrike: „Ils [les Etats] n’ont point voulu d’une liberté réglée en 1769. Ils auront en 1772 - - -, ma chère Mère peut deviner“. Fersen III, 418.
  307. Dönhoff, 24. u. 31. Juli. Vgl. auch Malmström VI, 396 f.; Odhner 1, 116 f. und Solovjev XXVIII, 382 f. Am 16. Juli traf der Englische Courier mit einer Abschrift der Relation Vergennes’ vom 21. Mai in Stockholm ein.
  308. Dönhoff, 4. August; vgl. Osterman’s Relation, 24. Juli/4. August. Solovjev XXVIII, 384 f. — O. liess sich übrigens nicht hinters Licht führen, sondern schrieb an Panin, alles dies sei ersichtlich nur ersonnen, um die Aufmerksamkeit von den Revolutionsplänen Gustav’s abzulenken. Freilich kam diese Warnung zu spät. — Wie wenig Friedrich den Revolutionsplan ahnte, erweisen seine Immediaterlasse an Dönhoff, 5., 12. u. 21. August. Am 12. August schreibt er: Er glaube nicht „qu’un pareil projet soit réellement fondé et que le Roi veuille prendre des mesures pour l’exécuter“.
  309. Die Stimmung des Königs spiegelt sich vortrefflich in seinem Schreiben vom 30. August an Ulrike wieder, wo es heisst: „Il y a longtemps que j’ai eu des avis qu’il se tramait quelque chose. Le Cte. Osterman m’en a fait avertir, mais je n’ai pas voulu le croire, parce que j’ai cru le Roi trop sage pour entreprendre une telle étourderie - - Je vous assure que je suis véritablement affligé de cet esclandre - - -. Je m’en lave les mains“. Fersen III, 453.
  310. Von der Sorglosigkeit des Petersburger Hofes zeugt z. B. der bei Hjelt, Sveriges ställning till utlandet närmast efter 1772 års statshvälfning (Helsingfors, 1887) [Beilagen] S. 21—24 in Schwedischer Uebersetzung mitgetheilte Wortlaut des kaiserlichen Rescripts an Osterman vom 18./24. August.
  311. In einer Depesche des Englischen Gesandten Gunning (Petersburg, 21. August/l. September) heisst es sehr bezeichnend: „If the Swedes dare take the resolution of acting offensively, nothing could prevent their rendering themselves masters of Cronstadt and this capital“. Sbornik XIX, 304 f. (Petersburg, 1876).
  312. Osterman z. B. äusserte diesen Verdacht in seiner Depesche vom 10./21. August (Solovjev XXVIII, 387), Gunning in seinem Bericht vom 24. August/4. September (E. Tegnér, Bidrag till kännedomen om Sveriges yttre politik närmast efter statshvälfhingen 1772, in: Hist. Bibliotek, utg. af C. Silfverstolpe VI, 149. Stockh. 1879). — Das Gerücht musste um so glaubwürdiger erscheinen, als es von Gustav durch zweideutige Aeusserungen geflissentlich genährt wurde. Am 15. September schreibt Dönhoff z. B.: „Pour tranquilliser le public - - -, le Roi [de Suède] lui-même flatte constamment son parti de l’approbation de V. M. comme d’une chose assurée“.
  313. Ueber den hochinteressanten Verlauf der Petersburger Reichsrathssitzungen vom 27. August u. 3. September vgl. Solovjev XXVIII, 387 f.
  314. Solms an Friedrich, 4. September. Hjelt [Beilagen] S. 28 f.
  315. Ein derartiges Motiv war ihm durchaus fremd. Die Worte in seinen Memoiren (Oeuvres VI, 49) und an seinen Bruder Heinrich (5. September, Oeuvres XXVI, -360) beweisen ebenso wenig, wie seine scheinbare Theilnahme an dem Geschick der Schwedischen Königsfamilie in zahlreichen Briefen an seine Schwester Ulrike (Fersen III, passim). Ungleich wichtiger ist sein späteres Verhalten gegen Gustav, welches deutlich genug erweist, dass er demselben den Skandal („esclandre“) vom 19. August niemals verziehen hat.
  316. Gustav an Friedrich, 21. August. Konung Gustaf III’s skrifter IV, 75 f. (Stockh., 1808). — Friedrich an Gustav, 6. September. Oeuvres XXVII, 2; S. 78 (Ueber das richtige Datum vgl. Odhner I, 176 Anm. 3).
  317. In dem Schreiben vom 6. September hiess es nämlich: „J'ai écrit de même à la Reine Sa Mère; je lui expose les choses dans la plus grande vérité“.
  318. Friedrich an Ulrike, 4. u. 6. September. Fersen III, 458—62.
  319. Friedrich an Ulrike, 11. September (nebst Beilage). Fersen III, 466—69. In diesem Schreiben heisst es: „Je remplirai mes traités, parce que ce sont des engagements de nation à nation et où la personne n’entre pour rien - - -. Le bien de cet état exige nécessairement que je demeure lié avec la Russie, et je serais justement blâmé par la postérité, si mon penchant personnel l’emportait sur le bien du peuple“.
  320. Heinrich an Ulrike, 30. August; 3., 7. u. 10. September (Fersen III, 451 f., 454 f. u. 462—66); an Gustav, Anfang September (Hjelt [Beilagen] S. 12—14). — Dass Heinrich hierbei im Aufträge Friedrich’s handelte, zeigen seine oben genannten Briefe, der brüderliche Briefwechsel (Oeuvres XXVI, 359 ff.) sowie namentlich die beiderseitigen Schreiben an Ulrike, welche in Inhalt wie Disposition vollständig übereinstimmen.
  321. Ulrike an Gustav, 3. u. 12. September (Upsala Bibl.). — Am 12. September schreibt sie : „Je crois qu’il est cependant bon de faire semblant de vouloir suivre ses [Frédéric] conseils pour gagner du temps et pouvoir vous mettre en état de parler plus fermement“.
  322. Zahlreiche Beispiele dafür citirt Hjelt S. 41 u. 45.
  323. Gustav an Friedrich, 22. September Konung Gustaf III’s skrifter IV, 78 f. — Vgl. das Schreiben Höpken’s an Gustav, 21. September. Höpken’s skrifter, utg. af C. Silfverstolpe I, 286—92 (Stockh., 1890).
  324. Gustav war bekanntlich Neffe des Preussischen, Schwager des Dänischen Königs, sowie Vetter der Russischen Kaiserin.
  325. Friedrich an Solms, 4. September. Smitt, Frédéric II, Catherine et le partage de Pologne II, 173 f. (Paris 1861) und Hjelt [Beilagen] S. 26 f.
  326. Solms an Friedrich, 4. September. Hjelt [Beilagen] S. 28 f.
  327. In kluger Berechnung hatte Friedrich Abschriften seines Briefwechsels mit Gustav an Katharina übersandt, um derselben zu beweisen, dass er sich seinem Neffen gegenüber „assez vertement“ auszudrücken pflege.
  328. Vgl. das Referat über diese Depesche bei Hjelt S. 87 f.
  329. Am 14. October schrieb er z. B. an Solms: „Je n’ai pris tout cet objet si fort au coeur qu’en considération de mon alliance avec la Cour de Russie, dont la conservation de la forme de gouvernement en Suède fait un des principaux objets - - -. Vous pouvez même être très persuadé qu’au cas que la Russie la veut oublier, je ne penserai sûrement pas à lui en rafraîchir la mémoire“. Hjelt [Beilagen] S. 30; vgl. Friedrich an Dönhoff, 16. October. Hjelt S. 87.
  330. Friedrich an Solms, 20. September. Smitt II, 175 f.; vgl. Hjelt S. 88, der u. a. eine Preussische Ministerialnote an Solms, 26. September citirt. — Auch Prinz Heinrich suchte Mitte October im Einverständniss mit seinem königlichen Bruder (vgl. Heinrich an Friedrich, 14. October und dessen Antwort, 16. October. Oeuvres XXVI, 360—62) sich schriftlich zu Gunsten seines Schwedischen Neffen bei der Russischen Kaiserin zu verwenden; freilich ohne Erfolg, wie aus dem von Solovjev XXVIII, 391 in Russischer Uebersetzung mitgetheilten Brieffragment Katharina’s an Heinrich hervorgeht.
  331. Wie unangenehm man in Petersburg das Scheitern des Congresses empfand, erweisen die werthvollen Citate aus Russischen Quellen bei Hjärne S. 27 Anm.
  332. Friedrich an Ulrike, 27. September. Fersen III, 475 f. Gleichzeitig schrieb er an Dönhoff: „Le tout dépendra --- de la manière dont le Roi de Suède se conduira dans ces conjunctures vis-à-vis de cette Cour Impériale. Si ce Prince la flatte et tâche de l’adoucir, U se peut que les choses tournent favorablement pour lui - - - ; mais s’il prétend lui témoigner de l’humeur et l’aigrir, je ne réponds pas des suites“. — Auch Heinrich musste damals wieder im Aufträge seines Bruders „Mässigung“ predigen. Heinrich an Ulrike, 29. September. Fersen III, 475 ff.
  333. Friedrich an Gustav, 5. October (Oeuvres XXVII, 2; S. 79); an Ulrike, 18. u. 24. October (Fersen III, 477 f. u. 482 f.); an Dönhoff, 4., 7., 11. u. 16. October. — Vgl. Heinrich an Ulrike, 22. October Fersen III, 480-82.
  334. Hjelt, der diese hochinteressante Episode auf Grund der Acten des Berliner Geh. Staatsarchivs eingehend schildert (S. 90—94), bemerkt zutreffend, dass Friedrich’s „diplomatische Action gegen Russland via Wien“ seine Stellung zum Stockholmer Staatsstreiche „vielleicht am allerklarsten charakterisirt“. Aus dem von Hjelt oft citirten Briefwechsel zwischen Friedrich und seinem Wiener Gesandten Edelheim geht u. a. hervor, dass der König vor allem darauf bedacht war, sich durch die etwaigen Insinuationen von Kaunitz nicht in den Augen des Petersburger Hofes zu „compromittiren“. dessen keineswegs, Schwedens „territory and just possessions“ zu schmälern oder „to be dragged into a war from which this country [England] has much to lose and nothing to gain“. G. soll daher „divert Mr. Panin’s views as much you can“, besonders wegen der „prejudices which the King of Prussia infuses to our disadvantage“. — Vgl. Tegnér S. 148—55.
  335. So heisst es in dem Immediaterlass des Königs, 4. September. Hjelt [Beilagen] S. 26 f. — Smitt II, 173 f. druckt: „rajuster la mauvaise affaire“ anstatt „rajuster la sottise“. Natürlich verdient der von Hjelt mitgetheilte Originaltext den Vorzug.
  336. Gunning an Suffolk, 28. Juli/8. August 1772: „I do believe that, were she [the Empress] not so much under the influence of the King of Prussia, as there is reason to suppose, the difficulties which have hitherto retarded the alliance might be got over“. Sbornik XIX, 301.
  337. Vgl. Michael, Englands Stellung zur 1. Theilung Polens. Hamburg 1890.
  338. Gunning an Suffolk, 14./25. September; Suffolk an Gunning, 30. October u. 10. November. Sbornik XIX, 320—22 u. 331—35. Vgl. auch Raumer IV, 560. — Am 30. October schreibt S.: Die Vorschläge Panin’s „bear strong marks of being a Prussian plan and Swedish Pomerania is plainly the price of His Pruss. Majesty’s assistance“. England beabsichtige indessen
  339. Dieselben wurden von der Schwedischen Regierung regelmässig abschriftlich nach Frankreich gesandt.
  340. Die obigen Citate, Aeusserungen des Französischen Auswärtigen Ministers d’Aiguillon, sind den Berichten des Schwedischen Botschafters Creutz an Gustav vom 9., 11., 15. u. 19. October (Historiska Handlingar in, 298—320 Stockh., 1868) entnommen. Vgl. Aiguillon an Gustav, 18. September u. 17. October. [Manderström], Recueil de documents I, 18 f. sowie Hjelt [Beilagen] S. 15 f. — Ueber die Versuche Frankreichs, den Londoner sowie namentlich den Wiener Hof ins Schwedenfreundliche Lager hinüberzuziehen und Russland von Preussen abtrünnig zu machen, handeln ausführlicher: Solovjev XXVIII, 394—96; Geffroy I, 183 ff.; Tegnér S. 155—66; Odhner I, 180 ff. sowie Hjelt S. 55—70, 78—81 u. 119—24. Zahlreiche, für diese Fragen wichtige Actenstücke sind in Hist. Handl. II-IV (Stockh., 1862—64) abgedruckt.
  341. Ueber die eigenthümliche Institution der Eriksgata vgl. Kjellén, Om Eriksgatan (Upsala, 1889), sowie Key-Åberg, Ytterligare några ord om Eriksgatan (Svensk Hist. Tidskrift X, 364—68).
  342. Eine ausführliche Darstellung der Dänisch-Schwedischen Episode bei Odhner I, 190—200. Die Schwedische Note und Dänische Antwort in Hist. Handl. II, 362—65. Vgl. auch Gustav an Christian, 15. November und dessen Antwort, 26. November. Hjellt [Beilagen] S. 6 ff. u. [Manderström] I, 35 f. — Friedrich d. Gr. sagt in seinen Memoiren (Oeuvres VI, 53), die Wiederversöhnung zwischen den beiden Herrschern sei auf Grund seiner „Vorstellungen“ erfolgt. Die von Hjelt und uns benutzten Acten des Berliner Geh. Staatsarchivs erwähnen jedoch derartige „Vorstellungen“ mit keiner Silbe.
  343. Friedrich an Finckenstein, 12. November, citirt bei Hjelt S. 133.
  344. Friedrich an Dönhoff, 9. November. Hjelt [Beilagen] S. 31.
  345. Friedrich an die Dänische Königin-Wittwe Juliane, 9. November u. an den Preussischen Gesandten Arnim in Kopenhagen, 21. November. — Vgl. auch Hjelt S. 134.
  346. An Finckenstein schrieb er, 8. November: „La Cour de Pétersbourg me servira de guide dans les mesures à prendre dans cette nouvelle crise“.
  347. Vgl. beispielsweise Friedrich an Solms, 17. November. Hjelt [Beilagen] S. 32 und Smitt II, 188 f. Letzterer nennt übrigens den 21. November als Datum der Depesche.
  348. Friedrich an Solms, 8. November. Hjelt S. 135 Anm. 1.
  349. Am 15. November schrieb er an seinen Wiener Bevollmächtigten Edelsheim: Fürst Kannitz würde ihn „zu ewiger Erkenntlichkeit“ verpflichten, „si par la médiation de sa Cour ou par un autre bon moyen il peut conjurer l’orage que la révolution de Suède paraît préparer dans le Nord“. Ja, wenige Tage später erklärte er unumwunden, dass nur ein gemeinsames Handeln des Berliner und Wiener Hofes den Ausbruch von Kriegswirren im Norden verhüten könne. Gern wolle er daher auch alle auf Vermeidung dieser Gefahr abzielenden Vorschläge des Fürsten nach Möglichkeit fördern, „s’il n’y avait rien de directement opposé à Mes engagements avec la Russie“. In der That hatte Kaunitz bereits Anfang November durch Lobkowitz in Petersburg eine Declaration überreichen lassen, in der die Hoffnung ausgesprochen war, dass Katharina gegen Gustav „etwas Nachsicht“ üben werde. Aber die Note war — wohl absichtlich — in so schwebenden Ausdrücken abgefasst, dass sie in den Kreisen der Russischen Regierung auch nicht den allergeringsten Eindruck hervorzurufen vermochte. Dies lieferte dann dem Wiener Hofe den erwünschten Vorwand, den Interventionsplan bis auf weiteres gänzlich fallen zu lassen. — Eine ausführliche Darstellung der Preussisch-Oesterreichischen Verhandlungen im November und December bei Hjelt S. 185—38.
  350. Friedrich an Behnisch, 17., 22. November u. 1. December (Dönhoff hatte einen längeren Urlaub genommen und Mitte November Stockholm verlassen). Am 22. November heisst es z. B.: „La nouvelle que j’attends d’apprendre avec beaucoup d’impatience - - - c’est, si la révolution supposée en Norvège aura eu effectivement lieu - - -. Ces nouvelles sont de la dernière conséquence; le sort et la tranquillité de l’Europe entière en dépendent“.
  351. Friedrich an Finckenstein und Behnisch, 6. u. 7. December. — Sein Schreiben an ersteren vom 7. December schliesst ironisch mit dem classischen Citat: „La montagne en travail enfante une souris“.
  352. Gustav an Friedrich, Anfang November. Hjelt [Beilagen] S. 5 f.
  353. Diesen Grand nennt Friedrich in seinem Schreiben an Finckenstein, 6. December.
  354. Friedrich an Gustav, 8. December ([Manderström] I, 44 f. u. Oeuvres XXVII, 2; S. 80), wo es u. a. heisst: „Tout le monde n’envisage pas du même oeil la révolution qui s’est faite dans le Gouvernement de Suède. Cela peut causer des guerres - - Il y a des moments de calme auxquels de forts orages succèdent; la Suède en est menacée, et je ne vois pas comment elle y pourra résister“. — Uebrigens sendet der König am 7. December an Finckenstein ein Schreiben zur Weiterbeförderung an Ulrike. Der Inhalt dieses Schreibens ist uns nicht bekannt, hat sich aber wohl jedenfalls in ähnlicher Richtung bewegt.
  355. Gustav an Heinrich, 3. November. Hjelt [Beilagen] S. 3—5. Gustav sagt hier u. a., dass er sich zur Aufgabe der Errungenschaften vom 19. August freiwillig nie verstehen werde. „Je préfère d'être roi d’Uplande et d’être indépendant à d’être une image sur le trône tel que l’est le roi de Pologne - - -. Je persisterai donc dans la résolution de périr plutôt que de rien changer à ce que j’ai établi ici“.
  356. Heinrich an Gustav, 6. December. [Manderström] I, 37—40.
  357. Heinrich an Ulrike, 9. December. [Manderström] I, 48—50 u. Fersen III, 485—87. — Uebrigens hatte Heinrich seiner Schwester schon am 20. November das zukünftige Geschick Schwedens bei einem Angriffe ihres Sohnes auf Norwegen in den düstersten Farben ausgemalt (Fersen III, 483-85). Hierauf beziehen sich wohl die Worte Friedrich’s an Solms, 17. November (wir haben die Depesche schon p. 131 citirt): „Tout ce que je ferai encore, c’est d’éprouver, par le peu de crédit que j’ai en Suède, s’il n’y a pas encore moyen de conjurer l’orage qui s’apprête.“
  358. Gustav an Friedrich, 23. Dezember. Hjelt [Beilagen] S. 7-9. Das falsch datierte und stark abweichende Concept ist bei [Manderström I, 46-48 und Oeuvres XXVII, 2; S. 81 abgedruckt. - Vgl. Gustav an Heinrich, Ende December [Manderström] I, 41-43.
  359. Friedrich an Gustav, 23. Januar 1773. [Manderström][WS 37] I, 52 f. und Oevres XXVII. 2; S. 82 f.), wo es u. a. heisst: „Je purrais me servir de
  360. Heinrich an Gustav [Ende Januar 1773]. [Manderström] I, 54 f. — In einem Brief an Ulrike vom 25. Januar (Fersen III, 489—91) sagt er wörtlich: „D’éviter l’orage je le regarde comme impossible. Il peut rester un peu plus longtemps ou un peu moins suspendu, mais il doit nécessairement éclater“.
  361. Gustav an Friedrich [Anfang Februar 1773]. Hjelt [Beilagen] S. 9 f.
  362. Behnisch, 1. December: „La mission du Sénateur Posse a été résolue d’un plein concert avec cette Puissance [France] dans la même vue de détacher la Cour de Pétersbourg de ses anciennes liaisons - - -. Le Roi de Suède en conséquence offrira son amitié à l’impératrice et dit à ses sujets qu’il est fort bien avec cette Princesse*. Friedrich erwidert, 18. December: „Le refus de la Russie - - - dessillera vraisemblablement les yeux de ce Prince“. Vgl. Hjelt S. 107—11.
  363. Behnisch, 18. u. 22. December; die Russische Note Panin’s vom 15./26. November bei Hjelt [Beilagen] S. 24 f. — Friedrich war übrigens mit dem Auftreten Behnisch’s durchaus nicht einverstanden, sondern erklärte ihm, 1. Januar 1773, voller Unwillen, er hätte einen derartigen Schritt nicht unternehmen dürfen, „sans y être autorisé par des ordres exprès“. Weiteres darüber bei Hjelt S. 114—16, der u. a. über das kühle Verhältniss zwischen Osterman und Behnisch interessante Aufklärungen bringt.
  364. Behnisch, 18. u. 22. December; die Schwedische Antwort auf die Russische Note bei Hjelt [Beilagen] S. 17 f.
  365. Vgl. Hjelt S. 124—81. — Panin an Osterman, 15./26. November [Ruse.]: „Was Pommern angeht - - -, so wird dort alles von der Schnelligkeit der kriegerischen Bewegungen unseres Verbündeten, des Preussischen Königs, abhängen, auf den wir uns ganz gewiss mit voller Zuversicht verlassen können“. (Solovjev XXVIII, 891—94.) — O. theilte, wie schon erwähnt, diese Zuversicht keineswegs.
  366. Vgl. Odhner I, 218 Anm. 2, sowie Hjelt S. 140 u. 170.
  367. Behnisch, 23. Februar: Man wolle „semer la discorde entre V. M. et l’Impératrice de Russie“ und habe Osterman insinuirt, „comme si V. M. n’agissait pas avec une parfaite sincérité à l’égard de sa Cour“. Preussische Ministerialnote an Behnisch, 9. März: „Les liens d’amitié et de concorde qui m’unissent à l’impératrice, sont trop forts et fondés sur des intérêts réciproques, trop solides pour que l’on parvienne jamais à les rompre par de telles machinations“. — Vgl. Friedrich an Behnisch, 26. Februar: „Je sais donc que je n’ai rien de bon de me promettre de la part du ministère suédois - - -. Mais - - - avec toute leur mauvaise volonté on ne saurait me noire absolument en rien, de sorte que je m’embarrasse très peu et même point du tout de leurs sentiments à mon égard“. Hjelt S. 140 Anm. 1.
  368. Ueber das Vorgehen der Schwedischen Diplomatie in Konstantinopel vgl. die hochinteressanten Mittheilungen bei Hjelt S. 155—60.
  369. Nur mit Bedauern haben wir darauf verzichtet, hier des Weiteren die rastlose Thätigkeit zu schildern, welche von der Europäischen Diplomatie in jenen kritischen Tagen behufs Verhinderung bezw. Herbeiführung einer Nordischen Krisis entfaltet wurde. Eine ebenso ausführliche wie lichtvolle Darstellung bei Hjelt S. 142—98. Werthvolle Angaben auch bei Odhner I, 214—35 u. Tegnér S. 178—229.
  370. Aus den Immediaterlassen an Beimisch geht übrigens hervor, dass auch noch später zwischen Friedrich und seiner Schwester eine recht lebhafte Correspondenz stattgefunden haben muss. Obwohl der Inhalt jener Briefe uns nicht bekannt ist, dürfen wir doch mit Sicherheit annehmen, dass der Nordischen Vorgänge in ihnen vielfach gedacht wurde.
  371. Vgl. z. B. Friedrich an Behnisch, 2., 14. März u. 2. April.
  372. Hjelt S. 199. — Wie trübe sich Friedrich das künftige Geschick Schwedens vorstellte, zeigen seine Worte an Behnisch, 28. März: „Je me flatte — encore toujours qu’on sera plus avisé là où vous êtes et qu’on n’agira pas avec si peu de réflexion qu’on le suppose. Si toutefois on devait s’y porter à des hostilités contre la Russie, il n’y aurait que le ciel seul qui pourrait leur être en aide pour les tirer d’affaire et du plus grand malheur“. An Voltaire schrieb er, 4. April: „Votre Impératrice a bien des ressources. Le Nord demeurera tranquille ou ceux qui voudront le troubler, tout froid qu’il est, s’y brûleront les doigts“ (Oeuvres XXIII, 246). Tegnér S. 229 hat diese Worte völlig missverstanden.
  373. Friedrich an Solms, 27. April: „Cette pièce m’a - - - fait un plaisir infini et, si les deux Cours continuent dans la même voie, je me flatte que l’orage pourra encore être conjuré et que les nuées qui s’étaient formées sur cet horizon, se dissiperont entièrement“. Hjelt S. 199 Anm. 5.
  374. In einer Note Panin’s (Beilage zu Solms’ Depesche vom 7. Mai) heisst es u. a.: Gern wolle man „rectifier ce qui a été fait en Suède“. Aber „dans le moment présent“ erscheine „toute explication à ce sujet“ mit dem Schwedischen Könige „hors de tempe et susceptible d’un grand inconvénient, parceque dans les ouvertures et les éclaircissements, où il faudrait en venir, nécessairement il est à craindre de décéler l’intention déjà concertée entre l’impératrice et S. M. Prussienne, de tenter par des voies amiables cette rectification et d’entamer une négociation pour cet effet“. Hjelt S. 200 Anm. 1.
  375. Russisch-Dänischer Allianzvertrag, Petersburg 1./12. August 1773, in: Danske Tractater 1751—1800. S. 365—72 (Kopenhagen, 1882). Der Geheimartikel enthält 7 verschiedene Punkte. Nr. 1 bezeichnet „l’état présent de la Suède comme donnant lieu dans toute son étendue au casus foederis“ von 1769; Nr. 3 lautet: „Les deux Alliés resteront tranquilles — jusqu’à la conclusion de la paix entre l’Empire de Russie et la Porte ottomane ou tel autre événement - - - qui sera jugé favorable pour tourner en négociation le redressement de ce qui a été fait en Suède“. In Punkt 6 behält sich Katharina vor, von den beiderseitigen Massnahmen „en son temps“ den Preussischen König zu benachrichtigen, „Lequel Se trouve dans des engagements formels vis-à-vis de S. M. par rapport aux affaires de Suède“.
  376. Danielson, Die Nordische Frage in den Jahren 1746—51 (Helsingfors, 1888) S. 447.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Adolf Friedrich, König von Schweden, 1751-1771
  2. Luise Ulrike von Preußen, Schwedische Königin von 1751-1771
  3. Karl Wilhelm von Finckenstein, Preußischer Gesandter in Stockholm 1735-1747
  4. Hattarne, Partei der Frankreich-freundlichen Gegner einer starken Monarchie
  5. Mössorna, Partei der Russland-freundlichen Gegner einer starken Monarchie
  6. Johann Albert von Korff, russischer Gesandter in Kopenhagen von 1741-1766, zwischenzeitlich 46-48 in Stockholm.
  7. Hovpartiet, weder den Mützen noch den Hüten zugehörige Partei zur Stärkung der Monarchie.
  8. Nikita Iwanowitsch Panin, russischer Gesandter in Stockholm 1749-1760, danach russischer Außenminister von 1764-1780.
  9. Victor Friedrich von Solms-Sonnenwalde, ab 1755 preußischer Gesandter in Stockholm, ab 1762 am Hofe Katharinas in Sankt Petersburg
  10. Anders Johan von Höpken, Schwedischer Reichsrat und Staatskanzler bis 1761
  11. Carl Fredric Scheffer und Ulrik Scheffer, zwei Brüder, pflegten als Botschafter und Schwedische Parlamentsmitglieder die Beziehungen zwischen Schweden und Dänemark, und vertraten Schweden in Paris.
  12. Anm. d. Korr.: Der häufig wiederkehrende Begriff „System“ scheint in diesem Artikel im Hobbes’schen Sinne zu verstehen sein: politisch agierende Gruppe, Interessengemeinschaft. Am Schwedischen Hof stehen sich vor allem gegenüber das „Französische“ und „Russische System“.
  13. Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, dänischer Außenminister 1750-1770
  14. Étienne-François, Duc de Choiseul, (z.T. inoffizieller) Französischer Außenminister zwischen 1758-1770. Von 1761-66 war sein Cousin César Gabriel de Choiseul-Praslin offiziell Außenminister.
  15. Peter III. entstammte der Ehe zwischen Herzog Karl Friedrich von Holstein-Gottorf und Zarentochter Anna Petrowna
  16. Wilhelm Bernhard von der Goltz, preußischer Gesandter am Hofe Peter's 1762
  17. Iwan Andrejewitsch Ostermann, Gesandter Russlands in Stockholm 1760-1774
  18. Joachim von Düben der Jüngere, später 1772 kurz Kanzleipräsident
  19. Graf Alexander Borissowitsch Buturlin, russischer Feldherr
  20. vmtl. Mauritz Posse, schwedischer Gesandter in St. Petersburg ab 1752
  21. Graf Claes Ekeblad der Jüngere, auch Kanzleipräsident 1761-65, 1769-71
  22. Caspar von Saldern, Wirklicher Geheimrat und Staatsminister in Russland 1762-73
  23. John Stuart, 3. Earl of Bute, britischer Premierminister 1762-63
  24. Adolph Sigfried von der Osten, dänischer Gesandter in Sankt Petersburg 1757-1765
  25. gemeint wohl: Diede von Fürstenstein
  26. Louis Auguste Le Tonnelier de Breteuil, französischer Gesandter ab 1760 in St. Petersburg, ab 1769 in Stockholm
  27. Vorlage: feinseligen
  28. John Hobart, 2nd Earl of Buckinghamshire, britischer Gesandter in Sankt Petersburg 1762-1765
  29. Sir John Goodricke, 5th Baronet. Gesandter Großbritanniens nach Stockholm 1763-1773.
  30. Johann Heinrich Friedrich von Cocceji, Preußischer Gesandter in Stockholm 1764-1770
  31. Vorlage: Französich-Schwedischen
  32. verm. John Montagu, 4th Earl of Sandwich, u. a. Staatssekretär 1763 und 1770
  33. Fredrik Carl Sinclair, Reiter Kronprinz Gustav’s und enger Vertrauter von Luise Ulrike
  34. Gustav III., schwedischer Kronprinz 1751-1771, schwedischer König 1771-1792
  35. Sophie Magdalene von Dänemark, Heirat mit Gustav III. 1766, Schwedische Königin 1771-1792.
  36. Augustus FitzRoy, 3. Duke of Grafton, 1766-1770 First Lord of the Treasury, als Stellvertreter für den erkrankten Chatham ab 1767 inoffizieller Regierungschef.
  37. Vorlage: Munderström