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Aus der Sprechstunde eines Arztes. Nr. 2

Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Aus der Sprechstunde eines Arztes. Nr. 2
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 302-303
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[302]
Aus den Sprechstunden eines Arztes.
Nr. Ⅱ.

Sprechstunden“ nennt man ganz mit Recht die Zeit, in welcher die Aerzte ihren Rath ertheilen, denn was da, eben so von Seiten des Arztes wie der Patienten, zusammen gesprochen wird, das ist kaum auszusprechen. Mit „ich muß etwas weit ausholen“ beginnt ein Kranker sein Klagelied und zählt nun zuvörderst alle Gebrechen seiner Ahnen auf, ehe er zur Mittheilung seiner eigenen Lebens- und Leidensgeschichte, natürlich nicht ohne Beimischung aller wichtigen Familienereignisse, gebracht werden kann, während er eigentlich doch nur zu sagen brauchte, „ich leide an Verstopfung.“ Die Worte „turnen Sie“ würden von Seiten des Arztes für unsern Obstructionsmann völlig hinreichen, aber dieser verlangt von uns einen ausführlichen Vortrag über Hämorrhoiden und ihre Erblichkeit, über die Schädlichkeit der Morison’schen und Strahl’schen Pillen, über die Vorzüge der Klystirspritze vor den Abführmitteln u. s. f.

Bei manchen Aerzten könnten die Sprechstunden auch „Schreibstunden“ heißen; nicht etwa blos der vielen und langen Recepte wegen, welche jene mit ruhiger Würde und Wohlbehagen verfassen, sondern auch der mannigfachen von Kranken und Gesunden gewünschten Zeugnisse und Krankheitsberichte halber. So wünscht eine kinderlose hysterische Dame, die in’s Bad reisen will und an welcher der Arzt bei der Untersuchung gar keine Abnormität entdecken kann, für ihren dortigen Doctor einen ganz genauen Bericht über alle ihre absonderlichen Empfindungen und Beschwerden. Wir setzen uns an den Schreibtisch und fertigen ein erschöpfendes medicinisches Opus über unsere Nervöse; natürlich liest dies der Herr Bade-College gar nicht oder nur im Fluge – und daran thut er ganz Recht, denn selber untersuchen muß der richtige Arzt; – er verordnet jedoch darauf hin vom Brunnen x einen Becher mehr und vom Brunnen y einen halben Becher weniger zu trinken. – Noch hält ein Geschäftsmann das Gesundheits-Zeugniß, das man ihm zum Bürgerwerden ausstellle, in der einen Hand, da wünscht er auch gleich für die andere noch ein Krankheits-Zeugniß, um von der Communalgarde loszukommen. Will Einer in die Krankencasse treten, da möchte er im Atteste von Gesundheit strotzen, ist er darin aufgenommen, so verlangt er als Halbtodter bescheinigt zu werden. – Sogar Abgezehrte, die selbst recht wohl wissen, daß sie schon mit einem Beine im Grabe stehen, wünschen trotzdem für die Lebensversicherung eine Hausknechtsgesundheit attestirt zu haben. – Kurz, ich glaube, keinem Menschen wird so oft die entehrende Zumuthung gemacht, gewöhnlich für 1 Thlr. 10 Ngr., ein falsches Zeugniß auszustellen, als dem Arzte.

Auch zu „Lesestunden“ werden nicht selten die Sprechstunden des Arztes, und zwar ebenso für den Arzt selbst, wenn sich keine Patienten zum Sprechen in seinen Sprechstunden einfinden, wie für die Kranken, wenn sie sich beim langen Warten im Wartezimmer die Zeit vertreiben müssen. Wir empfehlen zu diesem Zwecke unsere Gartenlaube. – Bisweilen, doch nicht etwa zu oft, bekommt der Arzt von einem Geheilten etwas zu lesen, was nach Danke schmeckt, dagegen, liest er in Schreibebriefen ziemlich häufig, daß dieser oder jener seiner Patienten sich für seine ferneren Besuche bedankt und daß, weil die Genesung zu lange auf sich warten läßt, sich der ergebenst Unterzeichnete an Hinzen oder Kunzen gewendet hat.

Mit „Musikstunden“ sind die Sprechstunden des Arztes nicht etwa deshalb zu vergleichen, weil ihm die schönen Klänge edlen Metalles so oft wie Musik in die Ohren tönen, sondern darum, weil er ebensowohl bei der physikalischen Untersuchung (beim Beklopfen und Behorchen) seiner Patienten Töne und Geräusche im Innern derselben in Harmonie mit den verschiedensten Krankheitserscheinungen bringen, wie auch seine Instrumente gehörig zu handhaben verstehen muß. – Doch lassen wir dieses Selbstgespräch und besorgen lieber unsere wartenden Patienten.


Die bleichen Leidensgefährtinnen.

Vom Treppensteigen noch außer Athem und leise seufzend nahen sich schüchtern zwei nette, etwa 20jährige Mädchen, durch Freundschaft und gleiches Leiden seit Jahren, trotz ihrer ungleichen äußern Verhältnisse, innig verbunden; die eine Tochter wohlhabender Eltern, einziges und Lieblingskind, die andere arm, durch ihrer Hände Arbeit Ernährerin der Mutter und Geschwister. Beide sind schmächtig, wohlgestaltet, aus dem Gesichte wie Milch und Blut strahlen bei ihrem Eintreten interessant-glänzende Augen von bläulicher Perlmutterweiße, der Lippen blasse Röthe erhöht das lebhafte Roth der Wangen, und durch die aristokratisch zarte, weiße Haut schimmern (besonders an den Schläfen, Händen und Armen) violett-röthliche Adern. Es vergeht einige Zeit, ehe sich das ungestüme Klopfen ihrer Herzchen gelegt und das jagende Athmen beruhigt hat. Mit der Ruhe erbleichen jedoch die Wangen, die Augen werden immer matter und die frühere Lebhaftigkeit des Gesichts weicht einer, der des übrigen Körpers gleichen Mattigkeit und Abspannnng; die Mädchen gefallen mir jetzt nicht mehr so, wie früher.

Auf den ersten Blick weiß nun der Arzt, nicht wo es fehlt, aber was fehlt, nämlich Blut. Diese Blutarmuth (Bleichsucht[WS 1], Anämie) drückt sich übrigens auch noch deutlicher durch die Blässe an der innern Fläche der Lippen und Augenlider, an dem Zahnfleische und der Zunge aus; die kühle Haut läßt beim sanften Kneipen keinen rothen Fleck entstehen, der Puls ist weich und die violetten Adern unter der etwas wachsig glänzenden, schwach gelblich oder grünlich angehauchten Haut sind durch Streichen leicht zu entleeren. Am Halse ist in den Blutadern mit Hülfe des Hörrohres (Stethoskops) ein summendes oder sausendes Geräusch (das Nonnen- oder Kreiselgeräusch) zu vernehmen.

Warum mögen nun wohl unsere jungen Mädchen zu wenig [303] Blut haben? So fragt sich nicht nur sofort der Arzt in seinem Innern, sondern denkt auch gleichzeitig an alle nur möglichen Ursachen der Blutarmuth. Sicherlich hat jenes in Kattun gekleidete Mädchen zu wenig gute Nahrung und zu viel Arbeit mit Sorge, während die andere, im seidenen Kleide, vielleicht der Liebe Gram gebleicht hat. Doch nicht zu voreilig; stellen wir unser Examen erst an.

„Ihre hauptsächlichsten Beschwerden, meine lieben Fräuleins?“

„Magenkrampf und Blutandrang nach dem Kopfe, neben großer Mattigkeit. Eben jetzt wurde ich von Schwäche und Schwindel befallen und meine Freundin klagt über Flimmern vor den Augen mit Ohrensausen. Ja das Blut macht uns sehr viel zu schaffen, trotzdem daß wir von Zeit zu Zeit schröpfen und schon einige Male zur Ader gelassen haben, auch öfters an Nasenbluten leiden.“

„Bitte, kommen Sie doch einmal hier vor den Spiegel und zeigen Sie mir das Blut, was Ihnen so viele Beschwerden macht. Sie finden keines! und da auch im Innern Ihres Köpfchens nur wenig anzutreffen sein würde, darum lassen Sie sich vorläufig gesagt sein, daß zu wenig Blut im Gehirne fast ganz dieselben Kopf- und Nervenerscheinungen (wie Kopfschmerz, bisweilen blos auf dem Scheitel, Migräne d. i. ein hartnäckiger halbseitiger Kopfschmerz, Schwindel, Neigung zu Ohnmachten, Sinnestäuschungen, Schwarzwerden und Flimmern vor den Augen, sogar Schwäche der Sehkraft, Ohrensausen, eigenthümliche Geschmäcke, Nervenschmerzen, und Krämpfe aller Art) erzeugen kann, wie zu viel Blut darin, und daß Sie, als Blutarme, durch was immer für welche Blutverluste nur noch kränker werden müssen. Ebenso wird es Ihnen aber auch in Folge von Anstrengungen und stärkeren Erregungen (besonders durch kaltes Baden) ergehen, weil hierdurch ebenfalls, nur mittelbar, Blut (durch Verbrauch) verloren geht. Sicherlich bekommt Ihnen das Tanzen schlecht, auch werden Sie bei Ihrem weichen, schlaffen und welken Fleische (Muskeln), nicht lange dabei aushalten können, ja vielleicht sogar heftige (Muskel-) Schmerzen (rheumatische von ihrer Frau Mutter genannt) danach bekommen.

Doch um hübsch Ordnung in unserm Examen halten zu können, bitte ich Sie, mir nun auf meine Fragen zu antworten. Waren Sie vor Beginn Ihres Leidens stärker (dicker) und sahen munterer aus?“

„Allerdings! viel kräftiger, von weit festerem Fleische und von gesünderer Gesichtsfarbe.“

„Wie ist die Veränderung Ihres Körpers eingetreten, schnell oder langsam?“

„Bei meiner arbeitsamen Freundin ganz allmählich, bei mir ziemlich schnell, bald nach dem Magenkrampfe.“

„Was für Beschwerden nennen Sie Magenkrampf?“

„Die heftigen, gewöhnlich zusammenziehenden Schmerzen in der Herzgrube, die vorzüglich einige Stunden nach dem Essen (zumal fester Speisen) und nach dem Trinken kalten Wassers eintreten, bisweilen sogar mit Ausbrechen des Genossenen, ja selbst einige Male mit Blutbrechen verbunden waren.“

„Ist dies bei dem andern Fräulein auch so?“

„Nicht ganz! Die Schmerzen treten öfter bei nüchternem als bei vollem Magen ein, auch ist Brechen selten und noch niemals Blut weggebrochen worden.“

„Im Uebrigen sind Ihre Klagen dieselben?“

„Ja! Nämlich: fortwährende Kopfschmerzen, häufiges und starkes Herzklopfen, Kurzathmigkeit fast bei jeder Bewegung, Verdauungsstörungen, Gemüthsverstimmung, große Mattigkeit und öfteres Frösteln.“

Welche Veränderungen finden sich denn nun aber im Innern unserer Patientinnen? Denn dies zu wissen, ist für einen wirklich wissenschaftlich gebildeten und gewissenhaften Arzt zur Beurtheilung des Leidens ganz unentbehrlich, kann aber nur mit Hülfe der physikalischen Untersuchung (durch Befühlen, Beklopfen, Behorchen u. s. w.) ermöglicht werden. Wäre ich freilich Homöopath, da hätte ich ohne Weiteres schon längst zu meiner Apotheke und zu Pulsatilla, Calcarea oder Ferrum gegriffen, denn ein Homöopath quält sich nicht wie unser Einer mit der wissenschaftlichen Durchschauung einer Krankheit ab. Darum eben kann ja aber auch jede alte Frau, ein verdorbener Student der Medicin, ein Postsecretair (wie z. B. Herr Arthur Lutze in Köthen, s. Gartenl. 1856, Nr. 12.), ein Oekonom und Roßhändler, kurz jeder Laie, der einen homöopathischen Haus- und Familienarzt zu lesen im Stande ist, als homöopathischer Heilkünstler wirthschaften. In unserem Falle könnte freilich manchem Hahnemannianer mehr der Magenkrampf als die Bleichsucht (Blutarmuth) in die Nase stechen und dann würde ihm Qual aus der Wahl von Nux, Bryonia, Chamomilla, Coculus, Phosphor, Bismuth, Carbo, Belladonna, Pulsatilla, China, Arsen, Chelidonium, Baryt oder Ignatia. Doch weg mit solcher Laienblödsinnsmedicin. – Die physikalische Untersuchung ließ bei unsern Fräuleins trotz Kurzathmigkeit und Herzklopfens ebenso die Lungen wie das Herz als ganz gesund erkennen; das ununterbrochene summende Geräusch in den Halsblutadern, sowie das mit dem Pulse zusammenfallende Blasen im Herzen und in den großen Pulsadern rührten nur von der Blutarmuth her. Auffallend war die Schmerzhaftigkeit beim Druck in die Magengrube, die aber am meisten die Patientin empfand, welche früher einige Male Blut gebrochen hatte.

Hiernach sind die Krankheitserschenungen bei unsern beiden Patientinnen, obschon ihre Beschwerden fast ganz dieselben zu sein scheinen, doch in Etwas verschieden. Denn während bei der Einen der sogen. Magenkrampf vor dem ziemlich schnell erfolgten Magerer- und Bleichwerden zum Vorschein kam, vorzugsweise nach dem Essen und Kalttrinken eintritt, mit Brechen (auch von Blut) verbunden ist und durch Druck erregt oder gesteigert wird, fand sich bei der Andern der Magenschmerz erst nach der allmählich sich steigernden Bleichsucht ein, zeigt sich häufiger bei nüchternem Magen, ruft seltener Brechen oder Brechneigung hervor und ist gegen Druck unempfindlicher. – Die Lebensweise Beider ist eine durchweg verschiedene. Die Arme muß in die Nacht hinein sitzen und arbeiten, ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Kartoffeln, Brod und Kaffee, und von verzehrenden Sorgen wird sie nie ganz frei; die Sorgenfreie schläft dagegen lange und gut, und könnte auch, wenn es der Magenkrampf erlaubte, viel und gut essen. – Unter solchen Umständen läßt sich mit ziemlicher Sicherheit behaupten: das arme Fräulein ist in Folge ihrer Armuth, die andere durch ein die Verdauung störendes Magenleiden krank und blutarm geworden und erstere könnte sehr leicht durch passende, besonders thierische Nahrung (Milch, Eier, Fleisch), gehörigen Schlaf und frische freie Luft zur vollen Gesundheit gelangen (s. Gartenl. 1853, Nr. 49.), während bei der letzteren zunächst das Magenleiden (das sogen. runde Magengeschwür als die häufigste Ursache des Magenkrampfes) durch eine richtige Magendiät (s. Gartenl. 1853, Nr. 42 und 1855, Nr. 31), also bei warmer, flüssiger und reizloser, aber trotzdem nahrhafter Kost (besonders gute Fleischbrühe und weiches Ei), geheilt wird (das Geschwür vernarbt). In beiden Fällen ist Arznei (selbst das Eisen) ganz unnütz, ein richtiges diätetisches Verhalten dagegen ganz unentbehrlich zur Heilung.

Denke sich der Leser nun einmal in die Stelle des Arztes; ist es für diesen nicht traurig, wenn er jenem guten, armen, arbeitsamen Mädchen gerade Das zu ihrer Wiederherstellung als durchaus nöthig und unersetzlich anrathen muß, was sich zu verschaffen diese nicht im Stande ist! nämlich: weniger Sorge, Schlaf und gute Kost. Deutlich zeigt sich ihm die trübe Zukunft der Patientin; sie fällt endlich als Opfer ihrer Verhältnisse. – Hätte ich Vermögen, ich machte eine Milch-Stiftung für arme Blutarme oder Bleichsüchtige, denn Milch über Alles! nieder mit der Kartoffel!
Bock.


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