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Textdaten
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Autor: Johannes Proelß
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Titel: August Junkermann als Reuter-Darsteller
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 704
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[704]
August Junkermann als Reuter-Darsteller.
Von Johannes Proelß.

Die Lieblinge des deutschen Volks waren allezeit auch die Lieblinge der „Gartenlaube“. Ja noch mehr, so mancher Künstler, so mancher Dichter, der heute Jedermann im Volke lieb und werth ist, gelangte erst zu allgemeiner Geltung und Ansehen dadurch, daß die „Gartenlaube“, als jener noch der Anerkennung bedurfte, ihren Lesern klar machte, welche Fülle von Erbauung und Erholung das Schaffen gerade dieses Mannes dem Volke gewähren müsse. Unter denen, von welchen Beides gilt, steht der prächtige Humorist Fritz Reuter im ersten Gliede. Gerade ihm als Dialektdichter war es schwer gemacht, die Volksthümlichkeit zu gewinnen, die dem Wesen seiner Werke entspricht, zumal es seinem biederen redlichen Wesen, seiner beschaulich zurückgezogenen Lebensart völlig fern lag, seinerseits etwas Anderes im Interesse seiner Werke zu thun, als dieselben drucken zu lassen. Das andauernde Alleinsein in der laugen Haft, in der er während seiner schönsten Lebenszeit, der Reise zum Manne, den frohen Jünglingsmuth abzubüßen hatte, für die Einheit und Größe des deutschen Vaterlandes zu einer Zeit zu schwärmen, da dies noch nicht eine beguem geübte und vortheilbringende Bürgertugend, sondern ein mit Todesstrafe bedrohtes Verbrechen war; die lange Entwöhnung vom Leben in geräuschvoller Öffentlichkeit, die Gewöhnung dagegen an ein schweigsames Einspinnen in die eigene Gedankenwelt: Sie hatten wohl die selbständige eigenwüchsige Art seiner Dichtung mächtig gefördert, aber jene Fähigkeiten, die Dickens zum besten öffentlichen Vorleser seiner eigenen humoristischen Romane machten, nicht in ihm zur Entwickelung gelangen lassen. Was aber er weder konnte noch wollte, das thaten Andere für ihn. Gerade die Thatsache, daß das Plattdeutsch seiner Romane nicht überall im großen Vaterlande verstanden wurde, daß die Freude an der Reuter’schen Poesie zunächst ein Geheimgut seiner engeren Landsleute blieb, verschaffte ihm schnell eine Gemeinde, welche mit hingebender Liebe den neugewonnenen Besitz plattdeutscher Schriftwerke von großem inneren Werth als heiliges Gut hegte und pflegte.

Wo solche Gemeinde sich bildet, erstehen ihr auch Apostel. So ging es auch Reuter. Er fand Verehrer, die in hochdeutscher Sprache in Zeitungen und Zeitschriften von allgemeiner Verbreitung die eigenthümliche Schönheit seines Humors darlegten und wieder andere, die das gesprochene Wort zu Hilfe nahmen und, die Grenzen der engeren Heimath überschreitend, als Vorleser der Renter’schen Dichtungen eine eifrige und betriebsame Propaganda begannen. Balleske, Kröpelin u. A. – sie alle haben für ihre Thätigkeit in der „Gartenlaube“ einen sicheren Rückhalt gefunden. Und als dann unter ihnen einer sich fand, der mit Glück den Versuch wagte, als Apostel der Reuter’schen Muse neben dem Katheder und Hörsaal auch die Bühne sich dienstbar zu machen, da war es wiederum das Keil’sche Volksblatt, das dem kühnen Reuerer sofort wärmste Theilnahme, weitwirkende Unterstützung lieh.

Jetzt ist von den Aposteln Reuter’s nur dieser Eine, dafür aber auch in rüstiger Kraft, noch am Leben. August Junkermann, der erste und nach wie vor beste der Schauspieler, welche die Gestalten der Reuter’schen Romane der Bühne gewannen und die Kunst der unmittelbaren Lebensdarstellung in den Dienst der Muse des niederdeutschen Humoristen stellten, hat als Reuter-Apostel bei Weitem die größten Erfolge erzielt. Von Tausenden, welche das Theater besuchen, finden sich ja kaum hundert geneigt und befähigt, in der Enge eines heißen Hörsaals ihr literarisches und künstlerisches Interesse zu befriedigen. Als Junkermann zum ersten Male – es war im Jahre 1877 – in Wien gastirte, fand sich in keiner der vielen Buchhandlungen dort ein Exemplar „Reuter“ auf Lager. Heute kennt die Hauptgestalten seiner Schöpfung wohl jeder gebildete Oesterreicher. Es ist Junkermann’s allgemein anerkanntes, unbestreitbares Verdienst, dem süddeutschen Publikum im weitesten Sinne des Wortes die heitersonnige gemüthswarme Welt des Reuter’schen Humors erschlossen zu haben. Und heute steht er nun im Begriff, auch Amerika in den Bereich seiner Mission einzubeziehen.

Anfang Oktober beabsichtigte August Junkermann sich einzuschiffen, um eine auf drei Mouate sich ausdehnende Gastspielreise durch die Städte Amerikas in New-York zu eröffnen. Er hat zu dem Zweck sein bisheriges Verhältniß als Mitglied des Stuttgarter Hoftheaters gelöst und gedenkt auch fernerhin sich seinem mehr und mehr sich erweiternden Reuter-Repertoire mit größerer Ausschließlichkeit wieder zu widmen. Er tritt somit in eine neue Aera seiner künstlerischen Laufbahn ein, und Fritz Reuter bleibt die Devise, unter der er auch in dieser wirken und siegen will. Einen Geleitbrief nach Amerika bedarf der Künstler eben so wenig wie der Dichter selbst, dem amerikanische Städte mehr Denkmäler errichtet haben, als irgend einem anderen deutschen Dichter. Aber eine Auffrischung seines Gedächtnisses ist dem treuherzigen Humoristen – bei der Schnellebigkeit und Vergeßlichkeit unserer Zeit – sogar in seiner engeren Heimath zu wünschen, die ihm ein solches Denkmal immer noch erst setzen will, und unseren Lesern in Amerika wird es willkommen sein, gerade jetzt etwas Näheres über den zu ihnen kommenden Apostel des ihnen längst theuren Dichters zu erfahren.

August Junkermann ist am 15. December 1832 in Bielefeld als Sohn eines Kaufmanns geboren. Ein früh sich regender Trieb führte ihn aus der Sphäre der Wachtstubenabenteuer, in die er als Officiersaspirant gerathen war, in die noch abenteuerlichere der Bühne. Als er aber im Oktober 1853 zum ersten Male auf einem öffentlichen Theater sein Können erprobte, es war zu Trier in der Rolle des Manasse Banderstraaten in Gutzkow’s „Uriel Aeosta“, da war das Ergebniß ein schnöder Mißerfolg. Derselbe leitete eine Periode von „Künstlers Erdenwallen“ für ihn ein, welche der ironischen Bedeutung dieses Ausdrucks völlig entsprach. So manche Enttäuschung lehrte seine von Haus aus weltheitere Seele den Schmerz kennen, durch dessen Schule er gehen müßte, um für jenen herzentquellenden Humor die echten Töne zu finden, der nach Heine’s Ausdruck die Thräne neben der Schellenkappe im Wappen führt. Die Stimmungswelt von „Richard’s Wanderleben“ ward auch die seine; es trieb ihn von Bühne zu Bühne. Da geschah’s in Bremen, wo er es noch am längsten aushielt, daß eine Vorstellung Reuter’scher Dichtungen von Kräpelin ihn zur Erkenntniß seines besonderen Berufs brachte. Wie eine Erleuchtung von oben kam’s über ihn. Es war ihm beim Anhören dieser Vorträge klar geworden, welch starkes dramaturgisches Element doch in den Erzählungen des Dichters walte, der schon lange vorher ihn mächtig angezogen hatte. Er suchte nach Helfern zur Bearbeitung zunächst jener Handlung, die sich in Reuter’s größtem Werk um die Gestalt des „oll Entspekter Bräsig“ kristallisirt. Er fand einen solchen in dem Oberregisseur des Breslauer Stadttheaters, der unter dem Pseudonym Peter Dimiter die erste Bearbeitung des „Onkel Bräsig“ vornahm.

Doch glaubte Junkermann, auf Grund seiner Erfahrungen dieses wie alle anderen Reuterstücke seines Repertoires einer eigenen Bearbeitung unterwerfen zu müssen. Heute tritt er nur in solchen Bühneneinrichtungen aus, für die er persönlich dem Genius Reuter’s und dem Publikum gegenüber die Verantwortung übernimmt. Daß dieselben seinen Zwecken nicht nur, sondern auch denen einer billig urtheilenden Kritik genügen: das haben die glänzenden Erfolge seiner Gastspiele erwiesen, die er von nun an Jahre hindurch in allen wichtigeren Bühnenstädten Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz veranstaltete, auch dann noch, als er aus dem Hoftheater zu Stuttgart eine feste Anstellung als erster Charakterkomiker übernommen hatte.

Wer da weiß, wie sehr die Gesetze, welche die epische Kunst und diejenige des Dramas bedingen, von einander abweichen, wie so sehr verschiedene Aufgaben dem Erzähler und dem Dramatiker gestellt sind, wird immer mit Mißtrauen die Bearbeitungen berühmter Romane ansehen. Können die Reuterstücke Junkermann’s für sich betrachtet dieses Mißtrauen auch nicht überwinden: das Spiel Junkermann’s, so lange man in dessen Bann sich befindet, überwindet es völlig und ganz. So erging es Ludwig Speidel in Wien, den Junkermann’s „Bräsig“, als er ihn zum ersten Mal kennen lernte, zu unbedingtem Lobe hinriß; so ging es auch dem Schreiber dieser Zeilen, als er zum ersten Male dieser Leistung als Kritiker gegenüber saß. Es ist die Bescheidenheit und Zurückhaltung, welche möglichst ganz dem Originaldichter das Wort überläßt, was an diesen Bearbeitungen vor allem zu rühmen ist. So wenig das „Charakterbild“, welches eine Reihe der köstlichsten Scenen aus „Ut mine Stromtid“ mit geschickter Verknüpfung an einander reiht, in seinem technischen Bau völlig befriedigt: so hervorragend, so anziehend wirkt es durch die quellende Lebensfrische, den volksthümlichen Humor und die poetische Stimmung der Scenen, welche dem Roman mit thunlichster Treue gegen den Wortlaut entnommen sind. Und wenn auch auf dem Weg in die enge Welt der Bühne der behaglich sich ausbreitenden Poesie Reuter’s so Manches an Fülle des Lebens und Feinheit der Charakteristik verloren geht: die Kunst Junkermann’s weiß das Fehlende überall, wo „Onkel Bräsig“ spricht und handelt, vermittelt und tröstet, flucht oder lacht, vergessen zu machen. Der „Pickwick des deutschen Dickens“, der joviale, treuherzige, geraddenkende und geradredende Zacharias Bräsig, der seinem tugendhaften Freund Karl Hawermann immer in der Fixigkeit über ist, der treue Anwalt und Berather von Lining und Mining, der lachlustige Junggeselle, der so spaßig von seinen „drei Brauten“ scherzt, von denen keine geheirathet zu haben ihm doch in innerster Seele weh thut: er verliert wahrlich nichts an seiner ursprünglichen Lebfrische und Echtheit, wenn er, in Junkermann’s künstlerischer Persönlichkeit ein fröhliches Auferstehungsfest feiernd, mit wuchtigem Selbstbewußtem im Theater vor uns hintritt. In diese herrlichste Schöpfung der Muse Reuter’s, von der dieser beim Schaffen selbst sagte: „Ich glaube, der Bräsig wird nicht übel“, hat sich Junkermann’s Talent und Wesen geradezu hineingelebt. Er bringt das Kunststück fertig, eine Romanfigur, die vor unserer Phantasie längst zuvor in festen Umrissen dastand, so durchglüht von Frohsinn, so umspielt von den Geistern der Schelmerei und gutmüthigen Schalkheit, so überzeugend wahr und echt mecklenburg’sch in Haltung, Gebärde und Sprache vor uns hinzustellen, daß das Phantasiebild vor dieser Farbenfrische erblaßt und jeder Zuschauer bekennen mußt „Ja, das ist Bräsig, der gute ,Onkel‘ Bräsig, wie er leibt und lebt.“

Unsere Galerie von Reutergestalten in der Darstellung Junkermann’s zeigt diesen in allen Hauptrollen seines Reuter-Repertoires, von denen „Bräsig“ allerdings die bei Weitem bedeutendste ist. Aber alle sind sie Kabinettstücke einer fein realistischen, scharf individualisirenden blutwarmen Darstellungskunst. Und welchen Umfang, welche Spannkraft sein Talent hat, wird uns klar, wenn wir im Geiste die tieftragischen Accente seines „Möller Boß“, seine psychologische Schilderungskraft in „Dörchläuchting“, dem die „drei Grugl im Leib“ die Freude um Herrschen verderben, die harmonische Mischung von eisenhartem wilden Trotz und doch weichem Empfinden in der wetterharten Brust seines Jehann Schütt in „Kein Hüsung“, die drollige Blödigkeit seines „Jochen Päsel“ und die gemüthliche Biederkeit seines „Smid Sunt“ mit einander vergleichen. Und überall gewahrt man mit gleicher Freude das Walten eines Humors, welcher der Poesie Reuter’s wundersam entspricht und doch auch der eigenen Natur des darstellenden Künstlers zugehört. So zeigt sich auch hier, daß der Künstler da erst das wirklich Bedeutende schafft, wo die eigene Natur sich dabei ausleben darf.