Anvertraute Kinder

Textdaten
<<< >>>
Autor: Hans Arnold
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Anvertraute Kinder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 94–98
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[94]

Anvertraute Kinder.

Skizze aus dem Familienleben von Hans Arnold.

Eine „Jugendliebe“ ist ja an und für sich etwas durchaus Achtbares, wofür sich jeder und jede eine gewisse romantische Anhänglichkeit bis ins späteste Alter bewahrt. Aber eine Jugendliebe kann auch manchmal recht unbequem werden, wenn sie als Strohfeuer ab- und als solides Ofenfeuer noch nicht ganz ausgebrannt ist.

Der Hofrath Brocker hatte eine Jugendliebe gehabt. Seine Frau fand sich mit der reiferen Jahren eignen Seelenruhe in die Thatsache, daß sie nicht als „Julie die Erste“ im Herzen ihres Gatten thronte, und wendete nichts dagegen ein, wenn er an besonders schönen Sommertagen sich mit einem Senfzer der Zeit erinnerte, wo er die blonde Martha bei Heuduft und Nachtigallenschlag angeschwärmt hatte. „Man muß froh sein, wenn die Männer noch auf so harmlose Verrücktheiten verfallen,“ meinte die Hausfrau in vertraulichen Gespräch mit einer Freundin. Neuerdings hatte sich aber die Sachlage geändert. Die alte Flamme, die jahrelang wie ein unerreichbarer, schöner Stern am Himmel des Hofraths geleuchtet hatte, rückte näher und war da, ehe man sich dessen versah.

Die einst holde Martha war zum größten Glück ihrem alten Verehrer nicht treu geblieben, sondern hatte vor nunmehr – wir wollen aber nicht ungalant sein, also sagen wir: vor nunmehr einer ganzen Reihe von Jahren sich auch in den heiligen Ehestand begeben, und zwar hatte sie einen Stabsarzt geheirathet. Wie es das wechselvolle Leben mit sich bringt, wurde Frau Martha mitsammt ihrem Stabsarzt, oder besser der Stabsarzt mitsammt seiner Martha, nach derselben Stadt verschlagen, wo Hofraths mit einer blühenden Kinderschar ihr friedliches Dasein führten.

Hofraths hatten inzwischen auch schon den halben Weg bis zur silbernen Hochzeit zurückgelegt – kurz, die beiden Jugendgenossen konnten sich bald mit Fug und Recht Altersgenossen nennen.

Frau Julie, trotzdem sie gänzliche und verachtungsvolle Gleichgültigkeit gegen Frau Martha zur Schau trug, war dennoch recht gespannt auf den Anblick der Vielbeseufzten. Ein Gefühl seliger Befriedigung schwellte daher ihre Brust, als die Stabsärztin sich beim ersten Besuch als eine etwas beleibte, stark rothbäckige und durchaus nicht mehr jugendliche Erscheinung erwies, die allerdings durch Stirnlöckchen und einen Rembrandthut die deutliche Absicht bekundete, zwanzig Jahr jünger zu scheinen, als sie wirklich war.

Diesen Grundsatz zufolge hielt sie auch ihre ältesten Kinder in Pensionen und Kadettenhäusern verborgen und zeigte nur diejenigen, die das elfte Jahr noch nicht überschritten hatten – es waren ihrer drei. Milly, ein zehnjähriges Schulpflänzchen, Eduard, ein achtjähriger, und Fritz, ein fünfjähriger Junge. – Der Stabsarzt, den seine muntere Ehehälfte nur selten zu Wort gelangen ließ, war ein kleiner, sehr schmächtiger Herr mit einem Schnurrbart, der für einen dreimal so großen Mann ausgereicht hätte. Er schien das unbeschreibliche Glück, Martha errungen zu haben, übrigens mit vieler Fassung zu ertragen.

Als das stabsärztliche Ehepaar das Haus wieder verlassen hatte, wandte sich Frau Julie mit einem strahlenden Lächeln an ihren Mann.

„Na, weißt Du –“ meinte sie vielsagend.

Der Hofrath räusperte sich verlegen.

„Sie sieht noch ganz gut aus!“ bemerkte er kleinlaut.

Die Hausfrau zuckte die Achseln. „Liebe ist blind, sagte sie ironisch, aber ich kann Dir sagen, der Anblick hat mir eine Last vom Herzen genommen!“

Infolge der Zerstörungen, welche die unerbittliche Zeit an der Schönheit Frau Marthas angerichtet hatte, gestaltete sich denn der Verkehr ganz friedlich, wenn sich auch die beiden Frauen nicht gerade sympathisch wurden. Julie, die ihre achtunddreißig Jahre frei und offen bekannte und dem Himmel dankte, daß kein Mensch mehr jugendliche Ansprüche an sie erhob, ermangelte jedes Verständnisses für die tändelnde Art der Frau Stabsärztin, verurtheilte die Löckchen und den Rembrandthut und hatte für die Neuigkeit, daß die Freundin des Hauses jetzt Reitstunde nähme, nur die spöttische Bemerkung: „Sie macht’s wohl, wie in dem Kinderlied:

‚Wenn sie älter werden,
Reiten sie auf Pferden‘ –.“

Weniger harmlos als diese Sportleidenschaft zeigte sich die Neigung Frau Marthas, ihrem früheren Verehrer bisweilen bemerklich zu machen, daß er doch am Ende mit ihr besser gefahren wäre! Sie erzählte in seiner Gegenwart von beispiellos kleinen Summen, mit denen sie die Wirthschaft bestritt und noch Ersparnisse machte – sie bemerkte beim Erblicken einer im hofräthlichen Hause beschäftigten Plättfrau: „Ach, dazu nehmen Sie fremde Hilfe? Ich plätte alle meine Gardinen selbst!“ und rief bei dem Hofrath, der wie alle Männer sehr leichtgläubig war, bisweilen mißmuthige Stimmungen darüber hervor, daß doch seine Frau sich nicht so einzurichten verstände wie andere Frauen.

Auch in Bezug auf Kinderzucht wollte die Jugendliebe Besseres leisten als ihre Nachfolgerin im Herzen des Hofraths. Sie nahm bei ihren häufigen Besuchen Gelegenheit, um Rath und That kräftig in die Leitung der Kinder einzugreifen – sie versicherte, daß ihre Kinder dies oder jenes allerdings sich nicht erlauben dürften! – Daß Kurt noch nicht ohne Aufsicht seine Schularbeiten anfertigte, veranlaßte sie zu verwundertem Kopfschütteln, und als das zweijährige Minchen einmal in Gegenwart der Stabsärztin schrie und herausgebracht wurde, klopfte die Hausfreundin Frau Julie auf die Schulter. „Disciplin, Liebste, Disciplin! Das hilft nun nichts! ohne Disciplin bringen Sie die Kinder nicht zurecht!“

„Das sage ich ja auch immer,“ bemerkte der Hausherr ärgerlich, der es allerdings noch nie gesagt hatte, und warf seiner Frau einen Blick zu, der Minchens Geheul zum Kapitalverbrechen stempelte.

Daß auf diese Weise die Gefühle in der Brust der Hofräthin nach und nach eine etwas grimmige Färbung annahmen, wird ihr wohl niemand verdenken können! Heute eben hatte sie, bei ihrer Flickarbeit sitzend, viel über die Annehmlichkeit dieses Verkehrs nachgedacht, als der Hausherr ins Zimmer trat. Er hustete ein paar Mal und ging auf und ab, ehe er seinen gewöhnlichen Platz einnahm – ein untrügliches Zeichen dafür, daß er etwas zu sagen hatte, was ihm nicht ganz leicht wurde. Seine Frau „ließ ihn kommen“, wie der Kunstausdruck heißt – sie war nicht in der besten Laune, weil ihr Frau Martha gestern abend wieder eine Rede über Erziehung gehalten hatte, mit der Aufschrift: „Einfach und streng – das sind die Grundsätze, bei denen meine Kinder aufwachsen.“ – Heute beim ersten Frühstück hatte nun der Herr des Hauses einen kurzen und gedrängten Nachtrag zu dieser Rede geliefert, in welchem er sich mißmuthig über die mangelhafte Dressur seiner Nachkommenschaft aussprach.

„Stabsarzts treten heute eine kleine Reise ins Gebirge an!“ bemerkte der Hofrath, das Gespräch einleitend.

Die Hausfrau schwieg. Die gehoffte Anknüpfung hatte sich nicht ergeben.

„Sie sind recht in Verlegenheit, wo sie mit den Kindern hin sollen,“ fuhr der Hofrath fort, „da sie der Kochin auch für den Tag erlaubt haben, nach Hause zu fahren!“

„Das hätten sie lieber nicht thun sollen!“ bemerkte Julie trocken.

Der Hausherr kratzte sich hinter den Ohren.

„Es wäre wohl eigentlich nur freundschaftlich,“ begann er zögernd, „wenn wir ihnen anböten, die Kinder auf die eine Nacht und den Tag herüberzunehmen – was meinst Du, Julie.“

„Ich habe morgen Wäsche!“ erwiderte Julie und lächelte beglückt – zum ersten Mal im Leben freute sie sich über diese Thatsache.

„Ach, das ist fatal – das ist sehr fatal!“ rief der Hofrath, „was machen wir denn nun? Die Wahrheit zu sagen, Julie, ich habe es Stabsarzts schon versprochen, und es wäre mir unendlich peinlich, jetzt wieder nein zu sagen!“

Julie legte ihre Arbeit zusammen und stand auf.

„Ach so, Du hast es schon versprochen!“ meinte sie gedehnt, „das hättest Du mir gleich sagen können – nun, dann hilft es ja wohl nichts!“

„Es sind doch keine ganz kleinen Kinder,“ flehte der Hausherr, der seiner sonst stets so guten Frau den innerlichen Aerger ansah, „und sicher vortrefflich erzogen – Martha spricht ja so verständig über Kindererziehung.“

Die Hausfrau sah ihm voll ins Gesicht.

[95] „Thu’ mir nur den einzigen Gefallen und sage wenigstens nicht ‚Martha‘ – wenn Du wüßtest, wie albern jedem Unparteiischen diese aufgewärmte Mondscheinsonate vorkommt, dann würdest Du sie einmal gründlich kalt werden lassen! Und was die ‚bodenlos‘ artigen, vortrefflich erzogenen Kinder betrifft, so will ich sie doch erst mal sehen; bisher haben wir sie nur auf Minuten erblickt, und wenn unsere stumm knixend hereinkommen, wenn Besuch da ist, und sofort zur andern Thür wieder hinausmarschiren, sind sie auch artig.“

Die Hausfrau verließ etwas stürmisch das Zimmer, um sehr wider Willen die Betten für die erwarteten Gäste herzurichten. Das kleinste fünfjährige Kind beschloß sie in mütterlicher Fürsorge, trotz inneren Grolles, mit Minchen zusammen in ihr eignes Schlafzimmer zu nehmen, die beiden andern wurden untergebracht, wie und wo es eben ging, denn ihre „eignen“ deswegen aus der gewohnten Ordnung zu bringen, fiel der Mutter nicht ein.

Nachdem der passive Widerstand der Dienstmädchen beseitigt war, die darüber murrten, daß ihnen am Waschtage noch ein außergewöhnlicher Zuwachs zu ihren Arbeiten erblühte, hatte die Hausfrau auch den bösen Geist im eigenen Herzen zur Ruhe gesprochen und ging noch einmal in ihres Mannes Arbeitszimmer, wo er, gebeugt von seiner Schuld, am Schreibtisch saß. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Karl!“ sagte sie, schon wieder heiter, „ich bin nicht mehr böse! Es war mir nur im ersten Augenblick etwas unbequem!“

„Das wußt’ ich!“ meinte der Hausherr gerührt, „Du bist ja meine gute Alte! Und ich wette, die kleine Schar wird Dir noch Spaß machen – Du liebst doch Kinder!“

„Eigne!“ erwiderte Frau Julie lakonisch und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als sie noch einmal stehen blieb. „Versprich mir nur eins, Karl! – Wenn die Stabsarztskinder ebenso ungezogen sind wie unsere – bloß ebenso! – dann wirst Du mir von morgen an glauben, daß ich Haus und Erziehung so gut verstehe wie Deine dicke Freundin mit dem Rembrandthut!“

Karl lachte. „Das gilt!“ sagte er, „aber Du wirst nicht recht behalten – unsere werden doch noch ungezogener sein!“

Die Hausfrau lächelte vor sich hin und begab sich ins Kinderzimmer, um ihren dreien mitzutheilen, daß sie auf vierundzwanzig Stunden Logirbesuch bekämen. Wie altes Neue, so wirkte auch diese Aussicht auf die Kinderschar wie die Säure, die zu Natron ins Brausepulver geschüttet wird.

Der neunjährige Kurt putzte seine Waffen und suchte alle Bleisoldaten hervor, um sie für den erwarteten Eduard in Parade aufzustellen, Anna zog ihrer Puppe das beste Kleid an, und nur das Kleinste zeigte sich ungastlich, indem es irrthümlich glaubte, es solle sein Bett hergeben, und sich weinend darüber hinwarf.

Der Abend kam und die Gäste mit ihm. Sie wurden in die Kinderstube geführt. Milly, die älteste, führte den Zug, hinter ihr kam der achtjährige Eduard, und in dessen Kittel verbarg sich der kleine Fritz, der sich entsetzlich unbehaglich zu fühlen schien und auf alle freundlichen Fragen und schalkhaften Ermunterungen seitens der Gastgeber nur ein unverständliches Grunzen als Antwort hatte.

Die Kinder des Hauses entwickelten sofort eine wahrhaft glühende Freundschaft für die Gäste und flehten mit gerungenen Händen um die Erlaubniß, mit ihnen in einer Stube, und zwar womöglich „auf der Erde“, schlafen zu dürfen, was für Kinder merkwürdigerweise ein heißerstrebtes Sehnsuchtsziel ist. Die Mutter verwies dieses Verlangen mit dem kurzen, kräftigen Wort „Dummheiten“ für immer in das Reich der unerfüllten Träume, eine Entscheidung, deren Weisheit sich sehr bald zeigte. Die Leidenschaft zwischen Kurt und Eduard schlug nämlich nach etwas über zehn Minuten in ihr Gegentheil um; ein rasender Faustkampf entspann sich, der mit dem unparlamentarischen Ausdruck „Du Schafskopf!“ gekrönt und beschlossen wurde, worauf man die beiden Uebelthäter mit Gewalt auseinander riß.

Anna war inzwischen auch sehr von ihrer neuen Freundin beleidigt worden, die beim Erblicken ihrer Spielsachen immer nur gesagt hatte: „Meine sind viel hübscher! – Ach solch eine Puppe hast Du? Die kann ja nicht mal die Augen zumachen!“ – eine Feststellung, infolge deren Anna sich nun wie um eine der einfachsten Segnungen der Kultur betrogen erschien.

Minchen schlief schon, und so hatte der kleine Fritz keine gleichgestimmte Seele zur Verfügung. Er fiel daher, anderer Zerstreuungen ermangelnd, vom Stuhl, schlug mit dem Kopf auf und schrie entsetzlich, worauf die Mutter den Vorschlag machte, ihn und alle übrigen Kinder ins Bett zu bringen.

Fritz, von namenloser Blödigkeit befallen, wollte sich nicht ausziehen lassen und rief etwa zwanzig Minuten hindurch in langgezogenen Jammertönen: „Johanne, Johanne!“ bis er sich unter der trügerischen Vorspiegelung, daß die ersehnte Johanne kommen würde, sowie er im Bett sei, der Schlummerstätte überweisen ließ.

Als aber die Hausfrau ihn gebettet hatte und verlassen wollte, krallte er sich mit Zetergeschrei in ihr Kleid ein: „Hier ist’s ja finster!“

„Sieh’ doch,“ ermahnte die Gastfreundin, „das kleine Kind schläft ja hier auch im Finstern!“

„Ich schlafe nicht hier – hier ist’s finster!“ kreischte der Junge unbeirrt.

„Du sollst ein Nachtlicht haben! beruhigte die Hausfrau, „leg’ Dich nur jetzt hin!“

Als das milde Licht des Nachtlämpchens durch den Raum strahlte, verstummte Fritz. Frau Julie blieb noch bei ihm sitzen, bis er eingeschlafen war, begab sich dann in die anderen Zimmer, in denen heute ziemlich kein Raum ohne Bett war – „das reine Nachtlager von Granada!“ wie die Hausfrau bitter bei sich bemerkte – und als sie sich überzeugt hatte, daß alles in sanftem Schlummer lag, ging sie zu ihrem Mann, um nach des Tages Last und Hitze noch ein ruhiges Lesestündchen mit ihm zu feiern.

Eben hatte sie das Buch zurecht gelegt, als der unverkennbare, klatschende Tonfall nackter Füßchen auf dem Gange sich hören ließ und die Thür weit aufgerissen wurde. Vor Angst laut schnatternd und weinend stand der kleine Fritz im Nachtgewande da.

„Was hast Du denn?“ frug die Hausfrau etwas verstimmt, „warum schläfst Du nicht?“

„Das kleine Kind brummt so!“ wehklagte Fritz, „ich fürchte mich vor dem kleinen Kinde!“

Die Hausfrau sah ihren Mann vielsagend an, nahm den kleinen Heulbold auf den Arm und trug ihn wieder in die Schlafstube, um ihn über Minchens Ungefährlichkeit zu beruhigen, die etwas geschnarcht hatte.

Eine neue Viertelstunde verging, während deren Frau Julie, von Ungeduld verzehrt, auf dem Bett des furchtwimmernden Gastes saß. Sowie sie den Jungen eingeschlafen glaubte und sich vorsichtig und leise zu erheben begann, schrie er wieder los, und als endlich der Hausherr unwillig herbeieilte und mit etwas barschem Ton dem Ebenbild seiner ersten Liebe gebot, jetzt den Mund zu halten, schlug Fritz in wilder Wuth und Angst mit den Füßen um sich. „Ich will nach Hause – ich will nach Hause – Ihr seid unartig!“ brüllte er; kurz, es bot sich alle Aussicht auf eine recht angenehme Nachtruhe!

„Disciplin!“ sagte Frau Julie nachdrücklich.

Der Hausherr wollte sich so leicht nicht geben. „Ein fünfjähriges Kind!“ meinte er entschuldigend.

„Als Minchen neulich schrie, war sie um drei Jahre jünger!“ gab Julie schnell zurück.

Karl schwieg beschämt.

Das einzige Opiat, welches sich in diesem Fall empfohlen hätte, nämlich eine Tracht Prügel, durfte natürlich ohne schnöde Verletzung des Gastrechts nicht angewendet werden, und so mußte das hofräthliche Ehepaar Geduld üben, bis Fritz sich müde und fast stimmlos geschrieen hatte und in den tiefen, süßen Kinderschlaf versank, in dem auch die greulichsten Unbände sofort wie rosige Engelchen aussehen.

Die Nacht ging übrigens besser hin, als man erwarten durfte. Am andern Morgen erhob sich die Hausfrau zu früher Stunde, um den Kindern in Anbetracht des Waschtages, selbst das Frühstück zu bereiten. Nach dem Grundsatz: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“ … umschlich sie vorsichtig Fritzens Lagerstätte und rief die schulpflichtigen Mädchen zum Aufstehen an. Milly öffnete schlaftrunken die Augen mit der Bemerkung: „Meine Mama hat einen viel hübscheren Schlafrock als Du, Tante!“

„Erst könntest Du ‚Guten Morgen‘ sagen!“ schlug die Hausfrau etwas scharf vor.

Milly starrte sie an.

„Ach!“ sagte sie wegwerfend und legte sich auf die andere Seite.

Anna war indeß tugendhaft aufgestanden und ermahnte den Gast, artig zu sein.

[96]So bin ich nie!“ bemerkte sie weise. Diese Worte hatten einen heftigen Streit zur Folge, in dem Anna bald den kürzern zog und nur den zweifelhaften Vortheil errang, ihren Wortschatz um ein paar recht kräftige Ausdrücke vermehrt zu sehen.

Julie beklagte nur im Stillen, daß ihr Mann nicht anwesend sei, um diese neue Beweisführung mit anzuhören. Sie verließ die Stube, nachdem sie etwas energisch Ruhe geboten hatte, und wollte die Jungen wecken. Diese aber hatten bereits in glückseliger Kampflust die Betten verlassen und schlugen sich jubelnd die Kopfkissen um die Ohren, „aus Spaß!“ wie Kurt der Mutter entgegenschrie, um jeder etwaigen Einmischung erfolgreich zu begegnen. Zum Frühstück erschien auch der Vater, und seine gebietende Persönlichkeit endete einen wilden Kampf, der sich eben zwischen Eduard und Milly um ein bestimmtes, von beiden ersehntes Brötchen entspann.

„Bei uns giebt es früh Kaffee!“ bemerkte Milly mit einem ausdrucksvollen Blick auf ihre Tasse Milch.

„Bei uns nicht!“ sagte der Hofrath, von der Zeitung aufblickend.

„Aber Du trinkst ja welchen, Onkel!“ fuhr Milly fort.

Die Hausfrau goß den Gästen schweigend Kaffee ein und sah ihren Mann an, der sich die größte Zeitungsbeilage vor das erröthende Antlitz hielt.

„Einfach und streng!“ sagte sie halblaut.

„Die Semmel ist ja nicht geschmiert!“ rief Eduard zornig, „ich esse keine trockene Semmel!“

„Es ist hier doch keine Butter, Eduard!“ moralisirte Milly mit einem Anflug von Verachtung gegen die mager besetzte hofräthliche Tafel, „es giebt nicht bei allen Leuten Butter zum Frühstück.“

Die Hausfrau überhörte diesen zarten Wink und belustigte sich heimlich über die erstaunten, offenen Münder ihrer beiden eigenen, die immer erwartungsvoller von den Gästen nach dem Vater sahen, ob es nicht bald „einschlagen“ werde.

Als die Schuljugend abgetrollt war, wurden die beiden Kleinsten besorgt. Fritz hatte sein Heimweh ausgeschlafen und hing sich mit einer ebenso rührenden wie unbequemen Liebe an die Hausfrau, die er bei jedem Schritte mit den Fragen begleitete: „Was machst Du denn da, Tante? was ist denn das, Tante?“

Die Tante bezwang ihre Ungeduld, um im Tone eines Fabelbuches zur Unterhaltung und Belehrung der Jugend dem Knaben ihre Beschäftigungen auseinanderzusetzen, die heute des Waschtages wegen recht mannigfaltiger Natur waren. Um elf Uhr kamen die Schulkinder heim, die leider, des Mittwochs wegen, für den Rest des Tages einer mehr ihnen selbst angenehmen als der Hausfrau erwünschten Freiheit genossen.

„Tante, wir haben Hunger!“ erklärte Eduard schon in der Thür.

„Im Eßzimmer steht Frühstück für Euch,“ bedeutete die Hausfrau.

„Da stehn ja bloß Butterschnitten!“ murrte Eduard, „meine Mama legt uns Wurst und Käse aufs Brot!“

Frau Julie sah ihren Gatten nur lächelnd an.

Sofort ging nun die furchtbare Frage: „Was sollen wir jetzt machen?“ wie ein böser Geist bei den Kindern um. Jedes Spiel verlor nach fünf Minuten seinen Reiz, und der einzige, der Ausdauer entwickelte, war Eduard, dem ein Pfennig aus den Händen gerollt war und der seit einer halben Stunde weinend unter allen Möbeln umher kroch, um den verlornen Schatz wieder zu finden.

Da der Entschwundene ein „neues“ blitzend blankes Geldstück gewesen, erwies sich jeder angebotene Ersatz als unzulänglich, und die Hausfrau verhinderte auch weitere dahingehende Bestrebungen mit den Worten: „Laß ihn doch, da hat er etwas vor!“

Das „Glocke und Hammer“-Spiel, welches inzwischen hervorgesucht worden war, verfing bei den Fremden auch nicht. „Bei uns giebt es immer etwas zum Gewinnen,“ meinte Milly, „um nichts mögen wir nicht spielen!“

Die Hausfrau schwebte in ernstlichster Gefahr, an zurückgetretenen Ohrfeigen zu erkranken, und stimmte bei jeder neuen Ungezogenheit der Gäste immer innerlich an: „Ach, wenn Du wärst mein eigen!“ …

Die Stunde des Mittagessens brachte eine gewisse Erlösung insofern, als doch immerhin die Anwesenheit des Vaters etwas hemmend wirkte. Allerdings erklärten die Gäste mit liebenswürdiger Offenheit: „Erbsensuppe essen wir nicht!“ und verlangten Bier oder Wein – indem sie nebenbei erstaunt fragten: „Ach, Ihr trinkt Wasser?!“ – aber immerhin ging der Anfang leidlich vorüber.

Als die süße Speise kam, erwies sie sich zur Beschämung der Hausfrau als nicht ganz ausreichend, und die Mutter selbst verzichtete freiwillig auf ihren Antheil, während Kurt vom Vater durch ein Gebot, desgleichen zu thun, in der Selbstbeherrschung geübt wurde. Er gab auch keinen Ton von sich, aber eine männliche Zähre stahl sich über seine Wange, die von Eduard mit ausgestrecktem Zeigefinger und dem Ruf: „Der weint!“ roh ans Licht der Oeffentlichkeit gezerrt wurde.

Kurt, der auf der Höhe menschlichen Ertragens angelangt war, als er die Speise an sich vorübergehen sah, stürzte, die Heiligkeit des Gastrechtes außer Augen setzend, mit geballten Fäusten auf den Verräther seiner tiefsten Seelenregungen und prügelte ihn, trotz allgemeiner entsetzter Rufe von Vater, Mutter und Geschwistern, weidlich durch, so daß beide junge Herren schließlich als quiekender, zappelnder Knäuel bis an die Thür rollten und durch ein energisches „Hinaus!“ des Vaters gemeinsam Landes verwiesen wurden.

Vor der Thür tobte der Kampf noch ein Weilchen weiter, dann hörte man Eduards wutherstickte Stimme: „Ich bleibe nicht bei Euch!“ und während Kurt dick verweint und zerzaust wieder eintraf, fiel draußen die Flurthür krachend ins Schloß.

„Wo ist Eduard?“ riefen die Anwesenden Kurt entgegen.

„Fortgerannt!“ erwiderte er lakonisch.

„Der Junge wird doch nicht weit laufen?“ meinte die Mutter besorgt.

„Laß ihn nur,“ beruhigte der Vater, „er geht schlimmstenfalls nach Hause!“

„Da ist niemand!“ bemerkte Milly, die schon aus Mitgefühl mit dem Bruder die Lippe bedenklich verschob, „es ist alles zugeschlossen!“

„Ich werde hingehen und ihn wiederholen,“ sagte der Vater ärgerlich, der jede Unterbrechung oder Verzögerung seiner Mittagsruhe aufs tiefste verabscheute, stand vom Tische auf und verließ mit einem kurzen und gereizten: „Gesegnete Mahlzeit!“ das Zimmer.

„Siehst Du!“ wehklagte indeß Milly, zu Kurt gewendet, „Du hast ihn so gehauen, unartiger Junge, Du bist schuld, wenn er sich verläuft! Wenn das meine Mama gewußt hätte,“ setzte sie altklug hinzu, „dann hätte sie uns ganz gewiß nicht hergeschickt.“

„Schade, daß sie es nicht gewußt hat!“ dachte Frau Julie innerlich und hob die Tafel auf.

Inzwischen kam ihr Mann von der nur wenige Häuser entfernten Wohnung des Stabsarzts zurück.

„Da ist der Junge nicht!“ sagte er etwas bekümmert, „aber er wird schon wieder kommen; solch ein achtjähriger Schlingel geht nicht verloren! Komme jetzt, Julie, wir wollen Mittagsruhe halten.“

„Nein, Karl!“ sagte Julie mit Entschiedenheit, „das kann ich nicht! Die Kinder sind mir anvertraut, und wenn eines derselben fortgelaufen ist, so muß es sich erst wieder finden, eher kann ich unmöglich Ruhe haben!“

Es begann nun eine angstvolle Treibjagd auf den verschollenen Eduard. Sein Name wurde in allen Tönen und Tonarten „zum Skandal“ die Straße herabgerufen, alle Nachbarhäuser wurden durchforscht, selbst die Schule, obwohl Eduard diese gern mied, mußte sich eine Haussuchung gefallen lassen – der Junge war weg!

Frau Julien brach nun wirklich der Angstschweiß aus. Ihr Sohn hatte den Entlaufenen geprügelt und schreckliche Bilder tauchten vor ihrer Seele auf. Die Ueberanstrengung des ganzen Tages, verbunden mit dieser Sorge, hatte den höchst ungewöhnlichen Erfolg, daß die Hausfrau plötzlich in heißen Thränen zerfloß und dadurch so deprimirend auf ihre Umgebung wirkte, daß die großen Kinder auch anfingen zu weinen – Kurt am geräuschvollsten, da er sich als Urheber des Unheils ansehen mußte. – Wenn man bedenkt, daß Eduards natürliche Eigenthümerin während dieser Zeit seelensfroh mit ihrem Gatten und mehreren guten Bekannten eine Vergnügungspartie machte, so wird man zugeben, daß die Aufgaben in diesem Falle etwas ungerecht vertheilt schienen.

Die Dienstmädchen, welche stets einen gewissen Wonnegrusel fühlen, sobald ein Unheil in der Luft schwebt, umkreisten wie drohende, krächzende Raben das Haupt der armen Hausfrau und erzählten Anekdoten aus ihrer Vergangenheit, wo Jungen, die sich verlaufen hatten, auf entsetzliche Weise zugerichtet oder gar nicht wieder gekommen waren.

[98] Der Hausherr beruhigte seine Nerven durch eine Tracht Prügel, die er an Kurt verabfolgte, der, ohnehin tief gebeugt, sich nun in eine wahre Dachtraufe verwandelte und vor Schluchzen nicht mehr hörte und sah.

Die beiden einzigen, die an dem allgemeinen Jammer nicht theilnahmen, waren Fritz und Minchen, die in unheimlicher Artigkeit still zusammen am Boden saßen, bis eine düstere Ahnung die Mutter zum Hinsehen trieb, wo sich denn ergab, daß beide dem Sport huldigten, sich Kurts „türkische Bohnen“ langsam und sorgfältig in Nasen und Ohren zu stecken, ein Spiel, welches nie aufhört, seinen unerklärlichen Zauber auf kleine Kinder auszuüben.

Inzwischen begann der Abend hereinzudämmern, und die Lage wurde wirklich kritisch. Kurt verschaffte der betrübten und verwirrten Familie noch eine neue Aufregung, indem er aus der Ecke, wo er seinen Kummer nach Kinderart rasch ausgeweint hatte, plötzlich hocherfreut rief: „Da ist er ja!“ und bei der allgemeinen Sorge für den Augenblick jedem eine Bergeslast vom Herzen wälzte.

„Wo denn?“ schrie alles durcheinander.

„Hier!“ sagte Kurt strahlend, „Eduards blanker Pfennig!“

Die Enttäuschung wirkte wirklich zerschmetternd auf alle Anwesenden, da jeder sich im Augenblick von der allerdings unwahrscheinlichen Annahme hatte blenden lassen, daß der vermißte Eduard, seinem Pfennig gleich, unter einen Schrank gekollert sein könnte.

Der Vater, in welchem jetzt auch die Angst um den anvertrauten Eduard mehr und mehr zu steigen anfing, begab sich inzwischen auf die Polizei, um die obrigkeitlichen Mächte zur Herbeischaffung des Verlorenen aufzubieten. Jeder kleine Junge, dem er unterwegs begegnete, wurde hoffnungsvoll von ihm fixirt, und kein Anblick der Welt hätte ihm in diesem Augenblick erfreulicher sein können als Eduards Straßenjungengesicht. Aber „nicht in dem Wald, nicht auf der Flur fand sich von Eduard eine Spur“, und der Vater kehrte, gebrochen an Leib und Seele, von Angst und Aerger zerwühlt, nach Hause zurück.

Hier waren inzwischen, als unheimliches Symptom der hereinbrechenden Dunkelheit, die Lampen gebracht worden, und die Mutter machte den Vorschlag, zu Abend zu essen und zu Bett zu gehen, der von den Kindern erfreut angenommen wurde, mit Ausnahme von Milly, deren Schwesterherz blutete, und die unter krampfhaftem Schluchzen erklärte, „die ganze Nacht aufbleiben zu wollen!“

Die Hausfrau ging, Kurt an der Hand, der im Verdachte stand, den abendlichen Reinigungsprozeß manchmal etwas oberflächlich zu behandeln, nach dem Schlafzimmer des Jungen, welches neben dem für die kleinen Gäste bestimmten Raum lag.

O Wunder – aus diesem Logirzimmer ertönten sanfte, gleichmäßige Athemzüge! Frau Julie stürzte, die Lampe in der Hand, hinein und riß die Decke von dem einen Bett – da lag der gesuchte Eduard – wie ein dickes, unordentliches Kleiderbündel, eine Faust noch zum Angriff oder zur Vertheidigung geballt, und schlief, als wenn er nie mehr etwas anderes zu thun gedächte. Die Mutter traute zuerst ihren Augen nicht, rüttelte dann aber etwas unsanft den schmerzlich Vermißten, der sich langsam ermunterte, verwundert umhersah und sich dann allmählich aufrichtete.

Kurts lautes Geschrei der Verwunderung und Freude lockte nun alle Mitglieder der Familie herbei, und der Vater, der eben von der Polizei kam, war über die friedliche Lösung des Knotens von den widerstreitendsten Empfindungen zerrissen, da er einerseits sehr froh war, daß der Schlingel da – andererseits empört, daß er – der Vater – so unnütz abgejagt worden sei.

Auf scharfes und strenges Inquiriren nebst angedrohten Ohrfeigen beichtete dann Eduard, daß er in der Absicht, seine Gastfreunde zu erschrecken – die ihm ja auch vortrefflich gelungen war! – die Flurthür aufgemacht und von innen wieder zugeschlagen habe, um den Glauben zu erwecken, er habe das Weite gesucht. Dann hatte er sich heulend einfach in sein Bett versteckt, war eingeschlafen und hatte den durch ihn entfachten Sturm der Außenwelt an sich vorüber brausen lassen, ohne auch nur etwas davon zu hören.

Ob bei dieser Wendung des Gespräches nicht doch ein gewaltsamer Eingriff seitens des entrüsteten Hausherrn erfolgt wäre, muß ewig dahingestellt bleiben, denn in dem Augenblick, wo sich die väterliche Hand – entschieden nicht zum Segnen – erhob, tönte an der Thür die Stimme der Köchin, die halb erfreut, halb enttäuscht über den zahmen Verlauf der Sache die Meldung machte: „Eine Empfehlung von der Frau Stabsarzt, und sie läßt um die Kinder bitten – die Herrschaften wären eben zurückgekommen!“

Mit nicht allzu schmeichelhafter, freudiger Eile wurde diese Bitte gewährt, die Kinder des Hauses, welche sich schon lange genug „besucht“ fanden, schleppten mit ungewöhnlichem Diensteifer Mäntel und Hüte der kleinen Gäste herbei. Fritz stürzte glückselig in die Arme seiner Johanne, die ihn nach Hause tragen mußte, was die Hausfrau „recht unnöthig“ fand, und Eduard und Milly waren auch schnell zum Fortgehen gerüstet.

Fritz gab den allgemeinen Gefühlen beim Abschied erschöpfenden Ausdruck, indem er mit biederer Offenheit sagte: „Bei Euch war’s nicht hübsch – wir kommen nie mehr zu Euch!“ was der Hausfrau ein stilles Dankgebet entlockte.

Als die wilde Schar abgezogen war, Eduard durch den Wiederbesitz des Pfennigs gänzlich in sein geistiges Gleichgewicht gebracht und die „eignen Kinder“ wieder ruhig schlafend in ihren Bettchen lagen, sah die Hausfrau ihrem Mann lachend ins Gesicht. „Nun Karl? tauschest Du mit den Kindern Deiner Jugendliebe?“

„Nein!“ sagte der Hausherr aus tiefster Seele, „wenn ich mir denke, daß das hätten meine sein können, da wird mir schwarz vor Augen!“

Das freundschaftliche Verhältniß zwischen den beiden Familien erlitt von diesem Tage an eine segensreiche Abkühlung, die Stabsarztskinder hatten schauerliche Berichte von den Mißhandlungen und Entbehrungen geliefert, die sie bei Hofraths hatten erdulden müssen, und die Hofräthin auf einige spitze Reden Frau Marthas über diesen Punkt entsprechend scharf erwidert – so war die Sache nicht wieder ins alte Geleis zu bringen.

Zum Glück hatte der vierundzwanzigstündige Besitz der Stabsarztskinder den Hofrath derartig ernüchtert, daß er kein Verlangen trug, die alten Beziehungen wieder in das zarte Stadium zu bringen, und seine Frau konnte sich von dem Tage an mit Befriedigung sagen, daß die letzte Liebe in ihrem Fall doch dauerhafter war – als die erste!