Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H20

Heft 19 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 20 der Section Meissner Kreis
Heft 21 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Meissen
  2. Schieritz
  3. Oberau
  4. Gröba


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Meissen.


Das durch Naturschönheiten, durch geschichtliche Erinnerungen reiche frühere Markgrafthum Meissen bleibt für alle Vaterlandsfreunde, für grosse, edle Gemüther ein merkwürdiger Ort, werth, durch alle Zeiten mit Achtung und Ehrfurcht genannt zu werden. Was die Ebne von Troja, die Gefilde von Rom oder Athen dem Alterthumsforscher sind, das muss Meissen mit seinen Umgebungen dem Patrioten sein, ein klassischer Boden, worauf der Grund zu unserer militärischen, gerichtlichen und kirchlichen Verfassung durch Markgrafen, Burggrafen und Bischöffe gelegt wurde, worauf die Geistlichkeit unsere Literatur gründete, worauf die von den Sorben-Wenden übernommene Landwirthschaft in einem verbesserten Zustande erblühte.

Fragen wir aber, wem haben wir die Gründung dieses Ortes, die Erbauung der ersten Burg und Grenzveste hier zu verdanken, so lautet die Antwort: Keinem Andern, als Heinrich I., welcher vom Pöbel der Geschichtschreiber der Vogelfänger genannt wird.

Heinrich I., des edlen Konrad Sohn, wurde auf des letztern Wunsch im Jahre 919 von den Fürsten zum König erwählt. Das Unheil, welches Deutschland unter den letzten Regierungen als Folge der einheimischen Entzweiung und des Verfalls vom Heerbann empfunden, mochte in dem Sinn ein Glück heissen, dass es die zur Trennung sich hinneigenden Völker und Fürsten zur innigsten Wiedervereinigung aufforderte; aber zur wirklichen Erfüllung dessen, was der Zeitgeist gebot, konnte nur ein gleich treugesinnter als grosser König führen. Er erweiterte und vervollkommnete durch Uebung den Reiterdienst, ordnete das gesammte Heerwesen und gab Deutschland durch Anlegung vieler fester Plätze eine vom Loose der Schlachten weniger abhängige Schutzwehr. Diese letzte Anstalt war in bürgerlicher Rücksicht noch wichtiger und folgenreicher als in jener des Kriegs. Die Städte, zu denen Heinrich den Grund legte, trugen in sich den Keim der Gesittung und der Freiheit, welchen die nachfolgenden Jahrhunderte zur fruchtbarsten Entwickelung brachten.

Während des von Heinrich I. im Jahre 924 auf neun Jahre mit den Ungarn abgeschlossenen Waffenstillstands, bezwang Ersterer die Daleminzier und Milzier in der heutigen Lausitz, und baute zur Behauptung des Gewonnenen an der Elbe die Burg Meissen. Dieses geschah zwischen den Jahren 924 bis 930, und über diese Burg setzte Heinrich einen Grenzcommandanten oder Markgrafen.

Dieses Schloss hiess die Wasserburg, von welcher heutzutage der Platz noch diesen Namen führt. Diese Burg war mit sogenannten Streitthürmen versehen und durchaus massiv. Ueberbleibsel dieser alten Burg scheinen die Mauern, welche sich oben unter dem Bischofsthurme angefangen, durch dem Wasserthore herab bis an die Elbe und an derselben bis in die Gegend des sogenannten rothen Ochsen hinziehen, von da aber an der Seite gegen Mitternacht dem Fischerthore (neue, äussere Wasserthor) vorüber wieder hinauf zum Schlossberge laufen. Noch vor 70 Jahren war es bemerklich, dass auf jedem Winkel dieser ein Viereck umschliessenden Mauern, deren Spuren beinahe ganz verschwunden sind, ein Streitthurm gestanden habe.

Ob gleich Anfangs unter Heinrich I. auch ein Schloss auf dem sogenannten Schlossberge erbaut worden sei, lässt sich mit Gewissheit nicht darthun. Befestigt aber wurde dieser Berg auf jeden Fall gleich Anfangs; denn ausserdem hätte an seinem Fusse die Wasserburg nicht bestehen können. Um’s Jahr 1070 ist ein Schloss auf dem Schlossberge vorhanden gewesen. Dieses Schloss ist im 11. und 12. Jahrhundert mehrmals belagert und genommen worden. Hier residirten später die Markgrafen, wogegen die Wohnung des ersten Markgrafen Rigdag bis auf Dietrich III. in der Wasserburg sich befand. Die Reihenfolge der Markgrafen von Rigdag bis auf Dietrich III. war folgende:

Nach des ersten Markgrafen Tode im Jahre 985 folgte Eccard I., Sohn des thüringischen Markgrafen Günther, der am 29. April 1002 auf dem königl. Hofe zu Pölde von des Grafen Siegfried von Nordheim Söhnen überfallen und ermordet wurde, worauf sein Bruder Günther der Jüngere in der Markgrafenwürde bestätigt wurde. Letzterer verlor aber diese Würde durch ein über ihn zu Merseburg gehaltenes Fürstenrecht im Jahre 1011. Der Kaiser gab sie hierauf an Hermann Eccard I., Sohn, der im Jahre 1031 ohne Erben, sowie sein jüngerer Bruder Eccard II. im Jahre 1046 starb, den er zum Nachfolger hatte. Nun kam sie an Wilhelm, den Sohn des Grafen Wilhelm zu Weimar, der sie bis 1062, dann an Otto, des vorigen Bruder, welcher sie bis 1067, und an Eckbert, Grafen von Braunschweig, der sie bis 1068 besass; dieser hatte die Markgrafschaft vom Kaiser für seinen Sohn, Eckbert II., erbeten, jedoch war Dedo, d. i. Dietrich III., Markgraf der Lausitz aus dem Hause Busici, Verweser der Markgrafschaft Meissen bis an seinen Tod im Jahre 1075. Hierauf gab Kaiser Heinrich IV. zwar einem der Grossen Böhmens, Wratislaus, diese Markgrafschaft, und verschaffte ihm mit den Waffen in der Hand auf einige Zeit den Besitz; allein der nun herangewachsene Eckbert III. verjagte ihn wieder und verblieb im ruhigen Besitz bis zu seinem im Jahre 1090 erfolgtem Tode.

Nun wurde Thimo, Bruder Dedo III., Graf zu Wettin, mit dieser Markgrafschaft von dem Kaiser Heinrich IV. wegen seiner dem letzteren geleisteten treuen Dienste in einem Feldlager feierlich belehnt. Die Markgrafenwürde wurde von nun an erblich und die Residenz von der Wasserburg auf das Schloss auf den Schlossberg verlegt.

Zum eigentlichen erblichen Besitzer gelangte jedoch erst Graf Konrad von Wettin, Ahnherr des sächsischen Regentenhauses. Sein Erbgut, die Grafschaft Wettin, lag an der Saale, in der Nähe von Halle. Durch Erbschaft einer der Mächtigsten unter den deutschen Fürsten, widmete Konrad nach einer mehrjährigen kräftigen Regierung seine letzte Zeit dem Mönchsleben in dem von ihm bei Halle gestifteten Peterskloster. Seine Besitzungen hatte er unter fünf Söhne vertheilt, und namentlich die Markgrafschaft Meissen dem ältesten derselben, Otto dem Reichen, unter welchem die Freiberger Bergwerke entdeckt wurden, übergeben. Durch baldiges Absterben der Seitenlinien fielen, Wettin ausgenommen, fast sämmtliche getheilte Ländereien an Meissen zurück.

Auf Otto den Reichen folgte in der Markgrafenwürde Albrecht der Stolze. Nach des Kaisers Heinrich VI. Tode gelangte der zweite Sohn Otto’s, Dietrich der Bedrängte, zu seinem rechtmässigen Erbtheil und ward Markgraf, von welchem sein Sohn, Heinrich der Erlauchte, die Markgrafenwürde überkam, unter dessen Regiment das schöne Land Thüringen mit der Markgrafschaft Meissen verbunden wurde. Nach Heinrichs Tode übernahm Albrecht der Unartige diese Würde, welcher im Jahre 1314 in Erfurt starb und seinem heldenmüthigen Sohne, Friedrich dem Gebissenen, die Lande hinterliess.

[154] Der achte erbliche Markgraf war des letztern Sohn, Friedrich der Ernsthafte, von welchem Friedrich der Strenge die Markgrafenwürde erbte. Dieser starb 1381 und war der letzte, welcher in die ehrwürdige Gruft zu Altzelle gelegt ward.

Ihm folgte der letzte Markgraf und der erste Kurfürst, Friedrich der Streitbare.

In der Gegend von Wittenberg und Dessau war bekanntlich das Kurfürstenthum Sachsen. Der Kurfürst dieses Landes, der keine Kinder hinterliess, starb im Jahre 1422 unerwartet, als er in der Lochauer Haide mit der Jagd sich vergnügte. Da fiel das Land dem Kaiser Sigismund zu und dieser schenkte es Friedrich dem Streitbaren, dem er schon 90,000 fl. schuldig war und den er gern länger als Beistand gegen die Hussiten beibehalten wollte. So wurde aus der Markgrafschaft Meissen, die fast 500 Jahre bestanden hatte, im Jahre 1423 das Kurfürstenthum Sachsen.

Im Jahre 1428 starb unter trüben Ahnungen und ernsten Ermahnungen an seine beiden Söhne, Friedrich und Wilhelm, der einst so gefürchtete Held, und aus Furcht vor den racheschnaubenden Hussiten wurde derselbe in aller Stille im Dome zu Meissen beigesetzt.

Die Regierung übernahm Friedrich der Sanftmüthige. Im Jahre 1445 erfolgte zwischen Friedrich und Wilhelm eine Ländertheilung, zufolge deren der letztere Thüringen erhielt, Friedrich aber im Besitze von Meissen blieb.

Die beiden Söhne Friedrichs des Sanftmüthigen regierten nach des Vaters Tode die ererbten Güter gemeinschaftlich, so dass Ernst, als der ältere, Kurfürst, Albrecht aber Herzog war.

Unter ihnen wurde im Jahre 1471 der Grund zu dem gegenwärtigen Schlosse von Meissen, wie wir solches in der Abbildung erblicken, gelegt. Die Ausbeute der Schneeberger Silbergruben deckte die Kosten des Baues, der unter Leitung des Baumeisters Arnold aus Westphalen 1483 vollendet ward. Johann Georg II., der nach dem 30jährigen Kriege das Schloss wieder in Stand setzte, gab ihm den Namen „Albrechtsburg,“ wie durch dessen Befehl vom 15. October 1676 erweislich ist.

Die an die Domkirche grenzende Albrechtsburg ist durch und durch massiv und fünfmal übereinander gewölbt. Die dreifachen Gewölbe unter der Erde sind so geräumig, dass 12000 Stück Fässer darin lagern können. Das ursprüngliche alte Schloss war aber von weit grösserem Umfange als jetzt und eine dreifache Residenz, nämlich des Markgrafen, der den mittlern, des Burggrafen, der den vordern, und des Bischofs, der den hintern Theil desselben bewohnte. Von dieser letztern Burg ist jetzt nur noch der markgräfliche Theil übrig.

In der ehemaligen Wappenstube, wo an 4 Pfeilern das Meissner, Thüringer, Landsberger und Sächsische Wappen angebracht war, und welche man sonst als ein Gefängniss für Standespersonen brauchte, stand ehemals über einem Kamine: Es geluckt noch wohl. H. J. H. Z. S. und darunter mit Röthel: Gnad dir der allmächtige Gott, welche Inschriften, um sie vor dem Untergange zu schützen, mit einer Glastafel überzogen waren. Ein zweitägiger Brand, der 1773 im Schlosse ausbrach, zerstörte sie fast ganz, und jetzt sieht man nur noch die Erhöhung, wo die Glastafel gefasst war. Die Inschrift rührt wahrscheinlich von Johann Friedrich dem Mittlern her, der wegen der bekannten Grumbach’schen Händel, als Gefangener von Grimmenstein zu Gotha nach Wien geschafft wurde und dabei mehrere Nachtquartiere zu Meissen und Dresden hatte, und zwar in der sichern Hoffnung, der Kaiser werde ihn noch begnadigen.

Das alte bischöfliche Schloss oder der sogenannte Bischofshof ist von der Albrechtsburg durch die Domkirche getrennt. Es wurde im Jahre 1478 zu bauen begonnen und kostete dem Bischof Johann VII. von Weisbach, welcher es von Grund aus neu bauen liess, enorme Summen. Ueber dem Eingange ist der Namenszug Karls V. in Stein gehauen, der nach der Mühlberger Schlacht hier gewohnt haben soll.

Das ehemalige burggräfliche Schloss ist ganz eingegangen; so auch das einst daneben befindlich gewesene Diversorium oder Absteigequartier für die Alt-Zellischen Mönche, wenn sie nach Meissen kamen. Dasselbe gilt von dem sogenannten rothen Thurm, der wahrscheinlich nicht weit von der Capella Ducum stand, und vor welchem in Schranken unter freiem Himmel eine Art von allgemeinem Landgericht gehalten wurde, das aus lauter ansässigen Rittern unter dem Vorsitze des Markgrafen bestand und im Jahre 1488 noch geübt wurde.

Die Besitzer bezogen gewisse Einkünfte aus 20 Dorfschaften, welche nachher unter Friedrich August das Erbamt gründeten.

Damals hatte das rothe Thurmgericht zu Meissen grosses Ansehen und erstreckte seine Aussprüche sogar über einen Theil Böhmens.

Die Albrechtsburg ist seit dem Jahre 1710 für die königliche Porzellanfabrik eingerichtet worden und der Bischofshof enthält das Rentamt und den Schüttboden der königlichen Procuratur.

Mit dem Schlossberge, worauf die Albrechtsburg und die Domkirche stehen, ist durch eine unter Heinrich dem Erlauchten im römischen Style erbaute aus 42 Fuss langen Bogen stehende Brücke der Afraberg verbunden, auf welchem die St. Afrakirche nebst Fürstenschule und die dazu gehörigen Schulamts- und Wirthschaftsgebäude stehen. Beide Berge wurden die Freiheit genannt, weil sie nicht zu dem Gerichtssprengel des Stadtraths gehören, und von beiden führen Treppen in die Mittelstadt herab, welche aus allen am Fusse dieser Berge gegen die Elbe und Triebisch hinab liegenden Gebäuden besteht.

Unter der Gruppe der Gebäude des Schlossberges zeichnet sich vorzüglich die Domkirche aus, deren Ausbau unter Otto I. erfolgte, während Heinrich I. schon 973 den Grund dazu legte. Der Baumeister dieser Kirche ist leider nicht bekannt. Die heutige Domkirche hat jedoch von der von Otto I. vollendeten wenig Aehnlichkeit mehr; denn schon die Zeit machte Veränderungen nothwendig; die Baulust mancher Bischöffe vergrösserte sie durch Kapellen und verschönerte sie im Innern. Von den vielen jetzt hier befindlichen Grabmälern war auch natürlich damals noch keins vorhanden. Einen Hauptbau an dieser Kirche unternahm um das Jahr 1274 Bischof Wittigo I., welcher besonders das schöne Gebäude des jetzt sogenannten breiten Thurmes betraf, das jener Bischof anfing, aber seinem Nachfolger völlig auszuführen überliess. Bei dem von Wittigo I. angefangenem Bau entdeckte derselbe das Grab des Bischofs Benno, und liess dessen Gebeine in einer prächtigen Truhe vor dem Hochaltar beisetzen. Aber schon 1295 gebrauchte Friedrich mit der gebissenen Wange in seinen Fehden diese Kirche nothgedrungen als Scheuer, so dass Wittigo II. nach 1312 zu abermaliger Instandsetzung derselben sich genöthigt sah. Derselbe legte auch auf der Abendseite den Grund zu drei grossen Thürmen, welche unter der Regierung des Bischofs Thimo von 1399 bis 1411 vollendet, schon 1413 mit sieben darauf hängenden Glocken bei einem Sturmwinde, Dächer und Fenster beschädigend, zusammenstürzten. Unter Johann von Weissbach wurden diese Thürme wieder hergestellt, deren abermalige Vernichtung im Jahre 1547 durch einen Blitzstrahl erfolgte, und zwar in derselben Nachmittagsstunde, in welcher die Meissner Domherren nach dem Siege Kaiser Karls V. über Kurfürst Friedrich bei Mühlberg den Ambrosianischen Lobgesang in der Domkirche anstimmten. Später erhob sich an der Stelle dieser Thürme ein sehr hohes Haus ähnliches Gebäude, welches der Kirche allerdings nicht zur Zierde gereicht. Wohl aber verdient als ein Denkmal gothischer Kunst besonders Erwähnung der sogenannte höckerige Thurm, auf dessen 127 Ellen hohem Gemäuer, welches in einen mit Steinplatten belegten und von einem Geländer umgebenen Freiplatz ausläuft, ein steinerner pyramidenförmiger Obelisk, vielfach durchbrochen und nur durch einige eiserne Anker zusammengehalten, die Bekrönung bildet. Dieses grosse baukünstliche Spiel des Alterthums, dem Scheine nach nicht einem Sturme trotzbar, behauptete vielleicht seit fast einem Jahrtausend unversehrt seinen Platz. Im Innern der Kirche, deren Kreuzgewölbe auf Säulen ruht, die durch Laubwerk-Capitäler geziert sind, bewirkt die in einigen Fenstern erhaltene Glasmalerei ein mit dem Ganzen harmonirendes Licht. Unter dem Fussboden ruhen Markgrafen, Burggrafen und Bischöffe. Der Grabstein Wittigo I., welcher am 7. März 1293 verstorben, trägt noch gut erhalten seine Schrift. Einer der merkwürdigsten hier beerdigten Bischöffe ist Johann Hofmann, Sohn eines Bürgers zu Schweidnitz in Schlesien. Dieser, Doctor der Theologie und Rector Magnificus zu Prag, fasste, von den Hussiten befeindet, den Entschluss, ausserhalb Böhmen einen [155] friedlichen Aufenthalt für die Musen zu suchen. Im November 1409 langte derselbe mit Professoren und einigen Tausend Studenten begleitet, im Meissner Lande an, den Markgrafen, nachmaligen Kurfürsten Friedrich den Streitbaren um Schutz und Aufnahme bittend. Diese Bitte wurde gewährt, Leipzig als Niederlassungsort angewiesen und so die Universität Leipzig gestiftet. Dr. Johann Hofmann wurde Domherr in Meissen und später im Jahre 1427 zum Bischof erwählt. Im hohen Alter erreichte ihn der Tod auf dem Schlosse Stolpen. Der letzte in der Domkirche begrabene Bischof ist Johann VII. von Schleinitz, im Jahre 1532 verstorben. Von markgräflichen und fürstlichen Grabmälern, welche in der Domkirche sich befanden, sind nur noch zwei vorhanden, worunter Markgraf Wilhelm der Einäugige und seine früher verblichene Gemahlin Elisabeth ruhen. Ausserhalb der Kirche, gleich vor deren Haupteingange, bezeichnet ein Stein das Grab eines böhmischen Ritters Beneda, welcher bei seinem Herzog Wratislaw in Ungnade gefallen, dessen Schwiegersohn, den Graf Wieprecht von Groitzsch um Fürsprache ersuchte und dessen Rathe zufolge sich einstweilen nach Meissen unter den Schutz des Bischofs Benno begab.

In diese Zeit fällt die Belagerung Meissens Seitens des Herzogs, um eine Beschimpfung, welche hier sein Sohn und dessen Truppen erfahren, blutig zu rächen. Unter Versprechung sichern Geleites lockte der Herzog den Ritter Beneda heraus in sein Feldlager an der Triebisch und empfing ihn mit verstellter Freundlichkeit. Der Herzog war entzückt über Beneda’s Schwert und wünschte es zu sehen. Beneda überreichte es dem Herzog, der es augenblicklich mit einem Winke seinem Kämmerer hinhielt. Diesen Wink bemerkend, riss der Ritter das Schwert dem Kämmerer aus der Hand, durchbohrte ihn und brachte den zur Wehr sich setzenden Herzog drei Wunden bei. Dieser Auftritt machte Aufsehen in Lager, und bald war Beneda von Bewaffneten umringt und erlag der Uebermacht. Seinen Körper schleppte man am Schweife eines Pferdes aus dem Lager.

Der ganze Vorfall veranlasste Bischof Jerominir den Herzog in den Bann zu thun und der Bischof Benno bestimmte den Gefallenen ein ehrliches Begräbniss, worauf ihm die oben erwähnte Ruhestätte zu Theil wurde.

Unter zehn Kapellen, welche sich in und an der Domkirche befinden, wird die „der heiligen Maria Magdalena“ bereits im Jahre 1274 erwähnt und soll älter als die Domkirche selbst sein. Von derselben durch einen sogenannten Kreuzgang getrennt, dient sie seit 1823 als Kornmagazin. Die alte Kapelle „Allerheiligen“ wurde seit den ältesten Zeiten zu den Conventen des Capitels gebraucht und seit 1701 besser dazu eingerichtet. Die neue Capelle „Allerheiligen“ dient wenigstens schon seit 1470 als Sacristei und ein unter derselben befindliches Gewölbe als Stiftsarchiv.

Auch die Kapelle der heiligen Dreieinigkeit dient zum Archive. In dieselbe führt aufwärts eine Treppe. Ein drittes Archiv befindet sich in der 1504 gestifteten Kapelle der heiligen drei Könige. Hier spielten, wie die Sage erzählt, zwei Chorknaben während der hohen Messe Karte und wurden vom Satan durch die Lüfte fortgeführt. Daher der gemeine Mann diese Kapelle die „Teufelskapelle“ nennt. Durch eine in den Fussboden mit Eisen vergitterte Oeffnung erhielt ehemals sein Licht ein hier befindliches unterirdisches Gewölbe, welches früher geistlichen Inculpaten diente. Aus diesem Souterain soll ein unterirdischer Gang nach dem Nonnenkloster zum heiligen Kreuz gelaufen sein. Die grösste unter allen Kapellen ist die fürstliche Begräbniss-Kapelle, welche Kurfürst Friedrich der Streitbare gestiftet hat, der hier mit seiner Gemahlin Katharina seit dem Jahre 1577 ruht.

Die letzte Beisetzung in der Prinzessin Anna, Tochter des Kurfürsten Moritz und Gemahlin Wilhelms, Prinzen von Oranien, erfolgte im Jahre 1577.

Eine steinerne, neun Ellen hohe Gallerie, auf welcher Bischöffe und Domherren ihre Sitze hatten und die jetzigen Capitularen noch haben, trennt gleichsam den Altarplatz von dem übrigen Theile der Kirche.

Der mit einem Flügelbilde von Lucas Cranach geschmückte Altar ist noch der nämliche, der einst, als Hochaltar, bei festlichen Gelegenheiten theuren Schmuck trug.

Der Dienst in der Domkirche wurde früher durch Domherren und später durch die Vicarien derselben verrichtet. Dieses Personal bildete ein geistliches, Domstift genanntes, Institut, welches Kaiser Otto I. am 18. Oct. 967 gründete und zwar zur Befestigung des Christenthums. Von dem grossen Wirkungskreise, welcher diesem Domstifte angewiesen war, zeugen die früheren Grenzen den Ursprung der östlichen Mulde bis deren Ausfluss in die Elbe. Die innerhalb dieser Grenzen Wohnenden waren zu Entrichtung des Zehnten von Früchten, Vieh, Geld u. s. w. an das Domstift verpflichtet. Ein von Haugwitz, genannt Johann IX., resignirte als letzter Bischof von Meissen 1581, von wo an der Landesherr das Stift regierte.

Gegenwärtig bilden das Meissner Hofstift nur noch 8 Capitularen, nämlich ein Dompropst, ein Domdechant, ein Senior, ein Cantor, ein Custos und drei Domherren. An Gebäuden besitzt das Domkapitel die Domkirche, mit Ausnahme der Fürstenkapelle, die Curien der Domprobstei und Dechanei, das Capitelhaus, den Domkeller, fünf Häuser auf der Domfreiheit, sowie zwei in der Stadt und Vorstadt. In der Domkirche wird Sonn- und Feiertags Gottesdienst und wöchentlich eine Betstunde gehalten. Die Functionen eines Cantors und Küsters versorgen die in gleicher Qualität bei der Stadt- und Marienkirche angestellten.

Wenden wir unsern Blick von dem dem Schlossberge benachbarten Berge zu, so erblicken wir wiederum ein bald eben so altes als ehrwürdiges Gebäude, die St. Afrakirche, um das Jahr 1025 vom Bischof Dietrich I. erbaut, und der heiligen Afra gewidmet. Bekanntlich stellt die Legende diese cyprische Königstochter in die Reihen der frommen Büsserinnen, indem erzählt wird: ihr Geschick habe sie von Cypern nach Augsburg geführt. Hier habe sie lange Zeit ein gewinnreiches Hetairengeschäft getrieben. Durch den Bischof Narcissus bekehrt, habe sie in der Diocletianischen Christenverfolgung (303) den Märtyrertod erduldet; aber ihr Körper sei in den Flammen unversehrt geblieben. Unter Kaiser Heinrich II. gewann sie als Heilige einen ausgebreiteten Ruf und Dietrich I. benannte die neugestiftete Kirche nach ihr, vielleicht um seinen Domherren, die auf jenem Berge die meisten Curien hatten, eine ernste Gewissensrüge zu ertheilen. Im Jahre 1280 bis 1299 wurde diese Kirche erweitert, der Bau aber erst im Jahre 1327 vollendet.

Die in derselben vorhandene Kanzel liess Anna Felicitas von Schleinitz auf Graupzig aus ihren Mitteln bauen und die daran befindlichen Figuren stellen Familienglieder dieser Erbauerin dar. In der Kirche war noch 1776 ein mit dem Zwickauer Stadtwappen bezeichneter Stein bemerklich, welcher das Grab von vier Zwickauer Rathsherren bedeckt. Zwickau hatte nämlich einen Landvoigt getödtet, und hierauf diese vier Männer nach Meissen geschickt, um bei dem Markgraf Wilhelm Verzeihung solcher Selbsthülfe zu erbitten. Der Markgraf gestattete den Abgesandten keinen Zutritt, sondern liess die Unglücklichen sofort ohne Verhör vor dem Schlosse enthaupten.

In der Stiftungsurkunde Bischof Dietrichs II. wird die Kirche ecclesia secundaria ecclesiae cathedralis genannt. In ihr versammelten sich die Burggrafen mit ihrem glänzenden Rittergefolge. In ihr sangen die Augustinerchorherren des von Dietrich II. im Jahre 1205 gestifteten Klosters zu St. Afra ihre Horen. Mit der Errichtung des Klosters zu St. Afra ist auch die Afraschule im Jahre 1205 entstanden, welche ursprünglich mehr eine Sing-, als eine gelehrte Schule war. Sie wurde, nebst der schon vorhandenen Domschule, von Heinrich dem Frommen im Jahre 1540 aufgehoben, der dafür die jetzige Raths- oder Stadtschule stiftete. Allein der Herzog Moritz war auf eine allgemeine Schulreform bedacht, wobei ihm Georg von Commerstädt, Ernst von Miltitz und Johann Rivius mit Rath und That unterstützten.

So wurde am 17. Januar 1543 mit Einstimmung der Landstände beschlossen, von der ehemaligen geistlichen Lehre, Klostergütern und Einkünften drei allgemeine Landschulen zu Pforta, Meissen und Merseburg zu stiften, und schon am 3. Juli desselben Jahres wurde die Fürstenschule zu Meissen feierlich eröffnet, welche an die Stelle des vormaligen Afraklosters trat. Obschon die Stiftungs-Urkunde die Afraschule als alleinige Schule für Bildung künftiger Staatsdiener bezeichnet, so wurde 50 Jahre nach ihrer Gründung von einigen Räthen Christian I. diesem Fürsten der Vorschlag gemacht, die Fürstenschulen wieder eingehen zu lassen; aber Christian antwortete kernig und redlich: „Lasst mir diese drei Bethäuser in Frieden! Gehen diese ein, so wird euch alle der Teufel [156] holen.“ Trotz der vielfachen Schicksale und Kriegsdrangsale hat sich diese Schule fort erhalten 300 Jahrhunderte hindurch und ihren Ruhm behauptet. Viele frühere Schüler derselben stehen in den höchsten Ehrenstellen des Staats und bewähren durch ihre Humanität, durch ihre Gelehrsamkeit ihre frühere classische Bildung. – Neben der Afraschule bestand sonst zu Meissen noch eine Stadtschule, Franciscaneum genannt, welche sonst auch zur Universität vorbereitete, seit dem Jahre 1800 aber in eine Bürgerschule verwandelt worden ist. Es war im Jahre 1540, wo das Franciskanerkloster aufgehoben und von Heinrich dem Frommen in eine Stadtschule verwandelt wurde. Aus dem früheren Kloster ging der als sächsischer Chronist bekannte im Jahre 1308 gestorbene Siegfridus Presbyter hervor.

In der Afraschule geniessen 120 Alumnen Unterricht und Wohnung, wie zur Mehrzahl auch Beköstigung in diesem herrlichen Institute wissenschaftlicher Bildung. Die Zahl der Alumnen vermehrt sich durch Externen, welche die öffentlichen Lehrstunden benutzen, Wohnung und Kost aber von einem der Professoren erhalten, indem die Verfassung nur sechs Externen verstattet, bei Eltern oder Verwandten in der Stadt zu wohnen.

Seit Verlegung des Regierungssitzes von Meissen nach Dresden, diente die Albrechtsburg dem regierenden Hause nicht mehr als Residenz, blieb aber bis zum Jahre 1710 im ungestörten Besitze desselben. In diesem Jahre aber wurde sie, wie oben schon erwähnt, durch den Kurfürsten Friedrich August I., den Starken, als König von Polen August II., der von Böttcher begründeten Porzellanfabrik überwiesen, welches Verhältniss ohne Unterbrechung bis in die neueste Zeit hin aufreicht. – Johann Friedrich Böttcher, geb. am 4. Febr. 1682 zu Schleiz im Reussischen, hatte von seiner Mutter, da sein Vater frühzeitig verstorben war, eine sorgfältige Erziehung genossen und war nach beendigtem Schulunterrichte in seiner Vaterstadt dem Apotheker Köpke in Berlin in die Lehre gegeben worden. Der junge Böttcher fand hier bei ausgezeichneten Fähigkeiten und unverdrossenem Fleisse im Laboratorium seines Lehrherrn Geschmack an allerhand chemischen Versuchen. In der Köpke’schen Bibliothek entdeckte er zudem ein Manuscript des bekannten Alchemisten Helmunt über Chemie und Alchemie, das er im Geheimen studirte und dadurch bei seiner grossen Neigung zur Schwärmerei bald zu der damals herrschenden Idee des Goldmachens verleitet wurde. Nach bestandener Lehrzeit forderte er seine Entlassung, die ihm jedoch aus dem oben angeführten Grunde verweigert wurde. Da entfernte er sich heimlich aus dessen Hause, wurde steckbrieflich verfolgt und selbst ein Preis von 1000 Thalern auf seine Verhaftnehmung gesetzt. Inzwischen hielt ihn der Kaufmann Stüber in Berlin in seinem Hause verborgen und verschaffte ihm Gelegenheit zur Flucht über die Grenze nach der sächsischen Festung Wittenberg, dessen Commandant, General von Ryssel, den preussischen Behörden seine Auslieferung verweigerte, vielmehr nach Dresden deshalb berichtete, von wo sogleich der Befehl erging, ihn dahin zu senden. In Dresden erlangte Böttcher sehr bald die Gunst des kurfürstlichen Kammerraths von Zschirnhausen. Unter dessen Augen musste nun Böttcher, der sich rühmte, ein Pulver zu besitzen, aus dem man Gold machen könne, auf Befehl der Regierung arbeiten; und um seine etwaige Flucht zu vereiteln, wurde er dabei unter die strengste Aufsicht gestellt, zumal er durch seine ungemessene Eitelkeit verleitet, sich vermessen hatte, seinen Kopf für das Gelingen seines Problems einzusetzen. Da entzog ihn ein glücklicher Zufall der nicht geringen Verlegenheit. Zur Fertigung nöthiger Schmelztiegel hatte er sich nämlich im Jahre 1704 unter andern eine Thonart aus der Okryller Gegend kommen lassen und die davon gebrannten Gefässe stellten sich als ein braunes Porzellan dar. Böttcher musste 1705 sein Laboratorium in die Albrechtsburg verlegen, erhielt Tafel, nebst Equipage, und wurde in den Freiherrnstand erhoben. Dabei blieb seine Freiheit beschränkt; denn ein Offizier hatte ihn als beständiger Gesellschafter zu beobachten. Der nordische Krieg führte im darauffolgenden Jahre Karl XII. mit seinen Schweden nach Sachsen. Die sächsische Regierung hielt deshalb den Aufenthalt Böttchers in der Albrechtsburg zu Meissen nicht für gesichert und liess ihn deshalb am 23. August unter militärischer Escorte nach dem Königstein bringen, sein Laboratorium in der Albrechtsburg aber unter Siegel legen. Hier machte Böttcher die Bekanntschaft von drei sächsischen Staatsgefangenen, des Grosskanzlers Grafen von Beichlingen, des Geheimraths Romanus und des Hofraths Ritter. Mit diesen verabredete er einen Fluchtversuch, der jedoch verrathen wurde und zu noch strengerer Bewachung führte, bis es ihm endlich doch gelang, die Erlaubniss zum freien Herumgehen auf der Festung zu erlangen.

Nach dem Abzuge der Schweden aus Sachsen wurde Böttcher nach einem unfreiwilligen einjährigen Aufenthalte auf dem Königsteine am 22 Sept. 1707 nach Dresden abgeführt, wo ihm in den Casematten der Jungfernbastei, unfern des jetzigen Belvedere auf der Brühlschen Terrasse, ein Laboratorium und neben dem Zeughause eine Wohnung eingerichtet wurde. Im Jahre 1708 machte Böttcher durch den Hoftöpfer Fischer die ersten Versuche mit dem Drehen der Porzellanmasse auf der Scheibe. Ein gewisser Echebrecht verband sich ebenfalls mit Böttcher, welcher die Mischung der Farben verstand.

Sechsprozentliche Zinsen, welche ein Mandat vom 23. Januar 1710 zusicherte, lockte Capitalisten, dem damaligen Geldmangel abzuhelfen. Ausländische Maler, Bildhauer, Poussirer, Töpfer u. s. w. fanden sich aufgefordert und am 6. Juni 1710 wurde der unter Direction des Kammer- und Bergraths Wagner gestellten, von 88 Personen bedienten Fabrik die Albrechtsburg zu Meissen übergeben. Der frohlaunige Böttcher, durch die fortwährende Beschränkung seiner Freiheit missmuthig gemacht und mehr und mehr dem Trunke ergeben, wandte sich ohne grosse Hindernisse 1718 der Kränklichkeit halber nach Dresden, wo er am 13. März 1719 verstarb. Sein Schwager Steinbrück setzte die von ihm begonnene Manufactur fort. Unter seiner Leitung gewann sie bedeutend an Umfang, erregte aber auch die Eifersucht anderer Nationen, so dass man noch 1740 die Ausfuhr der Porzellanerde bei Todesstrafe verbot.

Besondere Verdienste erwarb sich der Commerzienrath Helbig um die Manufactur, da er nicht allein den Handel mit Porzellan besonders hob, sondern auch während des siebenjährigen Krieges für die Erhaltung des Werkes sorgte.

Nach dem siebenjährigen Kriege wurde eine besondere Commission zur Direction ernannt, deren Condirector der Freiherr von Fletscher wurde. Im Jahre 1774 kam an Fletschers Stelle der nachherige Oberstallmeister und Cabinetsminister Graf Marcolini. Seine Hofämter nöthigten ihn in Dresden zu bleiben und die Direction übernahm der Bergrath Körner, der derselben bald erlag.

Im Jahre 1814 übernahm der damalige Bergcommissionsrath von Oppel das Directorium. Unter ihm wurde die Localadministration der Manufactur zweckmässiger organisirt und die Fabrik hat seit dieser Zeit an Malerei und Form gewonnen, und ihr Vertrieb ist, trotz der jährlich neu entstehenden Anstalten dieser Art, eher gestiegen als gefallen. Ausser der Hauptniederlage zu Meissen, hält die Manufactur Waarenlager zu Dresden und Leipzig. Der Zutritt in die Fabrik, wo besonders die Malerstuben, die Vergoldung, das Drehen der Geschirre, das Poussiren und das Waarenlager für den Beschauer interessant sind, wird jedem anständigen Fremden gestattet, und die Vorsteher besorgen mit grosser Gefälligkeit das Herumführen.

Meissen hängt mit dem rechten Ufer der Elbe durch eine über diesen Fluss führende Brücke zusammen, von deren erstem Entstehen[WS 1] sich keine Nachrichten vorfinden, wohl aber steht so viel fest, dass sie schon 1291 vorhanden und gleich Anfangs mit steinernen Pfeilern versehen gewesen sei. Zweimal wurde das Holzwerk dieser Brücke durch aufgethürmtes Elbeis, sowie dreimal durch Kriegsflammen vernichtet und achtmal auf ähnliche Weise zum grossen Theil ruinirt. Grosse Summen kosteten die Wiederherstellungen der Stadt-Commun, deren Eigenthum die Brücke war. Da brachten ihr in der Mitternacht des 12. März 1813 französische Pechkränze den letzten Untergang, und seit 1814 ist diese auf Kosten des Fiscus wieder in Stand gesetzte Brücke Staats-Eigenthum, dem Meissner Stadtrathe aber für den Verlust des Brückenzolls 2000 Thlr. jährliche Entschädigung festgesetzt.

Die Nahrung der Stadt war vor dem Erbau der Leipzig-Dresdner Eisenbahn eine sehr bedeutende. Jahr aus Jahr ein brachte der Dresdner Lohnkutscher Reisende der Stadt und den Gasthöfen zu, und der Bruder Studio mit dem ernsten Geschäftsreisenden, mit launigen Schauspielern und andern genialen Künstlern in Gesellschaft sah man die Strassen Meissens täglich und stündlich durchwandern, und dem Meissner Rebensaft wurde fleissig zugesprochen.

[157] Zu der schönsten Ansicht der Stadt und der umliegenden Landschaft führt der sogenannte Katzensprung auf der Berghöhe von Proschwitz, auf dem rechten Elbufer, nördlich von Meissen. Nicht minder freundlich aber erscheint die Landschaft von der Höhe des Plossen, auf dem linken Ufer des Flusses, einem Syenitfelsen südlich an der Wilsdruffer Strasse, wo das entzückte Auge die Krümmungen des anmuthigen Triebischthales die Stadt, das Schloss und den Elbstrom überschaut, in dessen klaren Wellen schöne Dörfer, grünende Wiesen, üppige Saatfelder und freundliche Weinberge sich spiegeln.

Ihrer Lage nach wird die Stadt Meissen in die Ober- und Mittelstadt und in die Vorstädte abgetheilt. Sie ist der Sitz eines Bezirksgerichts und eines Gerichtsamtes. Früher vor der neuen Gerichtsorganisation waren die Jurisdictions-Verhältnisse in Meissen sehr vermengt; eine anscheinende Erschwerniss, die aber ebenfalls zur Nahrung der Stadt viel beigetragen hat. Ausserdem ist hier der Sitz eines Domkapitels, einer Amtshauptmannschaft, eines Hauptsteueramtes, einer Bezirkssteuer Einnahme, einer Salzniederlage, eines Postamtes, einer Superintendentur.

Die Stadt zählt 840 Häuser mit 7800 Einwohnern. Die Gassen sind fast ohne Ausnahme sehr unregelmässig, welcher Uebelstand dem Berg-Terrain, wohl aber mehr der frühesten Anlage zuzuschreiben ist. Die meist massiven Häuser tragen, das Schloss und die Kirchen ausgenommen, nicht mehr das Gepräge des Alterthums.

Die Nahrung Meissens ist immer noch eine gute, wozu die Elbschifffahrt, die ausgezeichneten Wochen- und Jahrmarkte das Ihrige beitragen, zu welchem allen der Umstand sich gesellt, dass die Landbewohner weiter Umgegend sich in Wohlhabenheit befinden. Der Hauptartikel des hiesigen Handels ist Wein, den die Meissner theils auf ihren bedeutenden Weinbergsbesitzungen erbauen, theils Most aufkaufend gewinnen.

Der älteste Theil Meissens, die sogenannte Wasserburg, ist bis auf den Namen und einige Andeutungen verschwunden.

M. G.     




Schieritz

liegt 1⅜ Stunde von Meissen, an der Zehren-Lommatzscher Strasse, in einem breiten, schönen Thale, dessen Bach bei Zehren die Elbe erreicht.

Schieritz ist ein sehr alter Ort und existirt schon zu Zeiten Heinrich I. Es gehörte einst zu der Reihe der durch diesen ruhmwürdigen Fürsten immer enger gezogenen Grenzfestungen an der Elbe.

Auf dem Schlosse zu Schieritz hausten in den frühesten Zeiten die Herren von Saalhausen, von welchen das Rittergut an das Geschlecht derer von Arras kam, welches bis zum Jahre 1549 im Besitze war. In diesem Jahre mussten die Herren von Arras ihr Gut Schieritz an die von Schleinitz ablassen. Georg von Schleinitz auf Schieritz kaufte im Jahre 1555 das Dorf Zehren mit aller Gerechtigkeit und Kirchen-Collatur von dem Kurfürst August. Unter den nachfolgenden Gerichtsherren von Schieritz hat sich vorzüglich Joachim von Schleinitz verdient gemacht, welcher noch 1624 im Besitze des Gutes war.

Von der Familie von Schleinitz kam das Gut an einen Oeconom Claus. Derselbe besass es nur wenige Jahre, da zu dessen Vermögen Concurs ausbrach. Aus der Concursmasse erstand es der königl. preuss. Regierungsrath Oberforstmeister zu Potsdam, Georg von Schleinitz, Ritter des preussischen Johanniter- und rothen Adlerordens, welcher es noch im Jahre 1841 besass. Der jetzige beliehene Eigenthümer ist Herr C. F. Kuhnert.

Das Rittergut ist von bedeutendem Umfange und wurde mit 3½ Ritterpferd verdient. Zu demselben gehörten noch die Dörfer Knisitz, Kleinkugen, Obermuschitz, Seylitz, Zscheulitz, Zehren nebst Keibusch, Ickowitz und ein Theil von Klappendorf. Die Rittergutsschäferei steht an dem im Süd-Westen ansteigenden Berge. Ein mit dem Rittergute verbundener Weinberg, Eckardsberg, genannt, befindet sich auf der bis hart hieher reichenden Neundorfer Flur.

Das Rittergut hat das Patronat bei Kirch- und Pfarrämtern und Schule des Dorfes Zehren; auch vergiebt dasselbe 6 Freistellen der Meissner Landesschule.

Das erwähnte Zehren ist nur 1000 Schritte von Schieritz entfernt und so alt wie Schieritz. Schon 1003 hausten hier die Polen unter Boleslaw schrecklich, welcher sich hier festgesetzt hatte und von da aus Glomizi oder Glomazi verheerte. Auf einer Anhöhe bei der Niclasbrücke, in der Mitte zwischen Meissen und Zehren, soll die alte Burg Gouzdek gestanden haben. Bis jetzt noch heisst dieser Punkt „das alte Schloss“. Eine Burg mag da vorhanden gewesen sein, ob aber ihr Name Gouzdek gewesen, scheint zweifelhaft; denn nahe dem Dorfe Dobritz, ½ Stunde südlich von Meissen, macht der hohe Eifer, ein Felsberg, ebenfalls Anspruch auf die Ehre, die Burg Gouzdek getragen zu haben, und eine seiner Pochstein-Vorragungen führt noch heute den Namen „der Gotter (Gouzdeker) Stein“. Von Meissen bis nach Zehren erstreckt sich der Keilbusch, eine mit Buchen, Eichen und Buschholz bestandene, zum Theil sehr felsige, das linke Ufer des Elbthales bildende, hohe Bergwand. Von dieser und der Elbe hart begränzt, läuft, den Fluthen der letzteren nicht erreichbar, die Leipziger Chaussee, welche hier vor etwa einigen 50 Jahren an die Stelle einer sehr schlechten Strasse trat. Früher war hier durchzuwandern Vorsicht nöthig; denn in dem Keilbuche hielt sich nicht selten Diebesgesindel auf, wie z. B. die Lauermann’sche Bande in dieser Umgegend ihre meisten Unthaten verübte. Der Name Keilbusch, welcher als Kylebusch schon im 13. Jahrhundert vorkommt, stammt wahrscheinlich von einem hier befindlich gewesenen grossen Dorfe Kyleb her, das 1087 der böhmische Herzog Wratislaw von der Erde wegschleifen liess, weil die dasigen Einwohner einige Zeit vorher zwei vornehme Böhmen seines Gefolges erschlagen hatten.

In den einsamen Keilbusch hat im Jahre 1221 der Markgraf Dietrich das früher in der Wasserburg neben der Jacobskapelle, am Fusse der Albrechtsburg in Meissen gestandene Kloster zum heiligen Kreuz verlegt. Dietrich starb jedoch noch vor Vollendung des Baues. Die Nonnen dieses Klosters waren Cisternienserinnen, nach der Regel des heil. Benedict, weshalb sie sich auch oft Benedictinerinnen nannten, und standen mit ihren Schwestern desselben Ordens zu Mühlberg, Sornzig und Riesa in der genauesten Verbindung.

Dieses Kreuzkloster war unter allen säcularisirten Klöstern Sachsens das letzte. Die letzte Aebtissin desselben, Priska von Eisenberg flüchtete im Jahre 1539, welche ob ihres Widerstandes gegen die Aufhebung Heinrichs des Frommen Unwillen fürchtete. Kurfürst Friedrich liess später die Klostereinkünfte durch einen Schösser verwalten und August übertrug sie im Jahre [158] 1571 der Meissner Fürstenschule gegen das derselben entzogene Kloster Sornzig. Die Gebäude selbst gab man der Zeit und dem Wetter Preis, wodurch es gekommen ist, dass nur wenig Spuren noch davon vorhanden sind.

Von Zehren aus geht allwöchentlich ein mit Victualien aus der Umgegend beladenes Schiff. Auch wird zur Verschiffung eine grosse Quantität Getreide aus der ganzen Umgegend von Zeit zu Zeit nach dem durch den Kätzerbach vom Orte getrennten, sogenannten Spitzhause gebracht, welches, besonders für dergleichen Getreidefuhrwerk, einen Gasthof bildet.

Ueber die Kirche zu Zehren steht das Collaturrecht dem Rittergute Schieritz zu. Früher war hier in Zehren blos eine Kapelle zum St. Michael, in welcher ein Geistlicher Messe las, der auf Anordnung des Bischofs von Meissen und der Aebtissin zu Seysslitz und aus dem Kloster zu St. Afra hierher gesendet wurde. Die Collatur und die Gerichtsbarkeit über die Zehrener Kapelle stand dem Frauenkloster Seysslitz und der dasigen Aebtissin zu, welche letztere gegen Ende des 15. Jahrhunderts das Pfarrgut zu Zehren in andere Ordnung brachte. Nach Einziehung des Klosters Seysslitz überliess Herzog Moritz 1543 die Gerichtsbarkeit und Collatur über Zehren und dessen Kapellen dem Schulamte Meissen, worauf im Jahre 1548 die Abtragung der alten Kapelle und der Neubau einer, jedoch zu kleinen Kirche erfolgte. Im Jahre 1555 kaufte Georg von Schleinitz, wie oben schon erwähnt worden ist, das Dorf Zehren mit aller Gerechtigkeit und Kirchen-Collatur, und Joachim von Schleinitz liess nun im Jahre 1624 die Kirche erweitern und ausbessern, sowie eine Orgel einbauen. Diese Kirche war aber bald wieder sehr baufällig, weshalb 1756 das ganze Kirchengebäude weggerissen und das jetzige neu aufgeführt wurde. Die Pfarrwohnung ist seit dem Brande von 1825 neu erbaut, wogegen im Jahre 1835 die Abtragung der alten Diaconatgebäude und die neue Aufführung derselben erfolgte. Das Diakonat ist neben dem Pastorat in Zehren seit dem Jahre 1567 eingerichtet.

Schieritz ist nebst Ickowitz, Mischritz, Naundorf, Nieder-Muschitz, Ober-Muschitz, Seebschütz, Seylitz, Wölkisch, Zscheylitz, Windorf, Eckardsberg, Hebelei, Niederfähre, Keilbusch nach Zehren eingepfarrt, obschon Schieritz eine ebenso alte Kapelle besitzt, wie Zehren. Die Zeit der Entstehung der beiden Kapellen zu Schieritz und Zehren kann jedoch nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden. Die Collatur und Gerichtsbarkeit über die Schieritzer Kapelle stand dem Besitzer vom Gute zu. Die Herren von Arras, als Besitzer von Schieritz, hielten sich in den letzten Jahren vor ihrem Abgange an die Messcaplane der Abtei Stauche. Früher las derselbe Geistliche, welcher in Zehren fungirte, auch in der Kapelle zu Schieritz wöchentlich eine Messe. Auf diesen Umstand gründet sich noch eine Legat von 12½ Thaler, so noch jetzt dem Pfarrer in Zehren für die in der Schieritzer Kapelle vom ersten Advent bis zum Palmsonntage zu haltenden Wochenpredigten, von dem jedesmaligen Besitzer des Rittergutes Schieritz ausgezahlt wird.

Schieritz gehört jetzt mit seinen 37 bewohnten Gebäuden und 252 Einwohnern zum Gerichtsamt – zum Bezirksgericht – zur Amtshauptmannschaft, Meissen, zum Regierungsbezirk Dresden.

M. G.     




Oberau


mit seinem ansehnlichen Schlosse, liegt – von Niederau ¼, von Meissen 1¼ Stunde entfernt – in einem schönen Bergkessel, durchflossen von dem sogenannten Oberauer Bache, welcher im östlich nahen Friedewalde, 1 Stunde von Oberau, auf ebener Höhe bei Steinbach entspringend, durch ein enges Thal hierher seinen Lauf nimmt, und mit dem Weinböhler Wasser vereinigt, bei überhaupt 2¼ stündiger Länge, in die Elbe unter Meissen endet.

Das Rittergut war ehedem mit Niederau Zubehör des Klosters Alt-Zelle, woher noch heute die Benennung des Klostergutes zu Niederau stammt, welches früher die Meierei von Alt-Zelle war.

Kurfürst Moritz gab Oberau mit Niederau und der Gerichtsbarkeit über Gohlis 1543 dem Kaspar von Ziegelheim in Lehen, welche nach dessen Tode 1550 dem Oberamtshauptmann des Meissner Kreises Ernst von Miltitz auf Batzdorf zu Theil wurde, dessen Familie bis 1783 im Besitze verharrte. Mittelst Kaufes an sich gebracht, überliess der Weimarische Stallmeister, Carl Friedrich von Schönberg, 1784 das Gut dem Chemnitzer Kaufmann Hiller, an dessen Tochter, eine vermählte Bonnoit, 1793 es erblich überging. Seit 1807 war Besitzer der Kanzler von Werthern, dessen Wittwe, Freifrau von Werthern, geborene von Wuthenau, im Jahre 1829 Herrin auf Oberau wurde.

In den letzten 12 Jahren hatte das Gut Herr August Kabrun aus Berlin im Besitze, welcher dasselbe am 29. Decbr. vorigen Jahres anderweit au Fräulein Klengel verkauft hat. Wegen eines schwebenden Prozesses ist von der königl. Staatsanwaltschaft zu Meissen gegen diesen Kauf remedirt worden und die Sache schwebt noch. Jedoch hat Fräulein Klengel alle Schuldner öffentlich aufgefordert, nur an sie zu zahlen, indem sie an Andere gemachte Zahlungen nicht anerkennen werde.

Das an einem Hügelabhange mit seinen Gebäuden liegende Rittergut, dem bis hieher zugleich über Niederau und Gohlis die Gerichtsbarkeit zustand, umfasst gegen 200 Acker Feld, 80 Acker Wiese, 350 Acker Waldung und eine Weinbergflur von 400 Pohlhaufen, dessen Gewächs zum besten im Lande gehört. Hiermit verbunden sind Schäferei, Fischerei, Brauerei, Ziegelofen und Kalkbrennerei. Das zum Bauen und Düngen vorzügliche Produkt der letztern wird 4 bis 5 Meilen weit verfahren und besteht das umliegende Gebirge grossentheils aus Kalkstein. Das im Style des Mittelalters erbaute, 18 Zimmer enthaltende, herrschaftliche Schloss wurde noch 1807 ganz umgeschaffen, und alle Theile der Oeconomie, namentlich auch der Weinbau bedeutend verbessert.

Ein kreideartiger Berg giebt einen Most, der in guten Jahren dem Champagner gleichkommt.

Auf dem Schlosse zu Oberau verlebte Gellert im Kreise der Familie von Miltitz viele glückliche Stunden, und heute noch sind einige seiner Lieblingsplätze durch einfache Denksteine bezeichnet.

Am 7. Sept. 1707 übernachtete im Schlosse zu Oberau Karl XII., König von Schweden, und von hier aus machte derselbe in Begleitung einiger Generale einen Ritt nach Dresden, wo derselbe den König August durch einen kurzen Besuch überraschte. Im Dorfe zu Oberau waren zu gleicher Zeit die Garden einquartiert. Beim Abzuge des hohen Gastes mögen wohl nicht die besten Wünsche demselben nachgefolgt sein.

[159] Oberau ist jetzt weit und breit bekannt durch die hier vorüberführende Leipzig-Dresdner Eisenbahn, welche hier den Bau eines Tunnels aufzuweisen hat.

Der Oberauer Bach entspringt im Friedenwalde, 1 Stunde von Oberau, bei Steinbach in einer hochgelegenen Gegend. Oberhalb Oberau bildet er ein enges, nicht von hohen, aber von steilen Bergen eingefasstes Thal, welches sich dann plötzlich in jenen Thalkessel erweitert, dann wieder enger wird, und bei Niederau gänzlich aufhört, indem von hier an zwar an der rechten Seite des Baches das Gröbernsche und Zscheilaer Weingebirge sehr malerisch ansteigt und 1 Stunde lang fast bis Meissen fortzieht, links aber sich die grosse Zeschendorfer Ebene verbreitet. Ehemals bewässerte der Oberauer Bach den grossen Fürstenteich bei Meissen.

Die hiesige Kirche gehörte, wie die zu Niederau, vor der Reformation unter die Probstei Hayn. In derselben wurde am Jubelfeste des Königs zuerst aus dem Dresdner Gesangbuche gesungen. Oberau hat seit dem Jahre 1829 keinen besondern Pfarrer, indem das dasige Pfarramt von dem Pfarrer von Niederau mit verwaltet wird.

Urkundlich gehörte Oberau schon ehedem zur Parochie Niederau und geschah die Trennung unter Kurfürst August. Eine Wiedervereinigung erstrebte kurz vor seinem Tode der Conferenz-Minister und Kanzler von Werthern als damaliger Collator.

In die nicht mehr nöthige Pfarrwohnung ist die Schule verlegt, in welcher circa 80 Kinder unterrichtet werden. Das frühere alte baufällige Schulhaus hat man veräussert.

Niederau hat zum Unterschiede von Oberau den Namen von seiner niedern Lage. Hier soll bei dem im Jahre 1795 verstorbenen Pastor Krebel der Philosoph Johann Gottlieb Fichte einen Theil seiner Knabenjahre verlebt haben.

Zwei im Gärtchen der Pfarre vorhandene Linden sollen nach Aussage alter Leute damals von Fichte gepflanzt worden sein.

Der bei Niederau liegende Schwemmteich gehört zum Rittergute Oberau. Das in Niederau befindliche Klostergut war, wie schon oben erwähnt worden ist, eine Meierei des Klosters Alten-Zelle, weshalb es alle Gerechtsame eines Rittergutes, sogar Obergerichte und Frohndienste hatte. Der Pfarrer erhielt von diesem späteren Vorwerke des Ritterguts Oberau beträchtlichen Getreidezehent.

Oberau wie Niederau hat durch die Schweden und Kaiserlichen unsäglich gelitten. Die Kirche war rein ausgeplündert und die Bewohner der beiden Orte mussten auf lange Zeit flüchten.

Oberau wie Niederau gehören jetzt zum Gerichtsamt, zum Bezirksgericht, zur Amtshauptmannschaft Meissen, zum Regierungsbezirk Dresden. Ersterer Ort hat 45 bewohnte Gebäude mit 376 Einwohnern.

M. G.     




Gröba,


sonst Greba, Groben genannt, verdankt seine Entstehung den Daleminziern, die zu den Sorben, so wie diese wieder zu den Slaven gehörten und um’s Jahr 534 v. Chr. auch die hiesige Gegend in Besitz genommen haben. Sie benannten ihre neuen Anbauungen nach Orten in ihren früheren Wohnsitzen. Und im Königreiche Bosnien, das eigentliche Vaterland der Daleminzier, giebt es ebenfalls einen Ort Greben. Der Wanderer, wenn er von Riesa aus, längs des linken Elbufers hin nach Strehla zu sein Ziel verfolgt, gelangt unterhalb der zur Leipzig-Dresdner Eisenbahn gehörenden Elbbrücke, und in ganz geringer Entfernung von derselben, in unser freundliches Gröba, welches in einem anmuthigen Thale liegt und auf der einen Seite von dem Döllnitzbache durchschnitten wird, der hier in die Elbe mündet.

Das bedeutende hiesige Rittergut mit Inbegriff eines Bauerfeldgrundstückes, das den Namen des Fraumuttergutes führt und früher seine eigenen Gebäude hatte, einer Schäferei, nebst Schäferwohnung u. dergl., wie auch mehrer Drescherhäuser und der im Jahre 1838 am Eisenbahnhofe bei Riesa diesseits der Bahn erbaueten geschmackvoll eingerichteten Restauration, welche im Jahre 1829 ein Stallgebäude erhalten und im Jahre 1840 durch einen Garten verschönert worden ist, stand bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation über die Orte Oberreussen, Forberg, Bobersen die Gerichtsbarkeit zu.

Nach Vertreibung der Daleminzier besassen Gröba die Bischöfe von Naumburg, von welchen es Kaiser Karl IV. käuflich an sich brachte und gleich Dahlen und andern Orten zu einem böhmischen Afterlehn machte. Die Kaiser besassen es noch im Jahre 1372. Im darauffolgenden Jahrhundert wird ein gewisser Albrecht von Ussk als darauf gesessen aufgeführt. Noch 1484 besass Gröba Valtin Debin, und von diesem kaufte es in demselben Jahre, unter dem Namen des Freigutes Groben, Günther von Nytsswitz oder Nitzschwitz. Die nachfolgenden Besitzer waren: Nicol von Nitzschwitz, welcher noch 1519 lebte; dann Nicol von Nitzschwitz, welcher 1561 hier starb und die Besitzung seiner Wittwe hinterliess, die es noch 1605 inne hatte; ihr folgte Günther von Nitzschwitz, welcher das Freigut bis 1629 besass; ihm succedirte Caspar von Nitzschwitz bis 1642, von welchem es an dessen Sohn, Nicol Heinrich von Nitzschwitz, kam, auf dessen Ansuchen unterm 6. Mai 1661 dem Gute von Kurfürst Johann Georg II. die Schriftsässigkeit der Güter Gröba und Oberreussen ertheilt wurde, jedoch ohne Auslösung auf den Landtagen.

Nach des letztern Tode übernahm die Güter dessen Sohn, Caspar Dietrich von Nitzschwitz, welcher 1684 mit Tode abging und seine Besitzungen seiner Wittwe, Sara Catharina, geborne von Starschedel, hinterliess. Kurze Zeit war dann Gröba im gemeinschaftlichen Erbe. Durch die verw. gewesene Osterhausen, geborne von Nitzschwitz, welche als zweiten Gemahl den königl. polnischen und kurfürstlich sächsischen Kammerherrn, Johann Georg von Arnim auf Planitz und Auligh, erkoren hatte, kam 1696 Gröba an die Familie von Arnim. Nach dessen Ableben übernahm der Sohn, Christoph Heinrich von Arnim auf Planitz und Voigtsgrün, das Erbe seines Vaters, welcher 1767 verstarb.

Der einzige Sohn erster Ehe des Christoph Heinrich von Arnim, der kurfürstlich sächs. Kammerjunker und Oberforst- und Wildmeister in Annaburg, besass dann Gröba mit Zubehör bis 1703. Von dem von Arnimschen Geschlechte erkaufte Gröba 1783 zu Michaelis Johann Carl Benedict Wacker, nachmals von Wacker, der bis 1813, seinem Todesjahre, im Besitze dieses Gutes blieb. Nach seinem Absterben blieb noch seine Wittwe, Maria Elisabeth, geborne Pfeiffer aus Abersdorf bei Zittau, welche sich den 14. Juli 1814 zum zweiten Male mit Adam Theodor Rüssing, herzogl. bergischem Rittmeister und Ritter der Ehrenlegion, verehelichte, Besitzerin von Gröba, und zwar bis zu ihrem Lebensende den 15. April 1828. Hierauf übernahm Gröba der letztgenannten Besitzerin zweiter Gemahl auf Hof und Reitzen, der sich den 12. März 1829 zum zweiten Male mit [160] Louise Pauline, der zweiten Tochter des Erb-, Lehen- und Gerichtsherrn Friedrich Schmalz auf Glossen und Schöps in der Oberlausitz, die ihm zwei noch lebende Töchter gaben, vermählte, und nach deren frühern am 4. August 1834 in Hof erfolgten Hinscheiden, den 2. Februar 1826[VL 1] zum 3ten Male mit dessen 3ten Tochter Emma Elisabeth sich verehelichte.

Herr Adam Theodor von Thielau Rüssing endlich überlies Gröba seinem Schwager Herrn von Kommerstädt, welcher solches zur Zeit noch besitzt.

Unter den Rittergutsgebäuden, die sich grösstentheils gleich am Ausflusse der Döllnitz befinden, wo im Winter die Elbkähne von Riesa liegen, verdient das mit einem Thurme versehene Schloss besondere Erwähnung, welches im Jahre 1707 von J. G. von Arnim erbaut worden ist. Dieses Schloss, wie es in der Abbildung zu sehen, ist in neuerer Zeit noch sehr verschönert worden. Die das Schloss früher umgebenden Wirthschaftsgebäude sind weggerissen und auf die Anhöhe gebracht. Die in den obern Theil des Schlosses führende Treppe von aussen, so wie der grosse Damm um dasselbe von der Elb- und Bachseite, um es so viel als möglich gegen das Eindringen des Wassers zu sichern, sind Bauten des vorigen Herrn Besitzers, welcher um so grösseren Anspruch auf Dank seiner Untergebenen zu machen berechtigt ist, da durch den zuletzt erwähnten Dammbau, auch Kirche und Schule mehr vor den Ueberschwemmungen geschützt worden ist.

Die Baumpflanzungen, die Alleen nach Riesa und Pausitz, die Zusammenlegung der Fluren sind lauter Werke des Herrn von Thielau-Rüssing.

In Gröba, zwischen Merzdorf und Riesa, ganz in der Nähe der Eisenbahn, giebt es auch eine von den sogenannten wüsten Marken, jenen Ueberresten, die sich meistentheils vom Hussitenkriege herschreiben. Sie wurde sonst nur als Hutung benutzt und hiess der Kuckelitz oder die Kuckelitzlehde. Im Jahre 1839 ist dieselbe getheilt worden, und der grösste Theil davon kam an das Rittergut. Die Pfarre und jedes grössere und kleinere Bauergut erhielt ungefähr 2½ Scheffel und die Schule und jedes Haus ungefähr 2 Metzen. Jetzt ist das beste Ackerland aus diesem wüsten Boden, wo früher ein Dorf stand, gezogen worden.

An der Strasse nach Riesa, nicht weit vom rechten Ufer der Döllnitz liegt ein Feldstück, das den Namen der Thorbrücke führt. Dieses hat seinen Namen auf alle Fälle von Thor, dem Donnergotte, den die alten Deutschen als einen Beschützer auf Reisen, einen Retter in Gefahren verehrten.

Ein Theil jenes Feldstückes gehörte bis zum Jahre 1837 zum Pfarrgute. In dem letzteren Jahre wurde er mit einem herrschaftlichen Stücke Feld auf dem sogenannten Galgenberge vertauscht.

Noch ist bemerkenswerth der unweit des Rittergutes, an der Elbe nach Riesa zu gelegene aus Granitstein bestehende sogenannte Kutzschenstein. Es ist dies ein Felsen, der für Gröba bei dem Andrange der Eismassen ein mächtiger Schutz ist, und dessen Name mit dem altsächsischen Worte Kutter, einem Orte, wo sonst in Kriegszeiten eine Wache hingestellt war, oder eine Schutzwehr.

In dem Kutzschensteine befindet sich ein grosser herrschaftlicher Keller und über diesem ein Pavillon, der aber nicht mehr benutzt wird. Auch erwählte sich hier auf dem Kutzschensteine die 1828 verstorbene Besitzerin von Gröba ihre Ruhestätte und eben da lies ihr in den Jahren 1835 und 1836 ihr zweiter Gemahl ein herrliches, aus Sandstein bestehendes und von dem Bildhauer Gareis in Ostritz bei Löbau verfertigtes Denkmal errichten. Vor einer grossen Pyramide, auf deren Rückseite ein Engel mit einer Urne angebracht ist, befinden sich drei grosse Figuren und ist die erste eine sitzende greise Pilgerin mit aufwärts gerichtetem Blicke, den Stab an ihrer Seite und den Hut zu ihren Füssen; die zweite die Hoffnung mit der einen Hand auf den Anker sich stützend und mit der andern nach oben zeigend; und die dritte etwas höher, die Religion mit niederwärts gerichtetem Auge, in der linken Hand ein Kreuz und in der rechten einen Kranz haltend. An der einen Seite der Pyramide erblickt man ein Füllhorn, einen Bienenstock und eine Weizengarbe als die Sinnbilder des göttlichen Sorgers. Der obere Theil der Pyramide trägt in vergoldeten bronzenen Buchstaben die Inschrift:

MARIA ELISABETH RUESSING AUF Gröba UND Hof, geb. Pfeiffer, geb. am 22. October 1748, gest. den 15. April 1828.

Eine am Fusse des Denkmals angebrachte Marmorplatte endlich enthält die Worte:

„Müde Pilgrin, leg’ ihn nieder,
     Deinen Stab, Du bist am Ziel!
Kehre zu der Heimath wieder
     Aus dem irren Weltgewühl.

Dort wird, was hier Nacht war, tagen,
     Was hier schmerzte, Wonne sein,
Was wir nimmer hier erjagen
     Nennst Du droben ewig Dein!“

Eine Kirche war in Gröba ebenfalls sehr frühzeitig. Denn 1168 schenkte der Bischof Udo zu Naumburg dieselbe dem bosanischen Kloster Riesa. Daher mag es auch gekommen sein, dass die Collatur über das hiesige Pfarramt früher dem ehemaligen Kloster und dann dem Rittergute Riesa zustand, welche erst im Jahre 1708 mit Bewilligung des damaligen Oberconsistorium von der damaligen Besitzerin von Riesa, einer gewissen Felgenhauer, an die Besitzer des Ritterguts Gröba verschenkt wurde.

Die jetzige Kirche ist von Grund aus im Jahre 1720 neu erbaut. Ihr Inneres ist einfach, hell und freundlich und bildet ein längliches Viereck. Tritt man durch den Haupteingang in dieselbe ein, so hat man daher den Altar mit der Kanzel über ihm. Hinter dem Altare ist die Sacristei, zu beiden Seiten desselben stehen der Beichtstuhl und der Kirchvaterstuhl und rechts und links vom Altarplatze befinden sich die Capellen der hierher eingepfarrten drei Rittergutsherrschaften und unter ihnen die früheren Erbbegräbnisse derselben. Ueber der Capelle der Gröbener Herrschaft erblickt man das Wacker’sche Wappen mit der Umschrift:

Johann Benedictus Wacker 1783.“

Ueber dem Beichtstuhle sieht man ein Epitaphium, welches Johann Christoph von Arnim seinen Aeltern und seinem einzigen Bruder widmete, sowie über dem Kirchvaterstuhle das Epitaphium, das dem obenerwähnten zweiten Nicol von Nitzschwitz und dessen Gemahlin gewidmet ist.

Die Pfarrgebäude liegen in einiger Entfernung von der Kirche, mitten im Dorfe; das Schulhaus, der Kirche gegenüber an dem Wege, der von dem Rittergute aus durch das Dorf führt. Die Erbauung derselben, im Jahre 1819, hat die damalige Besitzerin Frau Rittmeister Rüssing bewerkstelligt, welche sich sammt ihrem Herrn Gemahl ein bleibendes Andenken erworben hat. Zwei Denktafeln von der Zeit der Einweihung der Schule stammend, deuten auf die edlen Gesinnungen dieser Gerichtsherrschaft hin.

Eingepfarrt nach Gröba sind Oberreussen, Forberg, Mertzdorf und Pochra und Bobersen und Lossa jenseits der Elbe.

Ausserdem findet man in Gröba zwei Mühlen und 20 Bauergüter von verschiedener Grösse, 40 Häuser mit Einschluss zwei Armenhäuser, ein Spritzenhaus und einen früher zum Rittergute gehörigen Gasthof. Die Einwohner, deren Anzahl auf 500 sich beläuft, beschäftigen sich mit dem Ackerbaue, zum Theil aber auch mit gewöhnlicher Tagelöhnerarbeit oder mit Handwerken. Es giebt hier Stell- und Rademacher, einen Huf- und Waffenschmied, Schneider, Leinweber, Zimmerleute und Maurer. Gröba gehört jetzt zum Gerichtsamt Riesa, zum Bezirksgericht Meissen, zur Amtshauptmannschaft Meissen, zum Regierungsbezirk Dresden.

M. G.     




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Anmerkungen der Vorlage

  1. handschriftliche Korrektur: 1836

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Enstehen


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