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Titel: Skizzen aus deutschen Parlamentssälen: 4. Die deutsche Fortschrittspartei
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Skizzen aus deutschen Parlamentssälen.
4. Die deutsche Fortschrittspartei.

„Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter (Hagen).“

Und wenn das „hohe Hans“ auch man und müde oder - durch die vorhergehenden Redner der Ansmecksamkeit entwöhnt - ill lebhafte Privatgespräche vertiest ist, so ist es doch schnell wieder bei der Sache; die Flüchtlinge kehren aus Foyer und Restauratiou zurück; die Eonlmissarieu des Buudesrathes nähern sich der linken Seite, und aus der Rechten schließen sich die Reihen, wie zum Carre^, das mit gefälltem Bajonnet den seindlichen Anfturm kampsessroh erwartet. Zuweileu bleibt es bei einem kurzeu raschen Vocktoß, einigen scharsen Hieben, einem slüchtigen Plänkeln - nicht selten aber erfolgt bin mehrstündiger Vormarsch nach allen Regeln der Strategie, mit angezeichneter Mnnition und tiraillireudem Ausschwärmen nach allen Seiten; genau markiren sich die Pnnkte, wo es ein- geschlagen, überall lebhclstes Feldgeschrei für und wider, und das Gesecht eutbreunt aus der gauzeu Liuie. Nur klein ist das Häuslein, das um den muthigen Führer sich schaack, zur Hälfte mindestens alte Garde, darunter ehrwürdige Veteranen, die treu und beständig das Banner der dentschen Fortschrittspartei hochgehalten in allem Wechsel der Ereignisse und der Meinungen, das Banner der ältesten unserer parlamentarischen Packeien.

Als im October 1858 .der Prinz von Prenßen die Regent- schaft . übernommen und seine Ansprache mit ihrer vernichtenden Verurteilung der Heuchelei und Scheinheiligkeit, „alles Kirchen- wesens als Mittel zu egoistischen Zwecken“, verössentlicht hatte, begann das Volk endlich wieder sreier zu atmen und glaubte die lange Nacht der Reactiou gewichen Die „Landrathskammer“ wurde bei den Wahlen gesprengt, und im . nenen Abgeordnetenhause gebot das liberale Ministerium über eine gewaltige Mehrheit. Der italienische Krieg und der Friede von Villasranca im nächsten Jahre zeigten mit einem Male wieder den Iammer deutscher Zerrissenheit in grellster Beleuchtung, Oesteereich und die Mittel-

stauten in erbitterter Feindschaft gegen Prenßen, alle alten Gegen- fätze --- zwischen Norden und Süden, Katholiken und Protestanten, Demokraten und Constitntionellen - jäh geweckt und neu verstärkst Aufgerüttelt durch des Vaterlandes Noth, fanden sich in Eisenach und Hannover patriotische Männer zusammen und beckeseu eine größere Versammlung Gleichgesinnter auf den 15. und 18. September 1859 nach Frankfurt am Main. Das sißteaueu gegen Preußeu verhinderte die Eiuigung über ein bestimmtes Programm, aber statt besten warb auf den mit einer begeisterten Rede begründeten Vorschlag von Schnlze-Delitzsch das Statut eines programmlosen Vereins angenommen, der es sich zur Aufgabe stellte, „zum Zwecke der Eiuigung und einheitlichen Entwickelnd des großen gemein- famen Vaterlandes“ mit allen gefetzlichen Mitteln zu wicken. So entstand der „deutsche Nationalverein“, der die Bewegung rasch in Fluß brachte und unter großer Theilnahme des Volkes überall eine rühckge Agitation entwickelte.

Das Ministeckum der „nenen Aera“ in Preußen erwies sich in der dentschen Frage sehr bald nnentschieden und ohne Mnth, nach innen, gegenüber dem vollständig eonservirten Beamtenbestand der Reackions- periobe, krast- und machtlos, und die Mehrheit des Abgeordneten- hanses drängte es nicht vorwärts, sondern stimmte, um die „liberale“ Regierung nicht zu gefährden, sich selbst immer mehr herab. Das preußische Volk gab nicht mißzuverftehende Zeichen feines wachfenben Unmutes: bei drei Nachwahlen wählte es den alten Kammer- gerichtsrath Taddel, den mannhaften Präsidenten des abscheulichen Waldeck'schen Hochverrathsproceffes , Waldeck felbft und Schulze- Delitzsch, die bis dahiu mit den andern demokratischen Führern eine weise Zurückhaltung beobachtet hatten. Auch innerhalb der maßgebenden, 150 Mitglieder zählenden parlamentarischen Fraction Vincke steigerte sich die Unznfriedenheit mit dem stets herckscher sich geberdenden, nach rechts treibenden Führer, und es erstand in

... Nlcht ohne Ahsicht brulgen wir gerade jetzt, in dem tr.üischeu Momeute des hegillneuden Wahlkampses, mit obigem Artikel unsere obieetiven ^^^'-^ l.b-^aleu Huuptpmteien des dentschen Reichstags (vergl. Nr. .^, Jahrg. 18^ und Nr. t.t d. I.) zum Abschlusse. Bald werden dle Zahler alsts Nene an dle Urne herautreteu, au^ metcher. das Schicksat der iuuereu Lage Deutschlauds für. die uüchste Legislaturperiode hervor- gehen wlrd. ^as lst eln Momem, der llns Alte an die Pstichteu mahlu, die wir. deul Vaterlallde, seiner sreieu Eutwickelung nach lnnem seiner Sicherung ^ .-^^ ^....ch^?^ m^:., Angeflchts der immer mehr erstarkenden Reactioll ist das Znsammeugehen atler Liberalen ein zwingendes Gebost und lm Hlnbllck alls die bevorstehende Nenwahteu rastn nur -.nst^ ^-s-ru zu. I-.^r s-.^t-. ^ann ^.^ s^---. Psttcht ..... und wühte liberal! T, Red.

[525]
Die Gartenlaube (1881) b 525.jpg

Die Führer der Fortschrittspartei.
Nach Photographien auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.
Ludwig Loewe. Rudolf Virchow. Albert Hänel.
Albert Traeger. Eugen Richter.

[526] ihr eine Linke, an ihrer Spitze der oftpreußische Freiherr Leopold von Hoverbeck, dessen schneidige Entschiedenheit dem westfälischen Baron sehr bald eine widerwillige Achtung abzwang.

Am 7. Februar 1881 kam es zum Bruch. Bei der Adreßdebatte wurde ein von Hoverbeck dahin gestelltes Amendement, daß dem Könige die Führung des deutschen Heeres übertragen und Preußen die ihm gebührende Stellung „an der Spitze des deutschen Bundesstaates“ eingeräumt werde, von der Mehrheit der Fraction verworfen, und es schied nun eine Anzahl Mitglieder, darunter auch von Forckenbeck, aus. Sie traten mit Taddel, Waldeck und einigen anderen „Wilden“ vorläufig zu einem parlamentarischen Verein zusammen der aus neunzehn Abgeordneten bestand und den ihm von Vincke augehängten Spottnamen „Junglitthauen“ selbst acceptirte.

Angesichts der Neuwahlen galt es nun, eine Vereinigung aller entschiedenen Liberalen, wie sie im Nationalverein für das Volk sich vollzogen hatte, auch im Parlamente herzustellen. Sie glückte. In einer Versammlung zu Berlin am 8. Juni 1881 unter dem Vorsitze des Professor Virchow wurde das Programm einstimmig festgestellt, das dann die Zeitungen vom 9. Juni 1881 veröffentlichten. Unterzeichnet war es von den bekannten Parlamentariern und fünfzehn Berlinern, darunter von späteren Abgeordneten die Professoren Mommsen und Virchow, Dr. Langerhans, Franz Duncker, von Unruh, sowie die Redacteure der „Vossischen Zeitung“, der „Volkszeitung“ und der „Nationalzeitung“.

Au diesem Programm hält die deutsche Fortschrittspartei noch heute fest; es ist unter dem 24. März 1877 nur neu formuliert und auf Grund der veränderten Verhältnisse hier und da bestimmter gefaßt und erweitert worden. Bemerkenswerthe Sätze sind insbesondere folgende:

„Wir sind einig in der Treue für den König und in der festen Ueberzeugung, daß die Verfassung das unlösbare Band ist, welches Fürst und Volk zusammenhält.

Für unsere inneren Einrichtungen verlangen wir eine feste liberale Regierung, welche ihre Stärke in der Achtung der ver- fassungsmäßigen Rechte der Bürger sieht und es versteht, ihren Grundsätzen in allen Schichten der Beamtenwelt unnachsichtlich Geltung zu verschaffen.

In der Gesetzgehung scheint uns die strenge und consequente Verwirklichung des verfassungsmäßigen Rechtsstaats eine erste und unbedingte Nothwendigkeit.

Für die Ehre und die Machtstellung unseres Vaterlandes, wenn diese Güter durch einen Krieg gewahrt oder erlangt werden müssen, wird uns niemals ein Opfer zu groß sein; im Interesse einer nachhaltigen Kriegführung aber erscheint uns die größte Sparsamkeit für den Militär-Etat im Frieden geboten.“

Die neue Partei, welche zuerst den Muth hatte, in dem Parlamente eines Einzelstaates die Einigung Deutschlands auf ihr Banner zu schreiben, und als deutsche Fortschrittspartei in das preußische Abgeordnetenhalls zu einer Zeit einzog, wo die Reichsfreundlichkeit durchaus noch nicht undbedingt populär und nach oben zweifellos nicht „opportun“ war, errang um Wahltage, dem 8. December 1881, trotz aller gegnerischen Anstrengungen einen glänzenden Sieg. Doppelt und dreifach wurden die namhaftesten Fortschrifttsmänner gewählt, durunter der durch sein Duell mit dem General von Manteuffel schnell berühmt gewordene Berliner Stadtrichter Karl Twesten; zweiundachtzig Mitglieder zählte die offizielle, zwanzig die sogenannte „stille Fortschrittspartei“ in dem am 14. Januar 1862 zusammentretenden Abgeordnetenhaus, das schon am 11. März aus Grund des Hagen'schen Antrages wieder ausgelöst wurde. Das neue Haus zählte hunderteinundvierzig Fortschrittsmänner. Es befand sich einem streng conservativen Ministerium gegenüber; die „neue Aera“ hatte abgewirthschaftet, der Kriegsminister von Roon die Armeereorganisation durchgeführt, ohne die erforderlichen Mittel bewilligen zu lassen. Am 18. September 1862 ward der erste Autrag der Budgetcommission auf Sonderung und Streichung der Kosten für die ungesetzlichen Maßnahmen angenommen, und drei Tage später traf Herr von Bismarck-Schönhausen aus Paris ein, um seinen Botschafterposten mit dem des Minifterpräsideuten zu vertauschen. Er hatte sich in den Anfängen des preußischen Parlamentarismus 1847 und 1848 als einen der schneidigsten rnd rücksichtslosesten Vorfechter der äußersten Rechten bemerklich gemacht, war beim Bundestag nicht minder streitbar gegen das österreichische Uebergewicht aufgetreten und alsdann in Petersburg, zuletzt am französischen Hofe gewesen, wo er den Kaiser Napoleon und den Cäsarismus aus das Schärfste beobachtet und eingehend studirt hatte. Mit seiner Berufung erreichte der Militärconflict sofort den Höhepunkt. Nicht um die Sache, um die Form handelte es sich, und der Kampf wurde geführt um die grundlegenden verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung.

Die Regierung scheute kein Mittel; denn es erfolgten Auflösung über Auflösung, Maßregelung der liberalen Beamten, Knebelung der Presse durch die berüchtigten Ordonnanzen, Eingriffe in das Versammlungsrecht, sogar in die Redefreiheit der Abgeordneten. Fest und unerschütterlich stand das Parlament und treu zu ihm das Volk, das, durch nichts eutmuthigt oder irregeführt, immer wieder die tapfern Streiter für Recht und Verfassung wählte.

Ein neuer Feind war dem liberalen Bürgerthum erstanden: Ferdinand Lassalle hatte die Socialdemokratie begründet und drohte den „Bourgeois“ mit dem uns der Ferne tönenden Schritt der heranziehenden Arbeiterbataillone. Herr von Bismarck schien eine zeitlang an die Möglichkeit einer Bundesgenossenschaft zu glauben; er hatte Berührungen mit dem genialen Agitator und ermöglichte durch königliche Unterstützung den sehr bald kläglich gescheiterten Versuch einer Fabrik auf socialistischer Grundlage. Die Liberalen dagegen nahmen sofort den Kampf auf, und bis heute noch giebt es keine unversöhnlicheren Gegensätze und Gegner, als Fortschrittspartei und Socialdemokratie, die Partei des aus Selbsthülfe und Selbstverantwortlichkeit beruhenden Rechtsstaates und die Anhänger einer jeden Einzelwillen und alle Selbstbestimmung vernichtenden Staatsallmacht.

Nur in einem Punkte hatte das Ministerium Bismarck der unbedingten Uuterstützung der Abgeordnetehausmehrheit sich erfreut, bei Verfolgung der gesunden preußischen Freihandelspolitik, welche den durch die Mittelstaaten abgelehnten französischen Handelsvertrag wieder zu Stande brachte und selbst Oesterrreich zu einer liberalen Tarifreform nöthigte.

Inzwischen – nach siegreicher Beendigung des dänischen Krieges – waren die eroberten Herzogtümer an die beiden deutschen Großmächte abgetreten; der Nationalverein protestirte gegen die Annexion und agitirte aus das Lebhafteste für das Selbstbestimmungsrecht der Schleswig-Holfteiner und die Einsetzung des Augustenburgers. Das preußische Abgeordnetenhans schwieg in dieser Frage, und dadurch wurde das Mißtrauen der mittel- und süddeutschen Liberalen wieder rege. Der vierjährige Conflict mit seinen vielfachen Rechts- und Versassungsverletzungen und dem budgetlosen Regiment hatte Preußen um alles Vertrauen und jede Zuneigung gebracht, und als es plötzlich am 9. April 1866 bei dem Bundestage einen constitutionellen Antrag stellte, erklärte der Ausschuß des deutschen Nationalvereins unter lauter Zustimmung, das deutsche Volk werde niemals an eine ihm von Preußen in Aussicht gestellte Verfassung glauben, „so lange die preußische Versassung ein todter Buchstabe ist“.

Der schon im Februar entlassene Landtag ward im Mai aufgelöst, als der Krieg Deutscher gegen Deutsche unvermeidlich geworden. Das Budget war wiederum nicht zu Stande gekommen; Gelder zur Kriegsührnug hatte die Regierung, welche das Bewilligungsrecht des Abgeordnetenhauses grundsätzlich bestritt, gar nicht verlangt, das Parlament daher niemals in der Möglichkeit sich befunden, durch Gewährung oder Versagung der Mittel seine Stimmung auszudrücken. Die deutsche Fortschrittspartei erklärte in ihrem Wahlaufruf vom 20. Juni, daß nach Lage der Dinge und Mangels jedes Einflusses der Volksvertretung der nun einmal entstandene Krieg geführt werden müsse, sein Ziel aber kein anderes sein könne und dürfe, „als die Wiederherstellung Deutschlands, geeinigt auf dem Bodeu der Freiheit und des Volkswohls durch eine Verfassung“.

Wenn die Partei im norddeutschen Reichstage mit vierunddreißig anderen Abgeordneten gegen die Bundesverfassung stimmte und im prenßischen Landtage gleichfalls die Ablehhnung votirte, so geschah dies nicht aus Widerstreben gegen die deutsche Einheit, sondern wegen ungenügender Ausdehnung und Sicherstellung der Volksrechte in dem vorgelegten Entwurf. Waldeck betonte nachdrücklich, daß Bündniß wie Einheit an sich vollständig feststehen und durch die Ablehnung dieser Verfassung die Sache, für welche die Partei einstehe, nicht im mindeste gefährdet sei, sondern nur gewinnen könne.

Im preußischen Volke hatte während des Krieges eine rückläufige Bewegung begonnen, und bei den um Schlachttage von Königgrätz stattfindenden Wahlen verloren Fortschrittspartei und [527] 

linkes Centrum fast die Halste ihrer sitglieder. Dagegen ward der frühereu Cousticts-Mehrheit die nachträgliche Genugthuung, daß die fiegreich aus dem Kampfe heimkehrende Regierung sosort Indemnität bei dem Abgeordnetenhanse nachsuchte und so dessen versassungsmäßige Rechte anerkannte.

Am 15. October wurde das Wahlgesetz für den Reichstag des Norddeutscheu Bundes und am 1... November noch ein ge- meinschaftlicher Wahlausrus der Fortschrittspartei und des linken Centrnms verössentlicht. Allein schon in den nächsten Tagen ver- anlaßten hestige Debatten in den Fractionssitzungen den Austritt verschiedener Mitglieder - daruuter namentlich Lasker, Twesten und von Forckenbeck - und die Bildung der „nationalliberalen“ Partei, die bald einen entscheidenden Einslnß alls die Gestaltung und Entwickelnd unserer inneren Verhältnisse gewann und geraume Zeit behielt. Gruud der seinungsverschiedenheit war das größere oder geringere Vertraueu zu denl leitenden Staatsmanns Die Wahlen am 1.... Februar 1887 ergaben in den alten prenßischen Provinzen einen glänzenden Sieg der conservativen Regierungspartei, während in den neuen die Nationalliberalen , welche neunuud- siebeuzig Sitze erraugen, überwogen Zu Folge des allgemeineu Stimmrechts erschienen auch die Socialdemokraten zum ersten sal geschlossen aus dem Plaue und gaben in Elberseld bei der engeren Wahl den Ansschlag für Bismarck gegen Forckenbeck. Nordhansen wählte Engen Richter und erössnete so dem Acht- uudzwauzigjährigen die parlamentarische Lansbahn.

Drei Jahre vorher war der zum Bürgermeister von Nenwied gewählte Regierungsassessor wegen notorischer Freisinnigkeit nicht bestätigt wordeu, hatte den Staatsdienst ausgegebeu und in Berliu als politischer und volkswirthschaftlicher Schriststeller sich uieder- gelassen Ell: zählt zu den hervoerageudsteu Parlameutarieru uuserer Zeit und fuhrt seit des großen Waldeck und des uu- .vergeßlichen Hoverbeck Tode die Partei. Stauueuswerth, wie seine Arbeitslust, ist die Fülle des Materials, das er aus allen Ge- bieten, insbesondere dem stnanziellen und militärischem bis in das kleinste Detail beherrscht und stets im rechten Angenblick zu verweudeu weiß. Auch als Reduer steht er jetzt aus der Höhe und wirkt durch die Form nicht weuiger, wie durch die Sache, währeud eine gewisse Rücksichtslosigkeit, die znweilen verletzte, jetzt der Rnhe des reiseren Alters zu weichen beginnt. Dem Vielbewunderten und Vielgehaßten hürelt die Gegner fast noch austnerkfamer zu, als die Freuude.

Die uächfteu Wahleu steleu für die Fockschrittspartei etwas güustiger aus. Berliu blieb ihr trell, ließ für den Reichstag Lasker sallen und beseitigte im Landtage diejenigen sülls seiner nenu Abgeordneten, welche nationalliberal geworden waren. In drei parlamentarischen Körperschaften, im Reichstage, im Zollpackament und im prenßischen Abgeordnetenhanse, hat die Packei während der nächsten Jahre aus das Eisergste an der Gesetzgebung mit- gearbeitet, deren Fortschritte in wirtschaftlichen Fragen, dank dem einsichtsvollen Minister Delbrück und dem einmütigen Znsanlmen- halten aller Liberalen, verhältnismäßig bedentende und bahn- .brechende waren. Anch .wo es sich um politische Freiheit handelte, blieb die Mehrheit der nationalliberalen Packei den alten Grnnd- sätzen noch treu, währeud die Mitglieder aus Hannover und Hesseu zumeist der Regierung zum Siege verhalseu. Am 49. Iuli 1870 bewilligte der Reichstag in außerordeutlicher Sitzung einstimmig die zur Kriegsührung gegen Frankreich ver- langten Geldmittel, und am ...4. November ward er zum letzten sal eröffnet. Niemand grämte sich darob.

Alle Liberalen hatten die norddentsche Buudesverfaffung von vornherein nur als einen mangelhaften Anfang, einen tranrigen Notbehelf betrachtet und felbft die Nationalliberalen stets erklärst bei erster Gelegenheit, namentlich beim Hinzntritt der süd- dentschen Staaten, die sängel befestigen zu wollen Alle Liberalen hostten von Beginn des Krieges an auf ein einiges dentsches Reich und eine freiheitliche Reichsverfafsung. Das Werk von Versailles sollte sie bitter enttäuschen --- particularistisch ver- schüchterst sreiheitlich nicht verbesserst war es im Wesentlichen die norddentsche Buudcsversassung geblieben unter der nun das Reich geeinigt ward. In dem Wahlansruse vonl ..^1. Iannar 1871 erklärte die deutsche Fockschrittspackei, ihr an der Spitze des Programms vom 9. Iuui 1881 ausgesprochenes und in der Ver- sassung des dentschen Reiches nur teilweise erreichtes Ziel sei „nach wie vor die Freihckt fw geeinigten Deutschland“.

Im erstell deutscheu Reichstage erschien sie sechsnndvierzig Mann stark, darnnter sechs Baiern und süns Schleswigholsteiner. Diese , in den srüheren Parlamenten als „Landespartei“ durch Augustestburgische Tendenzen vereinigt, tratell jetzt in die Fort- schrittspartei ein, voran Albert Hällel, Prozessor in Kiel, der seingebildete Stiessohll Heinrich Lanbe's. Seine Bedeutung sicherte ihm schnell eine maßgebellde Stellung in der Partei wie im Parlamente; er ist Vicepräsident des deutscheu Reichstages und des preußischer Abgeordueteuhauses geweseu, als die Liberalen über diesen Platz versüglen. Eine Antorität aus dem Gebiete des Staatsrechtes, tiessittlicher Ernstes und bei aller Eutschiedenheit der Gesinnung^voll Ruhe und Mäßigung, wirkt er vor Allem dllrch seine edle Erscheinung und das überzeugende Pathos seiner sormvollendeten Beredsamkeit ; er genießt besonderer vertranensvoller Beliebtheit bei den Mittelparteien.

Am 8. März, dem Tage der Friedensverkündigung, in- mitten des allgemeinen Festjubels und Frendenransches , wurde gewählt. Die beiden liberalen Packeien bildeten zusammen noch nicht die Mehrheit, diese war vielmehr wechselnd und von Fall zu Fall den verschiedensten Umständen und besonderen Berhältnissen, nicht selten bloßer Zufälligkeiten unterworfen, wie sie es bis auf den hentigen Tag geblieben ist. Unter Führung des früheren hannöver'schen Staatsministers Windthorst hatte sich znnächst im prenßischen Abgeordnetenhanse eine besondere Partei für die In- teressen der katholischen Kirche gebildet, welche nnu auch im Reichstage auftrat und dllrch ihre Mitgliederzahl wie durch die Geschicklichkeit ihrer Leitung immer mehr in den Vordergrund rückte. Lange Zeit in erbittertem Kampse mit der Regierung, bildete sie die schärsste Opposition und verhielt sich in allen politischen Fragen entschieden liberal, seit aber der kirchliche Streit friedlicher Bei- legung immer näher gerückt, hat sich das „Eentrum“ zu einer gewissen Regierungsfrenndlichkeit bekehrt und nicht festen mit den Eonservativen gegen die Liberalen vereinigt. Die Fortschckttspartei ist überall für die berechtigten Ansprüche des Staates gegenüber der Kirche voll und ganz eingetreten und hat den Enltusmiuister Falk, welcher die damalige Richtung der Staatsregierung vertrat, lnit aller Krast uuterftützst Führer der Partei im „Eulturkampfe“ ist Virchow, dem auch dieses jetzl allgemein gebränchliche Wort entstammst Der berühmle Prosessor und Gelehrte, dessen Name in der ganzen gebildeten Welt bekannt und gefeiert, gehöck zu den Begründern der Fortschrittspartei und zu ihren stolzesten Zierden; ein Bahnbrecher auch in der Wissenschaft, ist er für die geistige und sittliche Besreinug des Volkes nicht miuder thästg, als für die politische.

Der Reichstag eröffuete am 5. Februar 1874 seine zweite Legislaturperiode unter scheinbar günstigeren Anzeichen für die Liberaler, welche znfammen fünf Stimmen über die absolute Mehrheit hatteu. Er begann mit der Berathung des Reichs- militärgesetzes, dessen erster Paragraph den brennenden Pnnkt langer Zwistigkeiten zwischen Regierung und Volksvertretung bezeichnete. Wiederum ward dauernde Feststellung der Friedeuspräsenzstäcke des Heeres durch das Gesetz verlangt, während die Liberalen, nach dem Mnster aller übrigen Veckassungsstaaten , aus der budget- mäßiger Bewilligung von jeher bestaudeu. Noch im constituirenden Reichstage von 1887 hatteu die uationalliberalen Führer, vor Allen Forckenbeck, Lasker und Twesten, nuumwuuder ansgesprochen , daß hier die Frage znr Entscheidung stehe, ob fürder die coustitutiouelle Staatsform in Deutschlaud aufrecht erhalten oder der Absolusts- mus wiederhergestellt werden.solle. Man hatte damals aber den Anstrag vermieden und einer vorübergehenden Zustaud geschassen, der noch für die ersten drei Jahre nach Gründung des dentschen Reiches verlängert wurde.

Jetzt schiert ein feereres Ausweicheu uumöglich, und in der vorbereitenden Commission deren Vorsitzender von Bennigsen, deren bedeutendstes, seiner militärwissenschaftlichen Kenntnisse wegen selbst von den eckten Fachautoritäteu bewundertes Mitglied Eugen Richter war, stck der bestrittene Paragraph, während im Uebrigen Annahme des Gesetzes beantragt wurde. Uuter dem Feldgeschrei, es gelte die Wehrlosmachung des deutschen Reiches zu verhüteu, wurde das Volk ausgeboteu und ein Sturm eutsesselt, vor dem die meisten der liberaler Abgeordneten zurückwicher. Ein nener Ansgleich auf fieben Jahre, das fogenannte „Septennat“, kam mit dem Gefetze zu Stande. Er brachte die Nationalliberalen der Fockschcktts- packei fernere sie selbst aber verlor els Mitglieder, welche det. [528] ----^ ^ ----------

zu Tage gekommenen Meinungsverschiedenheiten wegen austraten. Dieser Erfolg der Regierung und die Art, wie sie ihn erreicht, wurde verhäugnißvoll Zwar suchte sich Bismarck zu Ansang des Winters in vertraulicheu Gesprächeu mit angesehenen Abgeordneten der Fortschckttspartei wieder zu nähern, als aber anläßlich der Verhastung des Reichstagsabgeordneten Majunke der Reichstag aus Antrag Hoverbeck's dafür Sorge zu tragen beschloß, daß ohne seine Genehmigung während der Sitzungsperiode kein Abgeordneter verhastet werde, reichte Bismarck seine Entlassung ein. Er zog sie zwar schleunigst wieder zurück, aber der Vorgang halle alls die Nationalliberalen einen so tiesen Eindruck gemacht, daß sie den gelegentlich wiederkehrenden Rück- trills-Androhungen des Reichskanzlers gegenüber

zu bergleichsweiser Bei- legmlg von Strellpmckten immer geneigter sich er- wiesen.

Mit dem Compromiß im Militärgesetz hatte der Reichstag drei Jahre zu- vor begounen; mit dem Compromiß über die In- stizgesetze schloß er. Die deutsche Fortschrillspartei halle sich diesen Abmach- ungen aus das Entschie- denste widersetzt und recht- seckigte sich in ihrem Wahl- ausrase vom ...8. Deeember

18l8 vor allem Volle. Im Wahlkamps selbst

ward sie von sämmtlichen Parteien aus das Hestigste angegristen und galt schon für vernichtet, als am 19. Ianaar nur 15 Mit- glieder endgüllig gewählt waren, siegte aber bei den Stichwahlen achtzehnmal und gewann so die alte Stärke wieder, während die Nakionalliberalen einen beträchtlichen Verlust er- mten. Die Fockschrills- partei verhielt sich wäh- rend der nächsten Zeit vorwiegend abwackend und bemühte sich, gewisse im Abgeordnetenhause und Reichstage immer denk- licher helwockretende Pläne des Fürsten Bismarck zu enthüllen und schon ill den ersten sichtbaren An- sängen zu bekämpsen, chäh- rend die Nationalliberalen noch vertrauensselig genag waren, an ein liberales Regiment unter dem Für- sten Bismarck zu glauben-

Nach dem Hödel'schen Allentat und der Ablehnung des Seriellsten- gesetzes wllrde der Reichstag geschlossen, und als der zweite stuch- würdige Mordversuch aus den greisen Herrscher das ganze deutsche Voll in schmerzliche Ansregung und tiese Trauer versetzt, am 18. Iuni 18^8 ansgelöst. Jetzt schien der Angenblick gekommen, die National- liberalen. „an die Wand zu drücken“ und eine großem dem Reichskanzler nnbediugt ergebene Packei zu schaffen. Schon zwei Jahre vorher hallen die Conservativen die „Vereinigung der Steuer- und Wirth- schaftsresormer“ in's Leben gerusem bei der sich auch die srüheren „Krenzzeitungsdeelaranten“ zahlreich betheiligten. Sie hatten ihre Furcht vor dem Vismarck'schen Liberalismus . überwunden und

Angarin an^ dem ^.lanal.

Nach den ,,Oesterreichisch-Uugarischeu Nationaltrachten“ (R. Lechner's Verlag, Wien) alls Holz übertrugen.

drängten sich znr Unterstützung des srüher so grimmig Besehdeten und mit seiner Hülse wieder in die Parlamente. Bei dem letzten Reichstage hat der Reichskanzler seine wickhschaftlichen, in der Ver- mehrung der Stenern und Zölle gipselnden Projecte durchgesetzt; sein srüherer treuer Mitarbeiter Delbrück, der sich um die Ansänge des Deutschen Reiches nnsterbliche Verdienste erworben , chat nn- millelbar vom Regierungstische aus Platz auf den Bänken der parlamentarischen Opposition genommen. Für andere mit der be- absichtigten Volksbeglückung und Unteckmtzung des „armen Mannes“ znsammenhängende Versuche hat sich eine Mehrheit noch nicht gesnnden.

Die Fockschrittspackei, welche von ihrem alten Standpunkt und Pro- gramm aus dieseu Neue^ rungen aus das Hack- näckigste eutgegen getreten, hat den erbillerten Haß des uuerbimicheu Macht- habers sich zugezogen, der sie überall und mit allen Wasten bekämpst und im- mer nene, zum Theil recht absonderliche Bnn- desgenossen stndet. Im letzten Reichstage zählte sie ...8 Mitglieder, darunter viele allbekannte Männer mit klangvollen Namen: Schulze-Delitzsch, der Begründer der Genossen- schallen, ein wahrer Frennd

und Wohltäter des Volks,

für das er Großes und Danerndes geschossen, Klotz, ein allpreusstscher Richter von echtem Schrot und Korm Moritz Wig-

gers, der bewährte Käm- pser und Dnlder, dem das mecklenbnrgische Zucht- haus die kindliche Osten- hell und Liebenswürdig- keit nicht zu verbittern ver- macht, von Sancken- Tarpntschen, der Lan- desdireetor der Provinz Prenßen, kein Innker, son- dern ein wahrer Edelmann vom Scheitel bis znr

Sohle, Albert Trae-

g e r , der gemütvolle Dich- ter, bekannte Verteidiger und hinreißende Volks- redner, und Ludwig Loewe, ein selbstgemach- ter Mann, der, seit seinem sünsnndzwanzigsten Jahr Stadtverordneter von Ber- lin, in der Reichshallpt- stadt unbegrenzter Beliebt- hell und Volkstümlichkeit sich erfreut, und desseu schlagseckige Schärse nicht minder groß, wle die Verbindlichkeit seines Wesens. Rastlos sind diese Männer und ihre Freunde tätig im Dienste ihrer Packei, der an Organisation und Agitallon keine andere gleichkommt. Eckt vor Kurzem eroberte sie bei Nachwahlen vier Sitze, die sie noch nie- mals innegehabt, wie im Sturme. Eigeuuützige Bestrebungen zu verfolgen, gewähck sie ihren Anhängern keinen Ranm, wohl aber verlangt sie von ihnen uubediugte Hingebung und Opferfreudigkeit. Mag man darum ihre Ausichteu und Bestrebungen,, teilen oder bekämpsen, diejenige Anerkennung wird man den Männern der Fort- schckttspartei nicht versagen dücken, welche Ueberzengungstrene und Beständigkeit von jedem Billigdenkenden zu sordern berechtigt sind.