„Der Städte Blume und des Reiches Stolz“

Textdaten
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Autor: Theodor Winkler
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Titel: „Der Städte Blume und des Reiches Stolz“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 474–478
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[474]
„Der Städte Blume und des Reiches Stolz.“
Eine Plauderei von der Stätte des bevorstehenden Turnfestes.[1]

Was er wohl sagen würde, wenn er heute wiederkehrte in die Stadt seiner Väter, der große Goethe – in die Stadt, die man „der Städte Blume und des Reiches Stolz“ genannt hat? Er, der einst voll Enthusiasmus die schmucklose Stadt an der Pleiße zum „Klein-Paris“ erhob, sie über alles lobte und ihr damit ein Ehrenmal aufdrückte für alle Zeiten – er hatte kein ähnliches Wort der Auszeichnung für die Stadt, die ihn geboren. Man erzählt sich darüber Mancherlei. Er soll in der That nicht gut auf Frankfurt zu sprechen gewesen sein, der stolze Olympier, seit er in Weimar eine zweite Heimath gefunden hatte. Es soll ihn Etwas dort verdrossen haben, und was dem Frankfurter von damals als das höchste Kleinod galt, sein freireichsstädtisches Bürgerrecht, das soll er nicht respectirt, ja sogar im Unmuth zurückgegeben haben.

Doch das sind alte, vergessene Geschichten. Im Grunde hatte er die altehrwürdige Stadt, in der er geboren und erzogen war und von der er so viel zu erzählen wußte, doch herzlich lieb, und käme er heute wieder, sicherlich, er würde ohne jeglichen Groll – doch, was sage ich! Zu allererst würde er ein „Ah!“ der Bewunderung ebenso wenig unterdrücken können, wie jeder andere Sterbliche, der die alte Reichs- und Krönungsstadt längere Zeit nicht gesehen. Staunen würde er, wenn er die breiten, schönen Straßen erblickte, durch die ein ewig reger Strom des Verkehrs bequem dahinfluthet, wenn er vor die vielen Prachtbauten träte, die im Laufe der Jahre emporgewachsen sind, wenn er sähe, wie die Stadt nach allen Richtungen hin sich ausgedehnt hat, wie die umliegenden Ortschaften im Westen und Nordosten zu Vorstädten herangewachsen sind, und ihm das Ganze als ein Gemeinwesen vor Augen träte, das mit seinen mehr denn 125,000 Einwohnern immer mehr der Großstadt zusteuert.

Gerade in der Umgebung seines Geburtshauses würde sich der Altmeister am schwersten zurechtfinden: dort, wo man den engen Mauerbann des ehemaligen Frankfurt durchbrochen, die alten Häuser großentheils ganz hinweggeräumt hat, wo um den jetzigen Kaiserplatz herum ein völlig neues Stadtviertel im großartigsten Stil emporgewachsen ist, wo Palast an Palast sich reiht und die nahen Bahnhöfe – die nun auch bald zu einem großen Centralgebäude vereinigt werden – tagtäglich mit einem bunten Gemisch von Reisenden aus aller Herren Ländern die Straßen beleben. Und weiterhin: der frische, grüne Kranz der Promenaden, der sich im weiten Bogen um die Stadt zieht, geziert mit stattlichen Monumenten, umsäumt von herrschaftlichen Villen mit den prachtvollsten Gartenanlagen, und mitten darin die jüngste grandiose Schöpfung bürgerlichen Gemeinsinns, das neue große, schöne Opernhaus!

Unwillkürlich würde er sich umsehen, der gute Vater Goethe, was denn eigentlich geblieben von seinem Frankfurt, dem alten Frankfurt, und er würde nur Weniges noch finden. Dort, über die Dächer ragend, wie ein Denkmal für die Ewigkeit, steht noch [475] der Dom mit seiner mächtigen Kuppel – aber auch er ist nicht mehr ganz der alte, auch ihm hat die Gegenwart eine neue Krone aufgesetzt; dann dort der romantische Eschenheimer Thurm, dieser Rest mittelalterlicher Baukunst mit seiner dichten Epheu-Umrankung; hier und da im Innersten der Stadt noch eine Gasse, die ihren alten Charakter gewahrt, und einzelne Häuser, die aus Pietät unberührt geblieben – im Ganzen aber hat Frankfurt ein durchaus neues Gewand angezogen, und wenige Städte dürfte es geben, die in den letzten Jahrzehnten so eifrig und gründlich, wie diese, an ihrer Verschönerung gearbeitet haben.

Und doch ist die Stadt in ihrem eigentlichen Wesen sich treu geblieben. Vor 370 Jahren war es, da besang der edle Ritter Ulrich von Hutten Frankfurt wie folgt (wir geben seine Worte in D. F. Strauß’ Uebersetzung des lateinischen Originals):

„Wohl ja kennst du die Stadt, vorlängst in den Kriegen der Franken
     Ward sie erbauet und heißt nach den Erbauern noch jetzt.
Sie durchschneidet der Main, der unter der Brücke dahinfließt,
     Und nicht ferne des Rheins mächtigem Strome sich eint.
Hoch aufragen die Mauern, es prangen die stolzen Gebäude,
     Stolz auch ist auf den Ruhm ihrer Bewohner die Stadt …
Weither suchen die Völker sie auf und wandern die Menschen,
     Denn für die Waaren der Welt ist sie der wimmelnde Markt.“ –

Das trifft Alles heute noch zu; nur daß aus der einen Brücke, welche ehedem den Zugang zum jenseitigen Main-Ufer vermittelte, im Laufe der Jahrhunderte nicht weniger denn fünf geworden sind – ein laut sprechendes Zeugniß für den Aufschwung, den die Stadt mittlerweile genommen hat. Heute wie ehedem bildet ihre überaus günstige Lage und ihr gesundes, mildes Klima die Basis ihrer Reize; alles Uebrige kann nur als Pflanzung auf diesem von der Natur verliehenen fruchtbaren Boden bezeichnet werden. Wie vor Zeiten erscheint Frankfurt auch heute noch einer Fürstin ähnlich, umgeben von ihren diensteifrigen Trabanten: die Wetterau ist ihr Speicher, der Rheingau ihr Keller, die Gerau ihre Küche; aber mehr denn je ist Frankfurt heute ein kosmopolitischer Centralpunkt für den internationalen Verkehr. Die großartigen Etablissements, wie der zoologische und der in seiner Art wahrhaft einzige Palmen-Garten, dazu das seiner Vollendung nahe Sechs-Millionen-Theater, sie mögen zunächst für Frankfurt selbst geschaffen sein; ihr gedeihliches Fortbestehen aber gründet sich zu einem guten Theile auf das beständig im größten Maße hier ab und zu strömende Fremdenpublicum; denn Frankfurt repräsentirt eine der dichtesten Eisenbahnverknotungen des ganzen deutschen Reiches, den Brennpunkt vieler der frequentesten Verkehrswege nach und von dem Auslande.

Aber all der Glanz, mit dem sich Frankfurt umgeben hat, er wäre doch nur eine werthlose Schale, wenn ihm nicht zugleich ein Lebenskern inne wohnte, der mit dieser strahlenden Außenseite harmonirte. Ich habe noch Niemand Einspruch erheben hören gegen die Behauptung, die man häufig und gerade von vielgereisten Leuten vernimmt, daß sich an wenigen Plätzen so angenehm leben lasse wie in Frankfurt. Dieses Urtheil stützt sich nicht nur auf den äußeren Comfort, es stützt sich vor Allem auch auf die eigenthümliche Art des Verkehrs, die etwas biderb Gemüthliches hat und die Leichtlebigkeit des Rheinländers mit einem tüchtigen Zusatz von Intelligenz und Bildung verbindet. Der augenfällige Wetteifer des gesammten Gemeinwesens, der Behörden, Vereine und Privaten, um die fort und fort im Wachsthum begriffene Stadt auch äußerlich und innerlich auf der Höhe der Zeit zu halten, kommt natürlich dazu. Wer von Frankfurt sprechen hört, verbindet damit unwillkürlich die Vorstellung riesiger Geldsäcke und nicht mit Unrecht. Es ist viel, viel Geld in Frankfurt, wenn es auch andererseits nicht an Armen mangelt. Aber dieser Reichthum liegt nicht brach unter Schloß und Riegel, er kommt der Stadt, die ihn birgt, wirklich zu Gute. Was Frankfurt zu leisten vermag, das hat es oft und in eclatanter Weise erst neuerdings wieder gezeigt. Namentlich zu künstlerischen und zu wohlthätigen Zwecken hat es immer Geld. Für ersteres zeugt das mehrerwähnte neue Opernhaus, für letzteres spricht das Ergebniß bei jeder Sammlung zu milden Zwecken, zuletzt wieder bei der Collecte für die Nothleidenden in Schlesien. Dazu kommen eine lange Reihe wohlthätiger Anstalten in der Stadt selbst, und Privatsammlungen über Privatsammlungen, wovon in weitere Kreise keine Kunde dringt. Ja, es ist kein leeres Compliment: die Stadt der Millionen ist zugleich die Stadt des Wohlthuns; schade nur, daß die großen Summen, welche hier jahrein jahraus dem Drachen des Elends in den Rachen geworfen werden, das Ungeheuer doch nicht zu tödten vermögen.

Während im Sommer die Reize der Natur den Aufenthalt in Frankfurt würzen, vereinigen sich während des Winters Kunst, Wissenschaft und geselliges Leben, um ein wahres Füllhorn über die Unterhaltung suchende Bewohnerschaft auszuschütten. Da sind die Theater, da winken die Concertsäle, da reiht sich ein öffentlicher Vortrag an den anderen, Soirée an Soirée, sodaß man Wohl in Verlegenheit geräth, wohin man seine Schritte lenken soll. Bei dieser Pflege der Geselligkeit macht sich aber besonders ein Moment bemerklich, das von unschätzbarem Werthe ist. Man muß Plätze wie München, Köln, Mainz und andere kennen, um so recht tiefinnerlich den einen Vorzug Frankfurts würdigen zu können, daß hier, obwohl sämmtliche Confessionen, von der strenggläubigsten bis zur freisinnigsten, neben einander wohnen, doch keine Spur jenes ebenso häßlichen als gehässigen Fanatismus zu finden ist, der das Leben in anderen Städten vergällt; vielmehr herrscht in dieser Beziehung eine wahrhaft musterhafte Eintracht. Glaube Jeder was er will, sei er in diesem seinem Glauben so selig wie möglich, aber behellige er Andere nicht damit! Das ist hier die allgemeine Parole.

Im politischen Glaubensbekenntniß hat freilich nicht immer die gleiche Toleranz gewaltet. Es gab eine Zeit, in welcher es für den Nichteingeborenen schwer war, in Frankfurt Boden zu fassen und Fühlung zu gewinnen, eine Zeit, in welcher jeder Fremde wie ein Eindringling betrachtet wurde, der das gute Einvernehmen der Einen großen Familie, Frankfurt genannt, zu stören drohe; wo einem Zugereisten, mochte er auch Jahrzehnte lang bei musterhafter Aufführung das Gastrecht genossen haben, kein Bürgerrecht zugestanden wurde, es sei denn, daß eine Eingeborene durch Verheirathung mit ihm gewissermaßen Bürgschaft für ihn leistete. Und dann kam eine Zeit, die man heute nur ungern berührt, eine Zeit, in der das gewaltsame Zerreißen dieser altväterischen, durch die Tradition festgeknüpften Bande Jung und Alt mit Erbitterung erfüllte, in der man den Namen Preußen nur nennen durfte, um einen Ausbruch des Abscheus zu erleben. Auch diese Zeit ist vorüber, und die überstandene Krisis ist entschieden zum Guten ausgeschlagen.

Das moderne Frankfurt hat seine Thore weit geöffnet, ein Jeder kann unbeanstandet seinen Einzug halten und, wenn’s ihm gefällt, sich niederlassen. Und wer umgänglicher Natur ist, der fühlt sich bald heimisch unter dieser Bürgerschaft, die sich längst nicht mehr auf verschimmelte Rechtstitel steift, sondern dem frischen fröhlichen Fortschritt huldigt und, wo es gilt, das Herz auf dem rechten Flecke hat, nicht nur für die Interessen ihrer vier Pfähle, sondern für das ganze Vaterland, ja, wo’s erforderlich, für die ganze weite Welt.

Hat aber auch die alte ehemals freie Reichs- und Krönungsstadt am Main mit den Jahren manche Wandlung erfahren, an einem Punkte hat die Zeit nichts zu ändern vermocht: das ist die glühende Liebe des Frankfurters zu seiner Vaterstadt. Man wird vielleicht einwerfen, ein jeder Deutsche liebe den Ort, wo seine Wiege gestanden. Gewiß! Aber doch nicht Jeder, wie der echte Frankfurter.

Um dem freundlichen Leser davon einen Begriff zu geben, und um gleichzeitig ein Pröbchen der heimischen Mundart vorzuführen, mag Frankfurts gefeiertster Localdichter Friedrich Stoltze – selbst ein urwüchsiges Stück Alt-Frankfurt – hier das Wort nehmen und uns sagen, wie er – und mit ihm jeder echte Frankfurter – von seiner Vaterstadt denkt:

„Un dhät des Glick, Gott wääß wie weit,
Bis nach Dripsdrill mich stumbe,[2]
Wo die berihmt Babbiermihl leiht,[3]
Die Dhaler mecht aus Lumpe;
Un käm ich iwwer Buxtehud
Bis zu de Hottendotte,
Un hätt merr dort ihr Herz und Schnud[4]
Die Kronprinzeß gebotte;[5]
Und säß ich in der Schlaraffei,
Wo’s Wei und Bratwerscht regent,
Kää Paff is un kää Bollezei –
Gewiß e glicklich Gegend!
Un wär’ ich bis am End der Welt
Un noch e bissi driwwer,
Wo’m liewe Gott sei Postkutsch hält
For’s selige Eniwer;[6]

[478]

Ja, säß ich selbst im Himmel drei,
Wo se den Nektar schenke:
Bei jedem Troppe Aeppelwei
Mißt ich an Frankfort denke!
Wer könnt aach je sei Vatterstätt,
Sei Frankfort je vergesse,
Un wenn er Gott zum Schwager hätt
Un pure Gold zu fresse?
Ja, Frankfort! wo is da e Wahl
Trotz de Erunnerhunzer?[7]
Wo fihrt e Määbrick[8] noch emal
In’s Paradeis, wie unser?
O Frankfort! wo aäm des Geschick
Aach immer hingetriwwe,
Mit goldner Schrift und pathornsdick[9]
Bleibst de in’s Herz geschriwwe.“

So sind die Frankfurter, und so waren sie alle Zeit. Wer die Stadt kennt, wird diese Anhänglichkeit begreifen. Auch Fremde, wie ich schon oben erwähnte, fühlen sich von ihr meist mächtig angezogen. Was Wunder, daß die Stadt der Gärten und der Millionen, die Stadt der glanzvollen historischen Vergangenheit und der mächtigen Entfaltung in der Gegenwart zugleich die Stadt der Congresse ist! Sie eignet sich dazu wie wenige.

Auch jetzt wieder rüstet sich Frankfurt zu einem großen nationalen Stelldichein. Viel tausend frisch-fromm-fröhlich-freie Herzen schlagen ihm erwartungsvoll entgegen, und in wenigen Tagen wird die Stadt in festlichem Schmucke prangen. Möge sich jeder Festtheilnehmer dort so wohl aufgenommen finden, daß er mit vollem Herzen einstimmen kann, wenn man Frankfurt preist als „der Städte Blume und des Reiches Stolz“!

Theodor Winkler.


  1. Vergl. dazu die Notiz: „Unsere Abbildung von Frankfurt am Main“ unter „Blätter und Blüthen“.
  2. stoßen.
  3. liegt.
  4. Mund.
  5. dargeboten.
  6. Hinüber.
  7. Herunterhunzer, Tadler.
  8. Mainbrücke.
  9. pfarrthurmsdick.