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ja die Wirklichkeit des religiösen Erlebnisses ist weder an der Überschwenglichkeit des Gefühls noch an sichtbaren Großthaten zu messen, sondern an der Freude und an dem Frieden, die über die Seele ausgegossen sind, welche zu sprechen vermag: „Mein Vater.“[WS 1]

Welchen Umfang hat Jesus diesem Gedanken von der väterlichen Vorsehung Gottes gegeben? Hier tritt der dritte Spruch ein: „Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Doch fällt derselben keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählet.“[WS 2] Soweit sich die Furcht, ja soweit sich das Leben erstreckt – das Leben bis in seine letzten kleinen Äußerungen im Naturlauf – soweit soll sich die Zuversicht erstrecken: Gott sitzt im Regimente. Die Sprüche von den Sperlingen und von den Blumen des Feldes hat Er seinen Jüngern zugerufen, um ihnen die Furcht vor dem Übel und das Furchtbare des Todes zu benehmen; sie werden es lernen, die Hand des lebendigen Gottes überall im Leben und auch im Tode zu erkennen.

Endlich – und dies Wort wird uns nun nicht mehr überraschen – er hat das Höchste in Bezug auf den Wert des Menschen gesagt, indem er gesprochen: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“[WS 3] Wer zu dem Wesen, das Himmel und Erde regiert, mein Vater sagen darf, der ist damit über Himmel und Erde erhoben und hat selbst einen Wert, der höher ist als das Gefüge der Welt. Aber diese herrliche Zusage ist in den Ernst einer Ermahnung eingekleidet. Gabe und Aufgabe in Einem. Wie anders lehrten darüber die Griechen. Gewiß, das hohe Lied des Geistes hat schon Plato gesungen, ihn von der gesamten Welt der Erscheinung unterschieden und seinen ewigen Ursprung behauptet. Aber er meinte den erkennenden Geist, stellte ihn der stumpfen und blinden Materie gegenüber, und seine Botschaft galt den Wissenden. Jesus Christus ruft jeder armen Seele, Er ruft Allen, die Menschenantlitz tragen, zu: Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes und nicht nur besser als viele Sperlinge, sondern wertvoller als die ganze Welt. Ich habe jüngst das Wort gelesen, der Wert des wahrhaft großen Mannes bestehe darin, daß er den Wert der ganzen Menschheit steigere. In der That, das ist die höchste Bedeutung großer Männer, sie haben den Wert der Menschheit – jener Menschheit, die aus dem dumpfen Grunde der Natur aufgestiegen ist – gesteigert,

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mt 26,39.42.
  2. Mt 10,29.
  3. Mt 16,26.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 043. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/047&oldid=- (Version vom 30.6.2018)